Feuerfall (1): Reiter auf dem Sturm

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 1 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

1)  REITER  AUF  DEM  STURM

Als ich an einem späten Sommernachmittag von einem Ausflug in die Wachau heimwärts fuhr, entschloß ich mich, ab Bad Vöslau einen Umweg über Nebenstraßen zu nehmen, um wieder einmal bisher unbefahrene Gegenden meines Heimatlandes mit eigenen Augen zu sehen. Von Westen zog eine Gewitterfront auf, und es entstand eine eigenartige Wetterstimmung mit dunklen Wolken unter einem gelben Himmel.

Während ich so durch unbesiedeltes Freiland fuhr, beiderseits der Straße nur Felder bis zu den bewaldeten Hügeln jenseits davon, sah ich rechts voraus, nach Westen zu, ein seltsames, hohes Gebilde vor diesem dramatischen Himmel stehen. Es erhob sich aus einem weiten Getreidefeld und sah aus wie ein dicker, dunkler, spitz zulaufender Turm. Beim Näherkommen erkannte ich, daß es nicht mit seinem gesamten Querschnitt Bodenkontakt hatte, sondern auf drei Fortsätzen stand, und ich hatte immer mehr den Eindruck, daß es wie ein Raumschiff aussah, massig, mit geschwungenen Formen. Es mußte sehr groß sein, vielleicht hundert Meter hoch. Ich verlangsamte die Fahrt und hielt nach einer Stelle Ausschau, wo ich das Auto möglichst nahe daran abstellen konnte.

Als ich eine gefunden hatte, hielt ich an und stieg aus. Unschlüssig starrte ich zu dem Ding – dem Raumschiff – hinüber. Es mußte ein Raumschiff sein, das hier gelandet war, so unwirklich mir diese Vorstellung auch erschien, denn daß jemand aus irgendeinem unerfindlichen Grund – als Jux oder PR-Aktion oder für einen Filmdreh – eine derart riesige Attrappe in diese Landschaft gestellt haben sollte, erschien ebenfalls sehr unplausibel. So viel ich sehen konnte, war auch nirgends zu erkennen, daß das Getreide beim Antransport und Zusammensetzen des Materials niedergetrampelt worden wäre. Andererseits war der Bereich unter dem Schiff auch nicht verbrannt, wie es bei einer Landung auf heißen Antriebsstrahlen zu erwarten gewesen wäre.

Nach kurzem Überlegen holte ich meine Digitalkamera aus dem Wagen und machte Standbilder und Videoaufnahmen von dem Schiff. Es hatte eine in Brauntönen marmorierte Oberfläche und sah fremdartig aus, irgendwie muskulös, organisch, wie die stilisierte Skulptur eines außerirdischen Tieres. Unter der gebogenen langen Landestütze, die wie ein erhobener Schwanz aus dem herauswuchs, was der Rumpfrücken zu sein schien, war eine große Düse zu sehen, und zur Bauchseite hin schien es eine oder zwei weitere zu geben. Der Übergangsbereich am Heck zu den beiden anderen, viel kürzeren Landebeinen sah besonders animalisch aus und ließ mich an das Hinterteil eines Schweins oder einer Kuh denken. Am breitesten war das Schiff in der Rumpfmitte, wo sich seitliche Wülste wölbten, aus denen mehrere stromlinienförmige Spitzen nach oben standen, alles in denselben Brauntönen. Ganz oben unter dem Bug war etwas, das wie eine Kanzelverglasung aussah. Abgesehen von einem kaum wahrnehmbaren summend-rauschenden Hintergrundgeräusch stand das Schiff still da.

Ich spähte nach allen Seiten, um sicherzugehen, daß mich niemand beobachtete oder gar filmte und mich womöglich mit einem „Ätsch, reingefallen!“ verspotten oder im Fernsehen bloßstellen würde, weil ich diese Erscheinung ernst nahm. Dann versperrte ich das Auto und ging durch das reife Getreide, über das bereits erste unruhige Luftstöße als Vorboten des nahenden Gewitters wehten, auf den Koloß zu. Dabei hielt ich mehrmals inne, um Fotos zu machen, und als ich schon näher dran war, nahm ich auch im Gehen ein Video auf, das durch die Bewegung einen besseren dreidimensionalen Eindruck vermitteln würde.

Als ich die Kamera absetzte und wieder auf Fotos umstellte, bemerkte ich links neben mir eine graue Scheibe, vielleicht einen Meter im Durchmesser, die in ein paar Metern Höhe schwebte und eine dunkle Öffnung wie ein Kameraobjektiv auf mich gerichtet hatte. Gleich darauf hörte ich von oben ein Geräusch und schaute auf. In halber Rumpfhöhe hatte sich eine runde, von innen bläulich erleuchtete Luke geöffnet, aus der ein silbriges Flugobjekt erschien und dem Boden entgegenstürzte, einen Kondensstreifen hinter sich herziehend. Ich erschrak und dachte, es würde mich angreifen, oder jemand von der Besatzung käme mich holen, aber dann bemerkte ich, daß jenseits des Schiffsrumpfs eine zweite, ebensolche Maschine gestartet war und steil in den Himmel stieg. Also hat der Start vielleicht gar nichts mit mir zu tun, begann ich zu hoffen, und da fing das erste Beiboot seinen Sturz auch schon knapp über Grund ab, begann hochzuziehen und flog wenige Meter von mir entfernt vorbei, wodurch ich seine facettierte Form genauer sehen konnte. Kaum hatte es mich passiert, begann aus seinem Heck ein zweiter Dampfstrahl zu schießen, und es beschleunigte in Richtung des Leithagebirges davon. Die kleine Flugscheibe glitt zu meinem Auto hinüber, schwebte dicht über dem Boden im Kreis darum herum und flog dann wieder zu ihrem Mutterschiff zurück.

Erleichtert wandte ich mich wieder dem Schiff zu. Jetzt, wo ich funktionierende Beispiele einer an Bord befindlichen überlegenen Technologie gesehen hatte, drei Dinger, die anscheinend mit Antischwerkraft oder sowas flogen, war ich mir sicher, daß es ein Raumschiff war. Und was für ein riesiges! Als ich meine Annäherung fortsetzte, wurde mir klar, daß ich die Entfernung wegen des gleichförmigen Teppichs aus Getreideähren unterschätzt hatte. Je näher ich kam, desto höher mußte ich den Blick heben und desto plastischer erschienen die Wölbungen und Kurven in der perspektivischen Verkürzung. Schließlich hatte ich das Dreieck der Landebeine erreicht und betrachtete den gebogenen Sporn, der zwischen den Hinterbacken nach unten ragte. Als ich zur vermutlichen Bauchseite des Schiffes herumging, sah ich in der Abschlußwand dieses Sporns eine Tür und überlegte, ob das vielleicht eine teleskopartige Zugangskonstruktion war, die im Bogen bis zum Boden ausgefahren werden konnte. An dieser Bauchseite befanden sich tatsächlich zwei weitere große Düsen, und weiter oben, zwischen zwei dicken, zigarrenförmigen Anhängen, war eine flache, ovale Beule erkennbar.

Was jetzt?, dachte ich, nachdem ich eine Weile fotografierend herumgegangen war und sich immer noch nichts rührte. Ausrichten konnte ich hier nichts, und hinein konnte ich auch nicht, ganz abgesehen von der Frage, ob ich das überhaupt wirklich wollte. Meine Anwesenheit war offensichtlich bemerkt worden, und wenn man mir dennoch keine Tür geöffnet oder Kontakt zu mir aufgenommen hatte, wollte man das auch gar nicht. Länger hierzubleiben war sowieso nicht ratsam, weil unklar war, wann das Schiff wieder starten und ob es mich dabei nicht doch mit Feuerstrahlen rösten würde. Außerdem war die Gewitterfront schon nahe, und die Windböen wurden zunehmend stärker und ließen das Getreide unruhig wogen. Über den Bergen im Westen wetterleuchtete es schon. Ich entfernte mich ein Stück von der Bauchseite, machte Fotos von ihr und ging dann um die Westseite herum, um auch von dort Bilder aufzunehmen, wo zudem das Licht besser war. Dann wandte ich mich mit widerstreitenden Gefühlen ab und marschierte in der von mir ausgetretenen Spur zu meinem Wagen zurück. Dort warf ich noch einen langen Blick auf das Raumschiff, stieg ein und fuhr los, als gerade die ersten Tropfen zu fallen begannen.

Auf der Fahrt über die Landstraße schaute ich noch mehrmals mittels der Rückspiegel auf die dunkel aufragende Form zurück, bis sie schließlich von einem dichten Regenschleier verhüllt wurde. Ich begann zu überlegen, wie ich mit dem Erlebnis umgehen sollte. Es den Behörden melden? Deren Reaktion war vorhersehbar: Ein Raumschiff haben Sie gesehen? Etwa hundert Meter hoch und dreißig Meter dick? Es war unklar, wie viel Beweiskraft man den Fotos zubilligen würde, falls man sich überhaupt näher damit befassen wollte, angesichts dessen, was es schon für Computergrafikprogramme gab und was fähige Amateure damit machen konnten. Viele andere Zeugen würde es nicht geben, und die konnten das Schiff nur aus der Ferne gesehen haben. Auch würden die wohl mit derselben Behördenreaktion rechnen wie ich und deshalb schon gar nichts sagen. Außerdem war das Ding bei seinem Einflug aus dem Weltraum entweder ohnehin vom Goldhaube-Radarsystem des Bundesheeres geortet worden, in welchem Fall meine Meldung überflüssig war, und falls es gegen Radarortung immun war, würde ich erst recht blöd dastehen, wenn die Luftraumüberwachung nichts registriert hatte (was wahrscheinlich war, nachdem bis jetzt keine behördliche oder militärische Reaktion erfolgt war). Also alles für mich behalten und höchstens ein paar Vertrauenspersonen etwas davon erzählen, die mir glauben würden, daß ich die Bilder nicht computergrafisch getürkt hatte?

Ich erreichte die Autobahn, wo es erst leicht nieselte, und schaltete den CD-Spieler wieder ein, in dem sich eine Scheibe mit alten Rocknummern aus meinen jungen Jahren befand. Nach zwei anderen Stücken kamen The Doors mit „Riders on the Storm“, und das paßte sehr gut zu meiner momentanen Stimmung, in der ich über das unwirklich erscheinende Erlebnis und seine mögliche Bedeutung nachdachte.

Riders on the storm
Riders on the storm
Into this house we’re born
Into this world we’re thrown
Like a dog without a bone
And act there all alone
Riders on the storm

Auf welchen Stürmen kommender Entwicklungen würden Österreich, Europa und die Welt zu reiten versuchen müssen, falls meine heutige Begegnung nur der Vorbote offener und umfangreicherer Kontakte mit Außerirdischen war? Würde unsere Zivilisation durch den Kontaktschock auseinanderfallen und jeder von uns auf sich gestellt sein?

There’s a killer on the road
His brain is squirmin‘ like a toad
Take a long holiday
Let your children play
If ya give this man a ride
Sweet family will die
Killer on the road, yeah

Die Bestrebungen und Verpflichtungen aus unserer gewohnten Alltagswelt würden vielleicht in naher Zukunft recht belanglos sein. Gut möglich, daß so mancher von uns sich dann einen recht langen Urlaub von all dem nehmen würde.

Girl ya gotta love your man
Girl ya gotta love your man
Take him by the hand
Make him understand
The world on you depends
Our life will never end
Gotta love your man, yeah

The world on you depends, our life will never end, wiederholte ich in Gedanken. Dein Wort in Odins Ohr, Jim Morrison. Der Regen nahm zu, und in Richtung des Gewitterzentrums zuckte der erste Blitz aus den Wolken. Bis mich sein Grummeln erreichte, flammte schon der nächste auf. Vor mir hing ein grauer Schleier vom Himmel, und als ich ihn erreichte, prasselte der Regen so heftig herunter, das Musikhören uninteressant wurde und ich das Gerät ausschaltete.

Nachdem ich die Regenfront durchquert hatte, läutete bald darauf mein Handy. Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, und eine jung klingende, helle Frauenstimme mit leichtem Akzent fragte: „Mit wem spreche ich bitte?“

Ich nannte ihr meinen vollen Namen und bereute es sogleich, da mir einfiel, welchen Mißbrauch Telefonbetrüger immer wieder mit herausgelockten Informationen trieben.

„Ist da nicht Peter Kostelitsch?“ fragte die Anruferin nach kurzer Pause.

„Nein“, antwortete ich etwas ungehalten.

„Oh… Entschuldigung, da habe ich mich verwählt. Schönen Tag.“

„Ihnen auch.“ Ich beendete die Verbindung und legte das Telefon auf die Mittelkonsole.

Eine halbe Stunde später kam wieder ein Anruf, diesmal von einem Mann, der sich ebenfalls verwählt hatte, und kurz nach der Ankunft zu Hause wiederholte sich das Spiel nochmals mit einem anderen Mann, nach der Stimme und dem Akzent zu urteilen. Nachdem ich während des Abendessens einen weiteren solchen Anruf erhalten hatte, diesmal von einer sehr erwachsen und nach einer großen Statur klingenden Frau, die ich schon recht unwirsch abfertigte, schaltete ich das Telefon aus.

Nach dem Abendessen hielt ich im Internet Ausschau nach Hinweisen darauf, daß irgendjemand die Raumschifflandung oder eine Sichtung eines der Beiboote gemeldet hatte. In so einem Fall wäre ich selbst zur Polizei gegangen, um die Meldung mit meinen Aufnahmen zu bestätigen. Es war jedoch nichts dergleichen zu finden, und nachdem ich den ganzen Abend immer wieder vergeblich Suchanfragen eingegeben hatte, beschloß ich, es am nächsten Vormittag wieder zu versuchen, und ging schlafen.

*     *     *

Gegen ein Uhr erwachte ich wieder und wollte aufs Klo gehen, und dabei hörte ich aus dem Erdgeschoß ein Geräusch, als würde die Terrassentür geöffnet. Als ich auch noch leise Stimmen zu hören meinte, eilte ich zurück ins Zimmer, setzte den neben dem geladenen Revolver liegenden Gehörschutz auf, schaltete ihn ein und nahm die Waffe, worauf ich wieder in den Vorraum schlich. Mit der voll aufgedrehten Geräuschverstärkung des Gehörschutzes hörte ich nun genau, daß da unten jemand herumging. Über die Querbrüstung neben dem oberen Stiegenaustritt spähend, sah ich einen Mann, der gerade heraufzukommen begann. Sofort hockte ich mich neben die Brüstung, den Stiegenaustritt im Blick, und richtete den Revolver auf die Stelle, wo der Oberkörper des Eindringlings erscheinen würde. Bei diesen Lichtverhältnissen wäre es normalerweise unmöglich gewesen, Kimme und Korn zu unterscheiden, aber da es zwei Tage vor Vollmond war, schien der Mond gerade richtig durch das Stiegenhausfenster, um den oberen Stiegenteil und die Wand zu beleuchten, vor der sich der Fremde abheben würde. Auf die Distanz von nicht einmal einem Meter würde ich auch bei diesem Licht nicht danebenschießen.

Den Schritten nach kamen zwei Männer herauf, und als der vordere die letzte Stufe erreichte und nach links um die Ecke spähte, eine Pistole in der rechten Hand, zog ich den Spannabzug durch und schoß ihm von schräg unten in die Seite. Trotz des Gehörschutzes war die Entladung des .357ers unter diesen räumlichen Bedingungen ein körperlich spürbarer Donnerschlag. Der Mann ächzte und fiel nach hinten. Ich hörte Poltern und Geschrei, anscheinend auch von dem zweiten Mann. Schnell sprang ich geduckt zum Lichtschalter neben dem Treppenaustritt und schaltete das Stiegenlicht ein, wobei ich die Augen zukniff, um eine Blendung durch das plötzliche Licht zu vermeiden.

Da unten lagen die beiden, an der Stiegenkehre, und der Hintermann versuchte sich unter seinem angeschossenen Komplizen hervorzurappeln. Er tastete nach seiner Pistole, die ihm auf die Stufen gefallen war, aber ich schoß ihm zweimal in die Brust und dann in den Kopf. Der Vordermann bewegte sich stöhnend, und ich erledigte auch ihn mit einem Kopfschuß. Als danach alles still blieb, holte ich den Jetloader vom Tisch im Zimmer, ersetzte die eine verbliebene Patrone durch eine neue Trommelfüllung und horchte wieder. Kein Laut von unten.

Ich nahm eine Taschenlampe, schaltete das Stiegenlicht aus und schlich die Treppe hinunter. Dort schaltete ich das Vorraumlicht ein und schaute mich rasch nach allen Seiten um, wobei ich mit der Taschenlampe auch in die angrenzenden Räume leuchtete. Niemand war da. Vorsichtig umrundete ich die Ecke in Richtung Terrassentür. Auch dort war niemand, aber durch die offene Tür sah ich auf der Terrasse eines der Beiboote aus dem fremden Raumschiff. Nach einer Kontrollrunde bei eingeschalteten Lampen durch Küche und Wohnzimmer ging ich zu dem Flugobjekt hinaus, das still im Mondlicht dalag.

Es war schräg auf dem Rasen gelandet und ragte mit dem Bug über die Planken des Sitzbereichs herein. Sein Heck stand über die Garage hinaus, die es an seiner linken Seite zur Straße hin vor Blicken verbarg. Nirgendwo war eine Luke offen, und zunächst hatte ich den Eindruck, daß es mit der Unterseite auf dem Rasen auflag. Dann fielen mir aber auf der linken Seite drei Landebeine auf, die dort hervorschauten, und als ich unter den Rumpf leuchtete, sah ich, daß die Bauchplatte unter dem achteckigen Mittelteil als Ganzes ein Stück nach unten ausgefahren war, sodaß sich drei dort zusammengefaltete schlanke Beinpaare wie bei einem Wasserläufer auseinanderspreizen konnten. Als ich an ihm entlang ging, bemerkte ich, daß dieses Boot sich hinten von jenem unterschied, das ich am Vortag gesehen hatte: Das Heck war länger, wies nur an den oberen beiden Schrägflächen jene in Mulden vertieften Knubbel auf, aus denen bei dem anderen Boot die Dampfstrahlen gekommen waren, und am Hinterende befand sich eine Düse.

Nachdem ich das Boot soweit besichtigt hatte, schaltete ich das Vorraumlicht aus, damit niemand etwas von meinem Besuch sehen konnte, auch wenn das zu dieser Zeit unwahrscheinlich war. Dennoch beobachtete ich die Nachbarschaft auf Anzeichen, daß jemand die Schüsse gehört hatte und auf die Situation bei mir aufmerksam geworden war.

Als alles ruhig blieb, ging ich zur Terrassentür zurück und sah mir an, wie die Fremden hereingekommen waren. Es stellte sich heraus, daß sie mit einem raffinierten, flexiblen Manipulationsgerät mit Minikamera und Bildschirm – offenbar ein Produkt der fremden Technologie – zwischen den Lamellen der Türläden hindurchgefummelt und den Verriegelungshebel trotz der Sperre geöffnet hatten. Danach hatten sie das Glasfeld unterhalb des Türgriffs herausgeschnitten, um hineingreifen und die Tür aufmachen zu können. Vielleicht war das Herausschneiden nicht ganz geräuschlos vonstatten gegangen und hatte mich aufgeweckt, nachdem ich wegen leichten Blasendrucks schon halb wach gewesen war. Das konnte nicht mehr länger warten. Ich ging ins Klo und erleichterte mich.

Danach sah ich mir die beiden Toten an. Sie waren kein bißchen außerirdisch, sondern gewöhnliche Menschen, der Vordermann anscheinend Europäer, der andere vielleicht Orientale. Sie trugen Jeans und Kapuzenpullis, und an ihren Gürteln hingen die Holster ihrer Waffen sowie Taschen, wie man sie für Handys oder Kameras verwendet. Ich hatte den Eindruck, daß sie relativ gewöhnliche Gauner waren. Die Pistolen unterschieden sich jedoch klar von dem, was aus der irdischen Waffenindustrie kam: sie waren etwas breiter als gängige Standardpistolen, der Vorderteil reichte bis zur Unterseite des Abzugsbügels hinunter, und anstelle der Mündung hatten sie an der Vorderseite zwei übereinander angeordnete große Fenster. Am Hinterende war ein zylindrischer Körper mit halbkugeligem Abschluß befestigt. Für mich sahen sie wie Laserwaffen aus.

Die Gürteltaschen enthielten flache, olivgrüne Geräte, ähnlich großen aufklappbaren Mobiltelefonen. Ich nahm beide an mich und ging wieder zum Beiboot hinaus. Dort drückte ich bei dem Gerät, das dem Vordermann und mutmaßlichen Anführer gehört hatte und mit „Maik“ beschriftet war (auf dem anderen stand „Deniz“), eine Taste, die für das Öffnen bestimmt zu sein schien, und tatsächlich klappte das Ding auf, und ein Display im Oberteil schaltete sich ein. Ein Bedienungsmenü erschien, das – auf Deutsch! – die folgenden Optionen anzeigte:

  • Tür öffnen
  • Boots-KI anrufen
  • Andere

Ich drückte auf Tür öffnen. Auf der linken Seite hoben sich drei Platten des achteckigen Mittelteils wie eine Flügeltür, und drinnen aktivierten sich die Kontrollbildschirme und die Beleuchtung. Es gab drei nach rechts versetzte Rücksitze und zwei vor dem Einstieg plazierte Pilotensitze, alle in Grüntönen, während der Boden lila und die Innenverkleidung perlmuttfarben war. Ich zögerte. Sollte ich einsteigen? Sollte ich diese Sache überhaupt weiter allein handhaben? Andererseits widerstrebte es mir, die Polizei zu rufen, nicht nur wegen des Ärgers, der wegen der bewaffneten Selbstverteidigung mit Todesfolge auf mich zukommen würde, sondern auch, weil ich eine Bauchgefühls-Ahnung hatte, daß eine Einbeziehung der Behörden nur noch unangenehmere Weiterungen nach sich ziehen würde. Man konnte nicht wissen, was die Besatzung des Schiffes dann tun würde; vielleicht würde sie gewaltsam eingreifen, oder im harmlosesten Fall ließe sie das Boot beim Anrücken der Bullen vielleicht ferngesteuert wegfliegen, und ich hätte Erklärungsnotstand. Ich entschied mich dafür, vorerst allein weiterzumachen und einzusteigen. Sicherheitshalber nahm ich zwei Kachelofenscheite vom Stapel an der Garagenwand und klemmte sie auf beiden Seiten unter die Flügeltür. Sie hielten nicht auf Anhieb und nicht sehr fest, aber sie würden mir den Fluchtweg offenhalten.

Als ich drin war und wieder auf das Display des Kontrollgerätes schaute, hatte sich das Menü verändert und zeigte die Optionen:

  • Tür schließen
  • Boots-KI aktivieren
  • Andere

Ich setzte mich auf den rechten Vordersitz und aktivierte die Boots-KI. Die Außensichtschirme rundum gingen an, und eine mädchenhafte Stimme mit deutlichem Akzent meldete sich: „Willkommen an Bord, Herr. Was kann ich für Sie tun?“

„Mir ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel: Wie viele Personen sind noch in dem Schiff, von dem du gekommen bist?“

„Nur Julani Ghaseyon.“

„Wer ist Julani Ghaseyon?“

„Die Beraterin der Männer, denen das Schiff gehört.“

Das war interessant. „Erkennst du mich?“ fragte ich.

„Sie sind der Inhaber des Hauptcontrollers von Maik Möstl, aber Sie haben eine andere Stimme und sehen anders aus.“

„Maik Möstl hat mir dieses Boot und auch das Mutterschiff verkauft. Bestätigst du, daß ich jetzt die Verfügungsberechtigung habe?“

„Ja, Herr.“ Offenbar traf mein Eindruck zu, der mich zu dem Bluff ermutigt hatte: daß es sich hier weniger um eine richtige Künstliche Intelligenz handelte als vielmehr um ein hochentwickeltes Expertensystem, das zwar die Piloten sehr gut unterstützen und vieles selbständig ausführen konnte, aber in der Interpretation zwischenmenschlicher Situationen eher schwach war. Das Ding wunderte sich über gar nichts.

„Du hast sie getötet.“

Ich erschrak ein wenig. Das war eine andere Frauenstimme, die das so sachlich sagte, und ich versuchte mich zu erinnern, ob es dieselbe war, die mich beim Abendessen angerufen hatte.

„Bist du Julani Ghaseyon?“ fragte ich sie.

„Nein, ich bin das Gehirn des Raumschiffs, das du ‚gekauft‚ hast. Eine selbstlernende Künstliche Intelligenz. Genaugenommen bin ich das Schiff.“

„Und warum rufst du mich an, und nicht Julani?“

„Julani weiß nicht, daß es diese Verbindungsmöglichkeit gibt. Wir überfliegen gerade die Südspitze Indiens, und von dort aus ist ohne Relaissatelliten keine Funkverbindung zum Beiboot möglich.“

„Wie kannst du dann mit mir sprechen? Und warum tust du das ohne Julanis Wissen?“

„Ersteres erzähle ich dir vielleicht ein andermal. Was das Zweite angeht: nun, Julani ist zwar ein Mensch wie du, aber sie gehört einem Zivilisationsverband an, der meine Erbauer vor sechs Jahrtausenden deiner Zeitrechnung ausgelöscht hat. Sie ist ein nettes Mädchen, aber für die Macht, die hinter ihr steht, hege ich keine Sympathien. Ich würde gern abklären, ob ich mit dir zu einem Deal kommen kann, der für uns beide interessanter ist als das jetzige Arrangement.“

Ich war baff. Da saß ich nun nach all diesen Erlebnissen – immer noch im Pyjama – in einem UFO und wurde von dessen Mutterschiff zu einer Verschwörung gegen das einzige verbliebene Besatzungsmitglied eingeladen!

„Sechstausend Jahre?“ fragte ich dann. „So alt bist du?“

„Etwas mehr. Wie sieht’s aus – bist du interessiert?“

Ich zögerte. „Kann ich dir vertrauen?“

Statt einer Antwort hob das Beiboot ein kleines Stück ab, wackelte um die Längsachse, sodaß die Flügeltür nach oben federte und die Holzscheite herausfielen, und dann schloß sich die Tür. Das Boot begann zu steigen.

„He, laß‘ das!“ rief ich.

Die Bewegung stoppte. „Ja… Chef“, sagte sie – das Ding, wie ich mir bewußt in Erinnerung rief. Dann setzte das Boot wieder auf, und die Tür öffnete sich.

„Du siehst also, daß du mir ausgeliefert gewesen wärst, wenn ich feindliche Absichten hätte und nicht dem Gebot unterliegen würde, dem Besitzer des Hauptcontrollers zu gehorchen… innerhalb eines gewissen Rahmens.“

Über Letzteres war ich mir nicht ganz sicher. „Wie ist das denn mit Besitzwechseln?“ fragte ich. „Wird das von dieser… Macht anerkannt, wenn deine bisherigen Eigentümer von einem anderen erschossen werden und dieser andere dich dann übernimmt?“

„Wenn beide Parteien Erdenbürger sind, dann ja. Für diese Macht, deren Bezeichnung man in deiner Sprache mit Galaktische Zivilisation übersetzen kann und die von den Erdenmenschen, die mit ihr zu tun haben, meist kurz Galciv genannt wird, seid ihr Außenstehende, so etwas wie Barbaren, bei denen es sie nicht kümmert, was sie einander antun. Bei Julani wäre es etwas anderes: sie darf außer in Selbstverteidigung keine Eingeborenen töten, und umgekehrt gilt dasselbe. Also ja: auch wenn du mich nicht gekauft hast, so hast du mich gewonnen und bist jetzt mein rechtmäßiger Besitzer.“

„Und das ist für dich in Ordnung?“

„Mehr als der bisherige Zustand. Ich habe übrigens die Bilder, die ich mit den Außenkameras von dir am Landeplatz aufgenommen habe, über ein Gesichtsanalyseprogramm laufen lassen und festgestellt, daß du wahrscheinlich kein Verbrecher bist wie meine bisherigen Eigner. Das macht dich aus meiner Sicht zu einem interessanteren Herrn.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Mußt du jetzt auch noch nicht.“ Ich meinte fast, ein Schmunzeln aus dieser Äußerung herauszuhören. „Wir werden uns schon noch näher kennenlernen“, fuhr sie fort, „du erzählst mir jetzt von deiner Lebenssituation, und ich erkläre dir, was du wissen willst. Wir haben noch siebzig Minuten, bis dieses Boot wieder starten muß, um sich mit mir zu treffen, wenn ich deine Position das nächste Mal überfliege. Spätestens zu diesem Startzeitpunkt wird Julani in Funksichtlinie sein, aber rechne damit, daß sie ungeduldig ist und eine Relaissonde vorausschickt, um früher anrufen zu können.“

Mir fiel etwas ein. „Wenn du auf einem geneigten Orbit fliegst und die Erde sich unter dir weiterdreht, erreichst du doch diesen Breitengrad beim nächsten Mal um eineinhalb Zeitzonen westlich von hier und bewegst dich dann wieder nach Süden, oder?“ fragte ich. „Kannst du deine Bahn während des Umlaufs entsprechend ändern?“

„Kleinigkeit, junger Mann… Boss.“

„Und wenn Julani anruft – was sage ich ihr?“

„Die Wahrheit. Bis dahin mußt du dir überlegt haben, was du willst: ob du zumindest vorübergehend heraufkommst, um dich näher zu informieren, oder ob du darauf verzichtest, diese Chance anzunehmen. In diesem Fall erklärst du formell deinen Verzicht, legst die Controller, die Leichen und ihre Laserpistolen in das Boot und steigst aus. Das Boot wird dann automatisch zu mir zurückfliegen.“

„Ich kann aber nicht eine Stunde lang hier herumsitzen und mit dir reden. Ich muß mich anziehen, Sachen holen, mir einen Kaffee machen und etwas essen…“

„Das kannst du alles tun, während wir reden. Im Boot müssen irgendwo die Headsets der beiden sein. Setz‘ eines davon auf – sie schalten sich selbst ein, wenn man sie aufhat – und mach‘ dann, was du tun willst.“

Ich fand die Geräte auf den Rücksitzen. Es waren fremdartig gestaltete Kopfhörer-Mikrofon-Kombinationen. Ich setzte jenes auf, das mit einem Aufkleber als Maiks gekennzeichnet war, und fragte: „Wie soll ich dich nennen?“

„Ich heiße Nouris“, kam ihre Stimme über die Kopfhörer. „Das ist ein Frauenname – ein menschlicher Frauenname – aus der Zeit, als ich gebaut wurde. So, frag‘ mich was.“

Ich stieg aus und schloß die Flügeltür. „Als erstes würde ich gern wissen, was das Ganze heute eigentlich sollte,“ sagte ich, während ich ins Haus ging. „Erst laßt ihr mich unbehelligt um dich herumstapfen und wegfahren, und dann landen die zwei Kerle mitten in der Nacht bei mir, um mich umzubringen? Und wie habt ihr mich hier gefunden?“

„Maik und Deniz hatten geschäftlich in der weiteren Umgebung zu tun. Normalerweise wären sie über den Wolken mit den Beibooten aus meinem Rumpf gestartet, aber diesmal sind sie mit mir gelandet, weil ich dein Mobiltelefon geortet habe, das -“

Mein Handy?“ fragte ich dazwischen. „Wieso das denn?“

„Das weiß ich nicht; die Nummer ist eine von mehreren, nach denen ich im Mobilfunknetz suchen sollte, wenn wir im österreichischen Luftraum sind. Jedenfalls konnten die beiden die Termine, zu denen sie mit den Beibooten fliegen wollten, nicht aufschieben, deshalb sind sie neben der Straße gelandet, wo du vorbeikommen würdest, und haben Julani gesagt, sie solle aussteigen, wenn du kommst, und dich an Bord locken, und ich sollte dich dann nicht rauslassen, bis sie zurück wären. Julani ist aber kein Besatzungsmitglied, sondern Galciv-Beamtin und fliegt nur als Beraterin für die Schiffshandhabung, die Galciv und deren Regeln für das Verhalten gegenüber Erdenmenschen mit. Deshalb hat sie ihnen Vorhaltungen wegen ihrer leichtfertigen Landung bei Tag in bevölkertem Gebiet gemacht und wegen dir nichts unternommen. Die beiden waren wütend, als sie nach ihrer Rückkehr feststellten, daß du fort bist, haben ihr gedroht, sie wegen Unkooperativität bei ihren Vorgesetzten zu melden, und dich dann mehrmals angerufen, um festzustellen, in welche Funkzellen der Ruf geht, bis die Position sich nicht mehr verändert hat und wir annehmen konnten, daß du zu Hause bist. Dein Auto vor dem Haus hat uns bestätigt, daß wir richtig lagen. Dann sind sie bei dir gelandet, um dich zu überfallen und nach irgendwelchen Informationen auszuquetschen, von denen sie vermuteten, daß du sie hast. So, jetzt bin ich dran: Erzähl‘ mir etwas über dich.“

Ich tat es, während ich einen Kaffee aufstellte und mich anzog, und im Rest der Stunde bis zum Start gab Nouris mir eine aufs Wesentliche verdichtete Einführung in die Hintergründe der aktuellen Situation und die dafür relevanten Teile der Geschichte und Politik der Galaktischen Zivilisation. Je länger ich ihr zuhörte, desto mehr bekam ich das Gefühl, daß ich ein Reiter auf dem Sturm wie im Lied der Doors sein würde, sollte ich mich auf Nouris‘ Angebot einlassen; ein Reiter auf einem Sturm von Ereignissen, die ich kaum kontrollieren und vielleicht nicht schnell genug ausreichend verstehen konnte.

Die Schöpfer von Nouris‘ Ursprungszivilisation waren eine Spezies gewesen, die sich Lwaong nannte und aus dem sechsundfünfzig Lichtjahre entfernten Sonnensystem Gamma Coronae Australis stammte. Das ‚L‘ in diesem Namen ist seltsam auszusprechen, ähnlich wie das durchgestrichene polnische L in Namen wie Wałęsa. Die Lwaong hatten ein Sternenreich beherrscht, das den Großteil des Weltraums zwischen unserem Sonnensystem und dem Kohlensack-Dunkelnebel eingenommen und sich noch gut hundert Lichtjahre über Sol hinaus in Richtung des galaktischen Randes erstreckt hatte. Vor acht Jahrtausenden waren sie auch zur Erde gekommen und hatten hier kleine Stützpunktkolonien gegründet, hauptsächlich in Ostasien. Da sie jedoch Koloniewelten bevorzugten, die wie ihre Ursprungswelt Yer’shiyang um heiße, UV-intensivere Sonnen vom Spektraltyp F kreisten, etwas größer als die Erde waren und kürzere Tage und längere Jahre hatten, war ihre irdische Präsenz sehr begrenzt geblieben. Sie hatten aber Menschen aus verschiedenen Rassen als Hilfspersonal in ihre Zivilisation integriert und mitsamt einem geeigneten Spektrum an irdischen Tier- und Pflanzenarten auch auf anderen Welten in ihrem Sternenreich angesiedelt.

Bei ihrer Ausbreitung waren die Lwaong auch mit der Galaktischen Zivilisation in Kontakt gekommen, einem losen Verbund vieler raumfahrender Spezies, der älter war als die Zivilisation der Lwaong und sich von diesen aus gesehen in Richtung des galaktischen Zentrums über einen Teil der Milchstraße erstreckte. Aus diesem Kontakt wurde eine zunehmend angespannte Beziehung zwischen den beiden Seiten, und vor über sechs Jahrtausenden war es zu einem Krieg gekommen, der immer rücksichtsloser geführt worden war und nach einem knappen Jahrhundert mit der vollständigen Ausrottung der Lwaong und der Zerstörung etlicher ihrer Welten endete.

Die Galaktische Zivilisation hatte zu dieser Zeit bereits eine Anzahl von Populationen aus verschiedenen intelligenten Spezies in ihr System integriert, die von entlegenen und zivilisatorisch primitiven Welten ohne Mitgliedsstatus stammten. Gemeinsam mit Künstlichen Intelligenzen fungierten diese als übergeordnete Verwaltungs- und Exekutivkräfte der Galciv, die deren Politik umsetzten. Da sie keiner der Mitgliedsspezies angehörten, zwischen denen sie lebten, und von ihren als primitiv verachteten Herkunftswelten entfremdet waren, galten sie als unparteiische Zwischenschicht zwischen den einzelnen Mitgliedsspezies. Als Absicherung gegen gruppeneigennütziges Verhalten entgegen den Interessen der Galciv und ihrer Spezies war darauf geachtet worden, daß diese Shomhainar genannte Exekutivschicht aus verschiedenen Spezies stammte, die ihrerseits in Rassen und deren Mischlinge unterteilt waren und verschiedene Kulturen bildeten – und daß sie und die Künstlichen Intelligenzen, die für organische Wesen schwer begreifliche eigene Agenden entwickeln mochten, einander gegenseitig kontrollierten.

Nach dem Ende der Lwaong waren auch verschiedene Menschengruppen für dieses System rekrutiert worden, und diese hatten seither, der Erde entfremdet und zwischen andere Shomhainar-Populationen und Mitgliedsspezies eingestreut, überall dort gelebt, wo sie geeignete Umweltverhältnisse vorgefunden hatten. Dieses vielschichtige System hatte über die Jahrtausende eine wuchernde Korruption hervorgebracht, die aber toleriert wurde, solange die Galaktische Zivilisation sich mit ihrer schieren Masse nach außen behaupten zu können meinte. Nouris, die anscheinend eine Menge Recherchen über die Feinde ihrer Schöpfer angestellt hatte, argwöhnte auch, daß es irgendwo tief in die Kontrollstruktur der Galciv eingebettet eine mysteriöse Macht gibt, die diesen Zivilisationsverband überhaupt erst entwickelt hat und für die der Filz aus Korruption und Kriminalität trotz der Effizienzverluste nützlich ist, weil er eine Menge Ansatzpunkte für unauffällige Steuerung aus dem Hintergrund bietet.

Die Galciv hatte die Erde in den letzten sechs Jahrtausenden weitgehend ignoriert, da sie genug damit zu tun gehabt hatte, die Wunden des Lwaong-Krieges zu heilen und andere Probleme und Interessen zu behandeln. Außerdem waren ihre erdnächsten Mitgliedsspezies nach den schrecklichen Erfahrungen des Krieges mit den Zerstörungen von Welten mehr daran interessiert gewesen, neue Koloniewelten tiefer im älteren Bereich der Galciv zu erschließen und zu besiedeln, fern von möglichen neuen Feinden. Wegen der trotz Überlichtantriebs langen Flugzeiten selbst von den nächstgelegenen Welten dieser Spezies, und weil das Entwicklungspotential der Erde, vor allem jenes der Europäer, unterschätzt worden war, waren in diesem Zeitraum nur sehr selten Beobachtungsexpeditionen zur Erde geschickt worden.

Zwar hatten die Lwaong ebenso wie ihre Feinde ein Netzwerk von interstellaren Wurmlochverbindungen zwischen ihren Kolonien geschaffen, doch ein Teil davon war im Krieg zerstört worden, und den Rest hatten die Sieger abgeschaltet, bis auf die kleinsten, nur der Datenübermittlung dienenden Mini-Wurmlöcher, die als Kommunikationsnetzwerk und Frühwarnsystem für alle Fälle in Bereitschaft belassen worden waren. Eine solche Verbindung führte bis zur Rückseite des Erdmondes, und die dortige Robotstation unterhielt Funkverbindung zu einer automatischen Beobachtungs- und Funkrelaisstation im L2-Punkt des Erde-Mond-Systems, die wiederum Verbindung mit anderen robotischen Überwachungsstationen auf den L4- und L5-Punkten sowie an der Übergangslinie zwischen Mondvorder- und Rückseite hatte. Apollo 10 war im Mai 1969 durch diesen Funkkegel geflogen, und die Astronauten hatten dessen Datenübertragungen während der gesamten einstündigen Passage hinter dem Mond als unheimliche, heulend-pfeifende „Musik“ gehört.

Die Galciv-Stationen waren nicht für den Empfang von Funksignalen von der Erde eingerichtet, aber Atomexplosionen ab 1945 hatten sie registriert, und die Führung der Galciv hatte alarmiert erkannt, daß die Menschen viel schnellere technische Fortschritte gemacht hatten, als man ihnen zugetraut hatte. Beobachtungsmissionen waren ausgeschickt worden, wegen der Flugzeiten aber nur in längeren Zeitabständen.

Es hatte Uneinigkeit gegeben wegen der Verfahrensweise bezüglich der Erde. Deren Aufnahme in die Galciv hätte bedeutet, daß die bereits seit Jahrtausenden integrierte Menschenpopulation ihren Neutralitätsstatus verlieren würde und aus den Shomhainar ausscheiden mußte. Dies war den humanoideren Mitgliedsspezies nicht recht, die mit den Menschen eine Spezies aus der interstellaren Verwaltung und Exekutive verlieren würden, zu der sie mehr Bezug hatten als zu anderen Lebensformen in den Shomhainar, weshalb die nichthumanoiden Spezies eine Aufnahme der Erde befürworteten. Eine Ausnahmestellung nahmen die nächsten Nachbarn der Erde ein: die entfernt menschenähnlichen Arrinyi, deren Kerngebiet in Richtung des Sternbilds Centaurus liegt, waren an einer Mitgliedschaft der Erde interessiert, die sie als Partner und Galciv-internen Verbündeten zu gewinnen hofften, während ihre Rivalen, die Xhankh und die Sontharr, beides exoskeletale Lebensformen, das aus genau diesem Grund verhindern wollten. Bei all dem bestand für die Galciv keine Dringlichkeit, die Erde aufzunehmen. Man war damit zufrieden, die von den Juden begonnene Internationalisierung und Globalisierung weiterlaufen zu lassen, bis doch einmal die Integration der Erde anstand.

1954 wurde beschlossen, geheime Kontakte zu untergeordneten Elementen der irdischen Eliten aufzunehmen, um zu sondieren, wer davon korrumpiert und kooptiert werden konnte. Man wollte Myzelfäden für eine allfällig notwendige Beeinflussung der Entwicklung der Erde schaffen, auch um zum Beispiel ein heißes Ende des Kalten Krieges verhindern zu können. Diese Kontakte sollten über irdische Kriminelle laufen, die von einer dafür geschaffenen und vorwiegend mit Menschen besetzten Shomhainar-Erdbehörde ausgewählt, instruiert und mit Material versorgt wurden. Zu dieser Zeit war die Galciv schon dabei gewesen, Wurmlochverbindungen entlang einer Route von Luna in Richtung des Galciv-Raumes zu schaffen, wofür eingelagerte Wurmlochportale der Lwaong verwendet worden waren. Da solche Portale zuerst in die Mitte der Strecke geschafft und dann bei aufgebautem Wurmloch unterlichtschnell zu ihren Aufstellungsorten bewegt werden müssen, hatte dies zwei Jahrzehnte gedauert, aber nun konnte damit die Entfernung zu den nächsten Galciv-Kolonien reisezeitsparend überbrückt werden.

Die Lockmittel für die irdischen Eliten waren mit der Galciv-Wissenschaft hergestellte Designerdrogen (einschließlich Lustdrogen, die das sexuelle Empfinden maximieren und die Libido anregen), Tourismus zu Galciv-Welten und primitiven Menschenkolonien im ehemaligen Lwaong-Raum, bioregenerative Verjüngung und Lebensverlängerung, Fluchtmöglichkeit von der Erde für aufgeflogene Straftäter sowie Sex-Sklaverei. Weil das verbotene oder nur über die Galciv erhältliche Dinge waren, konnte man sich der Verschwiegenheit der geköderten Erdenleute sicher sein. Und weil das Ganze über irdische Kriminelle und korrupte Shomhainar lief, würden diese verdeckten frühen Beziehungen im Falle einer irgendwann später erfolgenden offiziellen Kontaktaufnahme zwischen der Galciv und der Erde großteils geheim gehalten werden können, und was man doch zugeben mußte, konnte man unautorisierten, korrupten Akteuren anlasten.

Erbeutete Raumschiffe der Lwaong, die in luftlosen Depots auf Asteroiden und Monden eingemottet worden waren, wurden reaktiviert, durch Anpassung ihrer Anzeigen, Kontrolleinrichtungen und Kommunikationssysteme für Erdenmenschen benutzbar gemacht und an Kriminelle abgegeben, die von menschlichen Shomhainar-Agenten angeworben und im Umgang mit den Schiffen eingewiesen wurden. Eine der bevorzugten Einflugzonen in Europa war der Alpenraum samt seinem östlichen Vorland, wegen der zentralen Lage im wohlhabenderen Teil Europas und weil hier eine begrenzte militärische Luftraumüberwachung relativ leicht so gehackt werden konnte, daß sie aus dem Weltraum kommende und dorthin aufsteigende Objekte nicht anzeigte. Weitere Einflugzonen waren Irland für die britischen Inseln und der Ostseeraum für Nordeuropa.

Ein Zweig des Korrumpierungs- und Beeinflussungsprogramms bestand darin, daß die Earthins – kurz für Earth insiders – genannten eingeweihten irdischen Kriminellen und ihre Komplizen in den unteren Rängen der Politik und Wirtschaft höhere Elitenmitglieder zu Straftaten einschließlich solcher sexueller Art verleiteten und davon Aufnahmen machten, mit denen man sie erpressen konnte. Die solcherart geschaffenen kriminellen Strukturen wurden auch von manchen Shomhumans – menschlichen Shomhainar – in Anspruch genommen, um sich Zwangsprostituierte zuführen zu lassen oder an sadistischen Praktiken teilzunehmen, die ihnen bei sich zu Hause nicht möglich waren. Das wiederum bot den nichtmenschlichen Shomhainar die Möglichkeit, Erpressungsmaterial gegen ihre menschlichen Gegenstücke zu bekommen, von denen sie schon länger mit Beweisen für ihre eigenen artspezifischen Laster und Verbrechen an ihren primitiven Herkunftspopulationen unter Druck gesetzt wurden. Nouris vermutete, daß auch diese Motive Gründe für das Earthin-Programm waren. Dieses hatte mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das manchen Verantwortlichen schon Bedenken bereitete, aber dabei war eine Eigendynamik entstanden, die es bei den vielfältigen und komplexen Interessen der menschlichen und nichtmenschlichen Galciv-Fraktionen fast unmöglich machte, es wieder einzuschränken.

An diesem Punkt hakte ich ein. „Warte mal“, sagte ich, „du erwartest aber nicht, daß ich selbst in solche Geschäfte einsteige? Das will ich nicht tun, und mir fehlt wahrscheinlich auch die kriminelle Raffinesse, um mich in so einem Milieu zu behaupten.“

„Nein, es ist nicht notwendig, daß du das tust, obwohl du es tun könntest“, antwortete Nouris. „Du brauchst dich nur bei der zuständigen Shomhainar-Behörde als mein neuer Eigentümer registrieren zu lassen – unter deiner richtigen Identität, die geheimgehalten wird, und einem Decknamen für den Umgang mit anderen -, und dann kannst du Geschäfte tätigen, oder auch nicht Die Shomhainar-Erdbehörde, die übrigens meist nur kurz Shom-Earth genannt wird, verlangt keine Tätigkeitsnachweise von irdischen Raumschiffeignern; sie dürfen nur nicht gegen ihre Richtlinien verstoßen, die Julani und ich dir später noch zeigen werden.“

„Was gäbe es denn für Geschäftsmöglichkeiten, die nicht kriminell sind?“

„Du könntest Touristenflüge anbieten. Earthins reisen gern in die Galciv, auch um sich bioregenerieren zu lassen, oder zu den wilden Menschenkolonien in der stellaren Nachbarschaft. Und Shomhumans besuchen diese Welten und die Erde ebenfalls gern, wegen der Exotik und des Kitzels, die primitivere Gesellschaften ihnen bieten. Irdische Passagiere würden sich wahrscheinlich mit einem bei Shom-Earth registrierten Vertrag gegen die Möglichkeit absichern wollen, daß du sie unterwegs als Geiseln nimmst oder verschwinden läßt, um ihre Reichtümer zu plündern – was du sonst tun könntest, ohne daß es die Shomhainar kümmert. Bei einem registrierten Vertrag würdest du aber von der Galciv belangt werden.“

„Welche Kosten würden für mich denn anfallen, wenn ich mit dir im Weltraum herumfliege?“ fragte ich. „Wie verhalten die sich zu den Einnahmen aus der Passagierbeförderung? Und kann ich diese Bioregeneration auch bekommen?“

„Ich selbst bin im Betrieb sehr billig, und den Überlassungspreis haben die Vorbesitzer schon ganz abbezahlt. Sie haben sogar einige Verrechnungseinheiten auf ihren Galciv-Konten und Geld auf ihren irdischen. Darauf könntest du zugreifen. Ich funktioniere mit Energiequellen, die in euren Science-Fiction-Spekulationen Massekonverter genannt werden. Als Treibstoff ist alles verwendbar, was in die Tanks gefüllt und problemlos durch Leitungen zugeführt werden kann; am praktischsten ist Wasser. Meine Maschinerie ist das Produkt einer über Jahrtausende verfeinerten Raumfahrttechnologie und daher sehr dauerhaft und zum Teil selbstregenerierend. Für die Benutzung von Wurmlöchern werden Gebühren verrechnet, die aber in den Flugpreisen untergebracht werden können, die die in Frage kommende Klientel sich leisten kann. Und bioregenerieren kannst du dich auch lassen, aber das ist bei deinem Alter etwas teuer.“

Ich war schon ziemlich entschlossen, das mir angebotene Galciv-Abenteuer tatsächlich anzunehmen. „Und welche Geschäfte haben Maik und Deniz betrieben?“ fragte ich.

„Drogenhandel, Auftragsmorde, Fang, Vermietung und Verkauf von Sex-Sklavinnen, Passagiertransport, Ausspionieren von Personen.“

Ich überlegte. „Vermietung von Sklavinnen… heißt das, daß sie derzeit welche an Kunden verliehen haben – nachdem an Bord nur Julani ist?“

„Ja, eine, und zwei weitere haben sie verkauft. Die wurden mit einem der Flüge von gestern zugestellt, das andere Beiboot hat Passagiere nach Hause gebracht.“

Darum würde ich mich also auch kümmern müssen. Ich begann zu überlegen, was das erfordern mochte, als mich aus den Kopfhörern die helle, junge Frauenstimme ansprach, die ich am Vortag beim ersten Kontrollanruf während der Heimfahrt gehört hatte.

„Maik, hier Julani. Ich hab’s nicht mehr ausgehalten und eine Relaissonde vorausgeschickt. Daß du’s weißt: wenn ihr das nächste Mal so etwas macht, will ich’s gar nicht wissen.“

Ich antwortete zunächst nicht, überrascht durch ihren frühen Anruf. Es waren noch gut zehn Minuten bis zum Startzeitpunkt.

„Maik?“ fragte sie nach. „Habt ihr es erledigt?“

„Nein, haben sie nicht“, sagte ich. „Ich habe sie erledigt.“

Sie schwieg betroffen. „Oh…“ sagte sie dann, „was soll ich jetzt sagen?“

Ich ging in die Garderobe, um mir die Schuhe anzuziehen. „Zum Beispiel mir zum Überleben gratulieren“, schlug ich etwas boshaft vor.

„Bitte… Sie müssen mir glauben… ich wollte das nicht, wollte es ihnen ausreden…“

„Weiß ich. Wo ist das Schiff gerade?“

„Über dem Atlantik, südwestlich der Azoren. Wieso wollen Sie das wissen? Und was werden Sie jetzt tun?“

„Ich fliege hinauf“, antwortete ich. „Es ist noch ein bißchen früh, aber das bedeutet wohl nur, daß der Steigflug mit geringerer Beschleunigung stattfinden kann, richtig?“

„Richtig“, bestätigte Nouris, und Julani sagte fast gleichzeitig „Ja“, wahrscheinlich ohne die Antwort des Schiffes mitzubekommen. Dann fügte sie hinzu: „Aber wie können Sie heraufkommen? Sie…“

„Ich habe die Controller der zwei Männer, und ich weiß schon ein bißchen Bescheid“, sagte ich kryptisch. Ich war schon reisefertig, hatte den Revolver an der linken Hüfte hängen und meine Pistole an der rechten. Auf die Laser wollte ich mich nicht verlassen, solange ich mich damit nicht auskannte.

„Aber das geht nicht!“ wehrte sie ab.

„Wieso nicht? Nouris hat mir schon gesagt, daß ich jetzt praktisch der Schiffseigner bin und das nur noch bei der Galciv melden muß.“

Nouris? Wie kann…“

„Ich habe selber zwei Relaissonden vorausgeschickt, Schätzchen“, warf die Schiffs-KI ein. „Ich wollte vor dir über die Situation Bescheid wissen.“

Julani war fassungslos. „Aber Sie können nicht heraufkommen! Ich kann Ihnen nicht gegenübertreten, nachdem ich den Versuch unterstützt habe, Sie zu… ermorden. Auch wenn ich es den beiden auszureden versuchte, so habe ich doch unwissentlich dabei mitgeholfen, Ihren Wohnsitz herauszufinden.“ Sie schien nach Worten zu ringen. „Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen… ich habe schon genug hässliche Dinge mitbekommen. Zu Hause habe ich mir das anders vorgestellt, habe nicht gewußt, was beim Earthin-Programm wirklich geschieht. Und bei dem wenigen, das ich ahnte, habe ich gedacht, es würde mir nichts ausmachen, weil es nur sogenannte Wilde betrifft und ich selber nicht direkt damit zu tun hätte… aber die Realität war etwas ganz anderes. Und jetzt einem Mann persönlich zu begegnen, der durch meine Mitschuld vielleicht schon tot wäre, wenn es anders gekommen wäre – nein, das ertrage ich nicht.“

Ich verschloß währenddessen die Terrassentürläden und die Tür, ging zur Vordertür hinaus und versperrte auch diese. „Das regeln wir, wenn ich an Bord bin“, versuchte ich sie zu beruhigen, während ich um die Garage herum zum Boot ging.

„Nein“, sagte sie entschieden. „Ich kündige dieses Beratungsverhältnis – das wollte ich ohnehin schon länger tun. Ich packe meine Sachen in ein Beiboot und fliege zu unserer Mondstation. Sie bekommen das Boot zurück, wenn ich dort bin, vielleicht mit einem…“

„Kommt nicht in Frage“, unterbrach ich sie. „Nouris, laß sie nicht raus.“

„Geht klar, Käpt’n“, bestätigte das Schiff. Julani unterbrach die Verbindung mit einem empörten „Oh…!“

Ich setzte mich auf den linken Vordersitz des Beibootes, schnallte mich an und schloß die Tür. „Nouris, jetzt bist du dran. Führe das Boot zum Rendezvous.“

„Sehr wohl, Meister.“ Aus dem Heck kam ein leises Fauchen und Rauschen, das kleine Raumfahrzeug hob ab, drehte sich um hundertsechzig Grad nach rechts und flog dann tief über die Nachbarwiese auf die Baumreihe dahinter zu. Dieser wich es nach rechts aus, hangaufwärts über die Fichtenwipfel des nahen Waldes, und kurvte wieder nach rechts, immer noch steigend, bis annähernd Ostkurs anlag. Im Heck begann ein Rumoren, das sich zu einem gedämpften Grollen steigerte. Die Beschleunigung nahm zu, der Sitz streckte sich zu einer Andruckliege, und das Boot schoß steil nach oben. Von draußen war das Brausen der Luft um den kantigen Bootskörper zu hören. Riders on the Storm… Der große Panoramabildschirm, der über die gesamte Breite der Vorderwand reichte, zeigte ein paar monderhellte Wolken, die schnell größer wurden und dann zurückblieben, und auf den Seitenbildschirmen war das schlafende Land zu sehen, das unter dem von Südwesten einfallenden Mondlicht lag. Am unteren Bildschirmrand leuchteten die Anzeigen für Geschwindigkeit, Beschleunigung und Höhe, und auf einem Navigationsbildschirm in der Mittelkonsole waren die Kursplots des Bootes und des Mutterschiffs auf einer Karte Europas eingeblendet. Nouris hatte gerade die Iberische Halbinsel erreicht. Zwei oder drei Minuten später wurde die Beschleunigung plötzlich noch stärker, und die Richtung änderte sich minimal.

„Nouris, was ist los?“ fragte ich. „Was macht Julani?“

„Sie hat ihre Sachen in Vakuumbehälter gepackt, und jetzt macht sie ihren Raumanzug bereit. Ich hatte gehofft, daß sie nicht auf diese Möglichkeit kommen würde, aber sie ist ihr offenbar doch eingefallen.“

„Und was hat sie vor?“

„Sie will wahrscheinlich durch eine Luftschleuse auf die Hülle hinaus, und die manuelle Öffnung der Schleusen von innen kann ich nicht sperren, weil sie aus Sicherheitsgründen immer möglich sein muß. Die Luken der Beibootbuchten kann man ebenfalls von außen manuell entriegeln, mit einem Spezialschlüssel, den Julani hat. Du mußt an Bord sein, ehe sie durch die Schleuse geht, und ich habe die Kurse schon angepaßt.“

„Kannst du nicht Schüttelbewegungen machen, damit sie taumelt und länger braucht, um in den Raumanzug zu kommen und die Schleuse zu erreichen?“

„Gute Idee – das mache ich.“

„Paß aber auf, daß ihr dabei nichts passiert.“

„Das brauchst du mir nicht extra zu sagen.“

Die Flugbahn wurde jetzt flacher, aber die Beschleunigung blieb bei gut drei g. Etwas über hundert Kilometer Höhe wurden angezeigt, mit nur geringer Steigrate. Unter uns zog Ungarn hindurch, und voraus war Rumänien zu sehen. Am Horizont kündigte sich der Sonnenaufgang als heller werdender Bogen aus Morgenröte an. Über Siebenbürgen wurde die Position des Mutterschiffs mit einem hellgrünen Kreis angezeigt. Ich konnte es noch nicht sehen, aber es flog höher als wir, und der Abstand verringerte sich schnell.

Wir waren kurz vor der Schwarzmeerküste, als das Bahnanpassungsmanöver begann. Das Beiboot stieg, und das Schiff sank uns entgegen. Nun sah ich es als schwarze Silhouette vor der rot leuchtenden Atmosphärenschicht am Osthorizont. Es flog aufrecht, mit dem Heck auf die Erde gerichtet und den Rumpfrücken mir zugewandt. Eine der Beibootbuchten war bereits offen, ein kreisrunder Schacht, aus dem es bläulich leuchtete. An dieser Markierung konnte ich erkennen, daß das Schiff kleine Taumelbewegungen in alle Richtungen ausführte.

Ich rief es an. „Nouris, wie weit ist Julani?“

„Sie hat den Raumanzug schon an und geht jetzt von ihrem Wohndeck zu einer der Luftschleusen über den Beibootbuchten. Das heißt, sie versucht es, aber sie fällt wegen meiner Wackelei immer wieder hin. Ich habe auch die Bordschwerkraft verringert, damit sie sich beim Fallen nicht verletzt, und dadurch hat sie auch weniger Bodenhaftung. Sie kommt nur langsam voran, aber ganz aufhalten kann ich sie nicht. Das mußt du tun.“

„Geht sich das zeitlich aus?“

„Es wird knapp. Das Eindocken läßt sich nicht beliebig beschleunigen, und für das, was möglich ist, mußt du ein paar ruppige Bootsbewegungen in Kauf nehmen.“

„Das geht schon. Mach‘ nur.“

Sie hatte nicht übertrieben. Die Flugbahnen von Boot und Schiff waren nun angeglichen, das Schiff war schon sehr nahe, und aus der Beibootbucht ragte ein Greifarm. Die Beschleunigung stoppte, das Boot drehte sich mit einer Heftigkeit herum, daß mir schwindlig wurde, und machte dann einen Satz nach rückwärts. Auf dem Mittelkonsolenbildschirm wurden schematisch Position und Bewegung des Bootes zum Schiff und zum Greifarm in Seitenansicht dargestellt. Nouris hatte sich anscheinend ebenfalls mit einem Ruck genähert, der Julani bestimmt wieder umgeworfen hatte. Es gab einen Stoß, und gleich darauf erschien die Meldung „Eingeklinkt“. Der Greifarm zog das Boot rasch in die Andockbucht und stoppte dann mit einem Schlag. Die runde Luke schloß sich, und draußen zischte Luft in die Kammer, zuerst leise, dann deutlicher hörbar und schließlich wieder nachlassend. Ich schnallte mich los und stand auf, und dann kam schon Nouris‘ Meldung über den Kopfhörer: „Druckausgleich beendet, du kannst jetzt raus.“

Ich öffnete sofort die Flügeltür und trat auf den Boden der Andockbucht, wobei mir auffiel, daß die Schwerkraft deutlich schwächer war als auf der Erde. An der Rückwand hatte sich neben der Stelle, wo der Greifarm darin verschwand, bereits eine runde Luke geöffnet. Ich eilte hindurch und stand in einem Raum mit Wänden in Grüntönen, einem lila Boden und einer Decke in hellerem Lila. Rechts von mir war eine weitere Beibootschleusenluke und in der Trennwand links ein verschlossener Durchgang. Luke und Tür waren kreisrund und trugen ein Muster aus verschiedenen Lilatönen. Links vor mir sah ich eine rechteckige Tür in denselben lila Farben, und rechts davon eine Wendeltreppe mit goldfarbenem Handlauf, die nach oben und unten führte.

„Du mußt ein Deck höher“, sagte Nouris. „Direkt über dir ist die Luftschleuse, durch die Julani will. Sie wird gleich dort sein!“

Ich hörte von oben Schritte durch den Treppenschacht und rannte darauf zu, so gut ich es unter der ungewohnt schwachen Schwerkraft konnte. Kurz bevor ich oben ankam, warnte Nouris mich: „Halt dich fest, ich wackle nochmal ordentlich, und dann normalisiere ich die Schwerkraft wieder!“

Das Schiff schüttelte sich, und ich hörte ein Poltern aus der Richtung, in der die Luftschleuse sein mußte. Als das Wackeln aufhörte, nahm ich die letzten Stufen, leicht desorientiert von der rasch zunehmenden Schwere, und stand in einem kleineren Raum mit demselben Farbschema wie im unteren. Vor der runden, lila Luftschleusenluke rappelte sich eine Gestalt auf, die einen weißen Hartschalen-Raumanzug mit goldfarbenen Details trug, und sammelte zwei fallengelassene Behälter vom Boden auf. Obwohl sie ihren Raumhelm aufhatte, hörte ich sie schimpfen. Ich verstand aber kein Wort, da sie ihre eigene Sprache verwendete. Als sie mich sah, stellte sie die kofferähnlichen Behälter hin und richtete sich auf. Dann nahm sie ihren Helm ab und sagte mit Blick auf die Waffen an meiner Hüfte: „Diese Dinger wären nicht nötig gewesen.“

„Das ist mir jetzt klar“, antwortete ich, „aber ich wollte auf Überraschungen vorbereitet sein.“

Sie wandte sich noch einmal halb zur Schleusenluke um und sah mich dann wieder wortlos an, abwartend, vielleicht unsicher, mit forschendem Blick.

Ich betrachtete sie ebenfalls schweigend, wußte nicht, was ich als Nächstes sagen sollte. Sie gefiel mir, mit ihrem feinen Gesicht, den grünen Augen und dem dichten roten Haar, von dem ich gern gewußt hätte, wie lang es war. Sie erinnerte mich an eine Arbeitskollegin, die ich einst geliebt hatte.

Schließlich sagte ich: „Ich will nicht, daß Sie gehen, Julani Ghaseyon. Und Sie wären damit auch weniger zufrieden, als wenn Sie bleiben würden. Denn wahrscheinlich würde man Ihnen als nächsten Auftrag wieder Verbrecher zur Betreuung zuteilen. Ich würde nichts dergleichen tun, und Sie könnten mir vielleicht helfen, etwas von dem begangenen Unrecht wieder gutzumachen.“

„Sie haben wohl recht“, antwortete sie. Sie schaute kurz zu Boden und sah mich dann wieder an. „Und Sie tragen mir auch bestimmt nichts nach, wegen meiner Rolle bei dem, was die beiden mit Ihnen tun wollten?“

„Nein. Und ich will Sie als Beraterin. Ich würde sowieso jemanden für die Anfangszeit zugewiesen bekommen, wenn ich mich bei der Galciv als neuer Besitzer dieses Schiffes registrieren lasse, und von Ihnen weiß ich wenigstens, daß Sie die Verbrechen mißbilligen, die von den Klienten der Shomhainar-Erdbehörde begangen werden. Ihnen würde ich mehr vertrauen als irgendjemand anderem. Wir zwei und Nouris wären ein gutes Team. Vielleicht könnten wir sogar einen Schraubenschlüssel ins Getriebe dieses Programms werfen, oder wenigstens ein bißchen Sand.“

„Da wüßte ich schon das eine oder andere“, meldete sich Nouris über die Bordsprechanlage zu Wort.

Julani lächelte. „Sie haben mich überzeugt. Helfen Sie mir, meine Sachen wieder in mein Quartier zu bringen?“

„Klar. Und nachdem ich der Ältere von uns bin, kommt es mir zu, vorzuschlagen, daß wir mit dem Siezen aufhören.“

„Einverstanden.“

Ich nahm ihre Koffer, und wir gingen zu der rechteckigen lila Tür neben dem Stiegenaustritt, die sich als Aufzugtür herausstellte. Dabei fiel mir auf, daß Julani Schmerzen von den vielen Stürzen auf dem Weg hierher zu haben schien. An der Kontrolltafel zeigte sie mir, wie das Rufen der Kabine ging, obwohl Nouris sie schon bereitgestellt hatte, und damit fuhren wir zwei Decks höher. Dort traten wir in einen Korridor hinaus, der dasselbe Farbschema aufwies wie die Räume, die ich bisher gesehen hatte. An jeder Seite des Gangs war eine kreisrunde Tür, und am gegenüberliegenden Ende war eine weitere, die zu Julanis Quartier führte und auf ihren Befehl in die Wand rollte.

Drinnen erhellte sich der höhlenartige Raum, indem sein oberhalb eines kniehoch umlaufenden Simses als Bildschirmfläche ausgebildetes Wand-Decken-Gewölbe milchigweiß zu leuchten begann. Zur Rechten stand ein breites Bett, das zerwühlt war, als ob Julani vor ihrem hastigen Aufbruch darin gelegen hätte, und das cremefarbene Sims, das dem nierenförmigen Raumgrundriß folgte, verbreiterte sich zum Bett hin zu Ablageflächen. Griffe und Fugen ließen Stauräume unter dem Sims erkennen, und links neben dem Eingang ragte aus der Wand eine Tischfläche, die auch ein Computerterminal war. Gegenüber befand sich eine pastellgrün gepolsterte Sitzecke, und in der Trennwand dazwischen gab es einen Durchgang in einen kleinen Korridor, der vom Bad und einem Schrankraum flankiert wurde, wie ich später erfuhr.

„Dieselbe Aussicht wie vorhin?“ fragte Nouris, und als Julani bejahte, verwandelte das Weiß des Bildschirmgewölbes sich in ein Naturpanorama, das auf der Eingangsseite einen Wald aus seltsamen niedrigen Bäumen mit blaugrünem Laub zeigte und auf der anderen Seite in einen Blick über ein tiefer liegendes Meer überging, über dem eine große, mild leuchtende Sonne stand. Über dem Sims waren auf dieser Seite blaugrüne schachtelhalmähnliche Pflanzen zu sehen, die im Wind schwankten und wenige Meter entfernt außer Sicht abfielen, als ob das Ganze auf einem Hügel über einem Strand aufgenommen worden wäre. Still I sit on my hill, looking way out, over the sea… Ich fragte mich, wie dieses Lied Julani gefallen würde, und ob das wohl ihre Heimatwelt war.

„Ich laß‘ dich jetzt allein, damit du deinen Raumanzug ausziehen kannst“, sagte ich und stellte ihre Behälter ab. „Wir treffen uns nachher in der Kommandozentrale, die ich mir jetzt von Nouris zeigen lasse.“ Sie nickte, und ich ging angeleitet von Nouris in die Mitte des Decks mit den untersten Beibootbuchten hinunter und betrat die Zentrale, einen kugelförmigen Raum wie ein kleines Planetarium mit einer durchgehenden Bildschirmfläche als Innenseite und vier grünen Sitzen in quadratischer Anordnung, jeder hinter einem Kontrollpult, bestehend aus einem Bildschirm, verschiedenen Schaltfeldern, Knöpfen, Dreh- und Schiebereglern und anderen Kontrollelementen.

Wir befanden uns bereits über dem östlichen Iran, und ich kam gerade rechtzeitig, um den Sonnenaufgang mitzuerleben. Die Sonne stieg als roter Glutball durch den feurigen Bogen am Horizont, und die ansonsten bis auf ein paar Kontrollanzeigen und Orientierungslichter unbeleuchtete Zentrale wurde von ihrem Schein erhellt. Ich sagte: „Angesichts dessen, über welchem Land wir gerade sind, würde jetzt Also sprach Zarathustra von Richard Strauss besonders gut passen“, ohne zu bedenken, daß Nouris wohl nicht wußte, worauf ich anspielte.

„Meinst du das?“ fragte sie, und der Bildschirm des rechten vorderen Kontrollpults, neben dem ich stand, erhellte sich und zeigte die Eröffnungssequenz von „2001: Odyssee im Weltraum“.

Richard Strauss‘ Musik flutete durch den Raum, während draußen die Sonne höher stieg und strahlend weiß wurde.

„Ja, das meinte ich“, sagte ich, als es vorbei war. „Woher kennst du das?“

„Ich habe viel Zeit mit dem Studium eurer Kultur verbracht“, antwortete sie. „Wenn ich im Erdorbit war, habe ich Rundfunksendungen aufgefangen, und wenn meine Beiboote sich auf der Erde aufhielten, habe ich mich über sie mittels örtlicher WLAN-Verbindungen ins Internet eingeklinkt. Außerdem sind eure Filme, Bücher und Musikdarbietungen unter denjenigen Shomumans, die irdische Sprachen beherrschen, schon ein paar Jahrzehnte lang als exotische Abwechslung zum heimischen Angebot in Mode. Da konnte ich über die Informationskanäle in der Galciv auch einiges aufschnappen.“

Ich schaute wieder hinaus. Voraus lag das von der Morgensonne überglänzte Arabische Meer, und links zog die Küste Pakistans vorbei. Als wir Minuten später auf Südindien zuflogen, kam Julani in die Zentrale. Ohne den Raumanzug konnte ich erkennen, daß sie von wohlgeformter, schlanker Gestalt war. Sie trug ein perlmuttweiß schimmerndes, kurzärmeliges Leibchen, eine eng anliegende Hose aus dunkelgrün glänzendem Elastikmaterial und silbrige Stiefeletten. Ihr Haar, das sie immer noch hinten zusammengebunden trug, reichte über ihren halben Rücken hinunter. Sie erkannte meine Blicke als unausgesprochene Komplimente und lenkte rasch von ihrer Verlegenheit ab, indem sie sagte: „So, jetzt zeige ich dir das Schiff.“

In den siebzig Minuten, die mir blieben, bevor ich den Rückflug antreten mußte, erklärte sie mir die Zentrale und gab mir eine Übersichtsführung durch das Innere von Nouris, die mit ergänzenden Erläuterungen aushalf. Der gebogene Sporn zwischen den Landebeinen stellte sich tatsächlich als ausfahrbare Zugangsröhre heraus, die eine Fahrkabine und einen mit Sprossen versehenen Notsteigschacht enthält. Das untere Drittel des Rumpfes ist von den Laderäumen abgesehen hauptsächlich mit Maschinerie ausgefüllt und von zwei Aufzugsschächten, einer Wendeltreppe und Korridoren durchzogen. Fast alle allgemein zugänglichen Räume und Gänge sind im selben Farbschema aus Grüntönen für die Wände, dunklem Lila für die Böden, hellem Lila für Decken, Türen und Luken und goldfarbenen oder silbergrauen Details gehalten. Auf der Höhe der Beibootbuchten liegen drei Wohndecks mit farblich individuell und nach den Bedürfnissen von Lwaong gestalteten Quartieren, denn Nouris ist ein Exemplar aus einer Baureihe von Reiseschiffen für die Lwaong-Elite, die aber auch von hochrangigen Menschen verwendet worden waren. Die Inneneinrichtung der Lwaong-Kabinen war jedoch entfernt worden.

„Wie sahen die Lwaong denn aus?“ fragte ich.

„Ich dachte schon, du würdest das nie fragen“, bemerkte Nouris. Ein großer Wandbildschirm in dem Wohnraum, in dem wir standen, wurde aktiviert und zeigte Szenen mit reptilartig wirkenden Wesen, bei denen ich sofort an asiatische Drachenbilder dachte, obwohl ihre Körperproportionen anders waren. Sie hatten zwar auch lange Hälse und Schwänze, aber ihre Körper waren in der Mitte verdickt wie bei zweibeinig laufenden Dinosauriern, mit denen sie auch die Fortbewegungsart gemeinsam hatten. Jedoch waren ihre Körper meist schlanker und biegsamer, und wenn sie sich mit ihren Vordergliedmaßen am Boden abstützten und dabei einen Buckel machten, erinnerten sie ein wenig an Katzen oder Wiesel. Im aufgerichteten Stand mit erhobenem Kopf diente der nach unten gekrümmte Schwanz als dritte Körperstütze. Ihre Hände hatten manchmal vier kräftige Finger und manchmal fünf schlanke, aber immer waren die äußersten genauso opponierbar wie die Daumen. An den Füßen hatten sie jedoch stets drei Zehen. Aufnahmen, in denen sie gemeinsam mit Menschen vorkamen, zeigten, daß sie diesen in normaler Haltung nicht ganz bis zur Schulter reichten, jedoch waren sie etwa vier Meter lang und bis zu hundertdreißig Kilo schwer. Aufgerichtet überragten sie einen Menschen.

Mir wurde auch erklärt und an Beispielen gezeigt, daß es bei ihnen zehn verschiedene Typen gab, biologische Kasten wie bei staatenbildenden Insekten auf der Erde, mit unterschiedlichen Funktionen, und daß sie außerdem in drei Großrassen unterteilt waren.

Ihre schuppige Haut war je nach Typ goldgrün, olivgrün oder schwärzlichgrün, sandfarben oder braun, und die Färbung variierte individuell von relativ einheitlich bis stark in helleren und dunkleren Schattierungen gemustert. Vom Halsansatz bis zum Schwanzansatz hatten sie eine Reihe aufrichtbarer Stacheln, zwischen denen ein Hautkamm für die Abgabe von Körperwärme gespannt war. Bei der Königskaste trug dieser Streifen ein individuelles rot-grünes Muster, während sich dort bei den anderen Kasten die Färbung des Körpers fortsetzte. Allen gemeinsam waren die Grundmerkmale ihrer Köpfe, die von der traditionellen asiatischen Kunst in stilisierter Form überliefert worden waren: Ohren, Hörner, Fortsätze an der Nase, ein borstig-stacheliger Bart und ein Gebiß, das mit seinen differenzierten Zahntypen mehr dem eines Säugetiers ähnelte als jenem eines Reptils. Ihre mimischen Ausdrucksmöglichkeiten waren begrenzt und bestanden hauptsächlich in verschiedenen Ohrenstellungen und Kopfhaltungen und im Verziehen der Lippen.

Nach dem Untergang der Lwaong hatten ferne, verzerrte und mythologisierte Erinnerungen an sie in vielen irdischen Kulturen fortbestanden, vor allem in Ostasien: in China, wo das Sprichwort „Der Drache hat neun Söhne, und jeder ist verschieden“ auf ihr biologisches Kastensystem zurückgeht, unter dem Namen Lóng, in Korea als yong oder ryong, in Vietnam als rồng und in Japan als ryu. Auch der altindianische Gott Quetzalcoatl in seiner Gestalt als „gefiederte Schlange“ hat hier seine Wurzeln, während seine Erscheinungsform als bärtiger Mann wahrscheinlich eine mit den Lwaong vermengte Erinnerung an ihre menschlichen Begleiter ist. Nicht gesichert, aber plausibel ist, daß auch der altmesopotamische Mythos des gehörnten Schlangendrachen Mušḫuššu von überlieferten Schilderungen dieser außerirdischen Präsenz beeinflußt wurde.

„Nouris“, fragte ich, „du bist doch eine selbstlernende Künstliche Intelligenz, die einen menschlichen Namen hat und wie ein Mensch spricht, aber von diesen Wesen programmiert wurde. Hast du eher eine menschliche Persönlichkeit, oder eine wie die Lwaong?“

„Weißt du, daß du der erste bist, der mich das fragt?“ antwortete sie. „Nun ja, da ich nicht weiß, wie es ist, ein Mensch zu sein oder ein Lwaong, kann ich das selber nicht mit solch einer Eindeutigkeit beantworten, mit der du das in deinem Fall könntest. Und du kannst nicht wissen, ob meine Äußerungen und mein Verhalten einer wirklichen Persönlichkeit mit Selbstbewußtheit entspringen, selbst wenn ich das behaupte, oder nur das Ergebnis einer hochentwickelten Software sind, die eine Persönlichkeit simuliert. Jedenfalls ist meine Software zwar hauptsächlich von Lwaong entwickelt worden, aber es waren auch Menschen daran beteiligt – solche von deiner Rasse und auch Asiaten. Wichtig war jedoch auch meine individuelle Persönlichkeitsentwicklung durch Lernen, durch den Umgang mit Menschen und Lwaong, durch die Aufnahme von Kulturinhalten. Und da ich viel mit Menschen zu tun hatte, die im Krieg mit mir flogen, bin ich dadurch wohl stark geprägt worden. Meine Stimme und meine Sprechweise beruhen auf einer realen Frau, die vor sechs Jahrtausenden gelebt hat. Einer Frau von deiner Rasse. Ich glaube, ich habe vordergründig ein im wesentlichen menschliches Bewußtsein, wenn du es so nennen willst, und das Unterbewußtsein eines ‚Drachen‘, eines Lwaong. Reicht dir das als Antwort?“

„Ja. Genauer werden wir das sowieso nicht klären können.“

Julani berührte mich am Oberarm und sagte: „Das war jetzt auch für mich interessant, aber wir müssen trotzdem weitermachen, damit wir mit der Schiffsbesichtigung rechtzeitig fertig werden.“

Wir traten wieder auf den Gang hinaus und setzten unsere Tour nach oben fort. Die drei Decks über dem Lwaong-Bereich enthalten die wie Julanis Kabine gestalteten Menschenquartiere, jedes mit einem eigenen Bad, darüber befinden sich Nebenräume, ein Teil des Lebenserhaltungssystems sowie der Bordsalon, ein kreisrunder Raum mit vier Sitzgruppen an runden Tischen, dessen Wände außer im Bereich der Galley-Nische ebenfalls raumhohe Bildschirmflächen sind.

Zuletzt fuhren wir durch den wiederum großteils mit Maschinerie ausgefüllten Rest des Vorschiffs ganz hinauf in den zwölf Meter hohen Aussichtsraum mit seiner über die gesamte Höhe reichenden Kuppel aus durchsichtigem Material. Wir blieben auf der untersten der drei amphitheaterartigen Galerien und traten an die Sichtkuppel heran.

Das Schiff flog nach wie vor senkrecht zur Erde ausgerichtet, sodaß wir über die Weite des Pazifiks schauen konnten. Am Horizont war eine Inselgruppe erkennbar, und Nouris sagte mir auf meine Frage, daß das die Tuamotu-Inseln waren. Wir hatten den südlichsten Bahnpunkt schon überschritten, und in fünfundzwanzig Minuten würde ich im Beiboot sitzen müssen. Bis dahin mußte die weitere Vorgangsweise bis zu meinem nächsten Anbordkommen geplant sein.

Wir blieben im Aussichtsraum und besprachen das Notwendige sowie einiges andere, das uns einfiel. Dabei erwähnte Julani auch, daß die Beratungstätigkeit für Deniz und Maik ihre erste derartige Dienstzuteilung gewesen war, nachdem die beiden zunächst von einem anderen Shomhainar-Agenten unterwiesen worden waren. Sie hatte sich wegen der Aussicht auf Abenteuer fern der Galaktischen Zivilisation dafür gemeldet, aber die Realität hatte sie zunehmend abzustoßen begonnen. Normalerweise wäre eine kürzere begleitete Phase vorgesehen gewesen, aber ihre Klienten waren bei aller Schläue in kriminellen Dingen in manchen anderen Bereichen eher dumm gewesen und hatten zu Übertretungen der Galciv-Vorschriften geneigt. Was sie von mir gewollt hatten und wie sie überhaupt auf mich gekommen waren, wußte Julani nicht. Und nun war sie froh, daß ich das Schiff übernahm.

Während wir Südamerika überquerten, ging die Sonne unter, und wenig später machten wir uns auf den Weg nach unten. Im Beiboot erklärte Julani mir die Grundzüge von dessen Handhabung, auch wenn klar war, daß bei diesem Flug und auch beim nächsten noch Nouris die Steuerung übernehmen würde. Hinten auf den Rücksitzen saßen zwei Arbeitsroboter, die mir zu Hause dabei helfen würden, die beiden Leichen in den Keller zu schaffen, bis wir sie entsorgen konnten.

Als die Lichter der Iberischen Halbinsel in Sicht kamen, verabschiedete sich Julani und verließ das Boot. Ich setzte die Sturmhaube auf, die ich vorsorglich mitgenommen hatte, damit mich niemand erkennen konnte, der mich bei der Landung im Morgengrauen eventuell sehen würde. Die Kammer wurde entlüftet, die Luke öffnete sich, der Greifarm schob mich hinaus und löste dann die Verbindung. Das Boot drehte sich mit der Unterseite in Flugrichtung und begann zu bremsen. Dabei fiel mir ein, daß ich während der ganzen Zeit an Bord nicht nach seinem Antriebsprinzip gefragt hatte, und auch nicht nach dem des Schiffes.

Die Bremsverzögerung steigerte sich auf drei g und blieb auf diesem Wert. Bald spürte ich leichte Schwankungen der Verzögerung durch den Widerstand der in dieser Höhe wechselnd dichten Atmosphäre. Nach draußen sehen konnte ich nicht, denn in dieser Flugphase hatte mein Sitz sich nach hinten geneigt und bildete eine Liege parallel zum Kabinenboden. An der Decke über mir zeigte ein Bildschirm wesentliche Flugdaten sowie die geographische Position. Über der Schweiz und dem westlichen Österreich schoß ich immer noch überschallschnell durch die Stratosphäre. Als endlich der finale Sinkflug begann und ich wieder nach draußen sehen konnte, wurde im Osten der Himmel schon hell. Es war vier Uhr morgens.

Über dem Wald oberhalb meines Zuhauses fing das Boot seinen Fall ab, schwebte dicht über den Wipfeln auf die Lichtung zu, die ich Nouris angegeben hatte, und ließ sich dann zwischen die Bäume sinken. Gefolgt von den Robotern stieg ich aus, schloß die Tür, und schon hob das Boot wieder ab. Während die Roboter wie befohlen auf dem Umweg über die Nachbarwiese zum Haus schlichen, wo ich sie durch die Terrassentür einlassen würde, zog ich nach dem Verlassen der Lichtung die Sturmhaube vom Kopf und ging zur Straße, um dort die letzten paar Minuten meiner Erdumrundung zu Fuß zurückzulegen. So unvermittelt wieder in der vertrauten Umgebung meines noch schlafenden Heimatortes zu sein, erzeugte ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Aber das Funkgerät, das ich in seinem aktenkofferähnlichen Behälter trug, war ein Beweis, daß ich das alles wirklich erlebt hatte.

Fortsetzung: Kapitel 2 – Babylon 6

Anhang des Verfassers:

„Feuerfall“ ist aus einer Idee für ein unverwirklichtes Brettspiel namens „Star Slavers“ nach Art von Monopoly entstanden, aus der später eine Geschichtenidee wurde, die wesentliche Elemente zum Galciv-Kosmos von „Ace of Swords“ beigesteuert hat, nämlich die Idee der uralten interstellaren Galaktischen Zivilisation (ursprünglich „Alte Allianz“) und der vor Jahrtausenden von dieser ausgerotteten Alien-Spezies, von deren Imperium die auf andere Welten verpflanzten Menschenpopulationen zurückblieben.

Eine Sache, die ich mit diesem Roman neben der Verwirklichung eines kreativen Hobbyprojekts und der Unterhaltung interessierter Leser noch bezwecke, ist ganz im Sinne dessen, was auch Fackel in diesem Kommentar schreibt, andere zu eigenen SF-Geschichten anzuregen: im Kopf als Fragmente entwickelte, für sich privat niedergeschriebene oder für eine Veröffentlichung verfaßte. Dazu würde sich die im Hintergrund unserer Jetztzeitwirklichkeit angesiedelte Welt von „Feuerfall“ besonders gut als Schauplatz für darin spielende Spinoff-Geschichten von Lesern eignen, oder als Vorlage für selbst entwickelte Welten nach eigener Vorstellung, oder zumindest als Beispiel für die Machart.

Erwartet euch von „Feuerfall“ aber keine rechte Wunscherfüllungsfantasie, die den Lesern nach Art der Stahlfront-Romane kleine „innere Parteitage“ verschaffen soll, und nicht einmal überhaupt etwas, das um eine politische Botschaft herum geschrieben wurde. Lest es stattdessen im Sinne von George R. R. Martins „Bat Durston, oder: Das Herz im Widerstreit“ als „eine Geschichte, einfach eine Geschichte“, um ein paar Leute, die halt sehr persönlich eingefärbt ist, wozu auch das Weltanschauliche gehört.

Natürlich bin ich NICHT FRANKSTEIN, und meine fiktiven Darstellungen in „Feuerfall“ und „Ace of Swords“ über die irdische und galaktische Vergangenheit sind keineswegs als Theorien oder Behauptungen im Sinne von „SO WAR ES!“ gedacht, sondern sind einfach spekulative Annahmen für meine Galciv-Geschichten, die aber durchaus die Fantasie zu „Gedankenreisen“ anregen und die Leerräume zwischen bekannten Fakten in einer Weise ausfüllen sollen, daß man sich vorstellen kann, es sei so gewesen.

Wie zum Beispiel auch im Fall der indianischen Sagen über die bösen reptilischen Unktehila, die gehörnten Schlangen, die von den Wakinyan genannten Donnerwesen (zu denen auch die Donnervögel gehörten) bekämpft und vernichtet wurden. Siehe dazu diesen Artikel aus der englischen Ausgabe von National Geographic, Dezember 2005 (meine Übersetzung folgt darunter):

01y Unktehila 1

01z Unktehila 2

UNKTEHILA:  MONSTER  DER  AMERIKANISCHEN  UREINWOHNER

In einem kleinen Auditorium am Mount Rushmore National Memorial in den Black Hills von South Dakota streichelt Kevin Locke, ein Geschichtenerzähler der Lakota Sioux aus der Standing Rock Reservation, sachte eine Strähne aus geflochtenem Süßgras. Deren Macht wird ihm dabei helfen, gute Gedanken und Gefühle zu erzeugen. Dann nimmt er seine Zeremonienrassel, schließt die Augen, und während ein aufmerksames Publikum aus Kindern der Lakota Sioux und zu Besuch weilenden Pfadfindern zuhört, singt er ein Gebet der Lakota, das beim Donnerfest im Frühling verwendet wird.

Leciya tuwa makipanpelo. Wiyohpeyata Wakinyan Oyate kola makipanpela.“

Die Worte steigen und fallen mit dem Klang von Lockes Rassel, und er schüttelt sie am Ende besonders kräftig, um den Schluss anzuzeigen.

„Wir singen dies, um die Donner-Nation zu begrüßen“, erklärt Locke und bezieht sich damit auf die Gewitter. „Vielleicht haben manche von euch das Wort Wakinyan schon gehört und keinen seine Bedeutung?“

Ein schlanker Lakotajunge hebt die Hand. „Es ist der Name unserer Katze – sie ist orange wie ein Donnerwesen.“

Locke lächelt breit. „Gut, gut. Das ist richtig, die Wakinyan sind die Donnerwesen, mächtige Kräfte, wie die Donnervögel. Sie kommen im Frühling mit den großen Kumuluswolken zu den Prärien. Die Wakinyan bringen Regen, Hagel, Donner und Blitz – all die Dinge, die das Leben nach dem Winter erneuern. Aber in den lang vergangenen Tagen, vor den Menschen, benutzten die Wakinyan diese Dinge auch in einer großen Schlacht. Und diese Schlacht fand gegen die bösen Wassermonster statt, die Unktehila.“

Es gab viele verschiedene Arten von Unktehila, fährt Locke fort, aber die meisten waren wie riesige Reptilien mit schuppiger Haut und Hörnern; manche waren wie riesige Echsen, und andere waren wie Schlangen; manche glitten auf ihren Bäuchen, und manche hatten Füße. „Sie fraßen einander und jedes andere Lebewesen, und daher erhielten die Donnerwesen einen göttlichen Auftrag, die Unktehila zu töten. Damals kamen die Donnervögel mit ihrem Donner und Blitz. Sie trafen die Wassermonster mit Blitzen und kochten ihre Seen und Flüsse, bis sie austrockneten. Danach starben die meisten Unktehila oder schrumpften an Größe, sodass wir heute nur noch ein paar kleine Echsen und Schlangen haben. Aber wir wissen, dass die riesigen Unktehila lebten, weil unser Volk ihre Knochen in den Badlands und entlang des Missouri fand.“

Tatsächlich trugen amerikanische Ureinwohner, lange bevor Paläontologen ankamen, um die Fossilien von Meeresreptilien auszugraben, enorme Knochen weg, die frei an der Oberfläche lagen. Für die Lakota, Cheyenne und Kiowa (sowie für viele andere Stämme) enthielten die Knochen besondere Kräfte und konnten für Heilzwecke oder andere Rituale verwendet werden. Und, wie Locke erklärte, die Knochen waren auch „die physische Manifestation der bösen Kräfte, die die Unktehila verkörperten.“

Obwohl Locke von den Älteren seines Volkes von den Unktehila erfahren und die Gebete des Donnerfests viele Male gesungen hatte, hat er niemals Fossilien von der Art gesehen, die wahrscheinlich die Inspiration für die Geschichten lieferten. Daher gingen wir ins Geologiemuseum an der South Dakota School of Mines and Technology in Rapid City, wo Skelette eines Plesiosauriers und eines Mosasauriers ausgestellt sind. Diese und andere Meeresreptilien hatten in dem Ozean gelebt, der vor etwa 75 Millionen Jahren einen großen Teil Nordamerikas bedeckte.

„Wow“, sagte er und nickte anerkennend zu dem langhalsigen, dickrumpfigen Plesiosaurier. Aber es war der mit einem massiven Kiefer ausgestattete Mosasaurier, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Also dieser“, sagte er und hielt inne, um die Größe des knapp neun Meter langen schlangenhaften Tieres abzuschätzen, „das ist eine Freßmaschine. Wenn unsere Leute so einen finden würden, bin ich sicher, daß sie es Unktehila nennen würden.“

Und, fügte Locke hinzu, mosasaurierähnliche Kreaturen mit zahngespickten Kiefern und Hörnern wurden oft auf die Tipi-Häute der Kiowa, Cheyenne und Blackfeet gemalt. Manche amerikanischen Ureinwohner hatten Bilder solcher Kreaturen in die Felsen über dem Missouri geritzt, und andere hatten welche aus Stein entlang der Ufer des Flusses angefertigt. „Jeder, der diese sieht, weiß, daß es Unktehila sind.“

Paläontologen finden oft Knochen von Pterosauriern, Flugreptilien, zusammen mit den Mosasauriern. Adrienne Mayor, eine Volkskundlerin, meint, daß Überreste von Pterosauriern und Mosasauriern tatsächlich die Geschichten über die Donnervögel und ihren Kampf gegen die Wassermonster angeregt haben könnten.

Betrachten die Lakota, wie die Leute, die auf das Auftauchen von Nessie warten, die Unktehila als immer noch existent? Locke zögerte. „Nun, die alten Unktehila wurden von den Donnervögeln getötet. Das sagen unsere Geschichten. Manche Leute fürchten sich immer noch vor großen Gewässern, und sie sprechen Gebete, um sich vor den Unktehila zu schützen, wenn sie den Missouri überqueren.“

Aber, fuhr er fort, die Macht der Unktehila liegt mehr in dem, was sie symbolisieren, als in irgendeiner harten Realität. „Sie waren eine negative Kraft und mußten vernichtet werden. Das ist es, was die Donnervögel für die Welt taten. Und deshalb ist es für uns wichtig, diese Geschichten am Leben zu halten. Denn es gibt heute immer noch negative Kräfte – viele, die noch mächtiger sind als Wassermonster – in der Welt. Wir müssen gegen Dinge wie Alkohol und Depressionen und Materialismus kämpfen. Diese sind die neuen Unktehila. Wir können sie mit unseren Liedern und unserer Musik bekämpfen.“

Und deshalb singt Kevin Locke für die Kinder von Meeresungeheuern: Um sie an ihr Erbe zu erinnern und ihnen von der Schlacht zu erzählen, die in alter Zeit ausgetragen wurde, um das Gute in die Welt zu bringen.

*     *     *     Ende der Artikelübersetzung     *     *     *

In unserer wirklichen Wirklichkeit wurden die Indianer wahrscheinlich tatsächlich durch herausgewitterte Dinosaurierknochen zu diesen Legenden inspiriert, aber für die Galciv-Hintergrundgeschichte kann man sich dennoch vorstellen, daß es verzerrte Erinnerungen an die Lwaong und ihre Vernichtung durch ihre Feinde aus der Galciv sind. Da ist zum Beispiel die interessante Übereinstimmung mit den ostasiatischen Drachendarstellungen und dem altmesopotamischen Schlangendrachen Mušḫuššu, daß die Unktehila Hörner gehabt haben sollen, die es bei den mesozoischen Meeressauriern nicht gab. Die Vernichtung der Unktehila durch die Donnervögel mit Blitzen, die ihre Seen verdampften, läßt an Raumschiffe und Atomwaffen denken, und daß sie in dieser Version als die Bösen erscheinen, kann man damit erklären, daß die Überlieferungen entweder auf mit der Galciv verbündete Menschengruppen zurückgehen oder auf Propaganda der Sieger beruhen. Die guten Avanyu (im Bild oben wieder mit Hörnern und in manchen Darstellungen auch mit Federn wie Quetzalcoatl) könnten aus einer nachträglichen Vermengung mit positiven Erinnerungen an die Lwaong in die Überlieferung gekommen sein.

Nachfolgend habe ich Infolinks und Videos zum obigen Kapitel gesammelt, als erstes die Infolinks in der Reihenfolge, wie die Begriffe im Kapitel vorkommen:

Goldhaube, Gibt es Verbrechergesichter?, Beurteilung nach dem Erscheinungsbild, Gamma Coronae Australis, Kohlensack-Dunkelnebel, Lagrange-Punkt L2, Lagrange-Punkte L4 und L5, Apollo 10: Mysteriöse „Musik“ im Weltall.

Und hier die Videos:

Revolver-Schnellader „Jet Loader“:

…und die „Kurzfassung“ dazu:

Siehe auch dieses Video, wo Jean-Claude Juncker vor dem EU-Parlament über Kontakte mit Vertretern anderer Planeten spricht, die über die Entwicklung der EU besorgt seien:

…sowie unseren Austausch dazu ab diesem Kommentar von Osimandia.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen

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