Mesoamerika (5): Landwirtschaftliche Feste

Coatlicue, Mutter Erde, dargestellt in einer der erschreckendsten und zugleich faszinierendsten Skulpturen in der Welt. Sie ist eine von einem Paar, das im Hof des großen Tempels der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan stand. Bei der Zerstörung des Gebäudes wurde eine dieser Statuen umgestürzt und brach in Stücke, von denen viele verlorengingen. Die andere fiel augenscheinlich nur um und wurde während der letzten schrecklichen Schlacht mit Schutt und brennendem Holz bedeckt. Sie blieb darunter liegen und wurde weiter zugedeckt von der Erde, die seitdem den Boden des Zocalo bildete, des Platzes vor der heutigen Kathedrale von Mexico City. Im Jahr 1824 ließ William Bullock, ein englischer Reisender, das Gelände ausgraben. Seit der Eroberung Mexikos waren die Leute jedes Jahr während eines Herbstfestes mit Gaben von Früchten und Blumen gekommen, die sie auf dem Pflaster des Platzes niederlegten. Das war alles ganz harmlos und wurde als frommer Brauch im christlichen Sinn hingenommen. Die Indianer behaupteten, es läge etwas sehr Heiliges und Mächtiges darunter. Die Ausgrabung legte die riesige Statue der Mutter Erde frei. Ihren Kopf bilden die einander zugewandten Köpfe von zwei riesigen Klapperschlangen, und auch der Rock besteht aus sich windenden Schlangen. Um den Hals, der in Form einer Adlervase, in welche die Opferherzen geworfen wurden, gestaltet ist, trägt sie ein Halsband aus Herzen, Händen und einem Schädel. Die Hände der Opfer waren den Adligen beim rituellen Essen der Glieder vorbehalten, weil sie als besonders zart galten. Für die Azteken war dies Bildwerk wahrshceinlich nicht erschreckend, sondern einfach eine mächtige Erinnerung an die Kräfte von Mutter Erde, der sie ihren Erhalt verdanken.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); aus dem Kapitel „Landwirtschaftliche Feste“ des Buches DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von mir (Deep Roots) eingefügt.

Zuvor erschienen:

Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl

Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern (Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange (Kapitel „Quetzalcoatl: Die Gefiederte Schlange“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

Mesoamerika (4): Tezcatlipoca – Der Rauchende Spiegel (Kapitel „Tezcatlipoca: Der Rauchende Spiegel“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

Landwirtschaftliche Feste

Man glaubte, die Menschheit und die Götter seien Teil eines ewigen Zustands des Seins. Es scheint auch nicht die Spur eines Verlangens gegeben zu haben, die landwirtschaftlichen Erträge zu verbessern, Bewässerung einzuführen oder irgendwie anzudeuten, daß die Menschheit eine andere Beziehung zur Nahrungserzeugung hatte, als zu den vorgeschriebenen Zeiten zu graben und zu pflanzen. Wie lange diese einfache Landwirtschaft und die Kette von begleitenden Zeremonien unverändert angedauert hat, wissen wir nicht, aber 5000 Jahre dürfte wohl eine zurückhaltende Schätzung sein. Die Aufzeichnungen der Tempelbücher verleihen den fatalistischen Traditionen eine solche Stärke, daß jeder individuelle Beitrag unterdrückt wurde. Natürlich verstärkten solche Hemmungen dieses Gefühl, dem Schicksal völlig versklavt zu sein, die Reaktionen der Priester, welche die Götter bei den Festen personifizierten, und sie erreichten einen ekstatischen Zustnd, in dem die Scheußlichkeiten des Menschenopfers zum wesentlichen Teil des Lebens wurden.

Das ganze Leben enthielt ein gewisses Maß an Mühsal. Den puritanischen Azteken galt Glück immer als etwas irgendwie Ungehöriges, obwohl sie natürlich auch Tage der Freude und der Zufriedenheit erlebten. Nichtsdestoweniger lebte die Menschheit in dieser kulturellen Atmosphäre immer in der Furcht vor Göttern, immer in einem Zustand des Zweifels, was das Schicksal bringen würde. Trotz aller Bemühungen, das Schicksal mit Hilfe von Zauberbüchern und der Sterne vorauszusagen, war Unsicherheit in das System mit eingebaut. Ihren Höhepunkt erreichte sie bei den aztekischen Intellektuellen jedesmal, wenn alle 52 Jahre die Periode kam, in der der Sonnengott und seine Mächte Diener eines zurückgekehrten Quetzalcoatl statt Tezcatlipocas werden konnten.

Für die meisten Bauern waren die abstrakteren Züge der Götter nur in einem entfernten Sinn von Bedeutung. Ihre unmittelbare Sorge war die Notwendigkeit der Hilfe durch alle Kräfte der natürlichen Welt. Die Wassergöttin war offensichtlich sehr wichtig für sie, denn in diesem trockenen Land vertrauten se darauf, daß die Flüsse und Quellen das Land zwischen den Stürmen der Regenzeit feucht hielten. Die Winde, die den Boden zum Pflanzen trocken machten und die Regenwolken heranführten, wurden mit Quetzalcoatl als Ehecatl gleichgesetzt.

Unter der Erde war die große Herrin Coatlicue, die die Pflanzen wachsen ließ. Bei einer so wichtigen Pflanze wie Mais jedoch gab es eine ganze Reihe von Göttinnen und schließlich den Gott, der den Mais in allen seinen Wachstumsstadien repräsentierte. Gleichfalls gab es Geister, die für alle anderen lebenden Dinge sorgten. Dazu gehörten nicht nur die Geister der Toten, die als Schmetterlinge erschienen, sondern auch geringere Wesen, mehr von der Art der Feen in den europäischen Märchen. Sie waren in der Trockenzeit in kleinen Staubwirbeln sichtbar oder in der plötzlichen und unerwarteten Bewegung des Laubs von Pflanzen im ruhigen, heißen Wetter. Für den Bauern lebte und fühlte das ganze Universum; allerdings konnte er von diesen Mächten keine Hilfe erwarten, wenn er ihnen nicht gelegentlich kleine Opfer brachte. Man ließ einen Teil der Nahrung für die Geister zurück und schleuderte ein paar Tropfen Blut in die Richtung, wo man ihre Behausungen vermutete, in der Hoffnung, daß die Geisterwelt das Wachstum der Pflanzen unterstützen würde. Man glaubte nicht, daß sich diese Naturgottheiten mit der regelmäßigen Arbeitsroutine zufriedengaben, sie erwarteten vielmehr eine Opferung von Lebenskraft und Blut und manchmal auch Menschenopfer. Die Natur gab so viel, daß jeder verstehen mußte, wie sie am besten belohnt werden konnte. Selbst die Opferung eines Kindes erschien klein im Vergleich zu den Segnungen, die sie der ganzen Familie durch wachsende Erträge und durch die Schutzgeister spendete. Diese Haltung ist völlig unwissenschaftlich, aber der alte Mexikaner glaubte ja auch nicht, daß er die Kräfte der Natur ohne Beistand der Geister lenken konnte.

Anläßlich der großen Feste, je eins alle 20 Tage, ging die Bauernfamilie zum Dorftempel oder auch in die große Stadt und nahm dort mit Singen und Tanzen im richtigen Augenblick an den Feierlichkeiten teil. Man brachte kleine Opfer dar und nahm die Gelegenheit wahr, Waren zum Tausch auf den Märkten mitzunehmen.

Das Jahr war angefüllt mit einer Folge von Festen, von denen die wichtigsten im Zusammenhang mit dem Wachstum und der Entwicklung der Mauspflanze standen. Die traurigste aller dieser landwirtschaftlichen Feiern, Atlcoualo, wurde zu Beginn des Frühjahrs abgehalten, wenn es notwendig war, um Regen zu bitten. Sie fand Ende Februar statt. Jedes Stadtgebiet und jedes Dorf opferten in einer großen Zeremonie des Weinens ein ausgewähltes Kind. Es wurde mit Ried und Symbolen der Wassergeister geschmückt und auf einer Trage zum nächsten Fluß gebracht. Wenn die Zeit des Opfers kam, wurde das Kind geschlagen, so daß es weinte, und alle Leute brachen in Tränen aus, schlugen sich gegenseitig und trauerten. Die herabfallenden Tränen sollten die Regengötter anregen, herabzuschauen, Mitleid mit dem Volk zu bekommen und ihm Tränen von Wasser aus den Wolken zu spenden. Das Kind wurde dann mit großen Zereomnien ins Wasser geworfen und ertränkt, und unter großem Wehklagen gingen die Leute langsam zurück. Schwarze Kautschukbälle sandten ihre rauchenden Botschaften zum Himmel und zeigten den Regengöttern an, daß die Wolken erwartet wurden und Regen kommen sollte. Obwohl es die Leute nicht wissen sollten, leitete diese Zeit des Jahres natürlich eine Periode von Schauerwettern als Vorbote kommender Winde und des Frühjahrsregens ein. Sie müssen natürlich geglaubt haben, ihr tragisches Opfer sei die Ursache dafür, daß die Götter milde gestimmt worden waren und den Segen des Regens brachten.

Aztekische Steinfigur des Xipe Totec, gekleidet in das gräßliche Gewand des Kriegers nach dem Opfer der geschundenen Haut, das während des landwirtschaftlichen Festes Tlacaxipeualiztli stattfand. Einem Gefangenen wurde bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, und der Krieger, der den Gefangenen gemacht hatte, hüllte sich in diese Haut und tanzte. Diese Figur dürfte einmal in jeder Hand eine Rassel zur Begleitung des Gesangs gehalten haben. Die schauerliche Zeremonie symbolisierte das Aufbrechen der Haut des Maissamens, so wie der Krieger aus der verwesenden Haut des Opfers bricht.

Ein weiteres Stück Nachahmungsmagie gab es bei dem Fest Tlacaxipeualiztli. Ein in der Schlacht Gefangener wurde von seinem Bezwinger durch die Stadt geführt, und die Leute spendeten Nahrung und Kleidung. Dann wurde der Gefangene am Festtag Ende März zum Tempel gebracht, dort mit Drogen betäubt und lebendig enthäutet. Die Pulver, die man ihm gab, und der Weihrauch, der über ihn geblasen wurde, sollten den Schmerz des Versengens lindern, das dem Schinden vorausging. Dennoch lebte das Opfer, wenn auch halb ohnmächtig, während Schnitte um den Hals, die Arme und Beine und den Rücken entlang gemacht wurden, so daß die Haut vom Körper gerissen werden konnte. Der Leichnam wurde dann auf den Stein geworfen und das Herz herausgeschnitten. Das Herz wurde den Göttern geopfert und die Haut sofort von dem Krieger, der das Opfer ursprünglich gefangengenommen hatte, angelegt. Gekleidet in dieses schreckliche Gewand und mit einer aus der Gesichtshaut des Opfers gefertigten Maske, tanzte der Krieger, schwang seine Kriegskeule und rief den Himmel an um neues Leben und neue Kraft.

Nach ein paar Tagen trocknete die Totenhaut, riß und fiel in Stücke. Dabei war sie natürlich verwest, und der Gestank des faulenden Fleisches, das daran hing, war selbst den Mexikanern abscheulich, aber auch bei jedem Maissamen, den sie gepflanzt hatten, barsten ja die alten Häute. Die junge Maispflanze mußte ihren grünen Schößling aus dem anscheinend toten Samen herauszwingen; er mußte durch die goldene Haut brechen, wie der Krieger durch die gelbe Haut des Toten brach. So heilig waren diese Häute, daß sie am Ende des Festes sorgfältig eingesammelt und gebündelt wurden, um in einem Gewölbe unter einem Tempel von Xipe Totec, dem Gott des Leidens, aufbewahrt zu werden.

Diese Zeremonie erscheint uns entsetzlich, und augenscheinlich war sie auch für die Azteken abstoßend und bedeutungsvoll zugleich. Denn für sie war sie das Siegel unter dem Pakt zwischen der Menschheit und den Göttern. Der Mensch opferte den Göttern Leiden und Schmerz, seine eigene Arbeit auf dem Feld ebenso wie die Menschenopfer, als Dank für die Nahrung, die aus den jungen Maispflanzen kam. Es gab kein Entrinnen: die Götter spendeten Leben, und die Götter verlangten einen gewissen Anteil des Lebens zurück.

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Mesoamerika (4): Tezcatlipoca – Der Rauchende Spiegel

Dieser außergewöhnliche Kopf zeigt den Gott Xipe Totec in der Gestalt eines Kriegers, der als Maske die abgezogene Haut eines geopferten Gefangenen trägt. Xipe Totec war eine der Erscheinungsformen Tezcatlipocas, die sich besonders mit Leiden und Opfern identifizierte. Der Hinterkopf (rechts) trägt das Hauptsymbol Tezcatlipocas, den Rauchenden Spiegel. Rauch und eine Flammenzunge steigen aus dem runden Spiegel, auf dem kleine Büschel von Flaumfedern befestigt sind. Diese flaumigen Adlerfedern wurden auf Schnittwunden im Körper des Opfers geworfen. Sie mußten am Blut kleben bleiben und sollten dadurch helfen, das Opfer mit den Sternen und den Himmeln zu vereinen.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Tezcatlipoca: Der Rauchende Spiegel“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von mir (Deep Rootx) eingefügt.

Zuvor erschienen:

Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl

Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern (Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange (Kapitel „Quetzalcoatl: Die Gefiederte Schlange“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

TEZCATLIPOCA: DER RAUCHENDE SPIEGEL

Das Leben im alten Mexiko beruhte zum großen Teil auf der Verehrung der Götter, aber sie waren keineswegs alle freundlich oder hilfreich. Der mächtigste der Erdgeister war Tezcatlipoca, dessen Name „Rauchender Spiegel“ bedeutet, was sich auf einen aus Obsidian, einem vulkanischen Glas, gemachten Spiegel bezieht, auf den Seher zu starren pflegten, bis sie in Trance fielen. Dann sahen sie auf der schwarzen glänzenden Oberfläche Bilder, welche die Zukunft des Stammes und den Willen der Götter enthüllten. Die Azteken glaubten an diese mächtige Art des Zaubers, der ihnen von diesem schattenhaften Gott gewährt wurde. Tezcatlipoca gab ihnen Kontrolle über die anderen Völker; er versprach dem aztekischen Volk die Herrschaft über ganz Anahuac von den Wüsten des Nordens bis zu den Gebirgen im Süden, vom Pazifischen Ozean bis zum Karibischen Meer. Dieser große Mächtige erreichte seinen Zweck durch die Kampfkraft der aztekischen Heere und die klugen taktischen Entscheidungen ihrer Großen Sprecher.

Spiegel aus poliertem schwarzem Obsidian. Ein Wahrsager setzte sich vor einen solchen Spiegel, starrte hinein und sah dann Rauchwolken, die sich teilten und eine Vision freigaben – daher der Name „Rauchender Spiegel“, der untrennbares Symbol des „Schattens“ wurde, des unbewußten Teils der menschlichen Psyche, die ihren Ausdruck im Gott Tezcatlipoca fand.

Tezcatlipoca war der Vertreter der von der Sonne durchquerten Himmel. Im Hochsommer, beim höchsten Stand der Sonne am südlichen Himmel, war er der besondere Patron der Azteken unter dem Namen Huitzilopochtli, „Blauer Kolibri zur Linken“. Vielleicht stammt dieser Name vom Starren in die Sonne, denn wenn man die Augen danach schließt, erscheint im Auge ein Flecken Blau, und zwar „zur Linken“, wenn man in die Richtung der Sonnenbahn, das heißt von Ost nach West, schaut.

Am Nachthimmel war das Symbol des Gottes Tezcatlipoca in dem Sternbild zu sehen, das wir Großer Bär nennen. Für die Azteken war es die Spur seines einen Fußes, den anderen hatte er verloren, als er im Titanenkampf vor der Erschaffung des Menschen die Erde aus den Wassern zog. Der Gott verführte die Mutter Erde, an die Wasseroberfläche zu kommen, und zog sie mit seinem riesigen Fuß fort. Das Riesenungeheuer biß ihm den Fuß ab, er seinerseits riß der Erde den Unterkiefer aus, und sie sank nie wieder in die Wasser zurück. Auf ihrem zerklüfteten Rücken wurden alle Stämme der Menschen geschaffen und lebten dort.

Der Gott, der die Erde aus den Wassern gezogen hatte, war jedoch kein Gott der Güte, und wegen seiner Unvollkommenheiten konnte er niemals den Polarstern, das Symbol für die göttliche Dualität, erreichen. Statt dessen humpelte er auf seinem einen Fuß um den Polarstern herum und bildete so die zirkumpolare Bahn des Großen Bären am Himmel.

Der Menschheit blieb nichts anderes übrig, als mit diesem furchterregenden Wesen zu koexistieren. Es ist ungewöhnlich, daß ein Volk sich dem Dienst an einem Demiurgen weiht, den wir nach europäischem Verständnis als in der Wurzel böse betrachten würden. Die einzige mögliche Parallele findet sich bei einigen ägyptischen Königen der Frühzeit, die Set, den Geist der Wüste und ihrer Schrecken, verehrten. Tezcatlipoca vertritt, psychologisch ausgedrückt, was man „den Schatten“ nennen kann, die Seite unserer menschlichen Persönlichkeit, der wir nicht offen begegnen mögen und die wir folglich vor uns selbst verbergen.

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Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange

Dieser Muschelkopf stammt vielleicht aus dem Muscheltempel des Quetzalcoatl in Tollan. Er zeigt den Gott, wie er aus dem Rachen der Erde aufsteigt. Der schwere schwarze Bart ist etwas Besonderes bei Indianern.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Quetzalcoatl: Die Gefiederte Schlange“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von mir eingefügt.

Zuvor erschienen: Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl sowie Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern mit dem Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus demselben Buch von Cottie Burland.

 

QUETZALCOATL: DIE GEFIEDERTE SCHLANGE

Quetzalcoatl, die Gefiederte Schlange, Herr des Heilens und der Zauberkräuter, Symbol der Gelehrsamkeit, der Dichtkunst und aller schönen Dinge, Herr der Hoffnung und glänzender Herr des Morgensterns, war der Geist, der am Morgen die Sonne in den Himmel holte und damit allen Menschen, Tieren und Pflanzen die segensreiche Macht des Sonnengottes brachte. Als eine der bedeutendsten Gestalten in der Religion des präkolumbischen Mexiko war Quetzalcoatl, ähnlich wie der englische König Arthur, sowohl eine wirkliche Person wie ein Mythos. Der König Quetzalcoatl war der Begründer eines Reichs und einer Lebensform, die sich von der anderer mexikanischer Kulturkreise vor allem durch seine tiefe Religiosität unterschied. Sein größter Erfolg war die Bildung eines Bundes von Stammesgruppen unter der Herrschaft der Toltekenfamilien.

Die Geschichte des ersten großen Königs Quetzalcoatl erzählt, wie er vom Himmel auf die Erde kam und eine Herrschaft unter dem mexikanischen Volk begründete. Er lebte als keuscher, heiliger Priester, bis ein Streit unter den Göttern zu seiner Vernichtung führte. Während einer großen Zeremonie wurde ihm ein starker Trank aufgenötigt, dem der Zauberpilz zugesetzt war. Von der dämonischen Göttin, die den Pilzen innewohnt, verführt, ergriff er sie und paarte sich mit ihr während des Festes. Als er aus dem Giftschlaf erwachte, erkannte er, daß er sich selbst verdammt hatte. Er gab alle seine Paläste auf und wanderte quer durch Mexiko, bis er nackt an der Küste des Karibischen Meers ankam. Dort schiffte er sich auf einem Floß aus Schlangenhäuten ein und segelte weit fort, dem Sonnenaufgang entgegen, bis die starke Hitze das Boot entzündete und sein Herz sich im Flug in die Sonne erhob.

Es gibt ein Bild dieses Geschehens im Wiener Kodex. Es stellt eine wirkliche Sonnenfinsternis dar, bei der der Planet Venus dicht bei der Sonne steht. Da das ein äußerst seltenes Ereignis ist, konnte die Königliche Sternwarte von Greenwich es datieren: der 16. Juli 750 – ein genaues historisches Datum für den Tod eines göttlichen Königs, der in das Reich der Mythologie eingetreten ist. Gemäß dem Wiener Kodex folgte auf den ersten großen Herrscher eine Reihe von neun toltekischen Königen, die alle Quetzalcoatl hießen. Jeder wird dargestellt, wie er bei seiner Thronbesteigung ein Feuer entzündet, und jedem wird die Errichtung von Tempeln und Bädern zugeschrieben. Von jeder königlichen Nachfolge wird sehr sorgfältig berichtet, so daß es möglich war, die ganze Linie der Toltekenkönige zu datieren. Sie endete mit dem Fall von Tula unter dem letzten Quetzalcoatl im letzten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts.

In den Geschichten seiner irdischen Abenteuer wird Quetzalcoatl als ein sexuell potenter Mann geschildert, der seine Energien aufstaute, bis er von der Göttin Tlazoteotl verführt wurde. Alle Beschreibungen seiner Person sagen, daß er aktiv und kraftvoll war und einen riesigen Penis besaß. Er trug ein besonderes Lendentuch mit abgerundetem Ende, anscheinend als Beutel für dieses prächtige Glied. Auf einem Bild des Codex Laud (jetzt in Oxford, Bodleian Library) sieht man ihn als Wind, der ins Wasser bläst. Im Wasser sitzt die jüngere Mondgöttin und zeigt ihm ihre offene Vulva. Der Sinn dieser Darstellung ist, daß Quetzalcoatl die Göttin mit dem fruchtbarmachenden Atem des Lebens schwängert.

Der Gott Quetzalcoatl war auch der Herr des Lebens, der Bußfertigkeit, Liebe und Befreiung von Opfer und Blutopfer brachte und daher eine Gestalt göttlicher Weisheit und Liebe war. Aus diesem Grunde war er schon für die frühen spanischen Missionare nicht völlig dämonisch, obwohl er häufig unter der seltsamen Maske einer mit den grünen Federn des Quetzals bekleideten Schlange erschien.

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Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern

Dieser mächtige Kopf ist einer von mehreren in La Venta. Sie sind alle gleich geheimnisvoll. Vielleicht sollten sie planetarische Gottheiten darstellen; aber es gibt keine sichere Erklärung ihrer Funktion. So sind sie für uns einfach glänzende Beispiele der Kraft olmekischer Kunst. Diese Kunst hatte später großen Einfluß.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von Deep Roots für die Veröffentlichung auf „As der Schwerter“ eingefügt.

Zuvor erschienen: Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl.

Land zwischen den Wassern

Mexiko trug in alten Zeiten den Namen Anahuac, was einfach „Land zwischen den Wassern“ bedeutet. Es ist ein Bergland zwischen dem Karibischen Meer und dem Pazifik. Im Westen bilden die Kordilleren einen Teil der großen Gebirgsketten, die sich von Alaska bis nach Feuerland an der Südspitze des amerikanischen Kontinents erstrecken. In Mexiko teilen sich die Ketten und schließen ein Hochland ein, auf dem sich ein großer Teil der Geschichte des Landes entwickelte und in dessen Herzen heute Mexiko City liegt. In alten Zeiten waren die Küstenstriche dicht bewaldet, die Hochebene bestand meist aus Grasland. Die wenigen Flüsse waren reißend, und das Klima war beständig mit einem heißen, feuchten Sommer, einem kurzen Winter und einer sonnigen Trockenzeit im ersten Jahresviertel.

Die Bevölkerung Mexikos bestand ganz aus Indianern. Es gab viele unterschiedliche Stämme, alle mehr oder weniger braunhäutig, von ziemlich kleiner Gestalt, mit braunen Augen und glattem, glänzend schwarzem Haar. Von Anbeginn an gab es bei den Indianern ein Gemisch von Körpertypen; einige waren stämmiger gebaut als andere, und einige hatten lange Schädel, andere breite. Die Unterschiede waren nicht stammesbedingt; sie kamen in jedem Stamm vor und zeugten von der rassischen Vielfalt der Indianer insgesamt.

Die ersten Indianer müssen nach Amerika über eine eisfreie, aber bitterkalte Ebene gekommen sein, da wo jetzt die Beringstraße den Weg versperrt. Diese Leute drangen langsam südwärts vor, jagten Wild und sammelten Früchte. Es gibt klare Hinweise dafür, daß dies vor wenigstens 27.000 Jahren begann, und neuerliche Funde deuten sogar auf noch frühere Bewegungen bis vor 50.000 Jahren hin.

Der Schlüssel für den Anfang der Kultur war die Entdeckung der Landwirtschaft. Wie im alten Iran Weizen und Gerste, so wurde im nördlichen Mexiko Mais entdeckt; und zwar offensichtlich vor etwa sieben- bis achttausend Jahren. Der Mais, der damals nur zwei Körner trug, ist durch menschliche Mühe zu der prächtigen Pflanze mit den großen Kolben geworden, die wir heute kennen. In jener frühen Zeit taten die Stämme, die zwischen Perioden des Jagens ein paar Stückchen Land mit Mais bepflanzten, die ersten Schritte auf eine neue, beständige Lebensweise zu.

Die Entwicklung landwirtschaftlicher Siedlungen in Mexiko ging langsam vor sich, und erst von 1800 v. Chr. an gibt es Zeugnisse für dörfliches Leben. Diese frühen Siedlungen bestanden aus nichts weiter als ein paar zusammengewürfelten Hütten aus Adobeziegeln. Dennoch haben Archäologen an diesen Stellen viele sehr schöne, aus Steatit geschnittene Kochschalen gefunden. Ein paar Jahrhunderte später jedoch trat Tonware an deren Stelle. Alle Dörfer fertigten Tierfigurinen, wahrscheinlich für einen Fruchtbarkeitskult. Aus ihnen geht hervor, daß die Frauen, abgesehen von Schmuck und Körperbemalung, nackt waren, während die Männer meist ein Lendentuch trugen. Die Hauptnahrung war Mais, aber zusätzlich ließen sich Früchte und Fleisch leicht besorgen. Da die Dörfer des Hochlandes ebenso wie entferntere Gegenden beträchtliche Stilunterschiede aufweisen, muß man annehmen, daß Mexiko in den frühen Jahrhunderten seiner Geschichte von vielen kleinen, unterschiedlichen Menschengruppen bevölkert war.

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Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte

Transpazifische Kontakte zwischen Asien und Amerika. Diese Weltkarte stand 1974 in der Mexiko-Ausstellung des New Yorker Museum of Natural History und zeigt die Routen, auf denen eine mögliche Kontaktnahme zwischen Asien und Amerika erfolgte (Entwurf Dr. Gordon Ekholm)

Von Deep Roots, unter Verwendung von Auszügen und Bildern aus dem Buch „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“).

Der zweiteilige Artikel Eine wunderbare Rasse – Teil 1 und Teil 2 sowie die dort entstandene Diskussion haben mich dazu isnpiriert, eine kleine Artikelserie über die kulturelle Entwicklung des präkolumbischen Mesoamerika sowie spekulative Möglichkeiten nichtindianischer Einflüsse in früh- und vorgeschichtlicher Zeit zu bringen. Dieser erste Teil beruht auf dem Buch Tai Ki – Die Reise zum Ort ohne Wiederkehr des österreichischen Journalisten Kuno Knöbl (Verlag Fritz Molden 1976, Best.-Nr. 2422). Dieser hatte im Jahr 1974 eine Expedition mit dem Nachbau einer Dschunke aus der Zeit vor 1900 Jahren unternommen, um in der Art Thor Heyerdahls die Möglichkeit solcher Reisen zu beweisen. Die Bilder samt teilweise gekürzter Bildunterschriften stammen aus diesem Buch. Man beachte übrigens auf der obigen Karte die dargestellte Kulturabfolge von Altmesopotamien vor 5200 Jahren über die Induskultur vor 4300 Jahren und die altchinesische Kultur vor 3800 Jahren bis zur möglicherweise von letzterer beeinflußten mesoamerikanischen Kultur (in dieser frühen Zeit also der Olmeken) vor 3200 Jahren. Diejenige der indogermanischen Tocharer, die vor etwa 4000 Jahren nördlich des Himalaja entstand, dürfte in den 1970ern noch kaum oder gar nicht bekannt gewesen sein. Und zu den Trägern der allerersten bekannten Hochkultur in Mesopotamien gehörten die Hethiter, die vor etwa 5000 – 6000 Jahren dort einwanderten und deren Sprache sich vor ungefähr 8700 Jahren aus dem Proto-Indoeuropäischen zu entwickeln begann.

Als Kuno Knöbl sich im Februar 1966 als Kriegsberichterstatter in Vietnam aufhält, besucht er das Museum von Hue, begleitet von seinem Fremdenführer. Dort stößt er in einer Vitrine auf dunkle Stoffstreifen, an denen schwarze Schnüre zu einem seltsamen Netz verknüpft befestigt sind. Auf seine Frage erklärt ihm sein Fremdenführer, daß dies die Überreste einer Knotenschrift seien, die man irgendwann einmal verwendet habe, um geheime Aufzeichnungen zu machen. Knöbl erinnert sich an die Knotenschnüre der Inkas, die sogenannten Quipus, und daran, daß auf den Ryukyu-Inseln zwischen Japan und Taiwan immer noch solche Knotenschnüre in Gebrauch sind. Seines Wissens gab es so etwas nur in Ostasien und in Südamerika, und der Gedanke, daß es irgendwann in der Vergangenheit Kontakte zwischen Asien und Amerika gegeben haben könnte, worauf auch verblüffende Ähnlichkeiten mancher Bauten in Indochina, zum Beispiel in Angkor, mit Ruinen in Mittelamerika hindeuten, läßt ihn nicht mehr los. Er vertieft sich in die Lektüre zu diesem Thema und nimmt auch Kontakt mit Professor Robert Heine-Geldern auf, dem ehemaligen Ordinarius für Völkerkunde der Universität Wien. Dieser ist bereits selbst auf diese Ideen gekommen, und obwohl er nichts von Knöbls Idee eines praktischen Beweises durch eine Fahrt mit dem Nachbau einer altchinesischen Dschunke hält, weil er glaubt, daß die vorhandenen archäologischen Beweise sowieso in den kommenden Jahren durch weitere Funde bestätigt werden würden, unterstützt er ihn in seinem Vorhaben. Der Bau einer Dschunke wird geplant, für die man auch bald einen Namen findet: Tai Ki.

Lassen wir nun Kuno Knöbl selbst erzählen:

Aus dem 1. Kapitel, „Dem Traum folgen“

[….]

Tai Ki, das bedeutete (und bedeutet) auf chinesisch „Das Große Eine“, „Das Große All“. Das entsprechende Ideogramm stellt einen Kreis dar, durch eine S-Linie in zwei flächengleiche Hälften geteilt. Und dieses Zeichen entdeckte der französische Forscher E. T. Hamy – in Zentralamerika, in Copan.

Eine zufällige Übereinstimmung? Die Kombination eines Gelehrten, dem die Phantasie durchgegangen war? Oder ein Schlüssel zu einem der vielen ungelösten Geheimnisse der altamerikanischen Geschichte? In Copan fanden sich noch andere, noch verblüffendere Hinweise.

Copan, in Honduras nahe der guatemaltekischen Grenze gelegen, ist eine der bedeutendsten Fundstätten der Maya-Kultur. Die völlig überwachsenen Ruinen am Copan-Fluß wurden von dem Spanier Don Diego Garcia de Palacio entdeckt. In einem Brief vom 8. März 1576 beschrieb er sie seinem König Philipp II. Dann gerieten sie in Vergessenheit. Mehr als 250 Jahre schlummerten sie unter dem Tropendschungel. 1834 war Copan Ziel der ersten Expedition unter der Leitung des Iren John Gallagher, der seinen Namen auf Juan Galindo hispanisiert hatte. Doch die Berichte und Publikationen des irischen Spaniers wurden kaum wahrgenommen – Copan blieb vergessen, bis der Amerikaner John Lloyd Stephens, Diplomat, Geschäftsmann, Händler, archäologischer Laie, Weltreisender und Präsident der Panama-Eisenbahn, kam und Copan „wirklich“ entdeckte. Seine Reisen durch Zentralamerika und Yukatan, die er 1842 in dem gleichnamigen Buch beschrieb, legten den Grundstein für die moderne Erforschung des präkolumbischen Amerika. Eine neue, bis dahin praktisch unbekannte Kultur, die der Mayas, trat ans Licht. Stephens’ Begleiter, der englische Maler und Architekt Frederick Catherwood, hielt die atemberaubende fremdartige Architektur, die da unter dem tropischen Urwald verborgen war, auf dem Zeichenblock fest. Ihm danken wir die ersten – und manchmal auch einzigen – Darstellungen vieler Kunstwerke aus diesem Raum.

Der erste, der sich systematisch und wissenschaftlich mit Copan beschäftigte, war der Engländer Alfred Percival Maudslay. Er begann die Ruinen zu registrieren, zu studieren unter anderem auch die Stele B, die als „Elefantenstele“ berühmt wurde. Diese reich geschmückte Bildsäule aus Stein neben dem Tai-Ki-Zeichen sollte zum Mittelpunkt heftiger Diskussionen werden. Sie befindet sich in der Mitte des sogenannten Großen Platzes. An der Vorderseite eine Figur, würdevoll, ein Mann mit mongolischen Gesichtszügen, geschlitzte Augen, ein kurzer Bart, hohe Backenknochen. Auf dem Kopf trägt die Figur einen gewundenen orientalischen Turban – ebenso wie viele andere kleine Figuren, die sich links und rechts, gleichsam als Ornamente an der Stele befinden. Schon sehr bald schlossen damals Wissenschaftler auf eine asiatische Herkunft der Figur. „Die Ornamente“, schreibt N. Arnold, „sind so eindeutig orientalisch, daß kein Zweifel an ihrer Herkunft bestehen kann. Das Gesicht der Figur ist ein Gesicht, das man auf Steinfiguren in Kambodscha oder Siam sehen kann. Die Kleidung, die Ornamentik, die turbanartige Haartracht, die man sonst nirgendwo gefunden hat, sind rein indochinesisch.“

Die bewußte Stele zeigte noch anderes. Schon Stephens hatte bemerkt: „…zwei große Ornamente am oberen Teil sehen aus wie Rüssel eines Elefanten, eines Tieres, das hierzulande unbekannt ist.“ Und damit nicht genug: In der auf dem „Elefanten“ hockenden Figur vermeinte man einen Mahout, einen Elefantentreiber, zu erkennen, in seinem Kopfputz einen Turban. Eine rege Diskussion entspann sich. Wie und woher kam der Elefant nach Amerika, wo es – außer den eiszeitlichen Mammuts – nie seinesgleichen gegeben hatte? Die Gegner der Elefanten-These sprachen von Vogelschnäbeln, Tapirrüsseln oder einfach von schlichten Ornamenten, die nichts Bestimmtes darstellen sollten.

Elefanten in Amerika? Im Urwald von Honduras befindet sich die Ruinenstadt Copan, im 5. Jh. n. Chr. ein bedeutendes Zentrum der Maya-Kultur. Dort steht eine Stele, die einen Elefanten mit Rüssel und Ohren, ja sogar mit „Mahouts“ zu zeigen scheint. Elefanten hat es aber in Amerika nie gegeben. Das Mammut starb mit dem Ende der Eiszeit aus. Ist also die „Elefantenstele“ ein Beweis für Kulturkontakte zwischen Asien und den indianischen Hochkulturen? Die Zeichnung oben links sowie die Photographie oben rechts stammen von dem Engländer Maudslay.

Der Bericht Arnolds goß sofort Öl in das damals schon schwelende Feuer im Gelehrtenstreit – nämlich in die Auseinandersetzung zwischen jenen, die Amerikas Kulturleistungen als absolut eigenständige betrachteten, und jenen, die meinten, die Entstehung der amerikanischen Hochkulturen sei zumindest Impulsen aus Asien zu verdanken.

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Robert Heinleins Sternenkrieger (4): Geschichte(n) und Moralphilosophie

Von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“).

Dies ist Teil vier meiner Reihe über „Sternenkrieger“ von Robert Anson Heinlein (deutsche Erstausgabe von 1979 ISBN 3-404-01280-1, übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Zuvor hier erschienen: Kapitel 1, Kapitel 2 und Kapitel 3.

In weiterer Folge werde ich nur noch Ausschnitte aus dem Buch zitieren, ergänzt um meine eigenen Überleitungen und Anmerkungen. Der erste Abschnitt bietet einen aufschlußreichen Vergleich zu Verhoevens Film, wo man anhand der „Messerwurf-Ausbildungsszene“ erkennen kann, in welch verzerrender Weise Verhoeven von der Romanvorlage abgewichen ist:

Aber das passierte, nachdem wir Camp Currie bereits verlassen hatten und schon ein gutes Stück in der Ausbildung vorangekommen waren. Vor allen Dingen in der Gefechtsausbildung – Gefechtsübungen und Gefechtsdrill und Gefechtsmanöver, in denen alles zum Einsatz kam, was man als Waffe verwenden konnte, angefangen bei der bloßen Hand bis hinauf zur simulierten Atomwaffe. Ich hätte nie geglaubt, daß es so viele Möglichkeiten gibt, sich zu verteidigen! [….] Als sich unsere Reihen lichteten, kümmerte Zim sich nicht mehr um die Verbandsausbildung, nahm nur noch die Appelle und Paraden ab und widmete sich immer mehr der Einzelausbildung. Und er unterstützte die Unteroffiziere beim Unterricht. Er war perfekt im Umgang mit jeder Waffe, aber sein Lieblingskind war das Messer, das er selbst zurechtgeschliffen und ausbalanciert hatte, obwohl das Gerät, das wir in der Waffenkammer erhalten hatten, keine Wünsche offenließ. Als Einzelausbilder wurde er sogar sympathischer, war nicht mehr so ein Widerling, sondern nur noch unerträglich. Er konnte sehr viel Geduld haben, wenn man ihm dumme Fragen stellte.

Zum Beispiel, als einer von den Jungs in einer der zweiminütigen Pausen, die sparsam über den Tag verteilt waren – ein Bursche namens Ted Hendrick – fragte: „Sergeant? Ich kann mir denken, daß Messerwerfen Spaß macht… aber warum müssen wir das lernen? Was können wir denn damit anfangen?“

„Nun“, erwiderte Zim, „nehmen wir mal an, du hast nur ein Messer? Oder nicht einmal ein Messer? Was tust du dann? Sprichst ein Gebet und stirbst? Oder versuchst du es trotzdem und wehrst dich mit Erfolg? Hier geht es immer ums Ganze – es ist kein Damespiel, wo du einen Stein opfern kannst, wenn du dich im Nachteil zu befinden glaubst.“

„Aber das meine ich doch gar nicht, Sir. Nehmen wir mal an, ich habe überhaupt keine Waffe. Oder nur einen von diesen Dolchen. Und der Gegner, den ich vor mir habe, ist ein wandelndes, tödliches Waffenarsenal. Daran kann man doch nichts ändern! Da kann man doch nur noch beten!“

Zim erwiderte nachsichtig: „Du hast das ganz falsch begriffen, mein Sohn. Es gibt nichts, was man als ‚gefährliche Waffe’ bezeichnen könnte.“

„Wie bitte, Sir?“

„Es gibt keine gefährlichen Waffen, sondern nur gefährliche Männer – gefährlich für den Gegner, solange ihr noch eine Hand oder einen Fuß besitzt und am Leben seid. Wenn ihr nicht versteht, was ich meine, dann lest einmal ‚Horatius an der Brücke’ oder ‚Der Tod von Bon Homme Richard’; beide Bücher stehen in unserer Lagerbibliothek. Aber kommen wir auf den Fall zurück, den du zuerst erwähntest; ich bin du, und alles, was ich habe, ist ein Messer. Das Ziel hinter mir – der Kamerad Nummer drei, den du gerade verfehlt hast, ist ein Wachposten, mit allem ausgerüstet, was wir in unserem Arsenal haben, nur nicht mit einer Atombombe. Du mußt ihn erledigen… leise und prompt, damit er nicht mehr um Hilfe schreien kann.“ Zim drehte sich in den Hüften – zack! – und ein Messer, das er eben noch gar nicht in der Hand gehalten hatte, steckte mit zitterndem Griff im Herzen des Pappkameraden Nummer drei. „Siehst du das? Am besten, du trägst zwei Messer bei dir, aber erledigen mußt du ihn, auch mit bloßen Händen.“

„Äh…“

„Hast du immer noch deine Zweifel? Sprich sie aus. Deswegen bin ich hier, um deine Fragen zu beantworten.“

„Äh, ja, Sir. Sie sagten, der Posten habe keine Atombombe bei sich. Aber er hat doch eine; das ist der springende Punkt. Das heißt, wir hätten eine am Gürtel, wenn wir der Wachposten dort wären… und die Wahrscheinlichkeit, daß der Gegner sie auch besitzt, ist groß.“

„Ich verstehe dich.“

„Nun… das ist es doch, Sir, was ich nicht begreife. Wenn wir eine Wasserstoffbombe verwenden können, und, wie Sie sagen, es kein Spiel mehr ist, sondern Krieg, der Ernstfall – ist es dann nicht widersinnig, im Gras herumzukriechen und Messer zu werfen, sich möglicherweise den Tod dabei zu holen und sogar den Krieg zu verlieren, obwohl man eine richtige Waffe hat, mit der man gewinnen kann? Was ist das für eine Logik, die verlangt, daß eine Menge Leute ihr Leben mit veralteten Waffen aufs Spiel setzen, wenn ein einziger Professor viel mehr ausrichten kann, indem er nur auf einen Knopf drückt?“

Zim antwortete nicht sofort, was gar nicht seine Art war. Dann sagte er leise: „Fühlst du dich wohl bei der Infanterie, Hendrick? Du kannst deinen Abschied nehmen, wie du weißt.“

Hendrick stotterte irgend etwas; Zim sagte: „Sag es klar und deutlich!“

„Meinen Abschied? Nein, Sir, ich werde meine Dienstzeit ableisten.“

„Also gut. Nun, die Frage, die du mir gestellt hast, dürfte ein Sergeant eigentlich nicht beantworten, und du solltest sie eigentlich auch nicht an mich richten. Man erwartet von dir, daß du die Antwort schon kennst, ehe du dich zum Wehrdienst meldest. Hast du in deiner Schule Unterricht in Geschichte und Moralphilosophie gehabt?“

„Wie bitte? Sicher – ja, Sir.“

„Dann müßtest du also auch die Antwort kennen. Aber ich gebe sie dir trotzdem – inoffiziell – meine persönliche Meinung. Wenn du ein Kind bestrafen willst, würdest du ihm dann gleich den Kopf abhacken?“

„Wie bitte… nein, Sir!“

„Natürlich nicht. Du gibst ihm einen Klaps auf den Hintern oder eine Tracht Prügel. Nun können sich Umstände ergeben, unter denen es genauso töricht wäre, eine Stadt des Gegners mit einer Wasserstoffbombe zu vernichten, wie ein Baby mit einer Axt zu vertrimmen. Denn Krieg ist nicht Gewalt und Vernichtung schlechthin. Ein Krieg ist kontrollierte Gewalttätigkeit zu einem Zweck. Der Zweck eines Krieges ist die Unterstützung einer Regierungsentscheidung mit gewalttätigen Mitteln. Der Zweck des Krieges ist niemals der Tod des Gegners als Selbstzweck, sondern ein Mittel, ihn zu zwingen, das zu tun, was du von ihm verlangst. Nicht seine Vernichtung… sondern kontrollierte und sinnvolle Gewalt. Aber es ist nicht deine und meine Aufgabe, zu entscheiden, welchen Zweck die Gewalt erfüllen soll. Es ist niemals die Aufgabe eines Soldaten, zu entscheiden, wann – oder wie – oder wo – oder warum er kämpft. Das obliegt den Staatsmännern und den Generälen. Die Staatsmänner entscheiden, warum und wie groß die Gewalt sein muß, die Generäle übernehmen dann deren Entscheidung und sagen uns, wo und wann und wie. Wir üben dann die Gewalt aus; andere Leute – ältere und klügere Köpfe, wie man zu sagen pflegt – stellen die Kontrolle. So, wie es auch sein soll. Das ist die beste Antwort, die ich dir geben kann. Wenn sie dir nicht genügt, gebe ich dir einen Zettel mit, damit du den Regimentskommandeur sprechen kannst. Wenn er dich nicht überzeugen kann, dann geh nach Hause und werde wieder ein Zivilist! Denn in diesem Fall wirst du wahrscheinlich niemals ein Soldat werden.“

Er sprang auf die Füße. „Ihr wollt euch wohl nur drücken, weil ihr mich reden laßt. Auf, Soldaten! Ein bißchen munter! Auf Gefechtsstation, Ziel frei – Hendrick, Sie zuerst. Diesmal möchte ich, daß Sie das Messer in südliche Richtung werfen. Nach Süden, verstanden? Nicht nach Norden. Das Ziel befindet sich genau südlich von Ihnen, und ich möchte, daß Sie das Messer wenigstens ungefähr in südlicher Richtung werfen. Ich weiß, Sie werden es nicht treffen, aber vielleicht können Sie es ein bißchen einschüchtern. Und schneiden Sie sich nicht dabei das Ohr ab! Und daß es Ihnen nicht aus der Hand rutscht und aus Versehen einen Hintermann verletzt – konzentrieren Sie nur Ihr bißchen Gehirn darauf, daß das Ziel sich südlich von Ihnen befindet! Fertig – Ziel frei! Werfen!

Hendrick warf wieder daneben.

Schon ganz anders als im Film, nicht? Der Wechsel vom Du zum Sie gegenüber Hendrick ist übrigens ein originaler Lapsus des Übersetzers.

Der nächste Abschnitt spielt, nachdem eben jener Hendrick im Rahmen einer Gefechtsübung gegen Zim tätlich geworden war und ihm ein Veilchen verpaßt hat. Zim hatte versucht, diesen Vorfall gegenüber dem Bataillonskommandeur, Captain Frankel, herunterzuspielen und als bloße Befehlsverweigerung darzustellen, um Hendrick die Konsequenzen zu ersparen. Captain Frankel konnte sich denken, was wirklich vorgefallen ist, spielte aber ebenfalls mit und verdonnerte Hendrick zu dreißig Tagen Arrest, diversen Strafdiensten und der Reduzierung seiner Abendmahlzeit während der Strafdauer auf Wasser und Brot. Hendrick war empört mit seiner Darstellung herausgeplatzt, daß Zim ihn mit den Händen geschlagen und zu Boden geworfen habe, weil er sich nach dem Befehl „Einfrieren!“ noch von einem Stechameisennest wegbewegt hatte, auf dem er beim Deckungnehmen gelandet war. Dabei sei er aufgesprungen und habe Zim eine verpaßt…

Nach dieser Aussage vor Zeugen – zwei Wachsoldaten und unserem Ordonnanzdienst leistenden Romanhelden Johnnie Rico – war Frankel nichts anderes übrig geblieben, als Hendrick wegen „Schlagens eines Vorgesetzten im Dienst“, (einer der „31 Bruchlandungen“), verschärft durch den Umstand, daß die Terranische Föderation sich zu dieser Zeit im Alarmzustand befand, zu zehn Peitschenhieben und Ausstoßung aus der Armee wegen schlechter Führung zu verurteilen.

In weiterer Folge hatte Johnnie Rico unbemerkt noch mitbekommen, wie Zim sich in einem Gespräch mit Frankel Selbstvorwürfe gemacht hatte, weil er Hendrick überhaupt erst Gelegenheit zu diesem Angriff gegeben hatte. In der Nacht nach Hendricks Verstoßung aus der Armee hatte Rico seinen moralischen Tiefpunkt erreicht; er hatte lange über die Sache nachgegrübelt und war – bestärkt durch einen Brief seiner Mutter, in dem sie ihm geschildert hatte, wie sein Vater schweigend unter der Entscheidung seines Sohnes für den Wehrdienst litt – zum Schluß gekommen, daß es Zeit sei, auszusteigen, bevor er einmal die Nerven verlieren und eine „Bruchlandung“ bauen würde. Am nächsten Tag würde er um seine Entlassung ansuchen:

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Robert Heinleins Sternenkrieger (3): Kapitel 3

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Zuvor hier erschienen: Kapitel 1 und Kapitel 2.

Und er soll sie weiden mit einem eisernen Stabe.
Offenbarung II : 27

Meine Grundausbildung erhielt ich in Camp Arthur Currie auf den nördlichen Prärien, zusammen mit ein paar tausend anderen Opfern, und wenn ich ‚Lager’ sage, so ist das wörtlich zu nehmen, denn die einzigen festen Gebäude dort waren für die Lagerung der Ausrüstung bestimmt. Wir schliefen und aßen in Zelten; wir lebten im Freien – wenn man das als ‚Leben’ bezeichnen kann, was ich damals nicht konnte. Ich war an ein warmes Klima gewöhnt; für mich schien der Nordpol nur noch fünf Meilen vom Lager entfernt zu sein und jeden Tag näherzukommen. Zweifellos stand uns eine Eiszeit ins Haus.

Doch Bewegung hält warm, und sie sorgten dafür, daß wir reichlich Bewegung erhielten.

Der erste Morgen im Lager begann schon vor Tagesanbruch. Ich hatte Mühe gehabt, mich der Zeitverschiebung anzupassen, und es kam mir so vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß jemand ernsthaft von mir verlangte, ich solle mitten in der Nacht aufstehen. Aber sie verlangten es. Irgendwo plärrte ein Lautsprecher Marschmusik in einer Phonzahl, die selbst Tote aufgeweckt hätte, und ein stark behaartes Individuum, das die Lagerstraße heruntergetrampelt kam, brüllte: „Alles aufstehen! Raus aus den Federn! Marsch! Marsch!“, kehrte im Galopp zurück, als ich mir gerade die Decke über den Kopf ziehen wollte, kippte meine Koje um und schüttete mich auf die kalte, harte Erde.

Es war nichts Persönliches; er blieb nicht einmal so lange im Zelt, um zuzusehen, wie mir das Wecken bekam.

Zehn Minuten später, bekleidet mit Hose, Hemd und Schuhen, stand ich zusammen mit den anderen in einer Ziehharmonika-Linie, zur Freiübung angetreten, als die Sonne gerade mit ihrem Scheitel am östlichen Horizont auftauchte. Vor der Linie stand ein breitschultriger, tückisch aussehender Hüne, in Unterhemd und Hose wie wir – nur mit dem Unterschied, daß ich aussah und mich fühlte wie eine einbalsamierte Leiche, während sein Kinn frisch rasiert glänzte, seine Hose eine messerscharfe Bügelfalte hatte, man sich in seinen Schuhen einen Scheitel ziehen konnte und er sehr munter, aufgeweckt, hellwach und ausgeschlafen aussah. Man hatte den Eindruck, daß er überhaupt keinen Schlaf brauchte, nur alle zehntausend Meilen eine Inspektion – und dazwischen lediglich ein bißchen Staub-Abwischen.

Kompanieee – Achtunggg… stillgestanden!“ bellte er. „Ich bin Career Ship’s Sergeant Zim, euer Kompanieführer. Wenn ihr mich anredet, macht ihr eine Ehrenbezeugung und sagt ‚Sir’. Ihr grüßt jeden und sagt ‚Sir’ zu ihm, der so einen Kommandostock unter dem Arm trägt.“ Er hielt so einen Stock in der Hand und schlug rasch ein Rad damit hinter seinem Rücken, um uns zu zeigen, was er unter einem Kommandostock verstand. Als wir am Abend zuvor im Camp eingetroffen waren, waren mir bereits ein paar Männer mit diesem Stock aufgefallen. Diese Stöcke sahen hübsch und elegant aus, und ich hatte mir vorgenommen, mir ebenfalls einen zu besorgen – doch jetzt änderte ich meine Meinung.

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Robert Heinleins Sternenkrieger (2): Kapitel 2

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht. Zuvor hier erschienen: Heinleins Sternenkrieger (1): Kapitel 1.

It scared me so, I hooked it off,
Nor stopped as I remember,
Nor turned about till I got home,
Locked up in mother’s chamber.
Yankee doodle, keep it up,
Yankee doodle dandy,
Mind the music and the step,
And with the girls be handy.

Ich hatte nie ernsthaft vor, anzumustern.

Und schon gar nicht bei der Infanterie! Ich hätte mich lieber öffentlich auspeitschen und mir den Vorwurf meines Vaters gefallen lassen, daß ich seinen stolzen Namen beschmutzt hätte. Oh, ich hatte mal etwas meinem Vater gegenüber verlauten lassen, gegen Ende meiner Schulzeit in der Abiturklasse, daß ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, ob ich mich nicht freiwillig zur Armee melden sollte. Vermutlich trägt sich jeder Junge mit diesem Gedanken, wenn sein achtzehnter Geburtstag heranrückt, und meiner fiel in die Woche unseres Abschlußexamens. Natürlich spielen die meisten von ihnen nur mit dem Gedanken, sich zu bewerben, und tun dann doch etwas anderes – gehen aufs College, besorgen sich einen Job oder dergleichen. Vermutlich hätte ich das auch getan, wenn nicht mein bester Freund sich mit der todernsten Absicht getragen hätte, dem Militär beizutreten.

Carl und ich hatten in der Oberschule alles immer gemeinsam unternommen – den Mädchen nachgesehen, sie gleichzeitig zum Rendezvous bestellt, im gleichen Klub debattiert und zusammen in seinem Heimlaboratorium die Elektronen gebändigt. Ich war kein großes Licht in theoretischer Elektronik, aber ich konnte geschickt mit einem Lötkolben umgehen. Carl sorgte für das Gehirnschmalz, und ich führte seine Anweisungen aus. Es machte Spaß. Alles, was wir gemeinsam anstellten, machte Spaß. Carls Eltern besaßen nicht annähernd so viel Geld wie mein Vater, aber das hatte keinen Einfluß auf unser Verhältnis. Als mein Vater mir zu meinem vierzehnten Geburtstag einen Rolls-Copter schenkte, gehörte er Carl genauso wie mir. Im umgekehrten Sinne galt das auch für sein Laboratorium.

Deshalb gab es mir zu denken, als Carl mir anvertraute, daß er sein Studium unterbrechen und erst seinen Wehrdienst leisten würde. Er meinte es wirklich so, wie er es sagte. Offenbar hielt er das für eine richtige und naheliegende Entscheidung.

Deshalb sagte ich ihm, ich würde mich freiwillig melden. Er warf mir einen seltsamen Blick zu. „Dein alter Herr wird das nicht erlauben.“

„Ha? Wie könnte er das verhindern?“ Und selbstverständlich konnte er das auch nicht, nicht gesetzlich. Es ist die erste vollkommen freie Entscheidung (und vielleicht die letzte), die ein Junge oder ein Mädchen treffen kann, wenn er – oder sie – achtzehn Jahre alt wird. Sie können sich freiwillig zum Wehrdienst melden, und kein anderer darf ihnen in dieser Sache etwas dreinreden.

„Warte es nur ab.“ Carl wechselte das Thema.

Also setzte ich mich mit meinem Vater auseinander, vorsichtig, auf Umwegen.

Er legte seine Zeitung und seine Zigarre beiseite und starrte mich an. „Bist du verrückt geworden, Sohn?“

„Ich glaube nicht“, murmelte ich.

„Nun, es hört sich aber so an“. Er seufzte. „Trotzdem… ich hätte so etwas erwarten müssen; es ist eine voraussehbare Phase bei einem heranwachsenden jungen Mann. Ich erinnere mich noch daran, als du das Gehen lerntest und kein Baby mehr warst – offen gestanden warst du eine Zeitlang ein kleiner Teufel. Du zerbrachst damals eine von Mutters Ming-Vasen – absichtlich. Da bin ich ganz sicher… aber du warst noch zu jung, um zu begreifen, daß es sich
um ein kostbares Stück handelte. Also bekamst du nur einen Klaps auf die Hand. Ich kann mich auch noch gut an den Tag erinnern, als du mir eine Zigarre stahlst – und wie schlecht es dir davon wurde. Deine Mutter und ich haben damals absichtlich vermieden, dich zur Rede zu stellen, als du dann kein Abendbrot essen konntest, und es ist das erste Mal, daß ich zu dir darüber spreche. Kinder müssen solche Dinge ausprobieren und selbst darauf kommen, daß ihnen die Laster der Erwachsenen schaden. Wir sahen dir zu, wie du den Wendepunkt zwischen Kindheit und Jüngling erreichtest und dir bewußt wurde, daß Mädchen anders sind – und wunderbar.“ Er seufzte erneut. „Alles normale Entwicklungsstufen. Und dann die letzte Phase, ehe man richtig erwachsen ist, in der ein Junge sich entschließt, zum Militär zu gehen und eine hübsche Uniform zu tragen. Oder er ist überzeugt, es sei die große Liebe, so groß, wie sie noch keiner vor ihm erlebt hat – und daß er sie auf der Stelle heiraten müsse. Oder beides.“ Er lächelte grimmig. „Bei mir war es beides. Aber ich kam in beiden Fällen noch rechtzeitig auf den Boden, der Wirklichkeit zurück, ehe ich einen Narren aus mir machte und mein Leben ruinierte.“

„Aber, Vater, ich würde mein Leben nicht ruinieren. Ich werde nur Zeitsoldat – mache keine Karriere daraus.“

„Dann diskutieren wir es aus, okay? Ich werde dir sagen, was du tun wirst – weil du es von mir hören willst. Also hör zu. Erstens hat sich diese Familie seit mehr als hundert Jahren aus der Politik herausgehalten und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert. Ich sehe keinen Anlaß, warum du diese stolze Tradition unterbrechen solltest. Vermutlich steckt dieser Bursche an deiner Schule dahinter – wie heißt er doch gleich? Du weißt schon, wen ich meine!“

Er bezog sich auf unseren Lehrer für Geschichte und Moralphilosophie – selbstverständlich ein ehemaliger Soldat. „Mr. Dubois.“

„Ahem, ein blöder Name – paßt zu ihm. Zweifellos ein Ausländer. Es sollte untersagt werden, die Schulen als getarnte Rekrutierungsstationen zu benützen. Ich denke, ich sollte einen Beschwerdebrief schreiben – ein Steuerzahler hat auch Rechte!“

„Aber Vater! Er wirbt doch gar nicht! Er…“ Ich unterbrach mich, weil ich nicht wußte, wie ich ihn beschreiben sollte. Mr. Dubois hatte eine schnoddrige, anmaßende Art. Er behandelte uns so, als wäre keiner von uns wirklich gut genug für den Militärdienst. Ich mochte ihn nicht. „Er tut eher das Gegenteil, entmutigt uns.“

„Ahem! Weißt du nicht, wie man einen Esel aufs Eis lockt? Nun, lassen wir das. Wenn du das Examen bestehst, wirst du Betriebswirtschaft in Harvard studieren; das weißt du bereits. Danach verbringst du ein paar Semester an der Sorbonne, gehst auf Reisen, machst dich mit unseren Generalvertretungen bekannt und schnupperst ein bißchen bei der Konkurrenz hinein. Dann kommst du wieder nach Hause und gehst an die Arbeit. Du wirst ganz unten anfangen, als Knochenarbeiter, Lagerverwalter oder ähnliches, aber das ist nur Formsache. Denn ehe du dich versiehst, wirst du dich auf einem leitenden Posten wiederfinden, weil ich nicht jünger werde. Und je früher du dir Verantwortung auf die Schulter lädst, umso besser ist es für dich. Sobald du tüchtig und verantwortungsbewußt genug dafür bist, wirst du der Boß sein. Nun, wie gefällt dir dieses Programm? Willst du statt dessen zwei Jahre deines Lebens vergeuden?“

Ich sagte nichts dazu. Es war keine Neuigkeit für mich, und ich hatte gründlich darüber nachgedacht. Vater stand auf und legte eine Hand auf meine Schulter. „Glaube nicht, mein Sohn, daß ich nicht mit dir sympathisiere; ich fühle mit dir. Aber halten wir uns doch an die Tatsachen. Hätten wir einen Krieg, wäre ich der erste, der dich ermunterte – und der seine Firma auf den Kriegsbedarf umstellte. Aber wir befinden uns nicht in einem Krieg und, gottlob, wird es keinen Krieg mehr geben. Wir haben den Krieg überwunden. Auf diesem Planeten herrschen Frieden und Glück, und wir unterhalten sehr gute Beziehungen zu anderen Planeten. Was bedeutet also diese sogenannte ‚Bundes-Wehr’? Schmarotzertum, nichts anderes. Eine funktionslose Einrichtung, ein nutzloses Fossil, das dem Steuerzahler auf der
Tasche liegt. Eine sündhaft teure Art, minderwertige Leute ein paar Jahre lang auf öffentliche Kosten zu beschäftigen, die sonst arbeitslos sein würden und sich anschließend bis zu ihrem Lebensende noch damit brüsten. Willst du so ein Schmarotzer werden?“

„Carl ist nicht minderwertig!“

„Entschuldigung, nein, er ist ein ordentlicher Junge… aber falsch beeinflußt.“ Sein finsteres Gesicht hellte sich auf, und er lächelte mich an. „Ich hatte dich eigentlich damit überraschen wollen, mein Sohn – als Geschenk für dein bestandenes Examen. Aber ich werde es dir jetzt schon verraten, damit du dir diesen Unsinn leichter aus dem Kopf zu schlagen vermagst. Nicht, daß mir bange wäre, du könntest aus der Art schlagen; ich habe Vertrauen zu deinen guten Anlagen, obwohl du noch sehr jung bist. Aber du bist verwirrt, ich weiß – und dieses Geschenk wird deine Grillen vertreiben. Kannst du raten, was es ist?“

„Äh – nein.“

Er grinste. „Eine Erholungsreise zum Mars.“

Ich war wie vom Donner gerührt. „Himmel, Vater, ich hatte ja keine Ahnung…“

„Es sollte eine Überraschung sein, und wie ich sehe, ist sie mir auch gelungen. Ich weiß, wie reisewütig ihr jungen Leute seid, obgleich ich nicht verstehe, was man daran findet, wenn man zum ersten Mal auf einem anderen Planeten gewesen ist. Aber für dich ist es genau die richtige Zeit, so eine Reise zu unternehmen – ganz allein; erwähnte ich das schon? – und auf andere Gedanken zu kommen… denn wenn du erst einmal in Amt und Würden bist, hast du so viele Dinge um die Ohren, daß du dir nicht einmal eine Woche für Luna freinehmen kannst.“

Er nahm seine Papiere wieder hoch. „Nein, bedanke dich jetzt nicht, zieh los und laß mich dieses Memorandum fertigstellen – ich erwarte in Kürze ein paar Herren. Geschäftlich.“

Ich empfahl mich. Ich glaube, er dachte, damit sei das Problem erledigt… und vermutlich dachte ich das auch. Mars! Eine Urlaubsreise zum Mars ohne meine Eltern! Doch ich erwähnte Carl gegenüber nichts davon; ich hatte den leisen Verdacht, daß er die Reise als Bestechung auslegen würde. Vielleicht war sie das auch. Ich sagte ihm nur, daß meine Ansichten und die meines Vaters sich offenbar nicht deckten.

„Meiner ist auch dagegen“, erwiderte er. „Aber es ist mein Leben.“

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Robert Heinleins Sternenkrieger (1): Kapitel 1

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht.

Vorwärts, ihr Affen! Wollt ihr ewig leben?
Unbekannter Feldwebel, 1918

Ich bekomme immer das Zittern vor einem Absprung. Selbstverständlich habe ich die Injektionen erhalten und die hypnotische Vorbereitung, und vernünftigerweise kann ich gar keine Angst haben. Der Schiffspsychiater hat meine Gehirnwellen überprüft und mir törichte Fragen im Schlaf gestellt. Und er versichert mir, es wäre keine Angst, es wäre nichts Wichtiges – nur so ein Bibbern, wie es ein ungeduldiges Rennpferd in der Startbox befällt. Dazu kann ich nichts sagen; ich bin nie ein Rennpferd gewesen. Tatsächlich bin ich jedesmal verrückt vor Angst.

Um A-minus-dreißig, nachdem wir uns im Absetzraum der Rodger Young versammelt hatten, inspizierte uns der Zugführer. Er war nur kommissarisch Zugführer, weil Lieutenant Rascak bei unserem letzten Einsatz gefallen war. Eigentlich war er unser Zugfeldwebel, Career Ship’s Sergeant Jelal. Jelly war ein finnisch-türkisches Mischblut aus Iskander in der Nähe von Proxima – ein dunkelhäutiger kleiner Mann, schmächtig wie ein Ladenschwengel, doch ich hatte selbst erlebt, wie er zwei amoklaufende Rekruten, die so groß waren, daß er sich auf die Zehen stellen mußte, beim Schopf packte, ihre Köpfe zusammenschlug wie Kokosnüsse und dann rasch einen Schritt zurückweichen mußte, damit sie ihn nicht unter sich begruben.

Außerdienstlich war er nicht übel – für einen Feldwebel. Man durfte ihn sogar mit „Jelly“ anreden. Natürlich nicht die Rekruten, aber jeder, der mindestens einen Einsatz mitgemacht hatte.

Jetzt war er im Dienst. Jeder von uns hatte seine Kampfausrüstung selbst überprüft (es geht schließlich um euren Kopf, kapiert?), der stellvertretende Zugfeldwebel hatte uns antreten lassen und jeden gründlich überprüft, und jetzt ging Jelly die Reihe entlang mit grimmigem Gesicht und scharfen Augen, denen nichts entging. Er blieb bei meinem Vordermann im ersten Glied stehen, drückte auf den Knopf an seinem Gürtel, der seine physischen Daten preisgab, und befahl: „Wegtreten!“

„Aber, Sergeant, es ist doch nur eine Erkältung. Der Arzt meinte…“

„Aber, Sergeant!“ unterbrach ihn Jelly barsch. „Der Arzt muß nicht springen – und du wirst nicht springen mit erhöhter Temperatur. Glaubst du, ich hätte so kurz vor dem Absprung noch Zeit, mit dir zu streiten? Wegtreten!

Jenkins trat mit rotem Kopf aus dem Glied, und es traf mich ebenfalls hart. Weil es den Lieutenant beim letzten Einsatz erwischt hatte und die Männer um einen Rang aufrückten, um die Lücke zu füllen, war ich jetzt stellvertretender Gruppenführer, zweite Gruppe, und jetzt hatte ich einen Ausfall in meiner Abteilung und keinen Ersatzmann dafür. Das konnte ins Auge gehen: ein Mann kommt vielleicht in eine Klemme, ruft um Hilfe, und es ist keiner da, der ihm beispringen kann.

Jelly musterte sonst keinen mehr aus. Er stellte sich vor die Front, blickte uns an und schüttelte betrübt den Kopf. „Was für eine Horde von Affen!“ klagte er. „Vielleicht könnte man wieder von vorne anfangen, wenn ihr alle ins Gras beißen würdet, und eine Truppe aufbauen, wie der Lieutenant sie sich vorgestellt hatte. Aber wahrscheinlich geht das auch nicht mit den Rekruten, die man heutzutage als Ersatz bekommt.“ Er richtete sich plötzlich auf und rief: „Ich möchte euch Nieten nur daran erinnern, daß jeder von euch der Regierung mehr als eine halbe Million gekostet hat, an Waffen, Ausrüstung, Munition, Geräten und Ausbildung, einschließlich Unterkunft und Mastfutter, mit dem ihr eure Bäuche angefressen habt. Legt noch die dreißig Cents dazu, die ihr wirklich wert seid, und ihr seid eine verdammt teure Investition.“ Er funkelte uns an. „Also bringt das Inventar zurück! Ihr seid entbehrlich, aber das gilt nicht für die Luxusgarderobe, mit der ihr ausgestattet seid. Ich möchte keinen Helden in diesem Haufen haben; das wäre auch dem Lieutenant nicht recht. Ihr habt eine Aufgabe zu erfüllen, ihr springt hinunter, erledigt sie, haltet die Ohren offen für das Rückrufsignal und findet euch sofort wieder vollzählig am Sammelpunkt ein. Habt ihr mich verstanden?“

Er blickte uns durchbohrend an. „Jeder von euch sollte den Einsatzplan kennen. Aber da einige von euch so vernagelt sind, daß die Hypnose nicht durchschlägt, werde ich ihn noch einmal skizzieren. Ihr werdet in zwei Schützenlinien abgesetzt, wobei der Abstand zwischen den beiden Linien auf zweitausend Yards berechnet ist. Nach der Landung erfolgt sofort Peilung auf mich und Peilung und Entfernungsbestimmung auf die Nebenleute in eurer Gruppe, während ihr in Deckung geht. Damit habt ihr schon zehn Sekunden tatenlos verplempert, und deshalb führt ihr sofort einen Vernichtungsschlag gegen alle erreichbaren Ziele aus, bis die Flankenmänner gelandet sind.“ (Damit war ich gemeint – als stellver-
tretender Gruppenführer war ich linker Flügelmann, an der linken Seite ungedeckt. Ich begann zu zittern.)

„Sobald die Flügelmänner aufsetzen, richtet ihr die Linien aus und korrigiert die Abstände! Unterbrecht das Feuer und bringt Ordnung in den Haufen! Zwölf Sekunden. Dann rückt ihr im Wechselsprung vor, die ungeraden Zahlen zuerst und dann die geraden, während die stellvertretenden Gruppenführer das Manöver überwachen und die Umklammerung einleiten.“

Er blickte mich an. „Wenn ihr das vorschriftsmäßig erledigt – was ich bezweifle -, treffen die Flügel der beiden Linien zusammen, wenn das Rückrufsignal ertönt… und dann ist es Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Irgendwelche Fragen?“

Da waren keine Fragen, es gab nie welche. „Noch etwas“, fuhr er fort, „das ist nur ein Kommandounternehmen, nicht eine Schlacht. Es ist eine Demonstration der Feuerkraft und Entschlossenheit. Wir haben die Aufgabe, dem Gegner deutlich zu machen, daß wir seine Stadt hätten zerstören können, uns aber zurückhalten. Wir verpassen ihm einen Denkzettel, wenn wir auch die Stadt vor der Vernichtung verschonen. Ihr werdet keine Gefangenen machen. Ihr werdet nur töten, wenn es unbedingt notwendig ist. Doch der Bezirk, den wir uns ausgesucht haben, wird zerstört. Ich möchte keinen von euch wieder mit einer scharfen Bombe zurückkommen sehen. Habt ihr mich verstanden?“ Er blickte auf die Uhr. „Rascaks Rauhnacken haben einen Ruf zu verteidigen. Der Lieutenant sagte zu mir, ehe er abkratzte, ich soll euch ausrichten, daß er euch immer im Auge behält… und daß er erwartet, daß ihr ihm keine Schande macht!“

Jelly blickte zu Sergeant Migliaccio hinüber, dem Führer der ersten Gruppe. „Fünf Minuten für den Pater“, erklärte er. Ein paar Jungs traten aus dem Glied und knieten sich vor Migliaccio nieder. Und es waren durchaus nicht nur Männer, die sich zu seinem Glauben bekannten. Moslems, Christen, Gnostiker, Juden – jeder, der vor einem Absprung noch geistlichen Zuspruch suchte, versammelte sich in seiner Ecke. Früher soll es Armeen gegeben haben, in denen die Geistlichen vom Dienst mit der Waffe befreit waren. Es ist mir unverständlich, wie ein Geistlicher seinen Segen zu etwas geben konnte, was er selbst zu tun nicht bereit war. In der Mobilen Infanterie jedenfalls gibt es keine Ausnahme – jeder springt und jeder kämpft: der Pfarrer und der Koch und der Schreiber des Kompanieführers. Sobald abgesetzt wurde, blieb kein Rauhnacken mehr an Bord zurück, außer Jenkins natürlich, und das war nicht seine Schuld.

Ich ging nicht zum Pfarrer hinüber. Ich hatte immer Angst, jemand könnte bemerken, wie mir die Knie zitterten. Und schließlich konnte mir der Pater auch aus der Entfernung seinen Segen erteilen. Doch er kam zu mir, nachdem die letzten Nachzügler sich wieder von den Knien erhoben, und drückte seinen Helm gegen meinen, um mir ein paar private Worte zu sagen. „Johnnie“, meinte er gelassen, „es ist dein erster Einsatz als Unteroffizier.“

„Sicher.“ Ich war nicht zum Unteroffizier befördert, sondern bekleidete diesen Posten nur kommissarisch wie Jelly, der auch nicht zum Offizier befördert war.

„Nur ein guter Rat, Johnnie. Übernimm dich nicht. Du verstehst dein Handwerk. Tu, was von dir verlangt wird, aber versuche nicht, dir einen Orden zu verdienen.“

„Vielen Dank, Pater, ich werde Ihren Rat beherzigen.“

Er fügte leise noch etwas in einer Sprache hinzu, die ich nicht verstehe, klopfte mir auf die Schulter und eilte zu seiner Abteilung zurück. Jelly rief: „Ach-tung!“ und wir standen alle still.

Zug!

Abteilung!“ riefen Migliaccio und Johnson gleichzeitig.

„Erste und Zweite Abteilung – Backbord und Steuerbord – fertigmachen zum Absetzen!“

Abteilung! An die Kapseln! Vorwärts!

Gruppe!“ – Ich mußte warten, bis Trupp vier und fünf ihre Kapseln bestiegen hatten und stellte mich hinten bei der Absetzkanone an, bis meine Kapsel auf dem Backbordlader auftauchte und ich einsteigen konnte. Ich fragte mich, ob die antiken Helden auch so gezittert hatten, als sie das Trojanische Pferd bestiegen. Oder war ich der Einzige, der davor zitterte? Jelly fertigte jede Kapsel selbst ab und legte mir persönlich die Gurte an. Dabei beugte er sich vor und sagte: „Dreh nicht durch, Johnnie. Es ist auch nicht anders als im Manöver.“

Der Deckel schloß sich über meinem Kopf, und ich war allein. „Auch nicht anders als im Manöver“, sagte er! Ich flog am ganzen Körper.

Dann hörte ich Jellys Stimme über Kopfhörer aus der mittleren Absetzkanone melden: „Brücke! Rascaks Rauhnacken… fertig zum Absetzen!“

„Siebzehn Sekunden, Lieutenant!“ erwiderte die freundliche Altstimme der Schiffskommandantin – und ich ärgerte mich, daß sie Jelly mit ‚Lieutenant’ anredete. Unser Lieutenant war zwar gefallen, und vielleicht würde Jelly sein Patent bekommen – aber wir waren immer noch ‚Rascaks Rauhnacken’.

„Viel Glück, Jungs!“ kam ihre Stimme über den Kopfhörer.

„Vielen Dank, Captain.“

„Alle Gurte fest! Noch fünf Sekunden.“

Ich war verschnürt wie ein Paket – Gurte über dem Bauch, der Stirn und den Schienbeinen. Doch ich zitterte heftiger als zuvor.

Es ist nicht mehr so schlimm, wenn du schon abgesetzt bist. Doch bis dahin sitzt du tatenlos in totaler Finsternis. Eingewickelt wie eine Mumie gegen die Beschleunigungskräfte, kaum in der Lage zu atmen. Und du weißt, daß du in deiner Kapsel nur von Stickstoff umgeben bist, wenn du glaubst, du müßtest deinen Helm öffnen, weil du sonst erstickst, aber du kannst ihn gar nicht öffnen. Und du weißt, daß du auch nicht aus der Kapsel herauskannst, weil sie nämlich in einer Kanone steckt, und wenn das Schiff getroffen wird, ehe du aus der Kanone abgefeuert wirst, hast du nicht einmal mehr Luft für ein Gebet, sondern du wirst stumm sterben, hilflos, unfähig, dich von der Stelle zu rühren. Es ist dieses endlose Warten im Dunkeln, das mein Zittern auslöst – der zermürbende Gedanke, daß sie dich vergessen haben, daß das Schiff als ausgeweidete, tote Masse im Orbit verweilt und du jetzt auch ganz langsam in deiner Kapsel an Luftmangel krepierst. Oder es wird eine Bruch-Umlaufbahn, und du stirbst beim Aufschlag, wenn du nicht schon auf dem Weg nach unten geröstet wirst.

Dann setzte das Bremsprogramm des Schiffes ein, und ich hörte auf zu zittern. Achtfache Erdbeschleunigung, würde ich sagen, oder vielleicht sogar zehnfache. Wenn ein weiblicher Pilot am Steuer sitzt, geht es auch nicht sanfter zu. Du bekommst überall dort Blutergüsse, wo du angegurtet bist. Ja, ja, ich weiß, daß sie sich besser zum Raumschiffpiloten eignen als die Männer. Ihre Reaktionen sind schneller, und sie können mehr G’s aushalten. Sie können schneller in den Orbit gehen und schneller wieder heraus und dadurch die Überlebenschance für jeden verbessern – für uns und für sich selbst. Aber deswegen ist es noch lange kein Vergnügen, wenn plötzlich das zehnfache Körpergewicht gegen die Wirbelsäule drückt.

Aber ich muß zugeben, daß Captain Deladrier etwas von ihrem Fach versteht. Da wurde keine Sekunde gebummelt, sobald das Bremsmanöver der Rodger Young zu Ende ging. Ich hörte, wie sie energisch befahl: „Mittlere Kanone klar – feuern!“ und ich spürte die beiden Rückstöße, als Jelly und sein Zugfeldwebel abgesetzt wurden. Und sofort darauf: „Backbord- und Steuerbordkanonen – automatisches Feuer!“ Jetzt kamen wir an die Reihe.

Bumm! und deine Kapsel springt eine Position weiter nach vorne – bumm! und sie bewegt sich schon wieder vor wie die Patrone im Ladegurt einer altmodischen Schnellfeuerwaffe, die in die Kammer eingeführt wird. Genau das waren wir – lebende Patronen in einem Gurt, nur daß die Rohre der Kanonen, in die man uns einführte, Zwillingsrohre waren, die in einem Raumschiff-Truppentransporter eingebaut wurden, um damit Truppen auf einem Planeten abzusetzen. Die Patronen, mit denen sie geladen wurden, waren Kapseln, gerade groß genug, um einen Infanteristen mit seiner gesamten Ausrüstung aufzunehmen.

Bumm! – Ich war an die Position drei gewöhnt, an ein frühes Absetzen. Jetzt war ich Charlie, der Letzte, Schlußmann der Abteilung von drei Gruppen. Das ist ein zermürbendes Warten, selbst wenn in jeder Sekunde eine Kapsel abgefeuert wird. Ich versuchte mitzuzählen – bumm! (zwölf) bumm! /(dreizehn) bumm! (vierzehn – mit einem merkwürdig hohlen Klang, das mußte die Kapsel sein, mit der eigentlich Jenkins abgesetzt werden sollte) bumm!

Und klick! – jetzt bin ich dran, und meine Kapsel gleitet in die Kammer – dann WHAM! die Explosion trifft mich mit einer Gewalt, daß mir das Bremsmanöver des Captains im Vergleich dazu wie eine sanfte Liebkosung erscheint.

Und dann plötzlich nichts.

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Die westliche Größe und ihre Feinde

Von F. Roger Devlin, übersetzt von Lucifex. Das Original Western Greatness and Its Enemies erschien am 18. Juni 2017 auf „The Occidental Observer“.

Faustian Man in a Multicultural Age

von Ricardo Duchesne London: Arktos, 2017

Prof. Ricardo Duchesnes erstes Buch, The Uniqueness of Western Civilization (rezensiert von Kevin MacDonald in TOQ 11:3, Herbst 2011) argumentierte, daß der Westen bereits mehrere Jahrtausende bevor die industrielle Revolution zu den heutigen riesigen Unterschieden in Reichtum und Lebensstandards zwischen ihm und dem Großteil der restlichen Welt führte, eine einzigartig kreative Kultur war. Die Einzigartigkeit des Westens lag nicht in Institutionen wie Demokratie und repräsentativer Regierung, noch in großartigen Büchern und reichlicher künstlerischer Produktion, oder in freien Märkten und einem „Arbeitsethos“ – sondern in einem ursprünglicheren faustischen Drang, Hindernisse zu überwinden und großartige Dinge zu vollbringen. Der ursprüngliche historische Ausdruck dieses Dranges ist das heroische Ethos, das Homers Ilias und die germanische Heldendichtung durchdringt: der übergeordnete Ehrgeiz des aristokratischen Kriegers, unsterblichen Ruhm zu erringen, indem er sich unter Verachtung seiner eigenen Sterblichkeit an Kämpfen um Prestige beteiligt. Dieses Ethos verfolgt der Autor zurück bis zu den proto-indoeuropäischen Hirten der pontischen Steppen.

Nach der Veröffentlichung von The Uniqueness of Western Civilization wandte der Autor seine Aufmerksamkeit dem Niedergang des Westens zu. Er hebt die Voraussicht Oswald Spenglers hervor, des bedeutenden Theoretikers des zivilisatorischen Niedergangs aus dem vorigen Jahrhundert, der

die schließliche Erschöpfung der Energien des Westens im Aufstieg von Internationalismus, Quasi-Pazifismus, sinkenden Geburtenraten, hedonistischen Lebensstilen, gepaart mit der Verbreitung westlicher Technologie in die nichtwestliche Welt und dem Aufkommen „tödlicher Konkurrenz“ aus Asien, vorhersah.

All dies trifft es natürlich genau. Aber Duchesne spürte, daß in Spenglers Darstellung etwas fehlte. Es ist ein bedeutender Faktor im zeitgenössischen Westen am Werk, der weit über die spirituelle, politische, wirtschaftliche oder geopolitische Erschöpfung hinausgeht, die das Schicksal Roms, Chinas und anderer „alter“ Zivilisationen war: die massive Einwanderung von kulturell und rassisch Fremden. Wie er bemerkt, ist dies „eine neue Variable mit wahrlich dauerhaften Implikationen.“

Aber warum sollte die Einwanderung so entscheidend sein, wenn dem Westen jegliche „fixierten ethnischen Grenzen“ fehlen, wie der Autor in The Uniqueness of Western Civilization behauptet hatte? Diese frühere Aussage von Duchesne widerspiegelte eine akademische Orthodoxie, die zwei Arten der Erklärung des Erfolgs oder Scheiterns von Nationen und Zivilisationen erlaubt. Eine Art sind geographische Erklärungen, die z. B. die Zahl domestizierbarer Pflanzen und Tiere in verschiedenen Regionen der Erde betonen sowie den Unterschied zwischen einer balkanisierten Geographie, die kleine, konkurrierende politische Einheiten fördert (charakteristisch für Europa) und einer leichter verbundenen Geographie, die dazu tendiert, eine zentralisierte Administration zu begünstigen (charakteristisch für Asien). Dieser Interpretationsstil ist in den letzten Jahren von Jared Diamond popularisiert worden und tendiert dazu, den Aufstieg des Westens als eine Sache von geographischem Glück darzustellen.

Die zweite Art ist der institutionelle Ansatz, der freie Märkte, demokratische Regierung, Rechtsstaatlichkeit und so weiter betont. Nach dieser Sicht verdankt der Westen seinen Erfolg den „Werten“, die in solchen Institutionen verkörpert sind. Der europäische Mensch mag der Erste gewesen sein, der die richtige Kombination von Institutionen entdeckt hat, aber andere Rassen können einen ähnlichen Erfolg erreichen, indem sie sie übernehmen; sobald sie das tun, werden sie voll „westlich“ sein. Parteigänger dieses institutionellen Ansatzes sehen nichts Falsches an der Masseneinwanderung, solange die Neuankömmlinge in die westlichen Denkweisen „assimiliert“ werden. Manche davon, wie Niall Ferguson und Mario Vargas Llosa, betrachten sogar die universale rassische Panmixie als die ultimative Vollendung der westlichen Zivilisation – die sehnlich herbeigewünscht werden soll.

Keiner der beiden Ansätze befriedigte Duchesne, der mit der Zeit Samuel Huntingtons Beobachtung zuzustimmen begonnen hatte, daß eine erfolgreiche Modernisierung in nichtwestlichen Ländern in Wirklichkeit Indigenisierung und ethnisches Selbstvertrauen statt Europäisierung gefördert hatte. In Betrachtung des Landes, in dem er gegenwärtig wohnt, merkte Duchesne an, daß

nichteuropäische Einwanderer, die in Kanada ankamen, nur an der Assimilation in diejenigen Aspekte der kanadischen Kultur interessiert waren, die es ihnen ermöglichten, ihre ethnische Identität zu behalten und ihre eigenen ethnischen Interessen zu fördern.

Beobachtungen wie diese schienen den Ansatz traditioneller Lehrbücher über die westliche Zivilisation Lügen zu strafen, alle Länder und Völker als „westlich“ zu behandeln, die zu irgendeiner bestimmten Zeit zufällig unter westlicher Regierung standen. Ägypten zum Beispiel wurde in solchen Lehrbüchern als Teil des Westens während der Jahrhunderte dargestellt, in denen es unter mazedonischer und römischer Herrschaft stand, aber nicht davor oder danach. Aber hatte Ägypten seine Natur während jener Jahrhunderte wirklich geändert? In Wirklichkeit behielten nahöstliche Populationen, sicherlich einschließlich Juden, ihre kollektivistischen Tendenzen, einschließlich der Verwandtenehe, sogar nach Jahrhunderten griechischer und römischer Vorherrschaft.[1] Mit dem Aufstieg des Islams kehrten diese Kulturen zu ihren nahöstlichen Wurzeln zurück.

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