Feuerfall (7): Höllenkurtisane

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 7 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm, (2) Babylon 6, (3) Puffy & Jack, (4) Nesträuber, (5) Nach Thumbnail Gulch und (6) Zur Welt der hundert Meere.

Kapitel 7:  H Ö L L E N K U R T I S A N E

Gleich nach der Ankunft im Doppelsternsystem HD 101930 gingen wir in den Tiefflug über der Eis- und Felslandschaft von Sihiakk über, an dessen Südpol sich das Wurmlochportal befand, durch das wir gerade gekommen waren. Über den schroffen Bergen am nahen Horizont sahen wir den beringten Gasplaneten Cerron, von dem der ehemalige Zwergplanet Sihiakk vor langer Zeit als äußerster Mond eingefangen worden war. Wir saßen zu viert im Cockpit der Jeannie, die von Julani pilotiert wurde, und betrachteten die bizarre Szenerie, die im Licht der K1-Sonne Harann unter uns hindurchrollte. Während Cerron vor uns höher stieg, überflogen wir ein gelandetes kleines Kugelraumschiff und sahen gleich darauf zwei Menschen in Raumanzügen, die dort herumwanderten.

Rechts von Cerron stand der Mond Seyouinn, ab dessen Nordpolregion die Wurmlochroute zur vierhundert Lichtjahre entfernten Ursprungswelt der Arrinyi führt, denen das Harann-System gehört. Zu jenem Portal flog gerade Nouris, um dort auf uns und Björn zu warten. Wir beschleunigten nun ebenfalls aus Sihiakks extrem dünner Atmosphäre in den Weltraum hinaus, steuerten jedoch eine Gegend nahe von Seyouinns fünfundsiebzigstem südlichen Breitengrad an, wo eines der kilometergroßen Wurmlochportale installiert ist, durch die Wassermassen aus dem eisbedeckten Ozean sowie Atmosphärengase zum nächstinneren und größten Mond Sanorr strömen. Diese venusgroße Welt, die sich gerade jenseits von Cerron befand, war wegen ihrer Masse und Rotationsdauer für die gerade laufende Arrinoformierung ausgewählt worden.

Kurz nach dem Mittagessen erreichten wir Seyouinn und traten über dem Südpol in die Atmosphäre ein. In Bodennähe folgten wir dem gewundenen Lauf eines uralten Flußtales, das sich vor Jahrmilliarden durch ein Felsplateau geschnitten hatte, ehe die kleine Welt in Froststarre verfallen war. Nun war es mit von Kohlendioxidschnee bedecktem Eis gefüllt, über das wir dahinflogen, bis wir durch eine Lücke im begrenzenden Fels Cerron über einer Bucht des Eisozeans erblickten. Dort hindurch schwebten wir, über einen mit Eis ausgegossenen Einschlagkrater hinweg und durch eine Lücke in dessen Wall auf den Ozean hinaus.

Nachdem wir etwa eine halbe Stunde über die eintönige weiße Weite gerast waren, kam etwas in Sicht, das zunächst wie ein viele Kilometer großer Krater ohne aufgeworfene Ränder aussah. Im Näherkommen wurde jedoch ersichtlich, daß es eine Senke war, in die sich die über hundert Meter dicke Eisdecke trichterförmig wölbte. Schon machte sich Rückenwind bemerkbar, der unter uns Eiskörner über die Oberfläche blies und über den Rand in die Senke riß. Dort fegten sie in einem spiralförmigen Wirbel hinunter, erodierten das Eis und schmolzen schließlich, wo der Fallwind warm genug geworden war. Tief unten im Zentrum der Mulde befand sich eine kreisrunde, sieben Kilometer große Wasserfläche, die von den heranrasenden Luftmassen aufgewühlt wurde. Vom Eisrand brachen laufend Brocken ab, tanzten zwischen den aufgepeitschten Wellen und zeigten deren ebenfalls spiralförmige Bewegung an. Alles zusammen – Luft, Wasser und Eisberge – strebte einem gigantischen Wurmlochportal in der Mitte zu, das eineinhalb Kilometer Durchmesser hatte und zur Hälfte über die Wasseroberfläche ragte.

Das Flugleitsystem des Portals hatte sich bereits auf unsere Steuerung aufgeschaltet und lenkte uns in den flachen Trichter hinunter. Dabei sah es einen nach links versetzten Anflug vor, sodaß der durch den Corioliseffekt im Uhrzeigersinn hinunterstrudelnde Luftwirbel uns richtig zum Portal hinziehen würde. Sobald wir den Rand überquert hatten, begann das Schiff zu bremsen, um durch den Luftsog nicht zu schnell zu werden. Die Windgeräusche wurden lauter, steigerten sich von einem leisen Rauschen bis zu einem scharfen Heulen. Gischt flog in langen Streifen über die Wellen, über die wir in zweihundert Metern Höhe dahinjagten, auf den Bogen des Portals zu, durch das wir nur grau wirbelndes Gewölk sehen konnten. Einen halben Kilometer unter dem Scheitelpunkt des Bogens passierten wir das Wurmloch, hindurchgerissen von einem Sturm, dessen Turbulenzen uns durchschüttelten. Auf der anderen Seite waren wir von dichtem Schneegestöber umgeben, das uns von hinten überholte und durch die starke Abkühlung der sich schnell ausdehnenden Luft entstand. Das Schiff zog hoch, bis wir über diesem künstlichen Schneesturm waren und die Umgebung sehen konnten, dann zeigte ein Signalton die Deaktivierung der Fremdsteuerung an.

Wir befanden uns am fünfzigsten Breitengrad der Nordhalbkugel von Sanorr, über einer hochgelegenen Gletscherlandschaft, die sich nach links bis an den von Eiskuppen und Felsgraten gebildeten Horizont ausdehnte. Unter uns wälzten sich die von Seyouinn kommenden Wassermassen als tobender Strom durch eine breite Schlucht, die sie in den Eispanzer gerissen hatten, nach Süden. Rechts von uns wurde das Eis von einem gewaltigen Bergmassiv begrenzt, das etwa zwei Kilometer entfernt lag. Julani kurvte darauf zu und ließ das Schiff an den Felshängen entlang steigen, bis wir gut dreitausend Meter höher über den Rand des dahinterliegenden Hochplateaus kamen und Cerron erblickten, riesig und nahe.

Über eine nur stellenweise von Felsformationen unterbrochene rötlichgraue Steinwüste hinweg flogen wir auf den Gasplaneten zu, der nur zur Hälfte über dem Horizont war. Hier oben war die Luft so dünn und trocken, daß der Himmel schwarz erschien und Sterne sichtbar waren. Im Gelände unter uns sahen wir ein großes blaßblaues Achtradfahrzeug und dahinter fünf Gestalten in Raumanzügen von gleicher Farbe.

„Das sind Arrinyi“, sagte Julani. „Die machen wahrscheinlich Vermessungs- und Untersuchungsarbeiten für die Planung des Haupt-Raumhafens von Sanorr, der in dieser Gegend gebaut werden soll.“

„Da ist es aber noch lange hin, oder?“ fragte Frido von hinten. „Es wird ja noch Jahrhunderte dauern, bis Sanorr so weit bewohnbar gemacht ist, daß sie hier in der Nähe eine Hauptstadt bauen können, für die der Raumhafen gebraucht wird.“

Julani wandte sich zu ihm um. „Mindestens zwei Erdenjahrhunderte, bis der Meeresspiegel die Zielhöhe erreicht und die Atmosphäre für Arrinyi atembar ist. Aber sie wollen den Hafen trotzdem schon bald bauen, damit sie die Großraumschiffe hierher verbannen und ihnen die Direktlandung bei Yandorrin verbieten können. Den Zubringerverkehr besorgen dann Suborbitalgleiter, und sowie die Stadt mit ihrer Plattform auf dem steigenden Meer aufschwimmt, wird sie immer näher hierher verlegt.“

Sie steuerte die Jeannie in einer weiten Linkskurve auf den Südrand des Hochplateaus zu. Sanorr war in seiner Frühzeit eine von starken Gezeitenkräften aufgeheizte und von den daraus resultierenden tektonischen Kräften geformte Welt mit riesigen Höhenunterschieden gewesen. Es hatte bei seiner Entstehung relativ wenig Wasser abbekommen und auf seiner allmählich weiter werdenden Umlaufbahn den intensiven inneren Strahlungsgürtel von Cerron durchquert und dabei viel Wasser und Atmosphärengase verloren. Nachdem es den Strahlungsgürtel verlassen hatte, besaß es nur noch eine dünne Atmosphäre aus Kohlendioxid und Stickstoff, und sein verbliebenes Wasser befand sich in der Salzsole der tiefsten Becken der ausgetrockneten Meere und im Gletschereis der höheren Breiten. Dann waren die Arrinyi gekommen, um sich hier, hundert Lichtjahre von der Erde entfernt, eine weitere Heimatwelt zu schaffen. Seit einem halben Jahrhundert waren sie nun dabei, und es waren schon Ergebnisse sichtbar.

Auf dem nächstäußeren Mond Seyouinn hatten sie riesige Wurmlochportale installiert, durch die sie Wasser und hauptsächlich aus Stickstoff bestehende Luft nach Sanorr leiteten. Durch die Aufstellung der Zuflußportale auf Meereshöhe und der Ausflußportale in Hochgebirgslandschaften würde selbst dann noch ein ausreichender Druckunterschied gegeben sein, wenn die Atmosphärendichte auf Sanorr sich dem Zielwert näherte. Die zunehmende Luftdichte und die abnehmende Albedo Sanorrs durch die wachsenden Meere bewirkten eine Erwärmung, die auch Wasser aus den Eismassen dieser Welt abschmelzen ließ. Parallel dazu wurde der Großmond bereits mit arrinischen Photosyntheseorganismen besiedelt, mit Meeresplankton und Landvegetation, um die Atmosphäre mit Sauerstoff anzureichern.

Von diesem Bewuchs sahen wir schon etwas, nachdem wir den Rand des Hochlandes überquert hatten und dessen Südabfall etliche tausend Höhenmeter weit im Sinkflug gefolgt waren. Da gerade Winter war, lag auf den Hängen Schnee, der die hiesigen Entsprechungen zur irdischen hochalpinen Vegetation bedeckte. Weiter im Süden und tiefer jedoch ragten verkrüppelte Büsche und dann baumartige Gewächse über den Schnee, wurden dichter und bildeten schließlich einen Wald, dessen Ganzjahreslaub das typische dunkle Blaugrau der arrinischen Vegetation aufwies. Westlich von uns wand sich ein breiter Strom durch die flacher werdende Landschaft, dessen Wasser aus einem anderen Wurmloch jenseits des Hochplateaus stammte und der Vereinigung mit jenem Fluß zustrebte, über dem wir auf diese Welt gekommen waren und dessen Oberfläche fern im Südosten im Sonnenlicht glänzte. Eisberge trieben auf beiden Strömen, strandeten an Sandbänken, drehten sich und schwammen weiter.

Bald nach dem Zusammenfluß erreichten wir eine Schicht aufliegender Wolken, die sich von Süden her am ansteigenden Gelände stauten und südwärts bis zum Horizont reichten. Die Oberseite dieses Wolkenmeeres befand sich zufälligerweise annähernd in derselben Höhe, in der in Jahrhunderten der Meeresspiegel liegen sollte, sodaß man sich diesen Zustand ungefähr vorstellen konnte. Überall vor uns ragten bewaldete Bergrücken wie Inseln über die Wolken, so wie sie später einmal echte Inseln sein würden. Mit transsonischer Geschwindigkeit jagten wir über diesem Ozean aus Nebel dahin, bis es nach einer Dreiviertelstunde Zeit wurde, durch die Wolkenschicht zu tauchen und mit dem Sinkflug nach Yandorrin zu beginnen.

Sobald wir unterhalb der Wolken waren, sahen wir die zukünftige Hauptstadt von Sanorr in der Ferne. Sie lag buchstäblich auf einer Geländeschwelle oberhalb einer felsigen gelbbraunen Wüstenlandschaft, die schon in zwei Jahrzehnten der Grund des steigenden Ozeans sein würde. Man hatte Yandorrin als fantastische Ansammlung von Türmen, Kuppeln, konischen Formen und anderen Gebilden in Weiß, Hellgrau und Silber auf eine Plattform gebaut, die wie ein breit ausladender, flacher Schiffsrumpf konstruiert war, aber im Grundriß überhaupt nicht einem Schiff ähnelte, sondern sich in unregelmäßig geschwungenen Linien im Gelände ausbreitete und am breiten Südostrand immer noch wuchs. An einer Stelle sperrte sie die Talsenke eines Baches ab, den sie zu einem kleinen See staute. Vor der Stadt parkten etliche Raumschiffe verschiedener Formen und Größen, deren Insassen dort wohl gelandet waren, um Raumhafengebühren zu sparen, und die dann zu Fuß zu den Zugangsschleusen marschiert waren. Wir landeten jedoch nicht dort, sondern vor Yandorrins Nordwestende, das von hohen, schalenförmigen Gebilden überragt wurde und wie ein Schiffsbug über einen Felsrücken auskragte, der zum zweihundert Meter tiefer liegenden Meer abfiel.

Dort warteten wir darauf, daß uns die Flugverkehrskontrolle zur Hangarbucht von Sirunn dirigierte, bei dem ich uns schon nach der Ankunft im Harann-System für den auf Babylon 6 vereinbarten Termin angemeldet hatte, und beobachteten die vielen Flugobjekte um die Stadt. Dann kam das Freigabesignal, und das Schiff setzte sich in Bewegung und flog zur anderen Seite, wo es durch eine breite Öffnung in die Hangarbucht schlüpfte und darin aufsetzte. Mit dem Aussteigen mußten wir warten, bis das Tor sich hinter uns geschlossen hatte und die Luft um uns ausgetauscht war, denn Sanorrs Atmosphäre war noch nicht atembar, nicht einmal für die CO2-toleranten Arrinyi.

Sirunn begrüßte uns an der Ausstiegsrampe, in einen seiner blaßblauen weiten Overalls gehüllt, wie wir es von ihm kannten. Den Gegenstand unseres Geschäfts hatte er bei sich: einen Kleincomputer, der mit den darauf gespeicherten Daten und Programmen in Zusammenarbeit mit der KI der Jeannie unter Auswertung der bisherigen Flugdaten die Warpantriebssteuerung des Schiffes optimieren würde, sodaß danach eine um vier Prozent höhere Geschwindigkeit möglich war. Bei meinem Anmeldungsanruf, zu dem ich allein in die Zentrale gegangen war, hatte ich Sirunn darauf aufmerksam gemacht, daß Julani dabei war, sodaß wir in Gegenwart einer Shomhaya keine Worte über die illegale Beschaffung der Software aus geheimen militärischen Quellen verlieren würden.

Wir gingen mit Sirunn zurück an Bord, und ich betrat mit ihm den kleinen Technikraum neben dem Zugangstunnel zum Beibootschacht, während Frido an der Tür blieb, um ebenfalls zuzusehen. Sirunn klappte einen Wartungsdeckel an der Rückwand herunter, stellte den Kleincomputer darauf und steckte dessen Verbindungskabel in die freigelegte Anschlußbuchse. Ein Bildschirm neben dem Anschluß aktivierte sich und zeigte fremdartige Symbole und Textzeilen. Sirunn tippte mit seinen sechsfingerigen Händen, deren kleine Finger wie die Daumen opponierbar waren, eine Weile darauf herum und sagte schließlich: „So, die Prozedur ist fertig eingeleitet. Jetzt müssen wir nur warten, bis die beiden Computer ihren Tanz vollendet haben. Das können wir auch im Gemeinschaftsraum tun, denn die Konsole dort wird mir die nötigen Dinge anzeigen.“

„Wir richten uns nach Ihnen“, antwortete ich. „Mögen Sie Seontu?“ Ich wußte, daß Arrinyi dieses Getränk ebenso vertragen wie viele weitere pflanzliche Lebensmittel von der Erde, Milcheiweiß jedoch ebensowenig wie alle anderen tierischen Erdproteine. Er bejahte, und alle setzten sich an den runden Tisch, während ich die Seontu-Maschine in Betrieb nahm; für uns würde es natürlich Astrocino sein. Sirunn machte Smalltalk über unsere Reise und seinen Betriebsalltag sowie über Aizharos neu eröffnete Filialwerft auf Luna, immer wieder unterbrochen von mündlichem technischem Austausch auf Arrinyak mit dem Schiffsgehirn. Seine Sorgen wegen der zunehmenden Vermischung seiner Rasse mit anderen, von denen er mir auf Babylon 6 erzählt hatte, erwähnte er nicht, wohl wegen Julanis Anwesenheit. Als die Getränke fertig waren, nahm er seinen Seontu mit zur Konsole, stellte ihn auf der Arbeitsfläche ab und setzte sich hin, um Eingaben auch mittels Bildschirmgetippe machen zu können.

Etwa zwanzig Minuten später ertönte ein gongähnlicher Signalton, und auf dem Bildschirm erschien unter einer Reihe arrinyischer Schriftzeichen, die wohl dasselbe bedeuteten, die Ankündigung: „Die Optimierung der Warpantriebssteuerung ist jetzt abgeschlossen. Das Einschmelzen des Übertragungscomputers beginnt ab sofort. Sie können das Gerät nun vom Anschluß trennen.“

Wir tranken unsere Tassen leer und standen auf, um zum Technikraum zu gehen. Dort lief bereits die Ventilation und saugte den dünnen Rauch ab, der leise zischend aus einem Ventil des Kleinrechners entwich. Ich berührte das Gehäuse, während Sirunn den Stecker aus dem Anschluß zog. Die Oberfläche war schon warm, und innerhalb der dicken Wärmedämmung, die den Großteil des Volumens ausmachte, schmolz nun der Rechner mitsamt den Datenspeichern zu einem glühenden Brei zusammen. Das war eine gängige Lösung in solchen Fällen, durch die der Kunde sicher sein konnte, daß Sirunn keine Flugdaten aus dem System las, mit denen rekonstruiert werden konnte, wo man gewesen war, und Sirunn sicher sein konnte, daß man die Software nicht an andere weiterverkaufte und keine auf ihn deutenden Beweise zurückblieben. Wenn wir Sanorr verließen, würden wir das Ding aus der Luftschleuse werfen, damit es in der Atmosphäre verglühte.

Nach der Bezahlung, die auch den Verbleib der Jeannie in Sirunns Hangarbucht bis zum Abflug abdeckte, verabschiedeten wir uns traten auf den Korridor hinaus. Dort wandten wir uns nach rechts, um das große Multiwelt-Arboretum zu besuchen. Wie in allen für Nicht-Arrinyi zugänglichen öffentlichen Teilen von Yandorrin war die Luft dort für uns atembar und enthielt nur das Doppelte des irdischen Kohlendioxidanteils, was nach menschlichem Standard noch einer guten Luftqualität entsprach. Da dieser CO2-Gehalt für arrinische Vegetation zu niedrig ist, befanden sich die lokalen Entsprechungen zu Zimmerpflanzen in raumhohen Glasvitrinen, die mit normaler Arrin-Luft gefüllt waren. Stellenweise waren ganze Wandnischen als Terrarien gestaltet, in denen zwischen den baumartigen Gewächsen und dem Bodenbewuchs auch kleine Arrin-Tiere lebten.

Um uns herum waren überwiegend Arrinyi unterwegs; dazwischen sahen wir nur relativ wenige andere Außerirdische und etwas mehr Menschen. Diejenigen unter den Letzteren, die am Kleidungsstil als Shomhumans erkennbar waren, nahmen sichtlich Notiz von unseren offen getragenen Waffen, und die Männer unter ihnen warfen immer wieder interessierte Blicke auf unsere Begleiterinnen. Julani trug die Garderobe, in der wir sie beim Treffen auf Hektalassa bewundert hatten, während Talitha ihr kurzes grünes Seidenkleid angezogen hatte und in lindgrünen Pumps ging.

„Julani“, sagte ich, nachdem wir eine Einkaufszone erreicht hatten, „mir fällt auf, daß der Anteil der nicht-arrinyischen Außerirdischen hier viel geringer ist als auf anderen Arrinyi-Welten, nach dem, was ich darüber gelesen habe. Ist das nur eine örtliche Abweichung, oder ist das überall in Yandorrin so?“

„Hier wohnen sogar überhaupt nur Arrinyi“, antwortete sie, „bis auf ein paar Shomhainar, und die anderen Nichtmenschen sind nur Durchreisende. Sanorr hat nämlich wie andere neue Kolonien von Galciv-Mitgliedsspezies einen Sonderstatus. Solche Kolonisationsprojekte werden hauptsächlich von den speziesistischsten Mitgliedern einer Spezies betrieben. Um deren Motivation zu stärken, duldet die Galciv, daß in diesen neuen Siedlungsräumen die übliche multikulturelle, universalistische Gesellschaftsorthodoxie eine Weile wenig gängig ist. In dieser Zeit wird die Grundregel der Migrationsfreiheit für alle Bewohner von Galciv-Welten nicht durchgesetzt. Wenn eine Kolonie dann nach einiger Zeit etabliert und komfortabel ist, ziehen universalistischere Mitglieder der Spezies dorthin und später auch Fremdspezies, und die Unzufriedenheit darüber treibt die Partikularisten zu neuen Koloniegründungen, wenn es auf dieser Welt keine Rückzugsräume mehr für sie gibt.“

Diese Migrationsfreiheitsregel war mir bekannt: jedes Intelligenzwesen, das der Galciv angehört, kann sich überall niederlassen, wo ihm die Umweltbedingungen zusagen, sofern es sich an die örtlichen Gesetze hält. „Mir graust es immer mehr vor der Vorstellung, daß die Erde auch bald Mitgliedswelt sein wird“, sagte ich.

„Daran wirst du dich leider gewöhnen müssen“, erwiderte Julani. „Übrigens fällt mir seit einigen Jahren auf, daß unter den Arrinyi und Sontharr allgemein zunehmend speziesistischere Strömungen toleriert und sogar gefördert werden, auch unter den Shuyaan, deren Raumgebiet von hier aus gesehen jenseits der Xhankh-Sphäre liegt. Bei anderen Spezies ist das aber nicht so, soviel ich weiß.“

„Das könnte eine Reaktion auf Bestrebungen der Xhankh sein“, mutmaßte ich. „Khrek hat mir gegenüber martialische Töne gespuckt und geprahlt, sie seien die tapferste Spezies in diesem Raumsektor; die einzigen, die noch einen Krieg zu riskieren bereit seien; diejenigen, die ihre Interessen am ehesten durchsetzen werden. Vielleicht hält die Galciv-Führung es mittelfristig für notwendig, die Xhankh zurückzustutzen, und baut schon für diesen Fall vor, indem sie deren Nachbarn moralisch aufrüstet.“

„Ich fürchte, du könntest recht haben“, sagte Julani düster. „Das ist eine Vorstellung, vor der mir graut, denn als Historikerin weiß ich, wie schrecklich interstellare Kriege sind. Ich hatte gehofft, daß es zu so etwas nie mehr kommen würde. Um das zu verhindern, gibt es doch die Galaktische Zivilisation!“

„Vorgeblich“, wandte ich ein. „Aber nach dem, was ich bisher von ihr weiß, betreibt sie in Wirklichkeit eine zynische Langzeitstrategie, in der sie sich mehrere kriegerische Mitgliedsmächte als Kampfhunde hält, die sie in ihrem aggressiven Vorgehen gegen andere Mitglieder gewähren läßt, wenn es ihr paßt. Wenn sie aber zu mächtig werden, veranlaßt sie Kriege gegen sie, um ihre Macht zu brechen. Denk zum Beispiel an die Thyennar, und als Historikerin wirst du von der galaktischen Geschichte ein viel umfangreicheres Bild haben als ich. Erkennst du darin keine solchen Muster?“

Julani sah unbehaglich drein. „Auch da könntest du recht haben“, sagte sie. „Es gibt eine Friedensstreitmacht der Shomhainar, aber die ist nicht stark genug, um mächtige Kriegerspezies wie die Xhankh herauszufordern. Deshalb läßt man es ihnen um des Friedens willen durchgehen, wenn sie Dinge tun, für die es gegen andere Spezies Militäreinsätze gäbe. Bis dann doch ein großer Krieg gegen sie organisiert wird.“

Wir gingen weiter bis zum Arboretum, das wir durch eine Druckschleuse betraten. Drinnen standen wir in einer riesigen Halle, deren Gewölbedach aus durchsichtigen Scheiben in einer Gitterkonstruktion bestand und zum Teil durch den Druckunterschied zur Außenluft getragen wurde. Durch dieses Dach waren die hohen Bauten des neueren Teils von Yandorrin jenseits des Arboretums zu sehen. Zu unserer Rechten endete das Gewölbe an einer undurchsichtigen Wand, während es links von uns bis zum Boden reichte und den Blick in die Wüstenlandschaft freigab. In der Mitte der linken Seite tauchte es sogar in das Wasser des kleinen Stausees ein, den wir von draußen gesehen hatten und der dort nicht nur bis an die Fassade heranreichte, sondern sich sogar unter dieser hindurch als halbrundes Schwimmbecken nach innen fortsetzte. Am Übergang zeigte sich deutlich der Luftdruckunterschied am Höhenunterschied zwischen den Wasserspiegeln, von denen der äußere einen guten Meter höher lag als der innere.

Auf etwa einem halben Quadratkilometer wuchsen hier in Pflanzbeeten, die in der Pflasterung aus verschiedenen Steinen angelegt worden waren, Gruppen von Bäumen und Sträuchern von verschiedenen Welten, ausgewählt nach dem Kriterium, daß sie mit dem CO2-Gehalt von etwa achthundert ppm zurechtkamen, was Arrin-Vegetation ausschloß. Unterschiedliche Bedürfnisse der Gewächse hinsichtlich Lichtspektrum, Tages- und Jahreslänge, Temperatur und Luftzusammensetzung wurden mittels lokaler Zusatzlampen, Heizelemente und Gasaustrittsöffnungen befriedigt. Auch Erdenpflanzen waren vertreten, allerdings hatten wir sie beim Hereinkommen noch nicht ausgemacht.

Als erstes schlenderten wir in Richtung des Wasserbeckens, das wir zwischen den Bäumen und Büschen hindurch erahnen konnten. Unsere Infopads lieferten Angaben zu den Pflanzungsgruppen, an denen wir unterwegs vorbeikamen, und boten Orientierungshilfe. Nach einer Weile kamen wir beim Becken an, das einen Radius von etwa hundert Metern hatte und von einer gut dreißig Meter breiten freien Zone umgeben war. Darin hielten sich nur wenige Schwimmer auf, hauptsächlich Arrinyi. Durch die Scheiben waren im draußen höher stehenden Wasser vereinzelt kleine Tiere zu sehen, von denen manche entfernt Fischen ähnelten, andere Rochen oder Meeresschnecken und wieder andere freischwimmenden Seegurken. Um den Stausee herum standen die Raumschiffe, von denen nun eines abhob und langsam über den See schwebte. Es war ein goldgelber kleiner Diskus, ein flaches Rotationsellipsoid mit einer Cockpitkanzel vor der Mitte.

„Hab‘ ich’s mir doch gedacht, daß ihr hierherkommen würdet“, sagte eine männliche Stimme rechts von uns. Wir wandten uns um und sahen einen eurasischen Mischling in einem glänzenden grauen Anzug auf uns zukommen. Er hielt einen kleinen Blaster auf uns gerichtet. „Laßt eure Waffen stecken“, sagte er auf Deutsch mit amerikanischem Akzent. „Ich beabsichtige niemanden von euch zu töten, aber ich tue es, wenn ihr meinen Befehlen zuwiderhandelt. Hi, Talitha.“

„Du wirst sowieso niemanden töten“, erwiderte ich. „Wir haben Schutzstatus.“

Er ging im Bogen weiter vor uns hin. „Schon möglich, aber für Talitha wirst du ihn nicht bezahlt haben, und sie werde ich erschießen, wenn sie nicht tut, was ich sage, oder wenn jemand von euch versucht, sich vor sie zu stellen. Tritt vor, Talitha.“ Draußen hatte das Raumschiff auf dem Wasser aufgesetzt und begann unterzutauchen.

„Doch, ich habe auch für sie bezahlt“, sagte ich, während Talitha zögernd gehorchte.

„Das glaube ich nicht“, knurrte er zurück. „So, bleib stehen, Talitha.“

„Wer ist das?“ fragte ich sie.

Sie drehte sich halb zu uns um. „Yukio Myrrer. Ein früherer Sklavinnenlieferant von György, später ein Konkurrent. Es… kam zum Konflikt.“

„Der wurde uns aufgezwungen!“ schnauzte Myrrer. „Von der feigen Judenratte, die du deinen Mann nennst. Typisch für ihn, immer nur andere schicken, nie selbst etwas riskieren. Wenigstens hat es ihn jetzt auf die gleiche Weise erwischt. Aber dadurch kann ich mich nicht mehr an ihm rächen und muß mich an dich halten.“ An uns gewandt fuhr er fort: „Kremser hat die Thotbusters beauftragt, uns in unserem Haus zu überfallen. Sie haben meine Frau und meinen Kompagnon getötet und unsere Sklavinnen mit dem Raumschiff meines Partners geraubt. Wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätten sie mich auch umgebracht. Jetzt nehme ich Talitha mit, um ihr das stellvertretend heimzuzahlen.“ Hinter ihm erhob sich währenddessen sein Schiff aus dem Wasserbecken, schwebte über die erschrockenen Schwimmer hinweg zur freien Pflasterfläche hinter ihm und landete dort, das Heck mit der Beibootluke und der Andockschleuse uns zugewandt. Rechts unter dem Heck öffnete sich eine Zugangsrampe.

Talithas Gesicht verriet nackte Angst. „Damit kommst du nicht durch“, sagte sie. „Die Shomhainar werden dich beim Abflug stoppen.“

Myrrer blieb unbeeindruckt. „Die sind hier sehr unterbesetzt“, erwiderte er. „Bis die mitbekommen, was hier geschieht, und festgestellt haben, ob du Schutzstatus hast – was ich immer noch nicht glaube -, sind wir schon weg.“ Er trat noch näher an sie heran, reichte ihr ein Paar Handschellen und drehte sie mit dem Gesicht zu uns. „Leg‘ dir das an, und zwar so, daß deine Hände hinter dem Rücken sind.“

Sie schaute verzweifelt zwischen ihm und mir hin und her, während sie eine Schelle um ihr linkes Handgelenk einrasten ließ. Als Linkshänderin würde es ihr so leichter fallen, die andere Schelle hinter ihrem Rücken um das rechte Handgelenk zu schließen.

Ich mußte sofort etwas unternehmen. „Hmm-hm-hm-hmmm, hmm-hm-hm-hmm…“ begann ich zu summen, während ich die Rechte langsam meiner Pistole näherte und hoffte, daß Talitha die Anspielung verstehen würde.

„Was soll das?“ fragte Myrrer mißtrauisch und schwenkte seinen Blaster in meine Richtung. „Laß das, und bleib‘ von der Waffe weg!“

„Mir ist nur gerade der Skye Boat Song in den Sinn gekommen“, antwortete ich. „Baffled our foes stand on the shore, follow they will not dare…“

Talitha, die schon nach meinem Summen verstanden hatte, nützte die Ablenkung, um einen halben Schritt nach rechts hinten zu treten und Myrrer die von ihrem linken Arm baumelnde Handschelle mit einer schnellen Linksdrehung ins Gesicht zu schlagen. Zu spät hob der Mann im Abwehrreflex seine Rechte und löste dabei einen Schuß aus, der irgendetwas hinter uns explodieren ließ. Ich zog und schoß selbst, so schnell ich konnte, traf ihn zuerst an seiner linken Hüfte, dann in den Bauch und in die Herzgegend. Aufschreiend sackte er zusammen und kippte nach hinten um; Rauchfahnen stiegen aus den Schußlöchern in seinem Körper. Gesichert von Frido, der trotz der überraschenden Wendung auch schon gezogen hatte, ging ich zu Yukio Myrrer hin, der noch etwas sagen wollte, dann aber den Kopf nach hinten sinken ließ und mit offenen Augen und offenem Mund dalag. Ich stand über ihm und schaute auf ihn nieder. I killed a man for Flora, the Lily of the West

Dann hockte ich mich neben den Toten und durchsuchte ihn. In seinen Jackentaschen befand sich ein irdisches Smartphone, seine Geldbörse und ein Poccomp, ein Taschencomputer mit smartphone-ähnlicher Kommunikationsfunktion für die Netze der Galciv. In Gürteltaschen an seiner linken Hüfte steckten ein Reservemagazin für den Kompaktblaster und der Controller für das Raumschiff, und den Schlüssel für die Handschellen fand ich in der linken Hosentasche. Ich nahm die Sachen einschließlich der Waffe an mich und stand auf.

„Schauen wir, ob er allein war oder ob im Schiff noch jemand ist“, sagte ich zu den anderen und reichte die Kommunikationsgeräte und die Geldbörse Julani, die sie in ihrer Handtasche verstaute. „Julani, du bleibst besser hier, um der örtlichen Polizei Bescheid zu sagen, wenn sie kommt. Talitha, nimm Myrrers Laser und komm als Verstärkung mit rein; du weißt mehr über ihn und eventuelle Kumpane. Hier, der Schlüssel.“

Sie nahm beides mit weichem Blick entgegen und sagte: „Danke. Du weißt schon wofür noch, außer für die Rettung vor dem, was Yukio mit mir vorhatte.“

Wir wandten uns dem Raumschiff zu, aus dem immer noch nichts zu hören war außer den leisen Betriebsgeräuschen der im Leerlauf arbeitenden sechs Massekonverter, deren Düsen hinten beiderseits des breiten Heckwulsts angeordnet waren. Dieser endete in einer platten Rückseite, deren Mitte über die Beibootluke hinweg mit dem Bild Jigoku dayu des japanischen Künstlers Kawanabe Kyōsai dekoriert war: eine sitzende Frau in einem roten Mantel, den Kopf auf eine Hand gestützt und von Skeletten umgeben. Darüber stand der Schiffsname JIGOKU DAYU und darunter die englische Übersetzung HELL COURTESAN. Rechts des Bildes stand die Kopplungsvorrichtung der Andockschleuse etwas vor, und die linke Seite der Heckfläche nahm ein rundes Sichtfenster von gleicher Größe wie der Andockstutzen ein. Das Schiff stand auf sechs kreisförmig angeordneten Stützen und einem zentralen Landeteller.

Wachsam betraten wir die „Höllenkurtisane“ über die Rampe, die wie bei der Jeannie zu einer Luftschleuse gehörte, deren Innentür sich unter diesen atmosphärischen Bedingungen gleichzeitig mit der Rampe öffnen ließ. Dahinter war ein kleiner Vorraum mit einer Tür rechts, hinter der eine Toilette lag, und einer durchsichtigen Schiebetür links, hinter der sich ein Beiboot desselben Typs wie jenes der Jeannie befand. Alles hier war im selben Goldgelb gehalten wie die Außenseite des Schiffes. Nach vorn wurde dieser Vorraum durch eine Tür mit Glasfeld abgeschlossen, die in den kreisrunden Aufenthaltsraum führte. Dieser nahm den Zentralbereich des Schiffes ein und wurde durch Umgebungslicht erhellt, das durch eine große Sichtkuppel über der Mitte hereinfiel.

Soweit durch das Glasfeld der Tür zu sehen war, befand sich niemand im Zentralraum. „Ich gehe rein und sichere dann nach links“, sagte ich zu Frido, öffnete die Tür mit der Linken und ging mit der Waffe im Anschlag um den vorderen Abschluß des Beibootschachtes, während Frido nach rechts sicherte. Der Raum war tatsächlich ebenso leer wie die umgebenden Räume – die Steuerkanzel, die vier Kabinen, die Kombüse, der Lagerraum und das Bad.

Als das klar war, gab Talitha mir den Blaster zurück, und wir gingen zu Julani hinaus, die bereits Gesellschaft von Arrinyi-Polizisten bekommen hatte. Es folgte der übliche Formalkram unter Hinzuziehung der örtlichen Shomhainar, mit den Sachverhaltsdarstellungen, der Abtretung medialer Verwertungsrechte und der Anerkennung meines Eigentumsanspruchs an der Jigoku dayu und an Yukio Myrrers sonstigem Besitz.

Unter polizeilicher Aufsicht steuerte ich danach das Schiff, das ich unter dem verkürzten Namen Dayu – Kurtisane – auf mich angemeldet hatte, auf demselben Weg wieder in die Wüste hinaus, auf dem es hereingekommen war, und ich war schon entschlossen, es zu behalten. Mit zweiundzwanzig Metern Durchmesser etwas kleiner als die Jeannie, wenngleich dicker, war es ein praktischerer Entwurf als diese, konnte genauso viele Personen befördern und hatte auch Warpantrieb. Seine KI entsprach ungefähr jener der Jeannie und hatte einen bildlichen Avatar, der auf Myrrers ermordeter Frau Yashiko Lamoine beruhte. Da es von Aizharo und Sirunn gebaut worden war, würde ich die technische Betreuung in vertraute Hände legen können. Bewaffnet war es ebenfalls, mit zwei großkalibrigen Gaußkanonen unter dem Hauptdeck, die wie die Kinetics von Nouris in beide Richtungen schießen konnten. Damit würde ich ein handliches Zweitschiff haben, wenn Talitha sich wirklich die Rückgabe der Jeannie verdiente.

Wegen des Myrrer-Nachspiels mußten wir unsere Besichtigungen in Yandorrin etwas abkürzen. Am zweiten Tag erhielten wir von Nouris Nachricht, daß Björn bei ihr eingedockt und sein Quartier bezogen hatte. Mit beiden Schiffen starteten wir nach Seyouinn, Frido und Julani mit der Dayu, da wir beschlossen hatten, daß Julani dieses Schiff für ihren Einsatz auf Nayotakin verwenden würde, nachdem es der Jeannie in der Handhabung sehr ähnlich war und seine Bewaffnung sich für diesen Zweck besser eignete. Außerdem würden unsere Feinde es noch nicht mit uns in Verbindung bringen. Talitha und ich flogen in der Jeannie. Im steilen Steigflug durchstießen wir die Wolken, und nachdem wir Sanorrs Atmosphäre verlassen hatten, gingen wir in die Zentrale, um mit fünf g beschleunigen und den Andruck bis auf ein g kompensieren zu können.

Eine Zeitlang gaben die Ausblicke auf Sanorr und Cerron Anlaß für den Austausch von Bemerkungen, dann stellte sich zwischen Talitha und mir Schweigen ein. Ich hatte schon seit dem Start den Eindruck gehabt, daß etwas sie beschäftigte. Schließlich sah sie mich an und sagte: „Draco… ich weiß, daß du nicht sicher sein kannst, daß das, was ich dir jetzt sage, wahr ist… aber ich habe meine Racheabsicht gegen dich schon lange aufgegeben. Ich möchte nicht viel über die Gründe reden, weil für dich immer ein Zweifel bleiben wird, ob ich das nur so sage, um dich einzulullen. Ich hoffe dir eines Tages beweisen zu können, daß es wahr ist, aber ich wollte es dir auf alle Fälle jetzt schon sagen, falls ich es später nicht mehr kann.“

„Ich möchte dir tatsächlich glauben“, antwortete ich, „aber du hast recht, Gewißheit kann ich noch nicht haben. Wir kennen uns ja erst seit einem knappen Monat. Ein halber Beweis war es immerhin schon, daß du mich nicht mit Myrrers Blaster erschossen hast.“

„Für dieses Vertrauen danke ich dir noch einmal ausdrücklich. Aber es war von meiner Seite nicht einmal ein halber Beweis, denn ich war auf dich angewiesen und wäre nicht von Yandorrin weggekommen.“

„Ein anderer Teilbeweis ist, daß du bei deinem Fluchtversuch über Winedark meine Waffe nicht genommen hast. Daß sie nicht geladen war, hast du ja nicht gewußt. Ich würde gern die Gründe für deinen Sinneswandel hören – soviel du mir darüber sagen willst.“

Sie seufzte. „Zum einen waren es… zwischenmenschliche Gründe. Irgendwann werde ich dir hoffentlich unter glaubwürdigeren Umständen mehr darüber sagen können, über die Entwicklung meiner Einstellung zu dir seit unserer ersten Begegnung damals im Wienerwald, über die letzte Zeit mit György, über den Gefühlssturm bei der doppelten Home Invasion. Wenn ich das alles selbst einmal besser verstehe…“

„Dominy hat ihre Gründe, von denen Talitha nichts weiß?“

Sie lächelte, halb verlegen, halb traurig. „Treffend ausgedrückt… Zum anderen ist mir klar geworden, wie ungerecht dieser Rachewunsch war. Daß andere berechtigteren Grund zur Rache an mir und erst recht an György hätten. Die Auspeitschung auf Winedark war für diese Einsicht eine wichtige Erfahrung.“

„Die du anscheinend bewußt gesucht hast. Wolltest du da schon büßen?“

„Nun… ja. Wenn mir die Flucht gelungen wäre, hätte ich… ach, lassen wir das, das klingt jetzt zu blöd und unglaubwürdig. Für den anderen Fall… es hat doch schon das Gewissen an mir genagt. Außerdem wollte ich wissen, wie du dich verhältst, wenn ich dir Grund zu einer Bestrafung gebe und dir ausgeliefert bin.“

„Provozieren, um kennenzulernen, könnte man das nennen“, warf ich ein.

„Und nicht nur um dich kennenzulernen, sondern auch, wie das, bei dem ich György unterstützt habe, für die Opfer war.“ Sie lächelte schwach. „Man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht; man könnte mehr davon bekommen, als man wollte. Beinahe wäre mir das in den Händen von Yukio passiert. Allein schon die Angst davor war Erfahrung genug, so wie vorher die Angst, von dir an Max und Merton ausgeliefert zu werden.“ Sie hielt inne, schaute auf die Bildschirmkuppel und sagte dann leise: „Ich würde es verstehen, wenn mich ein Angehöriger eines unserer Opfer umbringen wollte… ach, was soll’s, aus deiner Sicht kann das genauso eine bloße Pose sein.“

„Wie gesagt, ich würde dir gern glauben“, versicherte ich ihr. „Ich frage mich aber, wie eine Frau, die zu solcher Reue fähig ist, überhaupt erst bei diesen Verbrechen mitmachen konnte. Du hast mir erzählt, wie du in diese Szene hineingeraten bist, und ich halte es für plausibel. Aber hast du in dieser Zeit nie Gewissensprobleme gehabt oder über einen Ausstieg nachgedacht?“

„Doch, aber es hat nicht gereicht. Es ist schwer zu erklären, und im Nachhinein verstehe ich es selbst kaum. Im Grunde war es Flucht nach vorne, sobald ich wußte, was wirklich lief. Aussteigen wäre sowieso gefährlich gewesen, und dann war da noch die Anhänglichkeit an György und das, was er mir bot. Er hätte das alles zwar auch ohne mich getan, und ich habe ihn nur unterstützt und nach seinen Anweisungen gehandelt, aber dennoch, ich habe mitgemacht. Es hat mich in der Zeit, seit ich aus dieser Szene weg bin, immer mehr belastet, und eigentlich hat das schon vorher begonnen. Es gibt da ein Lied eines deutschen Sängers, Reinhard Mey, in dem es heißt: Von jeder Wunde, die ich dir zugefügt hab‘, trag‘ auch ich eine Narbe davon. Und als ich das zum ersten Mal hörte, ging es mir durch und durch, denn es traf genau das, was ich damals schon gegenüber unseren Opfern zu empfinden begann. Aber György konnte hypnotisch sein, und wenn er es mir befahl, dann konnte ich Dinge tun, die ich von selbst nie getan hätte.“

„Wie im Milgram-Experiment und einer milderen Nachfolgestudie, die vor ein paar Jahren mit Frauen statt Männern durchgeführt wurde. Da hat sich gezeigt, daß jemand, der einem anderen auf Befehl einer als überzeugend empfundenen Autorität Schaden zufügt, sich dabei nicht als handelnde Person erlebt, sondern als passiv, als ob der Befehlsgeber ihm die Hand führen würde. Das war sogar an Hirnreaktionen meßbar.“

„Ja, dieses Experiment ist mir auch bekannt. Leider hilft es mir nicht, daß anscheinend die meisten Menschen durch Autoritäten dazu gebracht werden können, anderen zu schaden; es ist trotzdem keine Entschuldigung, nur eine Erklärung. So wie auch, daß György mich in ein Milieu eingeführt hatte, wo alle anderen dasselbe und Schlimmeres taten und nichts dabei fanden. Das ist vielleicht so ähnlich wie in den Fällen, wo bei Unglücken oder Verbrechen mit vielen Zeugen keiner hilft und jeder sein Gewissen damit beruhigt, daß die anderen auch nichts tun.“

„Dazu gibt es auch Parallelen im Krieg“, sagte ich. „Zum Beispiel den Fall einer amerikanischen Bomberbesatzung im Zweiten Weltkrieg, die auf dem Rückflug von einem Angriff bemerkt hatte, daß im Bombenschacht noch eine scharfe Bombe festhing. Da eine Landung damit gefährlich gewesen wäre, hebelten sie sie los und schauten ihr nach, wie sie auf ein alleinstehendes Haus fiel und es zerstörte. Sie hatten zuvor gemeinsam mit anderen Wiener Neustadt bombardiert, aber zu sehen, wie ihre Bombe ein Haus trifft und wahrscheinlich alle Menschen darin tötet, hatte sie sehr betroffen gemacht.“

Sie nickte. „Ja, das kann ich gut nachempfinden. Danke, daß du mir das erzählt hast.“ Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: „Ich wüßte gern, ob Julani auch Gewissensbisse hat. Immerhin hat sie die Verbrecher, die Nouris vor dir besaßen, in das Shom-Earth-Programm eingeführt, in dessen Rahmen sie ihre Taten begingen, auch wenn sie selbst nicht daran beteiligt war. Ihre Schuld ist zwar nicht so groß wie meine, aber dennoch…“

„Ja, sie fühlt sich schuldig“, bestätigte ich. „Deshalb will sie bei Shom-Earth aussteigen und wieder als Historikerin arbeiten, wenn ihre Beratungstätigkeit für mich beendet ist.“

„Will sie euch wegen ihrer Schuldgefühle bei eurer Nayotakin-Sache helfen?“

„Ja.“

Talitha schaute eine Weile auf ihr Kontrollpult und sagte dann: „Draco… du hast damals über Kyerak gesagt, daß du auf eine Beziehung mit Julani hoffst und daß das mehr Zukunft hätte als alles, was du mit mir erwarten könntest… wie siehst du das heute?“

„Zwiespältig“, antwortete ich. „In der Zeit vor Julanis Abreise in die Galciv hatte ich den Eindruck, daß sie mein Interesse an ihr erwidert, aber nach ihrer Rückkehr war sie deutlich distanzierter, weil sie zu Hause einen früheren Liebhaber wiedergesehen hat. Nach Winedark ist sie jedoch wieder aufgetaut. Mir ist aber noch nicht klar, wo ein Familienleben mit ihr stattfinden könnte. Zu mir auf die Erde kann sie ja schlecht ziehen, und ob ich bereit bin, Galciv-Bürger zu werden und meine Kinder als Shomhainar aufwachsen zu lassen, weiß ich noch nicht. Mal sehen, welchen Eindruck ich vom Leben auf Chakarionn haben werde. Möglichkeiten wären aber auch Earthin- oder Shomhuman-Protokolonien auf Nayotakin oder Hektalassa.“ Ich hielt inne, um mir meine weiteren Worte zu überlegen. Daß ich nach der wahrscheinlich bald stattfindenden Aufnahme der Erde in die Galciv sehr wohl auch dort mit Julani oder mit ihr würde leben können, wollte ich Talitha nicht sagen, denn das hatte Julani uns streng vertraulich mitgeteilt.

„Und ich?“ fragte Talitha.

„Zu dir habe ich jetzt natürlich eine viel engere Beziehung als zu Julani. Allerdings weiß ich noch nicht, ob ich dir auf Dauer vertrauen kann; ich wünschte, ich hätte da schon jetzt Gewißheit. Und auch bei uns beiden ist noch unklar, wo wir eine Familie gründen und nicht nur die Möglichkeiten der Galciv genießen könnten, sondern auch vor Anschlägen von Györgys Feinden oder Racheakten von Angehörigen eurer Opfer sicher wären.“

„Aha… so ist das also“, sagte sie verstimmt.

„Na, komm‘ rüber und setz‘ dich auf meinen Schoß“, versuchte ich sie zu trösten. „Ich regle den Andruck auf ein halbes g runter, und wir hören bis Seyouinn Musik nach deinen Wünschen.“

Sie tat es, und ich legte meine Hände auf ihre Taille und strich über ihre Rundungen, die etwas gut verteilte Molligkeit angesetzt hatten, seit sie bei mir war. „Mmm… the big girls rock“, sagte ich ihr ins Ohr und küßte sie auf die Wange. „Was möchtest du als erstes hören?“

Sie entschied sich für „…es bleibt eine Narbe zurück“ von Reinhard Mey, das in ihren privaten Dateiordnern gespeichert war.

*    *     *

Zwei Stunden nach dem Start von Yandorrin dockten wir an Nouris an, die auf einem eisfreien Hochland von Seyouinn stand, nahe genug am Nordpol, daß die Sonne dort nur wenig über den Horizont kam. Bei unserer Ankunft begann sie gerade unterzugehen und erzeugte ein Abendrot über den fernen Felshügeln, und darüber wölbte sich ein dunkelvioletter Himmel. Ganz in der Nähe ragte das klotzige Gebäude auf, in dem dort das Wurmloch eingebaut ist. Die Dayu parkte schon neben Nouris, sodaß die Andockschleuse wieder frei war. Nachdem wir hinübergegangen waren, koppelte auch die Jeannie sich wieder ab und blieb neben Nouris schweben, wie wir es ihr aufgetragen hatten. Auf dem Weg mit dem Lift zum Salon, wo Frido und Julani bereits mit Björn beisammensaßen, befahl ich Nouris, abzuheben und das Wurmloch ins nächste Sonnensystem zu passieren, um die für die nächsten Minuten angekündigte Ankunft eines Schiffes von der anderen Seite auszunützen. Bis wir oben waren, spürten wir schon die Bewegungen des Starts, und auf den Bildschirmen im Salon waren unsere beiden Begleitschiffe zu sehen, die uns gemäß ihrer Programmierung folgen würden. Während wir Björn begrüßten und uns dann an den Tisch setzten, schwebte Nouris mit uns an das Portalgebäude heran und bezog Warteposition.

Gleich darauf öffnete sich das Portal, und Staubschwaden, die der ewige Wind über diese Wüstenei blies, begannen mit dem Luftsog zur anderen Seite zu strömen, wo die Atmosphäre noch dünner war als selbst in dieser Höhenlage auf Seyouinn. Aus der kreisrunden Öffnung erschien ein langes blaßblaues Raumschiff, das ein reiner Sublichttransporter zu sein schien, da an ihm nirgends Anbauten oder Wülste zu erkennen waren, in denen Warpfeldgeneratoren eingebaut sein konnten.

Als es ganz hindurch war, drehte Nouris sich in die Horizontale und manövrierte mit dem Heck voran über ein paar im Gelände arbeitende Shomhumans hinweg in das Wurmloch. Drüben kamen wir über dem Mond eines Gasriesenplaneten im System einer roten Zwergsonne heraus, die gerade über den Bergen am Horizont erschien. Doch statt zum vierhundert Kilometer entfernten nächsten Wurmlochportal zu fliegen und es ins Yenkru-System zu passieren, landeten unsere Schiffe auf dem Boden eines Kraters, wo wir bis zum folgenden Tag abwarten wollten, an dem das Treffen stattfinden sollte.

Björn hatte drei Wochen Urlaub und würde in drei Tagen mit Frido eine zahlende Reisegruppe an Bord von Nouris zur Erde zurückbringen. Diese Reise sollte auch über abgelegene Welten führen, deren bekannteste Krelang mit seinen von unbekannten Schöpfern hinterlassenen Bauten war, die schon Ruinen gewesen waren, als die Lwaong sie entdeckt hatten. Währenddessen würde ich mit Julani und Talitha in der Jeannie nach Chakarionn weiterreisen. Zuvor galt es jedoch die Konferenz mit der kriminellen Earthin-Runde zu überstehen, und nun besprachen wir diese Aktion noch einmal unter Berücksichtigung der aktuellen Gegebenheiten.

Wir hatten uns während der bisherigen Anreise noch Gedanken gemacht, ob wir diese gefährliche Begegnung vermeiden konnten, aber keine bessere Alternative gefunden. Wenn wir uns davor drückten, würden wir ständig der Gefahr von Anschlägen von jeder dieser vier Parteien ausgesetzt sein, die uns als Mitwisser beseitigen wollten. Und spätestens nach unserem ersten Versuch, eine davon auszuschalten, würden die anderen sich erst recht bedroht sehen und sich womöglich sogar zusammentun, um uns zuvorzukommen. Wahrscheinlich sahen sie diese Bedrohung durch uns ohnehin bereits seit unserer Tötung der beiden Kremser-Kontaktleute vor unserem Aufbruch zu dieser Reise als gegeben. Wir mußten also trotz des Risikos teilnehmen und hoffen, sie alle auf einmal erledigen oder einen zwischen ihnen ausbrechenden Konflikt ausnützen zu können.

Dafür bestand eine Chance, denn von Talitha hatten wir erfahren, daß es zwischen ihnen Rivalitäten gab, die durch das geplante Zweckbündnis überdeckt werden sollten. Auch zu den Kremsers hatten sie keine freundschaftlichen Beziehungen gehabt, sodaß aus ihrer Sicht nichts Persönliches dagegen sprach, uns einzuladen und zu testen, ob wir als Mitspieler interessant wären oder getötet werden mußten – entweder noch während der Konferenz oder irgendwann später. Ein Problem dabei war für sie, daß wir aus der Sicht irdischer Justizbehörden strafrechtlich unbelastet waren, und deshalb befürchteten wir, daß sie als Bedingung für unsere Aufnahme in die Runde von uns fordern würden, ein Verbrechen zu begehen. Für uns stand fest, daß wir das nicht tun würden, und falls sie es schon während der Konferenz verlangen würden, mußten wir uns eben sofort dort herauskämpfen.

Einen Schutz durch einen bei Shom-Earth registrierten Nichtangriffspakt würde es nicht geben, denn erstens wollte man vermeiden, daß Drittparteien von dem Treffen erfuhren und dann versuchten, alle Teilnehmer auf einmal zu erwischen und als Konkurrenten auszuschalten, und zweitens sollte die Veranstaltung an Bord der großen Landyacht der Gastgeber stattfinden, die sich Lord Lorimar und Lady Lurella nannten. Treffpunkt war ein Veranstaltungszentrum in Venayon, einer Earthin-Stadt in der Kyurui-Wüste auf dem Kontinent Lellai. Sobald alle an Bord gegangen waren, sollte die Landyacht zu einer Tour in die Wüste hinausfahren. Im Fall eines Kampfes würde es deshalb ohnehin schwierig zu beweisen sein, wer den Burgfrieden gebrochen hatte, denn jede siegreiche Partei konnte dann behaupten, die anderen hätten sie angegriffen und seien in Notwehr getötet worden. Daher mußten alle sich selbst absichern.

Tatsächlich deutete dieses Arrangement trotz der vorgebrachten plausiblen Gründe darauf hin, daß damit die Möglichkeit für Hinterhalt und Verrat geschaffen werden sollte, und nicht unbedingt nur gegen uns. Es würde für alle Seiten eine sehr angespannte Situation werden.

Unsere Absicherung bestand in der Erklärung, daß das Nouris-Beiboot, mit dem wir zum Treffpunkt kommen wollten, die Landyacht wie die Fahrzeuge anderer Teilnehmer in der Luft begleiten und auf sie schießen würde, wenn unsere Kampfrüstungen, die zu tragen wir uns ausbedungen hatten, das Ende unserer Lebensfunktionen meldeten oder wenn wir über Funk den Befehl dazu gaben. Dasselbe, wenn wir nach Ablauf einer bestimmten Frist nicht wieder aus der Landyacht ausstiegen.

Anschließend, so meine Behauptung, würde Nouris, für die ich dann ohnehin keine Verwendung mehr hätte, mit ihren restlichen Beibooten und der Jeannie herunterkommen und die Landyacht und alle Boden-, Luft- und Raumfahrzeuge in deren Nähe sowie Lorimars Anwesen Arkinor notfalls bis zur eigenen Vernichtung zerstören. Diese Drohung klang glaubhaft, weil bereits einmal ein Lwaong-Schiff von Nouris‘ Typ sich nach der feindlichen Übernahme durch Dritte in die Atmosphäre eines Gasriesenplaneten gestürzt hatte (wobei ich vermutete, daß es in Wirklichkeit um die Wahrung von Lwaong-Geheimnissen gegangen war). Zusätzlich würden alle vor der irdischen Justiz belastenden Informationen über die anderen herauskommen und sonstige Infos via Earthincom zum potentiellen Nutzen ihrer Konkurrenten verbreitet werden. Das würde sie hoffentlich davon abhalten, uns hinterrücks oder im offenen Kampf sofort zu töten, aber es bedeutete auch, daß sie im Konfliktfall versuchen würden, uns lebend zu überwältigen, um uns mit schmerzhaften Mitteln zur Aufhebung dieser Maßnahmen zu zwingen.

Nouris und die Jeannie mußten zwar vereinbarungsgemäß wie die Raumschiffe der anderen Teilnehmer jenseits des Sichthorizonts von Venayon im Weltraum bleiben und durften nur über eine Relaissonde Verbindung zu unserem Beiboot halten, aber dieses Beiboot hatte zusätzlich die direkte Komm-Verbindung über ein Mikro-Wurmloch als Absicherung, falls die Relaissonde zerstört wurde. Julani würde mit der Dayu jenseits des Gebirges bei Venayon in der Wüste landen, um sich für ein eventuelles Eingreifen bereitzuhalten.

Neu war, daß auch Talitha mitmachen wollte: sie hatte mich auf dem Flug von Sanorr nach Seyouinn gebeten, mit uns an der Konferenz teilnehmen zu dürfen. Wir sollten der Verbrecherrunde sagen, daß sie auf meine Seite gewechselt sei – was ja auch stimmte -, und sie konnten dann spekulieren, wann dieser Seitenwechsel stattgefunden hatte.

Die anderen erhoben Einwände dagegen und sprachen die Möglichkeit an, daß Talitha vielleicht doch ein näheres Verhältnis zu einem der Teilnehmer hatte, als sie uns wissen ließ, und auf eine Gelegenheit zu einem Seitenwechsel gegen uns aus war. Ich hatte insgeheim selbst einen kleinen Restverdacht in dieser Richtung, wollte es aber darauf ankommen lassen, um endlich Klarheit über ihre Loyalität zu haben, und konterte, daß sie dann wohl schon früher ihre Teilnahme angeboten hätte statt erst jetzt als späten Einfall. Talitha führte an, daß sie uns mit ihrer Kenntnis dieser Szene von Nutzen sein konnte und eine zusätzliche Schützin auf unserer Seite wäre, falls es zum Kampf käme, aber die anderen gaben erst nach, als ich sagte, daß Talitha zwar eine der Schutzrüstungen bekommen würde, wie auch wir sie verwendeten, aber als Waffe nur die Gaußpistole ihres Mannes, die eine solche Rüstung nur an den Verbindungen und anderen Schwachstellen durchschlagen konnte.

Nachdem das geklärt war, nahmen wir gemeinsam unser Abendessen ein, bei dem ich bei Julani, die mir gegenübersaß, immer wieder kleine Kontaktsignale wahrnahm, die auch Talitha nicht entgingen. Anschließend bereiteten wir unsere Ausrüstung vor, trafen sonstige Vorbereitungen und besprachen, was uns dabei noch einfiel. Dann flog Julani mit der Jigoku dayu nach Nayotakin ab, um noch am selben Abend auf der Shomhuman-Insel Ilnaoi westlich von Lellai zu landen. Dort würde sie von Bord gehen, in der Stadt ein Hotelzimmer nehmen und sich am nächsten Morgen vom autonom gestarteten Schiff am Strand abholen lassen, um eine Art Alibi für die Zeit des Wüsteneinsatzes zu haben. Wir anderen gingen endlich zu Bett, in der Hoffnung, mit medikamentöser Hilfe ausreichend Schlaf zu finden.

Fortsetzung: Kapitel 8 – Ungestutzte Flügel

Anhang des Verfassers:

Nachfolgend habe ich die Links aus dem obigen Kapitel für Leser gesammelt, die zwar den Lesefluß nicht unterbrechen wollten, um sie anzuklicken, sie aber trotzdem jetzt ansehen möchten:

HD 101930 (in Galciv-Terminologie die Sonne Harann), Skye Boat Song, Milgram-Experiment, mein Kommentar über eine Milgram-Nachfolgestudie, HD 102117 Uklun (in Galciv-Terminologie Nayotakins Sonne Yenkru)

Hier noch einmal die Corries mit dem Skye Boat Song:

…und Reinhard Meys „…es bleibt eine Narbe zurück“:

Dies ist das Bild Jigoku dayu („Höllenkurtisane“) des japanischen Künstlers Kawanabe Kyōsai aus dem Jahr 1874:

Und hier ist der Abschnitt mit der oben erwähnten Schilderung des amerikanischen Bomberpiloten George McGovern aus „Österreich II: Die Wiedergeburt unseres Staates“ zur gleichnamigen ORF-Fernsehdokumentationsreihe von Hugo Portisch und Sepp Riff, S. 52/53:

Die Flakhelfer unten an den Geschützen sind 17 Jahre alt. Die Besatzungen oben in den Flugzeugen ungefähr 20. Unter ihnen befand sich damals auch George McGovern, später ein prominenter amerikanischer Politiker, Senator und Kandidat der Demokratischen Partei für die US-Präsidentschaft 1972. McGovern flog viele Einsätze über Österreich. Und so sah der Luftkrieg aus seiner Sicht aus. McGovern berichtete uns vor der Kamera:

„Linz war außerordentlich stark verteidigt. Besonders gegen Kriegsende waren sehr viele Luftabwehrgeschütze rund um Linz postiert. Mein Einsatz gegen Linz war der schlimmste meiner ganzen Kriegszeit. Er war mein letzter im Krieg, aber er hätte leicht auch meine letzte Stunde bringen können. Mein Flugzeug wurde von 110 Flaksplittern getroffen. Zwei Motoren fielen aus, die gesamte Hydraulik war zerschossen, wir mußten ohne Bremsen landen. Unsere Flügel sahen aus wie ein Sieb. Es war ein Wunder, daß wir diesen Flug überlebt haben. Bei einem früheren Einsatz sollten wir die Ölraffinerien in der Nähe von Wien anfliegen. Es herrschte schlechtes Wetter, und so griffen wir statt dessen Wiener Neustadt an. Wir haben diese kleine Stadt sehr arg getroffen. Auf dem Heimflug bemerkten wir, daß eine der Bomben in unserem Abwurfschacht steckengeblieben war. Das war sehr gefährlich, denn wir mußten die Bombe lösen. Es gelang uns auch. Als wir nun den Flug dieser Bombe verfolgten, sahen wir, daß sie in ein einzeln stehendes Haus einschlug. Wir hatten soeben Tausende Bomben auf eine Stadt abgeworfen, aber zu sehen, wie eine einzelne Bombe ein kleines Haus zerstörte und dort wahrscheinlich alle Menschen tötete, das hat mich sehr betroffen gemacht. Als wir landeten, wartete ein Telegramm aus den USA auf mich. Meine Frau hatte soeben ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, unser erstes Kind. Und es ging mir durch den Kopf: Hier ist ein sehr wertvolles kleines Kind auf die Welt gekommen, und wie viele Menschen hatten wir gerade getötet, vielleicht auch jemandes kleines Mädchen.“

McGovern erklärte, daß er unter diesem Erlebnis noch immer leide. Als „Österreich II“ im Jahr 1985 vom ORF nochmals ausgestrahlt wurde, erhielten wir den Anruf einer Frau Viktoria Fischer. Sie hatte soeben den Bericht McGoverns gehört: „Können Sie diesen Amerikaner erreichen? Ich möchte ihn beruhigen. Das Haus, das seine Bombe traf, war unseres. Alles stimmt genau, die Amerikaner kamen aus Wiener Neustadt. Der Angriff war schon zu Ende, als noch diese eine Bombe geflogen kam. Sie traf unser Haus und zerstörte es vollkommen. Aber niemand von uns war daheim, wir waren damals in Wien, da mein Vater im Spital lag. Hier hörten wir die Hiobsbotschaft. Als wir dann vor dem total zerstörten Haus standen, war es ein großer Schock für uns. Mein Vater versuchte das Haus nach dem Krieg wieder aufzubauen, aber die Mittel reichten nicht. Und vielleicht war es gut so. Wir konnten das Grundstück später günstig verkaufen.“ Wir haben den Bericht von Frau Fischer an George McGovern weitergeleitet.

Interessant ist übrigens, wie sehr man selbst zur Wiederholung jener bewährten, auf Englisch „tropes“ genannten Formeln, Konventionen und Konzepte für Geschichten neigt. Zum Beispiel bin ich auf die Formel Betty and Veronica in TV Tropes erst aufmerksam geworden, als ich schon einige Seiten von Kapitel 8 geschrieben hatte. Anscheinend entspringen solche „tropes“ wirklich oft der menschlichen Natur beziehungsweise der Logik des Geschichtenerzählens, wobei es da natürlich ethnokulturelle Unterschiede geben mag.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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