Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel

Von George R. R. Martin. Original: „With Morning Comes Mistfall“, veröffentlicht 1973. Die deutsche Übersetzung von Martin Eisele erschien im GRRM-Sammelband „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ (Moewig-Verlag 1982, ISBN 3-8118-3567-X).

*   *   *

Ich kam zeitig zum Frühstück an jenem Morgen, dem ersten Tag nach der Landung. Aber Sanders war schon auf dem Speisebalkon draußen, als ich dort ankam. Er stand allein am Rand und schaute über die Berge in den Nebel hinaus.

Ich schlenderte von hinten heran und murmelte: „Hallo“. Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten. „Es ist schön, nicht wahr?“ sagte er, ohne sich umzudrehen. Und das war es.

Nur ein paar Fuß unterhalb des Balkons wallten die Nebel, ließen geisterhafte Brecher gegen die Mauern von Sanders Schloß krachen. Eine dichte weiße Decke erstreckte sich von Horizont zu Horizont, verhüllte alles. Wir konnten im Norden den Gipfel des Roten Geistes sehen; ein gezackter Dolch aus scharlachrotem Fels, der in den Himmel stach. Aber das war alles. Die anderen Berge waren noch unter Nebelhöhe.

Aber wir waren über den Nebeln. Sanders hatte sein Hotel auf dem höchsten Berg der Kette gebaut. Wir trieben allein in einem wirbelnden weißen Ozean, auf einem fliegenden Schloß inmitten eines Wolkenmeeres.

Wolkenschloß, wirklich. So hatte Sanders diesen Ort genannt. Es war leicht zu verstehen, weshalb.

„Ist es immer so?“ fragte ich Sanders, nachdem ich das alles eine Zeitlang in mich hineingetrunken hatte.

„Jedesmal, wenn der Nebel fällt“, erwiderte er, wobei er sich mir mit einem wehmütigen Lächeln zuwandte. Er war ein dicker Mann mit einem jovialen roten Gesicht. Nicht die Sorte, die wehmütig zu lächeln pflegt. Aber er tat es.

Er deutete nach Osten, wo Geisterwelts Sonne über die Nebel emporstieg und den Morgendämmerungshimmel zu einem karmesinroten und orangenen Schauspiel machte.

„Die Sonne“, sagte er. „Wenn sie aufgeht, treibt die Hitze die Nebel in die Täler zurück, zwingt sie, die Berge freizugeben, die sie während der Nacht erobert haben. Die Nebel sinken, und einer nach dem anderen kommen die Gipfel in Sicht. Bis zum Mittag ist die ganze Kette Meilen und Meilen weit sichtbar. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Erde oder sonstwo.“

Er lächelte wieder und führte mich an einen der auf dem Balkon verstreut stehenden Tische hinüber. „Und dann, bei Sonnenuntergang, ist alles umgekehrt. Sie müssen heute abend den Nebelaufgang beobachten“, sagte er.

Wir setzten uns, und als die Stühle unsere Anwesenheit registrierten, kam ein schnittiger Robokellner herausgerollt, um uns zu bedienen. Sanders ignorierte ihn. „Es ist ein Krieg, wissen Sie“, fuhr er fort. „Ewiger Krieg zwischen der Sonne und den Nebeln. Und die Nebel sind dabei im Vorteil. Sie haben die Täler und die Ebenen und die Meeresküsten. Die Sonne hat nur ein paar Bergspitzen. Und die nur bei Tag.“

Er wandte sich an den Robokellner und bestellte Kaffee für uns beide, um uns beschäftigt zu halten, bis die anderen ankamen. Natürlich würde er frisch aufgebrüht sein. Sanders tolerierte keine Sofortlöslichen auf seinem Planeten.

„Es gefällt Ihnen hier“, sagte ich, während wir auf den Kaffee warteten.

Sanders lachte. „Warum sollte es mir nicht gefallen? Wolkenschloß hat alles. Gutes Essen, Unterhaltung, Glücksspiele und all die anderen Annehmlichkeiten von zu Hause. Plus diesen Planeten. Ich habe das Beste von beiden Welten, oder?“

„Das nehme ich an. Aber die meisten Leute denken nicht in derartigen Begriffen. Niemand kommt des Spielens oder des Essens wegen nach Geisterwelt.“

Sanders nickte. „Aber wir bekommen ein paar Jäger. Scharf auf Felskatzen und Prärieteufel. Und ab und zu kommt jemand, um sich die Ruinen anzusehen.“

„Mag sein“, sagte ich. „Aber die sind die Ausnahmen. Nicht die Regel. Die meisten Ihrer Gäste sind aus einem ganz bestimmten Grund hier.“

„Sicher“, gab er grinsend zu. „Die Geister.“

„Die Geister“, echote ich. „Sie haben Schönheit hier, und man kann jagen und fischen und bergsteigen. Aber nichts davon bringt die Touristen hierher. Es sind die Geister, deretwegen sie kommen.“

Dann kam der Kaffee, zwei große, dampfende Tassen, begleitet von einem Krug mit dicker Sahne. Er war sehr stark und sehr heiß und sehr gut. Nach Wochen mit Raumschiffssynthetik war es ein Erwachen.

Sanders schlürfte mit Vorsicht an seinem Kaffee, wobei seine Augen mich über die Tasse hinweg musterten. Er stellte sie nachdenklich ab. „Und der Geister wegen sind auch Sie gekommen“, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Natürlich. Meine Leser sind nicht an Landschaften interessiert, egal wie großartig sie sind. Dubowski und seine Männer sind hier, um die Geister zu finden, und ich bin hier, um über die Sache zu schreiben.“

Sanders wollte gerade antworten, bekam aber keine Gelegenheit dazu. Eine scharfe, präzise Stimme fiel plötzlich ein. „Wenn es hier überhaupt Geister zu finden gibt“, sagte die Stimme.

Wir drehten uns zum Balkoneingang um. Dr. Charles Dubowski, Kopf des Geisterwelt-Forschungsteams, stand in der Tür und blinzelte ins Licht. Er hatte es geschafft, das Geschnatter von Forschungsassistenten abzuschütteln, die für gewöhnlich überall hinter ihm her kamen.

Dubowski hielt eine Sekunde inne, kam dann an unseren Tisch herüber, zog einen Stuhl vor und setzte sich. Der Robokellner kam wieder herausgerollt.

Sanders faßte den Wissenschaftler mit unverhohlener Abneigung ins Auge. „Was bringt Sie auf den Gedanken, die Geister gäbe es nicht, Doktor?“ fragte er.

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Die Männer der Station Greywater

Von George R. R. Martin (in dieser Form von mir als Deep Roots ursprünglich auf „As der Schwerter“ veröffentlicht). Das Original „Men of Greywater Station“ wurde 1976 veröffentlicht; deutsche Übersetzung von Tony Westermayr (1979). Diese Geschichte spielt vor demselben fiktiven Hintergrund wie George R. R. Martins SF-Roman „Die Flamme erlischt“ („Dying of the Light“) und andere seiner Kurzgeschichten, ist aber zeitlich um viele Jahrhunderte früher angesiedelt und spielt zu einer Zeit, in der das Terranische Bundesimperium noch nicht in den Doppelkrieg gegen die Fyndii und die Hranganer verstrickt ist, sondern vorerst nur gegen die Fyndii kämpft.

Die Männer von Greywater Station sahen die Sternschnuppe herabfallen und erkannten sie als Omen.

Sie beobachteten sie stumm von der Laserkuppel auf dem Zentralturm aus. Der Streifen wurde im nordöstlichen Himmel leuchtend hell, zerteilte die Nacht durch den dünnen Dunst des Sporenstaubes. Er ging durch den Zenit, sank, fiel unter den westlichen Horizont.

Sheridan, der Zoologe mit dem runden Kopf, begann als erster zu sprechen.

„Das waren sie“, sagte er unnötigerweise.

Delvecchio schüttelte den Kopf. „Das sind sie“, sagte er und wandte sich den anderen zu. Es waren nur fünf von den sieben, die geblieben waren. Sanderpay und Miterz befanden sich noch draußen und nahmen Proben.

„Sie werden es schaffen“, sagte Delvecchio entschieden. „Hat zu lange gedauert, durch den Himmel zu gehen, als daß es wie ein Meteor verglüht wäre. Ich hoffe, wir können mit Radar eine Triangulation vornehmen. Sie sind langsam genug heruntergekommen, sodaß sie den Absturz vielleicht überstehen.“

Reyn, der Jüngste von Greywater, blickte von der Radarkonsole auf und nickte. „Ich habe sie schon. Ist aber ein Wunder, daß sie genug abgebremst haben, bevor sie auf die Atmosphäre geprallt sind. Von dem bißchen, was durch die Störungen dringt, läßt sich erkennen, daß sie da draußen ganz arg erwischt worden sind.“

„Wenn sie am Leben bleiben, sind wir in einer schwierigen Lage“, sagte Delvecchio. „Ich weiß nicht recht, wie es weitergeht.“

„Aber ich“, sagte Sheridan. „Wir bereiten uns auf den Kampf vor. Wenn jemand die Landung überlebt, müssen wir uns bereitmachen, es mit ihnen aufzunehmen. Sie werden von Schwämmen überwuchert sein, bis sie hier sind. Und ihr wißt, daß sie kommen. Wir werden sie töten müssen.“

Delvecchio betrachtete Sheridan mit erneuertem Widerwillen. Der Zoologe brachte seine Vorstellungen immer sehr deutlich zur Sprache. Das erleichterte Delvecchios Aufgabe nicht, der dann die Streitigkeiten schlichten mußte, zu denen Sheridans Ideen gewöhnlich führten.

„Sonst noch Vorschläge?“ fragte er und sah die anderen an.

Reyn wirkte hoffnungsvoll. „Wir könnten versuchen, sie zu retten, bevor die Schwämme sie überwältigen.“ Er wies auf das Fenster und die sumpfige, schlammverklumpte Landschaft dahinter. „Wir könnten sie vielleicht mit einem der Flugzeuge erreichen, sie der Reihe nach zur Station zurückbringen, in die Isolierstation schaffen…“ Dann verstummte er und fuhr mit der Hand nervös durch sein dichtes, schwarzes Haar. „Nein. Sie wären zu viele. Wir müßten so viele Flüge machen. Und die Sumpf-Fledermäuse… ich weiß nicht.“

„Der Impfstoff“, sagte Granowicz, der drahtige AI-Psychologe. Bringt ihnen mit einem Flugzeug den Impfstoff. Dann schaffen sie es vielleicht zu Fuß.“

„Der Impfstoff wirkt nicht richtig“, sagte Sheridan. „Die Leute entwickeln eine Immunität dagegen, die Schutzwirkung flaut ab. Außerdem – wer bringt ihn hin? Sie erinnern sich an den letzten Versuch mit einem Flugzeug? Die verdammten Sumpf-Fledermäuse haben es demoliert. Wir haben Blatt und Ryerson verloren. Die Schwämme hindern uns nun schon bald acht Monate daran, daß wir fliegen. Wie kommen Sie nur darauf, sie würden uns plötzlich freie Bahn lassen, in den Sonnenuntergang hineinzufliegen?“

„Wir müssen es versuchen“, sagte Reyn hitzig. An seinem Tonfall konnte Delvecchio erkennen, daß es einen heftigen Streit geben würde. Sheridan brauchte in einem solchen Fall nur auf der einen Seite zu stehen, und Reyn war prompt auf der anderen.

„Das sind Menschen dort draußen, wohlgemerkt“, fuhr Reyn fort. „Ich glaube, Ike hat recht – wir können ihnen Impfstoff bringen. Zumindest besteht eine Chance. Wir können mit den Sumpf-Fledermäusen den Kampf aufnehmen. Aber die armen Schweine da draußen haben gegen den Schwamm keine Chance.“

„Sie haben keine, egal was wir tun“, sagte Sheridan. „Wir sollten lieber an uns selbst denken. Sie sind erledigt. Inzwischen wissen die Schwämme, daß sie hier sind. Wahrscheinlich überfallen sie sie schon. Wenn überhaupt jemand am Leben geblieben ist.“

„Das scheint das Problem zu sein“, warf Delvecchio hastig ein, bevor Reyn etwas erwidern konnte. „Wir müssen davon ausgehen, daß der Schwamm sich keine Gelegenheit entgehen lassen wird, sie in seine Gewalt zu bringen. Und dann rücken sie gegen uns vor.“

„Richtig“, sagte Sheridan und schüttelte lebhaft den Kopf. „Und vergeßt nicht, das sind keine gewöhnlichen Leute, mit denen wir es zu tun haben. Das war ein Truppentransporter. Die Überlebenden werden bis an die Zähne bewaffnet sein. Was haben wir außer dem Kuppellaser? Jagdgewehre und Betäubungswaffen. Und Messer. Gegen Kreischer und 75er Mikemikes und weiß der Himmel was noch alles. Wir sind erledigt, wenn wir uns nicht vorbereiten. Erledigt.“

„Also, Jim?“ sagte Granowicz. „Was meinen Sie? Hat er recht? Wie schätzen Sie unsere Chancen ein?“

Delvecchio seufzte. Es war nicht immer angenehm, das Kommando zu führen.

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