Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 9-1992 (dort erschienen unter dem Titel „Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen (1)“.

Das Durchschlagsverhalten von Geschossen in Karosserien spielt nicht nur in polizeilichen Geiselbefreiungen eine Rolle, sondern auch in allen Situationen, in denen ein Fahrzeug als Deckung genutzt werden soll. Wie gut ein Fahrzeug dazu geeignet ist, hängt nicht nur von der Art des Beschusses, sondern auch von vielen anderen Umständen ab.

Bilder von beschossenen Autos kann man nicht nur im Kino, sondern auch in diversen Nachrichtensendungen über Terroranschläge und Attentate sehen. Aber auch Anschläge auf Privatleute und Raubüberfälle, bei denen sich die Opfer zum Zeitpunkt der Straftat in einem Auto befinden, kommen durchaus vor. Nachdem wir uns in einem früheren Beitrag mit der taktischen und schießtechnischen Abwehr derartiger Angriffe befaßt haben, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welchen Schutz ein normaler PKW gegen bestimmte Arten von Beschuß bietet, da die Qualität der Deckung, in diesem Fall des Autos, immer Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten einer bestimmten Taktik hat.

Dabei ergibt sich gleich eine Reihe von Folgefragen, wie z. B. welche Kaliber die Karosserie oder die Scheiben durchschlagen, wie groß der Einfluß von verschiedenen Auftreffwinkeln ist, was ein Schuß auf die Reifen bewirkt oder wie der Motor auf einen Treffer reagiert.

Im ersten Teil dieser Untersuchung befassen wir uns zunächst mit der Durchschlagsleistung von Kurzwaffen bei Treffern in Karosserieteile und Glasscheiben.

Betrachtet man hierzu ein Auto einmal etwas genauer, so stellt man unschwer fest, daß die meisten potentiellen Geschoßflugbahnen so liegen, daß nur eine Glasscheibe oder einzelne Blechschichten durchschlagen werden müssen, um ins Fahrzeuginnere zu führen.

Da aber auch massivere Bauteile in einer solchen Flugbahn liegen können und andere Einflußgrößen, wie der Auftreffwinkel, die Auftreffgeschwindigkeit und der Geschoßaufbau einen Einfluß auf das Eindringverhalten ausüben, haben wir hierzu eine Reihe von Beschußversuchen durchgeführt.

Beschuß verschiedener Karosserieteile

Um die Ergebnisse zu systematisieren, wurden verschiedene Karosserieteile (z. B. Autotüren, Kotflügel, Motorhauben usw.) mit unterschiedlichen Kalibern und unter verschiedenen Winkeln beschossen. Einbezogen wurden sowohl Türen mit Einbauteilen(Fenster, Türverriegelung usw.) als auch ohne diese.

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Verteidigungsschießen: Die Deckungsnutzung im Feuergefecht

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 12-2000.

Die Nutzung von Deckungen ist eines der taktischen Grundelemente im Verteidigungsschießen. Für die praktische Umsetzung dieses Prinzips ist es unter anderem erforderlich, die Anschlagsarten hinter verschiedenen Deckungsformen zu beherrschen. Darüber hinaus muss man die Nutzung von Deckungen in jeder Phase des Feuerkampfes in die eigenen Überlegungen mit einbeziehen und in seinem Verhalten berücksichtigen. Durch entsprechende Übungen lässt sich dies in gewissem Umfang automatisieren.

Den Ratschlag, im Feuergefecht, wann immer möglich Deckungen zu nutzen, findet man in vielen Veröffentlichungen über das Verteidigungsschießen. Meist bewegen sich derartige Ratschläge aber im Allgemeinen und nützen dem, der sich nicht ständig intensiv mit dieser Materie befasst, relativ wenig, wenn es um die konkrete Umsetzung in der taktischen Situation oder um die Einbindung der Deckungsnutzung in die Schießausbildung geht. Einfache Sätze wie „Man sollte den Feuerkampf wann immer möglich aus der Deckung heraus führen“ sind zwar den meisten Gebrauchswaffenträgern bekannt, können aber oft nicht in konkretes Handeln umgesetzt werden.

Verstärkt wird dieses Defizit noch dadurch, dass auch in guten Schießkursen fast immer nur aufrecht stehend ohne Deckungsnutzung geschossen wird. Bestenfalls werden gelegentlich hohe Barrikaden verwendet, um die Deckungsnutzung anzudeuten und den Schuss mit angestrichener Waffe zu üben. Dies ist aber nur ein Sonderfall in der umfangreichen Thematik der Deckungsnutzung und berücksichtigt nur die eigentliche Schussabgabe, wenn man sich gerade hinter einer solchen Deckung befindet. Meist wird dabei auch gar nicht darauf geachtet, wie viel der Körperfläche des Schützen wirklich durch die Deckung geschützt ist, sondern man konzentriert sich oft ausschließlich auf die Waffenhaltung beim angestrichenen Anschlag. Darüber hinaus kann man auch häufig beobachten, dass die eigentliche Schießübung erst beginnt, wenn der Schütze in aller Ruhe seine Schießhaltung eingenommen, mehrfach verbessert hat und ein Zeichen gibt, dass er jetzt fertig ist und mit der Schießübung beginnen kann.

Deckung zum Schutz und zur Vorbeugung

Dies entspricht aber nicht den Forderungen einer praxisgerechten Ausbildung, da es im realen Feuergefecht selten vorkommt, dass man ohne Zeitbegrenzung einen optimalen Anschlag hinter einer längst bezogenen Deckung einnimmt, sondern dass man schnell Deckungsmöglichkeiten erkennt, beurteilt, ob die Führung des Feuerkampfes aus dieser Deckung zweckmäßig ist, schnell den Anschlag hinter dieser Deckung einnimmt und vor allem einen möglichst großen Teil des eigenen Körpers durch die Deckung schützt. Daneben darf nicht vergessen werden, dass Deckungsnutzung nicht erst für die eigentliche Schussabgabe relevant wird, sondern dass sie vor allem in Situationen, in denen noch kein unmittelbarer Kontakt zum Gegner besteht, als vorbeugende Maßnahme bei jeder Bewegung zu berücksichtigen ist.

Nutzung hoher und halbhoher Deckungen

Die Ausbildung dazu muss in mehreren Schritten erfolgen. Zunächst ist zu lernen, wie man unterschiedliche Deckungsformen bei Bewegungen und zur Schussabgabe nutzt. Für den Anfang reicht es dabei aus, zwischen zwei grundsätzlichen Deckungsformen zu unterscheiden. Die eine Grundform ist die seitliche, hohe Deckung, wie man sie als Mauerecken, Türstöcke etc. findet, und die andere ist die halbhohe Deckung, wie sie Gartenmauern, Motorhauben oder Kisten darstellen. Für beide Deckungsformen muss der Anschlag geübt werden, aus dem man dahinter hervorschießt, und die Körperhaltung, in der man sich an diese Deckungen annähert und aus denen man beobachtet, solange noch kein direkter Kontakt mit dem Gegner besteht.

Dies kann entweder separat geübt oder zu einer Übungseinheit verbunden werden, bei der man sich an die Deckung annähert und den Beobachtungshalt einlegt, um dann auf Kommando oder bei aufklappender Scheibe den Feuerkampf zu führen.

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Verteidigungsschießen: Mannstoppwirkung in der Praxis

Die vom Geschoss abgegebene Energie ist die wesentliche Einflussgröße im Ziel, wie dieser Beschussvergleich zeigt.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 11-2000.

Moderne Auffassungen über die Mannstopp-Wirkung basieren auf der vom Geschoss an das Ziel abgegebenen Energie. Aber auch diese neueren Theorien lassen keine exakte Prognose über die Wirksamkeit eines bestimmten Geschosses in einem konkreten Einzelfall zu. Im Verteidigungsschießen muss man sich daher darauf einstellen, dass die Wirkung der eigenen Geschosse im Ernstfall sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dies muss sich in der Wahl von Waffe und Munition sowie in der Ausbildung widerspiegeln.

Diskussionen über die Mannstopp-Wirkung von Geschossen gehören zu den Dauerbrennern in vielen Gesprächen und Veröffentlichungen über das kampfmäßige Schießen. Häufig steht dabei ausschließlich der physikalische Aspekt im Vordergrund. Oft reduziert sich eine solche Diskussion auch auf die Frage, ob die 9 mm Luger oder die .45 ACP das passendere Kaliber für eine Verteidigungswaffe ist oder ob vielleicht eines der neuen Kaliber, wie die .40 S&W oder die .357 SIG, die Vorteile der beiden altbewährten Kaliber vereinigt und damit die lang ersehnte Ideallösung für eine Verteidigungspatrone darstellt. Meist wird dabei die sehr umfangreiche und komplexe Problemstellung der Wirksamkeit von Geschossen im Feuergefecht auf unzulässige Weise verkürzt und auf einige wenige Aspekte wie die Diskussion um die Hohlspitzgeschosse oder andere Wunderprojektile reduziert.

Eine umfassende Betrachtung der komplexen Thematik der Mannstopp-Wirkung muss aus der Sicht des Gebrauchswaffenträgers aber mehr umfassen als die Frage nach der stärksten Patrone oder dem wirksamsten Geschoss. Neben der reinen Physik der Endballistik muss eine solche Betrachtung vor allem auch Folgerungen für die Schießausbildung, Taktik und das rechtlich korrekte Verhalten in einer Notwehrsituation beinhalten. Voraussetzung dafür ist aber zumindest grobe Vorstellung davon, worauf die Wirkung von Geschossen basiert und welche Wirksamkeit die verschiedenen Munitionssorten besitzen.

Schon der Begriff Mannstopp-Wirkung macht dabei deutlich, worum es hier geht. Im Gegensatz zu anderen ballistischen Leistungsdaten handelt es sich hierbei um keine einfache ballistische Eigenschaft des Projektils wie Gewicht oder V0 und auch um keinen leicht zu messenden Wirkungswert wie Eindringtiefe in Holz oder Durchschlagsleistung gegenüber Stahlplatten, sondern um einen Wert, der die Wirkung eines Geschosses beim Treffen eines Gegners beschreiben soll. Ganz konkret sollen Werte der Mannstopp-Wirkung Prognosen darüber zulassen, wie lange ein Gegner nach einem Treffer mit einer bestimmten Munitionssorte noch weiter kämpfen kann oder, anders ausgedrückt, wie lange er noch handlungsfähig ist. Wie sich im weiteren zeigen wird, ist eine solche Prognose ausgesprochen schwierig und wird vermutlich auch in Zukunft immer sehr ungenau bleiben.

Dass eine solche Prognose für die Wahl der effektivsten Munitionssorte außerordentlich wertvoll wäre, liegt auf der Hand. Schließlich ist es in den meisten Szenarien des Verteidigungsschießens für den Ausgang des Feuergefechtes von existenzieller Bedeutung, wie lang ein Gegner nach einem oder mehreren Treffern noch zurückschießt und wann von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Da eine Kennzahl, die zweifelsfrei Aussagen darüber zulässt, wie schnell ein bestimmtes Geschoss die Handlungsunfähigkeit des Gegners herbeiführt, eine schwerwiegende Bedeutung für den Gebrauchswaffenträger hat, fehlte es in der Vergangenheit auch nicht an Versuchen, solche Kennzahlen zu definieren und experimentell zu untersuchen.

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Rasches oder taktisches Nachladen?

Der schnelle Magazinwechsel begünstigt die Pistole als Gefechtswaffe gegenüber dem Revolver.

Von René Smeets, aus Heft 6-1990 des „Schweizer Waffenmagazins“.

Sämtliche Statistiken beweisen es: In den allermeisten Fällen, in denen es zu einem Schußwechsel kommt, fallen insgesamt nur sehr wenige Schüsse; für alle Beteiligten zusammen sind es im Schnitt weniger als der Inhalt einer Revolvertrommel…

Wir sind jedoch überzeugt, daß niemand auf Grund von Statistiken sein Leben aufs Spiel setzen sollte, schließlich könnte er selbst zu einem statistischen Faktor werden, falls er das Pech haben sollte, in eine der „atypischen“ Situationen zu geraten, welche die Ausnahme zur oben zitierten Regel darstellen.

Die Technik des Nachladens während des Schießens gehört deshalb zu den Tricks, die man unbedingt beherrschen muß, und getreu den Grundsätzen, die wir in unserem Beitrag „Tödliche Routine“ (IWM 3/90) aufgestellt haben, soll man diese Methoden nicht nur unter möglichst realistischen Bedingungen trainieren, sondern auch auf ihre Brauchbarkeit unter den zu erwartenden Umständen hin auswerten.

Ob man nun einen Revolver oder eine Pistole benützt: grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Techniken, die „rasches Nachladen“ und „taktisches Nachladen“ genannt werden.

Rasches Nachladen

Es handelt sich um die „Methode Cooper“. Jeff Cooper hat den raschen Magazinwechsel als eine der Grundlagen der technischen Beherrschung einer Pistole eingeführt. Seine superschnelle und sehr spektakuläre Technik erfordert grundsätzlich einen Magazinhalterknopf in Reichweite des Daumens der Schießhand. Linkshänder, die keine Pistole mit beidseitigem oder umsteckbarem Magazinhalterknopf haben, gebrauchen dazu im allgemeinen den Zeigefinger der Schießhand, und dies in einem Tempo, das Rechtshänder verblüfft. Wer eine Pistole mit Magazinhalter am unteren Ende des Magazinschachts verwendet, wird – zumindest theoretisch – stets langsamer sein, da er beide Hände gebrauchen muß, um das leere Magazin aus der Waffe zu holen, bevor er das volle Magazin zur Hand nehmen kann. Vor ein paar Jahren haben wir aber an einem Schießparcours einen Schützen mit einem H& K P7-Modell gesehen, der sein Magazin schneller wechselte, als Schützen, deren Waffen mit seitlichem Magazinhalter-Druckknopf versehen waren. Sein Erfolg beruhte natürlich auf intensivem Training…

Was die Revolver betrifft, so ist rasches Nachladen erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit dank dem Aufkommen der „Speed Loaders“ möglich geworden. Das entsprechende Training ist nicht schwieriger als bei der Pistole und führt zu Ergebnissen, die den Laien verblüffen. Doch abgesehen davon, daß Fehlmanipulationen hier der raschen Wiederaufnahme des Schießens bedeutend hinderlicher sind, kann man „Speed Loaders“ auch nie so unauffällig bei sich tragen wie die weniger sperrigen Reservemagazine.

Die Technik des raschen Nachladens von Pistolen und Revolvern ist wohlbekannt, wir wollen uns auf einige Bemerkungen im Zusammenhang mit dem Verteidigungsschießen beschränken.

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Worauf es bei der Schießausbildung von Privatpersonen hauptsächlich ankommt

Von Marcel Geering, aus Heft 12-1990 des „Internationalen Waffenmagzins“.

Es ist erstaunlich, was unter dem Begriff „Verteidigungsschießen für Privatpersonen“ manchmal alles angeboten wird. Wir möchten hier festhalten, was für einen Verteidigungsschießkurs wirklich wesentlich ist.

Die Grundausbildung sollte mindestens folgende Elemente enthalten:

  • Kenntnis der eigenen Waffe inklusive der vorhandenen Sicherungssysteme (automatische und mechanische);
    ● richtige Pflege und Aufbewahrung der Waffe;
    ● Kenntnisse über die zu verwendende Munition;
    ● richtige Handhabung der Waffe inklusive Nachladen und Behebung von Störungen;
    ● zweihändiges Schießen aus verschiedenen Stellungen und Distanzen bis ca. 15 Meter.

Neben diesen mehr technischen Elementen gehört unbedingt eine Einführung in die am Wohnort des Waffenbesitzers geltenden Vorschriften, sowohl bezüglich Waffenbesitz/Waffentragen als auch bezüglich des geltenden Notwehrrechtes. Gerade im letzten Punkt ist nach meiner Erfahrung das Wissen von Waffenbesitzern oft sehr dürftig. Vielfach werden Ansichten vertreten, die am Stammtisch oder in der Boulevardpresse aufgeschnappt wurden. Schlimm ist vor allem, daß solche „Informationen“ kritiklos von weiteren Personen übernommen werden.

Wir können im IWM zu dieser Problematik aus naheliegenden Gründen keine generellen Aussagen machen. Unsere Zeitschrift wird in mehreren Ländern gelesen, und die entsprechenden Vorschriften und gerichtlichen Auslegungen unterscheiden sich von Land zu Land ganz beträchtlich. Wir empfehlen allen Personen, die ihre Waffe zur Selbstverteidigung einsetzen wollen, sich z. B. bei einem Rechtsberater mit Spezialkenntnissen auf diesem Gebiet über die gültigen Vorschriften zu erkundigen. Die genaue Kenntnis der einschlägigen Vorschriften ist mindestens so wichtig wie eine gute Schießausbildung.

Zweihändig schießen

Die Schießausbildung hat in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht. Während früher praktisch nur der einhändige Präzisionsschuß mit Faustfeuerwaffen bekannt war, setzte sich die Erkenntnis durch, daß Präzisionsschießen allein eine denkbar schlechte Vorbereitung für den Einsatz von Faustfeuerwaffen im Ernstfall ist. Deshalb wird heute bei Polizei und Militär (auch) zweihändig geschossen.

Hier stoßen wir allerdings bereits auf das erste Ausbildungsproblem, das jeder Schütze für sich entscheiden muß. Für eine minimale Schießausbildung zur Selbstverteidigung ist einhändiges Präzisionsschießen nicht erforderlich. Hingegen ist es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so gut wie unmöglich, ein guter Schütze auf Distanzen über ca. 15 Meter zu werden, wenn man nie einhändiges Präzisionsschießen gelernt hat. Das für präzises Schießen nötige „Gefühl“ für den Abzug kann man sich praktisch nur beim einhändigen Präzisionsschießen aneignen.

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Lauflänge und Anfangsgeschwindigkeit

Wildey-Pistole mit 5“-Lauf, Wechselläufe 6“, 7“, 8“ und 10“.

Von Thomas Hartl, aus Heft 9-1984 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Eine von der Zürcher Firma Hofmann & Reinhardt Waffen AG zur Verfügung gestellte Wildey-Pistole im Kaliber .45 Winchester Magnum mit Wechselläufen von 5, 6, 7, 8 und 10 Zoll Länge inspirierte uns zu einigen Messungen, die Beziehung zwischen Lauflänge und Geschoss-Anfangsgeschwindigkeit betreffend.

Gemessen wurde mit einem Oehler-33-Messgerät mit Lichtschranken in einem Schießkeller bei 20° C. Es wurden pro Lauf zehn Schuss ausgewertet. Die Entfernung zwischen Laufmündung und Startschranke betrug 2 Meter, die gemessene Geschossgeschwindigkeit kann also als V2,5 bezeichnet werden.

Die Läufe waren mit 6 Zügen im Rechtsdrall ausgestattet, durchschnittliches Zugkaliber 11,49 mm (.452“), Feldkaliber 11,34 mm (.446“), Feldabdruckbreiten 2,8 bis 2,9 mm.

Die bislang nur von Winchester-Western hergestellte .45-Winchester-Magnum-Patrone enthält ein 230 grs-(14,9 g-)Vollmantel-Rundkopfgeschoss, ihre ballistischen Daten betragen laut Hersteller 1400 fps (426,7 m/s) Mündungsgeschwindigkeit aus einem 5“-Lauf und 1001 ft/lbs (138,5 mkg / 1359 Joule) Mündungsenergie. Unsere Messungen sind in Tabelle 1 zusammengefasst:

Da es für die Beziehung zwischen Lauflänge und Mündungsgeschwindigkeit eine mathematische Formel gibt, verglichen wir die gemessenen Geschossgeschwindigkeiten mit errechneten, wobei wir den praktisch unbedeutenden Unterschied zwischen V2,5 und V0 nicht berücksichtigten.

Die Gleichung, welche die Abhängigkeit der Geschossgeschwindigkeit von der Lauflänge bei Faustfeuerwaffen festhält, lautet

wobei V1, V2 die Geschossgeschwindigkeiten sind, l1, l2 die Lauflängen.

Wenn wir die aus dem 6“-Lauf (152 mm) der Wildey-Pistole erreichte Geschossgeschwindigkeit von 415 m/s als Grundlage nahmen, erhielten wir die in Tabelle 2 festgehaltenen Ergebnisse.

Die Unterschiede zwischen den gemessenen und errechneten Geschossgeschwindigkeiten liegen unterhalb einer Fehlerquote von 10 % und sind somit als nicht gravierend einzustufen.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

Die Lauflänge von Faustfeuerwaffen: Sind lange Läufe wirklich besser?

Zwei Ansichten der gleichen Waffe: Ein Ruger Super Blackhawk im Kaliber .44 Magnum, einmal mit 10 ½-Zoll-Lauf…

Von Wiley Clap, aus WAFFEN DIGEST 1993, hier mit einem Anhang von mir (Cernunnos/Lucifex).

DIE LAUFLÄNGE VON FAUSTFEUERWAFFEN
Sind lange Läufe wirklich besser?

Wiley Clap untersucht schrittweise, was passiert, wenn man einen langen Lauf in einen kurzen verwandelt.

…und dann mit einem Laufstummel, der nur noch 1 ½ Zoll lang ist. Kevin Steele hat mit beiden Lauflängen geschossen, der Unterschied beim Rückstoß war so groß, daß er auf weitere Schüsse gern verzichtete. Bei der schrittweisen Verkürzung des Laufes um jeweils ein Zoll haben wir interessante neue Erkenntnisse gewonnen.

Jeder Faustfeuerwaffenschütze weiß, daß ein langer Lauf besser ist – das muß einfach so sein. Immer wenn es um Waffen geht, ziehen die größten und leistungsfähigsten Waffen auch immer die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Es gibt im Amerikanischen sogar eine Redensart, die besagt, daß langläufige Waffen besonders wirkungsvoll schießen. Amerikanische Schützen glauben ganz fest daran, daß mit zunehmender Lauflänge einer Waffe auch die Präzision zunimmt. Ebenso gibt es eine hartnäckige Tendenz dazu, kurzläufige Waffen, und hier besonders Faustfeuerwaffen, als nicht genügend leistungsfähig und unpräzise zu verachten.

Als passionierter Faustfeuerwaffenschütze habe ich genügend Schießerfahrung mit den verschiedensten Waffentypen, um meine Zweifel an dieser vorgefaßten Meinung anmelden zu können. Ich habe schon mit kurzläufigen Revolvern aus der Schießmaschine Resultate geschossen, die einer Matchwaffe zur Ehre gereicht hätten. Mit den modernen chronographischen Meßgeräten – Oehlers und PACT – kann man heutzutage die Fluggeschwindigkeit von Geschossen genau feststellen. Hier kann jeder Schütze viele Überraschungen erleben, wenn er nämlich feststellt, daß seine mit viel Liebe selbstgeladenen Patronen gar nicht die gewünschte Leistung bringen, sondern womöglich ganz andere Werte zeigen. Ich habe ein und dasselbe Revolvermodell eines Herstellers mit verschiedenen Lauflängen in der Schießmaschine getestet und die Werte mit dem Chronographen gemessen, die erzielten Ergebnisse sind aber nicht fehlerlos, da es schon von einer Waffe zur anderen Unterschiede in den Fertigungstoleranzen gibt. Da wurde es Zeit, das Problem etwas mehr von der wissenschaftlichen Seite her anzugehen und die tatsächlichen Unterschiede an einem einzigen Revolver zu messen, dessen Lauflänge allmählich verkürzt wurde.

Die Firma Sturm, Ruger & Co., die Revolver herstellt, die eigentlich eine weitaus bessere Behandlung verdient haben als die, die wir ihrem Produkt angedeihen ließen, überließ uns freundlicherweise einen Ruger Super Blackhawk mit langem 10 ½-Zoll-Lauf (267 mm), den wir dann systematisch zersägten. Nachdem der letzte Schnitt gemacht worden war, hatte der Super Blackhawk nur noch einen Laufstummel von 1 ½ Zoll Länge. Den ganzen Test machten wir mit der Waffe in der Ransom-Schießmaschine, die Fluggeschwindigkeiten haben wir mit dem Chronographen gemessen. Wir fingen mit der Originallauflänge an und reduzierten dann um jeweils ein Zoll (2,54 cm) auf 9 ½, 8 ½, 7 ½, 6 ½ Zoll usw.

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Was man alles aus .38 Special-Revolvern verschießen kann…

Die getesteten Patronen von links nach rechts: .38 Special (HP), .38 Special (Blei-Rundkopf), .38 Special (Wadcutter), .38 Long Colt, .38 Short Colt, .380 C.F., .38 Smith & Wesson, .38 Automatic, .38 Super Auto. (Die Patrone .38 Super Auto wurde wegen des hohen Gasdrucks aus einem .357-Magnum-Revolver statt aus dem .38 Special verschossen.)

Von Thomas Hartl, aus Heft 6/1985 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Hatten wir in SWM 3/85 untersucht, welche „Ersatzpatronen“ aus gängigen 9 mm Para-Pistolen verschossen werden können, so wollen wir uns diesmal mit der Verwendung von Ersatzmunition anderer Nennkaliber in .38 Special-Revolvern befassen.

Revolver im Kaliber .38 Special gehören bei uns zu den beliebtesten und deshalb am meisten verbreiteten Privatwaffen. Für unsere Untersuchungen wählten wir einen Smith & Wesson-Revolver Modell 10-6 mit einer Lauflänge von 4“ (ca. 100 mm). Diese Lauflänge wird von den Käufern am öftesten gewählt.

Der für unsere Schießversuche hauptsächlich verwendete Smith & Wesson-Revolver Modell 10-6.

Selbstverständlich hätten wir vom ebenfalls beliebten Kaliber .357 Magnum oder gar vom Kaliber .357 Maximum ausgehen können; diese Waffen sind jedoch weniger verbreitet als solche im Kaliber .38 Special.* Und Waffen im Kaliber .357 Maximum sind bis heute nur wenige verkauft worden.

Alle nachstehend untersuchten Patronen können selbstverständlich auch in Waffen der beiden letztgenannten Kaliber geladen werden. Eine freizügige Verwendung ohne Einschränkungen und Funktionsstörungen ist jedoch nur in den Revolvern und Einzelschusswaffen (Pistolen und Gewehren) gewährleistet.

Als Vorteil des Revolvers gegenüber der Selbstladepistole kann die gute „Verdauung“ der Ersatzmunition verbucht werden. Funktionsstörungen wie bei den Selbstladern sind kaum zu erwarten, es sei denn, man lade eine etwas zu lange Patrone in die Kammern. Die einzige Störung resultiert darin, dass die Trommel nicht eingeschwenkt werden kann. Ein großer Vorteil des Revolvers gegenüber der Pistole wird hier ersichtlich.

Die Größe des Gasdruckes nimmt beim Revolver keinen Einfluß auf die Funktion, vorausgesetzt, er hält sich in vernünftigen Grenzen. Auch die Geschossform kann frei und ohne Einschränkungen gewählt werden. Ein flacher Geschosskopf kann bei den Selbstladern für Zuführstörungen sorgen, dem Revolver ist die Geschosskopfform egal.

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Ersatzpatronen für 9 mm Para-Pistolen: Welche verdauen sie?

Die fünf von uns untersuchten 9-mm-Patronen; von links nach rechts: 9 mm Parabellum, 9 mm Glisenti, 9 mm Makarov, 9 mm Police und 9 mm kurz.

Von Thomas Hartl, aus Heft 3-1985 des „Schweizer Waffen-Magazins“.

Kann man aus einer 9 mm Para-Pistole andere als 9 mm Para-Patronen verschießen? Und wenn ja: Welche Leistungseinbußen sind dabei zu erwarten, welche Funktionsstörungen in Kauf zu nehmen? Wir probierten es aus.

Auch wer kein Munitionskenner ist, weiß, dass es im Nominalkaliber 9 Millimeter eine ganze Reihe verschiedener Pistolenpatronen gibt. Ausgesprochene Experimentalpatronen ausgenommen, reicht diese Reihe von der 9 mm kurz (maximale Hülsenlänge 17,35 mm) über die 9 mm Makarov (18,05 mm), 9 mm Police (18,55), 9 mm Glisenti (19,00 mm), 9 mm Parabellum (19,20 mm), 9 mm Browning long (20,30 mm), .38 Super Auto (22,90 mm), .38 Auto (23,00 mm), 9 mm Bayard (23,00 mm), 9 mm Steyr (23,20 mm) und 9 mm Mauser (25,10 mm) bis zur 9 mm Winchester Magnum (29,50 mm).

Aus ersichtlichen Gründen kamen für unsere Versuche nur 9-mm-Patronen in Frage, deren Hülsen kürzer als die der 9 mm Para-Patronen sind. So beschränkte sich die Auswahl auf die Patronen 9 mm kurz, 9 mm Makarov, 9 mm Police und 9 mm Glisenti.

Als Testwaffen dienten eine Walther P 38 (Lauflänge 125 mm), eine FN High Power (122 mm), eine SIG-Sauer P 220 (112 mm), eine Colt Combat Commander (108 mm) und eine Smith & Wesson Modell 59 (105 mm).

Die Makarov-Patronen konnten in diese Waffen gar nicht geladen werden. Waffen im Kaliber 9 mm Para sind für Geschosse von maximal 9,02 mm Durchmesser eingerichtet. Die Makarov-Patronen verwenden Geschosse von 9,25 mm Durchmesser. Noch mehr fällt aber ins Gewicht, dass der Hülsenmund der sowjetischen Makarov-Patronen, die uns zur Verfügung standen, beinahe 0,25 mm breiter als der der 9 mm Para-Patronen war: Die 9 mm Makarov-Patronen konnten nur bis etwa zur Hälfte ihrer Länge in die Patronenlager der 9 mm Para-Pistolen geladen werden. Für unseren Test war das kein allzu großer Rückschlag: 9 mm Makarov-Patronen sind im Westen ohnehin nur als (recht teure) Sammlerpatronen erhältlich (Anm. v. Lucifex: inzwischen bekommt man sie zu ähnlichen Preisen wie 9 mm kurz, aber es gibt sie nicht überall und nur mit Vollmantelgeschossen).

Für unsere Versuche blieben also die Patronen 9 mm kurz (.380 ACP), 9 mm Police und 9 mm Glisenti übrig. Letztere Patrone, im Grunde eine schwächer geladene 9 mm Para-Patrone mit Kegelstumpfgeschoss, die zwischen 1910 und 1938 italienische Ordonnanzpatrone war, ist heute nur noch sporadisch erhältlich. Die beiden übrigen Patronen sind handelsüblich, wenn auch die 9 mm Police weniger populär als die 9 mm kurz ist.

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Drei Kurze bitte! Zielballistik von Taschenrevolvern in .38 Special und .357 Magnum

Klein, aber oho: Taschenrevolver, wie sie in unseren Breitengraden gerne im Jagdbetrieb für den Fangschuß genutzt werden, können mit entsprechenden Laborierungen trotz kurzer Lauflänge noch einiges leisten. Wir testeten 14 Munitionssorten aus dem neuen Ruger LCR sowie den Smith & Wesson M60 Chiefs Special in zwei Lauflängen.

Von Tino Schmidt & Stefan Perey, aus caliber 3-2013.

Flache Subkompaktpistolen sind heutzutage die moderne Konkurrenz des einst so dominierenden Taschenrevolvers. Dennoch hat die klassische „Stupsnase“ (Snubnose; Snubbie) immer noch eine treue Anhängerschaft. Hinsichtlich des Führens sind die Minimalabmessungen zwar äußerst praktisch, doch in Sachen Ballistik kommt der kurze Lauf auch schnell an seine Grenzen. Wir führten zielballistische Untersuchungen durch und liefern wertvolle Laborierungstipps.

Man könnte annehmen, die Tage des Taschenrevolvers als Verteidigungs- oder Fangschusswaffe seien weltweit schon lange gezählt. Denn die Vorteile der Subkompakt- und Kompaktpistolen ab Kaliber 9 mm Luger – wie beispielsweise Glock 26, Heckler & Koch P2000 SK, Kahr Arms PM9094, SIG Sauer P239 oder Walther PPS – überwiegen deutlich. Sie sind oftmals leichter, schmaler und in der Feuerkraft überlegen, weisen sie doch Magazinkapazitäten von 8 bis 10 Patronen auf, wohingegen der Taschenrevolver typischerweise eine Trommel für fünf Patronen besitzt. In der Praxis dürfte auch der Nachladevorgang durch Magazinwechsel bei der Pistole weitaus schneller als beim Revolver mit Ladeclips oder Speedloadern vonstatten gehen. Zudem bieten namhafte Hersteller ausgereifte, höchst funktionssichere Modelle an, was wiederum den Verfechtern des Revolvers mit seiner angeblich absoluten Funktionszuverlässigkeit etwas den Wind aus den Segeln nimmt, denn auch bei ihm können Funktionskleinteile brechen, was unweigerlich zum Totalausfall führt.

Gib mir Fünf! Durch die Trommel mit fünf Lagern reduziert sich im Gegensatz zum Sixshooter der Durchmesser. So kann der Taschenrevolver besser verdeckt geführt werden, wie hier in diesem von COP (www.cop-gmbh.de) zur Verfügung gestellten „Inside the Waistband“ (IWB) Holster.

Auf der Habenseite des Revolvers steht aber sicherlich, dass er in seiner Funktionssicherheit sehr munitionsunabhängig ist, weil er rein mechanisch mit der Kraft des Zeigefingers des Schützen arbeitet und nicht auf den Gas- oder Arbeitsdruck der Patrone angewiesen ist. Andererseits: Sitzt ein Zünder ohne Zündmasse oder verkehrt herum in der Glocke des Hülsenbodens, dann macht es bei beiden Waffensystemen nur „klick“ anstatt „bumm!“ Beim Revolver muß dann nur weiter der Abzug bedient werden, um die Trommel und damit ein neues Patronenlager mit frischer Patrone vor den Laufeingang zu transportieren. Bei einer Pistole mit Spannabzug kann über die Abzugsbetätigung ein erneuter Zündversuch der schadhaften Patrone erfolgen, ansonsten muß aber die Patrone herausrepetiert werden, um eine frische Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager zu befördern.

Zum Führen eines Smith & Wesson J-Rahmen-Revolvers eignen sich auch die passgenau gearbeiteten Galco-Gürtelholster (www.waimex.com).

Ein Revolver kann im extremen Nahbereich auch als Kontaktwaffe genutzt werden, denn das Aufsetzen der Mündung beeinflusst nicht die Funktion. Bei den meisten Pistolen wird hingegen der Verschluss unter Umständen mehr oder weniger zurückgeschoben, und damit der Lauf eventuell aus der Verriegelung gedrückt, so dass keine Schussauslösung mehr erfolgen kann. Ergreift ein Gegenüber den Verschluss der Pistole, kann man sie dennoch erneut abfeuern. Packt ein Kontrahent aber den Zylinder des Revolvers, wird die Trommel blockiert und eine nochmalige Schussabgabe vereitelt. Zugegeben, hier handelt es sich um „ECQB“ oder „ECQC“ (Extreme Close Quarter Battle; Extreme Close Quarter Combat) Grenzbereiche des Schusswaffeneinsatzes, allerdings sollten sie dennoch einmal thematisiert werden.

Exotisch: Wadenholster, wie hier das Bianchi-Modell „Triad Ankle Holster“ (www.cop-gmbh.de) sind nicht gerade populär.

Alte und neue Welt

Historisch betrachtet ist Europa – und hier vor allem der deutschsprachige Raum – die Wiege der Selbstladepistole, während Nordamerika unter anderem mit dem Colt Single Action Army Revolver von 1873 – auch als „Peacemaker“ oder „Equalmaker“ bekannt – erobert und besiedelt wurde. Dieser Tradition folgend, war der modernere Spannabzugsrevolver noch bis Mitte der 1980er Jahre die bevorzugte Dienstwaffe bei der Polizei in den USA. Somit ist der Revolver gerade in den Vereinigten Staaten immer noch sehr populär auf dem Zivilmarkt, und man entdeckt ihn auch im 21. Jahrhundert in den Holstern oder Handtaschen gesetzestreuer Bürger(innen), die eine Schusswaffe zum Eigenschutz führen dürfen. Exakt aus diesem Grunde versucht die US-Industrie, den Revolver immer weiter zu entwickeln und vorhandene Nachteile soweit wie möglich zu reduzieren oder zu eliminieren. Gegenüber der moderneren Subkompaktpistole mit Polymergriffstück ist das vergleichsweise hohe Eigengewicht des Revolvers mit seinen stählernen Hauptbauteilen ein Minuspunkt. Zwar brachte „der“ traditionsreiche Revolverhersteller Smith & Wesson schon 1952 die legendären J-Frame-Fiveshooter in einer „Airlite“-Version mit Aluminiumrahmen heraus, die aber nur für die relativ leistungsschwache .38 Special eingerichtet waren und im Dauergebrauch nicht mit der Stabilität der Stahlrahmenkollegen konkurrieren konnten.

Taschenrevolver mit verdecktem oder innenliegendem Hammer in klassischer „Bodyguard“- oder „Centennial“-Bauweise – hier ein moderner S&W M340 Airlite SC mit Scandium-Rahmen und Titantrommel in .357 Magnum – können im Fall der Fälle auch direkt aus der Jackentasche abgefeuert werden, ohne dass das Innenfutter die Funktion behindern könnte. (Anm. v. Lucifex: siehe auch Der Schuss durch die Tasche von Peter Ernst Grimm und Hans-Jörg Signer.)

Nimm es leicht

Erst gegen Ende der 1990er Jahre kam dann noch einmal Bewegung ins Spiel, denn Taurus und Smith & Wesson brachten Revolver mit Rahmen und Laufmänteln aus Titanlegierung oder Scandium heraus, die mit leichtem Gewicht bei gleichzeitig hoher Festigkeit auftrumpfen konnten. Weil aber die Rohstoffpreise für solcherart Ausgangsmaterialien auf dem Weltmarkt und somit auch die Waffenpreise stetig steigen, wagte der aktuelle Smith & Wesson-Erzrivale Ruger (früher war es mal Colt) mit dem Ruger LCR (Lightweight Compact Revolver) mit Polymergriffstück, Leichtmetallrahmen mit eingezogener, stählerner Laufseele und auf das Nötigste abgespeckter Stahltrommel einen sehr gelungenen Vorstoß in diesem Marktbereich. Neben der Urversion im Kaliber .38 Special+P steht mittlerweile auch eine leistungsstärkere Ruger LCR-Version in .357 Magnum zur Verfügung.

Drei Taschenraketen

Unsere Erprobung zielt primär auf die richtige Laborierungsauswahl in .38 Special und .357 Magnum ab. Daher wählten wir für unsere Testreihen zwei stahlharte Klassiker in Gestalt des Smith & Wesson J-Rahmen-Revolvers M60 „Chiefs Special“ in .357 Magnum mit Lauflängen von 2 1/8“ (54 mm) und 3“ (76 mm) aus, um Unterschiede in der Mündungsgeschwindigkeit und Präzision aufzeigen zu können. Hinzu gesellte sich der moderne, brandaktuelle Ruger LCR in .357 Magnum mit noch kürzerer Lauflänge von 1,875“ (48 mm). Das leichte Gewicht von gerade einmal 495 Gramm des LCR hat auch eine Kehrseite, die sich im Schuss sehr unangenehm bemerkbar macht. Denn der Rückstoß ist je nach Laborierung schon echt heftig. Dass die Kombination aus leichter Waffe und damit einhergehender hoher Rückstoßgeschwindigkeit auch auf das Material geht, konnten wir deutlich anhand unserer Ransom Rest Schießmaschine feststellen. Eine der drei Stangen, welche die Spannbacken aufnehmen, brach während des Tests radial ab!

Die kurzen Läufe sorgen für Mündungsgeschwindigkeitsverlust, je nach Laborierung starkes, in der Dunkelheit blendendes Mündungsfeuer sowie reichlich Mündungsgasdruck. Einige Munitionshersteller haben darauf reagiert und bieten spezielle Laborierungen an, die auf kurze Lauflängen ausgelegt sind, wofür die Speer Gold Dot Short Barrel ein gutes Beispiel ist. Bei solcherart Laborierungen wird nicht einfach an Treibladungsmittel gespart, sondern vielmehr geht es hier um die Feinabstimmung im Chemielabor, um schnellere, mit geringerem Mündungsfeuer ausgestattete Pulversorten sowie um Geschosskonstruktionen, die auch bei verminderten Mündungsgeschwindigkeiten ansprechen und ein sicheres Aufpilzverhalten aufweisen sollen. Vom ATK Ballistikseminar in Schweinfurt haben wir als Weisheit mitnehmen dürfen, dass bei Laborierungen, die nicht explizit für kurzläufige Waffen und geringere Mündungsgeschwindigkeit ausgelegt sind, schwerere Geschosse die bessere Wahl darstellen. Das steht zuerst einmal im Widerspruch, denn gerade diese Geschosse brauchen aufgrund ihrer Massenträgheit entsprechende Lauflänge, um auf Geschwindigkeit zu kommen. Allerdings sind diese schwereren Geschosse auf ein Aufpilzverhalten bei niedrigeren Geschossgeschwindigkeiten ausgelegt, leichtere Geschosse entsprechend auf höhere Geschwindigkeiten. Weil der Zielwiderstand – also die Kraft, die beim Auftreffen des Geschosses auf das Zielmedium gegen die Flugrichtung einwirkt – im Quadrat zur Geschwindigkeit steigt, kann man sich leicht ausmalen, welche Lücke hier bei geringer Geschwindigkeit in Kombination mit leichteren Geschossen entsteht. Aus diesem Grunde hielt bei uns auch die Remington .357 Magnum mit 180 Grains Teilmantel-Hohlspitzgeschoss Einzug in die Testreihen – übrigens mit erstaunlichem Resultat, doch dazu später mehr.

.38 Special vs. .357 Magnum

Wer sich eine Stupsnase zulegen möchte, ist gut damit beraten, schon alleine aufgrund der verwendbaren Munition auf das Kaliber .357 Magnum zu setzen, denn bekanntlich können aus einem Revolver, der für die längere Patrone eingerichtet ist, auch alle .38-Special-Laborierungen verschossen werden. Wer noch einen klassischen .38er besitzt, der muss aus der Not eine Tugend machen. Zwar bleiben selbst die .38 Special +P-Laborierungen in der Leistung weit hinter der .357 Magnum zurück, dennoch ist bei richtiger Geschossauswahl eine brauchbare Zielballistik zu realisieren. Frühe, wirksame .38-Special-Laborierungen weisen beispielsweise ein 158 Grains Blei-Semiwadcutter-Hohlspitzgeschoss aus Weichblei auf, das mit rund 230 bis 250 m/s den Lauf verlässt, doch gerade der Einzug von Munition mit Mantelgeschossen aus widerstandsfähigem Material schafft hier gelegentlich Probleme im Aufpilzverhalten. Ein Revolver in .357 Magnum bietet hier wiederum den Vorteil, dass sich aus ihm auch handelsübliche Munition mit Geschossgewichten über 158 Grains verwenden lässt, die in .38-Special-Laborierung nicht zu finden ist.

Geschosse, die sich gewaschen haben

Die Speer Gold Dot .38 Special +P mit dem ungewöhnlichen Geschossgewicht von 135 Grains (8,75 Gramm) machte den Anfang bei unserem Seifentestbeschuss. Diesmal arbeiteten wir mit der transparenten ballistischen Seife der Firma Enzian (www.enzian-seifen.de), die auch Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zuläßt, die sonst nur mit Gelatineblöcken möglich sind.

Wie bei allen nachfolgenden Beschussversuchen diente uns hier der S&W M60 mit 2 1/8“-Lauf, der mit seiner Lauflänge den klassischen Taschenrevolver darstellt, als Testwaffe. Das 135-Grains-Geschoss drang mit knapp 270 m/s in den Block ein und expandierte sehr gleichmäßig auf einen mittleren Durchmesser von 15,8 Millimeter. Dabei erreichte es 180 Millimeter Eindringtiefe bei 100 % Restgewicht. Mehr lässt sich aber auch bei lediglich rund 313 Joule Energie nicht erwarten, was leistungsmäßig im Bereich einer 9 mm kurz angesiedelt ist.

Als nächstes folgte dann die Speer Gold Dot .357 Magnum Short Barrel mit identischem Geschossgewicht. Das galvanisch verkupferte Geschoss pilzte mit 310 m/s etwas ungleichmäßig bei einem mittleren Durchmesser von 13,2 Millimeter und ebenfalls 100 % Restgewicht auf. Die Eindringtiefe lag hier schon bei 230 Millimeter, mehr war vermutlich durch die zwei abstehenden Fahnen nicht möglich, die für eine geringere Eindringtiefe sorgten.

Bei der zum Abschluss der Zielmedientests noch folgenden Remington 180 Grains JHP TC Fabrikmunition wurde sicherheitshalber ein zweiter Block hinter dem ersten positioniert, was sich als weiser Entschluß herausstellen sollte. Das auf einen mittleren Durchmesser von 16,2 Millimeter aufgepilzte Projektil durchschlug den vorderen Block komplett und drang noch zwanzig Millimeter in den zweiten Block ein, was insgesamt 320 Millimeter Eindringtiefe bedeutete. Zwar ist diese Laborierung recht herzhaft im Rückstoß, aber immer noch angenehmer als so manch giftige 125-Grains-Laborierung. Feuer und Gasdruck an der Mündung halten sich noch in Grenzen, weshalb diese Laborierung unserer Ansicht nach als ein echter Geheimtipp in Sachen Zielballistik gehandelt werden kann.

Die Kehrseite der geborgenen Geschosse (von links): Speer Gold Dot .357 Magnum mit 135 Grains Short Barrel, Remington .357 Magnum mit 180 Grains Teilmantel-Hohlspitz und Speer Gold Dot .38 Special mit 135 Grains Short Barrel.

Von der Vorderseite lässt sich sehr gut das nahezu kreisrunde Aufpilzverhalten des Remington 180 Grains Teilmantel Hohlspitzgeschosses erkennen.

Von der Leistungsfähigkeit der 180-Grains-Fabrikmunition beflügelt, zogen wir auch noch mit zwei Handladungen mit dem Remington 180 Grains Teilmantel-Hohlspitzgeschoss sowie dem gleichschweren Hornady XTP (Extreme Terminal Performance) auf den Schießstand. Wegen der kurzen Lauflängen setzten wir auf das offensiv abbrennende Hogdon Titegroup. Leider konnte mit der Maximalladung für dieses Pulver nicht an die Mündungsgeschwindigkeit der Remington-Fabrikpatrone angeknüpft werden, weshalb wir den Handladern hier das nächst langsamere Pulver in Form des Hogdon HP 38 empfehlen möchten, mit dem sich etwas mehr Mündungsgeschwindigkeit erzielen lassen dürfte. Insgesamt testeten wir 14 Munitionssorten, 6 Laborierungen in .38 Special und 8 Laborierungen in .357 Magnum, aus allen drei Revolvern auf Geschwindigkeit, Energie und Präzision. Die umfangreichen Daten können der übersichtlichen Ballistiktabelle entnommen werden.

caliber-Fazit

Bei Revolvern mit einer Lauflänge unter 4“ (102 mm) macht die akribische Laborierungsauswahl mehr als Sinn, denn ansonsten kann es vorkommen, dass die Geschosse der verwendeten Munition nur unzureichend oder gar nicht deformieren und somit dann wie Vollmantelprojektile wirken. Der Test zeigt aber auch, dass es wirksame Laborierungen im moderaten Kaliber .38 Special gibt, auch wenn man grundsätzlich der leistungsstärkeren und eine größere Bandbreite abdeckenden .357 Magnum den Vorzug geben sollte. In unseren Breitengraden dürfte der Revolver vor allem in den Händen von Jägern als Fangschuß- und Jagdschutzwaffe zu finden sein. Was auch immer der Einsatzzweck sein mag, wer nach maximaler terminalballistischer Leistung und Eindringtiefe strebt, für den führt kein Weg an Munition mit schwereren Geschossen, wie zum Beispiel die Remington 180 Grains Teilmantel-Hohlspitz, vorbei.

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