Das geborstene Schwert (5): Tyrfing

„Incoming Sea at Rainbow Cleft“ von Ted Nasmith

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard
Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim
Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz

XVIII

Skafloc und Frida suchten Unterschlupf in einer Höhle. Es war ein tiefes Loch in einer Klippe, die vom Meeresufer zurückfiel, ein gutes Stück nördlich von den Elfenhügeln. Dahinter lag ein im Frost erstarrter Wald, der nach Süden dichter wurde und im Norden in Moor und Hochland überging. Dunkel und öde war das Land, unbevölkert von Menschen oder Bewohnern des Feenreichs, und daher war der Ort so gut wie kein anderer zur Fortführung des Krieges geeignet.

Sie konnten nur wenige Magie benutzen, weil die Trolle sie sonst entdeckt hätten, aber Skafloc hatte Erfolg bei der Jagd, die er in Gestalt eines Wolfes, eines Otters oder eines Adlers unternahm, und er verwandelte Meerwasser in Bier. Bloß am Leben zu bleiben, war in dieser winterlichen Welt schon schwere Arbeit, und es war der härteste Winter, an den England sich seit der Eiszeit erinnerte. So war Skafloc die meiste Zeit des Tages auf der Suche nach Wild.

Feucht und kalt war die Höhle. Der Wind fing sich in ihrer Öffnung, und am Fuß der Klippe schäumte die Brandung. Aber als Skafloc von seiner ersten langen Jagd zurückkam, dachte er im ersten Augenblick, er sei an einen falschen Ort geraten.

Ein Feuer prasselte lustig auf einem Herdstein, und der Rauch wurde durch ein Rohr hinausgeleitet, das aus Zweigen und rohen Häuten hergestellt war. Andere Häute hielten die Kälte von Fußboden und Wänden ab, und eine hing vor der Öffnung und schützte den Innenraum vor dem Wind. Die Pferde waren im Hintergrund angepflockt und kauten das Heu, das Skafloc mit einem Zauberspruch aus Seetang hergestellt hatte, und die wenigen Waffen waren blankgeputzt und in einer Reihe aufgehängt, als sei dies eine Festhalle. Und hinter jeder Waffe steckte ein Sträußchen von roten Winterbeeren.

Frida saß vor dem Feuer und drehte ein Stück Fleisch an einem Spieß. Skafloc blieb wie gespannt stehen. Sein Herz setzte aus bei ihrem Anblick. Sie trug nur ein kurzes Hemd, und ihr schlanker, langbeiniger Körper mit den sanften Rundungen von Schenkeln und Taille und Brüsten wirkte im Feuerschein, als werde sie gleich wie ein Vogel entfliehen.

Sie sah ihn, und in dem geröteten, vom Rauch befleckten Gesicht unter dem verwirrten bronzefarbenen Haar leuchteten die großen grauen Augen froh auf. Wortlos sprang sie ihm in ihrer lieben, kindlichen Art entgegen, und für eine Weile hielten sie sich fest umschlungen.

Erstaunt fragte er: „Wie hast du denn das alles geschafft, mein Liebstes?“

Sie lachte leise.

„Ich bin kein Bär und auch kein Mann, daß ich mir einen Blätterhaufen zusammenscharre und das für den Winter meine Wohnung nenne. Einige dieser Häute hatten wir schon, und der Rest stammt von Tieren, die ich selbst erlegt habe. Oh, ich bin eine gute Hausfrau.“ Erschauernd drückte sie sich an ihn. „Du warst so lange weg, und die Tage waren so leer. Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben und mich genug beschäftigen, daß ich nachts schlafen konnte.“

Er streichelte sie mit bebenden Händen. „Dies ist keine Stätte für dich. Hart und gefährlich ist das Leben der Flüchtlinge. Ich sollte dich auf einen menschlichen Hof bringen. Dort könntest du unseren Sieg abwarten oder unsere Niederlage vergessen.“

„Nein – nein, das wirst du niemals tun!“ Sie faßte seine Ohren und zog seinen Kopf herab, bis sein Mund auf dem ihren lag. Dann stieß sie halb lachend, halb schluchzend hervor: „Ich habe gesagt, ich werde dich nicht verlassen. Nein, Skafloc, so leicht wirst du mich nicht los.“

„Um die Wahrheit zu sagen“, gestand er eine Weile später, „ich wüßte nicht, was ich ohne dich tun sollte. Es gäbe nichts mehr, was mir der Mühe wert schiene.“

„Dann verlaß mich nie, niemals wieder.“

„Ich muß doch auf die Jagd gehen, Geliebte.“

„Ich werde mit dir jagen.“ Sie wies auf die Häute und das bratende Fleisch. „Ich bin darin gar nicht so ungeschickt.“

„In anderen Dingen auch nicht“, lachte er. Doch gleich wurde er wieder ernst: „Es ist nicht nur Wild, das ich beschleiche, Frida. Auch Trolle jage ich.“

„Und diese Jagd will ich ebenso mitmachen.“ Das Gesicht des Mädchens wurde hart wie sein eigenes. „Glaubst du, ich hätte keine Rache zu nehmen?“

Er hob stolz den Kopf, und dann beugte er ihn wieder, um sie von neuem zu küssen, wie ein Fischadler, der auf seine Beute niederfährt. „Dann sei es so! Orm, der Krieger, würde Freude an einer solchen Tochter haben.“

Ihre Finger zogen die Linien seiner Wangenknochen und Kiefer nach. „Weißt du nicht, wer dein Vater war?“ fragte sie.

„Nein.“ Tyrs Worte fielen ihm wieder ein und schafften ihm Unbehagen. „Ich habe nie etwas darüber gehört.“

„Das macht nichts“, lächelte sie, „aber auch er könnte stolz auf dich sein. Ich glaube, Orm der Starke hätte all seinen Reichtum für einen Sohn wie dich hingegeben – nicht etwa, daß Ketil und Asmund Schwächlinge gewesen wären. Und da er dich nicht zum Sohn haben kann, muß er sich freuen, wenn er sieht, daß du der Mann seiner Tochter geworden bist.“

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Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! Das diesmal von mir gewählte Titelbild stammt von Ryan Church.

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard
Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim

XII

Einige Tage später ging Skafloc allein auf die Jagd. Er reiste auf Zauber-Skiern, die ihn wie der Wind bergauf und bergab trugen, über zugefrorene Flüsse und im Schnee erstickte Wälder, und bei Sonnenuntergang war er schon weit im schottischen Hochland. Er machte sich mit einem Reh über der Schulter auf den Heimweg, als er von weitem den Schein eines Lagerfeuers erblickte. Wer oder was mochte sich in dieser unwirtlichen Gegend aufhalten? Mit dem Speer in der Hand huschte er über den Schnee.

Nähergekommen entdeckte er im Zwielicht eine gewaltige Gestalt, die auf dem Schnee hockte und sich über den Flammen Pferdefleisch briet. Trotz des kalten Windes trug der Mann nur einen Kilt aus Wolfsfell, und die Axt, die neben ihm lag, leuchtete in unirdischem Glanz.

Skafloc spürte eine große, fremde Macht, und als er sah, daß der andere nur eine Hand hatte, erschauderte er. Es war nicht gut, Tyr, den Asen, allein im Dunkeln zu treffen. Aber es war zu spät, zu fliehen. Der Gott hatte ihn bereits gesehen. Kühn schritt Skafloc in den Lichtkreis und begegnete Tyrs schwermütigen dunklen Augen.

„Sei gegrüßt, Skafloc“, sprach der Ase. Seine Stimme klang wie ein langsamer Sturm, der durch einen metallenen Himmel zieht. Er ließ sich nicht dabei stören, den Spieß über dem Feuer zu drehen.

„Sei gegrüßt, Herr.“ Skafloc beruhigte sich ein wenig. Die Elfen, die keine Seelen hatten, beteten die Götter nicht an, aber es bestand auch kein Unfrieden zwischen ihnen und den Asen, ja, einige Elfen taten sogar Dienst in Asgard.

Tyr nickte Skafloc kurz zu und deutete damit an, er solle seine Last ablegen und sich ans Feuer setzen. Lange Zeit herrschte Schweigen, bis Tyr bemerkte: „Ich habe Krieg gerochen. Die Trolle wollen gegen Alfheim ziehen.“

„Das wissen wir, Herr“, antwortete Skafloc. „Die Elfen sind vorbereitet.“

„Der Kampf wird härter werden, als ihr denkt. Diesmal haben die Trolle Verbündete.“ Tyr blickte ernst in die Flammen. „Es steht mehr auf dem Spiel, als Elfen oder Trolle wissen. Die Nornen spinnen in diesen Tagen viele Fäden zu Ende.“

Wieder war es still, bis Tyr von neuem anhub: „Aye, die Raben fliegen niedrig, und die Götter beugen sich über die Welt, die unter dem Hufschlag der Zeit erzittert. Skafloc, ich sage dir: Du wirst des Namensgeschenkes der Asen dringend bedürfen. Die Götter selbst sind in Unruhe. Deshalb bin ich, der Wäger des Krieges, auf der Erde.“

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Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim

Boris Vallejo, „The Broken Sword“, 1971

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard

X

Für den Überfall auf Trollheim wurde eine große Streitmacht aufgeboten. Fünfzig Langschiffe wurden mit den besten Kriegern aus Britanniens Elfen bemannt und von Imric und seinen weisesten Zauberern mit magischen Sprüchen verhüllt und geschützt. Unter diesem Zauber konnten sie ungesehen bis in die Fjorde des Trollreichs in Finnmark segeln; wie tief sie danach ins Inland vorstoßen würden, hing davon ab, auf welchen Widerstand sie trafen. Skafloc hoffte, bis in Illredes eigene Halle zu kommen, und den Kopf des Königs zurückzubringen. Er brannte darauf, aufzubrechen.

„Sei nicht tollkühn“, mahnte Imric ihn. „Töte und brenne, aber verliere keine Männer auf bloßen Abenteuern. Von größerem Wert ist es, daß du einen Überblick über ihre Stärke erhältst, als daß du Tausende von ihnen vernichtest.“

„Wir werden beides tun“, lachte Skafloc. Er war ruhelos wie ein junger Hengst, die Augen leuchteten, das lohfarbene Haar lockte sich unter seinem Stirnband.

„Ich weiß nicht – ich weiß nicht.“ Imric blickte ernst drein. „Irgendwie habe ich das Gefühl, daß diese Fahrt nichts Gutes bringen wird, und am liebsten möchte ich sie absagen.“

„Wenn du das tust, werden wir trotzdem gehen“, sagte Skafloc.

„Aye, dann geh. Ich kann mich auch täuschen. Geh, und das Glück sei mit dir.“

Abends gleich nach Sonnenuntergang schifften die Krieger sich ein. Der eben noch volle Mond warf Silberlicht und Schatten auf die Höhen und Täler der Elfenhügel, auf den Strand, auf die Wolken, die ein heulender Wind nach Osten trieb. Das Mondlicht berührte die weißmähnigen Wellen, die auf den Felsen brausten und schäumten. Es schimmerte auf Waffen und Rüstungen der Elfenkrieger, und die schwarzweißen Langschiffe, die auf das Ufer gezogen waren, schienen nur aus Schatten und Lichtflecken zu bestehen.

Skafloc war in einen Umhang gehüllt, der Wind zauste sein Haar. Er wartete auf die letzten seiner Männer. Lia, bloß im Mondlicht, mit ihrem wolkengleichen Haar und ihren leuchtenden Augen, trat zu ihm.

„Ich freue mich, dich zu sehen!“ rief Skafloc. „Sag mir Lebewohl, und sing mir ein Lied für mein Glück.“

„Ich kann dir nicht richtig Glück wünschen, weil ich nicht zu nahe an deine eiserne Rüstung kommen darf“, antwortete sie mit der Stimme, die wie eine Brise und plätscherndes Wasser und von weit her läutende Glöckchen klang. „Und ich habe das Gefühl, daß mein Zauber gegen das dir drohende Schicksal nichts ausrichten wird.“ Ihre Augen suchten die seinen. „Ich weiß ganz sicher, daß du in eine Falle läufst, und bei der Milch, die ich dem Kind, und den Küssen, die ich dem Mann gegeben habe, bitte ich dich, dieses eine Mal zu Hause zu bleiben.“

„Das wäre eine großartige Tat für den Anführer einer Truppe, die den Kopf des Feindes zurückbringen mag“, sagte Skafloc zornig. „Etwas so Schändliches würde ich für niemanden tun.“

„Aye – aye.“ Tränen schimmerten in Lias Augen. „Die Menschen, deren Leben doch so grausam kurz ist, eilen dessen ungeachtet in ihrer Jugend in den Tod, als gehe es in die Arme eines Mädchens. Vor wenigen Jahren habe ich dich gewiegt, Skafloc, vor wenigen Monaten habe ich in den hellen Sommernächten bei dir gelegen, und für mich, die Unsterbliche, ist das eine kaum länger her als das andere. Und mit gleicher Schnelligkeit rückt der Tag näher, an dem dein zerfleischter Körper auf die Raben warten wird. Ich werde dich niemals vergessen Skafloc, aber ich fürchte, ich habe dich zum letztenmal geküßt.“

Und sie sang:

Seewärts bläst der Wind heut nacht,
singt ums Haus ein Lied ganz leise,
und der Krieger ist erwacht,
denkt an nichts mehr als die Reise.
Frau und Kind und Heim und Herd
wollen ihn zum Bleiben zwingen,
doch aufs Meer hinaus er fährt,
weil ihn lockt des Windes Singen.
Und die See wird ihn verschlingen.

Wind, du kommst von weit, weit her,
deine Stimme spricht vom Sterben.
Dich verflucht die Frau, von der
du den Mann rufst ins Verderben.
Wellen küssen seinen Mund,
tun, als ob sie Liebe meinen.
Bald schon auf dem Meeresgrund
spielen sie mit den Gebeinen.
Seine Frau wird um ihn weinen.

Dieses Lied gefiel Skafloc gar nicht, denn es kündete von Unglück. Er wandte sich ab und rief seinen Männern zu, sie sollten die Schiffe ins Wasser bringen und an Bord gehen. Und sobald er selbst an Deck war, verlor er jedes Gefühl von nahendem Unheil in neu aufflammender Kampfeslust.

„Dieser Sturm bläst jetzt schon seit drei Tagen“, sagte Goltan, einer seiner Kameraden. „Und er riecht nach Zauberei. Vielleicht segelt irgendein Hexenmeister ostwärts.“

„Es war freundlich von ihm, daß er uns die Mühe erspart hat, unseren eigenen Wind zu beschwören“, lachte Skafloc. „Wenn er jedoch einen drei Tage dauernden Wind brauchte, wurde sein Schiff von Sterblichen gebaut. Wir haben etwas Besseres!“

Die Masten wurden aufgestellt, die Segel gesetzt, und das schlanke Fahrzeug mit dem Drachenkopf am Bug sprang vorwärts. Wie der Sturm selbst flog es dahin. Zu Fuß oder im Sattel oder mit einem Schiff waren die Elfen immer die schnellsten von allen Bewohnern des Feenreichs, und noch ehe es Mitternacht war, kamen die Klippen Finnmarks in Sicht.

Skafloc lachte und sang:

Elfen ziehen ostwärts
zum Ufer Trollheims,
das Spiel mit Speer
und Schwert zu spielen.
Wo ist der Waghals,
der den Weg uns verstellt?
Wir durchbohren die Brust ihm,
schlitzen den Bauch auf
.

Tod den Trollen!
Sie werden taumeln,
Angst vor den Elfen
öffnet Gedärme.
Hört, Freunde, helft
den heulenden Trollen:
Ist Kopfweh ihr Kummer,
köpft sie schnell
.

Die Elfen grinsten dazu. Sie ließen Segel und Masten herab, griffen zu den Rudern und ruderten die Flotte in den Fjord. Sie waren bereit zum Kampf, aber ihre Augen konnten keine Spur von den feindlichen Wachen entdecken. Statt dessen sahen sie andere Fahrzeuge auf dem Strand – drei von Sterblichen erbaute Langschiffe, und die Besatzung lag in Stücke gehauen zwischen den Steinen.

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Das geborstene Schwert (2): Valgard

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! Zuvor erschienen: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend. (Das von mir eingefügte Titelbild ist eine Illustration von Kat Menschik zur isländischen „Njáls Saga“ und stellt Njáls Frau Hallgerð dar.)

VI

Die Hexe lebte allein im Wald. Nur ihre Erinnerungen leisteten ihr Gesellschaft, und im Lauf der Jahre fraßen sie ihre Seele auf und ließen nur Haß und Rachedurst zurück. In vielen magischen Experimenten lernte sie, wie sie ihre Macht ein wenig vergrößern konnte. Schließlich gelang es ihr, Geister aus der Erde zu rufen und mit den Dämonen der Luft zu sprechen, und diese lehrten sie mehr. Sie ritt auf einem Besenstiel zum Schwarzen Sabbath auf dem Brocken. Ein grauenhaftes Fest war das, bei dem abstoßende Gestalten aus alter Zeit um den dunklen Altar sangen und Blut aus Kesseln tranken, aber vielleicht am schlimmsten waren die jungen Frauen, die sich bei den Riten mit scheußlichen Wesen paarten.

Die Hexe kehrte klüger zurück und brachte sich einen Rattenmann als Vertrauten mit, der mit seinen scharfen kleinen Zähnen in ihre verwelkten Brüste biß und Blut daraus sog und des Nachts auf ihrem Kissen hockte und ihr im Schlaf ins Ohr flüsterte. Und so glaubte die Hexe, sie habe jetzt genug Kraft, um den zu rufen, nach dem sie schon lange verlangte.

Donner und Blitz rollten um ihre Hütte, blaues Licht und der Gestank des Höllenpfuhls. Aber das dunkle Wesen, vor dem sie sich zu Boden warf, war auf seine Art schön, wie jede Sünde dem bereitwilligen Sünder schön erscheint.

„O du mit den vielen Namen, Fürst der Dunkelheit, Böser Gefährte“, rief die Hexe, „ich möchte, daß du mir meinen Wunsch erfüllst, und dafür will ich dich in hergebrachter Weise bezahlen.“

Der, den sie gerufen hatte, sprach, und seine Stimme klang sanft und geduldig: „Du bist schon ein gutes Stück auf meinem Weg gewandert, aber du bist noch nicht ganz und gar mein. Die Gnade von oben ist unendlich, und wenn du sie nicht zurückweist, bist du auch noch nicht verloren.“

„Was frage ich nach Gnade?“ meinte die Hexe. „Durch Gnade werden meine Söhne nicht gerächt. Ich bin bereit, dir meine Seele zu geben, wenn du mir meine Feinde in die Hände lieferst.“

„Das kann ich nicht tun“, erwiderte ihr Gast, „aber ich kann dir die Mittel zur Hand geben, wie du ihnen eine Falle stellen kannst, wenn du schlauer bist als sie.“

„Das genügt mir.“

„Aber bedenke, hast du nicht bereits Rache an Orm genommen? Dein Werk ist es, daß er einen Wechselbalg als ältesten Sohn hat, und dieses Geschöpf kann großes Übel über ihn bringen.“

„Orms echter Sohn blüht und gedeiht jedoch in Alfheim, und seine jüngeren Kinder wachsen heran. Ich will diese faule Saat bis zum letzten Blutstropfen auslöschen, ebenso wie er meine ausgelöscht hat. Die heidnischen Götter werden mir nicht helfen, und sicher wird Er es nicht tun, dessen Namen ich besser nicht ausspreche. Deshalb mußt du, Schwarze Majestät, mein Freund sein.“

Flämmchen, die kälter waren als der Winter, flackerten in seinem Blick, und lange sah er sie an. „Die Götter sind bei dieser Sache nicht aus dem Spiel, wie du vielleicht gehört hast. Odin, der die Geschichte der Menschen voraussieht, schmiedet Pläne, die weit in die Zukunft reichen…. Aber du sollst meine Hilfe haben. Stärke und Wissen werde ich dir geben, auf daß du eine mächtige Hexe wirst. Und ich werde dir sagen, wie du deine Feinde treffen kannst, falls sie nicht klüger sind, als du glaubst.

Es gibt drei Kräfte in der Welt, gegen die Götter und Dämonen und Menschen machtlos sind, gegen die es keinen Zauber gibt. Das sind der Weiße Christus, die Zeit und die Liebe.

Von dem ersten hast du nichts anderes zu erwarten, als daß er deine Pläne durchkreuzen wird, und du mußt Obacht geben, daß er und die Seinen auf keine Weise in den Kampf hineingezogen werden. Du kannst es verhindern, indem du dir vor Augen hältst, daß der Himmel geringeren Wesen ihren freien Willen läßt und sie nicht auf seine Wege zwingt; selbst die Wunder haben den Menschen nur eine Möglichkeit eröffnet, mehr nicht.

Das zweite, das mehr Namen hat als ich selbst – Schicksal, Bestimmung, Gesetz, Wyrd, die Nornen, Notwendigkeit, Brahma und zahllose andere – kannst du nicht anrufen, weil es nicht hört. Auch wirst du nicht begreifen, wie es gleichzeitig mit dem freien Willen, von dem ich gesprochen habe, bestehen kann, ebenso wenig wie daß es sowohl alte Götter als auch den neuen gibt. Aber damit der größere Zauber wirkt, mußt du darüber nachdenken, bis du ganz von dem Wissen durchdrungen bist, daß die Wahrheit so viele Gesichter hat, wie es Seelen gibt, die danach streben, sie zu erkennen.

Und die dritte Kraft ist etwas Sterbliches, und daher kann sie ebenso schaden wie nützen, und dies ist die Kraft, die du benutzen mußt.“

Nun schwor die Hexe einen bestimmten Eid und wurde unterrichtet, wo und wie sie das Wissen zu trinken habe, das sie benötigte, und damit endete die Besprechung.

Doch da war noch etwas: Als ihr Besucher die Hütte verließ und sie ihm nachsah, entdeckte sie, daß der, der ging, nicht der gleiche war wie vorher. Es war die Gestalt eines sehr großen Mannes, der mit jugendlicher Schnelligkeit ausschritt, obwohl sein Bart lang und wolfsgrau war. Er war ganz in einen Mantel eingehüllt und trug einen Speer, und es schien, daß unter seinem breitrandigen Hut nur ein Auge leuchtete. Sie dachte daran, wem ebenfalls nachgesagt wurde, daß er sehr schlau sei und oft hinterlistig und sich bei seinen Wanderungen auf der Erde gern verkleidet, und ein Schauder überlief sie.

Aber es konnte ja auch eine durch das Sternenlicht hervorgerufene Täuschung gewesen sein. Sie grübelte über diese Frage nicht länger nach, sondern richtete ihre Gedanken allein auf ihren Verlust und ihre zukünftige Rache.

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Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! (Das Titelbild wurde von mir eingefügt und zeigt das im Roskildefjord gefundene Wikingerschiff Skuldelev 2, dessen Nachbau „Havhingsten fra Glendalough“ [„Seehengst von Glendalough“] heute im Wikingerschiffsmuseum von Roskilde zu besichtigen ist.)

I

Es war ein Mann, Orm der Starke genannt, ein Sohn von Ketil Asmundssohn. Ketil war Freisasse im Norden von Jütland, und seine Sippe lebte dort schon seit Menschengedenken und besaß viel Land. Ketils Frau hieß Asgerd. Sie war das Kind einer Buhle von Ragnar Fellhose. Also war Orm von guter Herkunft, aber da er der fünfte lebende Sohn seines Vaters war, hatte er kein großes Erbteil zu erwarten.

Orm war ein Seefahrer und verbrachte die meisten Sommer auf Beutefahrt. Er war noch jung, als Ketil starb. Asmund, der älteste Bruder, übernahm den Hof. Das ging so lange, bis Orm in seinem zwanzigsten Winter zu ihm ging und sagte:

„Jetzt sitzt du seit einigen Jahren hier auf Himmerland und machst guten Gebrauch von dem, was dein ist. Wir übrigen wollen einen Anteil. Aber wenn wir den Boden in fünf teilen, ganz zu schweigen von dem Leibgedinge für unsere Schwestern, sinken wir zu Kleinbauern herab, und wenn wir tot sind, wird sich niemand mehr an uns erinnern.“

„Das ist wahr“, antwortete Asmund. „So arbeiten wir am besten zusammen.“

„Ich will nicht der fünfte Mann am Ruder sein“, sagte Orm, „und deshalb mache ich dir dies Angebot. Gib mir drei Schiffe mit Gut und Vorräten und an Waffen genug, um die, die mir folgen wollen, auszurüsten, und ich will mir eigenes Land suchen und den Anspruch auf das unseres Vaters aufgeben.“

Das hörte Asmund gern, besonders, da zwei der Brüder erklärten, sie wollten mit Orm gehen. Ehe es Frühling wurde, waren die Langschiffe bereit und ausgestattet, und viele der jüngeren und ärmeren Männer waren froh, mit Orm westwärts zu segeln. Beim ersten guten Wetter, als aber die See noch rauh war, führte Orm seine Schiffe aus dem Limfjord, und Asmund sah ihn niemals wieder.

Sie ruderten schnell nach Norden, bis die Moore und tiefen Wälder unter dem hohen Himmel von Himmerland hinter ihnen lagen. Als sie das Skagerrak umrundet hatten, bekamen sie guten Wind und konnten Segel setzen. Nun zeigten ihre Hintersteven auf ihr Heimatland, und da zogen sie am Bug die Drachenköpfe auf. Das Tauwerk ächzte, die Wellen schäumten, die Möwen schrien um die Rahnock. Frohen Herzens sang Orm:

Weißmähnige Rosse wiehern,
nach Westen sie eilen,
schnaubend und schäumend
schütteln sie sich.
Wild wie die Winde
des Winters
toben und trotzen sie,
tragen sie Lasten für mich.

Da er die Fahrt so früh angetreten hatte, erreichte er England vor den meisten anderen Wikingern und machte reiche Beute. Als der Sommer zu Ende ging, suchte er in Irland ein Winterquartier. Von dieser Zeit an blieb er für immer auf den westlichen Inseln. Die Sommer verbrachte er auf Beutefahrt und tauschte im Winter einiges von seinem Reichtum gegen weitere Schiffe ein.

Endlich jedoch wuchs in ihm der Wunsch nach einem eigenen Heim. Er schloß sich mit seiner kleinen Flotte der großen Guthorms an, den die Engländer Guthrum nannten. Er gewann viel, während er diesem Herrn an Land und zur See folgte, aber er verlor auch viel, als König Alfred den Tag bei Ethandun gewann. Orm und eine Anzahl seiner Männer gehörten zu denen, die sich durchschlugen. Später hörte er, daß Guthrum und den anderen eingeschlossenen Dänen ihr Leben dafür geschenkt worden war, daß sie die Taufe annahmen. Orm sah voraus, daß es irgendwann zwischen seinem Volk und dem Alfreds zum Frieden kommen würde. Dann konnte er in England nicht mehr so frei zugreifen, wie er es bisher getan hatte.

Daher steuerte er die Gegend an, die später Danelaw genannt wurde, und suchte nach einem Ort, wo er sich niederlassen konnte.

Er fand einen grünen, schönen Platz an einer kleinen Bucht, die als Hafen für seine Schiffe dienen konnte. Der Engländer, der dort wohnte, war ein reicher und ziemlich mächtiger Mann und wollte nicht verkaufen. Aber Orm kam des Nachts zurück, umstellte mit seinen Männern das Haus und verbrannte es. Der Eigentümer, seine Brüder und die meisten seiner Knechte fanden den Tod. Es hieß, die Mutter des Mannes, die eine Hexe war, kam davon – denn die Angreifer ließen alle Frauen, Kinder und Mägde, die es wünschten, aus dem Haus gehen – und sprach über Orm den Fluch, sein ältester Sohn solle außerhalb der Welt der Menschen aufwachsen, während Orm an seiner Stelle einen Wolf großziehen solle, der ihn eines Tages zerreißen werde.

Da schon viele Dänen in dieser Gegend lebten, wagte die Sippschaft des Engländers nichts anderes zu tun, als von Orm Wergeld und Landpreis anzunehmen, und damit gehörte der Hof nach dem Gesetz ihm. Er baute ein schönes neues Wohnhaus und andere Gebäude, und mit seinem Gold, seinen Gefolgsleuten und seinem Ruhm galt er bald als ein großer Häuptling.

Als er ein Jahr auf seinem Hof gesessen hatte, hielt er es für angebracht, sich eine Frau zu nehmen. Mit vielen Kriegern ritt er zu dem englischen Edelmann Athelstane und warb um dessen Tochter Älfrida, die als die schönste Jungfrau im Königreich galt.

Athelstane erging sich in Ausflüchten, aber Älfrida sagte Orm ins Gesicht: „Einen Heidenhund will ich nicht heiraten, und ich kann es auch nicht. Und wenn du mich mit Gewalt nimmst, wirst du wenig Freude daran haben – das schwöre ich.“

Sie war schlank und zart mit weichem, rötlichbraunem Haar und großen grauen Augen. Orm dagegen war ein großer, mächtiger Mann, dessen Haut von Wind und Wetter gerötet und dessen Mähne von der Sonne beinahe weißgebleicht war. Und doch hatte er irgendwie das Gefühl, sie sei die Stärkere. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, antwortete er: „Jetzt, da ich in einem Land lebe, wo die Menschen den Weißen Christus verehren, wäre es wohl klug, wenn ich mit Ihm und mit Seinem Volk Frieden machte. Die Wahrheit ist, daß schon viele Dänen desgleichen getan haben. Ich werde mich taufen lassen, wenn du mich heiraten wirst, Älfrida.“

„Das ist kein Grund!“ rief sie.

„Bedenke“, sagte Orm schlau, „wenn du mich nicht heiratest, werde ich ein Heide bleiben, und dann ist meine Seele verloren, wenn wir den Priestern trauen können. Du wirst dich vor deinem Gott dafür verantworten müssen.“ Athelstane flüsterte er zu: „Außerdem werde ich dieses Haus niederbrennen und dich von den Klippen ins Meer werfen.“

„Aye, Tochter, wir dürfen es nicht zulassen, daß eine menschliche Seele verlorengeht“, erklärte Athelstane schnell.

Älfrida widersetzte sich nicht mehr lange, denn auf seine Art hatte Orm weder ein häßliches Aussehen noch schlechte Manieren. Abgesehen davon konnte Athelstanes Sippe einen so starken und reichen Verbündeten wohl brauchen. Also wurde Orm getauft, und bald danach heiratete er Älfrida und führte sie in sein Haus. Sie lebten recht zufrieden miteinander, wenn auch nicht immer friedlich.

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„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

Dies sind die Einleitungen und Vorwörter des amerikanischen Herausgebers Lin Carter, des deutschen Lektors Helmut Pesch und des Autors selbst zu Poul Andersons erstmals 1954 veröffentlichtem Roman „Das geborstene Schwert“ („The Broken Sword“) in der 1971 vom Autor überarbeiteten Fassung, die erstmals 1987 in dieser deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck veröffentlicht wurde.

Einleitung von Lin Carter: „Der Zauber des Nordens“

Der englische Dichter W. H. Auden nannte es „the Northern thing“, jene seltsame Faszination, die von den Überlieferungen des altnordischen Kulturkreises und der Geschichte der skandinavischen Länder ausgeht. Dieser Zauber des Nordens hat auch die Phantasie vieler Autoren jener Art von Literatur beflügelt, die man heute „Fantasy“ nennt. Die Liste der Namen ist eindrucksvoll; sie reicht von William Morris, dem Begründer des Genres, über H. Rider Haggard und E. R. Eddison bis hin zu C. S. Lewis, Poul Anderson und natürlich J. R. R. Tolkien, dem Autor des „Herrn der Ringe“.

Der Zauber des Nordens ist nicht schwer zu erklären. Die skandinavischen Nationen – Island, Norwegen, Schweden, Dänemark, vielleicht noch Finnland – sind die Geburtsstätte einer der großartigsten Mythologien der Welt. Und Mythen haben nun einmal einen besonderen Reiz für Fantasy-Liebhaber. Darüber hinaus hat der Norden eine ganz eigene Literaturform hervorgebracht – die Saga.

Die besten und bedeutendsten Sagas wurden im 13. Jahrhundert in Island geschrieben, beziehen sich aber auf Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie lassen sich in drei größere Gruppen unterteilen; erstens die historischen Chroniken; zweitens die heroischen Sagas, große Abenteuererzählungen, die keine historische Genauigkeit beanspruchen; und drittens die Familienchroniken. Ein Beispiel der ersten Gruppe wäre die Heimskringla des Snorri Surluson; der zweiten die Saga von Grettir dem Starken; und der dritten die Laxdæla Saga, die dem heutigen Leser trotz ihres Alters fast wie ein moderner realistischer Roman erscheint.

Einige dieser Werke haben die Jahrhunderte seit ihrer Entstehung fast unbeschadet überstanden und sind im Deutschen wie im Englischen den Lesern in neuerer Zeit durch bedeutende Übersetzungen erneut nahegebracht worden.

William Morris selbst hat eine Reihe von skandinavischen Stoffen ins Englische übertragen. Dazu zählen allein zwei der fünf großen Íslendinga Sögur (wie sie genannt werden), die Eyrbryggja und die unsterbliche Grettla, die er in Zusammenarbeit mit dem Isländer Eiríkr Magnússon übersetzte. Für diese Aufgabe entwickelte Morris einen ganz eigenen, bewußt einfachen Sprachstil, der nicht nur Vorbild für spätere Saga-Übersetzungen, sondern auch für seine eigenen Fantasy-Werke wurde.

E. R. Eddison, der Autor jenes gewaltigen Buches „Der Wurm Ourobouros“, wagte sich an ein weiteres der fünf großen Meisterwerke, die Egla oder Egil’s Saga, und schuf damit eine der perfektesten und beeindruckendsten Übersetzungen aus dem Isländischen.

Im deutschen Sprachraum sei nur auf die Saga-Übersetzungen der „Sammlung Thule“ im Diederichs-Verlag verwiesen, die immer noch ungemein lesbar sind.

Professor Tolkien hat zwar keine der Sagas übersetzt, wenn er sich auch in seiner Arbeit an dem angelsächsischen Epos Beowulf eingehend mit den nordischen Quellen der altenglischen Überlieferung beschäftigte. Seine Kenntnisse der altnordischen Sprache wurden selbst von Fachkollegen bewundert. Seine Studie über das „Finnesburg“-Fragment, die 1983 posthum veröffentlicht wurde, beschäftigt sich eingehend mit den skandinavischen und germanischen Vorfahren der Angelsachsen und ihrem legendären Anführer Hengest, einem Vorfahren der Wikinger, der sein Volk im 5. Jahrhundert nach England brachte.

Tolkiens Sohn Christopher, der selbst Dozent in Oxford war, bevor er sich ganz dem Nachlaß seines Vaters widmete und als Herausgeber des „Silmarillion“ bekannt wurde, hat die Heidreks oder Hervarar Saga aus dem Isländischen übersetzt.

Auch das, was Poul Anderson in diesem Band geschaffen hat, steht unmittelbar in der großen Tradition jener Fantasy-Autoren, die dem Zauber des Nordens verfallen sind.

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Der tote Raumfahrer – Teil 5

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist. (Bilder von mir eingefügt; Titelbild aus der Manga-Version zu „Inherit the Stars“ [Abschnitt Inherit the Stars 5 – Jupiter-5].)

Letzter Teil; zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

20

Die riesigen Schiffe, die im Zuge des fünften bemannten Unternehmens zum Jupiter fliegen würden, waren in über einem Jahr in der Mondumlaufbahn gebaut worden. Außer dem Leitschiff waren hoch über der Mondoberfläche allmählich sechs Frachter entstanden, von denen jeder in der Lage war, dreißigtausend Tonnen an Versorgungs- und Ausrüstungsgütern zu transportieren. Während der letzten zwei Monate vor dem geplanten Starttermin war das wie Weihnachtsbaumlametta wirkende dahintreibende Durcheinander aus Maschinen, Werkzeugen, Containern, Fahrzeugen, Tanks, Kisten, Zylindern und den tausend anderen Posten zusammengestellten Gerätschaften langsam im Innern der Schiffe verschwunden. Die Wega-Fähren, Fernraumkreuzer und anderen Schiffe, die ebenfalls für dieses Projekt vorgesehen waren, wurden im Verlaufe mehrerer Wochen von ihren jeweiligen Mutterschiffen aufgenommen. Während der letzten Wochen lösten sich die Frachter in regelmäßigen Abständen aus der Mondumlaufbahn und setzten Kurs auf Jupiter. Als die Passagiere und letzten Besatzungsmitglieder von der Mondoberfläche hinaufgebracht wurden, war nur noch das Leitschiff übrig; einsam und verlassen schwebte es in der Leere. Mit dem Näherrücken der Stunde Null zog sich die Schar von Wartungsschiffen und Begleitsatelliten zurück. Ein paar Kilometer entfernt verdichtete sich ein Pulk aus Geleitschiffen, und ihre Kameras übertrugen die Bilder via Luna in das Welt-Nachrichtennetz der Erde.

Als die letzten Minuten heranrückten, zeigten Millionen Bildschirme einen eindrucksvollen, fast zwei Kilometer langen Schatten, der sich fast unmerklich über dem Sternenhintergrund bewegte. Die Stille dieses Schauspiels schien irgendwie die unvorstellbare Kraft anzukündigen, die entfesselt werden sollte. Genau nach Zeitplan beendeten die Flugkontrollcomputer die letzte Endcountdown-Überprüfung, erhielten vom Hauptprozessor der Bodenkontrolle eine „Grün“-Bestätigung und aktivierten die thermonuklearen Haupttriebwerke. Sie flammten in einem Blitz auf, der selbst von der Erde aus zu sehen war.

Das Jupiter-Fünf-Unternehmen hatte begonnen.

In den nächsten fünfzehn Minuten gewann das Schiff an Geschwindigkeit und schraubte sich immer höher hinauf. Dann schüttelte es mit müheloser Leichtigkeit die restlichen Gravitationsfesseln des Mondes ab. Jupiter-Fünf setzte dazu an, die Flotte der Frachter, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine sich über Millionen Kilometer hinziehende Reihe bildete, einzuholen und sich ihr hinzuzugesellen. Nach einer Weile kehrten die Geleitschiffe zum Mond zurück, und die Bildschirme auf der Erde zeigten einen stetig blasser werdenden Lichtpunkt, der von den Orbitalteleskopen eingefangen wurde. Bald war auch der verschwunden, und nur noch die Fernortungen und Lasertaster blieben übrig, um den elektronischen Datenaustausch über den sich vergrößernden Ozean aus Leere fortzusetzen.

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Der tote Raumfahrer – Teil 4

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2 und Teil 3

15

Caldwell trat einen Schritt näher heran, um das knapp drei Meter große Plastikmodell eingehender zu betrachten, das im Zentrum eines der Laboratorien des Biologischen Instituts von Westwood stand. Danchekker gab ihm reichlich Zeit, die Details in Augenschein zu nehmen, bevor er fortfuhr.

„Eine lebensgroße Kopie eines Ganymederskeletts“, sagte er. „Aufgrund der von Jupiter hierher übermittelten Daten konstruiert. Die erste unbestreitbar fremde intelligente Lebensform, die jemals von Menschen untersucht werden konnte.“ Caldwell sah zu dem in die Höhe ragenden Knochengerüst auf und schürzte in einem lautlosen Pfiff die Lippen.

Hunt rührte sich nicht und ließ in sprachloser Faszination seinen Blick über die ganze Größe des Modells auf und ab gleiten.

„Diese Körperstruktur ist in keiner Weise mit der irgendeiner noch existierenden oder ausgestorbenen Lebensform verwandt, die auf der Erde jemals untersucht wurde“, informierte sie Danchekker. Er zeigte auf das Modell. „Sie basiert auf einem inneren, aus Knochen bestehenden Skelett. Wie Sie sehen können, bewegte sich das Wesen aufrecht wie ein Zweifüßler, und der Kopf befand sich oben auf dem Rumpf. Aber abgesehen von solchen äußerlichen Ähnlichkeiten: Es entstammt zweifelsfrei einer völlig fremden Evolution. Nehmen Sie den Kopf als ein deutliches Beispiel. Die Gliederung des Schädels kann in keiner Weise mit der irgendeines bekannten Wirbeltieres in Übereinstimmung gebracht werden. Das Gesicht ist nicht wie bei uns in den unteren Schädelteil zurückgewichen, sondern nach wie vor eine lange, nach unten deutende Schnauze, die sich oben erweitert, um breite Zwischenräume für Augen und Ohren zu schaffen. Ferner hat sich der Hinterkopf vergrößert, um, wie beim Menschen, ein sich entwickelndes Hirn unterzubringen. Aber anstatt eine abgerundete Form anzunehmen, wölbt er sich über den Hals hinweg, um ein Gegengewicht zum hervorstehenden Gesicht und Kinn zu bilden. Und sehen Sie sich die Öffnung im Schädel an, mitten auf der Stirn. Ich glaube, hier könnte ein Wahrnehmungsorgan untergebracht gewesen sein, das wir nicht besitzen – möglicherweise in Infrarotdetektor, der von einem nachtaktiven, fleischfressenden Vorfahren geerbt wurde.“

Hunt trat bis an die Seite Caldwells vor und betrachtete eingehend die Schultern. „Die haben ebenfalls mit nichts Ähnlichkeit, was ich jemals gesehen habe“, kommentierte er. „Sie bestehen aus… einer Art sich überlappender Knochenplatten. Ganz und gar nicht wie unsere.“

„Eben“, bestätigte Danchekker. „Wahrscheinlich die Überbleibsel der Körperpanzerung eines Vorfahren. Und der Rest des Rumpfes ist ebenfalls völlig fremdartig. Zwar existiert, wie Sie sehen können, ein Rückgrat mit einer unterhalb der Schulterplatten gelegenen Rippengliederung. Aber die unterste Rippe – unmittelbar über der Bauchhöhle – hat sich zu einem massiven Knochenreifen mit diametralen Streben entwickelt, die aus einem vergrößerten Rückgratwirbel entspringen. Nun, beachten Sie die an den Seiten des Ringes gelegenen zwei Gruppen kleinerer, miteinander verbundener Knochen…“

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Der tote Raumfahrer – Teil 3

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1 und Teil 2

10

Die Dienste der Sonderauftragsgruppe L wurden sofort in Anspruch genommen, als die neue Abteilung offiziell eingerichtet wurde, und innerhalb der folgenden Wochen nahm die Arbeitsbelastung rapide zu. Gegen Ende des Monats war Hunt mit Anträgen und Anfragen regelrecht überhäuft und gezwungen, mehr Mitarbeiter anzufordern, als er zuerst vorgehabt hatte. Ursprünglich war es sein Plan gewesen, eine Zeitlang mit einer Stammannschaft zurechtzukommen. Zumindest so lange, bis er eine Vorstellung davon hatte wie viele Mitarbeiter er benötigte. Als Caldwell zum ersten Mal von der Gründung einer neuen Sektion sprach, hatte es ein oder zwei Fälle von Eifersucht und Verstimmung gegeben. Aber schließlich setzte sich die Einschätzung durch, daß Hunt einige überlegenswerte Ideen eingebracht hatte und es deshalb nur vernünftig sei, ihn auf Dauer zum Projekt hinzuzuziehen. Nach einer Weile mußten selbst die Opponenten widerwillig einräumen, daß mit der Hilfe der Gruppe L die Dinge glatter liefen. Einige vollführten schließlich eine völlige Kehrtwendung und wurden zu enthusiastischen Befürwortern dieser neuen Einrichtung, als sie zu begreifen begannen, daß die Kommunikationskanäle zu Hunts Leuten auch in der anderen Richtung funktionierten und daß für jedes Informationsbit, das sie in diese Kanäle einspeisten, zehn aus der anderen Richtung zurückkamen. Als Caldwells Koordinierungsmaschine auf diese Weise geschmiert wurde und sich als produktiv erwies, wurde sie auf volle Touren gebracht, und plötzlich begannen sich die Mosaiksteinchen zusammenzufügen.

Die Mathematik beschäftigte sich noch immer mit den Gleichungen und Tabellen, die man in den Büchern gefunden hatte. Da mathematische Beziehungen völlig unabhängig von den Zeichen waren, mit denen man sie ausdrückte, gestaltete sich ihre Interpretation weitaus weniger willkürlich als die Decodierung der lunarischen Sprache. Durch die Entdeckung der Maßeinheitumrechnungstabellen waren die Mathematiker angespornt worden. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Tabellen desselben Buches und stießen bald auf eine, die eine Reihe von gewöhnlichen physikalischen und mathematischen Konstanten auflistete. Kurz darauf machten sie pi und e, die Basis der natürlichen Logarithmen, und noch ein oder zwei andere Konstanten ausfindig. Allerdings verstanden sie noch immer nicht genug von dem System der Maßgrundeinheiten, um die Mehrzahl von ihnen zu berechnen.

Als die Kartographen schlüssige Beweise für die Einheiten der Kreiseinteilung erbracht hatten, konnten andere Tabellen schnell als Beschreibungen einfacher, trigonometrischer Funktionen erkannt werden. Die Überschriften der Spalten dieser Tabellen bestanden aus den lunarischen Symbolen für Sinus, Kosinus, Tangens und so weiter. Sobald diese bekannt waren, ergaben mathematische Zeichen an anderen Stellen mehr Sinn; einige von ihnen erwiesen sich rasch als Definitionen bekannter trigonometrischer Beziehungen. Diese wiederum halfen, die Zeichen zu finden, die die Grundrechnungsarten und die Exponentialrechnung benannten, was zur Identifikation der Gleichungen führte, die mathematischer Ausdruck für die Gesetze der Gravitation waren. Niemand war überrascht, als diese Gleichungen offenbarten, daß die lunarischen Wissenschaftler die gleichen Gesetze abgeleitet hatte wie auch Newton. Die Mathematiker stießen dann zu Tabellen vor, die die ersten grundlegenden Integrale und Standardgleichungen einfacher Differentialrechnung beinhalteten. Auf anderen Seiten fanden sie Ausdrücke, von denen sie annahmen, daß sie die Gesetze der Resonanz und gedämpften Oszillation beschrieben. Hier führte die Ungewißheit über die Maßeinheiten erneut zu einem Problem: Ausdrücke von dieser Art würden in einer Standardform gehalten sein, die gleichwohl für elektrische, mechanische, thermische oder viele andere physikalische Erscheinungen zutreffen konnten. Bis sie nichts Genaueres über das lunarische Maßsystem wußten, konnten sie nicht absolut sicher sein, was diese Gleichungen bedeuteten, selbst dann nicht, wenn sie sie mathematisch interpretieren konnten.

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Der tote Raumfahrer – Teil 2

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1

7

Hunt hob die Arme, lehnte sich weit zurück und gähnte ausgiebig in Richtung Labordecke. Für ein paar Sekunden verblieb er in dieser Haltung, dann sank er mit einem Seufzen nach vorn zurück. Schließlich rieb er sich mit den Fingerknöcheln die Augen, setzte sich aufrecht, so daß er die Konsole vor ihm betrachten konnte, und konzentrierte sich erneut auf die knapp einen Meter große, zylindrisch geformte Glaskonstruktion an seiner Seite.

Das Betrachtungsterminal des Trimagniskops zeigte ein vergrößertes Abbild eines jener Bücher im Taschenbuchformat, die bei Charlie gefunden worden waren und die ihnen Danchekker vor drei Wochen, an ihrem ersten Tag in Houston, gezeigt hatte. Es steckte unter dem auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befindlichen Abtastmodul des Gerätes. Das Skop war so justiert, daß es auf Veränderungen im spezifischen Gewicht reagierte, die von beschrifteten und nicht beschrifteten Stellen einer Seite hervorgerufen wurden, und nur noch die Zeichen selbst projizierte. Irgendwie erinnerte der ganze Vorgang an einen Eierkarton, bei dem man die obere Hälfte abgeschnitten hatte. Die abgebildeten Symbole waren jedoch in Anbetracht von Alter und Zustand des Buches undeutlich und an einigen Stellen unvollständig. Der nächste Schritt bestand darin, die Skopprojektionen mit Fernsehkameras optisch festzuhalten und den Navkomm-Computerkomplex dann mit diesen Daten zu füttern. Dort wurden die Daten einem speziellen Dekodierungs- und Analyseverfahren, einer statistisch-empirischen Hochrechnungstechnik, unterzogen, mittels der man eine Kopie des Buches herstellte, in der unvollständige oder fehlende Fragmente restauriert beziehungsweise hinzugefügt waren.

Hunt betrachtete die kleinen Monitore auf seiner Konsole, von denen jeder einen vergrößerten Ausschnitt einer bestimmten Seite zeigte, und tippte dann einige Anweisungen in die Tastatur.

„Auf Monitor fünf habe ich ein verschwommenes Bild“, meldete er. „Die Koordinaten sind eins zwo null null zu eins drei acht null auf der X-Achse; Y neun neun null null und, äh, eins null sieben fünf.“

Rob Gray, der ein paar Schritte entfernt vor einer anderen Konsole saß und von Bildschirmen und Kontrolltafeln fast vollständig umgeben war, musterte einige der Zahlenkolonnen, die vor ihm auf den Schirmen flimmerten.

„Z-Modus linear im Feld“, rief er. „Eine Teilverstärkung…“

„Gut. Versuchen Sie’s.“

„Ich gehe auf der Z-Achse von zwei null null auf zwei eins null… steigere die Verstärkung um jeweils einen Punkt… in Schritten von null Komma fünf Sekunden.“

„Verstanden.“ Hunt betrachtete den Schirm. Das Abbild eines Seitenabschnitts aus dem Buch verzerrte sich an einigen Stellen, dann begann es sich zu verändern.

„Jetzt anhalten!“ rief er.

Gray betätigte eine Taste. „In Ordnung?“

Eine Zeitlang betrachtete Hunt das nun modifizierte Bild. „In der Mitte ist nun alles klar“, sagte er schließlich. „Stabilisieren Sie das neue Niveau auf vierzig Prozent. Diese Randverzerrungen stören mich noch immer. Geben Sie mir mal einen Vertikalschnitt durch das Zentrum.“

„Auf welchen Bildschirm?“

„Äh… Nummer sieben.“

„Kommt sofort.“

Auf Hunts Konsole leuchtete eine Kurve auf, die einen Querschnitt durch den schmalen Bereich zeigte, mit dem sie sich beschäftigten. Er betrachtete sie einige Augenblicke, dann rief er: „Nehmen Sie eine Interpolation der Randverzerrung vor! Fangen Sie mit, sagen wir, minus fünf und fünfunddreißig Prozent auf Y an.“

„Parameter sind klar… Interpolator dazugeschaltet“, meldete Gray. „Wird jetzt im Abtastprogramm eingegliedert.“ Wieder veränderte sich das Bild ein wenig. Jetzt wies es eine merkliche Kontrastverbesserung auf.

„An den Rändern noch immer nicht ganz klar“, sagte Hunt. „Versuchen Sie’s mit einer Peripherieverstärkung von plus zehn. Wenn das nichts hilft, müssen wir den Isobandbreitenregler hinzunehmen.“

„Plus zehn auf zwei fünf und sieben fünf null“, wiederholte Gray, während er an der Tastatur arbeitete. „Erledigt. Wie sieht’s aus?“

Auf dem Seitenausschnitt, der auf Hunts Monitor zu sehen war, hatten sich die verschwommenen Symbole auf rätselhafte Weise in deutlich zu erkennende Zeichen verwandelt. Hunt nickte zufrieden.

„Alles klar. Jetzt stabilisieren. In Ordnung – das wäre das. Oben rechts ist noch immer ein unsauberer Punkt. Den nehmen wir uns jetzt vor.“

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