Star Dreck 11: The 100

Von Dunkler Phönix (ursprünglich veröffentlicht am 11. Februar 2016 auf „As der Scherter“ unter dem Titel „Star Dreck 12: The 100“, wobei ich [Lucifex] nicht weiß, was dann SD 11 gewesen wäre, und da ich die Nr. 12 schon für den erst nach dem Ende von AdS geschriebenen Abschlußartikel Star Dreck XII: Babylon 5 vergeben habe, bringe ich den Artikel hier als Nr. 11)

Ich weiß gar nicht, ob es sich lohnt, einen Artikel über diese Serie zu schreiben, aber da ich mir jetzt schon einmal zwei Staffeln angesehen habe…

Die Geschichte ist schnell erzählt: Nach einem Atomkrieg leben die letzten Menschen im Orbit auf der „Ark“, einem Zusammenschluss von zwölf Raumstationen verschiedener Länder. Fast 100 Jahre ist der Krieg vorbei und die Luft wird knapp. Also werden einhundert jugendliche Delinquenten mit einem Shuttle zur Erde geschickt, um dort entweder zu krepieren und so dem Rest ein wenig Sauerstoff zu sparen oder deren Ankunft vorzubereiten.

Was wie ein Aufguss von „Herr der Fliegen“ anfängt, inklusive Lynchmob und „wir machen, was wir wollen“ Chören, entwickelt sich nach einigen Folgen zu einem spannenden Drama um Krieg, Strategie, Freundschaft und Verrat. Die Einhundert merken schnell, dass sie gar nicht allein auf der Erde sind, es haben Menschen überlebt, die meisten von ihnen leben in einer primitiven Kriegergesellschaft.

Auch die eher gekünstelten Dialoge und Übergänge der ersten Folgen werden im Verlauf der Serie geglättet, die fortlaufende Handlung wird vorhersehbar zwischen den Folgen mit „Cliffhangern“ unterbrochen, so dass man weiterschauen möchte.

Die Kämpfe sind angenehm brutal, die Charaktere müssen schwere Entscheidungen über Leben und Tod fällen und versuchen, sich einen moralischen Kodex zu erhalten, während sie ums nackte Überleben kämpfen.

Auch dass die verschiedenen Fraktionen alle gemischtrassig sind, fällt nicht weiter auf, die Charaktere reden sehr häufig von ihrem „Volk“, sowohl die Überlebenden der Ark, als auch die verschiedenen Clans auf der Erde begreifen sich als völkische Einheit, eine der Heldinnen, die etwas mit einem Erdgebundenen anfängt, wird dafür von ihren Leuten verspottet und ausgegrenzt. Bündnisse zwischen den verschiedenen Völkern sind instabil und anfällig für Verrat.

Alles in allem könnte man also sagen, dass eine sehr gute Idee passabel umgesetzt worden wäre, wäre da nicht ein klitzekleiner Punkt, der einem das gesamte Schauen der Serie total vermiest:

Von Anfang bis Ende ist die Serie so angefüllt mit feministischer Propaganda, dass es wirklich wehtut.

Die Heldin Clarke ist eine blonde Heulsuse, die mir mit jeder Folge unsympathischer wird, an ihrer Seite steht das Powergirl Octavia, die, obwohl sie auf der Ark ihr Quartier nie verlassen hat, weil sie gar nicht hätte geboren werden dürfen, zu einer Kriegerin wird, welche es mit den Soldaten der Erdgebundenen aufnehmen kann. Osimandia, die nur die ersten Folgen angesehen hat, gestand mir, dass sie das Schauen der Serie abbrechen musste, als sie merkte, dass sie auf der Seite der Riesenseeschlange war, die Octavia beim Baden angriff.

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Star Dreck 10: Terminator

Von Dunkler Phönix (ursprünglich veröffentlicht am 6. September 2015 auf „As der Schwerter“; hier nur mit dem ersten Bild nachveröffentlicht, da die anderen in der mir zur Verfügung stehenden Quelle nicht erhältlich waren, plus zwei von mir eingefügten Bildern von Lena Headey als Sarah Connor)

Star Dreck 10: Terminator – eine Abrechnung

Explikation:

Ich bin seit Jahren ein großer Fan des „Terminator“-Stoffes. James Cameron hat diesen Stoff von dem jüdischen Autoren Harlan Ellison übernommen, aber mehr oder weniger „sein eigenes Ding“ daraus gemacht. Nach Klagen von Ellison wird dieser im Abspann des ersten Teiles erwähnt. Auf jeden Fall ist das „Terminator“-Universum es wert, als 10. Teil unserer „Star Dreck“ Reihe sozusagen ein Jubiläum zu zelebrieren.

Es gibt mittlerweile fünf „Terminator“-Filme, das Original T1 (1984) mit Arnie als dem „Bösen“, T2 „Judgement day“ (1991) mit Arnie als umprogrammiertem Roboter, der auf der Seite der Menschen kämpft, T3 (2003) mit Kristanna Loken als „Terminatrix“ und Arnie in der gleichen Rolle wie in T2, T4 „Salvation“ (2007) mit Christian Bale und T5 „Genesys“ (2015) wieder mit Arnie und Daenerys Targeryen, äh, ich meine Emilia Clarke.

Zusätzlich gibt es die Serie „Terminator – the Sarah Connor Chronicles“ (2008-09) mit Cersei, respektive Lena Headey und Summer Glau aka „River“ von Firefly.

Lena Headey als Sarah Connor

Auch dieser Artikel ist düster und voller Spoiler, wer die erwähnten Filme und Serien noch nicht gesehen hat und sie sich nicht verderben lassen möchte, der sei gewarnt (bei dem neuesten Film T5 habe ich allerdings versucht nicht allzuviel zu spoilern).

Die Serie gab den Anlass dazu, diesen Artikel zu schreiben, deshalb beginne ich mit ihr – und mit meiner Hauptthese.

Hauptthese:

Zwar werde ich sowohl auf die allfällige Rassenpropaganda eingehen, die in Filmen wie Serien nicht ausbleibt, als auch über Zeitreiseparadoxa und verschiedene andere Aspekte des Stoffes schreiben, aber hauptsächlich geht es bei Terminator – so wage ich zu behaupten – darum, uns Angst vor der Technik zu machen.

Nun erscheint diese These einerseits trivial, weil es so viele Filme gibt, die dieses Thema aufgenommen haben (allen voran die Matrix-Trilogie) und andererseits auch irgendwie falsch, weil die JWO ja anscheinend nichts lieber möchte, als dass wir Sklaven der Technik werden. Uns dagegen zu wehren wäre, so scheint es, so wie der Kampf von John Connor und seiner Mutter Sarah gegen das KI- Programm „Skynet“, das im „Terminator“ Universum in naher Zukunft die Menschheit per Atomkrieg mehr als halbieren und den Rest versklaven wird.

Die Filme und Serien tun alles dafür, dass wir uns mit den Connors und ihrem Kampf gegen die künstlichen Lebensformen, welche die Menschheit auslöschen wollen, identifizieren, und ihr Kampf ist ein verzweifelter, aussichtsloser, so wie der unsere. Die Allmachtsgelüste von Skynet erinnern an die Allmachtsphantasien unserer „Freunde“ und die Massentötungen in Gulags, die in der düsteren Zukunft Alltag sind, scheinen mir ebenfalls eine fixe Idee genau dieses Personenkreises zu sein.

Für Nichtkenner des Stoffes verspreche ich, dass ich alles sagen werde, was man zum Verständnis braucht und alle unwichtigen Details verschweigen werde. Und zumindest der Abschnitt über Zeitparadoxa ist auch unabhängig von „Terminator“ interessant.

Zwar habe ich schon immer geargwöhnt, dass auch hinter „Terminator“ keine gute Absicht, sondern böswillige Vernichtungspropaganda steckt, aber erst das Anschauen der ersten Folgen der Serie „SCC“ hat mir das wirklich klar und bewusst gemacht – vielleicht, weil die Filme in dieser Hinsicht subtiler sind, vielleicht weil die Intentionen der verschiedenen Produzenten nicht die gleichen waren.

Es gibt drei Aspekte der durch „Terminator“ induzierten Technikphobie:

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Feuerfall (4): Nesträuber

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 4 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm, (2) Babylon 6 und (3) Puffy & Jack.

Kapitel 4:  N E S T R Ä U B E R

Neunundzwanzig Tage nach unserer Rückkehr zur Erde waren wir wieder dreißig Lichtjahre von zu Hause entfernt und flogen langsamer werdend im Sublichtwarp auf Kyeraks Sonne Gamma Pavonis zu. Wir waren weit genug draußen aus unserer Überlicht-Warpblase aufgetaucht, daß die Hitze, die wir nach dieser energieintensiven Betriebsart noch abstrahlten, nicht von den Sensoren ziviler Raumschiffe wie der Jeannie geortet werden konnte, falls diese sich gerade im Orbitalraum von Kyerak befand. Bei der Shomhainar-Raumflugkontrolle hatten wir uns jedoch angemeldet, um keinen behördlichen Argwohn wegen unseres heimlichen Anflugs zu erwecken.

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Feuerfall (3): Puffy & Jack

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias LucifexDies ist Kapitel 3 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm und (2) Babylon 6.

Kapitel 3:  P U F F Y   &   J A C K

Sieben Tage später entschwand die Supererde von Epsilon Indi hinter uns, nachdem wir durch das Wurmloch gekommen und systemauswärts geflogen waren, statt die nächste Wurmlochetappe nach Proxima zu nehmen. Im Tiefflug rasten wir am äußersten Mond vorbei und beschleunigten weiter, um auf Warpstartdistanz zum Planeten zu kommen.

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Feuerfall (2): Babylon 6

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 2 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm

Kapitel 2:   B A B Y L O N   6

Achtzehn Tage später saßen wir in einem der langen Beiboote und flogen über eine Monsunwolkendecke ostwärts über das Südchinesische Meer hinaus, auf die aufgehende Mondsichel zu. Irgendwo links unter uns lag das Mekongdelta. Beschleunigung und Steigrate waren mäßig, denn wir hatten reichlich Zeitreserve bis zum Rendezvous im Orbit.

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Feuerfall (1): Reiter auf dem Sturm

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 1 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

1)  REITER  AUF  DEM  STURM

Als ich an einem späten Sommernachmittag von einem Ausflug in die Wachau heimwärts fuhr, entschloß ich mich, ab Bad Vöslau einen Umweg über Nebenstraßen zu nehmen, um wieder einmal bisher unbefahrene Gegenden meines Heimatlandes mit eigenen Augen zu sehen. Von Westen zog eine Gewitterfront auf, und es entstand eine eigenartige Wetterstimmung mit dunklen Wolken unter einem gelben Himmel.

Während ich so durch unbesiedeltes Freiland fuhr, beiderseits der Straße nur Felder bis zu den bewaldeten Hügeln jenseits davon, sah ich rechts voraus, nach Westen zu, ein seltsames, hohes Gebilde vor diesem dramatischen Himmel stehen. Es erhob sich aus einem weiten Getreidefeld und sah aus wie ein dicker, dunkler, spitz zulaufender Turm. Beim Näherkommen erkannte ich, daß es nicht mit seinem gesamten Querschnitt Bodenkontakt hatte, sondern auf drei Fortsätzen stand, und ich hatte immer mehr den Eindruck, daß es wie ein Raumschiff aussah, massig, mit geschwungenen Formen. Es mußte sehr groß sein, vielleicht hundert Meter hoch. Ich verlangsamte die Fahrt und hielt nach einer Stelle Ausschau, wo ich das Auto möglichst nahe daran abstellen konnte.

Als ich eine gefunden hatte, hielt ich an und stieg aus. Unschlüssig starrte ich zu dem Ding – dem Raumschiff – hinüber. Es mußte ein Raumschiff sein, das hier gelandet war, so unwirklich mir diese Vorstellung auch erschien, denn daß jemand aus irgendeinem unerfindlichen Grund – als Jux oder PR-Aktion oder für einen Filmdreh – eine derart riesige Attrappe in diese Landschaft gestellt haben sollte, erschien ebenfalls sehr unplausibel. So viel ich sehen konnte, war auch nirgends zu erkennen, daß das Getreide beim Antransport und Zusammensetzen des Materials niedergetrampelt worden wäre. Andererseits war der Bereich unter dem Schiff auch nicht verbrannt, wie es bei einer Landung auf heißen Antriebsstrahlen zu erwarten gewesen wäre.

Nach kurzem Überlegen holte ich meine Digitalkamera aus dem Wagen und machte Standbilder und Videoaufnahmen von dem Schiff. Es hatte eine in Brauntönen marmorierte Oberfläche und sah fremdartig aus, irgendwie muskulös, organisch, wie die stilisierte Skulptur eines außerirdischen Tieres. Unter der gebogenen langen Landestütze, die wie ein erhobener Schwanz aus dem herauswuchs, was der Rumpfrücken zu sein schien, war eine große Düse zu sehen, und zur Bauchseite hin schien es eine oder zwei weitere zu geben. Der Übergangsbereich am Heck zu den beiden anderen, viel kürzeren Landebeinen sah besonders animalisch aus und ließ mich an das Hinterteil eines Schweins oder einer Kuh denken. Am breitesten war das Schiff in der Rumpfmitte, wo sich seitliche Wülste wölbten, aus denen mehrere stromlinienförmige Spitzen nach oben standen, alles in denselben Brauntönen. Ganz oben unter dem Bug war etwas, das wie eine Kanzelverglasung aussah. Abgesehen von einem kaum wahrnehmbaren summend-rauschenden Hintergrundgeräusch stand das Schiff still da.

Ich spähte nach allen Seiten, um sicherzugehen, daß mich niemand beobachtete oder gar filmte und mich womöglich mit einem „Ätsch, reingefallen!“ verspotten oder im Fernsehen bloßstellen würde, weil ich diese Erscheinung ernst nahm. Dann versperrte ich das Auto und ging durch das reife Getreide, über das bereits erste unruhige Luftstöße als Vorboten des nahenden Gewitters wehten, auf den Koloß zu. Dabei hielt ich mehrmals inne, um Fotos zu machen, und als ich schon näher dran war, nahm ich auch im Gehen ein Video auf, das durch die Bewegung einen besseren dreidimensionalen Eindruck vermitteln würde.

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Im freien Fall durch den Mars

Von Larry Niven (hier wiedergegeben auch als Heranführung an das Thema der Mikro-Black-Holes, das in meinem kommenden SF-Roman Feuerfall eine bedeutende Rolle spielen wird). Das Original „The Hole Man“ wurde erstmals 1973 veröffentlicht, und die deutsche Fassung „Im freien Fall durch den Mars“ (übersetzt von Tony Westermeyer) ist in  Jerry Pournelles Sammelband „Black Holes“ (1980) enthalten:

Von dieser Kurzgeschichte gibt es eine 10:30 min. lange englischsprachige Bild/Text-Videoadaptation von Leonardo Amézquita, der auch den Erzähltext spricht und das Video für den Unterricht über Schwarze Löcher und Zeitmaschinen an der Universidad nacional de Colombia produziert hat:

Naturgemäß kann das Video bei dieser Länge nur eine sehr vereinfachte, geraffte Wiedergabe der Geschichte im Stil eines „Graphic Novel“ sein, ist aber wegen der Bilder interessant.

Und hier ist die textliche Vollversion aus der deutschen Taschenbuchausgabe (Bild von mir eingefügt):

Eines Tages wird es den Mars nicht mehr geben. Andrew Lear sagt, es wird mit einem heftigen Beben beginnen und Stunden oder Tage später ganz plötzlich enden. Er muß es wissen. Das Ganze ist seine Schuld.

Lear meint auch, daß es Jahre bis Jahrhunderte dauern kann, bis es passiert. Deshalb bleiben wir, Lear und wir anderen. Wir studieren den Stützpunkt der fremden Wesen, so gut wir können, während der Kern der Welt, auf der wir stehen, langsam zerfressen wird. Das reicht durchaus, um einem Alpträume zu bescheren.

*     *     *

Es war Lear, der den Stützpunkt fand. Wir hatten den Mars erreicht, vierzehn Mann im engen, bauchigen Lebenssystem der „Percival Lowell“. Wir kreisten in einer Umlaufbahn, ließen uns Zeit, korrigierten unsere Karten und hielten Ausschau nach Dingen, die den Mariner-Sonden im Lauf von dreißig Jahren entgangen sein mochten.

Unter anderem registrierten wir Maskons. Diese Massekonzentrationen unter den Mondmaria waren fast mit Gewißheit durch ziemlich große Asteroiden entstanden, Felsberge, lautlos vom Himmel herabfallend, bis sie mit der Energie von Tausenden von Kernverschmelzungsbomben aufprallten. Der Mars fliegt seit vier Milliarden Jahren durch den Asteroidengürtel. Er würde größere und stärkere Maskons besitzen. Sie mußten unsere Umlaufbahn beeinflussen.

Andrew Lear arbeitete also angestrengt und beobachtete die Schreiber, während wir den Mars umkreisten. Neben dem Schiff rotierte eine Apparatur. In der dünnen Hülle befand sich ein belastetes Doppelhebelsystem, täuschend einfach: ein Masse-Detektor. Die Schreiber registrierten seine Zuckungen.

Über Sirbonis Palus begannen sie seltsame Kurven zu zeichnen.

Ein anderer hätte vielleicht geflucht und sich bemüht, das Ding zu reparieren. Andrew Lear dachte gründlich nach, dann übermittelte er das Signal, mit dem die Rotation des Apparats gestoppt wurde.

Er mußte rotieren, um eine stationäre Masse zu registrieren.

Aber jetzt zeigte er schlichte Sinuswellen an.

Lear hastete zu Kapitän Childrey.

Hastete? Es war eher Trapezartistik. Lear zog sich an Handgriffen entlang, stieß sich von Wänden ab, bremste mit ausgestreckten Händen oder Füßen. Im freien Fall voranzukommen ist mühsam, wenn man es eilig hat, und Lear war ein vierzigjähriger Astrophysiker, kein Athlet. Er keuchte nicht schlecht, als er die Steuerkugel erreichte.

Childrey – der ein Athlet war – wartete mit geduldigem, ein wenig verächtlichem Lächeln, während Lear nach Atem rang. Er hielt Lear ohnehin für einen Verrückten. Lears Worte bestätigten ihn in seiner Meinung nur.

„Schwerkraft für die Übertragung von Signalen? Doktor Lear, würden Sie vielleicht so freundlich sein und mich mit Ihren seltsamen Ideen verschonen? Ich habe zu tun, wie alle hier.“

Ganz ungerecht war das nicht. Lear konnte sich für die ausgefallensten Dinge begeistern. Schwerkraft-Generatoren. Schwarze Löcher. Er fand, wir sollten nach Dyson-Sphären suchen: Sterne, die völlig von einer künstlichen Hülle umgeben waren. Er glaubte, daß Masse und Trägheit zwei verschiedene Dinge seien, daß es möglich sei, die Trägheit aus einem Raumfahrzeug sozusagen abzusaugen, damit es in wenigen Minuten auf Beinahe-Lichtgeschwindigkeit beschleunigen kann. Er war ein großäugiger Träumer, und in der Aufregung neigte er dazu, vom Thema abzuschweifen.

„Sie verstehen mich nicht“, sagte er zu Childrey. „Schwerkraftstrahlung ist schwerer zu blockieren als elektromagnetische Wellen. Strukturierte Schwerkraftwellen wären leicht wahrzunehmen. Die fortgeschrittenen Zivilisationen in der Galaxis verständigen sich vielleicht alle mit Hilfe von Schwerkraft. Manche modulieren unter Umständen sogar Pulsare – rotierende Neutronensterne. Das war der Fehler vom Projekt Ozma: man suchte nur nach Signalen im elektromagnetischen Spektrum.“

Childrey lachte.

„Sicher, Ihre kleinen Freunde gebrauchen Neutronensterne, um Ihnen Botschaften zu senden. Was hat das mit uns zu tun?“

„Da, sehen Sie!“ Lear zeigte ihm den dünnen, fast gewichtslosen Papierstreifen, den er aus dem Schreiber gerissen hatte. „Das habe ich über Sirbonis Palus erhalten. Wir sollten dort landen.“

„Wir landen im Mare Cimmerium, wie Sie ganz genau wissen. Die Landefähre ist schon bereit. Doktor Lear, wir haben dieses Gebiet vier Tage lang vermessen. Es ist flach. Es liegt in einem grün-braunen Bereich. Wenn nächsten Monat der Frühling kommt, werden wir feststellen, ob es da Leben gibt. Und alle wollen es so, außer Ihnen!“

Lear hielt ihm den Streifen immer noch vor die Nase. „Bitte. Noch einen Umlauf über Sirbonis Palus.“

Childrey entschied sich für den zusätzlichen Umlauf. Vielleicht überzeugten ihn die Sinuswellen, vielleicht auch nicht. Er machte uns in Lears Namen gern Schwierigkeiten, um ihn als Narren zu entlarven.

Aber beim nächsten Überflug zeigte sich auf Sirbonis Palus eine winzige, kreisrunde Erscheinung. Und Lears Massedetektor erzeugte wieder Sinuswellen.

*     *     *

Die fremden Wesen waren fort. In den ersten Monaten unseres Aufenthalts rechneten wir jeden Moment mit ihrer Rückkehr. Die Maschinen im Stützpunkt liefen glatt und fehlerlos, so als seien die Eigentümer nur einmal kurz vor die Tür gegangen.

Der Stützpunkt war ein umgestülpter Kuchenteller, zwei Stockwerke hoch, ohne Fenster. Die Luft im Inneren konnte man atmen, wie die Luft auf der Erde in drei Meilen Höhe, aber mit mehr Sauerstoff. Die Luft auf dem Mars ist viel dünner und giftig. Sie stammten also eindeutig nicht vom Mars.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 1b)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1 und das Glossar

Kapitel 3) Schlangenaugen

Fünf Tage nach dem Start vom Mars erreichte die Ace of Swords das knapp zwanzig Lichtjahre entfernte Sonnensystem von Delta Pavonis und ging in den Sublichtwarp über. Durch die Eigentümlichkeiten des Überlicht-Warpfluges war es notwendig, dies bereits weit von den inneren Planeten entfernt und oberhalb der Ebene der Ekliptik zu tun, denn im Überlichtflug war es nicht möglich, aus der Warp-Blase hinauszusehen, und da unvorhersehbare geringe örtliche Variationen der Raumzeitstruktur entlang der Flugroute entsprechende Richtungs- und Geschwindigkeitsabweichungen bewirken konnten, ließ sich die Position bei Ende des Warpfluges nur sehr ungefähr bestimmen. Wenn der solcherart verzerrte Kurs davor zufällig ausreichend nahe an einem Planeten oder Planetoiden vorbeigeführt hatte, konnte die Abweichung sogar sehr groß werden und unerfreuliche Überraschungen mit sich bringen. Ronald Brugger hatte zwar unterwegs in Tagesabständen Beobachtungshalte auf Unterlichtgeschwindigkeit zur Kurskorrektur eingelegt, aber diese Vorsichtsmaßnahme war dennoch notwendig. Nach einer letzten Positionsbestimmung berechnete das Schiff den Endanflugkurs zum gewünschten Zielplaneten und flog mit ständig sinkender Sublichtwarpgeschwindigkeit dorthin.

Pavonia war der vierte Planet des G8-Sterns Delta Pavonis, einer Sonne, die sich bereits im Ansatz der Entwicklung zum Roten Riesen befand. Der dritte Planet war aufgrund dessen bereits eine ausgedörrte, tote Welt, aber Pavonia hatte dies ein für Leben ausreichend warmes Klima beschert. Allerdings hatte der Planet bei seiner Entstehung einen deutlich geringeren Masseanteil an Wasser bekommen als die Erde, mit der Folge, daß seine Oberfläche fast zur Hälfte vom Land bestimmt wurde und es nur eine Anzahl seichter, voneinander getrennter Meeresbecken gab. Was andernfalls Ozeanböden gewesen wären, waren hier weite, von riesigen Flußsystemen durchzogene Tiefländer.

Es war diese Welt gewesen, wo irdische Raumexpeditionen erstmals Nachkommen von Menschenpopulationen vorgefunden hatten, die von den Lwaong auf Welten außerhalb der Erde verpflanzt worden waren. In den Jahrtausenden seither hatten diese sich an die verschiedenen Lebensräume ihrer neuen Welt angepaßt und sich zu vielen verschiedenen Völkern entwickelt, die zur Zeit ihrer Entdeckung auf primitivem bis vorindustriellem Kulturniveau gelebt hatten. Da zu dieser Zeit die Solare Föderation noch nicht existiert hatte, war man sich uneinig gewesen, welcher zukünftige politische Status dieser Völker anzustreben sei. Dies hatte eine Bewegung neo-zionistischer Juden ausgenützt, um in einem unbewohnten, semiariden Gebiet Pavonias am Unterlauf des Heyong, eines Salzwasserstromes, in das tiefstgelegene Meer des Planeten einen neuen Judenstaat zu gründen, nachdem Israel Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts untergegangen war. Dieser neue Staat Astroel hatte sogleich eine Anzahl von Projekten anderer irdischer Gruppen gefördert, die auf Pavonia Stadtstaaten errichteten, welche sich mit einzelnen Eingeborenenvölkern nach dem Prinzip zusammentaten: wir bringen euch moderne Errungenschaften und vertreten euch gegenüber den Außenweltlern, und ihr tretet diese Souveränität an uns ab, bei weitgehender innerer Autonomie für euch. In der Praxis lief es unter diesem moralischen Deckmantel angeblicher Kolonialismusverhinderung auf die Schaffung neuer Offshore-Paradiese für Finanzgeschäfte, Steuerflucht und noch viel zwielichtigere Geschäfte hinaus und wurde von den irdischen Eliten aus den gleichen eigennützigen Gründen wie früher geduldet. Um unverfängliche Gründe für Reisen dorthin zu schaffen, wurden auch Handel und Tourismus gefördert, und auch wenn Astroel und die anderen pavonischen Regime keine Piratenakte in ihrem System duldeten, war es ein offenes Geheimnis, daß sie Piraten stillschweigend einen sicheren Hafen boten.

Hier konnten sie ihre Schiffe warten, Versorgungsgüter aufnehmen, Hehler für ihre Beute finden, Lösegeldverhandlungen führen, ihr Geld anlegen, sich amüsieren, medizinische Behandlung bekommen und sich vielleicht irgendwann zur Ruhe setzen. Pavonia hatte eine ideale Lage als solch ein modernes, interstellares Port Royal: nahe genug an den belebteren interstellaren Routen und an den bewohnten Welten, aber weit genug von Sol entfernt, um von der Solaren Föderation in Ruhe gelassen zu werden.

Auf dieser Welt wollte Brugger Informationen über neueste Entwicklungen in Sachen Piraterie einholen, und so steuerte er als erstes ein astroelisches Orbitalkontrollschiff an, um vor der Landung die Einklarierungsformalitäten zu erledigen. Als er dieses Wachschiff erreichte, zog es auf seiner niedrigen Umlaufbahn gerade über sein Heimatterritorium hinweg, wo Bauten und Straßen an einem noch wasserführenden Mündungsarm des Heyong erkennbar waren. Brugger dockte sein Schiff an einem ausgefahrenen Zugangsarm an und begab sich hinüber, um die Einreise- und Zollbehörde aufzusuchen.

Nachdem er die Formalitäten erledigt und einen Imbiß gegessen hatte, ging er wieder in Richtung der Ace of Swords. Als er dabei an einem großen Panoramafenster vorbeikam, sah er draußen einen weiteren Orion-II-Raumjäger heranschweben. Ganz nah war er bereits, kurz davor, vom Andockarm erfaßt zu werden. Brugger wußte sofort, um welches Schiff es sich handelte, als er an der Seite des Vorderrumpfes die beiden roten Würfel mit den weißen Augen erkannte, die beide mit der Eins nach oben lagen. Es war die Snake Eyes, Elonard Sampsons Maschine.

Da er keinen Wert auf eine Begegnung mit Sampson und seinen Männern legte, ging er sofort an Bord, aktivierte Acey und legte vom Kontrollschiff ab. Es war ohnehin bereits der erste Planetenumlauf seit seiner Ankunft bald vollendet, sodaß es an der Zeit war, hinunterzugehen, wenn er in Saltport landen wollte. Sein Schiff ließ er gesichert im Orbit zurück und nahm stattdessen den kleinen roten Raumgleiter, den er im umgebauten Bombenschacht an der Rumpfunterseite mitführte. Er klinkte aus, manövrierte nach unten aus dem Schacht und leitete die Abstiegsbremsung ein. Bis zum Atmosphäreneintritt war die Geschwindigkeit bereits so weit verringert, daß die großzügig bemessenen Sichtscheiben die Reibungshitze problemlos vertrugen. Eine gute Viertelstunde später zog er über die Gegend hinweg, die er aus dem Orbit gesehen hatte, sah die Türme und Gewächshäuser und das karge Grün am Boden und machte eine Dreiviertelwendung nach Südwesten, bis die Raumhafengebäude von Saltport vor ihm lagen.

Diese waren im Mündungsdelta des Heyong errichtet worden, der aus dem höher gelegenen, größten Meer Pavonias weiter im Norden abfloß, um sich in das ebenfalls große, sehr salzige Dolung-Meer zu ergießen. Jetzt am Höhepunkt der Trockenzeit führte er nur noch wenig Wasser und auf dieser Seite des Deltas gar keines mehr, aber an den mächtigen Salzablagerungen, die teils auch vom Wind verfrachtet worden waren, war zu erkennen, wie stark er bei Hochwasser anschwellen konnte. An dem langgestreckten flachen Raumhafentrakt legten bei normalerem Wasserstand auch die Kreuzfahrtschiffe sowie die Fangboote der Eingeborenen an, die ihre Fänge an extremophilem Getier aus dem nahen Meer anlieferten. Den Gebäuden machte weder das Salz noch das Wasser etwas aus; sie waren dafür gebaut. An ihrer Oberseite öffneten sich die Landeschächte für die Raumfähren, die Passagiere und Fracht zwischen dem Planeten und seinem innersten Mond Eleazar beförderten, auf dem sich die für Personen und mittelgroße Raumschiffe dimensionierten Wurmlochportale der Verbindungen nach Epsilon Indi und Beta Hydri befanden. Auch die suborbitalen Raumschiffe, die die Routen zu anderen Teilen des Planeten bedienten, starteten und landeten in diesen Schächten.

Der rote Raumgleiter wich einem Lastenschweber aus, kurvte auf den Raumhafenturm zu und landete an dessen Fuß auf dem Salz. Brugger stieg aus und betrachtete den Himmel, der von einem Staubsturm über der südöstlich gelegenen Landmasse rot verfärbt worden war. Er nahm die Szenerie eine Weile in sich auf und genoß es, wieder unter freiem Himmel zu stehen und den Wind zu spüren. Dann wandte er sich um und marschierte über das knirschende Salz auf den nächstgelegenen öffentlichen Eingang zu, den ihm die Navifunktion seiner Poctronic anzeigte. Drinnen strebte er den Aufzügen des Turmes zu und fuhr zum großen Panoramarestaurant im fünfzigsten Stockwerk hinauf. Dieses Lokal, das Fifty Up, war eine gastronomische Berühmtheit von Pavonia und deshalb auch jetzt in der schwachen Saison einigermaßen gut besucht. Teils lag dies auch an den Forscherteams, die nach Pavonia kamen, seit auf der toten inneren Nachbarwelt Anzeichen für eine seit Jahrmillionen verschwundene Zivilisation entdeckt worden waren und man nun wissen wollte, ob diese Wesen vor ihrem Untergang auch nach Pavonia gekommen waren.

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Ein Turm aus Asche

Von George R. R. Martin. Das Original „This Tower of Ashes“ wurde 1974 verfaßt und erstmals in der Aprilausgabe 1976 von Analog Annual veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Tony Westermayr erschien 1979 im GRRM-Sammelband „Lieder von Sternen und Schatten“ und ist auch im neueren GRRM-Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) enthalten.

Mein Turm ist aus Mauersteinen erbaut, kleinen, rußgrauen Mauersteinen, verbunden durch eine schimmernd-schwarze Mörtelsubstanz, die meinem unkundigen Auge auf sonderbare Weise wie Obsidian erscheint, obwohl es ganz offensichtlich kein Obsidian sein kann. Er steht an einem Arm der Dürren See, sieben Meter hoch und absackend, der Waldrand ist nur Meter entfernt.

Ich fand den Turm vor fast vier Jahren, als Squirrel und ich Port Jamison mit dem silbrigen Flugwagen verließen, der jetzt ausgebrannt und überwachsen im Unkraut vor meiner Türschwelle liegt. Bis heute weiß ich fast nichts über das Bauwerk, aber ich habe meine Theorien.

Zum einen glaube ich nicht, dass der Turm von Menschen erbaut wurde. Er ist eindeutig älter als Port Jamison, und, wie ich oft denke, als der menschliche Raumflug. Die Mauersteine (die seltsam klein sind, weniger als ein Viertel der Größe normaler Ziegelsteine), sind verbraucht und verwittert und alt, und sie zerbröckeln unter meinen Füßen. Überall ist Staub, und ich weiß, woher er kommt, denn mehr als einmal habe ich von der Brüstung am Dach einen Stein herausgestemmt und ihn beiläufig zu dünnem, schwarzem Pulver zerdrückt. Ich habe ihn in meiner bloßen Faust zerdrückt. Wenn von Osten der Salzwind heranweht, lässt der Turm einen Helmbusch aus Asche flattern.

Im Inneren sind die Mauersteine in besserem Zustand, da Wind und Regen sie nicht so stark angegriffen haben, aber trotzdem ist der Turm alles andere als angenehm. Das Innere ist ein einziger Raum voll Staub und Echos, ohne Fenster; das einzige Licht kommt von der kreisrunden Öffnung in der Dachmitte. Eine Wendeltreppe, aus dem gleichen Mauerwerk wie das übrige, ist Teil der Wand. Sie führt im Kreis herum und immer wieder herum, wie das Gewinde einer Schraube, bis sie Dachhöhe erreicht. Squirrel, der für eine Katze ziemlich klein ist, bewältigt die Treppe mühelos, aber für Menschenfüße ist sie eng und unbequem.

Aber trotzdem steige ich sie hinauf. Jede Nacht komme ich aus den kühlen Wäldern zurück, die Pfeile sind schwarz vom verkrusteten Blut der Traumspinnen, der Beutel ist schwer von ihren Giftsäcken, und ich stelle den Bogen weg und wasche mir die Hände und steige dann zum Dach hinauf, um die letzten Stunden bis zur Morgendämmerung zu verbringen. Auf der anderen Seite der schmalen Salzrinne brennen die Lichter von Port Jamison auf der Insel, und von dort oben ist es nicht die Stadt meiner Erinnerung. Nachts sind die kantigen schwarzen Gebäude in ein romantisches helles Leuchten gehüllt; die Lichter, ganz rauchiges Orangerot und gedämpftes Blau, sprechen von Rätseln und stummem Leid und mehr als ein wenig Einsamkeit, während die Sternenschiffe vor den Sternen steigen und stürzen wie die unermüdlich schwirrenden Glühwürmchen meiner Kindheit auf der Alten Erde.

„Es gibt Geschichten dort drüben“, sagte ich einmal zu Korbec, bevor ich es besser wusste. „Hinter jedem Licht sind Leute, und jede Person hat ein Leben, eine Geschichte. Nur führen sie alle ihr Leben, ohne uns je zu berühren, sodass wir die Geschichten nie erfahren werden.“ Ich glaube, dass ich dann gestikulierte; ich war natürlich ziemlich betrunken.

Korbec antwortete mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte, und einem Kopfschütteln. Er war ein mächtiger, dunkler, schwerer Mann mit einem Bart wie aus verknotetem Draht. Jeden Monat kam er in seinem verbeulten schwarzen Flugwagen aus der Stadt, um mir das, was ich zum Leben brauchte, zu bringen und das Gift abzuholen, das ich gesammelt hatte, und jeden Monat stiegen wir zum Dach hinauf und betranken uns. Ein Lastwagenfahrer, mehr war Korbec nicht; ein Verkäufer verbilligter Träume und gebrauchter Regenbogen. Aber er bildete sich ein, er sei ein Philosoph und Menschenkenner.

„Machen Sie sich nichts vor“, sagte er damals zu mir. „Ihnen entgeht überhaupt nichts. Das Leben ergibt miserable Geschichten, wissen Sie. Richtige Geschichten dagegen, die haben meistens eine Handlung. Sie fangen an und laufen so ein bißchen, und wenn sie aufhören, sind sie vorbei, außer es schreibt einer Fortsetzungen. Im Leben gibt es das nicht, die Leute laufen nur so herum und schwätzen und machen immer weiter. Da hört nie etwas auf.“

„Die Leute sterben“, sagte ich. „Das ist Ende genug, möchte ich meinen.“

Korbec gab ein lautes Geräusch von sich. „Sicher, aber haben Sie schon mal erlebt, dass einer zur rechten Zeit stirbt? Nein, kommt nicht vor. Die einen kippen um, bevor ihr Leben so richtig angefangen hat, die anderen mitten in der besten Zeit. Andere treiben sich noch herum, nachdem alles schon lange vorbei ist.“

Wenn ich oben allein sitze, Squirrel warm auf meinem Schoß, ein Glas Wein neben mir, denke ich oft an Korbecs Worte und die schwerfällige Art, wie er sie aussprach; seine rauhe Stimme war seltsam sanft. Er ist kein kluger Mann, dieser Korbec, doch in jener Nacht, glaube ich, sagte er etwas Wahres, vielleicht, ohne es selbst zu wissen. Aber der ermattete Realismus, den er mir damals anbot, ist das einzige Gegenmittel, das es gegen die Träume gibt, die von Spinnen gewoben werden.

Aber ich bin nicht Korbec, noch kann ich es sein, und während ich seine Wahrheit erkenne, kann ich sie doch nicht leben.

*   *   *

Am späten Nachmittag war ich im Freien, um Zielschießen zu üben, und trug nichts als meinen Köcher und eine Hose mit abgeschnittenen Beinen, als sie kamen. Es wurde schon dunkel, und ich machte mich locker für meinen nächtlichen Ausflug in den Wald – selbst in dieser frühen Zeit lebte ich schon von der Abend- bis zur Morgendämmerung, wie die Traumspinnen es tun. Das Gras fühlte sich gut an meinen nackten Sohlen an, der doppelt geschweifte Silberholzbogen in meiner Hand noch besser, und ich schoss treffsicher.

Dann hörte ich sie kommen. Ich blickte über die Schulter zum Ufer und sah den dunkelblauen Flugwagen am östlichen Horizont rasch größer werden. Gerry, natürlich, das erkannte ich am Geräusch; sein Flugwagen gab schon seltsame Laute von sich, seit ich ihn kannte.

Ich drehte ihnen den Rücken zu, spannte ganz ruhig die Sehne und traf ins Schwarze.

Gerry landete im Unkraut vor dem Sockel des Turms, ganz in der Nähe meines Flugwagens. Crystal war bei ihm, schlank und ernst, ihr langes goldenes Haar schimmerte rötlich in der Nachmittagssonne. Sie stiegen aus und kamen auf mich zu.

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Dunkle Zuflucht

Von Gregory Benford, übersetzt von Lucifex. Das Original Dark Sanctuary erschien ursprünglich 1979 in Omni und wurde in der Februarausgabe 2012 des Lightspeed Magazine nachveröffentlicht. (Titelbild von mir hinzugefügt.)

Der Laserstrahl traf mich direkt ins Gesicht.

Ich drehte mich weg. Mein Helm summte und wurde dunkel, als seine Sonnenabschirmung überlastet wurde. Hinein ins Schiff. Ich riß an einer Strebe und taumelte in die gähnende, fluoreszenzbeleuchtete Luftschleuse.

Im Asteroidengürtel hat man entweder schnelle Reflexe, oder man ist eine Statistik. Ich knallte gegen das Schott der Luftschleuse und kam zum Stillstand, wartete, um zu sehen, wo der Laserstrahl als Nächstes treffen würde. Meine Anzugsensoren waren alle ausgebrannt, meine Gurte waren versengt. Die Druckflecken an den Knien und Ellbogen hatten braune Blasen. Sie hatten Blasen geworfen und waren weggekocht. Noch eine Sekunde oder zwei, und ich hätte Vakuum geatmet.

Ich nahm all dies auf, während ich Ausschau nach Reflexionen vom nächsten Laserschlag hielt. Nur daß er nicht kam. Wer auch immer auf mich geschossen hatte, hielt entweder die Sniffer für manövrierunfähig, oder er hatte einen unzuverlässigen Laser. So oder so mußte ich mit dem Ausweichen anfangen.

Ich bewegte mich schnell, arbeitete mich durch eine Verbindungsröhre nach vorn zur Brücke – ein hochtrabender Name für ein besenkammergroßes Cockpit. Ich brachte den Fusionsantrieb der Sniffer auf Touren und spürte den Zug, als sie heißes Plasma aus ihren Heckröhren zu spucken begann. Ich ließ auch die Seitenjets stottern und kleine Plasmastöße abgeben. Das ließ die Sniffer herumflitzen, gerade genug, um es schwer zu machen, sie zu treffen.

Ich drückte Tasten, um einen Schadensbericht zu bekommen. Ein paar Sensoren achtern ausgebrannt, ein Ladearm zusammengeschmolzen, anderes kleines Zeug. Der Laserblitz mußte uns nur für ein paar Sekunden erwischt haben.

Ein Blitz von wem? Von wo? Ich überprüfte das Radar. Nichts.

Ich hob die Hand, um meine Nase zu kratzen, und erkannte, daß mein Helm und mein hautenger Anzug immer noch vakuumtauglich abgedichtet waren. Ich beschloß, sie anzubehalten, nur für den Fall. Ich trage innerhalb der Sniffer üblicherweise leichte Coveralls; der hautenge Raumanzug ist für Arbeit im Vakuum. Mir fiel ein, daß ich, wenn ich nicht draußen gewesen wäre und einen hydraulischen Lader repariert hätte, bis zu meinem nächsten Routinecheck gar nicht gewußt hätte, daß jemand auf uns geschossen hatte.

Was keinen Sinn ergab. Prospektoren schießen auf einen, wenn man in einen Claim eindringt. Sie zappen einen nicht bloß einmal und verschwinden dann – sie bringen die Sache zu Ende. Ich war jetzt ziemlich in Sicherheit; der Stolziermodus der Sniffer war schnell und ungleichmäßig und schüttelte mich in meiner Kapitänscouch herum. Aber als meine Hände über der Kontrollkonsole schwebten, begannen sie zu zittern. Ich konnte sie nicht dazu bringen, aufzuhören. Meine Finger schüttelte es so schlimm, daß ich es nicht wagte, Anweisungen einzutippen. Verzögerte Reaktion, sagte mir der analytische Teil meines Verstandes.

Ich hatte Angst. Prospektion ist für sich schon riskant genug, ohne das Pech, in den Claim eines anderen zu geraten. Auf einmal wünschte ich, ich wäre nicht so einzelgängerisch. Ich zwang mich zum Denken.

Eigentlich sollte die Sniffer jetzt schon eine treibende Hulk sein – mit geblendeten Sensoren, voller Löcher geschossen und mit explodierten Triebwerken. Prospektoren im Asteroidengürtel spielen um alle Murmeln.

Philosophisch halte ich es mit den Hasen – rennen, ausweichen, hüpfen, aber nicht kämpfen. Ich habe auch ein paar Überraschungen für jeden, der versucht, schneller zu sein als ich. Das ist allemal besser, als mit Felsenratten Laserschüsse über tausend Kilometer auszutauschen.

Aber das hier machte mir Sorgen. Keine anderen Schiffe auf dem Radar, nichts als dieser eine Blitz. Es paßte nicht.

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