Die grünen Hügel der Erde

Von Robert Anson Heinlein; das Original „The Green Hills of Earth“ wurde am 8. Februar 1947 erstmals in der „Saturday Evening Post“ veröffentlicht.
Die englische Originalfassung dieser Kurzgeschichte (10 Seiten), so wie sie 1963 im „Reader of Fantasy & Science Fiction“ der Saturday Evening Post veröffentlicht wurde, kann man hier online lesen: The Green Hills of Earth. Das virtuelle Buch kann man durch Draufklicken größer heranzoomen und kann dann Seite für Seite umblättern. „The Green Hills of Earth“ beginnt gleich nach der Inhaltsangabe; die einzelnen Seiten können auch als JPEGs heruntergeladen werden. Übersetzung: Lichtschwert (ursprünglich für „Nord-Licht“).

Dies ist die Geschichte von Rhysling, dem blinden Sänger der Raumflugrouten – aber nicht die offizielle Version. Sie haben seine Worte in der Schule gesungen:

I pray for one last landing
On the globe that gave me birth;
Let me rest my eyes on the fleecy skies
And the cool, green hills of Earth.

Oder vielleicht haben Sie es auf Französisch oder Deutsch gesungen. Oder vielleicht war es Esperanto, während Terras Regenbogenbanner über Ihrem Kopf flatterte.

Die Sprache zählt nicht – es war sicherlich eine Erdensprache. Niemand hat Green Hills jemals in die lispelnde venusische Sprache übersetzt; kein Marsianer krächzte und flüsterte sie in den trockenen Korridoren. Dies gehört uns. Wir von der Erde haben alles exportiert, von Gruselfilmen aus Hollywood bis zu synthetischen radioaktiven Materialien, aber dies gehört allein Terra, und ihren Söhnen und Töchtern, wo immer sie sein mögen.

Wir alle haben Geschichten über Rhysling gehört. Sie waren vielleicht sogar einer der vielen, die ein Diplom mit der wissenschaftlichen Beurteilung seiner veröffentlichten Werke angestrebt haben – Songs of the Spaceways; The Grand Canal, and other Poems; High and Far und Up Ship!

Dennoch kann man, obwohl Sie seine Lieder gesungen und seine Verse gelesen haben, innerhalb und außerhalb der Schule, Ihr ganzes Leben lang, mit mindestens ausgeglichenen Chancen darauf wetten – sofern Sie nicht selbst ein Raumfahrer sind – daß Sie von den meisten von Rhyslings unveröffentlichten Liedern nie auch nur gehört haben, solche Sachen wie Since the Pusher Met My Cousin; That Red-Headed Venusberg Gal; Keep Your Pants On, Skipper oder A Space Suit Built For Two. Noch können wir sie in einem Familienmagazin zitieren.

Rhyslings Ruf wurde durch einen achtsamen literarischen Nachlaßverwalter und von dem glücklichen Zufall geschützt, daß er nie interviewt wurde. Songs of the Spaceways erschien in der Woche, in der er starb; als es ein Bestseller wurde, wurden die Reklamegeschichten über ihn aus dem zusammengestückelt, was die Leute von ihm in Erinnerung hatten, plus die sehr bunten Informationsblätter seiner Verleger. Das resultierende traditionelle Bild von Rhysling ist ungefähr so authentisch wie George Washingtons Beil oder König Alfreds Kuchen.

In Wahrheit hätten Sie ihn nicht in Ihrem Wohnzimmer haben wollen; er war nicht gesellschaftsfähig. Er hatte ein dauerndes Sonnenjucken, das er ständig kratzte, was nichts zu seiner vernachlässigbaren Schönheit beitrug.

Van der Voorts Porträt von ihm für die Harriman-Centennial-Ausgabe seiner Werke zeigt eine Gestalt von hoher Tragik, einen ernsten Mund, blicklose Augen, die durch eine schwarze Seidenbinde verborgen waren. Er war nie ernst! Sein Mund war immer offen, singend, grinsend, trinkend oder essend. Die Binde war irgendein Fetzen, für gewöhnlich schmutzig. Nachdem er sein Augenlicht verloren hatte, achtete er immer weniger auf sein Äußeres.

„Noisy“ Rhysling war ein Düsenmann zweiter Klasse, mit Augen so gut wie Ihre, als er für eine Rundtour auf der R. S. Goshawk zu den Jupiter-Asteroiden unterschrieb. Die Besatzung unterzeichnete in jenen Tagen Verzichtserklärungen für alles; ein Gesellschafter von Lloyd’s hätte einem ins Gesicht gelacht bei der Vorstellung, einen Raumfahrer zu versichern. Von dem Gesetz über Vorsichtsmaßnahmen im Weltraum hatte man noch nie gehört, und die Firma war nur für die Löhne verantwortlich, falls und wenn. Die Hälfte der Schiffe, die weiter flogen als nach Luna City, kam nie zurück. Den Raumfahrern war es egal; sie unterschrieben vorzugsweise auf Beteiligungsbasis, und jeder von ihnen hätte mit Ihnen gewettet, daß er vom hundertsten Stockwerk des Harriman-Turms springen und sicher landen könne, wenn man ihm drei zu zwei geboten und ihm Gummiabsätze für die Landung gewährt hätte.

Düsenmänner waren die Unbekümmertsten in dem Haufen und die Fiesesten. Verglichen mit ihnen waren die Kapitäne, die Radarleute und die Astrogatoren (es gab in jenen Tagen keine Stewards) sanftmütige Vegetarier. Düsenmänner wußten zuviel. Die anderen vertrauten auf das Geschick des Kapitäns, sie sicher herunterzubringen; Düsenmänner wußten, daß Können nutzlos war gegen die blinden und launenhaften Teufel, die in ihren Raketenmotoren angekettet waren.

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Der gläserne Wächter

Im verlöschenden Nachglühen der Schöpfung kam etwas von den Sternen, schwebte durch unser Sonnensystem und hinterließ ein Zeugnis seiner Reise.

Von Arthur Charles Clarke, aus „Das Beste aus Reader’s Digest“ Oktober 1988 (Original: „The Sentinel“, 1951; aus dieser Kurzgeschichte entstand die Idee zu „2001 – Odyssee im Weltraum“). Die etwas gekürzte deutsche Fassung aus „Reader’s Digest“ wurde von mir (Lichtschwert/Lucifex) durch eigene Übersetzungen nach dem Originaltext (PDF, 6 Seiten) ergänzt. (Der damalige Erkenntnisstand über die Natur der Mondmeere und ihre Entstehung war noch ein anderer, als wir ihn heute haben, was aber das Funktionieren der Geschichte nicht beeinträchtigt.) Das Titelbild stammt aus der Veröffentlichung in Reader’s Digest, das Mondfoto wurde von mir eingefügt.

*   *   *

Wenn Sie das nächste Mal den Vollmond hoch droben am Südhimmel sehen, betrachten Sie genau die rechte Seite der Scheibe. Stellen Sie sich jetzt ein aufgelegtes Zifferblatt vor, dann können Sie etwa bei zwei Uhr einen dunklen, ovalen Fleck erkennen; jeder mit normaler Sehkraft kann ihn recht leicht finden. Das ist die große Ebene, eine der schönsten auf dem Mond. Sie heißt Mare Crisium – das Krisenmeer. Es hat einen Durchmesser von 420 Kilometern, ist fast vollständig von einer herrlichen Gebirgskette umgeben und war noch vollkommen unerforscht, als wir im Spätsommer 1996 dorthin kamen.

Unsere Expedition war eine große. Wir hatten zwei schwere Frachter, die unsere Vorräte und Ausrüstung von der lunaren Hauptbasis im Mare Serenitatis, achthundert Kilometer entfernt, eingeflogen hatten. Es gab auch drei kleine Raketen, die für den Kurzstreckentransport über Bereiche bestimmt waren, die unsere Oberflächenfahrzeuge nicht überqueren konnten. Zum Glück ist der Großteil des Mare Crisium sehr flach. Es gibt keine der großen Spalten, die anderswo so häufig und so gefährlich sind, und sehr wenige Krater oder Berge irgendwelcher Größe. Soweit wir sagen konnten, würden unsere starken Raupentraktoren keine Schwierigkeit damit haben, uns überall hinzubringen, wo wir hinwollten.

Ich war ein Geologe – oder Selenologe, wenn Sie pedantisch sein wollen -, der die Gruppe leitete, die den südlichen Abschnitt der Ebene untersuchen sollte. Wir hatten ein paar hundert Meilen davon in einer Woche durchquert und waren die Ausläufer der Berge entlang des Ufers von etwas entlanggefahren, das einst das uralte Meer war, vor etwa tausend Millionen Jahren. Als das Leben auf der Erde begann, starb es hier bereits. Die Wasser wichen über die Flanken jener gewaltigen Klippen zurück und zogen sich in das leere Herz des Mondes zurück. Über dem Land, das wir durchquerten, war der gezeitenlose Ozean einst achthundert Meter tief gewesen, und nun war die einzige Spur von Feuchtigkeit der Rauhreif, den man manchmal in Höhlen finden konnte, in die das sengende Sonnenlicht nie vordrang.

Wir hatten unsere Reise früh im langen Morgengrauen des Mondes begonnen; nach Erdzeitrechnung blieb uns noch beinahe eine Woche, bis es wieder Nacht wurde. Etwa sechsmal am Tag verließen wir das Fahrzeug in behelmten Raumanzügen, um nach interessanten Mineralien Ausschau zu halten, oder um Markierungen zur Anleitung zukünftiger Reisender anzubringen. Es war ereignislose Routine. Es ist nichts Riskantes oder auch nur besonders Aufregendes an der Erforschung des Mondes. Wir konnten bequem einen Monat lang in unseren druckgeregelten Traktoren leben, und falls wir auf Schwierigkeiten stießen, konnten wir immer um Hilfe funken und abwarten, bis eines der Raumschiffe zu unserer Rettung kam.

Ich sagte gerade, daß es nichts Aufregendes an der Erforschung des Mondes gibt, aber das ist natürlich nicht wahr. Wir konnten uns an jenen unglaublichen Bergen nicht satt sehen, die viel zerklüfteter und scharfkantiger waren als die sanften Erhebungen auf der Erde. Wenn wir um ein Vorgebirge oder Kap jenes verschwundenen Meeres herumfuhren, wußten wir nie, welche prachtvollen Ausblicke sich uns offenbaren würden. Die gesamte südliche Krümmung des Mare Crisium ist ein riesiges Delta, wo eine Anzahl von Flüssen einst ihren Weg in den Ozean fanden, vielleicht gespeist von den Sturzregen, die die Berge in dem kurzen vulkanischen Zeitalter gepeitscht haben mußten, als der Mond jung war. Jedes dieser uralten Täler war eine Einladung, die uns dazu herausforderte, in die unbekannten Hochländer dahinter zu klettern. Aber wir hatten immer noch über hundertsechzig Kilometer zurückzulegen und konnten nur sehnsüchtig die Höhen betrachten, die andere erklimmen mußten.

Wir orientierten uns an Bord des Traktors weiterhin an der Erdzeit, und exakt um 22 Uhr wurde die letzte Nachricht an die 800 Kilometer entfernte Zentrale gefunkt. Draußen glühten immer noch die Berge im fast senkrecht einfallenden Sonnenlicht, aber für uns war es Nacht, bis wir acht Stunden später wieder erwachten. Dann pflegte einer von uns das Frühstück zuzubereiten, es gab viel Gesumm von elektrischen Rasierapparaten, und jemand schaltete das Kurzwellenradio von der Erde ein. Tatsächlich war es, wenn der Geruch von Bratwürsten die Kabine zu füllen begann, manchmal schwer zu glauben, daß wir nicht zurück auf unserer eigenen Welt waren – alles war so normal und gemütlich, abgesehen vom Gefühl des verringerten Gewichts und der unnatürlichen Langsamkeit, mit der Gegenstände fielen.

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Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel

Von George R. R. Martin. Original: „With Morning Comes Mistfall“, veröffentlicht 1973. Die deutsche Übersetzung von Martin Eisele erschien im GRRM-Sammelband „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ (Moewig-Verlag 1982, ISBN 3-8118-3567-X).

*   *   *

Ich kam zeitig zum Frühstück an jenem Morgen, dem ersten Tag nach der Landung. Aber Sanders war schon auf dem Speisebalkon draußen, als ich dort ankam. Er stand allein am Rand und schaute über die Berge in den Nebel hinaus.

Ich schlenderte von hinten heran und murmelte: „Hallo“. Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten. „Es ist schön, nicht wahr?“ sagte er, ohne sich umzudrehen. Und das war es.

Nur ein paar Fuß unterhalb des Balkons wallten die Nebel, ließen geisterhafte Brecher gegen die Mauern von Sanders Schloß krachen. Eine dichte weiße Decke erstreckte sich von Horizont zu Horizont, verhüllte alles. Wir konnten im Norden den Gipfel des Roten Geistes sehen; ein gezackter Dolch aus scharlachrotem Fels, der in den Himmel stach. Aber das war alles. Die anderen Berge waren noch unter Nebelhöhe.

Aber wir waren über den Nebeln. Sanders hatte sein Hotel auf dem höchsten Berg der Kette gebaut. Wir trieben allein in einem wirbelnden weißen Ozean, auf einem fliegenden Schloß inmitten eines Wolkenmeeres.

Wolkenschloß, wirklich. So hatte Sanders diesen Ort genannt. Es war leicht zu verstehen, weshalb.

„Ist es immer so?“ fragte ich Sanders, nachdem ich das alles eine Zeitlang in mich hineingetrunken hatte.

„Jedesmal, wenn der Nebel fällt“, erwiderte er, wobei er sich mir mit einem wehmütigen Lächeln zuwandte. Er war ein dicker Mann mit einem jovialen roten Gesicht. Nicht die Sorte, die wehmütig zu lächeln pflegt. Aber er tat es.

Er deutete nach Osten, wo Geisterwelts Sonne über die Nebel emporstieg und den Morgendämmerungshimmel zu einem karmesinroten und orangenen Schauspiel machte.

„Die Sonne“, sagte er. „Wenn sie aufgeht, treibt die Hitze die Nebel in die Täler zurück, zwingt sie, die Berge freizugeben, die sie während der Nacht erobert haben. Die Nebel sinken, und einer nach dem anderen kommen die Gipfel in Sicht. Bis zum Mittag ist die ganze Kette Meilen und Meilen weit sichtbar. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Erde oder sonstwo.“

Er lächelte wieder und führte mich an einen der auf dem Balkon verstreut stehenden Tische hinüber. „Und dann, bei Sonnenuntergang, ist alles umgekehrt. Sie müssen heute abend den Nebelaufgang beobachten“, sagte er.

Wir setzten uns, und als die Stühle unsere Anwesenheit registrierten, kam ein schnittiger Robokellner herausgerollt, um uns zu bedienen. Sanders ignorierte ihn. „Es ist ein Krieg, wissen Sie“, fuhr er fort. „Ewiger Krieg zwischen der Sonne und den Nebeln. Und die Nebel sind dabei im Vorteil. Sie haben die Täler und die Ebenen und die Meeresküsten. Die Sonne hat nur ein paar Bergspitzen. Und die nur bei Tag.“

Er wandte sich an den Robokellner und bestellte Kaffee für uns beide, um uns beschäftigt zu halten, bis die anderen ankamen. Natürlich würde er frisch aufgebrüht sein. Sanders tolerierte keine Sofortlöslichen auf seinem Planeten.

„Es gefällt Ihnen hier“, sagte ich, während wir auf den Kaffee warteten.

Sanders lachte. „Warum sollte es mir nicht gefallen? Wolkenschloß hat alles. Gutes Essen, Unterhaltung, Glücksspiele und all die anderen Annehmlichkeiten von zu Hause. Plus diesen Planeten. Ich habe das Beste von beiden Welten, oder?“

„Das nehme ich an. Aber die meisten Leute denken nicht in derartigen Begriffen. Niemand kommt des Spielens oder des Essens wegen nach Geisterwelt.“

Sanders nickte. „Aber wir bekommen ein paar Jäger. Scharf auf Felskatzen und Prärieteufel. Und ab und zu kommt jemand, um sich die Ruinen anzusehen.“

„Mag sein“, sagte ich. „Aber die sind die Ausnahmen. Nicht die Regel. Die meisten Ihrer Gäste sind aus einem ganz bestimmten Grund hier.“

„Sicher“, gab er grinsend zu. „Die Geister.“

„Die Geister“, echote ich. „Sie haben Schönheit hier, und man kann jagen und fischen und bergsteigen. Aber nichts davon bringt die Touristen hierher. Es sind die Geister, deretwegen sie kommen.“

Dann kam der Kaffee, zwei große, dampfende Tassen, begleitet von einem Krug mit dicker Sahne. Er war sehr stark und sehr heiß und sehr gut. Nach Wochen mit Raumschiffssynthetik war es ein Erwachen.

Sanders schlürfte mit Vorsicht an seinem Kaffee, wobei seine Augen mich über die Tasse hinweg musterten. Er stellte sie nachdenklich ab. „Und der Geister wegen sind auch Sie gekommen“, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Natürlich. Meine Leser sind nicht an Landschaften interessiert, egal wie großartig sie sind. Dubowski und seine Männer sind hier, um die Geister zu finden, und ich bin hier, um über die Sache zu schreiben.“

Sanders wollte gerade antworten, bekam aber keine Gelegenheit dazu. Eine scharfe, präzise Stimme fiel plötzlich ein. „Wenn es hier überhaupt Geister zu finden gibt“, sagte die Stimme.

Wir drehten uns zum Balkoneingang um. Dr. Charles Dubowski, Kopf des Geisterwelt-Forschungsteams, stand in der Tür und blinzelte ins Licht. Er hatte es geschafft, das Geschnatter von Forschungsassistenten abzuschütteln, die für gewöhnlich überall hinter ihm her kamen.

Dubowski hielt eine Sekunde inne, kam dann an unseren Tisch herüber, zog einen Stuhl vor und setzte sich. Der Robokellner kam wieder herausgerollt.

Sanders faßte den Wissenschaftler mit unverhohlener Abneigung ins Auge. „Was bringt Sie auf den Gedanken, die Geister gäbe es nicht, Doktor?“ fragte er.

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Labyrinth zwischen den Sternen – Epilog: Die Seraph II

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert (Lucifex / Deep Roots).

Zuvor erschienene Teile:
Prolog: Die Seraph
Erster Teil: Zur Zitadelle
Zweiter Teil: Zu den Pyramiden
Dritter Teil: Zum Thron

EPILOG: DIE SERAPH II

Auf den Sichtschirmen der Seraph II zeichnete sich die nahe Landung ab. Von der Kommandobrücke aus betrachtete Axxal die bleich und stumm vor ihm treibende Planetenscheibe und verspürte augenblicklich Angst vor dem, was kommen mochte. Doch er unterdrückte seine Schwäche, gab die nötigen Befehle und leitete die Landung ein. Er und seine Mannschaft hatten bereits manche Hindernisse überwunden. Auch mit diesem würden sie fertig werden.

Seine Leute waren ein schwer zu führender Haufen, und die lange Zeit in der engen Eingeschlossenheit eines Raumschiffes machte sie nicht gefügiger. Vaxxt tat sein Bestes, ihm die Last zu erleichtern, doch für die Quespodonen war nur Axxal der Chef. Vor einem Stellvertreter hatten sie keinen Respekt.

Was ihn beinahe um den Verstand brachte, war ihre Art, ständig von ihm Entscheidungen zu verlangen und diese dann beiseite zu schieben, um nach irgendwelchen eigenen schwachsinnigen Ideen zu handeln, zum Schaden aller Beteiligten. Unter Schmerzen lernte er, was Führerschaft für eine Belastung sein kann.

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Labyrinth zwischen den Sternen – Dritter Teil: Zum Thron

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert (Lucifex / Deep Roots).

Zuvor erschienene Teile:
Prolog: Die Seraph
Erster Teil: Zur Zitadelle
Zweiter Teil: Zu den Pyramiden

DRITTER TEIL: ZUM THRON

  1. Der Flüchtling

Zwei volle galaktische Jahre nach seinem Abflug vom Xhanchos befand sich Kian Jorry auf dem Tricaps, der geschäftigen kleinen Handelswelt. Seine Lage war nicht sehr ermutigend. Er war allein, der einzige Überlebende einer unglücklichen Expedition; der letzte seiner Edelsteine war verkauft, die Seraph trieb im Raum mit vier Toten an Bord. Und was das Schlimmste war: Ein Jagdkommando der Sternverein-Sicherheitstruppe war ihm dicht auf den Fersen.

Die Schwarzjacken waren hartnäckig. Jorry war ihnen zu oft entwischt, und diesmal waren sie fest entschlossen, ihn zu fangen. Er war gleichermaßen fest entschlossen, ihnen nochmals zu entschlüpfen, aber ohne Raumschiff und mit fast leeren Taschen waren seine Aussichten trübe.

Doch Jorry hatte trotz allem nicht den Mut verloren. Die Schwarzjacken mochten nahe sein, aber sie waren noch nicht auf dem Tricaps. Er lebte noch und war gewarnt. Immer noch bestand Hoffnung.

Nichtsdestoweniger traf Jorry gewisse Vorsichtsmaßnahmen. Er ließ sich das Haar lang wachsen und kaufte sich eine getragene Uniform von der Ersten Rinn-Expedition. Auf dem Tricaps kannte niemand seinen wahren Namen. Selbst ein scharfäugiger Sternverein-Sicherheitsmann würde Schwierigkeiten haben, ihn auch nur als k’Turalp’Pa zu erkennen, noch weniger als den Flüchtling Kian Jorry. Er sah jetzt ziemlich wie ein Skorat aus, und der kühne, kriegerisch wiegende Gang der Skoraten, den er sich angewöhnt hatte, wirkte durchaus überzeugend.

Im Moment war er sicher, aber das reichte nicht aus. Er brauchte einen Ort, wo er untertauchen konnte, bis die Schwarzjacken die Suche aufgaben. Doch er wünschte sich einen halbwegs gemütlichen Hafen; irgendein kahler Fels, weit weg von allem, mochte Sicherheit bieten, aber der Preis wäre zu hoch.

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Labyrinth zwischen den Sternen – Zweiter Teil: Zu den Pyramiden

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert (Lucifex / Deep Roots).

Zuvor erschienene Teile:
Prolog: Die Seraph
Erster Teil: Zur Zitadelle

ZWEITER TEIL: ZU DEN PYRAMIDEN

  1. Die Geschichte des Täuschers

An Bord der Seraph kam Jorry wieder zu sich. Der Kopf schmerzte ihm, und er hatte furchtbaren Durst, wie immer, wenn man zum Schlafen Zaff genommen hat. Er wollte sich aufrichten, doch das ging nicht, weil er einen festen Verband um die Rippen hatte. Er erinnerte sich an das dunkle Gewölbe, an den Angriff der bleichen Bestien, an das Dröhnen – aber an nichts sonst. Und jetzt war er wieder auf seinem Schiff. Mühsam und unter Schmerzen arbeitete er sich in halb sitzende Stellung hoch und rief heiser nach Axxal, der auch sofort erschien.

„Hol mir was zu trinken, aber schnell“, krächzte Jorry. Als er das Wasser hinuntergestürzt hatte, das Axxal brachte, wischte er sich die Lippen ab und befahl: „Jetzt erzähl mir, was passiert ist. Los, erzähl mir alles. Ich will Bescheid wissen.“

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Labyrinth zwischen den Sternen – Erster Teil: Zur Zitadelle

Titelbild von Tim White für eine englische Ausgabe von „Under a Calculating Star“; es stellt vermutlich einen Kiir-Vogel dar.

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert (Lucifex / Deep Roots).

Zuvor erschienen:
Prolog: Die Seraph

ERSTER TEIL: ZUR ZITADELLE

  1. Die Ebene der Schnittpunkte

Als Erster setzte Jorry den Fuß auf den Boden des Boroq-Thaddoi. Er bewegte sich sehr langsam und mit ungewohnter Schwerfälligkeit, weil ihn der dicke Pelzanzug hinderte. Auch die anderen, mit Ausnahme von Dolul, waren durch ähnliche Kleidung behindert. Für den Hraggellon war extreme Kälte nichts Neues; sein Körper paßte sich schnell an. Schon hatte seine Haut den rötlichen Ton verloren, den sie an Bord bekommen hatte, und wurde bleicher; bald würde sie so bläulich-weiß sein wie auf dem Hraggellon.

Jorry stellte seinen Augenschild ein und warf einen ersten klaren Blick auf die Umgebung. Unter dem trübsinnig kalten Frühlicht einer bleichen Sonne waren Schwarz, Braun, Grau und schmutziges Weiß die einzigen Farben, und der Boroq-Thaddoi wirkte schon vom bloßen Anblick her so unwirtlich und lebensfeindlich, daß seine Quarantäne-Sperrung gerechtfertigt schien.

Ein unaufhörlicher gnadenloser Sturm raste über die offene Tundra, schliff die scharfen Kanten der Felsbrocken rund und wetzte die hohen Klippen wie Messerschneiden. Der Horizont markierte sich scharf, doch der Boden zu ihren Füßen war durch den peitschenden Staub des aufgewehten Sandes nur wie hinter einem Schleier zu sehen. Die Luft biß mit eisiger Kraft, die den Körper ansprang, das ungeschützte Fleisch suchte, die Ohren mit Heulen und Jaulen füllte und die Augen tränen machte. Nur Dolul hielt es aus, unberührt, ohne auch nur zu blinzeln. Bei seinem Anblick hüllten sich die anderen fester in ihre dicken Pelze.

Über ihren Köpfen ragte turmhoch die Seraph auf. Sie stand auf ihren Landeständern, bereit, beim Druck auf die Kontrollhebel wieder in den Raum zu springen. Jorry hatte sie manuell landen müssen; die Raumpioniere der Frühzeit setzten auf den Planeten, über die sie Quarantäne verhängt hatten, keine Landeringe. Auf diesem unebenen Terrain war die Landung schwierig, weit schwieriger, als er angenommen hatte oder der Besatzung gegenüber zugegeben hätte – doch er hatte sie erfolgreich durchgeführt. Das erste Treffen mit der Quarantäne-Welt war zu seinen Gunsten entschieden worden. Es war ein bedeutsamer Anfang, und Jorry fühlte sich den kommenden Gefahren besser gewachsen. Immerhin zitterte in ihm noch die Spannung des Landens nach, und als Bral ihn beglückwünschte: „Erstklassige Schiffsführung, Kapitän!“ hatte er wütend geknurrt: „Denkst du, ich bin den ganzen Weg hergekommen, um die Seraph auf einer Q-Welt kaputtzufahren?“

„Nein, Kapitän, wir wußten doch, daß du es schaffst“, hatte Bral verlegen geantwortet, „aber der bloße Gedanke – eine manuelle Landung ist immer schwierig, und noch dazu auf so einem Boden – wenn da was schiefgeht –“

„Ist denn was schiefgegangen?“

„Nein, Kapitän. Alles in Ordnung.“

„Also – machen wir die Ausrüstung klar und gehen wir los, ehe wir hier anfrieren. Noch eine letzte Überprüfung vor dem Aufbruch“, hatte Jorry gesagt und sich dem kleinen Stapel Proviant und Material zugewandt.

Sie machten sich auf den Weg über die offene Fläche des ungastlichen Planeten, um die geheimnisvolle, nicht geheure Zitadelle zu finden und in sie einzudringen und ihr den Schatz, den sie barg, zu entreißen. Sie wußten nur undeutlich die Richtung, hatten nur unbestimmte Kenntnis davon, was vor ihnen lag. Ihr Überleben hing von den Vorbereitungen ab. Es war nicht damit zu rechnen, daß der Boden des Boroq-Thaddoi etwas hergab; also war der niedrige, breite Lastschlitten mit Proviant und Wasser für zwanzig Wachzyklen beladen. Kletter- und Grabegeräte, Brennstoffblöcke zum Abkochen und fürs Lagerfeuer, Zelte und zwei verdeckte Käfige mit Kiir-Vögeln wurden noch aufgeladen, und als das geschehen war, traten die anderen zurück, während Axxal, der Achte in der kleinen Gesellschaft, die Lasten festschnürte und sich den Zugriemen so einstellte, daß er über seine breite Brust paßte.

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Labyrinth zwischen den Sternen – Prolog: Die Seraph

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert (Lucifex / Deep Roots).

Prolog: Die Seraph

Das Eigenantriebsschiff Seraph befand sich auf der Reise zu irgendeinem Ziel jenseits des „Verbotenen Gürtels“. Drei Wachen hinter dem Dus’sh’kor drosselte es auf Unterlichtgeschwindigkeit. Dann öffnete sich die atmosphärische Schleuse. Eine Zeitlang hatte das Raumschiff zwei kleine Satelliten bei sich. Sie trudelten neben ihm durch den Raum, die Spanne zwischen ihnen und dem Mutterschiff wurde immer breiter, dann glitten sie ab und begannen als Doppel-Orbit ihre eigene Reise durch die Leere. Nun verschwand die Seraph in die unsichtbare Dimension der Superlichtgeschwindigkeit und nahm Kurs auf den Rand der Galaxis. Gegen Ende der nächsten Wache wurde auf Befehl Kian Jorrys, des Kommandanten, ein Schiffsrat einberufen. Jorry hatte den einzelnen Platz an einer Seite des dreieckigen Messetisches inne; dort saß er bequem zurückgelehnt und fuhr sich mit der Hand durch das graumelierte, kurzgeschorene Haar. Die Mannschaft wartete darauf, daß er zu sprechen beginnen würde.

Sie waren ein buntscheckiger Haufen, Humaniden und Humanoiden verschiedener Größe, Körperform und Hautfarbe. Bis auf einen hatten sich alle zum Schiffsrat eingefunden.

Gleich zur Rechten Jorrys waren zwei Quipliden; sie hockten auf der Tischplatte, um in Augenhöhe der anderen zu sein. Sie waren Brüder, Fimm und Jimm genannt. Keiner an Bord der Seraph wußte ganz genau, wer Fimm und wer Jimm war, und so wurden sie ständig miteinander verwechselt. Doch das schien sie nicht sonderlich zu stören.

Neben ihnen saß ein großer Mann mit wetterrotem Gesicht, Kopfhaar und Bart waren hellblond, beinahe weiß, obwohl er zweifellos noch jung war. Sein Haar war lang, und er trug es zu Zöpfen geflochten, wie es bei den Skeggjatt-Kampfschulen Brauch war. Sein muskelbepackter Körper war zusammengesunken; das Kinn in die mächtige Hand gestützt, starrte er vor sich hin. Bral hieß der Skeggjatt.

Neben ihm saß Collen, die Verteidigungsexpertin. Sie war Thorumbianerin, schlank, blauäugig, ihre glatte Haut war schwarzblau wie vergossenes Öl.

An der dritten Seite des Tisches, von Jorry am weitesten entfernt, saß Dolul, ein Angehöriger des Stammes der Onhla, von der Eiswelt Hraggellon. Er war ein großer Mann mit ausdruckslosem Gesicht und sprach selten. Neben ihm saß einer, der überhaupt nicht sprach, ein Thanist namens Rull-Lamat. Er trug eine Haube, und der untere Teil seines Gesichts war verdeckt.

Jorry räusperte sich und rückte mit seinem Stuhl vor. Erwartungsvoll blickten seine Leute ihn an. Bedeutsam sah er auf die Tischplatte hinunter, dann stand er auf und begann: „Meine guten Freunde und Kameraden, wir haben viel zu besprechen. Doch wie ihr wißt, bin ich ein alter Sternfahrer, dem die Traditionen des Kosmos heilig sind; und so möchte ich diese Versammlung eröffnen mit einer Schweigeminute zum Gedenken an unsere Schiffsgenossen, die sich von uns getrennt haben.“

Er faltete die Hände und neigte den Kopf. Bral warf einen raschen Blick auf die anderen und einen längeren, prüfenden auf Jorry, doch in der Miene des Kapitäns war kein Fünkchen Ironie zu entdecken. Endlich blickte Jorry auf, lächelte und setzte sich wieder. „Und nun, nachdem wir diesem Verräterpaar die letzte Ehre erwiesen haben – zum Dienstlichen“, sagte er munter.

„Ohne das Urteil unseres Kapitäns anzweifeln zu wollen – aber bist du sicher, daß sie Verräter waren?“ fragte der Skeggjatt. „Mir ist Saston eigentlich nie so vorgekommen… es fällt mir schwer zu denken, daß er uns alle betrogen hat.“

„Und Verdniak schien mir auch nicht der Typ zu sein“, fügte die Thorumbianerin hinzu. „Er war ein guter Kämpfer.“

Kian Jorry lächelte väterlich. „Ihr beiden seid vertrauensvolle Naturen“, sagte er, „und ich mag euch deswegen umso lieber. Ich war auch einmal so. Doch über Saston und Vedniak habe ich nicht mehr die geringsten Zweifel. Ich glaube meinen eigenen Augen. Als wir auf dem Dush’k’kor waren, habe ich gesehen, wie sie Bestechungsgelder von einem Sternverein-Agenten genommen haben. Sie wollten uns an die Schwarzjacken verkaufen.“

„Und das ist noch nicht das Schlimmste“, schrillte einer der beiden Quipliden, und der andere fügte hinzu: „Erzähle doch, was sich in deiner Kabine zugetragen hat.“

„In der dritten Wache habe sich sie in meine Kabine gerufen und es ihnen klipp und klar vorgehalten; Fimm und Jimm waren Zeugen. Erst haben sie alles geleugnet. Dann haben sie versucht, uns zu bestechen, damit wir uns ihnen anschließen. Dann zogen sie ihre Waffen, und wenn meine kleinen Freunde hier nicht gewesen wären, dann wäre ich jetzt draußen im leeren Raum, und Saston und Vedniak würden euch in den Hinterhalt der Schwarzjacken führen – in den Tod.“

Der eine Quiplide sagte: „Verräter verdienen, was sie bekommen“, und der andere bestätigte: „So ist es.“

„Ich kann also annehmen, daß ihr alle befriedigt seid, und wir können somit zu anderen Dingen übergehen“, begann Jorry wieder. Er blickte sich um, ob jemand etwas dagegen hätte, doch das war nicht der Fall.

„Wie ist es mit Ersatz, Kapitän?“ fragte Bral. „Nun sind wir doch unterbesetzt.“

„Wir sind genau richtig besetzt. Diese Beiden waren für das, was vor uns liegt, überhaupt nicht geeignet. Gut, daß wir sie los sind. Wir sind jetzt aktionsbereit, Bral, und haben genau die richtige Kampfstärke. Wir haben die Mannschaft, die Waffen, komplette Sonderausrüstung -“

„Tatsächlich?“ fragten die beiden Quipliden gleichzeitig, „und was haben wir vor?“

„Jawohl, die haben wir“, versicherte der Kapitän, ohne zunächst auf die zweite Frage der Kleinen einzugehen. „Bei jeder Planetenlandung hat euer Kapitän – während ihr euch amüsiert habt – Einkäufe gemacht. Ich habe mir, das kann ich euch sagen, kein Vergnügen gegönnt, bis ich die Schiffsgeschäfte erledigt hatte.“

„Jorry denkt an alles“, sagte einer der Quipliden bewundernd. „Das tut er wirklich“, stimmte der andere zu.

Der Kapitän nickte gnädig. „Ich versuche, mein Bestes zu tun. Darum ist die Seraph auch so ein gutes Schiff. Sie hat einen erstklassigen Kapitän, und jetzt hat sie auch eine erstklassige Mannschaft.“

„Nicht ganz“, murmelte der Skeggjatt und schwieg dann.

„Wenn du etwas auf dem Herzen hast, Bral, dann spuck es aus. Ich bin nicht wie der alte Kapitän York – Friede seinen Gebeinen. Meine Besatzung kann frei heraus reden; ich höre. Was ist los?“

Der Skeggjatt zögerte. Er war ein Kämpfer von Natur, kein Disputierer. In Brals Welt kämpfte man, wenn man verschiedener Meinung war, und wer siegte, hatte recht. Jorry war groß, stark und schnell; doch Bral zweifelte nicht daran, daß er seinen Kapitän im offenen Kampf besiegen konnte. Und trotzdem ließ er sich von Jorry Dinge sagen, die ein Skeggjatt allenfalls seinem nächsten Verwandten auszusprechen gestatten würde. Die Sache war die, daß er sich Jorry gegenüber unsicher fühlte. Jorry war zu schlau, zu listenreich. Im richtigen Moment hatte er stets die richtige Waffe parat. Sogar jetzt, wo er ihm gegenüber am Tisch saß und ihn freundschaftlich anlächelte, waren seine Hände unsichtbar, unter Tischhöhe.

Und schließlich war er der Kapitän der Seraph, dem man gehorchen mußte. Bral ließ alle halbausgeformten Gedanken an Opposition fahren. Zu tief saß ihm die Borddisziplin im Blut.

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Der tote Raumfahrer – Teil 5

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist. (Bilder von mir eingefügt; Titelbild aus der Manga-Version zu „Inherit the Stars“ [Abschnitt Inherit the Stars 5 – Jupiter-5].)

Letzter Teil; zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

20

Die riesigen Schiffe, die im Zuge des fünften bemannten Unternehmens zum Jupiter fliegen würden, waren in über einem Jahr in der Mondumlaufbahn gebaut worden. Außer dem Leitschiff waren hoch über der Mondoberfläche allmählich sechs Frachter entstanden, von denen jeder in der Lage war, dreißigtausend Tonnen an Versorgungs- und Ausrüstungsgütern zu transportieren. Während der letzten zwei Monate vor dem geplanten Starttermin war das wie Weihnachtsbaumlametta wirkende dahintreibende Durcheinander aus Maschinen, Werkzeugen, Containern, Fahrzeugen, Tanks, Kisten, Zylindern und den tausend anderen Posten zusammengestellten Gerätschaften langsam im Innern der Schiffe verschwunden. Die Wega-Fähren, Fernraumkreuzer und anderen Schiffe, die ebenfalls für dieses Projekt vorgesehen waren, wurden im Verlaufe mehrerer Wochen von ihren jeweiligen Mutterschiffen aufgenommen. Während der letzten Wochen lösten sich die Frachter in regelmäßigen Abständen aus der Mondumlaufbahn und setzten Kurs auf Jupiter. Als die Passagiere und letzten Besatzungsmitglieder von der Mondoberfläche hinaufgebracht wurden, war nur noch das Leitschiff übrig; einsam und verlassen schwebte es in der Leere. Mit dem Näherrücken der Stunde Null zog sich die Schar von Wartungsschiffen und Begleitsatelliten zurück. Ein paar Kilometer entfernt verdichtete sich ein Pulk aus Geleitschiffen, und ihre Kameras übertrugen die Bilder via Luna in das Welt-Nachrichtennetz der Erde.

Als die letzten Minuten heranrückten, zeigten Millionen Bildschirme einen eindrucksvollen, fast zwei Kilometer langen Schatten, der sich fast unmerklich über dem Sternenhintergrund bewegte. Die Stille dieses Schauspiels schien irgendwie die unvorstellbare Kraft anzukündigen, die entfesselt werden sollte. Genau nach Zeitplan beendeten die Flugkontrollcomputer die letzte Endcountdown-Überprüfung, erhielten vom Hauptprozessor der Bodenkontrolle eine „Grün“-Bestätigung und aktivierten die thermonuklearen Haupttriebwerke. Sie flammten in einem Blitz auf, der selbst von der Erde aus zu sehen war.

Das Jupiter-Fünf-Unternehmen hatte begonnen.

In den nächsten fünfzehn Minuten gewann das Schiff an Geschwindigkeit und schraubte sich immer höher hinauf. Dann schüttelte es mit müheloser Leichtigkeit die restlichen Gravitationsfesseln des Mondes ab. Jupiter-Fünf setzte dazu an, die Flotte der Frachter, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine sich über Millionen Kilometer hinziehende Reihe bildete, einzuholen und sich ihr hinzuzugesellen. Nach einer Weile kehrten die Geleitschiffe zum Mond zurück, und die Bildschirme auf der Erde zeigten einen stetig blasser werdenden Lichtpunkt, der von den Orbitalteleskopen eingefangen wurde. Bald war auch der verschwunden, und nur noch die Fernortungen und Lasertaster blieben übrig, um den elektronischen Datenaustausch über den sich vergrößernden Ozean aus Leere fortzusetzen.

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Der tote Raumfahrer – Teil 4

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und war lange nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich. Inzwischen gibt es wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die seit 30. Dezember 2016 erhältlich ist.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2 und Teil 3

15

Caldwell trat einen Schritt näher heran, um das knapp drei Meter große Plastikmodell eingehender zu betrachten, das im Zentrum eines der Laboratorien des Biologischen Instituts von Westwood stand. Danchekker gab ihm reichlich Zeit, die Details in Augenschein zu nehmen, bevor er fortfuhr.

„Eine lebensgroße Kopie eines Ganymederskeletts“, sagte er. „Aufgrund der von Jupiter hierher übermittelten Daten konstruiert. Die erste unbestreitbar fremde intelligente Lebensform, die jemals von Menschen untersucht werden konnte.“ Caldwell sah zu dem in die Höhe ragenden Knochengerüst auf und schürzte in einem lautlosen Pfiff die Lippen.

Hunt rührte sich nicht und ließ in sprachloser Faszination seinen Blick über die ganze Größe des Modells auf und ab gleiten.

„Diese Körperstruktur ist in keiner Weise mit der irgendeiner noch existierenden oder ausgestorbenen Lebensform verwandt, die auf der Erde jemals untersucht wurde“, informierte sie Danchekker. Er zeigte auf das Modell. „Sie basiert auf einem inneren, aus Knochen bestehenden Skelett. Wie Sie sehen können, bewegte sich das Wesen aufrecht wie ein Zweifüßler, und der Kopf befand sich oben auf dem Rumpf. Aber abgesehen von solchen äußerlichen Ähnlichkeiten: Es entstammt zweifelsfrei einer völlig fremden Evolution. Nehmen Sie den Kopf als ein deutliches Beispiel. Die Gliederung des Schädels kann in keiner Weise mit der irgendeines bekannten Wirbeltieres in Übereinstimmung gebracht werden. Das Gesicht ist nicht wie bei uns in den unteren Schädelteil zurückgewichen, sondern nach wie vor eine lange, nach unten deutende Schnauze, die sich oben erweitert, um breite Zwischenräume für Augen und Ohren zu schaffen. Ferner hat sich der Hinterkopf vergrößert, um, wie beim Menschen, ein sich entwickelndes Hirn unterzubringen. Aber anstatt eine abgerundete Form anzunehmen, wölbt er sich über den Hals hinweg, um ein Gegengewicht zum hervorstehenden Gesicht und Kinn zu bilden. Und sehen Sie sich die Öffnung im Schädel an, mitten auf der Stirn. Ich glaube, hier könnte ein Wahrnehmungsorgan untergebracht gewesen sein, das wir nicht besitzen – möglicherweise in Infrarotdetektor, der von einem nachtaktiven, fleischfressenden Vorfahren geerbt wurde.“

Hunt trat bis an die Seite Caldwells vor und betrachtete eingehend die Schultern. „Die haben ebenfalls mit nichts Ähnlichkeit, was ich jemals gesehen habe“, kommentierte er. „Sie bestehen aus… einer Art sich überlappender Knochenplatten. Ganz und gar nicht wie unsere.“

„Eben“, bestätigte Danchekker. „Wahrscheinlich die Überbleibsel der Körperpanzerung eines Vorfahren. Und der Rest des Rumpfes ist ebenfalls völlig fremdartig. Zwar existiert, wie Sie sehen können, ein Rückgrat mit einer unterhalb der Schulterplatten gelegenen Rippengliederung. Aber die unterste Rippe – unmittelbar über der Bauchhöhle – hat sich zu einem massiven Knochenreifen mit diametralen Streben entwickelt, die aus einem vergrößerten Rückgratwirbel entspringen. Nun, beachten Sie die an den Seiten des Ringes gelegenen zwei Gruppen kleinerer, miteinander verbundener Knochen…“

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