Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 4)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und das Glossar

11) Lysitheas Höhle

Der Braune Zwerg Luhman 16B hatte seine Bewegung am Horizont seines zweiten Planeten umgekehrt und kroch langsam wieder nach Osten. So nahe am Bahnpunkt des geringsten Abstands war die Umlaufbewegung dieser öden kleinen Welt vorübergehend schneller als ihre Umdrehung in 3:2-Spin-Orbit-Resonanz, sodaß die Quasi-Sonne erst nach einer Weile erneut zum Stillstand kommen und ihren Weg nach Westen fortsetzen würde. Die Bewegung des innersten Planeten war deutlich sichtbar, als dieser vor dem riesigen roten Glutball vorbeizog. Bei dieser scheinbaren Größe bestrahlte Luhman 16B den zweiten Planeten trotz der viel geringeren Oberflächentemperatur mit der doppelten Intensität von Sol auf der Erde. An dieser Stelle nahe dem Nordpol war die Temperatur aber dennoch mäßig, und die Gewässer waren erst vor Kurzem aufgetaut. Wenn der Planet in gut fünfzehn Stunden seinen fernsten Bahnpunkt erreichte, wo er dreimal so weit entfernt war, würden sie wieder zuzufrieren beginnen.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 3)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2 und das Glossar

8) Im Zeichen der Waage

In den Frontscheiben der Ace of Swords wuchs der kleine Planet von Gliese 570D, in dessen Orbit die Queen of Altavor aus der Ferne geortet worden war. Ronald Brugger hatte den Warpantrieb in einer Entfernung ausgeschaltet, über die seine militärische Sensorenausrüstung das viel größere Passagierschiff gerade noch würde aufspüren können, während dessen zivile Ortungsanlage ihn noch nicht entdecken konnte. Sobald die Queen hinter dem Planeten verschwunden war, hatte er sich diesem im Sublichtwarp-Sprint genähert, so weit es möglich war, und sein Schiff dann mit den MET-Antrieben in eine Übergangsbahn zu einem sehr engen Orbit hineingebremst, der es in geringerer Höhe allmählich an das andere Fahrzeug heranführen sollte. Eine Sensordrohne flog voraus; da sie später mit der Bremsung begonnen hatte und auf eine noch tiefere Umlaufbahn programmiert war, würde sie das Ziel noch vor der Ace of Swords in Sicht bekommen. Aufgrund ihrer Kleinheit und geringen Flughöhe würde sie auch weniger leicht entdeckt werden. Diese Vorsichtsmaßnahmen hatte Ron für den Fall ergriffen, daß Kaundas Leute eine Wachmannschaft an Bord zurückgelassen hatten.

Nikos Lourákis und Alcyone Poledouris befanden sich bei ihm im Kontrollraum; die Lysithea war weiter draußen im System zurückgelassen worden, versteckt hinter einem größeren Asteroiden. Alle drei trugen sie noch ihre Normalkleidung, denn ob sie mit der Ace of Swords direkt an der Queen andocken oder sich ihr mit dem Raumgleiter nähern würden, der mangels Andockschleuse die Verwendung von Raumanzügen erforderte, würde erst entschieden werden, wenn festgestellt war, ob das andere Schiff unbemannt war oder nicht.

An dem Punkt, wo die Übergangsbahn in die gewählte Kreisbahn überging, rollte Ron das Schiff herum, sodaß sie die zerkraterte, in mattem Kupferrot beleuchtete Wölbung des Planeten über ihren Köpfen hinwegrollen sahen. Da sie noch einen deutlichen Geschwindigkeitsüberschuß gegenüber der Orbitalgeschwindigkeit in dieser Höhe hatten, glich er die überschüssige Fliehkraft mit den senkrecht zur Flugbahn wirkenden MET-Antrieben aus. Die restliche Abbremsung würde erst so zeitig erfolgen, daß die Orbitalgeschwindigkeit erreicht war, bevor die Queen of Altavor über dem Horizont erschien. So würde das Aufholen, das ansonsten etwa dreizehn Stunden gedauert hätte, auf eine knappe Stunde verringert werden.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 2)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1 und das Glossar

 6) Zu dunklen Ufern

Die Queen of Altavor schwebte antriebslos in der Umlaufbahn von Krelang, dem dritten Planeten der sechsunddreißig Lichtjahre von Sol entfernt im Sternbild Vela gelegenen K5-Sonne Gliese 370. Das Schiff hatte gerade einen dreitägigen Aufenthalt auf dieser kühlen Welt beendet, wo es in einem Kratersee auf dem Kontinent Quatarn in den nördlichen Subtropen gewassert hatte, um seinen Passagieren die Besichtigung der um jenen See herumgebauten Ruinenanlage zu ermöglichen. Niemand wußte, wer die Schöpfer dieser überwucherten, aus Natursteinblöcken, Metallen und Synthetikmaterialien errichteten Bauten waren; auch die Lwaong hatten sie bereits als Ruinen vorgefunden. Es gab weitere, kleinere Anlagen solcher Art auf dem unbewohnten Planeten, aber es deutete nichts darauf hin, daß ihre Erbauer sich hier auch entwickelt hatten. Von dem im Wasser schwimmenden Raumschiff aus waren mitgeführte Gleiter gestartet, um die Passagiere bei den Ruinen abzusetzen oder sie zu entfernteren Plätzen zu bringen, wo sie Wanderungen zur Beobachtung der heimischen Natur unternommen hatten. Schließlich war die Queen of Altavor wieder gestartet, und nun zog sie in kaum hundertdreißig Kilometer Höhe über der vom flach einfallenden Sonnenlicht gelb beschienenen Wolkendecke dahin und wartete hilflos auf das nahende Verhängnis.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 1)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

 Vorbemerkung des Verfassers: Dies ist eine Geschichte, deren dreieinhalb Jahrzehnte lange „Entstehungshistorie“ damit begonnen hat, daß ich irgendwann Anfang der 1980er den amerikanischen Fernsehfilm „Raubvögel“ („Birds of Prey“) von 1973 gesehen habe. Zu der Zeit kannte ich schon das damals noch recht neue Musikalbum „The Turn of a Friendly Card“ von Alan Parsons Project, und irgendwie haben sich einige Lieder daraus zusammen mit „Raubvögel“ in meinem Kopf zur Grundidee eines SF-Films entwickelt, der im Kern eine Art futuristisches „Raubvögel“ sein sollte, mit „The Turn of a Friendly Card“ als Filmmusik (ich hegte damals den Traum bzw. die Illusion, irgendwann einmal Profi-Filme machen zu können).

Später, nach Aufgabe des Filmertraums, hatte ich die Geschichte irgendwann einmal zu einem Buch verarbeiten wollen, und im Oktober 2017 habe ich mich dazu entschlossen, sie nun endlich in Form eines Blogbeitrags zu verwirklichen, was auch die Integration von „The Turn of a Friendly Card“ und anderer Lieder als eine Art „Filmmusik“ ermöglicht. Im Kern ist die Geschichte immer noch das ursprüngliche Projekt, aber sie ist im Laufe der Jahre doch in mancher Weise zu etwas ganz anderem mutiert.

Dies ist Teil 1 von 4, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch ein Glossar.

Zur Einstimmung vor dem Lesen gibt’s hier das Instrumentalstück The Ace of Swords“ aus The Turn of a Friendly Card“ (jedoch in einem Stück mit „Nothing left to lose“; gesamt 7:10 min.):

 

 A C E   O F   S W O R D S :   A L L E S   A U F   E I N E   K A R T E

Prolog

Der Große Galaktische Krieg war beendet. So hatten ihn die Menschen genannt, für die es der erste große interstellare Konflikt war, den sie erlebten. Für die anderen Spezies, die im Rahmen der Galaktischen Zivilisation daran teilgenommen hatten, war er bloß ein Maßregelungskrieg gegen die Xhankh gewesen, die sich geweigert hatten, alle Regeln jener lose verbundenen Multispezies-Zivilisation einzuhalten, gegen die sie sich schließlich in einem offenen Krieg gewandt hatten. Wie ihn die Xhankh nannten, für die er mit der schwersten Niederlage ihrer Geschichte und dem Verlust der meisten ihrer Welten geendet hatte, verrieten sie niemandem. Nun sammelten sich die Schiffe der Sieger zur Rückkehr in ihre Heimatsysteme, die Kreuzer der Menschen ebenso wie die gigantischen Kriegsschiffe der älteren Galciv-Mächte, vor denen sie beinahe zwergenhaft wirkten.

Begonnen hatte der Krieg mit einem Streit um das Recht der Nachbarspezies der Xhankh, im von diesen beanspruchten Raumgebiet um den Kohlensack-Dunkelnebel Welten zu besiedeln, die von ihrer Natur her für sie am besten geeignet waren, während die Xhankh sie als neue Heimatwelten uninteressant fanden. Dies war gängige Praxis und entsprach einer der fundamentalsten Regeln der Galaktischen Zivilisation: Nachdem für jede Spezies nur ein Bruchteil aller für Leben bewohnbaren Welten hinsichtlich Schwerkraft, Spektraltyp der Sonne, Jahreslänge und Rotationsdauer sowie chemischer Beschaffenheit ideal war und andererseits die überlichtschnellen Raumschiffe eine weiträumige Erschließung ermöglichten, ließen die raumfahrenden Spezies die für sie suboptimalen Welten ungenutzt, auch wenn sie näher an ihrem Ursprungssystem lagen. Stattdessen kolonisierten sie nur optimale, auch wenn sie weiter entfernt und zwischen die Welten anderer Spezies mit anderen Bedürfnissen eingestreut lagen. Exklusive Hoheitsansprüche auf ein bestimmtes Raumgebiet wurden von der Galciv nur im näheren stellaren Bereich um das Ursprungssystem einer Spezies toleriert. Die Xhankh wollten jedoch aus strategischen Gründen keine Kolonien fremder Wesen zwischen ihren Welten dulden, und weil sie eine der bedeutendsten Mächte in jenem Raumsektor waren, glaubten sie sich in der Position, diesen Standpunkt durchsetzen zu können.

Außerdem hatten die Xhankh sechs Jahrtausende zuvor eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung und schließlichen Ausrottung der Lwaong gespielt, deren Machtbereich einen Großteil der sechshundert Lichtjahre zwischen Sol und dem Kohlensack eingenommen und sich noch ein Stück über Sol hinaus in Richtung des galaktischen Randes erstreckt hatte. Die Lwaong hatten sich überhaupt geweigert, der Galaktischen Zivilisation beizutreten, und weiterhin interstellare Expansion betrieben, wenngleich nicht auf Kosten von Galciv-Mitgliedsmächten. Schließlich war es zum totalen Krieg gekommen, und weil die Xhankh diesen entscheidend zu gewinnen geholfen und dabei nicht nur militärische Stärke gezeigt hatten, sondern seitdem auch einen Teil des ehemaligen Lwaong-Raumes besaßen, der ihnen zusätzliche strategische Tiefe und Ressourcen gab, verhielten sie sich unnachgiebig, schüchterten ihre Nachbarn mit ihren Kampfschiffen ein und setzten auf die Kriegsunwilligkeit der alten Galciv-Spezies.

Nach einer Reihe eskalierender feindseliger Zwischenfälle hatte die Galciv ihre Mitgliedsspezies dann doch zum Krieg gegen die Xhankh aufgerufen, die zunächst nur gemaßregelt, in ihrer Stärke beschnitten und zur vollen Akzeptanz aller Galciv-Prinzipien samt Abtretung aller zuvor umstrittenen Welten in ihrem Raumbereich gezwungen werden sollten. Diesem Aufruf waren anfänglich nur die unmittelbaren Nachbarn der Xhankh nachgekommen, sodaß letztere zunächst bedeutende Anfangserfolge erzielen konnten. Als dann in entfernteren Randbereichen der Galciv-Sphäre auch noch dritte Mächte – eigensinnige Halbmitglieder, widerstrebende Eingliederungskandidaten und offene Feinde – begonnen hatten, alte Rechnungen wieder aufzumachen, hatte es für die Xhankh noch besser auszusehen begonnen. Über diese letzteren Aspekte des frühen Xhankh-Krieges war für die Menschen nur wenig und teils Widersprüchliches zu erfahren gewesen, aber soviel war klar: Die Galaktische Zivilisation sah sich nun in diesem Raumsektor ernstlich in Bedrängnis.

Sie hatte darauf reagiert, indem sie nun doch eine Anzahl weiterer Mitglieder zu einem wenigstens begrenzten Engagement mobilisierte, um zunächst jene zusätzlich aufgeflammten Grenzkonflikte zu bereinigen. Danach hatte sie sich verstärkt gegen die Xhankh wenden und deren Vordringen stoppen können. Der nächste Schritt hatte in der Gewinnung des jüngsten Mitglieds, der Solaren Föderation, für einen Kriegseintritt bestanden.

Die Solare Föderation, ein loser Zusammenschluß aus Euro-Afrikanischer Föderation, Eurasien, Pazifischer Föderation und Panamerikanischer Union, war in der Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts nach dem Erstkontakt mit den Arrinyi gebildet worden, denen die Menschen als ersten Vertretern der Galciv und als ersten Außerirdischen überhaupt begegnet waren. Zu dieser Zeit hatten die irdischen Mächte gerade mit der Erforschung von Sols Nachbarsternen mittels erster Warpraumschiffe begonnen und dabei auch auf zwei Exoplaneten halbprimitive Menschenpopulationen gefunden, wofür sie keine Erklärung hatten, denn von den Aktivitäten der Lwaong in der Prähistorie wußten sie noch nichts. Die neu eröffnete galaktopolitische Perspektive hatte den Befürwortern einer engeren globalen Integration unter den irdischen Eliten zur Durchsetzung gegenüber den Anhängern der multipolaren Version einer transnationalen Weltordnung verholfen. Danach hatte die Verlockung einer allmählichen Einführung in den technisch-wissenschaftlichen Stand der Galaktischen Zivilisation, die von den Arrinyi und Vertretern der älteren Mächte aus dem geheimnisvollen Inneren der Galciv-Sphäre in Aussicht gestellt worden war, dazu geführt, daß ab 2155 mit der schrittweisen Aufnahme der Menschheit in den uralten interstellaren Zivilisationsverband begonnen wurde.

Als vier Jahrzehnte später Nachrichten über Kämpfe im Raum um den Kohlensack die Menschenwelten zu erreichen begonnen hatten, war man dort zunächst auf Heraushaltung bedacht gewesen, aber die Galciv hatte den Menschen für den Fall einer Kriegsteilnahme auf ihrer Seite einen beschleunigten Technologietransfer versprochen, und dann hatte es mehrere mysteriöse Überfälle auf Erdaußenposten gegeben, die den Xhankh zugeschrieben worden waren.

Darauf war eine massive Kriegspropagandawelle in allen Medien gefolgt, die die Vision vom heroischen Einsatz der Solaren Streitkräfte für Frieden und Sophontenrechte beschworen hatte. Besonders die Arrinyi, die bei den Menschen wegen ihres am ehesten noch einigermaßen humanoiden Äußeren die beliebtesten aller Außerirdischen waren (auch weil man ihnen wegen ihrer andersartigen Lebensbedürfnisse als Bewohner langsam rotierender Welten von K-Typ-Sonnen keinen Appetit auf Menschenwelten zutraute) und die als nächste Nachbarn der Xhankh am meisten von deren Übergriffen betroffen waren, wurden als Opfer präsentiert. Es gab sogenannte Hilfseinsätze irdischer Schiffe, die prompt mit den Xhankh aneinandergerieten, und als 2200 das nächste Jahrhundert eingeläutet wurde, war auch die Solare Föderation voll in den Krieg verwickelt.

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Solo: A Star Wars Story

Von Trevor Lynch (Greg Johnson), übersetzt von Lucifex. Das Original Solo: A Star Wars Story erschien am 25. Mai 2018 auf Counter-Currents Publishing.

Ich hatte ein schlechtes Gefühl bei dieser Sache.

Es war nicht bloß die verfluchte Produktionsgeschichte von Solo; die ursprünglichen Regisseure wurden nahe dem Ende des Drehs gefeuert, und Ron Howard wurde hinzugeholt, um den Film fertigzustellen, wofür er 70 Prozent davon neu drehte. Es waren nicht bloß die Gerüchte, daß Alden Ehrenreich der Rolle des Han Solo nicht gewachsen war. Es waren nicht bloß die lauwarmen Rezensionen.

Das wahre Problem besteht darin, überhaupt einen Film über den jungen Han Solo zu machen. Denn das, was Star Wars fesselnd macht, sind nicht Raumschlachten und Kantinen voller exotischer Außerirdischer. Es ist die Präsenz von großer Politik – das Imperium und die Rebellion – und des Numinosen: die Macht und die in sie Eingeweihten, die guten und bösen. Han Solo vor seiner Verwicklung in das eine und das andere ist bloß der zynische Schmuggler, dem wir auf Tatooine begegneten.

Nun gab es nicht, das Disney davon abhielt, einen großartigen Film über einen zynischen Schmuggler mit einem guten Herzen zu machen, der seinen Lebensunterhalt in einem brutalen Universum zu bestreiten versucht. Aber solch ein Film wäre anders als jeder andere Star-Wars-Film, und das würde ein Problem für den Autor und den Regisseur darstellen. Sie konnten sich nicht bei der großen Politik und beim Numinosen bedienen. Bestenfalls konnten diese nur am Rande und in einer Weise erscheinen, in der Han ihre volle Bedeutung nicht begreifen konnte. Stattdessen würden sie einen schlichten Abenteuerfilm machen müssen, der im Star-Wars-Universum spielt, aber ohne sich auf die Faktoren zu stützen, die das Franchise einzigartig und fesselnd machen. (Ganz zu schweigen von sicheren Hits, selbst wenn sie schlecht sind.)

Aber es gibt zwei Arten von Abenteuerfilmen: Schundfilme mit Pappkartoncharakteren, die beliebigen Explosionen ausweichen – und gute Filme, die drei Dinge haben müssen: Charakterentwicklung, dramatische Konflikte in Verbindung mit tiefen moralischen und metaphysischen Themen, und eine Geschichte, die nicht bloß ein Zufall nach dem anderen ist. Eine gute Handlung braucht ein Element der Notwendigkeit. Die Geschichte muß in irgendeiner Weise von den Charakteren und den moralischen und metaphysischen Themen erzeugt werden. Großartige Geschichten, die einen in ihren Bann ziehen, sind Begegnungen zwischen dem, was tief in uns ist, und dem, was tief im Universum ist.

Solo hätte ein guter Film sein können, sogar ein großartiger. Aber die Autoren und Regisseure mußten sich bei jedem Schritt fragen: Wäre dies immer noch ein guter Film, wenn wir all den Star-Wars-Scheiß fallenließen und ihn in irgendeinem anderen Universum oder in einer anderen Zeit spielen ließen? Die Antwort ist leider nein. Ich fand Solo als von Anfang bis Ende leblosen Film, an dem man keinen Anteil nimmt.

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Black Panther

Von Trevor Lynch (Greg Johnson), übersetzt von Lucifex. Das Original “Only White Nationalism Will Make Wakanda Real”: Black Panther erschien am 24. Februar 2018 auf Counter-Currents Publishing.

Ich sah Black Panther letzte Woche gemeinsam mit einem Freund in Seattle. Nach dem ehrfürchtigen Schweigen im Kino zu urteilen – das nur gelegentlich durch unser Gelächter an unabsichtlich humorvollen Stellen gebrochen wurde – war es ein rein weißes Publikum. Der ernsthafte Ton von Black Panther ist eine Abweichung gegenüber neueren Marvel-Filmen, die Heldentum ständig mit ironischem Humor untergraben. Aber Black Panther ist ein Film über numinose, magische Neger, und manche Dinge sind heilig. Über Gott spottet man nicht. (Sofern er nicht Thor ist.)

Angesichts des massiven Medienhypes und der grotesken, liebedienernden Unterstützung durch weiße Liberale war ich darauf vorbereitet, Black Panther zu hassen. Aber es ist in Wirklichkeit kein schrecklicher Film, obwohl ich ihn nicht wieder ansehen würde.

Die Prämisse von Black Panther ist lächerlich, aber um nichts alberner als bei den meisten Superheldenfilmen. Der als Black Panther bekannte Superheld ist der Erbmonarch eines fernen afrikanischen Königreiches namens Wakanda. Wakanda wurde wie Äthiopien, Lesotho und Swasiland nicht von Weißen kolonisiert. Wakanda besitzt auch eine einzigartige natürliche Ressource, ein magisches Metall außerirdischer Herkunft namens „Vibranium“. (Man muß sich fragen: als Stan Lee und Jack Kirby den Charakter des Black Panther im Jahr 1966 schufen, war da „vibrant“ bereits ein Euphemismus für nichtweiß?) Wegen seiner Isolation und des Vibraniums entwickelte Wakanda die fortschrittlichste Technologie auf dem Planeten. Um sich vor weißen Kolonisatoren zu schützen, benutzten die Wakander diese Technologie, um ihre futuristische Hauptstadt – mit fliegenden Autos – hinter einer Art Strahlenschild zu verbergen, wie ein afrikanisches Galt’s Gulch.

Black Panther ist ein zutiefst feministischer Film, obwohl der Feminismus im wirklichen Afrika genauso alltäglich ist wie fliegende Autos. Manchmal sehen die Kostüme und das Bühnendesign aus, als hätten sie aus der Feder von A. Wyatt Mann stammen können, besonders der Kerl mit dem grünen Zoot-Anzug und dazupassender Lippenplatte. Es gibt eine urkomische Szene, in der einige Wakander einen weißen Mann mit Uga-uga-Lauten zum Schweigen bringen. (Ich bete dafür, daß dies Schule macht.) Als ein wakandisches Flugauto in Oakland erscheint, beginnen die einheimischen urbanen Jugendlichen sofort darüber zu reden, es auszuschlachten und die Teile zu verkaufen. Natürlich wagten die weißen Liberalen um mich nicht, über irgendetwas davon zu lachen.

Aber an einem bestimmten Punkt beschloß ich, Black Panther als einen Science-Fiction-Film zu betrachten, der vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie spielt, und diese Suspendierung des Unglaubens ermöglichte es mir, mich zu entspannen und das Schauspiel zu genießen.

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Aufbruch nach Wakanda (2): Black Panther Supremacy

Von Martin Lichtmesz; das Original erschien am 25. Februar 2018 auf Sezession.

Wäre die Familie Schneider aus dem ARD-Film „Aufbruch ins Ungewisse“ statt im Flüchtlingsparadies Südafrika in Wakanda gelandet, hätte sie nicht so viel Glück gehabt.

Der fiktive, merito-monarchisch regierte, utopische afrikanische Nationalstaat aus dem aktuellen Marvel-Blockbuster „Black Panther“ ist nämlich knallhart isolationistisch und läßt niemanden über seine Grenze, der nicht zu seiner Herrenrasse gehört (erkennbar an einer blau leuchtenden Tätowierung im Inneren der Unterlippe).

An einer Stelle des Films beschwört ein Berater den edlen König T’Challa (der sich mit mithilfe eines Hi-Tech-Kostüms in den Superhelden „Black Panther“ verwandeln kann):

Wenn wir Flüchtlinge hereinlassen, dann werden sie ihre Probleme mitbringen und dann wird Wakanda ein Ort wie jeder andere werden.

Seinen Reichtum und seine extrem fortgeschrittene Technologie verdankt Wakanda zwei Dingen: einem blau schimmernden Allzweckrohstoff namens „Vibranium“, der ihm erlaubt, autark zu leben, und der Tatsache, daß das Land niemals von Europäern entdeckt und kolonisiert wurde (darauf werde ich noch zurückkommen).

Der Film selbst ist ein leidlich unterhaltsames, professionell gemachtes buntes Actionspektakel mit den genreüblichen Kindereien, quasi die „Blaxploitation“-Variante von „Spider-Man“, „Iron Man“ und Konsorten. Daß er in den USA momentan frenetisch gefeiert wird und die Hitliste des maßgeblichen Bewertungsportals Rotten Tomatoes  als „bester Film aller Zeiten“ vor „Citizen Kane“ etc. anführt, hat allerdings vor allem politische und metapolitische Gründe.

Um den Score derart hochzutreiben, wird kräftig manipuliert: So hat Facebook auf Betreiben von Rotten Tomatoes eine Gruppe gelöscht, die dem Film negativ gegenüberstand. Aus Kritikern werden flugs „Rechtsextreme“, die „Kritiken manipulieren“ wollen , womit die Stoßrichtung des Hypes klar ist: Wer „Black Panther“ nicht mag, aus welchen Gründen auch immer, muß ein „Rassist“ oder „Rechtsextremist“ sein.

Das entspricht der Strategie des ARD, schon im Vorfeld via Twittermeldung zu suggerieren, daß etwaige negative Kritiken zu „Aufbruch ins Ungewisse“ natürlich nur von „rechten Trollen“ stammen können:

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass rechte Aktivisten dazu aufgerufen haben, die Diskussion über den #FilmMittwoch „Aufbruch ins Ungewisse“ in den sozialen Netzwerken gezielt zu beeinflussen.

Wie üblich, übernahmen auch unsere Leitmedien ungeprüft den amerikanischen Hype mitsamt der ideologischen Agenda. Eine Autorin des Handelsblattes schreibt etwa:

Das Ende des weißen Superhelden bringt Disney Riesenerfolg. Der Marvel-Film zeigt: Diversität rechnet sich wirtschaftlich. Die Produktion mit zumeist schwarzen Darstellern bricht viele Rekorde.(…) Auch dieser Streifen beweist, es besteht eine Nachfrage für Action-Filme, deren Hauptdarsteller nicht weiße Männer sind.

Die Stoßrichtung ist überdeutlich: „Diversity“ wird einem Film mit einem fast komplett schwarzen Cast zugebilligt (der alte Spruch trifft wieder mal zu: „diversity = less white people“) und einen komplett schwarzen, fiktiven Ethnostaat darstellt. Die Endspitze richtet sich wie immer gegen die „weißen Männer“.

Ähnlich äußert sich ein Autor des Spiegels:

Das ist Mainstream-Kino mit ganz neuem Groove – und besitzt das Potenzial für eine kulturelle Zeitenwende… Die schönste, stolzeste Farbe in „Black Panther“ ist aber, natürlich, Schwarz. Martin Freeman (als CIA-Mittelsmann) und Andy Serkis (als Waffenschieber Klaue) sind die einzigen Weißen im Cast, spielen aber keine tragenden Rollen.

Oder die österreichische Presse, in der ein weißer, männlicher Autor die in der Tat auffallende (und etwas alberne) Dichte an „starken Frauen“ in dem Film hervorhebt – ob als geniale junge Wissenschaftlerinnen oder als glatzköpfige Amazonen wie aus einem Grace-Jones-Video, die reihenweise weiße Männer mit ihren Hi-Tech-„Vibranium“-Speeren vermöbeln:

Wakanda kann Vorbild sein, auch was die Darstellung der Frau – mit Kämpferinnen und Technikgenies – betrifft: Das ist sehr erfrischend, gerade für das machoide Comicfilm–Genre. Die weiblichen Figuren spielen die männlichen Protagonisten (auch T’Challa selbst) mit Schmäh und Stärke regelrecht an die Wand. So gesehen ist „Black Panther“ wie „Wonder Woman“ – auch die weibliche DC-Ikone musste viele Jahrzehnte auf einen Kinofilm warten – ein Meilenstein: Die Comic-Zukunft ist schwarz und weiblich. Und hip.

Wenn etwas derart „hip“, cool, trendy und progressiv ist, will natürlich kein Rezensent hintenanstehen, und dabei wird auf das Wesentliche völlig vergessen: Was wir hier sehen, ist offensichtlich ein trivialer, eskapistischer Wunscherfüllungstraum auf dem Level der Größen- und Allmachtsphantasien von Zwölfjährigen, der nichts, rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat – weder mit realen Frauen noch realen Schwarzen, insbesondere Afrikanern.

David Cole schrieb in Takimag:

Hollywood hat den schwarzen Amerikanern zum diesjährigen Valentinstag eine hochbudgetierte, herzförmige Zelluloidschachtel mit Schokoladenoptimismus geschenkt, damit sie für ein paar Stunden der Realität entkommen können, indem sie sich einen Film ansehen, dessen schwarze Helden brillant, tapfer, verantwortungsvoll und siegreich sind, und dessen fiktives afrikanisches Königreich prosperierend, sauber und ordentlich ist, ohne eine Menschenseele mit AIDS. Die schwarze Community braucht diesen Film jetzt. Denn die Zukunft – die Zukunft im echten Leben, nicht die Marvel-Kino-Universum-Zukunft der endlosen Sequels, Tie-ins und Reboots – ist düster.

Weiterlesen im Original! (dies ist Seite 1 von 4)

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Siehe auch:

Von Krakau nach Krypton: Juden und Comics von Ted Sallis

Marvel Comics, Ethnizität und Rasse von Ted Sallis

Wer kontrolliert Hollywood? von Joel Stein

Das Ulmer Münster und die Neger von mir

Alle Artikel der Reihe Star Dreck

Wer da? (Das Ding aus einer anderen Welt)

Von John W. Campbell Jr.; deutsche Übersetzung von Uwe Anton. Das Original „Who Goes There?“ erschien 1938. Die Illustration im Text stammt vom SF-Künstler Wayne Barlowe.

1

Es stank. Die schneeüberschütteten Hütten des Antarktis-Lagers strömten einen seltsamen, undefinierbaren Geruch aus, zusammengesetzt aus dem beißenden Schweiß der Menschen und dem durchdringenden, nach verwesendem Fisch stinkenden Tran der Robben. Über den modrigen Ausströmungen der schweiß- und schneegetränkten Felle lag der Geruch der Futtermittel. Der scharfe Gestank verbrannten Fetts und die nicht unangenehme Ausdünstung der Hunde, vom Wind schon fast verweht, hingen in der Luft.

Die durchdringenden Gerüche des Maschinenöls kontrastierten scharf mit denen der ledernen Geschirre und der Kleidung. Aber über all diesen Gerüchen der Menschen und ihrer Mitbringsel – Hunde, Maschinen und Nahrungsmittel – lag noch eine weitere Duftnote. Obwohl sie so schwach war, daß man sie kaum unter den gewohnten Gerüchen der Station ausmachen konnte, war sie dennoch so seltsam, daß den Männern wegen ihr eine Gänsehaut über den Rücken lief. Es war ein Geruch, wie ihn nur Leben ausstrahlen konnte, aber dennoch kam er von einem Etwas, das sorgfältig mit Stricken und wasserdichten Folien auf dem Tisch verschnürt lag. Unter dem hellen Glanz der unbeschirmten Glühbirne wartete es dort, massig und dunkel, und in monotonem Rhythmus lösten sich Wassertropfen davon und klatschten auf die schweren Holzplanken des Fußbodens.

Blair, der kleine kahlköpfige Biologe der Expedition, zerrte nervös an den Folien und legte dabei klares, dunkles Eis bloß, nur um sie dann sofort wieder ruhelos zurückzuschieben. Seine abgehackten, von unterdrücktem Eifer zeugenden Bewegungen verursachten tanzende Schatten auf der ausgefransten, schmutziggrauen Unterwäsche, die unter der niedrigen Decke auf der Leine hing, und sein übriggebliebener, dichter Haarstreifen, der sich um den Kopf zog, wirkte auf den Schattenbildern wie ein verzerrter Halo, der sich um den nackten Schädel des Mannes gelegt hatte.

Kommandant Garry wischte die schlaff herabhängenden Beine einer langen Unterhose beiseite und trat auf den Tisch zu. Aufmerksam glitt sein Blick über die Gruppen der Männer, die in dem Verwaltungsgebäude eingepfercht waren. Sein großer, steifer Körper streckte sich schließlich, und er nickte. „Siebenunddreißig“, sagte er. „Es sind alle hier.“ Seine Stimme war tief und zeugte von der deutlichen Autorität eines Mannes, der sowohl von Natur aus als auch vom Titel her Kommandant war.

„In Umrissen kennt ihr die Geschichte dieses Fundes der Zweiten Polarexpedition. Ich habe mit dem stellvertretenden Kommandanten McReady, mit Norris und auch mit Blair und Dr. Copper gesprochen. Wir haben eine Meinungsverschiedenheit, und da sie die ganze Gruppe betrifft, ist es nur recht und billig, daß sich alle Teilnehmer der Expedition persönlich hier befinden. Ich werde McReady bitten, euch die Details des Fundes mitzuteilen, da ihr mit eurer eigenen Arbeit zu beschäftigt seid, um euch noch darum zu kümmern, was die anderen unternehmen. McReady, bitte.“

McReadys Gestalt – sie schien einem alten, vergessenen Mythos zu entstammen, eine vor Leben nur so strotzende bronzene Skulptur – hob sich undeutlich unter dem blauen Tabaksdunst hervor. Der über einen Meter und neunzig große Mann kam zum Tisch. Mit einer fast schon charakteristischen Bewegung schaute er zu den niedrig hängenden Gebälkverstrebungen und richtete sich dann erst zur vollen Größe auf. Er trug noch seinen groben, grellgelben Anorak, aber selbst hier, einen Meter und zwanzig unter den Stürmen, die über die antarktische Eiswüste fegten und auch vor der Hütte keinen Halt machten, schien das nicht unangebracht, denn auch hier war die Kälte des vereisten Kontinents noch deutlich zu spüren und erklärte auch das verhärmte Aussehen des Mannes. Er war in der Tat bronzefarben – sogar sein kupferroter Bart und sein dichtes Haar, die knotigen, zerfurchten Hände, die sich öffneten und wieder schlossen und dann endlich auf den hölzernen Brettern des Tisches zur Ruhe kamen. Sogar seine tiefliegenden Augen hinter den dichten Brauen waren bronzefarben.

Die der Zeit widerstehende Ausdauer von Metall spiegelte sich in seinen tief zerfurchten Gesichtszügen und in seiner dunklen Stimme.

„Norris und Blair stimmen in einem überein“, sagte er. „Das Tier, das wir gefunden haben, ist nicht – irdischen Ursprungs. Norris fürchtet, daß es Gefahr in sich birgt, Blair aber nicht. Aber zurück dazu, wie und warum wir es gefunden haben. Bevor wir hierher kamen, glaubte man, daß das Lager genau über dem magnetischen Südpol der Erde läge. Ihr alle wißt, daß der Kompaß hier genau nach unten deutet. Die genaueren Instrumente der Physiker, Instrumente, die speziell für eine Expedition und die Erforschung des magnetischen Pols gefertigt wurden, entdeckten einen weiteren, weniger starken magnetischen Ausschlag in etwa achtzig Meilen südwestlicher Richtung vom Lager.

Die zweite Expedition wurde ausgeschickt, um diesen Ausschlag näher zu untersuchen. Details dazu sind überflüssig. Wir fanden den Quell der magnetischen Strahlung, aber er bestand nicht aus einem riesigen Meteoriten oder einem magnetischen Berg, wie Norris es vermutet hatte. Eisenerz ist natürlich magnetisch, reines Eisen sogar in stärkerem Ausmaß, und gewisse spezielle Stahllegierungen noch mehr. Die Oberflächenuntersuchungen ergaben, daß dieser Pol etwa dreißig Meter unter dem Eis lag, am Fuße eines Gletschers.

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Ins Herz des Kometen

Von Arthur Charles Clarke, übersetzt und mit einem Anhang von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“). Das Original „Into the Comet“ erschien 1960 bei Fantasy & Science Fiction.

„Ich weiß nicht, warum ich dies aufzeichne“, sagte George Takeo Pickett langsam in das schwebende Mikrofon. „Es besteht keine Chance, daß irgend jemand es jemals hören wird. Sie sagen, daß der Komet uns in etwa zwei Millionen Jahren wieder in die Nähe der Erde bringen wird, wenn er seine nächste Runde um die Sonne macht. Ich frage mich, ob die Menschheit dann noch immer existieren wird, und ob der Komet unseren Nachkommen so ein gutes Schauspiel bieten wird, wie er es für uns tat? Vielleicht werden sie eine Expedition starten, so wie wir es getan haben, um zu sehen, was es zu finden gibt. Und sie werden uns finden…

Denn das Schiff wird immer noch in perfektem Zustand sein, selbst nach all diesen Zeitaltern. Es wird Treibstoff in den Tanks sein, vielleicht sogar reichlich Luft, denn unsere Nahrung wird als erstes ausgehen, und wir werden verhungern, bevor wir ersticken. Aber ich schätze, wir werden nicht darauf warten; es wird schneller gehen, die Luftschleuse zu öffnen und es hinter uns zu bringen.

Als ich ein Junge war, las ich ein Buch über eine Polarexpedition mit dem Titel Winter Amid the Ice. Nun, das steht uns jetzt bevor. Rund um uns gibt es Eis, das in großen, porösen Eisbergen schwebt. Die Challenger befindet sich in der Mitte eines Schwarms, wo sie so langsam umeinander kreisen, daß man mehrere Minuten warten muß, bevor man sicher ist, daß sie sich bewegt haben. Aber keine Expedition zu den Polen der Erde hatte es je mit unserem Winter zu tun. Während des Großteils dieser zwei Millionen Jahre wird die Temperatur zweihundertfünfundsechzig Grad unter Null betragen. Wir werden so weit von der Sonne entfernt sein, daß sie ungefähr so viel Wärme spenden wird wie die Sterne. Und wer hat jemals versucht, sich in einer kalten Winternacht die Hände am Sirius zu wärmen?“

Dieses absurde Bild, das ihm plötzlich in den Sinn kam, führte dazu, daß er völlig am Boden war. Er konnte nicht sprechen wegen der Erinnerung an Mondlicht auf schneebedeckten Feldern, an weihnachtliches Glockengeläut, das über einem Land erklang, das bereits fünfzig Millionen Meilen entfernt lag. Plötzlich weinte er wie ein Kind, seine Selbstbeherrschung war aufgelöst von der Erinnerung an all die vertrauten, mißachteten Schönheiten der Erde, die er für immer verloren hatte.

Und alles hatte so gut begonnen, in solch glanzvoller Aufregung und Abenteuer. Er konnte sich an das allererste Mal erinnern (war es erst sechs Monate her?), als er hinausgegangen war, um Ausschau nach dem Kometen zu halten, bald nachdem der achtzehnjährige Jimmy Randall ihn mit seinem selbstgebauten Teleskop gefunden und sein berühmtes Telegramm an das Mount-Stromlo-Observatorium geschickt hatte. In jenen frühen Tagen war er nur eine lichtschwache neblige Kaulquappe gewesen, die sich langsam durch das Sternbild Eridanus bewegte, gerade südlich des Äquators. Er war immer noch weit jenseits der Umlaufbahn des Mars und sauste auf seinem immens langgezogenen Orbit sonnenwärts. Als er das letzte Mal am Himmel der Erde geleuchtet hatte, gab es keine Menschen, die ihn gesehen hätten, und es würde vielleicht keine mehr geben, wenn er wieder erschien. Die menschliche Rasse sah Randalls Kometen das erste und vielleicht einzige Mal.

Als er sich der Sonne näherte, wuchs er und stieß Gasfahnen und Strahlen aus, von denen der kleinste größer war als hundert Erden. Wie ein großer Wimpel, der in einer kosmischen Brise wehte, war der Schweif des Kometen bereits vierzig Millionen Meilen lang, als er über die Umlaufbahn des Mars raste. Zu diesem Zeitpunkt erkannten die Astronomen, daß dies der spektakulärste Anblick werden könnte, der je am Himmel zu sehen war; das Schauspiel, das der Halley’sche Komet damals 1986 geboten hatte, würde nichts sein im Vergleich dazu. Und zu diesem Zeitpunkt entschieden die Administratoren des Internationalen Astrophysikalischen Jahrzehnts, ihm das Forschungsschiff Challenger hinterherzuschicken, falls es rechtzeitig ausgerüstet werden konnte; denn hier bot sich eine Chance, die vielleicht in tausend Jahren nicht wiederkommen würde.

Eine Woche nach der anderen breitete sich der Komet in den Stunden vor der Morgendämmerung wie eine zweite, aber viel hellere Milchstraße über den Himmel aus. Als er sich der Sonne näherte und wieder das Feuer spürte, das er nicht gekannt hatte, seit die Mammuts die Erde erschütterten, wurde er stetig aktiver. Stöße leuchtenden Gases brachen aus seinem Kern hervor und bildeten große Fächer, die sich wie langsam herumschwingende Scheinwerferstrahlen vor den Sternen drehten. Der Schweif, nun hundert Millionen Meilen lang, teilte sich in komplizierte Bänder und Fahnen, die ihre Muster im Laufe einer einzigen Nacht völlig veränderten. Immer wiesen sie von der Sonne weg, als ob sie von einem großen Wind getrieben wären, der für immer aus dem Herzen des Sonnensystems wehte.

Als er der Challenger zugeteilt worden war, konnte George Pickett sein Glück kaum glauben. Nichts dergleichen war irgendeinem Reporter seit William Laurence und der Atombombe geschehen. Daß er einen wissenschaftlichen Abschluß hatte, unverheiratet und gesund war, weniger als einhundertzwanzig Pfund wog und keinen Blinddarm mehr hatte, war zweifellos hilfreich gewesen. Aber es mußte viele andere gleichermaßen Qualifizierte gegeben haben; nun, ihr Neid würde sich bald in Erleichterung verwandeln.

Weil in der knappen Nutzlastzuladung der Challenger kein bloßer Reporter untergebracht werden konnte, mußte Pickett in seiner Freizeit eine Zweitrolle als Erster Offizier übernehmen. Dies bedeutete in der Praxis, daß er das Logbuch führen, als Sekretär des Kapitäns fungieren, die Vorräte überwachen und die Bilanzen führen mußte. Es war ein ziemliches Glück, dachte er oft, daß man in der schwerelosen Welt des Raums nur drei Stunden Schlaf pro vierundzwanzig Stunden brauchte.

Seine beiden Pflichten getrennt zu halten, hatte ein großes Maß an Takt erfordert. Wenn er nicht in seinem besenkammergroßen Büro schrieb oder die Tausenden von Artikeln überprüfte, die in den Lagerräumen verstaut waren, pflegte er mit seinem Recorder auf die Pirsch zu gehen. Er hatte zeitweise sorgfältig darauf geachtet, jeden einzelnen der zwanzig Wissenschaftler und Ingenieure zu interviewen, die die Challenger bemannten. Nicht alle der Aufzeichnungen waren zurück zur Erde gefunkt worden; manche waren zu technisch gewesen, manche zu unklar ausgedrückt, und andere zu sehr das Gegenteil davon. Aber zumindest hatte er niemanden begünstigt, und soweit er wußte, war er auf keine Zehen getreten. Nicht, daß das jetzt noch zählte.

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Der Mikro-Warpantrieb

Von John G. Cramer; Original: The Micro-Warp Drive, ursprünglich verfaßt am 15. August 1999 und veröffentlicht in der Februarausgabe 2000 des Analog Science Fiction & Fact Magazine.

Übersetzt von Cernunnos (das Titelbild von Adrian Mann wurde vom Übersetzer als „Symbolbild“ eingefügt). [Originalübersetzung hier; Links für hier auf „Morgenwacht“ angepaßt.]

Ein kürzlicher Durchbruch hat das Konzept eines „Warpantriebs“ einen weiteren Schritt auf dem Weg von einer fiktiven Requisite für die Science Fiction zu einem gut fundierten physikalischen Konzept befördert, das vielleicht eines Tages verwirklicht werden könnte. Diese Verbesserung des Alcubierre-Warpantriebs wurde von Chris Van Den Broeck entwickelt, einem Theoretiker über die Allgemeine Relativitätstheorie an der Katholischen Universität von Löwen in Belgien. Er hat scheinbar unüberwindliche Probleme mit dem Entwurf des Alcubierre-Warpantriebs beseitigt. Seine Verbesserung bedient sich topologischer Gymnastik, um das Innere der Warp-Blase groß zu halten, während deren äußere Oberfläche sehr klein gemacht wird. Aber bevor ich Van Den Broecks Arbeit beschreibe, werde ich das Konzept des Alcubierre-Warpantriebs selbst zusammenfassen, das erstmals in meiner Kolumne #81 in der Novemberausgabe 1996 von Analog vorkam.

Bis 1994 war ein „Warpantrieb“ einer der Mythen der Science Fiction, ein gummiwissenschaftliches Konzept, das hauptsächlich verwendet wurde, um Helden von Weltraumopern mit Überlichtgeschwindigkeit von einem Sternsystem zum anderen flitzen zu lassen und dabei die Handlung voranzutreiben. Diejenigen, die mit den Gesetzen der Physik vertraut sind, sahen den Warpantrieb als eine offenkundige Verletzung der Prinzipien der Speziellen Relativitätstheorie, der Energieerhaltung und der Physik, wie wir sie kennen. Er wurde als exzessiver, aber vielleicht notwendiger Gebrauch der literarischen Freiheit von SF-Autoren toleriert.

Der Status des Warp-Antriebs änderte sich 1994 dramatisch, als Dr. Miguel Alcubierre einen Artikel mit dem Titel „The Warp Drive: hyper-fast travel within general relativity“ [„Der Warpantrieb: hyperschnelles Reisen im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie“] im Journal Classical and Quantum Gravity veröffentlichte. Alcubierre ist ein theoretischer Physiker aus Mexiko, der 1994 an der University of Wales arbeitete und sich nun am Albert-Einstein-Institut in Potsdam, Deutschland, befindet. Ebenfalls ein Fan der SF, war er von der SF-Tradition erfüllt und wandte seine Expertise in Physik den Überlegungen darüber zu, wie ein Warpantrieb innerhalb der Einschränkungen der Allgemeinen Relativitätstheorie, unseres gegenwärtigen „Standardmodells“ der Schwerkraft, konstruiert werden könnte. Alcubierre konstruierte eine „Metrik“, eine mathematische Spezifikation der Krümmung der Raumzeit, die all die Eigenschaften eines SF-Warpantriebs einschließlich der Fähigkeit zum überlichtschnellen Flug hatte. Überraschenderweise ist Alcubierres Warpantriebsmetrik eine Lösung von Einsteins Gleichungen zur Allgemeinen Relativitätstheorie und ist völlig mit ihnen konsistent. Dem Warpantrieb der Science Fiction war eine konsistente theoretische und mathematische Grundlage gegeben worden.

Wenn theoretische Physiker die Allgemeine Relativitätstheorie benutzen, besteht ihre normale Prozedur darin, mit irgendeiner Verteilung massiver Objekte zu beginnen und die Metrik zu berechnen, die die Raumzeitkrümmung beschreibt, die solch eine Verteilung produzieren würde. Alcubierre kehrte diese Prozedur um. Ohne sich darum zu sorgen, wie sie geformt werden könnte, konstruierte er eine Metrik, die ein Volumen eines flachen [= ungekrümmten; d. Ü.] Raumes, das vielleicht ein Raumschiff enthält, mit Überlichtgeschwindigkeit transportieren könnte. Dies wurde dadurch erreicht, daß das Volumen von flachem Raum in eine „Blase“ stark gekrümmten Raumes plaziert wird, worauf der Raum vor der Blase vernichtet und neuer Raum dahinter geschaffen wird. Effektiv wird die Warp-Blase durch Schaffung und Vernichtung von Raum vorangetrieben, als ob ein örtlicher Urknall hinter dem Heck des Raumschiffs stattfinden würde, während ein örtlicher „Big Crunch“ davor stattfände.

Wie schafft es Alcubierres Metrik, ein Objekt schneller als mit Lichtgeschwindigkeit zu bewegen? Steht das nicht in direktem Widerspruch zu Einsteins Spezieller Relativitätstheorie? In Wirklichkeit nicht. Die Allgemeine Relativitätstheorie behandelt die Spezielle Relativitätstheorie als eine eingeschränkte Subtheorie, die örtlich für jede Raumregion zutrifft, die ausreichend klein ist, daß ihre Krümmung vernachlässigt werden kann. Die Allgemeine Relativitätstheorie verbietet überlichtschnelle Reisen oder Kommunikation nicht, aber sie verlangt, daß die örtlichen Einschränkungen der Speziellen Relativitätstheorie gelten. In anderen Worten: die Lichtgeschwindigkeit ist die örtliche Geschwindigkeitsgrenze, aber der breitere Kontext der Allgemeinen Relativitätstheorie kann Wege zur Umgehung dieses örtlichen Gesetzes bieten. Ein Beispiel dafür ist ein Wurmloch (siehe meine AV-Kolumnen Analog 6/89 und 5/90), das zwei weit voneinander entfernte Orte im Weltraum verbindet, sagen wir, fünf Lichtjahre auseinander. Ein Objekt könnte ein paar Minuten brauchen, um sich mit geringer Geschwindigkeit durch ein Wurmloch zu bewegen, und auf dem ganzen Weg die örtliche Geschwindigkeitsgrenze einhalten. Durch Passieren des Wurmlochs ist das Objekt jedoch fünf Lichtjahre in wenigen Minuten gereist und hat dabei eine effektive Geschwindigkeit produziert, die das Millionenfache der Lichtgeschwindigkeit beträgt.

Ein weiteres Beispiel für ein überlichtschnelles Phänomen ist die Ausdehnung des Universums selbst. Während sich das Universum ausdehnt, wird neuer Raum zwischen jeglichen zwei voneinander getrennten Objekten geschaffen. Die Objekte mögen sich jeweils in ihrer eigenen Raumzeit in Ruhe befinden, aber trotzdem kann der Abstand zwischen ihnen mit einer Rate wachsen, die viel größer ist als die Lichtgeschwindigkeit. Dem gegenwärtigen Standardmodell der Kosmologie zufolge weicht der Großteil des Universums mit Überlichtgeschwindigkeit zurück und ist daher völlig von uns isoliert.

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