Die anglo-normannische Invasion Irlands im Jahr 1170: Ermöglicht durch „aristokratische“ Machtrivalität

Von Mathias Mesenhüller, aus GEO EPOCHE Nr. 90 „Irland 1170 – 2018: Die Geschichte der Grünen Insel“, dort erschienen ab Seite 22 unter dem Titel „Rivalen um die Macht“. (Hier nachveröffentlicht zur weiterführenden Information über die in „Etwas anderes als weiß werden“: Irland und radikaler jüdischer Aktivismus“ erwähnte Invasion Irlands durch Richard „Strongbow“ FitzGilbert auf Einladung des irischen Regionalfürsten Dermot MacMurrough.)

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Seit Jahrhunderten ringen lokale Fürsten um die Hoheit über ganz Irland. Doch dann verschafft sich einer der Kontrahenten Unterstützung von außen – und die Ankunft des normannischen Ritters Strongbow aus Britannien im Jahr 1170 wird zum schicksalhaften Wendepunkt. Denn mit ihr beginnt die Ära der Fremdherrschaft, die die Insel bis heute prägen wird.

Es ist der 23. August 1170. Am Horizont vor der südirischen Küste zeichnet sich eine furchteinflößende Silhouette ab und kommt stetig näher: große Segelschiffe. Von Wales aus haben sie das Meer überquert und steuern nun auf das irische Städtchen Waterford zu.

Auf den Decks der Schiffe lagern Ritter samt Pferden, Schilden, Kettenhemden, schweren Lanzen und Schwertern. Außerdem Infanteristen mit langstieligen Streitäxten, weit schießenden Bögen und dicken Bündeln präzise gefertigter Pfeile. Dazu Belagerungsgerät, Schanzwerkzeug.

Eine hochgerüstete, kampferprobte Truppe, insgesamt rund 1200 Mann. Und ein Bräutigam.

Denn die Armada kommt auf Einladung eines irischen Fürsten, Dermot MacMurrough, des Herrschers des Reiches Leinster im Südosten der Insel. Der Anführer der Flotte, Richard FitzGilbert, genannt Strongbow, soll Dermots Tochter heiraten – und vielleicht einmal dessen Reich erben.

Zuvor freilich muss Strongbow dem künftigen Schwiegervater einen Dienst erweisen: Seine Krieger sollen wesentliche Teile dieses Reiches überhaupt erst erobern. Sie sollen Dermots irische Rivalen bezwingen, ihn so zum mächtigsten Mann auf der Insel machen – und einige vergangene Kränkungen rächen. Strongbows Sold für diese Dienste: die Prinzessin und die Erbschaft.

Damit beginnt ein Feldzug, der Irland für Jahrhunderte in den Bann der größeren britischen Nachbarinsel schlagen wird. Ein Krieg, dem ein fruchtbarer Austausch folgen wird, eine reiche Mischkultur – aber ebenso auch Leid und Bitterkeit. Und aus dem Fremdherrschaft und Freiheitskampf als die großen Themen der irischen Geschichte hervorgehen.

Am Anfang steht eine arrangierte Ehe. Ein Pakt, der keine Nationen kennt, nur persönliche Vorteile. Das Aufeinandertreffen ungleicher Waffen – aber der gleichen zügellosen Gier nach Ruhm, Reichtum und Abenteuer.

Die Ritter, die Strongbow nun bei Waterford an Land führt, sind entschlossen, sich ihr Glück, ihre Zukunft zu erkämpfen. Wie schon ihre Väter es getan haben und deren Väter vor ihnen. Sie kennen es nicht anders.

Denn sie sind Normannen.

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Die alte Saat geht wieder auf

Von Elke Papouschek, aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe Oktober 2014.

Erntezeit in den Gärten der Arche Noah. Aber in Schiltern geht es nicht um die Früchte, sondern um deren Samen. Sie helfen, fast vergessene Nutzpflanzen am Leben zu erhalten. Anbau erwünscht!

Wenn sich das Gartenjahr dem Ende zuneigt und sich die goldenen Tage des Altweibersommers aneinanderreihen, wird im Kamptal Saatgut geerntet, getrocknet, gewogen, verpackt und beschriftet – sorgfältig und mit Übersicht, wie in einer Drogerie aus längst vergangenen Zeiten.

Franco Baumeler, gebürtiger Schweizer mit einem großen Herz für alte Kultursorten und Leiter des Arche-Noah-Schaugartens in Schiltern, führt durch die Beetreihen, den Hang hinauf zum kleinen Maisfeld. Die Hüllblätter der Kolben sind längst braun und trocken. „Eigentlich hätten wir die ja schon geerntet, aber für euch haben wir noch ein paar Tage gewartet“, erzählt er, ehe er zwei Kolben ausbricht und die trockenen Blätter zurückbiegt.

Weißgelb und steinhart sind die einzelnen Körner. Aber so müssen sie sein – denn in der Arche Noah wird nicht zu kulinarischen Zwecken geerntet, sondern um alte Kulturpflanzen und Sorten zu erhalten, die andernfalls verschwinden würden.

ALTE SORTEN SIND SAMENFEST

Die bunte Vielfalt in den Obst- und Gemüseabteilungen des Lebensmittelhandels täuscht: Es gibt zwar viel Exotisches – doch die Verarmung von Kultursorten in unseren Breiten nimmt ungebremst ihren Lauf. „Wir kennen eine grüne, lange und kerzengerade Frucht und nennen sie Gurke, aber das war’s dann schon“, meint Gebhard Kofler-Hofer, der in Schiltern für Führungen und Vorträge verantwortlich ist. „Tatsächlich gibt es Dutzende verschiedene Arten: Schlangengurken, Wachsgurken, Schwammgurken, Scheibengurken. Gurken sind eine große Familie.“

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Arche Noah für Sorten ein, die vor Generationen noch naturnah angebaut wurden, dann aber verschwanden, weil in der Landwirtschaft Ertrag vor Qualität gereiht wurde und Gleichförmigkeit vor Formenvielfalt. Das galt auch für den „Wachauer Weißen“, jene Maissorte, von der Franco Baumeler gerade zwei Kolben ausgebrochen hat.

In Schiltern wird der Mais zur Arterhaltung angebaut. Ob die Samen gut ausgereift und trocken sind, erkennt man – außer an den Hüllblättern – an den harten Körnern. „Man reibt einfach die Kolben gegeneinander, dann fallen die Körner heraus“, erklärt Franco Baumeler den simplen Vorgang der Saatgutgewinnung.

Alte und regionale Gemüsesorten haben einen großen Vorteil: Sie sind nicht nur optimal an die lokalen Klimaverhältnisse und Böden angepasst. Man kann sie auch weitervermehren, denn sie sind „samenfest“. Sogenanntes F1-Saatgut dagegen muss man jedes Jahr neu kaufen. Zwar könnte man auch von den daraus gezogenen Hybriden Samen ernten. Deren Nachkommen behielten jedoch die Eigenschaften der Elternpflanzen nicht einheitlich bei.

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Wachset und mehret euch: Pflanzenvermehrung selbst gemacht

Von Veronika Schubert, aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe August 2015.

Viele Wege führen zu neuen Pflanzen. Wer den richtigen einschlägt, spart nicht nur Geld in der Gärtnerei, sondern darf sich auch als Geburtshelfer im eigenen Garten fühlen.
Wie man richtig Samen gewinnt, Stecklinge zieht und Absenker biegt.

Wer, wenn nicht die Gärtnerin, weiß nach jahrelanger Vermehrung von Pflanzen, welche Technik ans Ziel führt? Es ist ein umfassendes und oftmals auch außergewöhnliches Angebot an Blumen, Kräutern und Gemüse, das Eveline Bach in ihrem Familienbetrieb am Stadtrand von Wien in vierter Generation hegt. Doch das Besondere, nämlich Samen von Raritäten, ist nur schwer erhältlich, Eveline Bach musste also lernen, selbst für Nachschub zu sorgen – und ganz einfach ist das nicht.

„Ob von einer Pflanze Samen abgenommen werden können, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt sie. „Zunächst müssen die Blüten überhaupt Samen ausbilden. Und dann stellt sich die Frage, ob sie nach der Mendel’schen Vererbungslehre stark aufspalten und ob die nächste Generation Veränderungen zeigt oder nicht.“

In der Gärtnerei Bach werden zur Vermeidung von unerwünschten Kreuzungen nur Samen von jenen Pflanzen abgenommen, die in der Mitte einer Reihe stehen. Dort ist – vor allem bei Paradeisern [Tomaten] ist das wichtig – weitgehend gesichert, dass es zu keiner Fremdbestäubung kommt, die die nächste Generation beeinflussen kann. Auch bei Chilis ist im Übrigen Vorsicht angebracht: Sie sind Windbestäuber und sollten isoliert angebaut werden. „Im Hobbybereich ist es aber sogar spannend, auch Neues zuzulassen und zu experimentieren“, sagt Eveline Bach ermunternd. „Mit etwas Glück gelingt sogar im Privatgarten eine neue taugliche Züchtung.“

Wer im nächsten Jahr keine genetischen Veränderungen im Beet haben will, entnimmt die Samen am besten aus dem Dickicht zwischen lauter gleich blühenden Pflanzen. Dort wurden sie höchstwahrscheinlich unter ihresgleichen von Bienen bestäubt oder haben sich selbst befruchtet.

STECKLINGE UND ABSENKER

Wer das Risiko von Veränderungen ganz ausschließen will, vermehrt seine Kulturen mit Stecklingen. „Stecklinge sind Teile von Pflanzen und somit Klone“, erklärt Expertin Eveline Bach. „Da weiß man, dass die exakt gleiche Pflanze heranwächst.“ Allerdings hat die Stecklingsanzucht auch einen Nachteil: Krankheiten der Mutterpflanze können auf den Klon übertragen werden – was bei Samen weitgehend auszuschließen ist.

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Das „richtige“ Gebrauchsmesser und seine Verwendung

Von Anton J. Lennartz (Text und Fotos), aus Deutsches Waffen-Journal 7-1990.

Ein Messer für alle denkbaren Situationen und Anwendungen – damit sind die Anforderungen für ein Gebrauchsmesser in der Wildnis in knapper Form umschrieben. Wie es beschaffen sein soll und wie es richtig angewendet wird, zeigt der folgende Beitrag.

Das Messer ist eines der kleinsten und leichtesten, gleichzeitig aber das geläufigste Schneidwerkzeug. In der Wildnis findet es ungezählte Einsatzmöglichkeiten. Dort ist es vorteilhaft, nur ein Messer zu verwenden. Für nur ein Messer sprechen Transport- und Gewichtsprobleme bei mehreren Messern, die bessere Vertrautheit und die routinierte Handhabung, wenn nur eines benutzt wird. Für ein solches Wildnismesser darf das Fällen eines 8 bis 10 cm dicken Baumes kein Hindernis sein. Aber auch einen Fisch sollte man damit von seinen Schuppen befreien und zum Essen vorbereiten können.

Alle Arbeiten sind mit Klingenlängen von 16 bis 18 cm zu erledigen. Die Klingenspitze sollte in einer geraden Linie über die Klingenmitte zur Griffmitte führen (Bild oben). Hierdurch wirkt das Messer auch bei ungünstigem Stichwinkel effektiv. Ist der Klingenrücken im Bereich der Spitze mit einer Schneide versehen, so ist beim Stich ein leichteres Eindringen gewährleistet. Die Unterseite der Klingenspitze sollte einen sanften Bogen beschreiben. Hierdurch erhält der Messerhieb in diesem Bereich (Hiebzentrum) eine Schnittwirkung. Für das Waidwerk ist dieser geschwungene Bereich unverzichtbar. Verläuft die Klinge möglichst geradlinig, führt auch ein schnelles Schleifen zu akzeptablen Resultaten. Der mittlere und hintere Klingenrücken soll nicht geschärft oder sonst irgendwie reduziert sein, so daß ein Schlagholz effektiver genutzt werden kann.

Von einem Sägerücken ist grundsätzlich abzuraten. Der Einsatz des Schlagholzes wird dadurch fast unmöglich. Dabei wird es weit häufiger im Busch verwendet als etwa eine kurze Behelfssäge. Ein weiterer Nachteil der „Sägemesser“ sind die ungeschränkten Sägezähne. Zwangsläufige Folge dieses Mangels ist, daß die Messersäge nach wenigen Millimetern Schnittiefe klemmt, da beidseitig der Klinge keine Toleranzzonen vorhanden sind. Würden die Hersteller solcher Geräte diesen Mangel berücksichtigen und die Zahnung schränken, so ließe sich auch mit diesen Sägen ordentliche Arbeit verrichten. Nach kurzer Zeit wäre aber die Messerscheide durch die seitlich hervorstehenden Sägezähne zerstört.

Der Messerrücken sollte etwa 3,5 bis 4 mm dick und die Klinge ca, 2,5 bis 3,5 cm breit sein, um so neben solider Belastbarkeit auch ein gut nutzbares Gewicht für die Hiebwirkung zu erhalten. Der Messerstahl sollte schnitthaltig sein, jedoch nicht zu hart. Nach meiner Erfahrung liegt der günstigste Härtebereich zwischen 53 und 56° Rockwell. Viele Messerhersteller sind bemüht, in ihren Werbemaßnahmen die ungewöhnlich hohen Härtegrade als besondere Errungenschaft herauszustellen. Keiner der mir bekannten wirklichen Profis, ob Trapper, Guide oder Outfitter, welche ihre Messer täglich im Busch vielfach einsetzen, arbeitet mit einem derart harten Messer. Es ist den Leuten in der Wildnis nicht möglich, diese superharten Stähle auf Dauer scharf zu halten bzw. mit konventionellen Mitteln und Methoden neu zu schärfen. Der Besitzer eines solchen Traummessers ist auf die Hilfe einer Schleiferei angewiesen, wenn ihm sein Messer nicht zum Alptraum werden soll.

Manche Gebrauchsmesser haben einen ungeschliffenen Bereich zwischen Schneide und Griffstück, die sogenannte Fehlschärfe. Die Frage, warum dieser Bereich existiert, hat mir noch niemand befriedigend beantworten können. Gerade an dieser Stelle wird von der Messerhand die größte Kraft auf die Schneide übertragen. Messer, welche für den militärischen Einsatz gebaut wurden, oder solche, welche in Küche oder Metzgerei verwendet werden, sind nicht mit einer solchen Beeinträchtigung versehen. Auch an den allseits bekannten Finnenmessern findet sich keine „Fehlschärfe“. Dabei leben, essen und arbeiten die nordischen Samen zum Teil heute noch mit ihrem Puukko, und zwar mit der gleichen Ausführung wie bereits ihre Urahnen. Wenn man also auch dort auf diese Modeform verzichtet, dann nur, weil man kein Erfordernis erkannte und die Fehlschärfe sich störend auf die Handhabung auswirkt.

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Dschebel Irhoud, Marokko : Frühe Homo sapiens vor 300.000 Jahren

Von Michael Greshko, übersetzt von Lucifex. Das Original These Early Humans Lived 300,000 Years Ago—But Had Modern Faces erschien am 7. Juni 2017 auf National Geographic. (Titelbild vom Übersetzer eingefügt, Quelle hier.)

Auf einer baumbestandenen Savanne in dem, was heute Marokko ist, kauerte einst eine Gruppe früher Menschen bei einem Feuer, ihre Steinwerkzeuge um ihre Lagerstätte verstreut.

Nun deuten Untersuchungen von im Feuer gebackenen Werkzeugen von dieser Stätte darauf hin, daß diese vorzeitlichen Menschen vor mehr als 300.000 Jahren lebten, was sie zweimal so alt macht wie zuvor gedacht.

Die Untersuchungsergebnisse, die am Mittwoch in Nature verkündet wurden, füllen eine entscheidende Lücke im menschlichen Fossilbeleg. Dies deshalb, weil diese Menschen viele auffallende Ähnlichkeiten mit modernen Menschen haben, obwohl sie lange vor dem lebten, was vielleicht der älteste Fossilbeleg des Homo sapiens ist, von einer Ausgrabungsstätte in Äthiopien, datiert auf eine Zeit vor ungefähr 195.000 Jahren.

Der von Louis Leakey gefundene, 195.000 Jahre alte Homo-sapiens-Schädel (Bild vom Übersetzer als Vergleich zum Schädel von Dschebel Irhoud eingefügt)

Die Bewohner der marokkanischen Stätte waren nicht ganz der Homo sapiens von heute; ihre Schädel waren weniger gerundet und länglicher als unsere, was vielleicht Unterschiede zwischen unseren Gehirnen und ihren anzeigt. Jedoch ähneln ihre Zähne sehr denen in den Mündern moderner Menschen – und ihre Gesichter sahen wie unsere aus.

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Wissenschaftler: Europa, nicht Afrika, war der Geburtsort der Menschheit

Von Sarah Knapton, übersetzt von Lucifex. Das Original Europe was the birthplace of mankind, not Africa, scientists find erschien am 22. Mai 2017 auf The Telegraph. (Die Bilder waren leider in einem Dateiformat, dessen Hochladen WordPress nicht erlaubt – seht sie euch im Originalartikel an.)

Die Geschichte der menschlichen Evolution ist umgeschrieben worden, nachdem Wissenschaftler entdeckten, daß Europa, nicht Afrika, der Geburtsort der Menschheit war.

Gegenwärtig glauben die meisten Experten, daß unsere menschliche Abstammungslinie sich vor ungefähr sieben Millionen Jahren in Zentralafrika von den Menschenaffen abspaltete, wo die Hominiden die nächsten fünf Millionen Jahre blieben, bevor sie sich weiter weg wagten.

Aber zwei Fossilien einer menschenaffenähnlichen Kreatur, die menschenähnliche Zähne hatte, sind in Bulgarien und Griechenland gefunden worden und stammen aus einer Zeit vor 7,2 Millionen Jahren.

Die Entdeckung der Kreatur, die von den Wissenschaftlern Graecopithecus freybergi genannt wurde und den Spitznamen „El Graeco“ erhielt, beweist, daß unsere Vorfahren sich bereits 200.000 Jahre vor dem frühesten afrikanischen Hominiden zu entwickeln begannen.

Ein internationales Forscherteam sagt, daß die Befunde den Beginn der menschlichen Geschichte völlig verändern und den letzten gemeinsamen Vorfahren von Schimpansen und Menschen – das sogenannte Missing Link – im Mittelmeerraum plazieren.

Zu dieser Zeit hatten Klimaveränderungen Osteuropa in eine offene Savanne verwandelt, was Menschenaffen dazu zwang, neue Nahrungsquellen zu finden und eine Verlagerung auf den zweibeinigen Gang auslöste, glauben die Wissenschaftler. „Diese Studie verändert die Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Wissen über die Zeit und den Ort der ersten Schritte der Menschheit“, sagte Professor Nikolai Spassov von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. „Graecopithecus ist kein Menschenaffe. Er ist ein Mitglied des Stammes der Hominiden und der direkte Ahne des Homo. Die Nahrung des Graecopithecus hing mit der recht trockenen und harten Savannenvegetation zusammen, anders als jene der rezenten Menschenaffen, die in Wäldern leben. Daher hat er wie Menschen breite Backenzähne und einen dicken Zahnschmelz. In gewissem Maß ist das ein neu entdecktes fehlendes Verbindungsglied. Aber fehlende Verbindungsglieder wird es immer geben, weil die Evolution eine endlose Kette von aufeinander folgenden Formen ist. Wahrscheinlich ähnelte El Graecos Gesicht einem Menschenaffen, mit kürzeren Eckzähnen.“

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Warnhinweise zur Unfruchtbarkeitsproblematik

Von Lucifex, zusammengestellt aus Kommentaren von mir und hildesvin zu Andrew Hamiltons Essay Familie, ergänzt um drei neue Schlußabsätze. Diese Aufbereitung als eigener Artikel soll die enthaltenen Informationen leichter auffindbar und verlinkbar machen als die einzelnen Kommentare und sie neueren Lesern bekanntmachen, die den alten Strang noch nicht kennen.

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Lucifex:

Im aktuellen Juliheft 2018 von „bild der wissenschaft“ ist unter dem Titel „Furchtbar unfruchtbar“ ein interessanter Artikel von Susanne Donner erschienen (ab. S. 74). Nachfolgend gebe ich ihn gekürzt wieder (als Blockquote; meine eigenen Anmerkungen stehen dazwischen):

Wunschtraum Kind

Immer mehr Menschen bleiben in Deutschland kinderlos. Die Zahl der Ehepaare ohne Sprösslinge ist von 1990 bis 2012 stark angewachsen auf 10 Millionen. Jede und jeder Vierte im Alter von 20 bis 50 ist mittlerweile ungewollt ohne Nachwuchs, erbrachte eine aktuelle Erhebung des Bundesfamilienministeriums.

Ungewollt bedeutet, dass es meistens mit einer Schwangerschaft nicht geklappt hat oder auch, dass nicht der passende Partner gefunden wurde. Wie viele Paare infertil sind, darüber haben Mediziner nur Schätzungen angestellt. Systematisch erhoben wird die Reproduktionsunfähigkeit der Bevölkerung nicht. Die Angaben schwanken zwischen jedem achten und jedem fünften Paar. Die 134 Kinderwunschzentren florieren jedenfalls.

Der dänische Endokrinologe Niels Skakkebaek war der Erste, der vor einer verheerenden Fruchtbarkeitskrise warnte. 1992 veröffentlichte er im angesehenen British Medical Journal, dass die Spermienzahl sich von 113 Millionen auf 66 Millionen je Milliliter Sperma halbiert habe. Ein Fünftel der jungen Dänen hätte so wenig gesunde Keimzellen, dass sie als unfruchtbar gelten. Doch er hatte historische Zählungen mit neueren Erfassungen verglichen, die nach unterschiedlichen Standards erfolgten. Viele warfen ihm Panikmache vor. Besonders in Deutschland taten Andrologen, also Ärzte der Männerheilkunde, seine These als Hysterie ab.

Die Spermienqualität nimmt ab

Inzwischen hat der betagte Pionier den Streit für sich entschieden: „Man muss das nicht Spermienkrise nennen. Die Spermienqualität hat jedenfalls abgenommen“, sagt der Reproduktionsmediziner Stefan Schlatt vom Universitätsklinikum Münster. Sein Vorgänger war einer der schärfsten Kritiker von Skakkebaek. In Münster werden seit 2016 Ringversuche koordiniert, um die Qualität der Spermiogramme in ganz Deutschland zu gewährleisten. Man kann sagen, die Forscher hier haben einen guten Überblick über die männliche Fruchtbarkeit.

Man kann auch sagen, die Forscher in Münster beugen sich den erdrückenden Indizien. Schon 2004 gab die einzige Untersuchung zur Spermienqualität in Deutschland zu denken: 791 Männer aus Hamburg und Leipzig spendeten ihr Ejakulat. Im Schnitt zählten die Experten 42 Millionen Spermien pro Milliliter. Unterhalb von 39 Millionen kann es mit dem Nachwuchs mühsam werden. Die Andrologin Andrea Salzbrunn vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die an der Studie beteiligt war, urteilt: „Ein großer Teil der jungen deutschen Männer scheint eine beeinträchtigte Samenqualität zu haben.“

Neuere Analysen des Spermienspezialisten Pallav Sengupta vom britischen Lincoln University College zeichnen auch global ein verheerendes Bild: Die Spermienzahl der Männer in Europa sei in den letzten 50 Jahren um 32,5 Prozent eingebrochen, in Afrika sogar um 76,2 Prozent. Auch in Asien und Nordamerika hat der Forscher den Rückgang dokumentiert. Im Schnitt hat sich die Zahl der Keimzellen halbiert. Und 2017 errechnete der Mediziner Hagal Levine von der Hebräischen Universität Jerusalem einen Rückgang der Spermienzahl von 52 Prozent. Andere Experten würdigten die Studie als beste Neuberechnung, die es derzeit gibt.

Zu viel Sex als Ursache?

Obwohl Skakkebaek Recht hat, streiten die Forscher immer noch – nun aber über die Frage, warum weniger Spermien im Ejakulat schwimmen und ob das etwas macht. Schlatt vertritt eine unter hiesigen Reproduktionsmedizinern verbreitete Sicht: „Der Rückgang macht nichts, weil immer noch genug Samenzellen für die Befruchtung der Eizelle übrig sind.“ Der Schwund könnte in seinen Augen sogar ganz profane Ursachen haben: „Der limitierende Faktor für die Spermienzahl ist die Zeit, weil der Hoden die Samenzellen erst produzieren muss. Männer haben aber heute viel häufiger Ergüsse als vor 50 Jahren“, glaubt er. Die Masturbation war damals verpönt. Und Sexualpartner außerhalb der Ehe waren viel schwieriger zu finden. Sprich: Es gab weniger Gelegenheit zur sexuellen Befriedigung. Belege dafür fehlen allerdings – auch, weil das Sexualverhalten noch schwieriger zu erfassen ist als die Zahl der Spermien.

Daß die verminderte Spermienzahl in diesem Ausmaß allein sich vielleicht noch nicht allzu stark auf die Befruchtungswahrscheinlichkeit auswirkt, erscheint mir auch plausibel. J. Philippe Rushton schreibt zum Beispiel in Rasse, Evolution und Verhalten ab Seite 43, daß das durchschnittliche Hodengewicht von Asiaten bei 9 Gramm liegt und jenes von Europäern bei 21 Gramm, was laut einem Artikel von 1989 in der führenden britischen Wissenschaftszeitung „Nature“ bedeuten könnte, daß Weiße täglich zweimal so viele Spermien produzieren als Ostasiaten. Und da Ostasiaten sich zumindest früher immer prächtig vermehrten, dürfte auch der Begattungserfolg von Europäern nicht allzu sehr schwinden, wenn ihre Spermienzahl sich halbiert.

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Gibt es Verbrechergesichter?

Von Lucifex; dies ist eine Artikelaufbereitung meines Kommentars vom 2. August 2018 zu F. Roger Devlins Essay „Beurteilung nach dem Erscheinungsbild“, die das Auffinden dieser Information und ihre Verlinkung erleichtern soll.

In GEO 4-2017 bin ich auf einen Kurzbeitrag gestoßen, den ich nachfolgend zitiere:

Gibt es Verbrechergesichter?

Schiefe Nase, krummes Kinn, zusammengewachsene Augenbrauen: Wem trauen wir – und wem weichen wir in dunklen Gassen lieber aus? Manche Menschen scheinen uns schon auf den ersten Blick zwielichtig oder gar kriminell zu sein.

Kein Wunder also, dass über alle Zeitalter hinweg Gelehrte die Ansicht vertraten, Charaktereigenschaften seien uns ins Gesicht geschrieben. Der Italiener Cesare Lombroso entwickelte im 19. Jahrhundert eine neue Schule der Kriminologie und meinte, Verbrecher an Äußerlichkeiten identifizieren zu können. Ein Ansatz, der später in die Rassenlehre des Nationalsozialismus einfloss.

Bis zur heutigen Zeit ist das Thema in der Forschung aktuell. 2011 belegte eine Studie an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, dass Menschen überraschend gut Verbrecher an ihrem Konterfei erkennen können.

2016 trainierten Wissenschaftler von der Shanghai Jiao Tong University einen Computer, ein sogenanntes neuronales Netzwerk, mit 1856 Fotoporträts, die eine Hälfte von Verbrechern, die andere von Gesetzestreuen. Am Ende konnte der Computer die Straftäter mit einer Genauigkeit von fast 90 Prozent herauspicken.

Die Forscher präsentierten auch gleich den Unterschied zwischen bravem Bürger und Kriminellem: Verbrechergesichter fallen mehr aus dem Rahmen des allgemeinen Durchschnittsgesichts.

Wohin aber führen uns solche Ergebnisse? Wird bald neben dem Ausweisfoto die Tendenz zum Gesetzesbruch vermerkt? Werden mögliche Diebe oder Mörder schon vor ihrer Tat durch Gesichtserkennungssoftware aus der Masse gefischt und weggesperrt?

Wohl kaum. Ein Verfahren, das Menschen nach biometrischen Daten einordnet, mag in einer eng eingegrenzten Versuchsanordnung funktionieren, es fehlt aber der Alltagstest. Schon Schatten auf dem Gesicht oder Änderungen der Mimik können die Sortierung verdrehen.

Zudem würde das Programm aus Shanghai selbst bei perfekten Bedingungen jeden Zehnten zu Unrecht in Sicherheitsverwahrung stecken. Und den anderen neun absprechen, sich mit ihrem Willen gegen eine biologisch-genetische Prädeterminierung erheben zu können.

Menschen nach scheinbar allgemeingültigen Regeln in bestimmte Gruppen einzuteilen, schafft offenbar auch bei neuronalen Netzwerken Vorurteile.

Das sind Befangenheiten, die wir selbst aus dem Alltag kennen, etwa wenn Personen mit südländischem Aussehen öfter kontrolliert werden. So etwas zersetzt ein Miteinander viel eher, als es echte Sicherheit schafft. Aussagen anhand von Gesichtssymmetrie mögen für Personengruppen Relevanz zeigen. Angewendet auf Individuen können sie nur zu Ungerechtigkeiten führen.

In diesem Sinne sollte uns das Ergebnis der Studie aus Schanghai nicht zum Handeln, sondern höchstens zum Hinterfragen anregen: Wenn neuronale Netzwerke eine Art Menschenkenntnis erlernen können, welche anderen intuitiven Fähigkeiten entwickeln sie noch?

Und sollten wir auf der anderen Seite nicht stetig unsere eigenen Vorurteile im Auge behalten? Denn immerhin können wir, im Gegensatz zu Computern, entscheiden, wie wir uns von einem ersten Eindruck beeinflussen lassen.

Die Bedenkenwälzerei des Autors Tobias Hamelmann in der zweiten Hälfte samt den Mahnungen gegen Vorurteile und für Einzelfallgerechtigkeit war zu erwarten. Aber abgesehen davon, daß neuronale Netzwerke mit weiter verbesserter Software und umfangreicherem Training anhand vieler weiterer Beispielsbilder sicher eine noch größere Unterscheidungssicherheit auch bei unterschiedlichen Beleuchtungsrichtungen und Gesichtsausdrücken erlangen könnten, geht es auch gar nicht darum, Menschen irgendwann aufgrund solcher Computerprogramme von vornherein als schuldig einzustufen und sicherheitshalber wegzusperren.

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Genetik und Erziehungseinfluß: „Tausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt“

Ein Interview von Vivian Pasquet mit dem amerikanischen Verhaltensforscher und Verhaltensgenetiker Robert Plomin, aus GEO 07-2019.

Schon bei der Geburt sind Charakter und Begabung vorherbestimmt, sagt der Verhaltensforscher Robert Plomin. Schwer zu glauben? Ein Gespräch über vergebliche Erziehung und die Chancen moderner Genforschung.

GEO: Ich war schon immer handwerklich unbegabt, aber ganz gut in der Schule. Ich bin empathisch und hilfsbereit, aber nicht besonders mutig und viel zu aufbrausend. Wenn ich Ihrer Forschung glaube, hat die Erziehung meiner Eltern zu all dem nichts beigetragen. Stattdessen seien vor allem meine Gene schuld. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?

ROBERT PLOMIN: Der Einfluss der Gene wurde jahrzehntelang massiv unterschätzt. Dabei konnten wir schon in den 1970er und 1980er Jahren zeigen, dass Adoptivkinder nicht ihren Adoptiveltern ähneln. Stattdessen gleichen sie den leiblichen Eltern – nicht nur äußerlich, auch in Intelligenz und Charaktereigenschaften, obwohl sie ihnen niemals im Leben begegnet sind. Dazu kommen etliche Studien mit eineiigen Zwillingen, genetischen Klonen. Es gibt Fälle, bei denen diese Zwillinge in getrennten Familien aufwuchsen, aber trotzdem gleiche Charaktereigenschaften aufweisen. Ob wir mutig sind oder nicht, musikalisch oder witzig, empathisch, introvertiert: Wir wissen heute, dass mindestens 50 Prozent jeder Eigenschaft schon bei der Geburt in unseren Genen liegt.

Ich nehme mich aber auch als Ergebnis der Erziehung und Fürsorge meiner Eltern wahr.

Da muss ich sie enttäuschen. Ihre Eltern gaben Ihnen als Kind vielleicht Möglichkeiten. Ob Sie diese Möglichkeiten ergriffen haben und wer Sie heute sind, bestimmen aber vor allem die Gene. Erziehung macht Sie im Kern nicht zu dem Menschen, der Sie sind.

Aber es kommt doch auch auf meine Umwelt an, darauf, wem ich im Leben begegnete und welche Chancen ich bekomme.

Stopp, jetzt vermischen Sie etwas. Im Prinzip ist Umwelt alles, was nicht durch Gene erklärbar ist. Schicksalsschläge, Begegnungen oder Möglichkeiten, die Sie im Leben bekommen. Das Wichtigste bei diesen Faktoren ist, dass allein der Zufall entscheidet, ob sie stattfinden und was das für Folgen für Ihr Leben hat. Eltern sind natürlich auch Umwelt, aber das Wort „Erziehung“ bedeutet, dass man diesen Teil der Umwelt gezielt steuern kann. Erziehungsratgeber gaukeln Eltern vor: Wenn man sich so und so verhält, dann hat das diese und jene Folgen für das Kind. Viele Eltern glauben das. Bis sie das zweite Kind bekommen und feststellen: Trotz gleicher Erziehung kommt ein vollkommen anderer Mensch heraus.

Aber dass ich kein Hooligan bin, obwohl ich einen aufbrausenden Charakter habe, hat doch etwas mit meiner Erziehung zu tun, oder?

Natürlich wurden Ihnen Verhaltensweisen beigebracht. Das änderte aber nicht Ihren Kern – weil Sie ein genetischer Hitzkopf sind. Sie sind es schon seit Ihrer Geburt. Ihre Eltern haben Ihnen keine Charaktereigenschaften anerzogen.

Warum ist diese Erkenntnis so wichtig?

Weil es Eltern zerstören kann, wenn sie glauben, für den Charakter oder sogar psychische Krankheiten ihres Kindes verantwortlich zu sein. Früher dachte man, Schizophrenie käme daher, dass die Mutter ihr Kind vernachlässigt hat. Weshalb bei gleicher Erziehung ein Geschwisterkind schizophren wurde und das andere nicht, fragte niemand. Grauenhaft, was das für die betroffenen Mütter bedeutete. Heute weiß man, dass Schizophrenie erblich ist. Abertausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt.

Oder heute glauben viele Menschen, Eltern wären dafür verantwortlich, dass ihr Kind zu dick ist. Dabei ist der Body-Mass-Index zu etwa 70 Prozent erblich. Das sieht man an adoptierten Kindern. Obwohl sie im gleichen Umfeld wie ihre Adoptivgeschwister aufwachsen, nähern sie sich meist dem Gewicht der leiblichen Eltern an: nicht nur wegen ihres Stoffwechsels, sondern auch wegen ihres Charakters: Sie essen mehr.

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Spätfolgen des Kosovo-Krieges: Wie gefährlich ist Uran-Munition?

US-Erdkampfflugzeug Fairchild A-10 Thunderbolt II feuert seine 30-mm-Maschinenkanone GAU-8 ab (Bild nicht aus dem DMZ-Artikel).

Von Dieter Stockfisch, aus der „Deutschen Militärzeitschrift“ Nr. 25 April-Juni 2001 (inkl. Bildern im Text; Links im Text von mir eingefügt).

„Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“ (Sophokles)

„Die Bundeswehr hat keinen Hinweis darauf, daß deutsche Soldaten bei ihrem Einsatz im Kosovo Erkrankungen durch Reste von Uran-Munition erlitten haben. Bei Untersuchungen von Soldaten sind bislang keine Erkrankungen festgestellt worden, die auf Kontakte mit uranbelasteter Munition zurückzuführen seien“, meldete das Bundesministerium der Verteidigung in einer Presseerklärung am 4. Januar 2001. Hintergrund dieser Pressemitteilung ist die Frage, ob radioaktive Uran-Munition, die über Bosnien 1994/95 und insbesondere im Kosovo-Krieg massenweise eingesetzt worden ist, Krebserkrankungen verursacht haben könnte.

Die NATO hatte im April 1999 den Einsatz schwach radioaktiver Uran-Munition bei ca. 100 Angriffen mit amerikanischen A-10-Kampfbombern eingeräumt. Dabei haben die Flugzeuge ca. 31.000 Geschosse mit insgesamt acht Tonnen Uran abgefeuert. Nach den Todes- und schweren Leukämiefällen unter NATO-Soldaten in zwölf Ländern, die alle auf dem Balkan eingesetzt waren, fordert vor allem Italien Aufklärung von der NATO. Der Generalsekretär der Allianz, George Robertson, versprach Italien eine Karte mit Zielen zusammenzustellen, die mit Uran-Waffen angegriffen worden sind. Auch in Großbritannien, Spanien, Portugal, Finnland und der Türkei werden auf dem Balkan eingesetzte Soldaten auf Strahlenschäden untersucht. In Deutschland haben inzwischen Politiker, Militärs und Verbände ein Verbot uranhaltiger Munition gefordert.

Großbritannien und Frankreich haben erklärt, daß nur die USA im Kosovo-Krieg Uran-Munition eingesetzt hätten. Die USA stellen bislang jeden ursächlichen Zusammenhang von Leukämie und Uran-Munition in Abrede, denn ein solcher Zusammenhang sei wissenschaftlich nicht erwiesen. Auch die Weltgesundheitsorganisation glaubt nicht, daß Soldaten und Zivilisten durch den Kontakt mit Uran-Munition einem erhöhten Leukämie-Risiko ausgesetzt sind. Nach Modellrechnungen von Strahlenexperten liegt die radioaktive Belastung unter den Grenzwerten für Arbeiter, die mit Uran in Kontakt kommen.

Größenvergleich einer GAU-8-Kanone mit einem VW-Käfer.

Uran-Munition wurde auch im Golfkrieg 1991 eingesetzt

Bereits im Golfkrieg 1991 haben amerikanische Streitkräfte bei der Operation „Desert Storm“ Uran-Munition gegen gepanzerte irakische Ziele verwendet. Damals wurden ca. 785.000 Projektile, Kaliber 30 mm, aus den Bordkanonen der A-10-Kampfbomber verschossen. Das sind mehr als 250 Tonnen Uran. Noch heute leiden Tausende Soldaten unter dem sogenannten Golfkrieg-Syndrom, das Fachleute u. a. auch auf die dort eingesetzten Waffen und Giftgase zurückführen. Auffallend sind die hohen Raten an Mißbildungen bei Babys und an Krebs bei Zivilisten und Soldaten, die sich 1991 im Kampfgebiet in der Nähe der Schlachtfelder und in Basra aufgehalten haben. Auf den alten Schlachtfeldern in der Wüste liegen unzählige Wracks von T-55- und T-72-Panzern sowjetischer Herkunft, die alle etwa sieben Zentimeter große Einschußlöcher von Uranprojektilen aufweisen. Ein ähnliches Bild gibt es am Seitenarm des Saddam-Flusses. Nach dem Golfkrieg wurden US-Soldaten dazu angehalten, Atemmasken zu tragen, wenn sie in der Nähe irakischer Panzer arbeiten mußten, die mit Uran-Munition zerstört worden waren.

GAU-8-Kanone im A-10-Kampfbomber.

Die im Golf- und im Kosovo-Krieg eingesetzten Projektile enthielten jeweils ca. 272 Gramm sogenanntes abgereichertes Uran-238 (depleted uranium, DU) – ein Abfallprodukt aus der Urananreicherung von Brennelementen für Kernkraftwerke. Das in der Natur vorkommende Uran enthält 0,7 Prozent Uran-235, das zur Kernspaltung verwendet wird. Dieses Uran-235 wird im Anreicherungsprozeß dem natürlichen Uran entzogen. Als Abfallprodukt bleibt das abgereicherte Uran-238 übrig, das weniger strahlt als das natürliche Uran. Es enthält aber noch ca. 0,25 Prozent Uran-235.

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