Selbstverteidigung mit der Flinte (4)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 12/1994.

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1) und Teil 2 (das Heft mit Teil 3 habe ich leider nicht)

Die taktischen Verhaltensweisen sind das entscheidende Element, das den ernstfallorientierten Waffengebrauch vom Sportschießen unterscheidet. Die Waffen- und Munitionswahl, Waffenhaltungen, Anschlagarten oder das Vorgehen in unklarer Lage müssen stets vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Eine ernstfallbezogene Schießausbildung wird den praktischen Anforderungen erst gerecht, wenn sie neben der reinen Schießtechnik auch das taktisch erforderliche Verhalten vermittelt, das notwendig ist, um ein Feuergefecht erfolgreich zu überstehen. Dabei kann man diese Verhaltensmuster in allgemeine Regeln unterteilen, die immer gelten, unabhängig davon, welcher Waffenart man sich bedient, und in Spezialregeln, welche die Besonderheiten einer bestimmten Waffenart berücksichtigen.

In diesem Beitrag werden wir die allgemeinen Regeln nur am Rande betrachten und den Schwerpunkt auf das für den Umgang mit der Repetierflinte typische Verhalten legen. Es muß dabei im Auge behalten werden, daß sich die Schießtechnik zwar losgelöst von allen taktischen Verhaltensweisen trainieren läßt und daß man andererseits auch Taktiken einüben kann, ohne einen einzigen Schuß dabei abzugeben, daß aber beide Gebiete sich inhaltlich logischerweise beeinflussen. Schließlich wählt man im kampfmäßigen Schießen die einzelnen Technikbausteine, wie etwa die Schießhaltung, ja nicht nur nach den Kriterien einer guten Trefferleistung aus, sondern achtet darauf, daß derartige Bausteine im Einklang mit dem taktischen Gesamtverhalten stehen. Auch bei der Waffenhandhabung zeigt sich, daß im Ernstfall nicht die Handgriffe, die in hochspezialisierten Sportarten die letzten Sekundenbruchteile bringen, zweckmäßig sind, sondern daß Dinge wie Streßstabilität, Ausführbarkeit hinter Deckungen und ähnliches viel entscheidender sind. Im kampfmäßigen Schießen ist das Treffen eben kein Selbstzweck wie im Sport, sondern nur ein Element von mehreren, die den Ausgang eines Feuergefechtes beeinflussen.

Taktik überwiegt

Es lassen sich zwar keine Prozentzahlen angeben, die ausdrücken, wie groß der jeweilige Einfluß der Taktik oder der Schießtechnik auf den Verlauf einer Konfrontation sein kann, meines Erachtens überwiegt der Einfluß der Taktik aber deutlich gegenüber der reinen Schießtechnik. Und letztlich beeinflussen sich Taktik und Schießtechnik ja immer gegenseitig.

(mehr …)

Selbstverteidigung mit der Flinte (2)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10/1994.

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Das Beherrschen der Ladetätigkeiten und der Handhabung ist die Grundlage für die Schießausbildung mit der Repetierflinte. Vieles aus diesem Ausbildungsbereich ist für einen effizienten Feuerkampf gleichermaßen wichtig wie für die Sicherheit am Schießstand.

Auch wenn die Handhabung einer Repetierflinte auf den ersten Blick überaus einfach erscheint, gibt es doch eine ganze Reihe von Einzeltätigkeiten und Besonderheiten, die man nicht nur kennen, sondern auch praktisch beherrschen muß, wenn man ernsthaft in Betracht zieht, die Waffe im Notfall zur Verteidigung einzusetzen. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man auf dem Schießstand seine Flinte in Ruhe laden und schußbereit machen kann, um dann ein paar Schuß damit abzugeben, oder ob man seine Waffe im Streß einer Notwehrsituation wirklich beherrscht. Und gerade letzteres muß ja Ziel einer Ausbildung im Verteidigungsschießen sein, wenn eine solche Ausbildung nicht nur zu einer trügerischen Selbsttäuschung führen soll. Abgesehen davon ist eine Beherrschung der Waffenhandhabung unabdingbare Voraussetzung für einen sicheren und unfallfreien Umgang mit der Waffe.

Eine ausreichende Grundfertigkeit im Umgang mit der Flinte muß schon vor der Abgabe des ersten scharfen Schusses bestehen. Das betrifft vor allem das Laden und Entladen, sowie alle Handgriffe, die erforderlich sind, um die unterschiedlichen Grade der Schußbereitschaft an der Waffe zu erstellen oder zu verändern. Andere Tätigkeiten, wie das Beseitigen von Störungen oder das kontinuierliche Nachladen während des Feuergefechtes, können später im Rahmen der eigentlichen Schießausbildung erlernt werden. Beginnen sollte man auf jeden Fall mit dem systematischen Üben der elementaren Handgriffe.

Von den verschiedenen Lade-Methoden, die gelehrt und beschrieben werden, hat sich die folgende am besten bewährt: Die Flinte wird dabei zum Laden mit der rechten Hand am Kolbenhals gehalten, und die Patronen werden mit der linken Hand ins Magazinrohr geschoben. Diese Methode hat u. a. den Vorteil, daß sich die Flinte auf diese Weise unter den unterschiedlichsten Bedingungen am besten handhaben und kontrollieren läßt. Das wird vor allem deutlich, wenn man die Waffe im Liegen, hinter Deckungen oder unter räumlich eingeschränkten Verhältnissen nachladen muß, also etwa immer dann, wenn man Ladetätigkeiten im laufenden Feuergefecht auszuführen hat, wo man sich Platz und Körperhaltung kaum aussuchen kann, und die Zeiträume nutzen muß, die einem der Gegner läßt.

Praxisgerechtes Nachladen

In diesen Situationen wäre die ebenfalls oft beschriebene Methode – die Flinte mit der linken Hand am Vorderschaft zu halten und mit der rechten die Patronen zuzuführen – erheblich umständlicher. Die Tatsache, daß man mit der rechten Hand vielleicht etwas geschickter ist, wenn man die Patronen durch den engen Ladeschacht und gegen den Widerstand der Sperrklinken ins Magazinrohr schiebt, ist in diesem Fall nicht relevant. Wichtiger ist, eine Technik zu beherrschen, die im kampfmäßigen Schießen an alle denkbaren Situationen angepaßt werden kann.

(mehr …)

Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Winchester „Defender“, eine typische Vorderschaftrepetierflinte zur Selbstverteidigung.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 8-9/1994 (Titelbild von mir – Lucifex – eingefügt, restliche Bilder aus dem IWM-Artikel).

Will man sich eine Flinte zu Verteidigungszwecken zulegen, ist man schnell mit einer solchen Vielfalt an angebotenen Modellen konfrontiert, daß die Wahl zur Qual wird. Ähnlich wie bei anderen Waffen, ist es auch hier schwierig festzulegen, was grundsätzlich und für alle Fälle das ideale und allein seligmachende Modell ist, denn fast jedes weist eine andere Kombination von Eigenschaften auf, welche sich unter verschiedenen Einsatzbedingungen mal als Vor- und mal als Nachteil erweisen können. Nur eines ist mehr oder weniger sicher – eine Verteidigungsflinte sollte zumindest eine Repetierflinte sein.

Auch bei der Wahl einer Verteidigungsflinte sollte man bedenken, daß es ideale Verteidigungswaffen kaum gibt. Manche vermeintlich nachteilige Eigenschaften lassen sich jedoch durch ein Mehr an Ausbildung kompensieren, andere Nachteile sind durch geeignetes Zubehör zu beheben und andere Eigenschaften äußern sich nur unter ganz bestimmten Randbedingungen als ausgeprägte Vor- oder Nachteile. Die Wahl einer Verteidigungswaffe ist immer ein individueller Entscheidungsprozeß. In einem Beitrag, in dem es darum geht, Auswahlkriterien für eine Repetierflinte zu Verteidigungszwecken darzustellen, kann es also nicht Ziel sein, „die Flinte des Jahres“ zu wählen, sondern eher, die entscheidenden Waffeneigenschaften deutlich zu machen und zu bewerten. Dabei ist es auch wichtig, herauszustellen, welche Eigenschaften einer Flinte im Ernstfall entscheidend sind und welche weniger ins Gewicht fallen.

Ein Merkmal, das bei Repetierflinten der meisten großen Hersteller relativ variabel ist, ist die Lauflänge. Vor allem Mossberg und Remington bieten ein breites Sortiment an Läufen für ihre Flinten an, wobei für Verteidigungsflinten vor allem die kurzläufigen, kompakten Varianten – meist 46 cm bis 51 cm – in Frage kommen.

Flinten mit langen Läufen zu unhandlich

70 cm- bis 76 cm-Läufe bringen durch ihre längere Visierlinie nur bei bestimmten Einsatzzwecken, z. B. der Jagd auf hochfliegendes Flugwild, Vorteile, nicht jedoch in Verteidigungssituationen.

Waffen mit einer Gesamtlänge von über 1,2 m sind in den meisten realistischen Verteidigungslagen einfach zu sperrig. Bei der Annäherung an Ecken oder beim Anschlag hinter Deckungen und unter räumlich engen Verhältnissen macht sich jeder Zentimeter überflüssiger Lauflänge unangenehm bemerkbar. Und ballistisch bringen ein paar Zentimeter Lauflänge mehr oder weniger auch keine gravierenden Unterschiede.

(mehr …)

Die Wirksamkeit von Polizei- und Verteidigungsflinten

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus Heft 11-1990 des „Schweizer Waffenmagazins“.

Die meisten ballistischen Veröffentlichungen beziehen sich auf den Büchsen- und Faustfeuerwaffenschuß; sofern der Flintenschuß behandelt wird, steht fast immer der jagdliche Einsatz im Vordergrund und nicht die Verwendung von Schrot, Posten und Flintenlaufgeschossen für Polizei- und Militäraufgaben sowie Verteidigungszwecke.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Im kampfmäßigen Schießen mit Schrotgewehren sind vor allem zwei Typen im Gebrauch, Halbautomaten und Vorderschaftrepetierer. Obwohl auch die halbautomatiche Flinte ihre Vorteile wie z. B. schnellere Schußfolge und geringeren Rückstoß hat, ist dennoch die Vorderschaftrepetierflinte, Pump Gun oder Riot Gun (Riot = engl. Aufruhr) die am weitesten verbreitete Schrotflinte im Polizeieinsatz und in der Selbstverteidigung. Speziell bei der amerikanischen Polizei gehört diese Waffe zur obligatorischen Ausrüstung jedes Streifenwagens.

Für die manuelle Repetierversion spricht neben dem günstigen Preis die robuste, störunanfällige Konstruktion, die fast narrensichere Handhabung und die Möglichkeit, unterschiedliche Munition ohne Rücksicht auf den Gasdruck und den Mündungsimpuls verschießen zu können.

Um die ballistischen Daten dieser Waffen in Bezug auf bestimmte Einsatzbereiche beurteilen zu können, muß man sich einige grundsätzliche Gedanken zum Schrotschuß machen.

Da bei der Schrotladung nicht jedes Einzelgeschoß durch einen Lauf geführt wird, streben die Schrotkörner nach Verlassen der Mündung mehr oder weniger auseinander. Dieses Auseinanderdriften der Schrote wird weniger von der Lauflänge, als von der Mündungsbeschaffenheit beeinflußt. Jagdwaffen haben Mündungsverengungen, die als Chokes oder Würgebohrungen bezeichnet werden, um die Schrotgarbe enger beieinander zu halten, um somit größere Einsatzreichweiten zu erzielen. Solche Waffen zeigen als typisches Schußbild einen engen zentralen Garbenkern mit hoher Deckung.

Größere Flächendeckung durch Zylinderbohrung

Riot Guns haben eine zylindrische Mündung ohne Laufverengung (Zylinderbohrung), was bereits auf kürzere Entfernung zur Abdeckung einer größeren Fläche mit einer Schrotverteilung ohne ausgeprägte Kerngarbe führt.

(mehr …)

Hülsenfrüchte 1: Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen

CCI-Schrotpatronen im Kaliber .44 Magnum

Von Deep Roots, ursprünglich veröffentlicht am 9. Mai 2013 auf „As der Schwerter“.

In Büchsen-Licht (2): Unterhebelrepetiergewehre habe ich schon einiges über die Schrotpatronen gebracht, die es von CCI für mehrere Pistolen- und Revolverkaliber gibt (bei den Pistolenpatronen ist die blaue Schrotkapsel vorne abgerundet, außer bei der .45 ACP, bei der die Hülse nach vorn gezogen ist). Angeregt von Informationen aus dem VISIER-Sonderheft „Geschosse und Ballistik“, die vermuten lassen, daß diese Munitionsart bisher unterschätzt wurde, und ergänzt durch in der Zwischenzeit durchgeführte eigene Versuche, werde ich dieses Thema hier noch einmal näher behandeln. Zunächst bringe ich dazu einen bereits in „Büchsen-Licht 2“ auszugsweise zitierten Artikel von Dipl.-Ing. Manfred Ertl aus dem Septemberheft 1990 des Schweizer „Internationalen Waffen-Magazins“, hier jedoch in voller Länge und mit den Bildern daraus:

SCHROTPATRONEN IN FAUSTFEUERWAFFEN

Die Trommel eines „Chief’s Special“, geladen mit einer Schrotpatrone und vier Patronen mit Soft-Point-Geschossen.

Schrotpatronen für Faustfeuerwaffen sind nicht gerade eine Marktneuheit, haben aber ballistische Eigenschaften, die sie durchaus interessant machen. Ursprünglich wurden diese Patronen entwickelt, um mit Faustfeuerwaffen auf Kleintierjagd zu gehen und schwer zu treffende Giftschlangen abzuwehren. Sie sind unter Umständen aber auch in der Selbstverteidigung mit Schußwaffen geeignet, eine ballistische Lücke zu schließen.

Handelsüblich sind für Faustfeuerwaffen bestimmte Schrotpatronen in den Kalibern .22 L. R. bis .45 ACP. Da die kleineren Kaliber aber eine volumenbedingt geringe Schrotzahl haben, sind für den Selbstverteidigungsbereich in kurzläufigen Waffen nur die Kaliber .38 bis .45 interessant. Als repräsentative Waffen/Munitionskombination wurde ein 2“-Revolver Smith & Wesson Mod. 36 im Kaliber .38 Special verwendet, da diese .38er Snubnose-Revolver sich auf Grund ihrer Größe gut zum verdeckten Tragen eignen.

Die Testwaffe, ein .38er S & W Mod. 36 „Chief’s Special“ mit 2“-Lauf; hier mit vier Teilmantel-Flachkopfpatronen und einer CCI-Schrotpatrone.

Vergleichende Versuche mit anderen Kalibern und Lauflängen erbrachten folgendes:

– Die Lauflänge hat nur geringen Einfluß auf die Streuung und die Durchschlagsfähigkeit der Schrote.

– Patronen im Kaliber .45 ACP entsprechen in der Durchschlagsleistung ungefähr dem Kaliber .38 Special, erzielten aber etwas engere Streukreise.

– Das Kaliber .44 Magnum bringt aufgrund der größeren Schrotzahl (ca. 170 Kügelchen) eine bessere Deckung als die .38er-Patronen, Durchschlagsleistung und  Streukreise sind ungefähr gleich.

Zur Selbstverteidigung geeignete CCI-Schrotpatronen, v. l. n. r.: .38 Special, .44 Magnum, .45 ACP.

Da Revolver mit 6“-Läufen und schwere .44er auf Grund ihrer Dimensionen in der zivilen Selbstverteidigung kaum verbreitet sind, haben wir die weiteren Versuche mit dem kurzläufigen .38er „Chief’s Special“ durchgeführt.

Bei einer Schußentfernung von 5 m zeigten sich auf der Zehner-Ringscheibe (Durchmesser der Zehn: 100 mm) folgende Ergebnisse:

(mehr …)