Das. Ist. Nicht. Sparta. (5): Die spartanische Regierung

Von Bret Devereaux, übersetzt sowie mit zusätzlichen Links und einem Titelbild versehen von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta, Part V: Spartan Government erschien am 12. September 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta, Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule, (2) Spartanische Gleichheit, (3) Spartanische Frauen und (4) Spartanischer Reichtum.

Diese Woche werden wir uns ansehen, wie der spartanische Staat sich regiert. Wir werden ein breites Bild dessen entwerfen, wie die Teile der spartanischen Regierung funktionieren, aber wir bleiben auf eine hauptsächliche Frage fokussiert, die wir letztes Mal aufwarfen: Wir wissen, daß der demographische Niedergang der Zahl der Spartiaten katastrophal und zu der Zeit sichtbar war. Warum war die spartanische Regierung angesichts der Schwere der Krise nicht fähig, effektiv zu reagieren?

Dies ist Teil V unseres Blicks auf die Kluft zwischen Spartas Platz in der allgemeinen Vorstellung und dem Sparta der Geschichte. Der Essay dieser Woche markiert auch eine Änderung unseres Fokus. Die letzten drei Essays konzentrierten sich auf wichtige Teile der spartanischen Gesellschaft, die in der Populärkultur und sogar oft im Geschichtsunterricht im Allgemeinen unsichtbar gemacht werden. Und daher möchte ich noch einmal betonen, bevor wir weitermachen, daß die Gegenstände in jenen Beiträgen – die Heloten, die Unterklassen, die Frauen – ungefähr 90 % von Sparta ausmachen.

Das bedeutete, daß das Verhältnis von „Geschichte zu Populärkultur“ auf diesem Geschichte-und-Populärkultur-Blog weit in Richtung „Geschichte“ schwang, weil diese Menschen einfach nicht in der Darstellung der Populärkultur vorhanden sind. Das relative Schweigen der Quellen verhindert oft sogar, daß diese Leute in Unterrichtsdiskussionen aufscheinen.

Aber wir wenden uns jetzt wieder dem winzigen, winzigen Bruchteil von Sparta zu, an dem der Populärkultur etwas liegt: die Spartiaten, und insbesondere ihre Regierung. Sparta hat seit der Antike einen Ruf guter Regierungsführung gehabt – Aristoteles sagt Entsprechendes in seiner Politik, obwohl er selbst viel skeptischer ist, daß die spartanische Regierung erfolgreich gewesen ist. Die Beurteilung dieses Eindrucks wird erfordern, die Teile der spartanischen Regierung darzulegen, aber es wird auch eine Gegenüberstellung dessen erfordern, wie diese Regierung funktionieren soll und wie sie tatsächlich funktioniert.

Zur Erinnerung: zu dieser Serie gibt es hier ein Glossar, für den Fall, daß ihr auf einen technischen Begriff stoßt, an den ihr euch nicht von einer früheren Woche erinnert (oder falls ihr diese Beiträge außerhalb der Reihenfolge lest).

Einführungskurs, wie man eine Polis betreibt

Bevor wir in das Thema eintauchen, möchte ich euch eine kurze Einführung in die Grundlagen dazu geben, wie nahezu alle griechischen poleis – Athen, Sparta, Korinth, Theben, Tegea, was auch immer – strukturiert sind, weil es beim Verständnis von Sparta helfen wird. (Erinnerung: die polis, manchmal Stadtstaat genannt, ist die Grundeinheit der griechischen Regierungsführung – das sind alles unabhängige Mikrostaaten.)

Die Standardzutaten einer griechischen polis sind eine Versammlung aller erwachsenen männlichen Bürger (oft ekklesia genannt, was „Versammlung“ bedeutet), ein kleineres Beratungskomitee (häufig boule genannt [d. Ü.: eingedeutscht auch Bule) und dann eine festgesetzte Zahl gewählter Amtsträger (Amtsrichter), die die Gesetze der anderen beiden ausführten. Ich habe die gängigen Namen dieser Bestandteile genannt, aber sie haben in verschiedenen poleis oft verschiedene Namen.

Jene Grundeinheiten ändern sich nicht von einer Demokratie (wie Athen) zu einer Oligarchie (wie Korinth) oder sogar einer Tyrannei (wie Syrakus) – die Art der Regierung widerspiegelt einfach die Machtaufteilung zwischen ihnen und die Wahlmethode. In einer Demokratie wie Athen wird die ekklesia die meiste Macht haben und die boule oder die Amtsrichter überstimmen können. Oft können die Mitglieder der boule aus einem breiten Spektrum von Wohlstandsklassen kommen oder sogar zufällig ausgewählt werden.

In einer Oligarchie ist die Macht im Allgemeinen bei den Amtsrichtern konzentriert – die aus der Oberschicht der Gesellschaft kommen – und bei einer kleineren boule, wobei die ekklesia viel weniger Macht hat, sie einzuschränken. Alternativ kann die ekklesia größenmäßig auf eine wohlhabende Untergruppe der Bürgerschaft beschränkt sein. In einer Tyrannei ist eine einzelne Person (der Tyrann) in der Lage, durch eine Mischung aus Demagogie, Charisma und gut plazierte Kumpane die Kontrolle über das System zu gewinnen. Sogar unter einer Tyrannei existiert das grundlegende dreiteilige System immer noch, es ist bloß von einer einzelnen Person unterwandert und kontrolliert (so ziemlich wie manche modernen Diktaturen alle Institutionen einer Demokratie haben – Gerichte, Wahlen etc. -, aber alle Macht liegt immer noch in einem Paar Hände, und die Wahlen sind Schwindel).

Ich möchte das gleich vorweg erwähnen, weil es wichtig ist zu erkennen, daß die Existenz einer Volksversammlung eine griechische polis nicht zu einer Demokratie macht, noch macht die Existenz einer mächtigen Amtsrichterschaft sie zu einer Tyrannei. Wie wir sehen werden, hat Sparta eine Versammlung, sie ist bloß lachhaft schwach; es hat auch zwei sehr mächtige Amtsrichtergruppen oder Magistrate, aber deren Macht ist stark kontrolliert. Was zählt, ist die Machtaufteilung zwischen diesen Teilen. Ich wollte auch deshalb hier anfangen, weil Sparta diesem Grundmodell folgt, aber mit ein paar interessanten Variationen. Das Wissen, wie das normale Modell aussieht, wird es leichter machen, die Variationen zu erkennen, die für Sparta einzigartig sind.

Gehen wir also die Grundeinheiten der spartanischen Regierung durch. Angefangen mit der vielleicht ungewöhnlichsten:

Doppelkönige: Oberster In-den-Brunnen-Treter

Sparta – das nie zu halben Sachen neigte – hatte zu allen Zeiten zwei Könige. Es gab zwei Königslinien, die Agiaden und die Eurypontiden. Für die Neugierigen: die -iden-Endung, die man bei dynastischen Namen sieht (Seleukiden, Antigoniden, Lagiden, Sassaniden) ist die Transkription des Suffix -ιδης, -ιδαι, das an einen Namen gehängt wird und „die Nachkommen von“ anzeigt. Somit wären die Atreidai (ἀτρείδαι) die Söhne des Atreus (im Fall von Agamemnon und Menelaos kann die Einzahl Atreides [ἀτρειδης] natürlich Agamemnon oder Menelaos bedeuten, oder – obligatorischer Sci-fi-Witz – den Kwisatz Haderach). Von den beiden scheinen die Agiaden immer die bedeutenderen gewesen zu sein, aber das soll kaum heißen, daß die Eurypontiden unbedeutend waren. Theoretisch hatten die beiden Häuser dieselben Befugnisse.

Die Darstellung von Leonidas in „300“ als hauptsächlich ein Kriegsführer mit zusätzlichen religiösen Pflichten ist zum Großteil akkurat, obwohl – wie wir sehen werden – seine religiösen Pflichten in dem Film kriminell unterrepräsentiert sind. Ich meine, er beginnt eine Schlacht ohne irgendeine Art von Opferung – kein Wunder, daß er verlor!

Wie wir letztes Mal erwähnten, besaßen die Könige bedeutende Ländereien, die aus Periökenland abgetrennt worden waren (Xen. Lac. 15.3). Es ist nicht klar, wie die Vererbung dieses Landes funktionierte, aber die Könige scheinen immer die Reichsten in Sparta gewesen zu sein. Die Königswürde selbst ging vom Vater auf den ältesten Sohn über. Sie konnte nicht über Frauen weitergegeben werden, noch scheint es, daß Frauen als Regentinnen für ihre Söhne herrschen konnten, Es gibt eine populäre Vorstellung, daß Gorgo in irgendeiner Weise nach dem Tod von Leonidas regierte, aber das tat sie nicht – Cleombrotus, Leonidas‘ jüngerer Bruder, wurde Regent für Leonidas‘ jungen Sohn (Pleistarchos); als Cleombrotus starb, wurde sein Sohn Pausanias Regent, bis Pleistarchos selbst regieren konnte. Bei Fehlen eines Erben würde der nächste männliche Verwandte genügen – daher ging die Krone, als Pleistarchos ohne männlichen Erben starb, an Pleistoanax über, den Sohn von Pausanias (des vorherigen Regenten).

Die Könige hatten zwei andere Befugnisse – eigentlich Privilegien – die ich hier erwähnen möchte. Erstens: die Könige hatten die Macht, die Adoption von Kindern zu legalisieren und Ehemänner für Witwen und Erbinnen zu sichern – die letztere Befugnis ist beschränkt, wenn der Vater der Frau noch am Leben war, aber in einer Gesellschaft mit niedriger Lebenserwartung muß das häufig nicht der Fall gewesen sein.

Zweitens speisten die Könige nicht in einem syssition (weil sie nicht den homoioi angehörten). Stattdessen hatten sie eine besondere eigene Speisegemeinschaft. Jeder König ernannte zwei pythioi genannte Amtsträger, die Aufzeichnungen führten und mit den Königen aßen (Xen. Lac. 15.5). Auf einem Feldzug bestand die Speisegemeinschaft des Königs stattdessen aus den höchsten Offizieren (den Polemarchen). Der gesellschaftliche Kreis des Königs bestand somit im Wesentlichen aus den – in Krieg und Frieden – erfolgreichsten Spartiaten.

Hinsichtlich der formalen Befugnisse waren die Könige eigentlich recht eingeschränkt. Der Eindruck, den man bekommt (besonders aus Xen. Lac. 13 und Arist. Pol. 2.1270b), ist, daß die Könige hauptsächlich Anführer im Krieg mit zusätzlichen religiösen Funktionen waren, aber mit wenig Regierungsbefugnissen. Die Könige betreiben keine Diplomatie oder treffen Entscheidungen über Krieg und Frieden (bekanntlich warnte Archidamus, damals König, die Spartaner, nicht plötzlich gegen Athen in den Krieg zu ziehen – einen Krieg, der perverserweise seinen Namen tragen sollte) oder über die Staatskasse, oder über Rechtsstreitigkeiten. Insgesamt sieht der König recht eingeschränkt aus. Wir werden darauf zurückkommen.

Dennoch, die Aufsicht über den König wird geführt von den:

Ephoren: Nicht wirklich Mutanten

Damit das klar ist: ich habe keine Ahnung, warum 300 entschied, daß die Ephoren so eine Art seltsamer, mißgestalteter Priester waren. Das waren sie nicht… nichts davon. Ich meine, offenkundig waren sie keine seltsamen, mißgestalteten Mutanten. Aber sie waren auch keine religiösen Amtsträger oder Priester.

Wie „300“ denkt, daß ein Ephor aussieht. Nein, ich weiß nicht, warum. Ich finde es ein bißchen seltsam für einen Film, der so viel Aufhebens um den griechischen Widerstand gegen Persien macht, der angeblich „die Welt vor dem Mystizismus rettete“ – absoluter Unsinn; als Randbemerkung: das (persische) Achämenidenreich war, wenn überhaupt, fortschrittlicher und weniger abergläubisch als das Griechenland des frühen fünften Jahrhunderts – Sparta scheint sicherlich eine Menge seltsamer und willkürlicher religiöser Regeln gehabt zu haben, durch die Leonidas navigieren mußte.

Die Ephoren waren eine Gruppe von fünf jährlich ausgewählten Amtsrichtern mit einem breiten Spektrum von Aufgaben, zu denen die Sicherstellung gehörte, daß alle Amtsträger des Staates – besonders die Könige – die Gesetze vollzogen (Arist. Pol. 1271a). Die Ephoren hatten etliche grundverschiedene Funktionen – sie erklärten jedes Jahr den Heloten den Krieg (Plut. Lyc. 28.4), erhoben Geldstrafen und regelten rechtliche Angelegenheiten (Xen. Lac. 8.3-4), spürten Verschwörungen auf (Xen. Hell. 3.3), hatten ein Auge auf die Könige (Plut. Lyc. 7.1-2) und so weiter. Das Spektrum der formalen Befugnisse, die die Ephoren hatten, war beträchtlich.

Und doch kennen wir aus unseren Quellen nur die Namen von sehr wenigen Ephoren. Wenn sie in Erscheinung treten, sind sie fast immer reaktiv, handeln gegen irgendeine Befugnisüberschreitung des Königs oder in einer Krise (eine der wenigen bemerkenswerten Ausnahmen ist die Intervention eines Ephoren zugunsten eines Krieges gegen Athen, Thuc. 1.86). Darin waren sie häufig effektiv – wir wissen von etlichen Königen, die erfolgreich einem Strafverfahren zugeführt wurden – solche Fälle wurden von der gerousia behandelt. Als Eindämmung der Macht der Könige, sich zu Tyrannen zu machen, scheint das Ephorat sehr erfolgreich gewesen zu sein.

Aber die Ephoren verkörperten keine langfristige politische Macht, wie es, sagen wir, der US-Kongreß oder der Oberste Gerichtshof tut. Ephoren dienten nur ein Jahr lang und konnten kein zweites Mal dienen, daher bestand bei keinem Ephoren die Gefahr, daß er irgendeine Art von eigener politischer Position aufbaute. Außerdem machte, wie Aristoteles erwähnt, die Tatsache, daß jeder Spartiat ein Ephor werden konnte, das Amt anfällig für eine Kooptierung durch die reichsten Spartiaten, nachdem arme Spartiaten anfällig für Bestechungen waren (Arist. Pol. 2.1271a; von wem, sagt Aristoteles nicht, aber die naheliegenden Kandidaten wären die Könige, z. B. Plut. Cleom. 6.1).

Wieder die Ephoren in „300“. Wenigstens haben sie die Zahl richtig hingekriegt – fünf, an der Seite der Könige. Obwohl – wenn das ein Treffen des Ephorats ist, sollten beide Könige anwesend sein, wenn sie nicht auf einem Feldzug sind (was sie sehr ausdrücklich nicht sind).

Die Gerousia: 30 zornige alte Männer

Die gerousia ist fantastisch deskriptiv benannt – gerousia leitet sich ab von gerontes (alte Männer), und sie ist buchstäblich ein Rat alter Männer. Sie besteht aus 28 Mitgliedern, alle über 60 Jahre alt, plus den beiden Königen. Alle Mitglieder dienen auf Lebenszeit.

Einige der gerontes, zusammen mit dem bösen Verräter (::überprüft die Notizen::) Theron. Mir ist völlig unklar, was genau Theron sein soll. Er kann kein Ephor sein, nachdem sie in dem Film ohne Grund böse Mutanten sind. Er kann kein geron sein, sofern er nicht der am jüngsten aussehende Sechzigjährige in Sparta ist. „300“ stellt die gerontes als im Grunde ein Haufen sehr vorsichtiger „Weicheier“ dar – was eine zutreffende Darstellung der normalen außenpolitischen Präferenzen der gerousia ist, wie wir sehen werden – aber sehr seltsam angesichts dessen, daß diese Kerle die erfolgreichsten Produkte des spartanischen Systems sind, von dem dieser Film behauptet, daß es abgehärtete badass-Krieger hervorbringt.

Die gerousia ist das spartanische Äquivalent einer boule, und wie eine boule setzt sie die Agenda für die spartanische Hauptversammlung, die apella, fest, die weiter unten diskutiert wird. Wir werden mehr über den Umfang dieser Befugnisse sagen – der viel weiter ist, als es auf den ersten Blick klingt, aber ich möchte zuerst sichergehen, daß wir alle unsere Spieler auf dem Brett haben. Die gerousia berät auch die Könige, was sehr zahm klingt, bis man hinzufügt, daß sie auch das Gericht ist, das den Königen den Prozeß macht, sollten sie das Gesetz brechen oder ihre Autorität überschreiten (und aufgrund solcher Vorwürfe von einem der Ephoren vor Gericht gebracht werden).

Die gerontes werden von der Versammlung auf Lebenszeit gewählt. Die Mitgliedschaft in der gerousia war eine enorme Ehre, der „Preis, der für die Tugend zugeteilt wurde“ (Dem. 20.107; Arist. Pol. 1270b; Plut. Lyc. 26). Wie könnte jemand Tugend zeigen? Die normalen Methoden in jeder griechischen polis waren auffallende Führerschaft im Krieg, die Ausübung öffentlicher mter und Großzügigkeit mit Reichtum – alle drei führen, wie wir sehen werden, zurück durch die Könige. Gerontes wurden für Positionen geprüft, und Paul Rahe merkt an: „die beiden Königshäuser spielten eine entscheidende Rolle bei der Förderung der Auswahl ihrer Anhänger“ (The Spartan Regime (2016), 55).

Gorgo vor etwas, das vermutlich die gerousia sein soll (es ist sicherlich nicht annähernd groß genug, um die apella zu sein. Seltsam, daß eine Menge der Kerle wirklich rüstig aussehen für sechzig Jahre und mehr.

Die Apella

Die spartanische Entsprechung zur ekklesia wird allgemein Apella genannt (Kennell (2010) argumentiert, daß wir sie ekklesia nennen sollten – das Argument ist ein technisches; ich werde sie Apella nennen, weil es das ist, wie sie in den meisten Lehrbüchern und dergleichen genannt wird, und ich möchte nicht verwirren). Die meisten Populärkultur-Darstellungen des spartanischen Staates tendieren dazu, diese Körperschaft gänzlich wegzulassen; sie ist zum Beispiel der einzige Teil der spartanischen Regierung, der in 300 überhaupt nicht vorkommt.

Auf den ersten Blick scheint die Apella den spartanischen Staat zu führen. Es ist die Apella, die über den Beschluß oder die Ablehnung neuer Gesetze entscheidet, über die Erklärung von Krieg (außer gegen die Heloten) oder Frieden und über die Wahl von gerontes. Oberflächlich besehen hat die Körperschaft also das letzte Wort in allen Angelegenheiten der spartanischen Regierung.

Und das klingt recht gut, zumindest für die Klasse der Spartiaten. Natürlich müssen wir uns daran erinnern, daß mehr als 90 % aller Menschen in Sparta völlig von all diesen regierenden Körperschaften ausgeschlossen waren.

Ich habe kein Bild von der Apella, weil sie weder in „300“ vorkommt noch in irgendeiner anderen Popkultur-Darstellung von Sparta, die ich finden konnte. Daher gibt es hier in bester Internet-Tradition ein Katzenbild. Dies ist ein römisches Mosaik aus Pompeii (aus dem Haus des Fauns).

Aber der Schein trügt, und in Wirklichkeit ist die Apella bemerkenswert schwach verglichen mit anderen griechischen Versammlungen. Es gibt ein paar entscheidende Probleme:

Erstens: die Apella setzte nicht ihre eigene Agenda fest, noch konnte sie sie debattieren. Die Agenda für die Apella wurde von der gerousia und von den Ephoren festgesetzt. Außerdem konnte die Apella nicht – wie moderne gesetzgebende Körperschaften – ihre eigene Lösung für das Problem entwickeln, das von der gerousia oder den Ephoren präsentiert wurde. Sie konnte nur mit Ja oder Nein über Vorschläge abstimmen, die ihr vorgelegt wurden. Egal wie gut die Lösung war, wenn die 35 Männer – 28 gerontes, 2 Könige, 5 Ephoren – diese Lösung nicht der Apella vorschlugen, konnte sie nie in Kraft gesetzt werden.

Zweitens: die Entscheidungen der Apella waren nicht bindend! Dies ist die Bedeutung der „Großen Rhetra“, eines Gesetzes, das entweder der Zeit Lyurgs oder einer Zeit kurz danach zugeschrieben wird und unter anderem spezifizierte: „Wenn das Volk einen unrechtmäßigen Schritt verabschiedet, sollen die Könige und die gerousia die Macht haben, ihn aufzuheben“ (Plut. Lyc. 6.4). Was das in der Praxis bedeutete, war, daß die gerousia ihr Veto gegen jede Entscheidung der Apella einlegen konnte, ohne Möglichkeit für die Apella – oder irgendjemanden -, dieses Veto aufzuheben.

Und zuletzt: die Apella stimmte durch Akklamation ab, nicht durch eine strikte Zählung. Das heißt, wenn die Apella abstimmte (ob man in den Krieg ziehen sollte, oder um ein Gesetz zu beschließen oder einen geron zu wählen), schrien sie einfach, wobei der Sieg an die Lautesten ging – keine Abstimmung Person für Person wurde abgehalten (Thuc. 1.87). Folglich ist die Macht der Ephoren und der gerontes, die zu bestimmen versuchen, welche Seite am lautesten war, beträchtlich.

Dies ist also eine abstimmende Körperschaft, die nur die Schritte der Amtsträger billigen oder verweigern kann, die entscheiden, wer die Abstimmungen gewann (darüber, ob ihre eigene Maßnahme beschlossen wurde!) und die auch die Ergebnisse jeder Abstimmung widerrufen können, die ihnen nicht gefällt. Dies ist kein System für eine Entscheidungsfindung durch das Volk, sondern ein System für die Schaffung eines Konsens, ein System, um alle zu überzeugen – selbst wenn sie der Aktion nicht zustimmen – daß die meisten der Spartiaten zustimmen und daß sie daher weitermachen sollten.

Stabilität durch Spannung

Als erstes möchte ich die Dinge festhalten, die Sparta gut macht. Das System ist recht gut darin, das Gleichgewicht zwischen den Hauptzentren der Macht zu bewahren, dem Ephorat, der gerousia und den Königen. Unsere Quellen sind amüsanterweise unterschiedlicher Meinung dazu, welcher Teil des spartanischen Systems ihnen am meisten wie eine Tyrannei erschien, manche dachten, es seien die Ephoren (darunter Xenophon, Plato und Aristoteles), manche dachten, es sei die gerousia (Demosthenes und Dionysius von Halikarnassos), während in den Biographien von Plutarch die Könige zu dominieren scheinen. Als „gemischte Verfassung“ – nicht ganz demokratisch, oligarchisch oder monarchisch – war Spartas System ein Erfolg (wie auch jenes von Rom, man beachte Plb. 6.14).

Wir können uns dies im Sinne der Verhinderung denken, daß irgendeine Person oder ein Teil der Regierung die völlige Kontrolle usurpiert. Die Ephoren können es nicht – sie dienen nur ein einziges Jahr und können nicht zweimal dienen, was wenig Grund läßt, ein Amt zu vergrößern, das man in nur zwölf Monaten an wer weiß wen übergeben muß. Die gerousia kann es nicht, weil ihr die Kontrolle über die Armee oder jegliche direkte Administration von irgendetwas fehlt. Die Apella kann es nicht, weil sie lachhaft schwach ist. Sogar die Könige werden kontrolliert: die beiden müssen oft im Konflikt miteinander gewesen sein (ein Punkt, den Rahe (2016) anbringt) und danach gestrebt haben, den anderen durch ihre Freunde im Ephorat und in der gerousia zu untergraben. Es wäre wiederum immer im Interesse der gerontes, einen König zu zügeln, der seine Autorität überschritt (und im Interesse des anderen Königs, ihnen zu helfen).

Was uns alles zu unserer großen Frage zurückführt: warum hat Sparta nicht gehandelt, um seinen Niedergang aufzuhalten? Die Männer der gerousia von 410 mußten gewußt haben, daß ihre eigene Bürgerschaft einst mehr als doppelt so groß gewesen war, als sie zu dieser Zeit war. Dasselbe hätte für die gerousia von 371 zugetroffen. Manche demographischen Rückgänge sind so langsam, daß sie unwahrnehmbar sind, aber die Population der spartanischen Bürger kollabiert in nur einem Jahrhundert um 80 %, von 464 bis 371. Der Niedergang wäre offensichtlich gewesen – und offenkundig war er offensichtlich.

Wir wissen, daß er offensichtlich war, weil Cinadon ca. 390 auf ihn hinweist (Xen. Hell. 3.3.5). Wir wissen, daß er offensichtlich war, weil wir die traurigen Halbmaßnahmen für das Stoppen des Problems sehen können: die Schaffung von Klassen befreiter Heloten (der neodamodes), um in der Armee zu dienen, und die zunehmende Bedeutung von mothakes und hypomeiones in den Jahren vor Cinadons Verschwörung. Kurz, wir wissen, daß er offensichtlich war, weil wir sehen können, wie unsere historischen Subjekte ihn beobachten. Warum konnten sie diesen Niedergang nicht stoppen?

In Sparta essen die Reichen dich

Das Problem ist natürlich, daß, wenn sich jemals eine Situation in diesem System ergibt, wo die gerousia und die Könige spezifisch eine Interessensgemeinschaft haben (lies: sie dieselben Dinge wollen) – selbst wenn es zum Nachteil der Gemeinschaft als Ganzes wäre – das saubere System der eingeschränkten Macht auseinanderfällt. Und das ist genau das, was geschehen zu sein scheint.

Was wir hier haben, ist im Wesentlichen die Bildung einer Clique um die beiden Könige, die aus den reichsten der Spartiaten bestand – denjenigen, die am meisten von der stetigen Konsolidierung von kleroi in immer größere und immer weniger Ländereien profitierten. Wir wissen, daß die reichsten Familien dazu tendierten, untereinander heiraten zu wollen, um jene großen Ländereien zu behalten und zu vergrößern (Plut. Lys. 30.5, Agis. 5.1-4). Erfolg darin bedeutete zwangsläufig, den Königen nahezustehen, weil sie die Ehen von Erbinnen und Witwen genehmigten (wie oben diskutiert). Also konnten Freunde der Könige günstige Heiraten für sich oder ihre Kinder an Land ziehen – oder alternativ würde ein reicher Spartiat sich mit einem König anfreunden wollen, um die Interessen seiner Ländereien zu verfolgen. Natürlich warendie Könige selbst die reichsten Männer in Sparta und konnten daher auch ganz von sich aus Geschenke machen und Mittel vergeben.

Währenddessen war die Wahl in die gerousia das eine Amt, für das aktiv um Wählerstimmen geworben wurde (antike Wahlwerbung ähnelte oft mehr moderner Wählerbestechung). Die Könige – in ihrem Konkurenzkampf miteinander – hatten ein persönliches Interesse daran, ihre eigenen Freunde in der gerousia zu haben. Aber bedenkt, was den Dienst eines Spartiaten hervorstechend genug machen könnte, um die Wahl zu gewinnen. Er konnte ein fähiger Offizier gewesen sein – Positionen, in die man von den Königen ernannt wurde (in ihrer Rolle als oberste Kriegsführer), wobei die erfolgreichsten Offiziere während des Feldzugs mit den Königen speisten. Er konnte irgendein öffentliches Amt gehabt haben – das Ephorat ist zufällig ausgewählt, aber die pythioi werden von den Königen ausgesucht. Oder er mochte großzügig mit seinem Reichtum sein – wie wir bereits festgestellt haben, ist der Reichtum in einer Phalanx um die Könige angeordnet.

Die Freunde des Königs sind also die Männer in der besten Position, um gerontes zu werden, wen sie sechzig werden – und es wird im Interesse des Königs sein (in seinem Konkurrenzkampf mit dem anderen König!), dafür zu sorgen, daß sie es werden, und seinen beträchtlichen Einfluß und Reichtum zu verwenden, um diesen Weg zu ebnen. Während uns nicht ausdrücklich sagen, daß es das ist, was geschah, wissen wir doch, daß die reichsten Spartiaten den Staat dominierten , (z. B. Arist. Pol. 2.1270b; Plut. Agis 7.1-2), daß dies das Ergebnis des Erbschaftssystems war, daß die Könige dieses System kontrollierten und daß die Könige und ihre Familien schließlich im Zentrum eines Netzwerks aus Reichtum und Einfluß standen, das den spartanischen Staat führte (Plut. Agis 9.3).

Es ist nicht, daß das System die Könige Macht konsolidieren läßt – es gibt immerhin zwei von ihnen, und die gerousia achtet immer darauf, ihr Privileg des Urteils über das Verhalten der Könige zu bewahren. Vielmehr stellt das System praktisch sicher, daß die reichsten Spartiatenfamilien sozial um die Könige arrangiert sein werden und daß diese Familien dazu tendieren werden, in der gerousia zu dominieren.

Niemand von diesen Leuten wird Land umverteilen oder die hypomeiones wieder zum vollen Bürgerstatus zurückholen wollen, weil das bedeuten würde, ihre Landbesitzungen zu entkonsolidieren, um kleroi für die neuen Spartiaten zur Verfügung zu stellen, die das schaffen würde.

Das Problem ist, daß in jedem Fall, wo die gerousia und die Könige eine Interessensgemeischaft haben, die Kontrollen in diesem System sofort zusammenbrechen. Die Ephoren sollen die Handlungen der Könige überwachen, aber das tun sie, indem sie Strafverfahren gegen die Könige vor der gerousia empfehlen. Während also ein König wegen Selbsterhöhung im Ausland oder zügellosem Verhalten zu Hause gedemütigt werden konnte, stellt man sich vor, daß die gerontes sich nicht beeilen werden, einen König dafür zu verurteilen, daß er seine Autorität über Erbinnen und Witwen benutzt, um die Vermögen… der gerontes und ihrer Familien zu erweitern.

Und die Schwäche der Apella erklärt, warum die Spartiatenfamilien, die langsam, aber sicher aus dem unteren Ende der Spartiatenklasse fielen, unfähig waren, irgendetwas zu tun, um sich selbst zu helfen. Die Apella kann nicht ihre eigene Agenda festsetzen. Selbst wenn sie sehr viel Glück hatten und ein Ephor – oder mehrere! – mit ihrer Notlage sympathisierten, konnte die gerousia die Entscheidung der Apella einfach beiseiteschieben. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, war natürlich jeder, der wirklich unter die finanzielle Schwelle fiel, nicht mehr für die Apella oder das Ephorat qualifiziert. Das System „löste“ das Problem der armen Spartiaten, indem es arme Spartiaten aus dem System entfernte.

Ihr wißt, daß ich diese Aufnahme dafür kritisiert habe, daß sie die Bauernklasse der Heloten buchstäblich ausradierte (und ich stehe dazu). Aber als Metapher für das Schicksal der Spartiaten ist sie perfekt: schöne Häuser und volle Felder, und fast niemand da, um sie zu genießen.

Das Scheitern der Reform

Dies erklärt die halben Lösungen, die im späten fünften Jahrhundert versucht wurden. Um als Hoplit (der griechische schwere Infanterist, der die Grundeinheit der Armee jeder polis war) in der Armee zu dienen – die Hauptsorge um die schwindende spartanische Bürgerschaft -, mußte ein Mann genug Wohlstand haben, um sich die Waffen und die Rüstung leisten zu können. In einem Staat, wo – wegen der oft gepriesenen spartanischen Askese – funktionell aller Reichtum an das Land gebunden war, bedeutete das, daß allen neuen Hopliten Land gegeben werden mußte, damit sie dienen konnten. Aber das gesamte beste Land in Sparta war in einer stetig schrumpfenden Zahl von kleroi gebunden.

Somit mochte der spartanische Staat marginales Grenzland an kleine Gruppen befreiter Heloten – die neodamodes und die brasideoi – vergeben, aber die militärische Stärke der polis wirklich voll zu erhöhen konnte nur durch eine Entkonsolidierung der kleroi erreicht werden – des besten, produktivsten Landes (weil man nur eine begrenzte Zahl von Hopliten mit umstrittenem, marginalem Land erhalten kann). Dies ist natürlich eine Sache, die die reichen Spartiaten, die den Staat dominierten, nicht zu tun bereit waren. Die an die Ränder der spartanischen Gesellschaft gedrängten mothakes und hypomeiones mochten hereingeholt werden, um die Differenz auszugleichen, aber sofern sie nicht zu Gleichen – homoioi – gemacht wurden, war das ein Rezept für Instabilität, wie man mit Lysander und Cinadon gesehen hat. Dies ist das andere, das die Spartiaten nicht zu tun gewillt waren – wenn ich vermuten sollte, deshalb, weil für die armen Spartiaten, die sich immer noch an ihren Status klammerten (und die Apella immer noch für die Blockierung einer Reform benutzen mochten, selbst wenn sie sie nicht für den Vorschlag einer Reform benutzen konnten), dieser Statusunterschied so ziemlich das einzige war, das sie hatten (natürlich abgesehen von all der Sklavenarbeit, deren Vorteile sie genossen).

(Eine andere polis hätte vielleicht diese Differenz wettzumachen versucht, indem sie entweder große Zahlen von Söldnern anheuerte oder ihr eigenes Volk auf Staatskosten bewaffnete, als Möglichkeit, die Vermögen der Reichen für die Finanzierung militärischer Aktivität zu nutzen, ohne die Bürgerschaft auszuweiten. Aber wie Aristoteles anmerkt [wir werden darauf zurückkommen, wenn wir über die spartanische Leistung im Krieg reden], waren die öffentlichen Finanzen von Sparta selbst nach antiken Maßstäben armselig- aus genau demselben Grund, aus dem eine Entkonsolidierung der kleroi politisch unmöglich war: der Staat wurde von den Reichen dominiert (Arist. Pol. 2.1271b). Ohne wirkliche Wohlstandsquelle außerhalb von Landbesitz, und wo all das gute Land im Besitz der Spartiaten war, scheint es, daß Sparta – trotzdem es bei weitem die größte polis in Griechenland war und einiges vom besten Ackerland außerhalb Thessaliens besaß – niemals in der Lage war, bedeutende Einnahmen zu erzielen.)

Stattdessen tat die um die Könige arrangierte Clique reicher Spartiaten nichts, Jahrzehnt um Jahrzehnt, während die Bürgerschaft der Spartiaten – und die militärische Macht Spartas – langsam schrumpfte, bis sie 371 v. Chr. endlich für immer zerbrach. Aber was die Dysfunktion im spartanischen System vielleicht am besten veranschaulicht, ist der traurige Epilog der Versuche zweier spartanischer Könige in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts (in den 240ern und 220ern), das System endlich zu reformieren.

Der erste Versuch geschah durch Agis IV (rg. 245 – 241; Plut. Agis). Zu der Zeit, als Agis an die Macht kam, gab es nur ein paar hundert Spartiatenhaushalte. Agis versuchte durch das System zu reformieren, indem er das gesamte kleros-Land in 4500 Grundstücke für Spartiaten und weitere 15.000 für die Periöken revidierte (die auch als Hopliten kämpfen würden). Agis bringt die Apella dazu, seinen Antrag zu unterstützen – sein Angebot, seine eigenen königlichen Ländereien in die Umverteilung einzubringen, trägt ihm zuerst eine Menge Respekt ein -, aber die gerousia lehnt ihn mit knapper Mehrheit ab. Agis wird politisch isoliert und schließlich von den Ephoren hingerichtet (zusammen mit seiner Mutter und Großmutter, die seine Idee unterstützt hatten) – der erste spartanische König, der jemals hingerichtet wurde (ich habe hier einige der Drehungen und Wendungen weggelassen; falls ihr es wissen wollt – Plutarch informiert euch ausführlich).

Cleomenes III (reg. 235 – 222) erkennt, was Agis anscheinend nicht erkannte – eine Reform des spartanischen Systems konnte nicht innerhalb des Systems stattfinden. Stattdessen inszeniert er einen Staatsstreich, läßt vier der fünf Ephoren ermorden, verbannt achtzig Bürger ins Exil – man kann annehmen, daß das reiche und prominente Gegner waren – und ließ möglicherweise ein Attentat auf den anderen König durchführen (Plut. Cleom. 8, 10.1; Plb. 5.37). Cleomenes verteilte dann die kleroi neu in 4000 Grundstücken und machte seinen eigenen Bruder zu seinem Mitkönig (Plut. Cleom. 11), womit er sich im Wesentlichen zu einem Tyrannen nach dem typischen griechischen Schema machte. Dann ging er daran, seinen Krieg gegen den Achaiischen Bund fortzusetzen im Versuch, die spartanische Hegemonie auf dem Peloponnes wiederherzustellen und vermutlich Messenien zurückzuerobern (das zu dieser Zeit frei und ein Teil des Achaiischen Bundes war).

Es war viel, viel zu spät. Wäre das in den 380ern oder sogar in den 350ern getan worden, hätte es gut sein können, daß Sparta seine prominente Stellung wieder eingenommen hätte. Aber dies waren die 220er – Mazedonien hatte die griechischen Angelegenheiten nun schon seit einem Jahrhundert dominiert, und die Antigoniden – die Dynastie, die damals in Mazedonien herrschte – hatten keine Absicht, einem wieder auflebenden Sparta seinen Willen zu lassen. Im Jahr 224 marschierte eine mazedonische Armee zur Unterstützung von Spartas Feinden auf dem Peloponnes ein, und im Jahr 222 zerschlug sie sie spartanische Armee bei Sellasia und löschte dabeu die neue und alte Spartiaten-Bürgerschaft fast völlig aus (Plutarch behauptet, daß nur 200 erwachsene männliche Spartiaten überlebten, Plut. Cleom 28.5). Der siegreiche Mazedonier – Antigonis III Doson – verkrüppelte Sparta wieder: er besetzte es, stellte seine Verfassung wieder wie vor Cleomenes her und zog dann ab, vermutlich zufrieden, daß es ihn nicht wieder bedrohen würde (Plut. Cleom. 30.1). Die Zeit, wo ein Staat mit einer Bürgerschaft von ein paar Tausend ein bedeutender Akteur sein konnte, war seit einem Jahrhundert vorbei gewesen, und die großen Reiche des dritten Jahrhunderts waren nicht in der Stimmung, wichtigtuerischen poleis, die das noch nicht kapiert hatten, ihren Willen zu lassen.

Schlußfolgerung

Spartas Ruf guter Regierungsführung kam von seiner Fähigkeit, die verkrüppelnde politische Instabilität zu vermeiden, die viele griechische poleis plagte. Und wie oben erwähnt, liegt darin etwas Wahrheit. Aber viel von dieser anscheinenden Stabilität wurde durch den Ausschluß von Stimmen erreicht – nicht nur der Heloten oder der Periöken (die, wie ich euch erinnern sollte, völlig von der politischen Macht ausgeschlossen waren), sondern auch die stetige Ausschließung der armen Spartiaten, einen nach dem anderen. Das System war genau deshalb stabil, weil es nichts tun konnte, während die Bürgerschaft langsam starb.

Die Frage zu stellen: „wurde Sparta gut regiert“ geht somit sofort in eine Frage danach über, was der Zweck einer Regierung ist. Wenn der Zweck von Spartas Regierung der Schutz des Reichtums und des Status seiner kleinen Elite war, dann könnten wir sagen, daß Sparta fantastisch erfolgreich war. Aber wenn man den Zweck von Spartas Regierung auch nur auf das bloße Überleben seiner Bürgerschaft ausweitet, war sie ein Fehlschlag.

Nächste Woche kommt der Teil, auf den ihr alle gewartet habt – wir werden damit beginnen, den anderen großen Mythos von Sparta zu betrachten: den Mythos der spartanischen militärischen Exzellenz.

Nächster Teil: Das. Ist. Nicht. Sparta. (6): Sparta in der Schlacht

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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