Das geborstene Schwert (2): Valgard

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! Zuvor erschienen: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend. (Das von mir eingefügte Titelbild ist eine Illustration von Kat Menschik zur isländischen „Njáls Saga“ und stellt Njáls Frau Hallgerð dar.)

VI

Die Hexe lebte allein im Wald. Nur ihre Erinnerungen leisteten ihr Gesellschaft, und im Lauf der Jahre fraßen sie ihre Seele auf und ließen nur Haß und Rachedurst zurück. In vielen magischen Experimenten lernte sie, wie sie ihre Macht ein wenig vergrößern konnte. Schließlich gelang es ihr, Geister aus der Erde zu rufen und mit den Dämonen der Luft zu sprechen, und diese lehrten sie mehr. Sie ritt auf einem Besenstiel zum Schwarzen Sabbath auf dem Brocken. Ein grauenhaftes Fest war das, bei dem abstoßende Gestalten aus alter Zeit um den dunklen Altar sangen und Blut aus Kesseln tranken, aber vielleicht am schlimmsten waren die jungen Frauen, die sich bei den Riten mit scheußlichen Wesen paarten.

Die Hexe kehrte klüger zurück und brachte sich einen Rattenmann als Vertrauten mit, der mit seinen scharfen kleinen Zähnen in ihre verwelkten Brüste biß und Blut daraus sog und des Nachts auf ihrem Kissen hockte und ihr im Schlaf ins Ohr flüsterte. Und so glaubte die Hexe, sie habe jetzt genug Kraft, um den zu rufen, nach dem sie schon lange verlangte.

Donner und Blitz rollten um ihre Hütte, blaues Licht und der Gestank des Höllenpfuhls. Aber das dunkle Wesen, vor dem sie sich zu Boden warf, war auf seine Art schön, wie jede Sünde dem bereitwilligen Sünder schön erscheint.

„O du mit den vielen Namen, Fürst der Dunkelheit, Böser Gefährte“, rief die Hexe, „ich möchte, daß du mir meinen Wunsch erfüllst, und dafür will ich dich in hergebrachter Weise bezahlen.“

Der, den sie gerufen hatte, sprach, und seine Stimme klang sanft und geduldig: „Du bist schon ein gutes Stück auf meinem Weg gewandert, aber du bist noch nicht ganz und gar mein. Die Gnade von oben ist unendlich, und wenn du sie nicht zurückweist, bist du auch noch nicht verloren.“

„Was frage ich nach Gnade?“ meinte die Hexe. „Durch Gnade werden meine Söhne nicht gerächt. Ich bin bereit, dir meine Seele zu geben, wenn du mir meine Feinde in die Hände lieferst.“

„Das kann ich nicht tun“, erwiderte ihr Gast, „aber ich kann dir die Mittel zur Hand geben, wie du ihnen eine Falle stellen kannst, wenn du schlauer bist als sie.“

„Das genügt mir.“

„Aber bedenke, hast du nicht bereits Rache an Orm genommen? Dein Werk ist es, daß er einen Wechselbalg als ältesten Sohn hat, und dieses Geschöpf kann großes Übel über ihn bringen.“

„Orms echter Sohn blüht und gedeiht jedoch in Alfheim, und seine jüngeren Kinder wachsen heran. Ich will diese faule Saat bis zum letzten Blutstropfen auslöschen, ebenso wie er meine ausgelöscht hat. Die heidnischen Götter werden mir nicht helfen, und sicher wird Er es nicht tun, dessen Namen ich besser nicht ausspreche. Deshalb mußt du, Schwarze Majestät, mein Freund sein.“

Flämmchen, die kälter waren als der Winter, flackerten in seinem Blick, und lange sah er sie an. „Die Götter sind bei dieser Sache nicht aus dem Spiel, wie du vielleicht gehört hast. Odin, der die Geschichte der Menschen voraussieht, schmiedet Pläne, die weit in die Zukunft reichen…. Aber du sollst meine Hilfe haben. Stärke und Wissen werde ich dir geben, auf daß du eine mächtige Hexe wirst. Und ich werde dir sagen, wie du deine Feinde treffen kannst, falls sie nicht klüger sind, als du glaubst.

Es gibt drei Kräfte in der Welt, gegen die Götter und Dämonen und Menschen machtlos sind, gegen die es keinen Zauber gibt. Das sind der Weiße Christus, die Zeit und die Liebe.

Von dem ersten hast du nichts anderes zu erwarten, als daß er deine Pläne durchkreuzen wird, und du mußt Obacht geben, daß er und die Seinen auf keine Weise in den Kampf hineingezogen werden. Du kannst es verhindern, indem du dir vor Augen hältst, daß der Himmel geringeren Wesen ihren freien Willen läßt und sie nicht auf seine Wege zwingt; selbst die Wunder haben den Menschen nur eine Möglichkeit eröffnet, mehr nicht.

Das zweite, das mehr Namen hat als ich selbst – Schicksal, Bestimmung, Gesetz, Wyrd, die Nornen, Notwendigkeit, Brahma und zahllose andere – kannst du nicht anrufen, weil es nicht hört. Auch wirst du nicht begreifen, wie es gleichzeitig mit dem freien Willen, von dem ich gesprochen habe, bestehen kann, ebenso wenig wie daß es sowohl alte Götter als auch den neuen gibt. Aber damit der größere Zauber wirkt, mußt du darüber nachdenken, bis du ganz von dem Wissen durchdrungen bist, daß die Wahrheit so viele Gesichter hat, wie es Seelen gibt, die danach streben, sie zu erkennen.

Und die dritte Kraft ist etwas Sterbliches, und daher kann sie ebenso schaden wie nützen, und dies ist die Kraft, die du benutzen mußt.“

Nun schwor die Hexe einen bestimmten Eid und wurde unterrichtet, wo und wie sie das Wissen zu trinken habe, das sie benötigte, und damit endete die Besprechung.

Doch da war noch etwas: Als ihr Besucher die Hütte verließ und sie ihm nachsah, entdeckte sie, daß der, der ging, nicht der gleiche war wie vorher. Es war die Gestalt eines sehr großen Mannes, der mit jugendlicher Schnelligkeit ausschritt, obwohl sein Bart lang und wolfsgrau war. Er war ganz in einen Mantel eingehüllt und trug einen Speer, und es schien, daß unter seinem breitrandigen Hut nur ein Auge leuchtete. Sie dachte daran, wem ebenfalls nachgesagt wurde, daß er sehr schlau sei und oft hinterlistig und sich bei seinen Wanderungen auf der Erde gern verkleidet, und ein Schauder überlief sie.

Aber es konnte ja auch eine durch das Sternenlicht hervorgerufene Täuschung gewesen sein. Sie grübelte über diese Frage nicht länger nach, sondern richtete ihre Gedanken allein auf ihren Verlust und ihre zukünftige Rache.

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Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! (Das Titelbild wurde von mir eingefügt und zeigt das im Roskildefjord gefundene Wikingerschiff Skuldelev 2, dessen Nachbau „Havhingsten fra Glendalough“ [„Seehengst von Glendalough“] heute im Wikingerschiffsmuseum von Roskilde zu besichtigen ist.)

I

Es war ein Mann, Orm der Starke genannt, ein Sohn von Ketil Asmundssohn. Ketil war Freisasse im Norden von Jütland, und seine Sippe lebte dort schon seit Menschengedenken und besaß viel Land. Ketils Frau hieß Asgerd. Sie war das Kind einer Buhle von Ragnar Fellhose. Also war Orm von guter Herkunft, aber da er der fünfte lebende Sohn seines Vaters war, hatte er kein großes Erbteil zu erwarten.

Orm war ein Seefahrer und verbrachte die meisten Sommer auf Beutefahrt. Er war noch jung, als Ketil starb. Asmund, der älteste Bruder, übernahm den Hof. Das ging so lange, bis Orm in seinem zwanzigsten Winter zu ihm ging und sagte:

„Jetzt sitzt du seit einigen Jahren hier auf Himmerland und machst guten Gebrauch von dem, was dein ist. Wir übrigen wollen einen Anteil. Aber wenn wir den Boden in fünf teilen, ganz zu schweigen von dem Leibgedinge für unsere Schwestern, sinken wir zu Kleinbauern herab, und wenn wir tot sind, wird sich niemand mehr an uns erinnern.“

„Das ist wahr“, antwortete Asmund. „So arbeiten wir am besten zusammen.“

„Ich will nicht der fünfte Mann am Ruder sein“, sagte Orm, „und deshalb mache ich dir dies Angebot. Gib mir drei Schiffe mit Gut und Vorräten und an Waffen genug, um die, die mir folgen wollen, auszurüsten, und ich will mir eigenes Land suchen und den Anspruch auf das unseres Vaters aufgeben.“

Das hörte Asmund gern, besonders, da zwei der Brüder erklärten, sie wollten mit Orm gehen. Ehe es Frühling wurde, waren die Langschiffe bereit und ausgestattet, und viele der jüngeren und ärmeren Männer waren froh, mit Orm westwärts zu segeln. Beim ersten guten Wetter, als aber die See noch rauh war, führte Orm seine Schiffe aus dem Limfjord, und Asmund sah ihn niemals wieder.

Sie ruderten schnell nach Norden, bis die Moore und tiefen Wälder unter dem hohen Himmel von Himmerland hinter ihnen lagen. Als sie das Skagerrak umrundet hatten, bekamen sie guten Wind und konnten Segel setzen. Nun zeigten ihre Hintersteven auf ihr Heimatland, und da zogen sie am Bug die Drachenköpfe auf. Das Tauwerk ächzte, die Wellen schäumten, die Möwen schrien um die Rahnock. Frohen Herzens sang Orm:

Weißmähnige Rosse wiehern,
nach Westen sie eilen,
schnaubend und schäumend
schütteln sie sich.
Wild wie die Winde
des Winters
toben und trotzen sie,
tragen sie Lasten für mich.

Da er die Fahrt so früh angetreten hatte, erreichte er England vor den meisten anderen Wikingern und machte reiche Beute. Als der Sommer zu Ende ging, suchte er in Irland ein Winterquartier. Von dieser Zeit an blieb er für immer auf den westlichen Inseln. Die Sommer verbrachte er auf Beutefahrt und tauschte im Winter einiges von seinem Reichtum gegen weitere Schiffe ein.

Endlich jedoch wuchs in ihm der Wunsch nach einem eigenen Heim. Er schloß sich mit seiner kleinen Flotte der großen Guthorms an, den die Engländer Guthrum nannten. Er gewann viel, während er diesem Herrn an Land und zur See folgte, aber er verlor auch viel, als König Alfred den Tag bei Ethandun gewann. Orm und eine Anzahl seiner Männer gehörten zu denen, die sich durchschlugen. Später hörte er, daß Guthrum und den anderen eingeschlossenen Dänen ihr Leben dafür geschenkt worden war, daß sie die Taufe annahmen. Orm sah voraus, daß es irgendwann zwischen seinem Volk und dem Alfreds zum Frieden kommen würde. Dann konnte er in England nicht mehr so frei zugreifen, wie er es bisher getan hatte.

Daher steuerte er die Gegend an, die später Danelaw genannt wurde, und suchte nach einem Ort, wo er sich niederlassen konnte.

Er fand einen grünen, schönen Platz an einer kleinen Bucht, die als Hafen für seine Schiffe dienen konnte. Der Engländer, der dort wohnte, war ein reicher und ziemlich mächtiger Mann und wollte nicht verkaufen. Aber Orm kam des Nachts zurück, umstellte mit seinen Männern das Haus und verbrannte es. Der Eigentümer, seine Brüder und die meisten seiner Knechte fanden den Tod. Es hieß, die Mutter des Mannes, die eine Hexe war, kam davon – denn die Angreifer ließen alle Frauen, Kinder und Mägde, die es wünschten, aus dem Haus gehen – und sprach über Orm den Fluch, sein ältester Sohn solle außerhalb der Welt der Menschen aufwachsen, während Orm an seiner Stelle einen Wolf großziehen solle, der ihn eines Tages zerreißen werde.

Da schon viele Dänen in dieser Gegend lebten, wagte die Sippschaft des Engländers nichts anderes zu tun, als von Orm Wergeld und Landpreis anzunehmen, und damit gehörte der Hof nach dem Gesetz ihm. Er baute ein schönes neues Wohnhaus und andere Gebäude, und mit seinem Gold, seinen Gefolgsleuten und seinem Ruhm galt er bald als ein großer Häuptling.

Als er ein Jahr auf seinem Hof gesessen hatte, hielt er es für angebracht, sich eine Frau zu nehmen. Mit vielen Kriegern ritt er zu dem englischen Edelmann Athelstane und warb um dessen Tochter Älfrida, die als die schönste Jungfrau im Königreich galt.

Athelstane erging sich in Ausflüchten, aber Älfrida sagte Orm ins Gesicht: „Einen Heidenhund will ich nicht heiraten, und ich kann es auch nicht. Und wenn du mich mit Gewalt nimmst, wirst du wenig Freude daran haben – das schwöre ich.“

Sie war schlank und zart mit weichem, rötlichbraunem Haar und großen grauen Augen. Orm dagegen war ein großer, mächtiger Mann, dessen Haut von Wind und Wetter gerötet und dessen Mähne von der Sonne beinahe weißgebleicht war. Und doch hatte er irgendwie das Gefühl, sie sei die Stärkere. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, antwortete er: „Jetzt, da ich in einem Land lebe, wo die Menschen den Weißen Christus verehren, wäre es wohl klug, wenn ich mit Ihm und mit Seinem Volk Frieden machte. Die Wahrheit ist, daß schon viele Dänen desgleichen getan haben. Ich werde mich taufen lassen, wenn du mich heiraten wirst, Älfrida.“

„Das ist kein Grund!“ rief sie.

„Bedenke“, sagte Orm schlau, „wenn du mich nicht heiratest, werde ich ein Heide bleiben, und dann ist meine Seele verloren, wenn wir den Priestern trauen können. Du wirst dich vor deinem Gott dafür verantworten müssen.“ Athelstane flüsterte er zu: „Außerdem werde ich dieses Haus niederbrennen und dich von den Klippen ins Meer werfen.“

„Aye, Tochter, wir dürfen es nicht zulassen, daß eine menschliche Seele verlorengeht“, erklärte Athelstane schnell.

Älfrida widersetzte sich nicht mehr lange, denn auf seine Art hatte Orm weder ein häßliches Aussehen noch schlechte Manieren. Abgesehen davon konnte Athelstanes Sippe einen so starken und reichen Verbündeten wohl brauchen. Also wurde Orm getauft, und bald danach heiratete er Älfrida und führte sie in sein Haus. Sie lebten recht zufrieden miteinander, wenn auch nicht immer friedlich.

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„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

Dies sind die Einleitungen und Vorwörter des amerikanischen Herausgebers Lin Carter, des deutschen Lektors Helmut Pesch und des Autors selbst zu Poul Andersons erstmals 1954 veröffentlichtem Roman „Das geborstene Schwert“ („The Broken Sword“) in der 1971 vom Autor überarbeiteten Fassung, die erstmals 1987 in dieser deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck veröffentlicht wurde.

Einleitung von Lin Carter: „Der Zauber des Nordens“

Der englische Dichter W. H. Auden nannte es „the Northern thing“, jene seltsame Faszination, die von den Überlieferungen des altnordischen Kulturkreises und der Geschichte der skandinavischen Länder ausgeht. Dieser Zauber des Nordens hat auch die Phantasie vieler Autoren jener Art von Literatur beflügelt, die man heute „Fantasy“ nennt. Die Liste der Namen ist eindrucksvoll; sie reicht von William Morris, dem Begründer des Genres, über H. Rider Haggard und E. R. Eddison bis hin zu C. S. Lewis, Poul Anderson und natürlich J. R. R. Tolkien, dem Autor des „Herrn der Ringe“.

Der Zauber des Nordens ist nicht schwer zu erklären. Die skandinavischen Nationen – Island, Norwegen, Schweden, Dänemark, vielleicht noch Finnland – sind die Geburtsstätte einer der großartigsten Mythologien der Welt. Und Mythen haben nun einmal einen besonderen Reiz für Fantasy-Liebhaber. Darüber hinaus hat der Norden eine ganz eigene Literaturform hervorgebracht – die Saga.

Die besten und bedeutendsten Sagas wurden im 13. Jahrhundert in Island geschrieben, beziehen sich aber auf Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie lassen sich in drei größere Gruppen unterteilen; erstens die historischen Chroniken; zweitens die heroischen Sagas, große Abenteuererzählungen, die keine historische Genauigkeit beanspruchen; und drittens die Familienchroniken. Ein Beispiel der ersten Gruppe wäre die Heimskringla des Snorri Surluson; der zweiten die Saga von Grettir dem Starken; und der dritten die Laxdæla Saga, die dem heutigen Leser trotz ihres Alters fast wie ein moderner realistischer Roman erscheint.

Einige dieser Werke haben die Jahrhunderte seit ihrer Entstehung fast unbeschadet überstanden und sind im Deutschen wie im Englischen den Lesern in neuerer Zeit durch bedeutende Übersetzungen erneut nahegebracht worden.

William Morris selbst hat eine Reihe von skandinavischen Stoffen ins Englische übertragen. Dazu zählen allein zwei der fünf großen Íslendinga Sögur (wie sie genannt werden), die Eyrbryggja und die unsterbliche Grettla, die er in Zusammenarbeit mit dem Isländer Eiríkr Magnússon übersetzte. Für diese Aufgabe entwickelte Morris einen ganz eigenen, bewußt einfachen Sprachstil, der nicht nur Vorbild für spätere Saga-Übersetzungen, sondern auch für seine eigenen Fantasy-Werke wurde.

E. R. Eddison, der Autor jenes gewaltigen Buches „Der Wurm Ourobouros“, wagte sich an ein weiteres der fünf großen Meisterwerke, die Egla oder Egil’s Saga, und schuf damit eine der perfektesten und beeindruckendsten Übersetzungen aus dem Isländischen.

Im deutschen Sprachraum sei nur auf die Saga-Übersetzungen der „Sammlung Thule“ im Diederichs-Verlag verwiesen, die immer noch ungemein lesbar sind.

Professor Tolkien hat zwar keine der Sagas übersetzt, wenn er sich auch in seiner Arbeit an dem angelsächsischen Epos Beowulf eingehend mit den nordischen Quellen der altenglischen Überlieferung beschäftigte. Seine Kenntnisse der altnordischen Sprache wurden selbst von Fachkollegen bewundert. Seine Studie über das „Finnesburg“-Fragment, die 1983 posthum veröffentlicht wurde, beschäftigt sich eingehend mit den skandinavischen und germanischen Vorfahren der Angelsachsen und ihrem legendären Anführer Hengest, einem Vorfahren der Wikinger, der sein Volk im 5. Jahrhundert nach England brachte.

Tolkiens Sohn Christopher, der selbst Dozent in Oxford war, bevor er sich ganz dem Nachlaß seines Vaters widmete und als Herausgeber des „Silmarillion“ bekannt wurde, hat die Heidreks oder Hervarar Saga aus dem Isländischen übersetzt.

Auch das, was Poul Anderson in diesem Band geschaffen hat, steht unmittelbar in der großen Tradition jener Fantasy-Autoren, die dem Zauber des Nordens verfallen sind.

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Die helfende Hand

Von Poul Anderson. Das Original „The Helping Hand“ erschien im Mai 1950 in ASTOUNDING SCIENCE FICTION (deutsche Übersetzung von Bodo Baumann, erschienen in einem alten SF-Taschenbuch).

Der melodische Glockenklang wurde begleitet von der sachlichen Stimme des Roboters im Vorzimmer: „Seine Exzellenz, Valka Vahino, Sonderbotschafter der Liga von Cundaloa bei der Regierung des Solaren Commonwealth.“

Die Irdischen erhoben sich höflich, als der Botschafter eintrat. Trotz der Schwerkraft und der trockenen Kälte – so mußten ihm die irdischen Verhältnisse erscheinen – trat der Botschafter mit der typischen Anmut seiner Rasse auf, und wieder einmal waren die Irdischen beeindruckt von der Schönheit dieser Geschöpfe.

Geschöpfe – nun, die Bevölkerung von Cundaloa war ziemlich menschenähnlich, sowohl geistig wie auch physisch, um mit irdischen Maßstäben gemessen zu werden. Ihre Unterschiede im Vergleich zu den Menschen waren nicht bedeutend. Ein gewisser Charme, eben das „Anderssein“, das immer romantische Betrachtungen auslöst, umgab diese Fremdlinge, so daß man bei ihrem Anblick mit Genugtuung feststellte, daß nichts Unheimliches diese Rasse von den Menschen unterschied.

Ralph Dalton betrachtete den Botschafter von Kopf bis Fuß. Valka Vahino war ein typischer Vertreter seines Volkes – menschenähnlicher Zweifüßler mit einem Gesicht, das männlich wirkte, doch dessen Züge feiner, hübscher waren als bei einem irdischen Mann. Die Wangenknochen waren kräftig, die Augen groß und dunkel. Die Statur war kleiner und zierlicher als die eines Erdenbewohners, und die katzenhafte Geschmeidigkeit der Glieder verband sich mit der Anmut der schlanken Gestalt. Langes blauschimmerndes Haar fiel auf die Schultern herab, bildete einen Kontrast zu der hohen Stirn und der goldfarbenen Haut. Der Botschafter trug die uralte zeremonielle Kleidung von Cundaloa – Tunika aus Silber, Mantel aus purpurfarbenem Material, hier und dort mit Metall durchwirkt, das wie Sterne am Abendhimmel aufblitzte – und dazu mit Gold besetzte Stiefel aus weichem Leder. Die eine schlanke Hand mit den sechs Fingern hielt den kunstvoll geschnitzten Stab, der als Beglaubigung seines Planeten angesehen werden mußte, während er die andere Hand feierlich zum Gruß hob.

Er verbeugte sich – doch nichts Serviles lag in dieser Geste, nur Anmut. Dann sprach er in fehlerloser irdischer Sprache: „Friede sei mit eurem Haus! Das Große Haus von Cundaloa schickt seine besten Grüße und Wünsche für Euer Wohlergehen! Ich, das unwürdige Mitglied seines Haushaltes, komme zu seinen solaren Brüdern und erbitte ihre Freundschaft!“

Ein paar Irdische bewegten sich ein bißchen verlegen. In der Übersetzung klang das alles ein wenig gespreizt, dachte Dalton. Aber die Sprache von Cundaloa war trotzdem eine der schönsten in der Milchstraße.

Dalton erwiderte mit der gleichen Feierlichkeit: „Grüße und Willkommen. Das Solare Commonwealth empfängt den Abgesandten der Liga von Cundaloa mit aufrichtiger Freundschaft. Ralph Dalton, Premierminister des Commonwealth, spricht für alle Bewohner des Sonnensystems.“

Er stellte dann die anderen Anwesenden vor – die Minister, die technischen Berater, die Mitglieder der militärischen Stäbe. Es war eine imponierende Versammlung. Ein beträchtlicher Teil von denen, die im Sonnensystem Rang und Macht besaßen, war heute hier im Raum anwesend.

Er schloß seine Rede mit den Worten: „Dies ist eine vorbereitende Konferenz über die wirtschaftlichen Maßnahmen, die wir vor kurzem Ihrem Regime, dem Großen Haus von Cundaloa vorgeschlagen haben. Diese Konferenz hat noch keine gesetzlich verbindlichen Beschlüsse gefaßt. Doch sie wird über alle Kanäle ausgestrahlt, und somit wird die Solare Generalversammlung auf der Grundlage dieser und ähnlicher Konferenzen ihre Entscheidung treffen.“

„Ich verstehe. Das ist eine löbliche Einstellung.“

Vahino wartete, bis alle wieder Platz genommen hatten, und ließ sich dann ebenfalls nieder.

Jetzt folgte eine Pause. Alle Augen blickten immer wieder hinauf zur Wanduhr. Vahino war pünktlich erschienen, doch Skorrogan von Skontar verspätete sich. Taktlos, dachte Dalton, aber das war man von diesen Geschöpfen gewöhnt. Ihre Sitten waren eben barbarisch – ganz und gar nicht mit der liebenswürdigen Ehrerbietung der Cundaloaner zu vergleichen, die man nicht als Schwäche mißdeuten durfte.

Man füllte die Wartezeit mit höflichen Floskeln. „Wie gefällt es Ihnen bei uns?“ und so fort. Vahino, wie sich herausstellte, hatte in den verflossenen zehn Jahren das Sonnensystem schon oft besucht. Das war kein Wunder, wenn man die immer enger werdenden Handelsbeziehungen zwischen seinem Planeten und dem Solaren Commonwealth in Betracht zog. Eine stattliche Anzahl von cundaloanischen Studenten bildete sich auf irdischen Universitäten, und vor dem Krieg hatte auch ein lebhafter Touristenverkehr zwischen Sol und Avaiki bestanden. Wahrscheinlich würde er sich wieder beleben – bald sogar, sofern die Verwüstungen rasch beseitigt werden konnten…

„Oh, ja“, lächelte Vahino, „es ist der Ehrgeiz aller jungen anamai – der Männer von Cundaloa, die Erde zu besuchen, und wenn es auch nur zu einem kurzen Aufenthalt reicht. Es ist keine Schmeichelei, wenn ich behaupte, daß unsere Bewunderung für die Irdischen und ihre Errungenschaften geradezu grenzenlos ist.“

„Die Bewunderung ist gegenseitig“, beeilte sich Dalton zu versichern. „Ihre Kultur, die cundaloanische Kunst und Musik, die Literatur – all das findet hier im solaren System begeisterte Bewunderer und Nachahmer. Viele Menschen – und nicht bloß Gelehrte – lernen die Sprache von Luaia nur, um das Dvanagoa-Epos im Original lesen zu können. Cundaloanische Sänger und Sängerinnen bekommen mehr Applaus als die einheimischen Künstler.“ Er lächelte. „Ihre jungen Studenten an unseren Universitäten können sich kaum vor Verehrerinnen retten, und Ihre wenigen weiblichen Vertreter an den Stätten der Gelehrsamkeit sind wegen der zahlreichen Einladungen wohl kaum in der Lage, einem geregelten Studium nachzugehen. Ich glaube, nur der Umstand, daß eine Verbindung zwischen ihnen und irdischen Männern unfruchtbar bleibt, hat bisher die Zahl der Eheschließungen von Einwohnern beider Planetensysteme so niedrig gehalten.“

„Vielleicht“, erwiderte Vahino. „Trotzdem sind wir uns auf meinem Planeten bewußt, daß Ihre Zivilisation in der uns bekannten Milchstraße den Ton angibt. Nicht allein, daß die Zivilisation des Sonnensystems technisch am weitesten fortgeschritten ist – natürlich ist das auch ein wichtiger Faktor – sondern auch die Tatsache ist entscheidend, daß ihr zu uns gekommen seid – mit euren Raumschiffen, eurer Atomenergie, eurer Medizin und so fort. Doch das läßt sich lernen und aufholen. Nicht aufholen oder überbieten können wir jedoch eure Großzügigkeit, mit der ihr uns – nun, eure Unterstützung anbietet: Ihr baut zerstörte Welten wieder auf, die Lichtjahre von euch entfernt sind. Ihr pumpt euren Reichtum und euer technisches Wissen in unsere Heimstätten und Länder, obwohl wir doch nur Bescheidenes als Gegengabe anzubieten haben. Das ist es, was euch zur führenden Rasse der Milchstraße macht!“

„Nun, wir haben auch eigensüchtige Motive, die wir mit unserer Hilfe verbinden“, erwiderte Dalton. „Viele eigensüchtige Gründe. Natürlich gibt es auch humanitäre Erwägungen. Wir können nicht Rassen, die uns verwandt sind, in Not und Bedürftigkeit verkommen lassen, wenn unser Sonnensystem und seine Kolonien mehr Reichtum besitzen, als sie verbrauchen können. Aus unserer eigenen blutigen Vergangenheit wissen wir sehr wohl, daß wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen meist zum Nutzen des Wohltäters geraten. Wenn wir Cundaloa und Skontar wieder aufgebaut haben, ihre rückständigen Industrien modernisiert, ihre Ernteerträge gesteigert und ihre wissenschaftlichen Methoden verbessert haben, werden beide mit uns Handel treiben. Und unsere Wirtschaft ist immer noch – trotz ihres hohen Alters – vorwiegend auf Gewinn und Geldvermehrung aufgebaut. Und dann werden beide Planeten zu sehr aufeinander angewiesen sein, um sich noch einmal in so verheerendem Zwiespalt zu zerfleischen wie in dem Krieg, der kürzlich erst endete. Und von da an werden sie unsere Verbündeten in einem Kampf sein, der sich gegen Kulturen richtet, die uns tatsächlich fremd und gefährlich sind – Reiche und Planeten, die wir eines Tages in der Milchstraße entdecken werden und gegen die wir uns dann behaupten müssen.“

„Möge der Göttliche verhindern, daß der Friede der Milchstraße erneut gebrochen wird“, erwiderte Vahino ernst. „Wir haben genug vom Krieg.“

In diesem Augenblick läutete die Glocke zum zweitenmal, und der Roboter verkündete: „Seine Exzellenz, Skorrogan Valthaks Sohn, der Herzog von Kraakahaym, Sonderbotschafter des Skontarischen Reiches beim Commonwealth!“

Die Irdischen erhoben sich wieder – diesmal etwas langsamer -, und Dalton sah den Ausdruck von Ablehnung auf den Gesichtern vieler, die hier versammelt waren. Natürlich verflog dieser Ausdruck sofort, als der Botschafter eintrat, wurde durch die Miene neutraler Sachlichkeit ersetzt. Aber es bestand gar kein Zweifel, daß die Skontaraner im Sonnensystem keine Popularität genossen. Das war natürlich zum Teil ihre eigene Schuld. Eine Schuld, die sich wohl gar nicht vermeiden ließ.

Auf den ersten Blick sah es so aus, als wären die Skontaraner für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gewesen. Das war ein Irrtum. Das Mißgeschick wollte es, daß die Sonnen Skang und Avaiki, die ein halbes Lichtjahr voneinander entfernt ihr Planetensystem um sich scharten, noch ein drittes System in der Nähe hatten. Dieses System – nach seinem irdischen Entdecker, Captain Allan, der dort mit einer irdischen Raumflotte gelandet war, meist Allan-System genannt – war unbewohnt.

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