Feuerfall (6): Zur Welt der hundert Meere

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 6 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm, (2) Babylon 6, (3) Puffy & Jack, (4) Nesträuber und (5) Nach Thumbnail Gulch.

Kapitel 6:  Z U R   W E L T   D E R   H U N D E R T   M E E R E

Nach sechstägiger Reise erreichten wir Hektalassas Riesenmond Zirdak über die Wurmloch-Nebenroute, die von Kyerak dorthin führt, und flogen mit der Jeannie zum nahen Planeten. Nouris fiel zurück, da sie in einem Parkorbit auf unsere Rückkehr warten sollte. Wir saßen im Aufenthaltsraum beim Frühstück und betrachteten auf dem Konsolenbildschirm die kleinteilig in Land- und Wasserflächen gegliederte junge Welt, deren viele Landschollen noch keine Zeit gehabt hatten, sich zu ersten Kontinenten zusammenzuschieben. Der Beiname „Welt der hundert Meere“, von dem sich ihr Earthin-Name Hektalassa ableitet, mag übertrieben sein oder auch nicht, je nachdem, wie viele der Inselzwischenräume und wassergefüllten Krater man als Meere gelten läßt.

Zur Zeit unserer Ankunft näherte Hektalassa sich gerade dem sonnennächsten Punkt seiner elliptischen Umlaufbahn, den es in zwei Erdenmonaten erreichen würde. Durch die geringe Neigung der Rotationsachse war nun überall Frühling, und der letzte Schnee in den Polargebieten war geschmolzen. Davon würde es selbst im Winter des elf Erdenmonate langen Jahres mit den vom Sonnenabstand bestimmten Jahreszeiten nicht viel geben, bedingt durch die niedrige Topographie und das überall maritime Klima sowie die Wärme, die vom heißen Mantel durch die noch dünne Kruste dringt.

Auch Hektalassa hatte zum Reich der Lwaong gehört, die es vor acht Jahrtausenden erforscht und dabei auf dem Planeten und seinem Mond Plankton, Wasserpflanzen und UV-resistente Landvegetation von der Erde vorgefunden hatten. Als sich herausstellte, daß die Geschichte des Lebens auf diesen Welten nur zwölftausend Jahre zurückreichte, hatten sie auf der Suche nach dem Ursprung jener Lebensformen die Erde entdeckt, jedoch das Mysterium nicht aufklären können. Nach der weiteren Terraformierung Hektalassas hatten die Lwaong auf Inseln in den Meeren der wasserreicheren Hemisphäre gewohnt und auf dem Rest der Welt irdische Lebensformen einschließlich Menschen angesiedelt. Klimabedingt waren das überwiegend Europide, Asiaten und Indianer gewesen, die nach dem Krieg auf ein primitives Zivilisationsniveau zurückgefallen waren und sich zu vielen Ethnien und Kulturen entwickelt hatten. Auf den Inseln der Lwaong, die in Kraterwüsten verwandelt worden waren, hatten die Arrinyi, Xhankh und Shomhumans nun kleine Proto-Kolonien gegründet, aber ansonsten ist der Planet mit Ausnahme der wenigen genehmigten Städte von Earthins, die Talitha erwähnt hatte, noch „wild“.

Nach dem Frühstück gingen wir ins Cockpit. Rechts neben mir saß Talitha, die ich anläßlich ihres fünfunddreißigsten Geburtstags ihr ehemaliges und vielleicht auch wieder zukünftiges Raumschiff steuern ließ. Der Planet war schon sehr nahe, und die Ortung zeigte ein Schiff in einem niedrigen Orbit an, der unsere Anflugbahn schnitt. Talitha ließ es von einer Telekamera erfassen und auf dem großen Frontbildschirm heranzoomen, bis es als gedrungener grauer Kampfzonentransporter mit vier Warpantriebswülsten an den Seiten und ebensovielen Lufteinläufen erkennbar wurde. Der Typ war mir bekannt – er war im Lwaong-Reich von Menschen konstruiert worden. Hier über dieser Welt und bei dieser Flugrichtung war es wahrscheinlich Maxim Kaundas Hokahey. Wenn sie bis kurz vor dem Ziel im Orbit blieb, würde sie eine Weile vor uns am Treffpunkt landen.

Wir aber setzten unseren Flug wie geplant fort, um nicht vor der vereinbarten Zeit dort anzukommen. Über der Nachtseite traten wir in die Atmosphäre ein und glitten im Sinkflug der Morgendämmerung entgegen. Unter uns sahen wir nur wenige Lichter; nur stellenweise gab es größere Lichtansammlungen: die neuen Earthin-Städte, in denen immer etwas los ist, weil ihre Bewohner zeitversetzte Tageszyklen haben. Im Norden schimmerte Upskadaska, im Süden das große Lazaris, links voraus glommen die Lichter von Fiddler’s Green, der ältesten und immer noch gemütlichsten derartigen Stadt auf Hektalassa, und ganz im Südosten war der Schein von Sin City zu sehen. Voraus lag Mist City, das wie seine Schwesterstädte von irdischen Baufirmen mit angelernten einheimischen Arbeitskräften erbaut worden war und an einem Meeresarm liegt.

Wie jeden Morgen war die Stadt von Nebel eingehüllt, dem sie ihren Namen verdankt und der durch die Luftfeuchtigkeit über dem Misty Sound entsteht, dessen Wasser von vielen hydrothermalen Quellen an seinem Grund erwärmt wird. Dieser Dunst kondensiert in jeder Nacht zu Nebel, der die Kaianlagen an der Flußmündung und die Villen auf der Strandseite verbirgt und nur von den höheren Hochhäusern ein wenig überragt wird. Erst im Laufe des Vormittags würde er sich auflösen.

Wir überflogen Mist City und hielten über den Sund hinweg auf eine Lücke zwischen den vorgelagerten Inseln zu, die ihn mit einem größeren Meer verbindet. Dort draußen endete der Nebel, und im Südosten hing etwas wie ein kleiner Saturn über dem Wasser. Das war der innerste Planet dieses Systems, der Superjupiter GJ 3021 b, der in den heimischen Kulturen ähnlich viele Namen hat wie Hektalassa, aber von den ersten Earthin-Siedlern wegen der Gezeitenwirkung, die er mit seiner mehrtausendfachen Erdmasse auf die Meere ausübt, Tideyann genannt worden war. Zwei Wochen zuvor war er auf der Innenbahn vorbeigezogen und ging nun als Morgenstern vor der Sonne auf, ein Drittel so groß wie Luna von der Erde aus, mit Ringen und blassen Wolkenbändern. Von seinen kleinen Monden waren am heller werdenden Himmel nur noch wenige als Lichtpunkte zu sehen. Daß er keinen großen Mond hat, deutet zusammen mit dem geringen Abstand zwischen seinem sonnenfernsten Bahnpunkt und dem sonnennächsten von Hektalassa darauf hin, daß Letzteres ein ehemaliger Großmond des Riesen sein könnte, der durch eine Kollision mit dem zuvor unabhängigen Planeten Zirdak aus seinem Orbit gerissen wurde. Noch höher am Himmel glomm ein rötlicher Punkt, die zweite Sonne dieses Systems, ein weit entfernter roter Zwergstern.

Nach einer guten Viertelstunde kam unser Ziel in Sicht, eine hügelige grüne Insel im Privatbesitz eines hochrangigen Shomhumans. Ein langgestrecktes, futuristisch-asiatisch wirkendes Bauwerk zeichnete sich darauf ab. Mir fiel auf, daß Talitha neben mir nervös war. Ich streichelte ihren Oberarm und sagte: „Keine Sorge, Dominy, es wird schon gutgehen“, aber sie lächelte nur gequält und schaute wieder nach vorn. Im Näherkommen erkannten wir Raumschiffe auf dem Landeplatz vor dem Gebäude: die Hokahey, ein spindelförmiges blaues Beiboot und ein kleines silbrigweißes Diskusschiff mit einer breiten Cockpitkuppel vor der Mitte.

Wir landeten, stiegen aus und gingen über einen Pflasterweg zum Gebäude. Frido und ich schoben Rollwagen mit den Computern der Kremsers, und die Frauen trugen Taschen mit dem Rest des zu übergebenden Materials: Datenträger und kleinere Handgeräte. Da wir bei dieser Begegnung Eindruck machen wollten, hatten wir Männer Kombinationen nach Galciv-Standard angezogen, die sowohl maskulin-schick als auch kampftauglich waren: anthrazitgraue Elastikhosen, Stiefel von ähnlicher Farbe und körperbetonende blaugraue Elastikoberteile mit kurzen Ärmeln und Brustharnischen im Shomhuman-Stil. An Flechtstahlgürteln trugen wir unsere Blaster, ein Reservemagazin und eine Tasche. Talitha hatte sich für ein knielanges dunkelblaues Kleid mit weißen Punkten entschieden, zu dem sie dunkelblaue Pumps trug, und Julani, die wir noch nie in einem Kleid oder Rock gesehen hatten, überraschte uns mit einem schwarzen Ledermini zu einem gleichfarbigen Rollkragenpullover, schwarzen Stiefeln und einem Blazer mit einem schwarzweißen Vichymuster. Sie fröstelte ein wenig in dem frischen Morgenwind, der ihr offenes Haar zauste.

Während wir uns dem Haus näherten, kam von dessen anderer Seite ein Xhankh-Shuttle über das Dach geschwebt und senkte dich direkt davor auf den Rasen. Niemand stieg jedoch aus, bis wir den Eingang erreichten.

Dort empfing uns ein entfernt humanoides Wesen mit ledriger dunkler Haut, das eine rot-weiße Livree trug, unter der nur schwer erkennbar war, aus wie vielen Segmenten seine Gliedmaßen bestanden; es waren jedenfalls mehr als bei einem Menschen. Sein länglicher niedriger Kopf mit den tiefliegenden Augen saß auf dem langen, beweglichen Hals wie ein Hammerkopf auf dem Stiel. Es begrüßte uns in einer Sprache, die nur Julani verstand, und bat uns hinein. Während wir ihm in die Empfangshalle folgten, fiel mir ein, was für eine Spezies das war: die Anviur, die von einer primitiven Welt jenseits des Galciv-Raumes stammen und erst seit einem halben Jahrhundert als Shomhainar rekrutiert wurden. Ihr Status war noch niedrig, weshalb sie häufig als Diener alteingesessener Shomhainar-Spezies verwendet wurden, so wie dieser hier.

In der Empfangshalle, einem hohen Raum, dessen kompliziert gekrümmte Rückwand einen Ausblick auf eine grüne Landschaft vortäuschte, die sich gar nicht auf dieser Insel befand, saß in einem schwebenden Schalensessel ein Mann in einer Art Piloten- oder Kampfmontur, den ich sofort erkannte: Merton Wiener. Als wir eintraten, wandte er sich von der hochgewachsenen, schlanken Blondine ab, die in nichts als einem um die Lenden gewickelten halbtransparenten Tuch vor ihm posierte. Mit einer Andeutung eines schiefen Lächelns um den Mund sah er uns an und sagte: „Ah, die Alpen-Astronauten und ihre Begleitung. Hallo Talitha, lang nicht mehr gesehen. Bitte näherzutreten.“ Er machte eine einladende Geste mit der Gaußpistole, die er in der Hand gehalten hatte und nun wegsteckte, als er aufstand und die Blondine mit einer Bewegung der anderen Hand entließ.

„Schön“, sagte ich doppeldeutig und betrachtete das Schachspiel, das auf einer glasähnlichen Platte vor der Pseudofensterfront aufgebaut war.

„Eine angefangene Partie mit Khrek Hrokhar“, erläuterte Wiener, der meinem Blick gefolgt war. „Die Xhankh lieben das Schachspiel. Khrek ist besonders gut darin.“

„Ah, ich habe mich schon über das Shuttle gewundert. Wer ist Khrek Hrokhar?“

„Der Älteste des Hrokhar-Nestclans. Einer meiner Kontaktleute zu den Xhankh. Er ist gegenwärtig wegen Geschäften hier, die nichts mit Ihrem Besuch zu tun haben. Er hatte sich mit seinen Assistenten zum Essen zurückgezogen, da er meinte, die Eßgewohnheiten der Xhankh wären für Sie zu beunruhigend. Wir setzen das Spiel später fort.“ Er grinste, als er unsere fragenden Blicke sah. „Unsere gepanzerten Freunde ziehen es vor, daß ihre Nahrung sich bis zum Verzehr noch bewegt. Sie haben auf der Nachbarinsel gejagt und kommen herein, wenn sie sich gereinigt haben. Wenn Sie später mit ihm sprechen, denken Sie daran, ihn Lord Khrek zu nennen. Das übersetzen seine Translatoren dann in die richtige Anrede.“ Er winkte dem Anviu und schickte ihn mit ein paar Worten in der fremden Sprache weg.

Daß die Xhankh ihre Nahrungstiere gern erst vor dem Verzehr – oder im Zuge des Verzehrs? – töteten, war eigentlich nicht allzu überraschend. Ich wußte, daß sie von einer Raubtierspezies abstammen und daher immer noch mit Fangarmen ähnlich den Fangbeinen von Gottesanbeterinnen ausgestattet sind, deren Endklauen sie Beutetieren oder Kampfgegnern auch wie die Bugs im Film Starship Troopers in den Körper stoßen können. Ich wußte auch, daß ihr Metabolismus die meisten Biomoleküle irdischer Lebensformen verwerten kann und sie vom Rest weder vergiftet werden noch allergische Reaktionen bekommen. All das ließ zusammen mit Wieners Äußerungen und der kriminellen Natur unserer Gastgeber die nun wirklich beunruhigende Frage in meinem Kopf auftauchen, was genau – oder wen – diese Wesen da draußen gejagt hatten.

Wir hatten gerade etwas Smalltalk in Gang gebracht, als Maxim Kaunda mit seiner Tochter eintraf. Der Mann war ein paar Zentimeter kleiner als ich, etwa so groß wie Wiener, aber kräftiger gebaut als dieser. Er trug einen kurzärmeligen weißen Overall mit Brusttaschen, weiße Sneakers und einen Gürtel aus Golddrahtgeflecht, an dem ein großer Blaster an einer Schnellziehhalterung hing. Er sprach laut und begleitete seine Rede mit Handbewegungen, die ebenso lebhaft waren wie seine Mimik.

Ndoni Kaunda war deutlich hellhäutiger als ihr Vater. Der ärmellose schwarze Catsuit ließ ihren Teint im Kontrast noch heller erscheinen und brachte ihre schlanke Gestalt gut zur Geltung. Ich erkannte sie als die Mulattin wieder, die in dem Video von Winedark unter den Kremsers gelitten hatte. Ihr Gesicht war durchaus ansehnlich und deutete auf Intelligenz, Charisma und eine energische Persönlichkeit hin. Das Haar trug sie in einem Dutt am Hinterkopf, der auf komplizierte Weise aus mehreren Zöpfen zusammengeflochten war. Als ich ihr gegenüberstand, meinte ich in ihren braunen Augen etwas Grün zu erkennen und fragte mich, wie wohl ihre vermutlich weiße Mutter aussah.

Nachdem sie mich begrüßt hatte, ging Ndoni zu Julani weiter, der sie mit einem schwer deutbaren Ausdruck ins Gesicht schaute, als würde sie dort etwas suchen. Sie vergaß darüber sogar, etwas zu sagen, und reagierte mit einem Moment Verzögerung darauf, daß Julani sie ansprach. Wie um eine Verlegenheit zu überspielen, wandte sie sich dann mit keckem Blick an Talitha und sagte: „Hallo Stiefmütterchen! So sieht man sich wieder.“

Ich war verdutzt. „Stiefmütterchen?“

Talitha sah mich verlegen von der Seite an. „Es ist wahr. Max ist mein Ex. Ich war vier Jahre mit ihm zusammen. Er war es, den ich mit György vergessen wollte. In dieser Zeit war ich auch Ndonis Stiefmutter. Wir… hatten es nicht leicht miteinander.“

„Das ist noch untertrieben, Stepdragon“, sagte Ndoni. „Ganz zu schweigen von… du weißt schon. Schade, daß Mr. Flint dich nicht hergibt. Pop hatte dich als Geschenk zu meinem Geburtstag vorgesehen, als meine erste Sklavin. Das wäre ein Spaß geworden!“

„Ein sehr einseitiger Spaß“, erwiderte Talitha etwas lahm.

„Wollen Sie es sich nicht doch noch überlegen?“ fragte Maxim Kaunda. „Ich erhöhe auf hunderttausend.“

„Auch ums Doppelte nicht“, antwortete ich und erntete damit einen dankbaren Seitenblick von Talitha. „Erstens ist sie ein besonderer Genuß, und zweitens ist sie mit ihrem Wissen über die Earthin-Szene zu wertvoll für mich, um sie herzugeben.“

„Nachvollziehbar, aber schade für uns“, brummte Kaunda. „Eigentlich wundert es mich, daß Sie sie so mitgenommen haben, ungefesselt und bekleidet.“

„Ich will sie ja nicht füttern müssen, wenn wir nachher essen, wozu Sie auch sie eingeladen haben. Und außerdem bin ich auf den Werterhalt meines Eigentums bedacht: wenn eine Frau zu verzweifelt und unglücklich in ihrer Existenz ist, dann mindert das ihre Attraktivität, weil sie mit der Zeit verhärmt und bitter aussehen wird. Deshalb will ich sie milde behandeln, solange sie spurt und sich keine Bestrafung einfängt.“

Ndoni nickte dazu. „Bedenkenswert. Vielleicht versuche ich es selbst mit diesem Nachhaltigkeitsprinzip, wenn ich mein eigenes Projekt umsetze.“ Dabei schien sie jedoch ein hintergründiges Lächeln zu verbergen, als ob sie uns durchschaut hätte.

Wiener hatte inzwischen drei tragbare Computer aufgeklappt auf einen Tisch gelegt und aktiviert. „Alles schön und gut“, sagte er, „aber es wäre mir recht, wenn wir zum Geschäft kämen. Mit den Test- und Suchprogrammen auf diesen Rechnern werden wir gemeinsam die mitgebrachten Geräte und Datenträger darauf überprüfen, ob sie aus dem Besitz der Kremsers stammen, damit wir sie Ihnen Stück für Stück abkaufen können.“

Wir begannen mit den Überprüfungen, und kurz darauf hörten wir vom Eingang her seltsam klingende Schritte mehrerer Füße. Wir drehten uns um und sahen drei Xhankh in die Eingangshalle kommen. Es waren die fremdartigsten Aliens, die wir bis dahin persönlich gesehen hatten: zwei Meter hohe Wesen mit olivgrün-braun-grau marmoriertem Exoskelett, waagrechter Körper auf zwei langen Beinen mit je drei Fußklauen, vier schlanke, bewegliche Greifarme mit mehrgliedrigen Scheren zwischen den Mantis-Fangarmen. Auffällig war auch eine gewisse Ähnlichkeit der Vorderkörper mit dem Rumpf ihrer Raumfähre draußen, mit ähnlicher Oberflächenstruktur und derselben geschwungenen Fuge zwischen Ober- und Unterschale, jedoch mit einem länglich ausgezogenen Vorderende mit schmaler Rundung. Sie hatten zwei große längliche Facettenaugenfelder, die vorne beiderseits um das Nasenende herum nach unten ausliefen, sodaß der Xhankh seine Greifer und den Boden vor sich sehen konnte. Den Lufteinläufen des Shuttles entsprachen die Höröffnungen, die jedoch kleiner waren und an den Enden rinnenartiger, nach hinten breiter werdender Mulden lagen, die unter den Augenfeldern begannen. Die Ränder der Höröffnungen waren von metallisch glänzenden Trichtereinsätzen gesäumt, die zu ihren Translatoranlagen gehörten, deren Sprechteile in den vorderen Atemöffnungen befestigt waren. Diese lagen beiderseits eines Bauchwulsts, an dem die Beine ansetzten. Hinter den Beinen ging der Körper in einen segmentierten Hinterleib ähnlich dem eines Insekts über, an dessen Seiten je eine Reihe von Atemauslaßöffnungen zu sehen war. Alle drei waren an der stärkeren Krümmung des Hinterleibs nach unten und dem spitz ausgezogenen, nach vorn unten gebogenen Hinterleibsende, in dem sich der Begattungsstachel verbarg, als männliche Individuen erkennbar.

Die drei Xhankh gingen seitlich versetzt hintereinander und stellten sich nach dem Eintreten nebeneinander auf. Derjenige, der in der Mitte gegangen war und etwas kleinere Fangarme und ein ausgebleicht wirkendes Exoskelett hatte, trat vor, während die anderen beiden hinter ihm zusammenrückten. Alle drei senkten die zusammengeklappten Fangarme in einer Grußgeste, die der menschlichen mit erhobener leerer Hand entsprach.

„Ich grüße die verehrten Gastgeber und Gäste“, sagte der mittlere Xhankh mit tiefer Synthetikstimme, hinter der man schwach seine von Gegenschall unterdrückten originalen Äußerungen hörte. „Die Gäste mögen wissen, daß ich Khrek Hrokhar bin, Ältester der Hrokhar, in Begleitung meiner Assistenten und Leibwächter Dhrik und Narak.“

Die Gastgeber erwiderten die Begrüßung recht formlos – Ndoni sagte sogar „Hallo Khrekkie“ – und stellten uns vor. Nachdem wir selber jeder ein paar Grußworte an die Xhankh gerichtet hatten, stakste Khrek mit Bewegungen, die an die eines schreitenden Huhns erinnerten, auf mich zu und blieb vor mir stehen. Seine Fangarme und Greifer schienen stellenweise rötlichbraun verfärbt zu sein. Er wippte mit dem Rumpf nach vorn und sagte: „Geehrter Meister Feuerstein, falls Sie hier vorübergehend abkömmlich sind, wäre es möglich, daß Sie mich zu einem Spaziergang nach draußen begleiten? Ich habe interessante Dinge über Sie gehört und würde gerne ein wenig mit Ihnen sprechen.“

Kurz war ich über die Anrede amüsiert, bis mir einfiel, daß er menschliche Namen meist nicht einfach nachsprechen konnte und der Translator deshalb soweit möglich sinngemäße Übersetzungen daraus machte. Ich verbeugte mich und antwortete: „Es wäre mir eine Ehre, Lord Khrek. Jetzt gleich?“

„Ja, wenn es Ihnen möglich wäre.“

„Es ist möglich. Macht ihr hier einstweilen ohne mich weiter und ruft mich an, falls etwas zu klären ist. Bis zum Essen bin ich sicher zurück.“

Damit gingen wir ins Morgenlicht hinaus, Khrek rechts von mir, einer seiner Begleiter ein Stück voraus und der andere hinter uns. Um uns rauschten die Bäume im Passatwind. Als wir am Xhankh-Shuttle vorbeikamen, sagte ich: „Eine interessante Raumfähre, die Sie da haben, Lord Khrek. Sind Sie damit durch das Wurmloch gekommen?“

„Nein, Meister Feuerstein. Wir ziehen es vor, von anderen unabhängig zu sein. Unser Mutterschiff befindet sich im Orbit. Der Lander ist eine stilisierte Nachbildung eines Dhrandhur, mit Abweichungen, die der technischen Notwendigkeit geschuldet sind.“

„Was ist ein Dhrandhur?“

„Das größte Landraubtier unserer Heimatwelt und entfernt mit uns verwandt. Es war der Hauptfeind unserer primitiven Vorfahren, deren Evolution dadurch hin zu mehr Intelligenz, längeren Laufbeinen, reinem Zweibeingang und Geschicklichkeit der Greifer gedrängt wurde. Heute gibt es keine Dhrandhurs mehr.“

Ich versuchte mir vorzustellen, wie Kämpfe zwischen Dhrandhurs und primitiven Xhankh ausgesehen haben mochten. „Ich höre, Ihre Spezies ist heute noch sehr kriegerisch und tapfer“, sagte ich.

„Das ist wahr“, antwortete er. „Unsere Philosophie, unser Wertesystem, unterscheidet sich sehr von den anderen Kulturen in der Galaktischen Zivilisation, auch von jenen, die früher selbst kriegerisch waren. Ein Grund, warum dieser Unterschied so groß geworden ist, liegt in der biotechnischen Lebensverlängerung, die nicht bei allen Spezies in gleichem Ausmaß möglich ist. Langlebigkeit führt zu Feigheit, weil ein Individuum viel mehr potentielle Lebenszeit verliert, wenn es etwas riskiert und dabei stirbt. Die Arrinyi sind ein Musterbeispiel dafür, weil ihre Biologie sich besonders gut für die Lebensverlängerung eignet. Und sie haben auch keine hohe Gruppenloyalität als ausgleichende Motivation, weil sie rassisch so variabel gemischt sind, daß es für sie keine engere Zugehörigkeit unterhalb der abstrakten zur gesamten Spezies gibt.“

Das paßte zu dem, was Julani mir über die Shomhumans gesagt hatte, und es hatte Parallelen zum Unterschied zwischen Soldaten aus westlichen Wohlstandsgesellschaften und Moslemkriegern aus Drittweltländern. „Und Ihre Spezies ist anders, Lord Khrek?“

„Ja.“ Es war seltsam, mit ihm zu reden, wie er so neben mir ging. Von der Seite konnte ich sehen, wie seine Hinterleibsringe sich in Atembewegungen zusammenzogen und wieder entspannten. Wir waren inzwischen an den Raumschiffen vorbei und gingen auf einem Weg auf den Wald jenseits des Landeplatzes zu. „Unsere Lebensspanne ist nur sehr begrenzt verlängerbar, und das hängt mit unserem Außenskelett zusammen. Anders als die Sontharr, die das ihre abstreifen und darunter ein neues bilden, während sie wachsen, entwickeln wir uns als weiche Larven, häuten uns und wachsen weiter, bis wir etwas mehr Körpermasse haben als im fertigen Zustand. Dann verpuppen wir uns und schlüpfen danach in der Gestalt, wie Sie mich jetzt sehen. Unsere Hülle bildet sich nur einmal und kann sich nicht von innen erneuern, und sie besteht aus einem komplexen Verbundmaterial. Einige seiner Substanzen zersetzen sich im Alter, was der Grund dafür ist, daß ich so ausgebleicht aussehe. In die Poren können Mikroorganismen eindringen und auch das Chitin abbauen, und schließlich wird das gesamte Außenskelett so brüchig, daß es zu zerbröckeln beginnt. Eine Abhilfe ohne schwere Nebenwirkungen ist nicht möglich, und so verzichten wir darauf.“ Er machte eine Geste mit seinen Greifern, die ich nicht verstand. „Deshalb haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und unsere kriegerische Art beibehalten. Wir haben ein Sprichwort: Nicht einmal die Sterne leben ewig, deshalb kommt es weniger darauf an, wie lange ein Individuum lebt, sondern wie es lebt, wie es seinem Tod begegnet und wie es seine Ehre und die seiner Sippe bewahrt.“

Reichtum stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie – die Alien-Version, dachte ich bei mir. „In den Kulturtraditionen menschlicher Völker gibt es ähnliche Sichtweisen.“

Khrek spreizte seine Fangarme von sich, wobei er sich abwandte, damit diese Geste nicht mißverstanden werde. Dann faltete er sie wieder zusammen und fuhr fort: „Wir sind die kriegerischste und tapferste Spezies in diesem Raumsektor. Wir sind die einzigen, die noch einen Krieg zu riskieren bereit sind. Wir sind diejenigen, die ihre Interessen in diesem Raumsektor am ehesten durchsetzen werden. Denken Sie immer daran, Meister Feuerstein. Und das bringt mich zu dem, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte.“

„Was wäre das, Lord Khrek?“

„Sehen Sie, die Interessen der einzelnen Spezies und der Shomhainar hier draußen laufen nicht gerade gleich, wie Sie vielleicht schon erfahren haben werden. Die anderen mißtrauen uns, und wir mißtrauen ihnen. Deshalb interessieren wir uns auch für den geheimen Nachrichtenverkehr der Shomhainar, zum Beispiel für jenen, der über die Wurmlochkette bis zum Mond Ihrer Welt läuft. Dabei sind wir auf Indizien dafür gestoßen, daß es mit Ihrem Schiff – dem anderen, größeren – eine besondere Bewandtnis hat. Ich weiß nicht, ob Sie davon wissen.“

Ich erschrak und hoffte, daß Khrek Anzeichen von Beunruhigung bei Menschen nicht erkennen konnte. „Inwiefern?“ fragte ich.

„Es gibt immer wieder geheimnisvolle Datenauslesungen aus den Speichern dieser alten Lwaong-Anlagen“, antwortete er. „Sie sind gut getarnt, und es ist nicht erkennbar, von wem sie vorgenommen wurden. Die Shomhainar haben offenbar noch nichts davon bemerkt. Aber Abgleiche mit den Durchflugverzeichnissen haben ergeben, daß zeitgleich jedes Mal Ihr Schiff das jeweilige Wurmloch passiert hat und kein anderes in allen diesen Fällen anwesend war.“

„Das muß ein Zufall sein“, log ich. „Vielleicht war es mehr als ein Schiff, um den Verdacht zu zerstreuen – oder vielleicht wurden die Daten in einem Teil der Fälle von Schiffen abgerufen, die andere Wurmlöcher passierten; diese Portalanlagen stehen ja alle miteinander in Verbindung.“

„Unwahrscheinlich, aber letztere Möglichkeit haben wir noch nicht bedacht. Getarnte Datenzugriffe dieser Art würden hochentwickelte, hochgeheime Lwaong-Software erfordern. Jedenfalls sind wir deshalb gerade um die Zeit auf Ihr Schiff aufmerksam geworden, als Sie es in Besitz genommen haben. Danach ist uns aufgefallen, daß Sie auch ungewöhnlich sind. Sie reisen mit Ihrem Schiff herum, tun aber im Unterschied zu anderen Earthins nichts, das nach Ihren Gesetzen und Gebräuchen kriminell oder verwerflich wäre. Sie töten nur Ihre Feinde, nachdem diese Sie angegriffen haben, oder nehmen sie und ihr Eigentum in Besitz. Sonst tun Sie nichts außer reisen.“

„Ungewöhnlich bin ich nur, weil ich nicht von Shom-Earth eingeweiht wurde, sondern als normaler, nichtkrimineller Privatmann durch Zufall in den Besitz meines Schiffes gekommen bin, als dessen Vorbesitzer mich töten wollten. Jetzt nutze ich die Möglichkeiten, die ich dadurch habe, für Weltraumreisen, da ich mich schon immer für die Raumfahrt und den Kosmos interessiert habe. Das ist alles.“

Khrek wackelte mit seinen Fangarmen. „Nein, Meister Feuerstein. Wir haben Sie unter Nutzung der öffentlichen Überwachungseinrichtungen der Shomhainar beobachtet, wenn Sie auf Babylon 6 waren. Wir haben Ihre Blicke und Gesichtsausdrücke ausgewertet und Ihre Äußerungen aufgezeichnet und dabei erkannt, daß Sie wahrscheinlich, um eine irdische Redensart zu gebrauchen, ein Joker in dem Packen sind.“

Mir war klar, daß Abstreiten sinnlos gewesen wäre. „Wie soll ich das verstehen?“

„Sie lehnen die bevorstehende Aufnahme der Erde in die Galaktische Zivilisation ab, Sie mögen das Erdenvolk nicht, das man Juden nennt, und Sie interessieren sich dafür, was mit den auf der Erde verbliebenen Khenalai geschehen ist. Sie haben richtig erkannt, daß die innere Führung der Galaktischen Zivilisation die Enthüllung dieses Geheimnisses verhindern will. Der Grund ist, daß die Integration der Erde für mindestens hundert Jahre Ihrer Zeit aufgeschoben werden müßte, wenn es herauskäme. Warum das so ist, dazu haben wir Vermutungen, die ich aber jetzt nicht darlegen werde. Wichtig ist, daß deshalb Sie ein Interesse daran haben, daß es herauskommt, und wir Xhankh auch.“

„Warum Sie auch?“ fragte ich, obwohl ich den Grund schon ahnte.

„Zum einen, weil die Arrinyi, mit denen wir rivalisieren, euch Menschen als Partner in der Galaktischen Zivilisation haben möchten. Zum anderen wollen die Sontharr zwar aus demselben Grund wie wir die Aufnahme der Erde verhindern, aber sie versuchen auch Juden als inoffizielle Neo-Shomhainar und Gegen-Khenalai zu gewinnen, weil die Arrinyi besonders gut mit den Khenalai kooperieren. Deshalb wollen wir die Aufnahme der Erde auf eine Weise verzögern, die auch die verdeckten Kontakte von Erdenmenschen zur Galaktischen Zivilisation einschränkt, um die Sontharr dabei zu behindern.“

„Und drittens, Lord Khrek“, fügte ich hinzu, „würden der Erde als Galciv-Mitglied alle für Menschen geeigneten Welten von Sol bis auf halben Weg zum Kohlensack-Dunkelnebel zugesprochen, und da wollen Sie noch möglichst lange vollendete Tatsachen schaffen können, weil diese Welten auch für Xhankh interessant sind.“

„Das ist richtig“, bestätigte er.

„Und wie stellen Sie sich vor, daß ich dazu beitragen kann?“

„Wir sind an mehreren Möglichkeiten dran, wo die geheimen Aufzeichnungen der Erdexpedition eures Jahres 1520 gespeichert sein könnten. Falls wir es herausfinden, muß öffentlich gemacht werden, daß die Daten dort sind, denn nur in dieser Institution ist unfälschbar nachgewiesen, daß sie aus jener Zeit stammen und damals gespeichert wurden. Deshalb hätte es keinen Sinn, sie nur auf Datenträger zu kopieren, wo sie immer als Fälschungen abgetan werden können. Die Aufdeckung darf aber nicht durch uns erfolgen, weil bei uns ein strategisches Interesse offensichtlich ist. Es muß jemand – zum Beispiel Sie – scheinbar zufällig darauf stoßen und die Aufmerksamkeit der Shomhainar-Wissenschaft wie versehentlich darauf lenken. Wir würden Sie mit den relevanten Informationen versorgen, sobald wir sie haben, und dann müssen Sie einen Weg finden, um für die Öffentlichkeit der Galaktischen Zivilisation eine Spur dorthin zu legen.“

Das war nun nach Nouris die zweite nichtmenschliche Intelligenz, die mich für ihre Zwecke in Konflikten uralter Zivilisationen zu gewinnen versuchte. „Und diese Informationen würde ich von Ihnen bekommen, Lord Khrek?“

„Ja. Ich leite dieses Projekt, weil ich schon sehr alt bin und die damit zusammenhängenden Geheimnisse bald in die Schwarze Himmelswolke mitnehmen werde.“

Ich begriff, daß damit wahrscheinlich der Kohlensack gemeint war, der von ihrer Heimatwelt jenseits davon als riesiges wolkenförmiges Loch im Sternenhimmel erscheinen mußte und wohl zu einem Jenseitsort in ihrer Mythologie geworden war. Und in welches Jenseits wollt ihr mich mitsamt dem Geheimnis schicken, wenn alles erledigt ist, du alte Riesenwanze? dachte ich. Ich hatte also die Wahl, mitzumachen und im Erfolgsfall dazu beizutragen, daß die Galaktisierung der Erde aufgeschoben wurde, aber auch die Xhankh sich Welten aneignen konnten, die sonst uns zugefallen wären – oder nicht mitzumachen und nicht nur den Galciv-Anschluß der Erde zuzulassen, sondern auch irgendwann später von Khrek unauffällig beseitigt zu werden. Gegen Letzteres würde ich mich auch im anderen Fall vorsehen müssen.

„Wie würden Sie mir denn die Informationen übermitteln, wenn Sie sie haben?“ fragte ich, um Zeit zu gewinnen.

„Merton Wiener wird sie Ihnen geben. Er wird Sie kontaktieren.“

„Weiß er von Ihren Absichten?“

„Nein, und ich muß darauf bestehen, daß Sie ihm gegenüber Diskretion wahren.“

Bei diesen Worten bekam ich ein ungutes Gefühl. Mir wurde klar, daß ich hier im Wald, außer Sicht vom Haus, jederzeit von den Aliens getötet werden konnte, wenn ich mich weigerte, mitzumachen. Selbst der alte Khrek konnte das im Alleingang tun, und er würde hinterher behaupten, ich hätte in einem Anfall irrationaler Xenophobie den Laser gezogen und auf ihn richten wollen, wogegen er sich verteidigt habe.

„Selbstverständlich“, sagte ich. „Ich bin interessiert, kann aber nicht versprechen, daß ich einen Weg finden werde, das Geheimnis auf geeignete Art publik werden zu lassen.“

„Das genügt mir. Wir verfolgen auch andere Ansätze.“ Er blieb stehen. „Ich glaube, wir sind weit genug gegangen, meinen Sie nicht? Die anderen sollen mit dem Essen nicht warten müssen.“

*    *     *

Das Essen war gut und reichlich, und wie in diesen Kreisen üblich, wurde uns Gästen die Wahl gelassen, welche der Teller, Bestecke, Gläser und Tassen wir nehmen wollten, und alles wurde aus gemeinsamen Gefäßen und Schüsseln eingeschenkt und serviert, damit wir sicher sein konnten, kein verzögert wirkendes Gift verabreicht zu bekommen, bei dem nach Eintreten der Wirkung nicht mehr nachweisbar wäre, daß wir es hier während der Geltungsdauer des bei Shom-Earth registrierten Vertrags bekommen hatten. Die Gastgeber unterhielten uns launig, wozu auch recht passable Gesangsdarbietungen von Ndoni am Klavier gehörten, aber sie äußerten sich nicht über den Hausherrn, der ihnen sein Anwesen für diese Zeit zur Verfügung gestellt hatte.

Eine interessante Wendung nahm die Unterhaltung, als sie die Konferenz krimineller Earthins auf Nayotakin ansprachen, zu der wir unterwegs waren. Kaunda und Wiener waren nach der Ausschaltung der mit ihnen verfeindeten Kremsers ebenfalls eingeladen worden, würden aber nicht kommen, weil sie stattdessen Ndonis zwanzigsten Geburtstag feiern wollten. Zu diesem würde ihr Vater ihr ein nach ihren Vorstellungen gebautes Raumschiff schenken, den Silberdiskus Dreamspider, der vor dem Haus stand, ihr erstes Sternenschiff. Wir nutzten das sogleich, um die drei über die Konferenzteilnehmer und den Ort des Treffens auszuhorchen. Während all dem fiel mir bei Ndoni auf, daß sie Julani immer noch fasziniert ansah, und einmal, als es niemand außer mir bemerkte, meinte ich, in ihrem Gesichtsausdruck etwas wie Sehnsucht oder Wehmut zu erkennen.

Als wir schließlich an Bord gingen, hatte die Sonne schon den Zenit überschritten. Während des Fluges nach Westen über das Meer saßen wir in der Zentrale und sahen zu, wie das inzwischen nebelfreie Mist City in Sicht kam und unter uns durchzog, und wenig später begann Zirdak sich über den Horizont zu erheben.

Wir stiegen weiter über den Rand der Atmosphäre auf und sahen bald das von einem grünen Leuchtring umgebene Bild von Nouris, die sich uns zum Rendezvous entgegenmanövrierte. Kurz vor dem Andocken überholten wir ein Schiff, das auf einer etwas höheren Umlaufbahn flog. Ich zoomte es auf meinem Kontrollpultbildschirm mit der stärksten Telekamera heran und erkannte die typische gedrungene Hantelform eines Xhankh-Sternenschiffs. Mit gut hundert Metern Länge war es etwas kürzer als Nouris. Seine vordere Rumpfkugel wies Beulen und verschiedene Auswüchse auf, von denen manche wie Waffen aussahen, während die größere hintere Kugel relativ glatt war. Vom dicken, etwas bauchigen Zwischenstück standen sechs gebogene Flossen radial ab. Kurz vor dem Einrasten unserer Andockvorrichtung begann es zu beschleunigen und entfernte sich in einem steilen Winkel vom Planeten.

Nach unserem Umstieg trennten Nouris und die Jeannie sich und flogen zum Wurmlochportal auf Zirdak, von wo wir zum Cerron-Mondsystem weiterreisen würden. Dort wollten wir uns mit Fridos Sohn Björn treffen, dem ich ein Beiboot auf der Erde zurückgelassen hatte. Mit diesem wollte er uns nach Beginn seines Urlaubs über die Wurmlochroute nachkommen, um an der Aktion auf Nayotakin teilzunehmen. Während meine Schiffsgefährten zu den Wohndecks hinauffuhren, blieb ich in der Zentrale, um Nouris vom Gespräch mit Khrek zu erzählen. Dabei verwendete ich auch die Tonaufzeichnung, die ich mit meinem Kommunikator gemacht hatte. Zu den entdeckten Datenabrufungen sagte sie, daß sie jetzt ein besseres Tarnverfahren anwenden würde, das ihr die Codes von Feuerwächter ermöglichten. Khreks Angebot hinsichtlich des Khenalai-Mysteriums fand sie interessant und bot an, in ihrem Informationsfundus nach Nützlichem zu suchen und mich mit Strategien zu beraten.

„Wie schätzt du das Xhankh-Schiff ein, an dem wir vorhin vorbeigekommen sind?“ fragte ich schließlich.

„Wahrscheinlich ist das ein ungefähres Gegenstück zu mir. Ähnliche Flugleistungen und Masse, aber wohl weniger Transportkapazität, näher an Kampfschiffeigenschaften. Vermutlich ungefähr vergleichbare Feuerkraft, aber etwas widerstandsfähiger als ich.“

„Hältst du es für möglich, daß die uns im Vorbeiflug irgendwie unbemerkt gescannt haben, so wie das unbekannte Aliens in Science-Fiction-Filmen tun? Immerhin sind sechstausend Jahre vergangen, seit du gebaut wurdest. Da kann es technische Fortschritte gegeben haben, von denen du nichts weißt.“

„Sicher nicht“, sagte sie. „Technik und Wissenschaft sind in der Galciv seit langer Zeit stagniert. Sie machen nur noch Verfeinerungen ihres sehr hohen, ausgereiften Standes. Der Entwurf dieses Schiffes ist dreitausend Jahre alt und ähnelt einem Kampfschifftyp, den die Xhankh im Krieg gegen uns verwendeten. Seit damals hat es keine grundlegenden Neuentwicklungen und wissenschaftlichen Entdeckungen mehr gegeben.“

„Dann bin ich ja beruhigt. Das erinnert mich an den amerikanischen Patentbeamten, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Schließung des Patentamts empfohlen haben soll, mit der Begründung, alles, was man erfinden kann, sei schon erfunden.“

„Vielleicht ist dieser Zustand in der Galciv tatsächlich erreicht?“

„Vielleicht auch nicht; vielleicht müßten erst Menschen mit frischen Ideen auf diesen Stand kommen, damit man sagen kann, ob von dort aus wirklich keine Weiterentwicklung mehr möglich ist… und vielleicht ist das ein weiterer Grund, warum manche Fraktionen in der Galciv uns aufnehmen wollen.“

„Ein möglicher Grund, aber nicht der wichtigste“, sagte sie. „Wahrscheinlich will man euch auch zu einer Kontrollmacht gegen die Xhankh aufbauen. Hast du dich noch nicht gefragt, wieso die Galciv kriegerische Spezies wie die Xhankh so mächtig werden läßt, daß man sie scheinbar nur noch schwer in die Schranken weisen kann, wenn sie gegen Galciv-Recht verstoßen und andere Mitgliedsspezies angreifen?“

„Ja das hat mich schon gewundert“, räumte ich ein.

„Man braucht sie für die Bekämpfung äußerer Feinde wie die Lwaong, aber auch für Maßregelungskriege gegen Mitglieder. Wenn die Galciv aus politischen Gründen nicht offen gegen eine Spezies vorgehen kann, manipuliert sie solche Kriegerspezies dazu, sie anzugreifen, und kann dann so tun, also könnte sie nichts dagegen machen. Zu stark will man derartige Durchsetzungsmächte jedoch nicht werden lassen. Da gab es zum Beispiel die Thyennar, vierhundert Lichtjahre jenseits von Arrin. Die nützten den Krieg gegen uns, um ihre Macht in der Galciv aggressiv auszubauen. Heute gibt es sie nur noch auf ihrer Ursprungswelt. Und die Xhankh sind nach unserer Niederlage sehr mächtig geworden, weil sie viel von unserem ehemaligen Raumgebiet bekommen haben.“

„Und wir sind auch noch kriegerische Barbaren und könnten dieselbe Art von Welten brauchen wie die Xhankh“, fügte ich hinzu. „Jetzt ist mir ein weiterer Grund klar, warum die Xhankh unsere Aufnahme verhindern wollen… und ich ahne auch, wieso die Shomhainar uns Gelegenheit für Gewalt- und Risikoverhalten geben, um es zu studieren.“

„So ähnlich war es vor siebentausend Jahren, als die Galciv mit der Integration der damals noch kriegerischen Arrinyi begann und die Thyennar, die das als gegen sie gerichtet empfanden, dagegen opponierten. Die Arrinyi wurden aber trotzdem zu einer interstellaren Macht aufgebaut, mit der Begründung, daß man sie als zusätzliche Kraft in einem Konflikt mit den Lwaong brauchen könnte, und bald nach diesem Krieg spielten sie eine Rolle bei der Niederwerfung der Thyennar, von deren Raumgebiet sie einen Teil gewannen. Heute sind sie aber zu zahm, und daher braucht man euch. So spielt die Galciv Spezies gegeneinander aus, expandiert und hat dabei einen sehr langen Zeithorizont.“

„Da werde ich einiges nachzulesen haben“, sagte ich und stand auf. „Aber heute nicht mehr. Mach‘ du hier allein weiter und teile die Wurmlochpassagen wie besprochen ein. Ich gehe nach oben.“

„Rocked in the deep, Nouris will keep watch by your weary head…“ sang sie.

„Bei dir kann ich mich wenigstens darauf verlassen, daß du das tust.“ Oder doch nicht? Wie war das nochmal mit dem Ermessensspielraum? Ich verließ die Zentrale und ging in mein Quartier, wo ich Talitha schon ausgezogen vorfand. Sie hatte mit dem Duschen auf mich gewartet, damit wir das gemeinsam tun konnten, und diese als genußvolle Einleitung gedachte Prozedur wuchs sich gleich zum Hauptakt noch in der Duschkabine aus.

Als wir hinterher abgetrocknet nebeneinander auf dem Bett lagen, sagte ich zu Talitha: „Du hast da eine interessante Abfolge bei deinen Männern gehabt. Zuerst einen Neger, dann einen Juden mit dunklem Teint. Und jetzt hast du einen Alpenblondel.“

Sie seufzte und drehte sich auf die Seite, um mich anzusehen. „Ich wünschte, ich hätte da eine Abkürzung genommen. Dann wäre mir viel erspart geblieben.“

Ich war erstaunt über diese pauschale Aussage, die auch György Kremser einschloß, den sie als die Liebe ihres Lebens bezeichnet hatte. „Da hast du wohl recht“, sagte ich. „Zum Beispiel auch deine Probleme mit Ndoni. Was hatten die denn für Gründe?“

„Zum Teil war es Eifersucht auf die neue Frau ihres Vaters. Ein anderer Grund war der Groll, den sie gegen weiße Frauen entwickelt und auf mich übertragen hatte, weil Max ihr erzählte, daß ihre Mutter die Trennung durch ihr Verhalten verschuldet habe. Und ich konnte nicht mit dem schwierigen, schlimmen Mädchen umgehen, das Ndoni war. Zuerst hatte ich es mit Freundlichkeit und Nachsicht versucht, weil ich Verständnis für sie hatte und von meiner Stiefmutter negrophil beeinflußt war. Als das nichts half und sogar ausgenützt wurde, wandelte meine Haltung sich zu Ungeduld und schließlich zu Abneigung. So wurde ich zu ihrem Stiefdrachen.“

„Ganz besonders später auf Winedark… ich habe die Videos gesehen.“

„Oh… das. Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Merton hatte György mit Max bekanntgemacht, ohne ihm von unserer früheren Beziehung zu erzählen. Dabei hatte er darauf spekuliert, daß Max sich wieder an mich heranmachen und einen Konflikt mit György provozieren würde, den er dann töten sollte, um mich zu entführen. Irgendwann danach hätte Merton mich dann Max abkaufen wollen. Das mit dem Konflikt ist so gekommen, aber György und ich haben Ndoni entführt und als Geisel gehalten, bis Max und Merton uns außer Lösegeld auch Informationen übermittelt haben, bei denen sie nicht wollen würden, daß sie bekannt werden. Die haben wir als Sicherstellung gegen Angriffe an geheimen Stellen deponiert, und an diese wollen sie mit den Daten aus dem heutigen Geschäft herankommen. Darum ging es ihnen bei der ganzen Sache, und um den Rachemord an György. Und um mich als Bonus.“

„Da hat Ndoni also ein verständliches Rachemotiv.“

„Die hatte zu der Zeit selber schon bei solchen Dingen mitgemacht. Dennoch tut es mir nachträglich leid, was wir mit ihr getan haben, wenn auch nicht so leid wie andere Sachen, an denen ich beteiligt war.“

Ich drückte sie an mich. Dann fiel mir ein, was ich sie hatte fragen wollen. „Ist dir unten beim Essen aufgefallen, wie Ndoni Julani angesehen hat? Das hat schon bei der ersten Begegnung angefangen; ganz seltsam war das.“

„Nicht so seltsam, wenn man weiß, daß Julani Ndonis Mutter sehr ähnlich sieht“, sagte sie. „Von der habe ich während meiner Zeit im Kaunda-Haushalt Bilder gesehen.“

„Ach deshalb hast du Julani damals im Chakarionnis so angesehen, und auch danach noch! Wer war sie? Amerikanerin? Lebt sie noch?“

„Ich weiß nicht, wie sie heißt und ob sie noch lebt. Sie ist Österreicherin. Max ist ja in Deutschland aufgewachsen, und irgendwo da drüben hat er sie kennengelernt und mit ihr Ndoni gezeugt. Dann hat er sie verlassen, ist nach Amerika gezogen und hat Ndoni später zu sich entführt, als sie noch sehr klein war. Dort hat er ihr auch erst ihren afrikanischen Vornamen gegeben, denn ihre Mutter hatte sie Samantha genannt.“

„Österreicherin? Nouris, könntest du bitte die Bildzusammenstellung von Julani und Julia auf den Bildschirm an der Trennwand geben?“ Sie tat es und zeigte eine Aufnahme von Julani im Raumanzug bei unserer ersten Begegnung und daneben ein Bild meiner ihr so ähnlichen Ex-Kollegin.

„Wer ist die zweite Frau?“ fragte Talitha. „Die sieht genauso aus wie Ndonis Mutter!“

„Das ist eine frühere Kollegin, die ich einst liebte und bei der ich nur in der Friendzone gelandet bin, weil ich ihre Shit-Tests nicht bestanden habe. Sie heißt Julia Antonia Rossmann, und so gutmenschlich, wie ich sie in Erinnerung habe, würde es ihr ähnlich sehen, sich mit einem Neger einzulassen.“

„Antonia! Max hat Ndonis Mutter immer Tonya genannt. Ich glaube, das ist sie.“

„Ich glaub’s auch schon immer mehr. Sogar der Name Ndoni könnte eine Anspielung auf Antonia sein. Und wenn ich so darüber nachdenke: Julani – Julia Antonia… ob es da wohl eine Verbindung gibt?“

„Das wäre schon ein extremer Zufall, daß deine Kollegin auch mit einem Starman aus der Galciv etwas gehabt hätte… habt ihr denn damals nichts davon mitbekommen, daß sie eine Tochter bekam?“

„Sie hat unser Büro schon vor der Zeit verlassen, wo das bei Ndonis heutigem Alter stattgefunden haben könnte, und danach hatten wir praktisch keinen Kontakt mehr zu ihr. Daß sie später noch einmal Mutter eines Sohnes geworden ist, habe ich auch erst zwei Jahre danach erfahren.“ Ich überlegte und fragte dann: „Weiß Ndoni, wer ihre Mutter ist?“

„Nein, das hat Max immer vor ihr geheimgehalten. Ich vermute, er wollte nicht, daß Ndoni sie einmal besucht und nach ihrer Version zur Trennung fragt, die ihn in den Augen seiner Tochter vielleicht nicht so unschuldig erscheinen läßt. Wieso fragst du?“

„Weil ich jetzt glaube, daß Julia die Person ist, die Ndoni als Atha Moon von Deniz und Maik in Österreich aufspüren lassen wollte. Das wolltest du mir damals an unserem ersten Abend nicht bestätigen, weil du dann hättest zugeben müssen, woher du so viel über Max und seine Tochter weißt, stimmt’s?“

„Ja.“ Sie lächelte und küßte mich. „Nochmal?“

„Ablenkungsmanöver gelungen. Was möchtest du für eine Stellung?“

„Löffelchen im Sitzen.“

Fortsetzung: Kapitel 7 – Höllenkurtisane

Anhang des Verfassers:

Dies ist eine zeitgenössische, detailverbesserte Version jenes Xhankh-Kampfschifftyps aus dem Lwaong-Krieg, von dem Khrek Hrokhars VIP-Raumschiff abgeleitet ist (unter den ovalen Beulen an der vorderen Rumpfkugel befinden sich ausklappbare, bewegliche Laserwaffen):

Nachfolgend habe ich wieder Links und Videos zum obigen Kapitel gesammelt, zuerst die Links in der Reihenfolge, wie die Begriffe im Kapitel vorkommen:

Upskadaska (siehe auch hier), Fiddler’s Green, Sin City (Las Vegas hat übrigens ebenfalls den Spitznamen „Sin City“), GJ 3021 b, Kohlensack-Dunkelnebel

Und hier sind noch drei Lieder, von denen Namensgebungen in diesem Kapitel inspiriert wurden, nämlich „Fiddler’s Green“ in der Version von The New Barleycorn, mit Texteinblendungen…

… „Fist City“ von Loretta Lynn…

…sowie „Tidy Ann“, hier dargeboten von Maighread Ní Dhomhnaill, Tríona Ní Dhomhnaill und Dónal Lunny:

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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