Christopher Gérard interviewt Dominique Venner

Giampetrino (Schule von Leonardo): „Diana, die Jägerin“

Giampetrino (Schule von Leonardo): „Diana, die Jägerin“

Aus dem Französischen ins Englische übersetzt von Giuliano Adriano Malvicini; deutsche Übersetzung auf dieser Basis von Deep Roots. Das Original Christopher Gérard Interviews Dominique Venner erschien am 9. Oktober 2013 auf Counter-Currents Publishing/North American New Right.

Anmerkung des Übersetzers Giuliano Adriano Malvicini:

Das Folgende ist ein Interview mit Dominique Venner von 2001, das ursprünglich anläßlich des Erscheinens seines Buches Dictionnaire amoureux de la chasse veröffentlicht wurde. Es erscheint passend, als letztes Lebewohl, Dominique Venner selbst sprechen zu lassen.

 

Christopher Gérard: Wer sind Sie? Wie definieren Sie sich? Als Werwolf, als weißer Falke?

Dominique Venner: Ich bin ein Franzose aus Europa, oder ein Europäer, dessen Muttersprache Französisch ist, von keltischer und germanischer Abstammung. Väterlicherseits bin ich von altem Lothringer Bauernstamm, aber sie wanderten ursprünglich im siebzehnten Jahrhundert aus dem deutschen Teil der Schweiz aus. Die Familie meiner Mutter, aus der viele sich für eine Militärkarriere entschieden, stammt ursprünglich aus der Provence und aus dem Vivarais. Ich selbst wurde in Paris geboren. Ich bin ein Europäer durch Abstammung, aber Geburt an sich ist nicht genug, wenn man nicht das Bewußtsein besitzt zu sein, was man ist. Ich existiere nur durch Wurzeln, durch eine Tradition, eine Geschichte, ein Territorium. Ich füge hinzu, daß ich dazu bestimmt war, mich den Waffen zu widmen. Sicherlich gibt es eine Spur davon im Stahl meiner Feder, dem Instrument meines Berufes als Schriftsteller und Historiker. Sollte ich diesem kurzen Porträt den Beinamen „Werwolf“ hinzufügen? Warum nicht? Als Schrecken für „vernünftige“ Leute, als Eingeweihter in die Mysterien des Waldes ist der Werwolf eine Gestalt, in der ich mich wiedererkennen kann.

CG: In Le Cœur rebelle  („Das Rebellenherz“, 1994) erinnern Sie mitfühlend an „einen intoleranten jungen Mann, der in sich gewissermaßen den Geruch eines kommenden Sturmes trug“: das waren Sie, als Sie zuerst als Soldat in Algerien kämpften und dann als politischer Aktivist in Frankreich. Wer war also dieser junge Kshatriya, wo kam er her, wer waren seine Lehrer, seine Lieblingsautoren?

DV: Das war es, worauf der „weiße Falke“ in Ihrer ersten Frage anspielte, die Erinnerung an berauschende und gefährliche Zeiten, in denen der junge Mann, der ich war, dachte, er könnte ein feindseliges Schicksal durch eine Gewalt umdrehen, die er als notwendig akzeptiert hatte. Es erscheint vielleicht extrem überheblich, aber zu der Zeit akzeptierte ich niemanden als Lehrer. Sicher, ich suchte nach Anregungen und Handlungsrezepten in Lenins Was ist zu tun? und in Ernst von Salomons Die Geächteten. Ich könnte hinzufügen, daß die Lektüre meiner Kindheit dazu beigetragen hatte, eine bestimmte Weltsicht zu formen, die letztendlich ziemlich unverändert blieb. Ohne bestimmte Reihenfolge erwähne ich Militärische Erziehung und Disziplin in der Antike, ein kleines Buch über Sparta, das meinem Großvater mütterlicherseits gehörte, einem ehemaligen Offizier; La Légende de l’Aigle von Georges d’Esparbès, La Bande des Ayaks von Jean-Louis Foncine, Ruf der Wildnis von Jack London, und später das bewundernswerte Martin Eden. Das waren die formativen Bücher, die ich im Alter von zehn oder zwölf las. Später, mit zwanzig oder fünfundzwanzig, war ich natürlich dazu übergegangen, andere Dinge zu lesen, aber die Buchhandlungen waren damals schwach sortiert. Jene Jahre waren eine Zeit intellektuellen Mangels, den man sich heute schwer vorstellen kann. Die Bibliothek eines jungen Aktivisten, selbst von einem, der Bücher verschlang, war klein. In meiner gab es neben historischen Arbeiten an prominenten Werken Über die Gewalt von George Sorel, Die Eroberer von Malraux, Die Genealogie der Moral von Nietzsche, Service inutile von Montherlant und Le Romantisme fasciste von Paul Sérant, das für mich in den Sechzigern eine Offenbarung war. Wie Sie sehen können, reichte das nicht sehr weit. Aber selbst wenn meine intellektuellen Horizonte beschränkt waren, reichten meine Instinkte tief. Sehr früh, als ich immer noch ein Soldat war, hatte ich das Gefühl, daß der Krieg in Algerien etwas ganz anderes war als das, was die naiven Verteidiger des „französischen Algerien“ sagten oder dachten. Ich hatte verstanden, daß es ein identitärer Kampf für Europäer war, nachdem sie in Algerien von einem ethnischen Widersacher in ihrer ganzen Existenz bedroht waren. Ich hatte auch das Gefühl, daß das, was wir dort – sehr schlecht – verteidigten, die Südgrenzen Europas waren. Grenzen werden immer auf der anderen Seite von Ozeanen und Flüssen gegen Invasionen verteidigt.

CG: In diesem Buch, das eine Art Autobiographie ist, schreiben Sie: „Ich komme aus dem Land der Bäume und Wälder, der Eichen und Wildschweine, der Weinberge und steilen Dächer, der epischen Gedichte und Märchen, der Winter- und Sommersonnenwenden.“ Was für eine Art seltsamer Kerl sind Sie?

DV: Sehr kurz gesagt, bin ich zu bewußt Europäer, um mich in irgendeiner Weise als spirituellen Nachfahren von Abraham oder Moses zu empfinden, aber ich fühle, daß ich gänzlich ein Nachfahre von Homer, Epiktet und der Tafelrunde bin. Das bedeutet, daß ich in mir selbst nach meiner Orientierung suche, nahe an meinen Wurzeln, und nicht an weit entfernten Orten, die mir völlig fremd sind. Der heilige Ort, wo ich meditiere, ist nicht die Wüste, sondern der tiefe und geheimnisvolle Wald meiner Herkunft. Mein heiliges Buch ist nicht die Bibel, sondern die Ilias, das Gründungsgedicht der westlichen Psyche, das auf wundersame Weise und siegreich das Meer der Zeit überquert hat. Ein Gedicht, das sich auf die gleichen Quellen stützt wie die keltischen und germanischen Legenden und dieselbe Spiritualität offenbart, wenn man sich die Mühe macht, es zu entschlüsseln. Dennoch ignoriere ich nicht die Jahrhunderte des Christentums. Die Kathedrale von Chartres ist genauso sehr ein Teil meiner Welt wie Stonehenge oder der Parthenon. Das ist das Erbe, das wir zu unserem eigenen machen müssen. Die Geschichte der Europäer ist nicht einfach. Nach Tausenden Jahren eingeborener Religion wurde uns das Christentum durch eine Reihe historischer Zufälle aufgezwungen. Aber das Christentum selbst wurde teilweise umgewandelt, „barbarisiert“ durch unsere Vorfahren, die Franken und andere. Das Christentum wurde von ihnen oft für einen Austausch der alten Kulte gehalten. Hinter den Heiligen verehrten die Menschen weiterhin die alten Götter, ohne zu viele Fragen zu stellen. Und in den Klöstern kopierten die Mönche oft antike Texte, ohne sie notwendigerweise zu zensieren. Diese Fortsetzung des vorchristlichen Europa geht heute immer noch weiter, aber sie nimmt andere Formen an, trotz all der Bemühungen biblischen Predigens. Es erscheint als besonders wichtig, die Entwicklung der katholischen Traditionalisten zu berücksichtigen, die oft Inseln der Gesundheit sind, die sich dem umgebenden Chaos mit ihren robusten Familien widersetzen, mit ihren zahlreichen Kindern und ihren Gruppen körperlich fitter Jugendlicher. Ihr Festhalten am Fortbestand von Familie und Nation, an Disziplin im Schulunterricht, die Wichtigkeit, die sie dem festen Stand im Angesicht von Widrigkeiten beimessen, sind natürlich Dinge, die in keiner Weise spezifisch christlich sind. Sie sind der Überrest des römischen und stoischen Erbes, das die Kirche bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mehr oder weniger weitergeführt hatte. Auf der anderen Seite sind Individualismus, zeitgenössisches Kosmopolitentum und die Religion der Schuld natürlich säkularisierte Formen des Christentums, wie auch der extreme Anthropozentrismus und die Entheiligung der Natur, worin ich eine Quelle einer verrückt gewordenen faustischen Moderne sehe, und wofür wir einen hohen Preis bezahlen werden müssen.

CG: In Le Cœur rebelle sagen Sie auch: „Drachen sind verwundbar und sterblich. Helden und Götter können immer wiederkehren. Es gibt keine Unabwendbarkeit außerhalb der Köpfe von Menschen.“ Man denkt an Jünger, den Sie persönlich kannten, und der Titanen und Götter am Werk sah…

DV: Alle fatalistischen Versuchungen in sich abzutöten, ist eine Übung, in der man nie ruhen darf. Davon abgesehen, nehmen wir den Bildern nicht ihr Mysterium und ihre vielfachen Ausstrahlungen, löschen wir ihr Licht nicht mit rationalen Interpretationen. Der Drache wird immer Teil der westlichen Fantasie sein. Er symbolisiert abwechselnd die Kräfte der Erde und die zerstörerischen Kräfte. Durch den siegreichen Kampf gegen ein Ungeheuer erlangten Herkules, Siegfried oder Theseus den Heldenstatus. In Abwesenheit von Helden ist es nicht schwer – in unserer Zeit -, die Anwesenheit verschiedener Ungeheuer zu erkennen, die ich nicht für unbesiegbar halte, selbst wenn sie es zu sein scheinen.

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Homer: Die europäische Bibel, Teil 3

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John William Waterhouse: „Penelope and the Suitors“ (Penelope und die Freier)

Von Dominique Venner; die englische Fassung Homer: The European Bible, Part 3 erschien am 11. September 2010 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

Zuvor erschienen: Teil 1 und Teil 2

Die Odyssee: Der Platz des Menschen im Kosmos

Das zweite große Epos erzählt in 12.000 Versen und 24 Büchern die schwierige Rückkehr des Odysseus in sein Vaterland. Eine Rückkehr, der sich tausend furchterregende Hindernisse in den Weg stellen. Die Odyssee ist daher ein Epos von Heimkehr und gerechtfertigter Rache.

Aber die Odyssee ist mehr als das. Unter erzählerischen Vorwänden, die sich von der Ilias unterscheiden, empfiehlt das zweite Epos die für Hellenen angemessene „Weltsicht“. Es zeigt den Platz des Menschen in der Natur und in Relation zu den mysteriösen Kräften, die sie ordnen.

Sterbliche in Harmonie mit der kosmischen Ordnung zu bringen, liegt den homerischen Epen am Herzen. Aber Homers Himmel liegt jenseits der primitiven Zeiten der Gründung des Kosmos, die von den alten Mythen beschworen werden, deren Inhalt in Hesiods „Theogonie“ formalisiert wurde: die Konfrontation von Uranos und Kronos, der Kampf der olympischen Götter und ihr Sieg über die Titanen. Von all dem behält der Poet nur das olympische Licht, ohne sich um die Schaffung eines kohärenten Systems Sorgen zu machen. Bei Homer liegt die Kohärenz nicht im Diskurs. Sie liegt in ihm selbst.

Das Verlassen der kosmischen Ordnung und die Rückkehr zu ihr bilden den Rahmen der Odyssee. Odysseus provoziert unabsichtlich Poseidons Zorn, indem er seinen Sohn blendet, den Zyklopen Polyphem. Dies ist der Lauf des menschlichen Schicksals. Unabsichtlich provozieren wir den Zorn und die Strafe der Götter (Repräsentationen der Kräfte der Natur). Daher müssen wir kämpfen und ihre Martern ertragen, um zu der Harmonie zurückzukehren, die wir verloren haben.

Dies ist das Schicksal des Odysseus. Angesichts der furchterregenden Prüfungen, die ihm von Poseidon auferlegt werden, der ihn in eine Welt des Chaos, der Monster (Skylla und Charybdis) und besitzergreifender oder perverser Nymphen (Calypso, Circe, die Sirenen) stürzt – ganz zu schweigen von einem Besuch im Reich der Toten – kämpft der Seefahrer unermüdlich, um den Fallen zu entgehen und seinen Platz in der Ordnung der Welt zu finden. In tödliche Gefahren geschleudert, wird Odysseus zehn Jahre für seine Heimkehr brauchen.

Dies ist nicht bloß ein Vorwand für Homer, um sein Publikum mit phantastischen Geschichten zu unterhalten. Die lange Reise des Odysseus wird vorangetrieben vom unbesiegbaren Verlangen der Menschen, der „Brotesser“, dem Chaos zu entkommen und einen geordneten Kosmos zu finden. Ohne Zweifel liegen die Liebe zu Penelope und die Sehnsucht nach Ithaka seinem Wunsch nach Heimkehr zugrunde. Aber sie dienen nur als Beispiel für die Hoffnung, sich wieder in die Ordnung der Welt einzufügen. Nachdem er sein Vaterland gefunden und zurückerobert hat, wird Odysseus sich wieder in die Kette der Generationen einfügen können, ein Bruchstück der Ewigkeit.

Im letzten Abschnitt wird jeder Schritt der Rückeroberung Ithakas dem Gedächtnis eingeprägt, bis hin zum Massaker an den „Freiern“ (Usurpatoren Ithakas). Wie der Held von seinem Sohn Telemachos erkannt wird und wie sie einen sorgfältigen Racheplan entwickeln. Wie Odysseus bei seinem Haus ankommt, als Bettler verkleidet, und nur von seinem alten Hund Argos erkannt wird, der an der Freude stirbt. Wie er von seiner Amme Eurykleia erkannt wird, die eine alte Narbe sieht, ein Andenken an eine denkwürdige Eberjagd. Und dann ist da noch Penelope, verunsichert, besorgt, neugierig. Dann kommt der Moment der gerechten Rache in einer Orgie des Blutvergießens. Und die Wiedervereinigung mit Penelope ist endlich möglich. Dann greift Athene ein, die die Ankunft der „rosenfingerigen Morgendämmerung“ verzögert, damit die Nacht der Heimkehr länger dauert…

In der Odyssee lobt Homer nicht nur das Andenken der Helden. Er rühmt Eurykleia, Odysseus’ Amme, und Eumaios, seinen Schweinehirten, zwei untergeordnete Charaktere, die nichtsdestoweniger Beispiele für Intelligenz und Treue sind. Ihre Rolle bei der Rückeroberung Ithakas ist entscheidend. Dank Homer leben sie bis heute weiter.

Das Epos von der respektierten Weiblichkeit

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Homer: Die europäische Bibel, Teil 2

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Von Dominique Venner; die englische Fassung  Homer: The European Bible, Part 2 erschien am 8. September 2010 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

Zuvor erschienen: Teil 1

Zorn und Reue des Achilles

Nach zehn Jahren einer sehr langen Belagerung, zusammen mit Raubzügen in dem Gebiet, brachte ein Streit Agamemnon, den Anführer der achäischen Koalition, und Achilles, den berühmtesten Helden seines Lagers, gegeneinander auf. Seine Macht mißbrauchend, nimmt Agamemnon sich Briseis „mit den lieblichen Wangen“, die von Achilles geliebte junge Gefangene. So lautet die Einleitung und der Beginn des Gedichtes: „Singe, Göttin, von Achilles’ katastrophalem Zorn…“

Diese Göttin, welche das Epos singt, ist die Muse, deren Interpret der Poet ist, was die Bindungen mit der göttlichen Welt unterstreicht.

Von gerechter Empörung ergriffen, beschließt Achilles, nachdem er Agamemnon reichlich beschimpft hat, den Kampf abzubrechen und „sich in sein Zelt zurückzuziehen“ (eine viel imitierte Redewendung), wie es auch seine Gefolgsleute taten (die Myrmidonen).

Dieser Zorn des Achilles, des Haupthelden der Ilias zusammen mit dem Trojaner Hektor, ist der Angelpunkt des Epos. Sein Rückzug mit seinen Männern hatte sehr ernste Konsequenzen für die Achäer. Der Sieg ist ausgesetzt. Auf der Ebene unter den Mauern Trojas erleiden sie drei zunehmend katastrophale Niederlagen. Die Angreifer werden in die Defensive gedrängt. Sie müssen sogar ein befestigtes Lager um ihre Schiffe bauen. Dieser Rückzugsbereich wurde dann von den Trojanern angegriffen, geführt von Hektor, dem berühmtesten Sohn des Priamos. Es gelang dem Feind, die Schiffe der Griechen in Brand zu setzen und sie aufs Meer hinauszuschieben.

Während dieser ganzen harten Kämpfe, die das Epos mit Gemetzeln und Heldentaten füllen, ist die Abwesenheit von Achilles nichts als ein Zeichen, das seine Kraft und Macht bekundet. Die tapfersten der achäischen Führer – der massive Ajax, der ungestüme Diomedes, der gewitzte Odysseus – versuchen vergebens, ihn zu ersetzen.

In einer Nacht schwarzer Tragödie, zwischen zwei Desastern, sieht Achilles, während er in der Untätigkeit verfault, zu der er sich selbst verdammt hat, wie sich eine Gesandtschaft unter der Führung der beiden größten Führer der Armee nähert, Ajax und Odysseus. Bei ihnen ist der alte Phoenix, der versucht, ihn die Stimme seines Vaters hören zu lassen. Angesichts der Gefahr hat Agamemnon bereut. Er gab Briseis zurück und bot üppige Geschenke als Wiedergutmachung. Die Gesandtschaft scheitert. Achilles, der sich in Groll suhlt, setzt sich nun seinerseits ins Unrecht (Buch IX).

Am folgenden Tag erstürmten die Trojaner die Verteidigung der Griechen. Hektor setzt ein Schiff in Brand. Am anderen Ende des Lagers sah Achilles die aufsteigenden Flammen. Trotz seiner Halsstarrigkeit konnte er nicht gegenüber den Beschwörungen seines Freundes Patroklos, seines anderen Ichs, taub bleiben. Er schickte seine Truppen in den Kampf und kleidete Patroklos in seine eigene Rüstung. Dieser Gegenangriff treibt die Trojaner zurück. Doch Patroklos wird von Hektor getötet. Achilles’ Schmerz ist schrecklich. Aber es bringt ihn zum Leben zurück und setzt Wut und Rachedurst gegen Hektor frei, den Mörder von Patroklos.

So gibt es eine komplette Umkehrung der dramatischen Handlung, die durch den Rückzug von Achilles eingefroren worden war. Verrückt vor Schmerz kehrt der achäische Held in den Kampf zurück: „Wie ein großes Feuer, das durch die tiefen Täler der Berge tobt, den Wald verbrennt, vom wirbelnden Wind in alle Richtungen getrieben wird, sprang Achilles in alle Richtungen. Er zog aus wie die Nacht…“ (Buch XVIII). Nach einem heftigen Duell tötete er Hektor, zog dann dessen Leiche aus und schleifte sie hinter seinem Streitwagen durch den Staub.

Achilles und Helena gegen das Schicksal

Für Achilles kam zum Schmerz über den Tod seines Freundes die Gewißheit seines eigenen Schicksals. Eine alte Prophezeiung warnte ihn, daß er getötet werden würde, sobald er Hektors Leben nähme. Achilles wußte es immer. Anders als die anderen in der Schlacht getöteten Helden kannte er sein Schicksal im voraus und entschied sich dafür. Er unterwirft sich nicht in orientalischer Art dem Schicksal, sondern tritt ihm entgegen. Als junger Mann wurde ihm die Wahl geboten zwischen einem langen und friedlichen Leben fern von Hader, oder ein intensives Leben, das im Aufflammen der Schlacht abgekürzt wird. Er wählte letzteres, wodurch er den Männern der Zukunft ein Beispiel tragischer Größe hinterließ. Frei von Illusionen wußte er, daß er kein weiteres Leben haben würde: „Eines Mannes Leben,“ sagt er in Buch IX, „kommt nicht wieder; man kann es niemals festhalten oder wieder ergreifen, sobald es einem durch die zusammengebissenen Zähne entkommen ist…“ Es ist ein Gedanke, der uns noch heute anspricht.

Verglichen mit den heiligen Texten anderer Völker und Kulturen sind die Freiheit und Souveränität der Helden Homers einzigartig. Zugegeben, die Götter greifen in der Ilias ein, zu günstigen und ungünstigen Zeiten, aber ohne die Autonomie der Menschen wirklich aufzuheben. Ihre vielen Interventionen nehmen nur vorweg, was ohnehin geschehen wäre. Und es scheint wirklich, daß Homer sie nicht völlig ernst nimmt (außer vielleicht Athene), was bei Platos gestelzter und moralistischer Empfindsamkeit Anstoß erregte. In Wirklichkeit sind die Götter von Homer Allegorien der Kräfte der Natur und des Lebens.

Das letzte Buch der Ilias ist ein Drama der Umkehrung: als der alte Priamos kommt, um die Rückgabe der Leiche Hektors, seines Sohnes, zu erbitten, sieht man, wie Achilles zuläßt, mehr und mehr empfänglich für Mitleid zu werden. Verwandelt von seinem eigenen Leiden, erscheint der Held komplexer, als seine wilde Gewalttätigkeit vermuten ließ.

Es gibt mehr als Helden und Krieger in der Ilias; es gibt auch Frauen (Helena, Hekuba und Andromache), Kinder (Astyanax), alte Männer (Priamos). Es gibt mehr als nur tapfere Männer. Da ist Paris, dessen seltsame Liebe zu Helena der Ursprung des Trojanischen Krieges ist. In Ausführung des Willens von Aphrodite war er der Verführer und Entführer von Helena. Als unabsichtlicher Urheber des Krieges bringt er ihn auch zu einem Abschluß, indem er Achilles mit einem heimtückischen Pfeil tötet, eine Episode, die der Poet nicht berichtet, sondern die nur durch die Prophezeiung angedeutet wird, die Hektor im Moment seines Todes formuliert (Buch XXII, 359-60).

Paris, der oft feige und selbstgefällige Geck, ist das Gegenteil seines Bruders Hektor, den er täuscht. Hektor ist der pure Held, der Wächter Trojas, wohingegen Paris die „Plage seines Vaterlandes“ ist. Helena, die Frau, die er verführte und entführte, verachtet ihn und fürchtet sich nicht, ihn zu tadeln: „Du bist aus der Schlacht zurückgekehrt! Du hättest da draußen sterben sollen, unter den Hieben des starken Kriegers, der mein erster Ehemann war!“ (Buch III, 450-55). Sie verabscheut ihn, aber durch den Willen Aphrodites wird sie von seiner sexuellen Anziehungskraft kontrolliert. Wiederum erklärt Homer nicht, er erzählt, und was er sagt, ist voller komplexer Wahrheit.

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Homer: Die europäische Bibel, Teil 1

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Von Dominique Venner ; die englische Fassung Homer: The European Bible, Part 1 erschien am 7. September 2010 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

 

François Julien, einer der scharfsinnigsten Geister unserer Zeit, erinnerte sich:

„Als ich zur Schule ging, nannten die Leute mich und einen Freund ‚die Homeristen’ . . . Und ich war mehr und mehr davon überzeugt, daß man, wenn man die entscheidenden Kategorien des europäischen Denkens sucht (Kategorien des ‚Handelns“ wie auch des ‚Wissens’), weit eher zu Homer oder Hesiod gehen sollte als zu Plato . . . Vereinigt [die Ilias und die Odyssee], und ihr erhaltet die fundamentalen Umrisse der griechischen Philosophie.“ [1]

Wer war Homer? Lassen wir die gelehrten Debatten beiseite. Alles, was zählt, ist was die Alten dachten. Für sie gab es keinen Zweifel an der Realität des göttlichen Poeten. Gleichermaßen zweifelten sie nie an seiner doppelten Vaterschaft an der Ilias und der Odyssee.[2]

Die Relevanz und Überlieferung von Homer

Die Relevanz Homers wurde 2007 in einer Ausstellung hervorgehoben, die von der Bibliothèque Nationale de France organisiert wurde. [3] Sie präsentierte zum ersten Mal die reiche Sammlung ihres Cabinet des médailles. Wie Patrick Morantin, der Organisator der Ausstellung, schrieb:

„… zuerst müssen wir die Tatsache würdigen, daß ein Werk dieser Größe 3.000 Jahre überlebt hat. Welche Verehrung muß das Werk des Poeten begleitet haben, wie auch immer die Zeiten waren, daß dieses Opus die Kriege, Vandalismen, Unfälle, Zensoren und Ignoranz überlebt hat! Wie viele Werke der Spätantike gingen verloren, während wir heute die Ilias und die Odyssee in ihrer Gesamtheit lesen können!“

Und Morantin fügte hinzu: „Die Ilias ist vielleicht, zusammen mit dem Neuen Testament, das Werk, das wir aus der größten Zahl von Quellen kennen.“

Plato sagte, daß Homer „der Lehrer Griechenlands“ war. Daher war er auch der unsrige. Seine Werke, die zuerst mündlich weitergegeben wurden, gehen auf das 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück. Zwei Jahrhunderte später erstellten drei athenische Staatsmänner, besonders Peisistratos, die erste geschriebene Fassung, die daher auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. Später, fügen die Organisatoren der Ausstellung hinzu, zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung:

„war Homer an der Bibliothek von Alexandria der meiststudierte Autor, er war auch der erste, der eine echte kritische Bearbeitung erhielt. Diese kritische Bearbeitung begann mit Zenodotos von Ephesos in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. und fand ihren Höhepunkt mit Aristarchus von Samothrake in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts… Beginnend im 2. Jahrhundert v. Chr. wird der Text einheitlich. Das Werk der alexandrinischen Gelehrten hat einen Standard gesetzt, auf den sich von da an jeder bezog.

Die gemeinsame Quelle war die Ausgabe, die in Athen im 6. Jahrhundert auf Weisung von Peisistratos erstellt worden war.

Vom Mittelalter zur Renaissance

Die Erinnerung an die Epen war nach dem Ende des weströmischen Reiches verblaßt, ohne jedoch zu verschwinden:

Obwohl im mittelalterlichen Westen die Verbindung zu den Originaltexten von Homer unterbrochen war, hörte der Name des Poeten nie auf, verehrt zu werden, und seine Helden und deren Abenteuer wurden nicht vergessen. Homer nährte indirekt weiterhin die Phantasie des Mittelalters durch die traditionellen lateinischen Poeten wie Vergil, Ovid, Statius, die lateinischen Zusammenfassungen der Ilias, die apokryphen Bücher von Dares von Phrygien und Dictys von Kreta, die mittelalterlichen Ritterromane wie dem Troja-Roman von Benoît de Sainte-Maure und deren Prosaadaptationen . . . sodaß die Helden und Themen der Epen der gebildeten Öffentlichkeit bis in die Renaissance bekannt waren, als die Ilias und die Odyssee im originalen Griechisch wiederentdeckt wurden.

Paradoxerweise sorgte das byzantinische Reich trotz seiner Christianisierung:

„… für die Überlieferung der alten Autoren. Die klassische Tradition wurde so in Byzanz aufrecht erhalten, wo von 425 bis 1453 die Schulen von Konstantinopel ihre Säulen blieben. Dies ist der Grund dafür, daß es unangemessen ist, im oströmischen Reich von der „Renaissance“ zu sprechen. Im Westen andererseits war die Wiederentdeckung Homers eine bemerkenswerte Tatsache für die ersten italienischen Humanisten.“

Auf Ersuchen Petrarcas, der kein Griechisch beherrschte, wurde von 1365-66 die erste lateinische Übersetzung der Ilias erstellt.

Das entscheidende Ereignis war der Fall von Konstantinopel im Jahr 1453. Kurz zuvor hatten viele gelehrte Byzantiner Zuflucht in Italien gesucht. Daher erschienen in Florenz im Jahr 1488 die ersten griechischen Ausgaben der Ilias und der Odyssee. Die erste französische Übersetzung der Ilias erfolgte 1577 durch Breyer. (mehr …)

Europa und Europäertum

Mont St-Michel Bretagne

Von Dominique Venner. Das englische Original Europe and Europeanness erschien am 29. Juni 2010 hier.

Was ist Europa? Was ist ein Europäer?

Vom  geopolitischen und historischen Standpunkt aus wird Europa durch seine Begrenzungen definiert. Das Zentrum, der europäische Kern, wird von Nationen gebildet, die – wenn auch oft im Konflikt miteinander – seit dem Hochmittelalter eine gemeinsame Geschichte erlebt haben. Im wesentlichen sind das die Nationen, die aus dem Karolingischen Reich und seiner Umgebung entstanden sind, jene die mit dem 1957er Vertrag von Rom das “Europa der Sechs” gebildet haben:  Frankreich, Westdeutschland, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Jenseits davon sieht man einen zweiten Kreis Gestalt annehmen, der die atlantischen und nordischen Nationen wie auch Osteuropa und den Balkan einschließt. Zuletzt wird ein dritter Kreis privilegierter Allianzen auf Rußland erweitert.

Ich spreche hier absolut nicht von einem politischen Projekt. Ich spreche nur als Historiker, der auf eine Reihe von Realitäten hinweist.

Man könnte andere erwähnen. Das Donaureich der Habsburger war eine Realität.  Das baltische Europa genauso, auch wenn das auf den Mittelmeerraum nicht mehr zutrifft, der seit den arabischen Eroberungen aufgehört hat, eine Achse der europäischen Einheit zu sein.

Aber Europa ist etwas ganz anderes als der geographische Rahmen seiner Existenz.

Das Bewußtsein, zu Europa zu gehören, des Europäertums, ist weit älter als das moderne Konzept Europas. Es manifestiert sich unter den aufeinanderfolgenden Namen des Hellenismus, des Keltentums, des Romanismus, der fränkischen Reiches oder des Christentums. Als seit unvordenklichen Zeiten existierende Tradition ist Europa das Produkt einer vieltausendjährigen Kulturgemeinschaft, die ihre Besonderheit und Einheit von den sie verkörpernden Völkern und einem spirituellen Erbe ableitet, dessen höchster Ausdruck die homerischen Gedichte sind.

Wie die anderen großen Zivilisationen – China, Japan, Indien oder der semitische Osten – hat die unsere tiefe Wurzeln in der Prähistorie. Sie ruht auf einer spezifischen Tradition, die in veränderlicher Erscheinung die Zeiten durchquert. Sie wurde von spirituellen Werten geformt, die unser Verhalten strukturieren und unsere Vorstellungen nähren, selbst nachdem wir sie vergessen haben.

Wenn zum Beispiel die Sexualität universal ist, so wie der Akt des sich Nährens, so ist die Liebe in jeder Zivilisation anders, wie auch die Repräsentation der Weiblichkeit, der bildenden Künste, der Gastronomie und Musik. Sie sind die Reflektionen einer bestimmten spirituellen Morphologie, die auf mysteriöse Weise durch Blut, Sprache und das diffuse Gedächtnis einer Gemeinschaft übertragen wird. Diese Ausprägungen machen uns zu denen, die wir sind, und niemand anderem, auch wenn unser Wissen um sie verlorengegangen ist.

In diesem Sinne verstanden, ist Tradition das, was Individualität formt und erneuert, Identität begründet, dem Leben Sinn gibt. Sie ist keine Transzendenz, die außerhalb von einem selbst existiert. Tradition ist ein “Ich”, das die Zeit durchquert, ein lebender Ausdruck des Partikularen innerhalb des Universalen.

Der Name Europa erschien vor 2.500 Jahren bei Herodot und in der “Beschreibung der Erde” von Hekataios von Milet. Und es ist kein Zufall, daß dieser griechische Geograph die Kelten und die Skythen zu den Völkern Europas zählte und nicht zu den Barbaren. Dies war das Zeitalter, als das europäische Selbstbewußtsein erstmals unter der Bedrohung durch die Perserkriege entstand. Es ist eine Konstante der Geschichte: Identität wird aus der Bedrohung durch das “Andere” geboren.

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