Paulus: Der Erfinder des Christentums

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Von Michael Zick, erschienen in „bild der wissenschaft“ 12-2008.

Ohne den selbsternannten Apostel Paulus würde es das Christentum nicht geben. Er war theologisch und historisch der eigentliche Gründer.

„Mich ärgert dieses vom Papst ausgerufene Paulusjahr“, sagt Peter Pillhofer – er muß sich noch bis Mitte 2009 echauffieren. Der Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg erbost sich über die 2000-Jahr-Feier, weil sie suggeriert, daß Paulus, der zunächst Saulus hieß, im Jahr 9 n. Chr. geboren wurde. „Wir wissen aber nicht, wann er zur Welt kam.“ Damit befindet sich der Apostel Paulus in Einklang mit Jesus von Nazareth, den er zum Jesus Christus machte.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

„Paulus’ Interpretation des Wirkens Jesu war ganz entscheidend dafür, daß sich das Christentum zu einer eigenen Religion mit einem eigenen Profil, einer eigenen Ethik und eigenen Ritualen hat ausbilden können“, meint Jens Schröter. Doch der Institutsdirektor und Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Universität Leipzig ist sicher, daß Paulus – ebenso wie Jesus – keine neue Religion etablieren wollte, sondern seine Mission als Reformation des jüdischen Glaubens betrachtete. Die geschichtliche Wirkung war allerdings eine andere.

Saulus-Paulus stammte aus Tarsus, der weltoffenen Hafenstadt an der südöstlichen Mittelmeerküste Kleinasiens. Er war griechisch sprechender Jude in der hellenistisch geprägten Region, der seine jüdische Tradition eifrig pflegte: das von den Christen heute sogenannte Alte Testament, das er jedoch nur in der griechischen Übersetzung kannte. Er tat sich nach eigenem Bekunden als eifernder Christenverfolger hervor, bis ihm in seinem persönlichen Schicksalsjahr 33 Gott „seinen Sohn Jesus in mir“ offenbarte. Paulus’ folgendes Wirken als Verkünder Jesu war gewaltig, sein Selbstbewußtsein überschäumend. Doch: er begegnete seinem Superstar Jesus, den er so unvergleichlich promotete, nie.

Pillhofer: „Paulus versteht sich in erster, zweiter und dritter Linie als Apostel Jesu Christi. Er will die Botschaft von Jesus verkünden, alles andere spielt keine Rolle.“ Der Ehrentitel „Apostel“ für den – wie wir ihn heute sehen – einflußreichsten Wortführer Jesu war im ersten Jahrhundert jedoch umstritten. In der Apostelgeschichte wird ihm dieser Titel verweigert – bis auf zwei Stellen, wo der Autor offenbar andere Quellen einfließen ließ und schlecht redigierte. Denn nach urchristlicher Auffassung konnten nur die Jünger Jesu diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Paulus hält selbstbewußt dagegen: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle.“ In der Tat, so Pilhofer, „haben die Jerusalemer Kollegen ja nicht über den Mauerring hinausgeschaut, während Paulus Tausende von Kilometern unterwegs war.“ Die Spuren der Jesus-Jünger verlieren sich in den neutestamentlichen Nachrichten dann auch ziemlich schnell.

Neue Bezeichnung „Christen“

Das rastlose Reisen wurde Paulus’ Markenzeichen. Nach einer wenig erfolgreichen Missionsexpedition nach Arabien stieg Paulus in die Leitung der sehr agilen frühchristlichen Gemeinde in Antiochia am Orontes (damals Syrien, heute das türkische Antakya) auf. Es war die erste Gemeinde außerhalb Palästinas und die erste, bei der (in der Apostelgeschichte) um 40 n. Chr. die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und: Sie war die erste, die auch Nichtjuden in ihre Gemeinschaft aufnahm – ein unerhörter Affront gegen die Jerusalemer Konservativen und zugleich Impulsgeber für Paulus’ zukünftige Missionstätigkeit. Denn es wurde programmatisch unterschieden zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Judenchristen waren Jesus-Anhänger, die beschnitten waren und die jüdischen Gesetze (Fasten, Sabbat, Reinheitsgebot) achteten. Ihr Mittelpunkt war die urchristliche Gemeinde in Jerusalem um Jakobus, den Bruder Jesu.

Heidenchristen verehrten ebenfalls den „Einen Gott“ der Juden und sahen im Wirken Jesu die Fortsetzung der jüdischen Heilsgeschichte, ließen sich jedoch nicht beschneiden und betrachteten die jüdischen Gesetze nicht als bindend. Hier setzte Paulus an. Nach Abstimmung mit den Jerusalemer Aposteln widmete er sich der Bekehrung der Heiden. So wurde er zum „Heidenapostel“, zum „Apostel der Völker“ – und zum wirkmächtigsten christlichen Missionar. Als Preis für die Zustimmung der Jerusalemer Hardliner versprach Paulus eine Riesenkollekte in all seinen neuen Gemeinden für die notleidenden Jerusalemer Urchristen.

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