Der Lebenskampf in der Prosa-Edda

Friedrich Wilhelm Heine, „Die Esche Yggdrasil“, 1886

Von Guillaume Durocher, übersetzt von Lucifex. Das Original The Struggle for Life in the Prose Edda erschien am 29. März 2018 auf Counter-Currents Publishing. (Die Seitenverweise beziehen sich auf das im Originalartikel genannte Buch „The Prose Edda Translated by Jesse L. Byock“, London: Penguin, 2005; die altnordische Originalfassung von „Das Vieh stirbt…“ am Schluß wurde vom Übersetzer hinzugefügt.)

Die ältesten religiösen Texte sind immer von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Der Großteil davon wurde nach und nach durch mündliche Traditionen entwickelt, weitergegeben und dann von Generation zu Generation entwickelt. Wir wissen typischerweise wenig oder nichts über ihre Autoren, ob es nun die Brahmanen sind, die die Upanishaden verfaßten, oder der notorisch schwer faßbare „Homer“. Während diese Texte zweifellos die aristokratischen und/oder Priesterklassen widerspiegeln, die sie konsumierten, verzeichnen sie vor allem die spirituelle Geschichte eines Volkes und drücken sie aus. Diese Geschichten sind das, was ihre ganze Geschichte hindurch Widerhall bei ihnen fand und sie dazu inspirierte, sie für ihre Nachkommen zu bewahren. Die Werte und die Psychologie eines Volkes werden über die Generationen hinweg auf ihre heiligen Mythen und höchsten Gottheiten projiziert. Der Tanach, der Rig-Veda und die homerischen Epen sind alle von den Werten bronzezeitlicher Völker durchtränkt, die sich gewaltsam im Überlebenskampf behaupteten.

Die germanische Mythologie hat das Schicksal, vergleichsweise unbekannt zu bleiben. Die germanischen Stämme und die Nordmänner schufen keine Fülle geschriebener Texte, die ihre religiösen Überzeugungen aufzeichneten. Unsere ausführlichsten Quellen, die beiden Eddur (Einzahl: Edda), existieren, weil die frisch christianisierten Isländer des dreizehnten Jahrhunderts beschlossen, ihre alten heidnischen Gedichte und Geschichten zu bewahren. Es ist eine gute Sache, daß das Kopieren alter Texte ein beliebter isländischer Zeitvertreib war! (Zweifellos ein Produkt des stereotypischen nordischen Fleißes und des Mangels an alternativen Tätigkeiten auf der Insel.) Die Eddur, die im dreizehnten Jahrhundert geschrieben wurden, widerspiegeln mündliche Traditionen, die auf das neunte bis zwölfte Jahrhundert zurückgehen.

Die Eddur drücken das Ethos der mittelalterlichen Nordmänner als konkurrenzorientiertes, dynamisches und kriegerisches Volk aus, eines Volkes, das in einem wahrhaft unwirtlichen, weit nördlichen Klima als sparsame Bauern, seefahrende Händler und Forscher und als Banditen und Eroberer lebte. Zu den Leistungen der Wikinger zählen die Entdeckung Amerikas, die Kolonisierung Islands, die Eroberung der Normandie und Siziliens und möglicherweise die Gründung des ersten russischen Staates (Kiewer Rus). Die sogenannte Lieder-Edda bewahrt, wie der Name andeutet, verschiedene Gedichte, am bekanntesten das Hávamal, oder des Hohen Lied, eine Zusammenstellung weiser Sprichwörter. Die Prosa-Edda von Snorri Sturluson erzählt die Geschichten in einem geradlinigeren Stil und kommentiert oft die Gedichte.

Die Welt der Wikinger war eine der Krieger und Forscher, die nach Macht und Weisheit strebten. Von jungen Männern wird erwartet, daß sie Risiken eingehen, reisen und darum kämpfen, sich in der Welt zu etablieren:

Junge Männer, die noch keinen Hof in Besitz genommen haben, werden drengir genannt, während sie ihre Ressourcen und ihren Ruf aufbauen. Wenn sie von Land zu Land reisen, werden sie fardrengir [fahrende Burschen] genannt. Wenn sie Königen dienen, werden die des Königs drengir genannt, und dieselbe Bezeichnung wird für Männer verwendet, die Magnaten und Grundbesitzern dienen, und für Männer, die ehrgeizig und männlich sind. (S. 118)

Dies ist eine Welt, in der „man sich in Gefahr begeben muß, um berühmt zu werden“ (Gylfaginning, 34). Das Königreich eines kinderlosen Mannes war wie ein flugunfähiger, federloser Habicht, „verkrüppelt“ und ohne eine Zukunft (Skaldskaparmal, 7).

Krieger haben einen zentralen Platz in der nordischen Dichtung und Mythologie. Odin ist „der höchste und älteste der Götter… alle dienen ihm wie Kinder ihrem Vater. … Er wird Vater der Erschlagenen genannt, denn alle, die im Kampf fallen, sind seine Adoptivsöhne.“ (Gylfaginning, 20). Die Schlacht heißt „der Wind, Tumult und Lärm der Waffen und der Schilde, und von Odin und den Walküren und von einmarschierenden Königen (115). Diejenigen, die im Kampf fallen, fahren mit der Hilfe der Kriegsjungfrauen, der Walküren, nach Walhalla auf, einer Halle, die von glänzenden Schwertern erleuchtet ist. Dann schmausen und kämpfen sie täglich bis zum Ende der Welt.

Das Leben nimmt in der nordischen Mythologie im buchstäblichsten Sinne einen zentralen Platz ein. Die Erde selbst ist wie ein Lebewesen und nährt alles Leben:

Die Erde und die Tiere und Vögel waren einander in mancher Weise ähnlich, auch wenn ihre Naturen nicht gleich waren. Eine der Eigenschaften der Erde ist es, daß, wenn man in die hohen Berge gräbt, Wasser entspringt, und selbst in tiefen Tälern ist es nicht nötig, tiefer nach Wasser zu graben. Dasselbe trifft auf Tiere und Vögel zu, deren Blut am Kopf und an den Füßen gleichermaßen nahe der Oberfläche ist… Menschen denken an Felsen und Steine als etwas den Zähnen und Knochen lebender Wesen Vergleichbares. Somit verstehen sie, daß die Erde lebendig ist und ein eigenes Leben hat. Sie wissen auch, daß die Erde wundersam alt an Jahren und in ihrer eigenen Art mächtig ist. Sie gebärt alle Lebewesen und beansprucht Besitz auf alles, das stirbt. Aus diesem Grund gaben sie ihr einen Namen und führten ihren Ursprung auf sie zurück. (Prolog, 1)

Das Feuer, aldnari, ist gleichzeitig ein Nährer des Lebens und eine zerstörerische Kraft (147).

Die verschiedenen Welten werden von der heiligen Esche Yggdrasil zusammengehalten, die „der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt“ ist, wo „die Götter täglich Gericht halten.“ (Gylfaginning, 15). Yggdrasil trägt den Kosmos nicht ohne Schwierigkeit. Im Gegenteil:

Die Esche Yggdrasil
duldet Unbill
mehr als Menschen wissen.
Der Hirsch weidet oben,
hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhöggr.
(Grimnismal, 35)

Nidhöggr, was „der hasserfüllt Schlagende“ bedeutet, ist eine bösartige Schlange, die ewig an den Wurzeln des Weltenbaums nagt. Die Welt, die vom Leben abhängt, ist also gleichzeitig vor Leben sprühend und verwundbar.

Die nordischen Götter verkörpern verschiedene Ideale und psychologische Eigenschaften. Odin ist weise, listig und gefährlich. Einem Menschen, der Odin besucht, wird gesagt, er solle weiser werden, oder er würde zugrunde gehen (Gylfaginning, 2). Thor ist mächtig und mutig, wenn auch ein wenig einfältig. Es gibt nichts Gutes ohne bewußtes Selbstopfer: Odin gibt ein Auge, um aus dem Brunnen der Weisheit zu trinken. Der noble Gott Týr muß eine Hand aufgeben, um den Fenriswolf zu überlisten und diese Bestie zu fesseln.

Weibliche Gottheiten sind präsent, aber weniger hervorstechend. Dennoch beharrt die Edda darauf: „Die Asinnen sind nicht minder heilig [als die Götter] und ihre Macht nicht geringer“ (Gylfaginning, 20). Der Übersetzer merkt an: „In ganz Skandinavien verehrten die Frauen Freyja als die weibliche Gottheit der Liebe und Fruchtbarkeit und als die Göttin des Vergnügens und des Wohlstands des Haushalts“ (xxiii).

Loki ist böse oder doppelbödig; ein Gauner-Gott, der typischerweise nichts Gutes vorhat, aber gelegentlich dazu gebracht wird, mit den Göttern zusammenzuarbeiten. Loki und die Riesin Angrboda zeugten Ungeheuer, worauf „die Götter durch Weissagung erkannten, daß ihnen von diesen Geschwistern Verrat und großes Unheil bevorstehe, indem sie Böses von Mutters -, aber noch Schlimmeres von Vaters wegen von ihnen erwarten zu müssen glaubten“ (Gylfaginning, 34). Bei einer Gelegenheit setzt ein Zwerg Lokis Unfug ein Ende, indem er ihm die Lippen zunäht (Skaldskaparmal, 5).

Die Schicksale der Menschen werden von den Nornen vorherbestimmt. Den Göttern selbst ist bestimmt, in der Ragnarök, dem Schicksal der Götter, in einer fürchterlichen Schlacht gegen Ungeheuer und gegen Loki zugrunde zu gehen. Die Gefallenen in Walhalla werden selbst an diesem Endkampf teilnehmen. In der Ragnarök begleitet der Zusammenbruch der Moral jenen der Welt: „Brüder befehden sich und fällen einander, Geschwisterte sieht man die Sippe brechen. Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch. Axtzeit, Schwertzeit, Schilde klaffen, Windzeit, Wolfzeit, eh die Welt zerstürzt. Der eine achtet den andern nicht mehr.“ Der Übersetzer Jesse Byock merkt an, daß das Wort für „die Sippe brechen“, sifjaslit, auch die Konnotation von Inzest hat (S. 146). Der Weltenbaum wird erschüttert:

Yggdrasil zittert, die Esche, doch steht sie,
Es rauscht der alte Baum, da der Riese frei wird.
(Der Seherin Weissagung, 48)

Vielleicht wird der Weltenbaum diesen Kataklysmus jedoch überleben. Auf jeden Fall wird das Leben überleben: zwei Menschen, passenderweise Leben (Lif) und die sich nach Leben Sehnende (Lifthrasir) genannt, werden danach die Welt wieder bevölkern (Gylfaginning, 53). Die germanischen Götter und ihre Welt sind also nicht unsterblich. Die nordischen Völker waren sich selbst in ihrem Tatendrang und in ihren Eroberungen ihres eigenen Abgangs und der zyklischen Erneuerung der Welt bewußt. Sahen sie das zwanzigste Jahrhundert voraus?

Snorris Edda wird von einer christlichen Erklärung eingeleitet:

Wiederum liebte die Mehrheit der Menschheit wie zuvor, als ihre Zahl gewachsen war und sie die ganze Welt besiedelt hatten, weltliche Begierden und Ambitionen. Sie gaben ihren Gehorsam gegenüber Gott auf, wobei sie so weit gingen daß sie Gott nicht mehr nennen wollten. Wer konnte also ihren Söhnen von Gottes wunderbaren Taten erzählen? Daher verloren sie Gottes Namen, und niemand war in der Welt mehr zu finden, der seinen Schöpfer kannte. (Prolog, 1)

Klingt diese letzte Zeile nicht wahr, ungeachtet dessen, was für eine bestimmte spirituelle Tradition man hat? Leben die Europäer heute nicht wie schlafwandelnde Halbmenschen, weil sie die Kraft, die Naturgesetze vergessen haben, die sie schufen? Die Eddur ermahnen zum Untergang verurteilte Menschen dazu, den Kampf ums Leben zu führen und sich ruhmreich den Göttern im Krieg gegen die Schlange Nidhöggr und Lokis Brut anzuschließen. Diese Worte haben Europäer durch die Zeitalter hindurch inspiriert. William Pierce sollte diese berühmten Zeilen aus dem Hávamal als Glaubensbekenntnis wiederholen:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch eines weiß ich, das immer bleibt:
Das Urteil über den Toten.

Døyr fe;
døyr frendar;
døyr sjølv det same.
Eg veit eitt
som aldri døyr,
dom om daudan kvar.

*   *   *   *   *   *   *   *

Siehe auch:

Das Havamal: des Hohen Lied

Das Wikingererbe am Beispiel Island, Teil 1 und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short
Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek
„Das geborstene Schwert“, Poul Andersons Erstlingsroman, beginnend hier mit „Der Zauber des Nordens: Einleitungen zu Das geborstene Schwert

Homer: Die europäische Bibel, Teil 1, Teil 2 und Teil 3 von Dominique Venner

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Ein Kommentar

  1. Sie wissen auch, daß die Erde wundersam alt an Jahren und in ihrer eigenen Art mächtig ist. Sie gebärt alle Lebewesen und beansprucht Besitz auf alles, das stirbt.

    Ganz ähnliche Gedanken hat auch Peter Rosegger in Auch der andre, der bist du ausgedrückt:

    Was die Erde mir geliehen,
    Fordert sie schon jetzt zurück.
    Naht sich, mir vom Leib zu ziehen
    Sanft entwindend Stück für Stück.

    Um so mehr, als ich gelitten,
    Um so schöner ward die Welt.
    Seltsam, dass, was ich erstritten,
    Sachte aus der Hand mir fällt.

    Um so leichter, als ich werde,
    Um so schwerer trag‘ ich mich.
    Kannst du mich, du feuchte Erde,
    Nicht entbehren? frag‘ ich dich.

    „Nein, ich kann dich nicht entbehren,
    Muss aus dir ein‘ andern bauen,
    Muss aus dir ein‘ andern nähren,
    Soll sich auch die Welt anschauen.

    Doch getröste dich in Ruh‘:
    Auch der andre, der bist du.“

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