Der Lebenskampf in der Prosa-Edda

Friedrich Wilhelm Heine, „Die Esche Yggdrasil“, 1886

Von Guillaume Durocher, übersetzt von Lucifex. Das Original The Struggle for Life in the Prose Edda erschien am 29. März 2018 auf Counter-Currents Publishing. (Die Seitenverweise beziehen sich auf das im Originalartikel genannte Buch „The Prose Edda Translated by Jesse L. Byock“, London: Penguin, 2005; die altnordische Originalfassung von „Das Vieh stirbt…“ am Schluß wurde vom Übersetzer hinzugefügt.)

Die ältesten religiösen Texte sind immer von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Der Großteil davon wurde nach und nach durch mündliche Traditionen entwickelt, weitergegeben und dann von Generation zu Generation entwickelt. Wir wissen typischerweise wenig oder nichts über ihre Autoren, ob es nun die Brahmanen sind, die die Upanishaden verfaßten, oder der notorisch schwer faßbare „Homer“. Während diese Texte zweifellos die aristokratischen und/oder Priesterklassen widerspiegeln, die sie konsumierten, verzeichnen sie vor allem die spirituelle Geschichte eines Volkes und drücken sie aus. Diese Geschichten sind das, was ihre ganze Geschichte hindurch Widerhall bei ihnen fand und sie dazu inspirierte, sie für ihre Nachkommen zu bewahren. Die Werte und die Psychologie eines Volkes werden über die Generationen hinweg auf ihre heiligen Mythen und höchsten Gottheiten projiziert. Der Tanach, der Rig-Veda und die homerischen Epen sind alle von den Werten bronzezeitlicher Völker durchtränkt, die sich gewaltsam im Überlebenskampf behaupteten.

Die germanische Mythologie hat das Schicksal, vergleichsweise unbekannt zu bleiben. Die germanischen Stämme und die Nordmänner schufen keine Fülle geschriebener Texte, die ihre religiösen Überzeugungen aufzeichneten. Unsere ausführlichsten Quellen, die beiden Eddur (Einzahl: Edda), existieren, weil die frisch christianisierten Isländer des dreizehnten Jahrhunderts beschlossen, ihre alten heidnischen Gedichte und Geschichten zu bewahren. Es ist eine gute Sache, daß das Kopieren alter Texte ein beliebter isländischer Zeitvertreib war! (Zweifellos ein Produkt des stereotypischen nordischen Fleißes und des Mangels an alternativen Tätigkeiten auf der Insel.) Die Eddur, die im dreizehnten Jahrhundert geschrieben wurden, widerspiegeln mündliche Traditionen, die auf das neunte bis zwölfte Jahrhundert zurückgehen.

Die Eddur drücken das Ethos der mittelalterlichen Nordmänner als konkurrenzorientiertes, dynamisches und kriegerisches Volk aus, eines Volkes, das in einem wahrhaft unwirtlichen, weit nördlichen Klima als sparsame Bauern, seefahrende Händler und Forscher und als Banditen und Eroberer lebte. Zu den Leistungen der Wikinger zählen die Entdeckung Amerikas, die Kolonisierung Islands, die Eroberung der Normandie und Siziliens und möglicherweise die Gründung des ersten russischen Staates (Kiewer Rus). Die sogenannte Lieder-Edda bewahrt, wie der Name andeutet, verschiedene Gedichte, am bekanntesten das Hávamal, oder des Hohen Lied, eine Zusammenstellung weiser Sprichwörter. Die Prosa-Edda von Snorri Sturluson erzählt die Geschichten in einem geradlinigeren Stil und kommentiert oft die Gedichte.

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Wikingerschiffe unter vollen Segeln

NORD-LICHT

Publikumsausfahrt mit den Wikingerschiffsnachbauten des Museums von Roskilde. (Bild nicht aus dem „Reader’s“-Artikel von Priscilla Buckley.)

Von Priscilla Buckley, aus „Das Beste aus Reader’s Digest Oktober 1988 (aus dieser Ausgabe habe ich auch Arthur Charles Clarkes SF-Kurzgeschichte Der gläserne Wächter übernommen).

Sensationelle archäologische Funde und neue Restaurierungsmethoden haben manches Geheimnis um die kriegerischen Seefahrer entschleiert.

Ein bleierner Himmel hängt über Seeland, und nur hier und da ragt ein Baum aus dem Nebel, der die Küste verhüllt. Eine Anzahl Schiffe liegt klar zum Auslaufen in der Bucht. Das Wasser ist ein einziges windgekräuseltes Grau, und es hat angefangen zu nieseln. Als wir in den Fjord hinausrudern, sind alle auf unserem Schiff, der Roar Ege, durchnäßt und durchgefroren.

Doch dann holen die Besatzungen die Leinen durch, und die Segel füllen sich mit Wind. Die Roar Ege rauscht dahin, der Gedanke an die Kälte weicht schierer Begeisterung. Wir segeln in einem…

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Agobard von Lyon und die Ursprünge der feindlichen Elite

Von Dr. Andrew Joyce, übersetzt von Lucifex. Das Original Agobard of Lyon and The Origins of the Hostile Elite erschien am 2. November 2017 auf The Occidental Observer. (Link zum Sebastian-Kurz-Zitat am Schluß vom Übersetzer eingefügt.)

Als Teil der Einführung zu meinem in Kürze erscheinenden Essay-Sammelband Talmud and Taboo habe ich eine Übersicht über entscheidende Entwicklungen in der historischen Beziehung zwischen Juden und Europäern eingefügt. Im Laufe dieser Übersicht hebe ich die historische Unterdrückung europäischer Reaktionen auf jüdisches Gruppenverhalten hervor, ein wichtiger und beständiger Aspekt jüdisch-europäischer Interaktionen. Diese Unterdrückung, dieses Tabu, als Ding an sich, wird tendenziell weniger erforscht und verstanden, verglichen mit der Aufmerksamkeit, die offenkundigeren Manifestationen des jüdischen Einflusses gewidmet wird (z. B. durchsetzungskräftiges Handeln bei der Beeinflussung der Einwanderungskontrolle), aber ihre Betrachtung ist entscheidend für ein vollständiges Verständnis von Juden als eine feindliche Elite. Eine funktionierende theoretische Definition dessen, was mit „Juden als feindliche Elite“ gemeint ist, ist natürlich ebenfalls notwendig und wird hier nicht nur als die Bedeutung angenommen, daß Juden historisch gegen die Interessen der europäischen Massen standen bzw. diesen feindlich gewesen sind, sondern auch, daß Juden direkten Zugang zu politischer Macht oder bedeutenden Einfluß auf europäische Eliten, die welche besaßen, gehabt haben. Während ich die Einführung zu Talmud and Taboo schrieb, befaßte ich mich vorrangig mit den Ursprüngen des jüdischen Erwerbs dieser Macht oder dieses Einflusses in Europa, mit der Art ihres Ausdrucks und mit ihrer Evolution im Laufe von Jahrhunderten. Aufgrund von Platzbeschränkungen in der Einführung zu Talmud and Taboo möchte ich hier die Gelegenheit ergreifen, auf ein solches Beispiel näher einzugehen.

Bis dato ist unser bestes Verständnis moderner jüdischer politischer Strategien im Kontext des „Tabus“ in Kapitel 6 von Kevin MacDonalds Separation and Its Discontents: Toward an Evolutionary Theory of Anti-Semitism mit dem Titel Jewish Strategies for Combatting Anti-Semitism zu finden. Ein Abschnitt befaßt sich mit „Politischen Strategien zur Minimierung des Antisemitismus“. MacDonald merkt an, daß Juden flexible Strategen in der politischen Arena gewesen sind, unterstützt durch einen IQ, der beträchtlich über dem kaukasischen Mittel liegt, und argumentiert, daß die Grundlagen für den jüdischen Einfluß Reichtum, Bildung und gesellschaftlicher Status gewesen sind.[1] Heute setzen Juden diesen Einfluß ein, um eine negative Diskussion über ihre Gruppe zu unterdrücken, und zeitweise zur Unterdrückung überhaupt jeglicher Diskussion über Juden. MacDonald zeigt auf, daß dies normalerweise mittels umfangreicher gemeinschaftlicher Unterstützung für „Selbstverteidigungskomitees“ getan wird, die ein Merkmal jeder Diaspora-Population sind. Diese Komitees betreiben immer Lobbyarbeit bei Regierungen, nützen und beeinflussen Rechtssysteme, produzieren pro-jüdische und pro-multikulturelle Propaganda und finanzieren pro-jüdische Kandidaten oder Initiativen. Eine weitere ihrer lebenswichtigen Funktionen ist es gewesen, „Antisemiten“ zu überwachen und aufzudecken und Rechtssysteme zu benutzen, um individuelle Bestrafungen zu verlangen, womit sie ein Exempel an Individuen statuieren und dadurch eine abschreckende Atmosphäre für den Rest der Bevölkerung erzeugen.

Es erübrigt sich fast zu sagen, daß Juden in der Neuzeit sehr erfolgreich darin gewesen sind, Antisemitismus zu einem anrüchigen und widerwärtigen Unterfangen zu machen. Vielleicht mehr als jedes andere Beschämungsmittel können Vorwürfe wegen Antisemitismus sozial und beruflich verheerend sein. Akademische Studien, die argumentieren, daß Antisemitismus eine rationale und verständliche Grundlage hat, wie MacDonalds Werk, werden in einer unaufhörlichen Bemühung zur Aufrechterhaltung der jüdischen Kontrolle über Narrative betreffend ihre Gruppe und zur Abwendung von Feindlichkeit ihr gegenüber überwacht und aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen. Eine grundlegende Idee, die die Schaffung dieses modernsten Tabus untermauert, ist, daß Antisemitismus ein persönlicher Makel ist, der auf eine psychiatrische Störung hindeutet und eine soziale Verirrung ist, wie von den Schriften der  Frankfurter Schule für Sozialforschung verkörpert. Trotzdem sie eine fast monolithische Position im öffentlichen Denken der meisten europäischen Populationen erlangt haben, ist es besonders bemerkenswert, daß solche Konzeptionalisierungen des Antisemitismus als irrationale und unerklärliche Form von psychosozialer Krankheit extrem jungen Datums sind und erst in den letzten sechzig Jahren von einer Gruppe jüdischer Intellektueller entwickelt wurden – besonders von jenen am Nexus von Psychoanalyse und Frankfurter Schule.

Diese Umdeutung des europäischen Verständnisses des Antisemitismus ist nicht nur am jüdischen Einfluß in der akademischen Welt, in den Medien und in der Entwicklung der Gesellschaftspolitik gelegen, sondern auch an einer allgemeinen Unwissenheit unter Europäern über die historischen Erfahrungen ihrer Vorfahren. Europäer können mit der Frage des jüdischen Einflusses nicht klarkommen, indem sie rein dessen zeitgenössische Manifestationen konfrontieren – sie müssen sich mit den Erfahrungen ihrer Vorfahren befassen und verstehen, wie und warum sie Juden als feindliche Elite betrachteten.

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Caribbean Project 8: Der Proto-Süden

Die Geburt der Plantagensklaverei auf den Kanarischen Inseln

Die Geburt der Plantagensklaverei auf den Kanarischen Inseln

Von Hunter Wallace, übersetzt von Deep Roots. Das Original Caribbean Project: The Proto South erschien am 24. August 2012 im Rahmen von Hunter Wallaces Artikelserie „Caribbean Project“ auf Occidental Dissent. (Mit dem „Süden“ wird hier auf die Südstaaten der USA angespielt.)

Zuletzt aus dieser Reihe hier erschienen: Caribbean Project 7: Schwarz in Lateinamerika

Ich habe gerade einen faszinierenden Essay in The Caribbean: A History of the Region and Its Peoples gelesen, der im Wesentlichen eine Vorgeschichte des südstaatlichen Plantagensystems ist:

1) Zuckerrohr stammt vom Persischen Golf und wurde zuerst im siebten und achten Jahrhundert von Moslems im Irak mit schwarzen Sklaven aus Ostafrika angebaut.

2) Zucker war in Europa während der Antike und des frühen Mittelalters unbekannt – Honig und Fruchtsäfte wurden zum Süßen verwendet.

3) Vom Irak aus verbreiteten die Moslems das Zuckerrohr unter dem Kalifat nach Ägypten, Nordafrika, Südspanien und Sizilien.

4) Zuckerrohr wurde zur Zeit von al-Andalus in ganz Südspanien angebaut. Es wurde Europäern durch Kaufleute vertrauter gemacht, die in ägyptischen Häfen Handel trieben.

5) Während der Kreuzzüge stießen Europäer in Palästina und Syrien auf Felder von „Honigholz“, und die Kreuzritter ernteten es und verkauften es nach Europa, wo sich ein Markt dafür entwickelte.

6) Die Venezianer brachten das Zuckerrohr nach Zypern und Kreta, und es wurde in Sizilien vor und nach der normannischen Eroberung angebaut.

7) Im Spätmittelalter wurde Zuckerrohr auf Plantagen mit freien Arbeitern um die Ränder Europas in Südspanien, Sizilien, Zypern und Kreta angebaut. Selbst hier ist Zuckerrohr eine tropische Pflanze und wuchs nicht gut in Südspanien und Sizilien, die kälter und trockener und der Nordrand seines Lebensraumes sind.

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Benzion Netanjahu: Jüdischer Aktivist und intellektueller Apologet

Das englische Original Benzion Netanyahu: Jewish Activist and intellectual apologist von Kevin MacDonald wurde am 06.05.2012 auf  The Occidental Observer veröffentlicht. Übersetzung durch Sternbald (erstmals veröffentlicht auf „As der Schwerter“).

Benzion Netanjahu, der Vater des gegenwärtigen israelischen Ministerpräsidenten, verstarb im Alter von 102 Jahren. Uri Avnery, ein israelischer Friedensaktivist, beschreibt Netanjahu fils als „vom Holocaust besessenen Phantasten, der den Kontakt zur Realität verloren hat, allen Gojim misstraut und versucht, in die Fußstapfen eines starrsinnigen und extremistischen Vaters zu treten – alles in allem eine gefährliche Person, um eine Nation in einer tatsächlichen Krise zu führen.“ Wie der Vater, so der Sohn.

Benzion Netanjahu war ein prototypischer jüdischer Aktivist, der mit Leichtigkeit zwischen seiner Arbeit als Sekretär des rassistischen Zionisten Wladimir Jabotinski, seiner erfolgreichen Lobbyarbeit für eine prozionistische Gruppe der Republikanischen Partei 1944 (welche bewirkte, dass die Demokraten eine ähnliche Gruppe bildeten) und seiner Arbeit als jüdischer Geschichtswissenschaftler, der jüdische Interessen im akademischen Bereich vorantrieb, wechselte. Sein bekanntestes Buch, The Origins of the Inquisition in 15th-Century Spain (Die Ursprünge der Inquisition im Spanien des 15. Jahrhunderts), erschien 1995 bei Random House.

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Das Ulmer Münster und die Neger

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Von Deep Roots (post-AdS)

Als ich am 13. Juli 2010 im Zuge einer Reise durch Süddeutschland Ulm besuchte und den 161,5 Meter hohen Turm des ab 1377 erbauten Ulmer Münsters bestieg, kam mir angesichts der beeindruckenden bautechnischen, wirtschaftlichen, architektonischen, handwerklichen und organisatorischen Leistung, die hier von mittelalterlichen Deutschen mit diesem gewaltigen, komplexen Bauwerk hingestellt worden ist, ein Gedanke, aus dem die Grundidee zu diesem nun vorliegenden Artikel wurde.

Eine gängige weißenkritische Erklärung der Gutmenschen und Juden für die wirtschaftliche und zivilisatorische Kluft zwischen der europäischen Zivilisation und dem nichtweißen Rest der Welt, insbesondere gegenüber Afrika, ist ja die Behauptung, daß die Europäer sich ihren Vorsprung in unfairer Weise durch Ausbeutung nichtweißer Völker herausgeholt hätten, während jene nichtweißen Völker durch ebendiese Ausbeutung und durch die Fremdherrschaft der Weißen unten gehalten worden seien. Ohne europäische Kolonialherrschaft wären sie – auch die Afrikaner – laut dieser Argumentation bis heute auf einem ähnlichen Stand wie wir angelangt oder würden nicht weit hinter uns zurückliegen. Ihr Zivilisationspotential sei ähnlich hoch wie unseres, und mit ausreichend wirtschaftlicher Unterstützung und Bildungsförderungsmaßnahmen wie die Initiative One Laptop per Child von Nicholas Negroponte könnte selbst das hinterste Afrika zu unserem Lebensstandard aufschließen, weshalb wir ihnen diese Unterstützung schulden würden.

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Natürlich ist diese Vorstellung völliger Blödsinn, was allein schon eine Betrachtung historischer Fakten klarmacht. Zum Beispiel war Äthiopien nie unter europäischer Kolonialherrschaft (nur zwischen 1936 und 1941 von Italien besetzt), und doch ist dieses Land heute nicht besser dran als der Durchschnitt Schwarzafrikas. Ebenso der westafrikanische Staat Liberia, der seit seiner Gründung im Jahr 1821 auf eine durchgehende Unabhängigkeit zurückblicken kann. Auch Thailand ist nie unter europäische Kolonialherrschaft geraten, weil die Diplomaten des Königreichs Siam die europäischen Mächte, die dort Kolonialinteressen gehabt hätten, geschickt gegeneinander auszuspielen verstanden. Dennoch hat Thailand heute keinen merklichen Vorsprung gegenüber den anderen südostasiatischen Ländern. Jedoch ist Südostasien insgesamt heute sicherlich deutlich besser entwickelt und hat einen höheren durchschnittlichen Lebensstandard als Schwarzafrika. Es gibt also auch zwischen den verschiedenen nichtweißen Rassen Unterschiede in der Zivilisationsfähigkeit.

Zudem hat die großflächige europäische Kolonialherrschaft in Afrika und Asien meistenorts erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen, und auch in der Neuen Welt besaßen zunächst eine Weile lang nur Spanien und Portugal nennenswerte Kolonien, während viele europäische Länder niemals welche hatten.

In Westafrika begann der Kontakt mit den Europäern erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit den Entdeckungsfahrten portugiesischer, später auch englischer, französischer und niederländischer Seefahrer, die dort lange nur örtliche Niederlassungen als Stützpunkte für die Versorgung ihrer Schiffe und für den Handel mit den Einheimischen besaßen. Zu dieser Zeit waren Westafrika und die Sahelzone von afrikanischen Großreichen wie Mali, Ghana, Songhai, Mamprussi, Mossi, Dagomba und Ashanti beherrscht, die auf Sklavenhaltung beruhten und vom Handel mit Elfenbein, Hirse, Gold – und Sklaven lebten; von letzteren wurden viel mehr in den arabischen Raum verkauft als in die transatlantischen Kolonien der Europäer.

Im Senegal konnte Frankreich seinen Kolonialherrschaftsanspruch erst 1791 durchsetzen und bekam das Land auf der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 zugesprochen, die die Grundlage für die Aufteilung Afrikas im folgenden Wettlauf um Kolonien bildete, während England das kleine Gambia bekam. In den Niger entsandte Frankreich erst Ende des 19. Jahrhunderts eine Militärexpedition, um eine sichere Verbindung zwischen seinen Kolonien Französisch-Westafrika und Französisch-Zentralafrika zu schaffen, und es konnte dort selbst im frühen 20. Jahrhundert nur eine minimale Kontrolle etablieren. In den Tschad drangen 1890 erstmals französische Truppen ein, die erst zehn Jahre später den arabischen Heerführer Rabeh Zobeir besiegen konnten, welcher aus dem Sudan in das Land eingefallen war, in dessen Norden der Widerstand gegen die französische Inbesitznahme bis 1930 andauerte. 1960 war der Tschad schon wieder unabhängig. In Guinea kam es erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Küste zur Gründung erster französischer Niederlassungen. Im Landesinneren bestand ein von Samori Touré (1835 – 1900) gegründetes Reich, das außer weiten Teilen des heutigen Guinea auch Teile von Mali und der Côte d’Ivoire umfaßte und dessen Widerstand erst 1898 gebrochen wurde. 1904 wurde das Land der Kolonie Französisch-Westafrika angeschlossen, und 1958 erhielt es die Unabhängigkeit.

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Vorbereitung auf Ragnarök

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Von Fjordman, übersetzt von Deep Roots

Das Original Preparing for Ragnarök erschien am 2. Mai 2011 auf „Gates of Vienna“.

 

Die Vorhersage der Zukunft ist eine schwierige Sache.

De civitate Dei („Vom Gottesstaat“) wurde von Augustinus von Hippo geschrieben, kurz nachdem Rom im Jahr 410 von den Westgoten geplündert wurde. Dies schockte ihn und seine Zeitgenossen, und doch verstand er offenbar nicht, daß das, was er sah, der Tod einer ganzen Zivilisation war. Augustinus selbst starb, während die Vandalen im Begriff waren, seine Stadt zu plündern.

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Der schottische Ökonom Adam Smith veröffentlichte sein Buch „The Wealth of Nations“ im Jahr 1776 während des Frühstadiums der industriellen Revolution in Großbritannien, und doch sah er diese historische Umgestaltung nicht kommen. Augustinus und Smith waren beides sehr kluge Männer, aber nicht einmal sie konnten die nahe Zukunft vorhersehen oder die volle Kraft der Veränderungen verstehen, die zu ihrer eigenen Lebenszeit im Gange waren. Individuen, die viel klüger waren als ich, haben sich spektakulär hinsichtlich der Zukunft geirrt. Es besteht ein sehr großes Risiko, daß ich jetzt denselben Fehler machen werde, aber ich werde es versuchen.

Mir ist zunehmend der Verdacht gekommen, daß die westliche Zivilisation nicht bloß bedroht ist, sondern daß sie eigentlich schon tot ist. Sie starb wahrscheinlich vor vielen Jahren; wir haben es damals nur nicht bemerkt. Der Westen befindet sich gegenwärtig in einem solch fortgeschrittenen Stadium des Niedergangs, daß irgendeine Art von Kollaps nicht länger vermieden werden kann. Der vorhandene Bewegungsimpuls ist zu groß, und die herrschenden Oligarchen versuchen nicht einmal, auf die Bremse zu treten. Ein Kollaps wird stattfinden. Es ist nur eine Frage dessen, wie wir damit fertigwerden, und ob es uns gelingt, hinterher ein wohlbemessenes Heimatland für unser Volk zu erkämpfen.

Ich glaube, daß die Europäische Union sich innerhalb der kommenden Generation auflösen wird, daß die USA in ihrer gegenwärtigen Form dieses Jahrhundert nicht überleben wird und daß uns innerhalb der kommenden Generation eine volle strukturelle, politische, ideologische und wirtschaftliche Krise bevorsteht, gefolgt von schweren gesellschaftlichen und ethnischen Konflikten. Während das zwanzigste Jahrhundert das blutigste Jahrhundert der bisherigen menschlichen Geschichte war, fürchte ich, daß das einundzwanzigste Jahrhundert es schließlich übertreffen wird, allein schon aus dem Grund, daß die Welt heute viel bevölkerungsreicher ist, als sie es 1914 oder 1939 war.

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Wie Jacques Barzun, der in Frankreich geborene amerikanische Lehrer, Autor und Ideenhistoriker, es in „From Dawn to Decadence“ ausdrückt: „Wie eine Revolution aus einem gewöhnlichen Ereignis heraus ausbricht – eine Flutwelle aus Wellengekräusel – ist Ursache für endloses Staunen. Weder Luther im Jahr 1517 noch die Männer, die sich 1789 in Versailles versammelten, beabsichtigten zunächst, was sie schließlich hervorbrachten. Noch weniger sahen die russischen Liberalen, die die [Februar-] Revolution von 1917 durchführten, das voraus, was folgte. Alle waren so unwissend wie alle anderen darüber, wie viel zerstört werden sollte. Genausowenig konnten sie erraten, welche fieberhaften Gefühle, welches seltsame Verhalten folgt, wenn eine Revolution, sei sie groß oder kurzlebig, in der Luft liegt.“ Mr. Barzun erinnert uns auch daran, daß „wenn Menschen Sinnlosigkeit und das Absurde als normal akzeptieren, die Kultur dekadent ist. Der Begriff ist keine Verunglimpfung, sondern ein technischer Begriff. Eine dekadente Kultur bietet hauptsächlich dem Satiriker Chancen.“ Der Westen heute ist eindeutig dekadent.

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Das „jüdische“ Khanat: Geschichte und Religion des Reiches der Chasaren

Aus dem Historie-Magazin „Karfunkel“, Ausgabe Nr. 79 Dezember 2008 – Januar 2009 (einschließlich der Bilder). Der Autor ist dort mit „jpk“ angegeben.

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Als „jüdisches Atlantis“ oder „dreizehnten Stamm“ bezeichnete man das Reich der turkstämmigen Chasaren, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert die Steppen nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres beherrschten und von denen sich ein Teil zum Judentum bekehrte. Auch die letzte umfangreichere deutschsprachige Publikation zu den Chasaren spricht vom „vergessenen Großreich der Juden“. Tatsächlich stellt die Existenz eines mächtigen Staates mit einem jüdischen Herrscher im Mittelalter ein einzigartiges und faszinierendes Phänomen dar, doch darf die tatsächliche Rolle des Judentums in diesem Steppenreich auch nicht überschätzt werden.

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Im hebräischen Antwortbrief des chasarischen Herrschers Joseph an den am Hof des Kalifen von Cordoba Ab dar-Rahman III. sehr einflußreichen jüdischen Arzt und Gelehrten Hasday ibn Shaprut (ca. 905 – 975) – eine unserer wichtigsten Quellen für die Geschichte der Chasaren – wird erklärt, daß der Urvater der Chasaren von Togarma, einem Sohn des Gosmer und Enkel des Noahsohnes Japhet, abstamme; somit war erfolgreich der Anschluß an die Völkertafel der Genesis hergestellt. Dieser Stammbaum findet sich auch in verschiedenen arabischen Quellen, von denen manche sogar eine Abkunft der Chasaren von Abraham behaupten, der nach dem Tod seiner ersten Gattin Sarah eine Araberin namens Kantura geehelicht habe und mit ihr nach Chorasan im Nordostiran übersiedelt sei, wo sich seine Sippe mit den Chasaren vermischt hätte. Schließlich wurde in manchen Texten auch die Theorie aufgestellt, die Chasaren seien Reste der zehn verlorenen Stämme Israels, also jener Juden, die bei der Eroberung des israelitischen Nordreichs durch die Assyrer 722 v. Chr. verschleppt wurden.

Solche Konstruktionen dienten natürlich dazu, die (in ihrer Oberschicht) nunmehr jüdischen Chasaren mit dem Geschick des Volkes Israel zu verbinden.

Chasaren = Nomaden?

Die moderne Geschichts- und Sprachwissenschaft kommt erwartungsgemäß zu einem anderen Ergebnis: Die Chasaren, deren Namen sich eventuell vom alttürkischen q’azar („Nomade“) ableitet, stellten ein turkstämmiges Volk dar, das sich ab der Mitte des 6. Jh. n. Chr. in den Steppen nördlich des Kaspischen Meeres nachweisen läßt. Dort stand es Anfang des 7. Jh. unter der Oberhoheit des köktürkischen Großreiches, dessen westlicher Khagan um 625 ein Bündnis mit dem byzantinischen Kaiser Herakleios gegen das persische Reich der Sasaniden einging und mit seinen Einfällen nach Transkaukasien zum Sieg der Byzantiner beitrug. Spätere Autoren identifizierten schon diese wertvollen Bundesgenossen mit den Chasaren (während die zeitnaheren Quellen von Türken sprechen), doch stellten sie nur eines – wenn vielleicht auch wichtiges – unter den Völkern im Heer des Khagans dar. Erst als das köktürkische Reich nach 630 zerfiel und das westliche Khaganat 659 von den Chinesen zerstört wurde, konnten die Chasaren, deren Herrscher nun selbst den Titel eines Khagan annahm, eine eigene Machtposition in den Steppen nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres erringen.

Das Wolgadelta bei Astrachan, in dessen Nähe sich vermutlich auch die chasarische Hauptstadt Itil befand.

Das Wolgadelta bei Astrachan, in dessen Nähe sich vermutlich auch die chasarische Hauptstadt Itil befand.

Die Entstehung des Chasaren-Reiches

Zur Vormacht in diesem Raum wurden die Chasaren um 660, als sie das sogenannte großbulgarische Reich besiegten; Stämme dieses Reiches gelangten nun unter chasarische Oberhoheit, andere wanderten nach Westen, unter anderem an die Donau, wo sie um 680 ein neues Reich begründeten.

Der Sieg über die Bulgaren wird auch im Brief des Joseph als „Gründungsdatum“ chasarischer Herrschaft erwähnt. Das Zentrum der chasarischen Macht lag damals im heutigen Daghestan nördlich des Kaukasus, wo die Städte Balanjar (vermutlich am Mittellauf des Sulak in Daghestan, heute in einem Stausee verschwunden) und Samandar (vermutlich nahe der heutigen Hauptstadt Machatschkala) die wichtigsten Stützpunkte der Chasaren darstellten.

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Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Teil 3]: „Englischer literarischer Antisemitismus“

Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots. Das Original Review: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Part 3]: „English Literary Anti-Semitism“ erschien am 22. Februar 2013 im „Occidental Observer“.

Zuvor erschienen:

Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora: A History of Anti-Semitism in England“, Teil 1

Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Teil 2]: „Mittelalterlicher englischer Antisemitismus“

Illustration aus „The Prioress‘ Tale“

Illustration aus „The Prioress‘ Tale“

Wir setzen unsere Analyse von Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ fort, indem wir unsere Aufmerksamkeit einem der umfangreicheren Abschnitte des Buches zuwenden – einem Kapitel, das sich mit dem befaßt, was Julius für Englands einzigartig hasserfüllten Beitrag zur Weltliteratur hält. Im ersten Teil dieser Analyse erforschten wir den Hintergrund des Autors, seine Geschichte als jüdischer ethnischer Aktivist und auch, durch einige seiner Aussagen und bibliographische Informationen, Aspekte seiner Psychologie. Es ist bereits demonstriert worden, daß diese psychologische und in gewissem Sinne auch politische Sichtweise sowohl Julius’ Wahrnehmung der Geschichte der Juden in England wie auch seine Schriften über diese Geschichte beeinflußt. Dies ist am offensichtlichsten in dem Faden des Opfertums, den Julius grob durch einen Großteil des Buches webt.

Heimtückischer sind jedoch die Fälle, die wir im zweiten Teil der Analyse gesehen haben, wo Julius vorsätzlich Beweise ignorierte, weil sie nicht dem entsprachen, wovon er glaubt, daß es so war, und auch, weil sie nicht dem entsprachen, was er andere glauben machen möchte. Julius hat damit gezeigt, daß er ein Propagandist ist, der zu dem Getrommel beiträgt, daß der Westen böse ist.

Julius eröffnet sein Kapitel mit einer Darstellung der Bedeutung der Klagelieder Jeremias’ [Lamentationes] in der jüdischen Tradition. Das Buch, das Juden als Megillat Eicha bekannt ist, hält den Verlust Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Babylonier fest. Laut Julius (S. 144) erneuert seine Rezitation durch Juden jedes Jahr am Fastentag Tishah be’Av

die jüdische Erinnerung an das babylonische Exil und an jene anderen Momente nationalen Unglücks, derer man sich konventionsgemäß an diesem Tag erinnert – unter anderem die Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 [n. Chr.] und die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. In seiner langsamen Summierung von Katastrophen ermutigt Tishah be’Av dazu, Katastrophen als die definierende Qualität der Existenz in der Diaspora zu betrachten… Der Tradition zufolge wurden die Juden an Tishah be’Av aus England vertrieben. An diesem Tag sollen die Juden sich auch an diese Katastrophe erinnern.

Abgesehen von den Auswirkungen dieses jährlichen Festivals des Opfertums auf die Gruppenidentität und Gruppenpsychologie schreibt Julius, daß ein zentraler Aspekt der Megillat Eicha eine Erinnerung an die Babylonier sei, wie sie ihren Sieg über die Juden feierten, indem sie sie in ihre Lieder und Spötteleien einbezogen.

Dieses Feiern über die Besiegten ist wichtig, weil laut Julius der angeblich antijüdische englische Literaturkanon aus der Zeit nach der Vertreibung wenig mehr ist als das Feierlied von Engländern, die ihren Feind besiegt haben und sich dieses Sieges für immer in ihrer Kunst erinnern werden. Es kommt Julius nicht in den Sinn, daß die Vorstellung, daß der berühmte literarische Ausstoß von einem der weltgrößten Produzenten des geschriebenen Wortes sich um die Juden drehe, ein Beweis für ein wahrlich pathologisches Ausmaß von Ethnozentrismus ist.

Stattdessen schreibt Julius (S. 149), daß die Juden nach der Vertreibung herausfanden,

daß sie zum Stoff für Lieder geworden waren. Dies gehört zu den bittersten Folgen für sie. Die Bedrohung, die sie darstellten (oder als die sie wahrgenommen wurden), kann nun zeremoniell beschworen werden… Diese Lieder oder Balladen, die endlos wiedererzählt werden und die den Besiegten das Pathos ihrer Niederlage verweigern, folgen sowohl auf Akte der Barbarei, wie sie auch selbst barbarisch sind. Sie sind mitleidlos; sie können verfolgerisch sein.

Wir können schnell sehen, daß das Gefühl des Opfertums, das in den vorherigen Abschnitten des Buches so offensichtlich ist, weiterhin gewohnheitsmäßig aus jedem Absatz trieft. Julius schreibt (S. 149):

Englands ehemalige Juden hätten sich versammeln können, um solch ein Klagelied [wie die Eicha] anzustimmen, während sie in ihren überseeischen Zufluchtsorten über die entstehende Literatur ihres ehemaligen Heimatlandes nachdachten, eine Literatur, die Texte verbreitete, in denen die Verbrechen räuberischer Juden aufgedeckt und ihre Täter bestraft werden.

Eine sorgfältige Zählung der Werke, die sechshundert Jahre überspannen und von denen Julius behauptet, daß sie antijüdischen Inhalt hätten, kommt auf insgesamt sechzehn, einschließlich Titeln wie Bram Stokers Dracula, das keine Verweise auf Juden oder das Judentum enthält. Das ist kaum die „Verbreitung“, die Julius postuliert, und kaum ein Beweis für einen vorherrschenden antisemitischen nationalen „Diskurs“.

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Rezension: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Teil 2]: „Mittelalterlicher englischer Antisemitismus“

Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots. Das Original Review: Anthony Julius’ „Trials of the Diaspora“ [Part 2]: „Medieval English Anti-Semitism“ erschien am 21. Januar 2013 im „Occidental Observer“.

In Teil 1 dieses Essays schufen wir die Grundlagen für eine Untersuchung von Anthony Julius’ Trials of the Diaspora, indem wir den Hintergrund des Autors betrachteten, seinen Hintergrund als Anhänger der Frankfurter Schule und seine Rolle bei der Verteidigung und Förderung jüdischer Interessen. Wir gehen nun zu einer Diskussion des historischen Inhalts des Textes über. Die folgende Analyse wird dem Leser zuerst Julius’ Narrativ der jüdischen Erfahrung im mittelalterlichen England liefern. Die zweite Hälfte des Essays wird der Sezierung seines Narrativs gewidmet sein und dem Aufzeigen seiner Myriaden von Fehlern, Falschdarstellungen und Erfindungen.

Julius über die Juden im mittelalterlichen England

Julius beginnt seine Geschichte der Juden im mittelalterlichen England, indem er ein häufiges Thema in der jüdischen ethnisch-aktivistischen Geschichtsschreibung einführt – die völlige jüdische Passivität und den Einsatz dessen, was ich „das Opferparadigma“ nenne. Wie ich in meiner früheren Arbeit über die russischen Unruhen im 19. Jahrhundert erläuterte, „ist es die Vorstellung, daß Juden als exemplarisches ‚schuldloses Opfer’ in der Welt allein dastehen. Auch nur irgendein Gefühl jüdischer Einwirkung zuzulassen – irgendeine Behauptung, daß Juden vielleicht in mancher Weise zu antijüdischen Einstellungen beigetragen haben – heißt, dem Fortbestand dieses Paradigmas zu schaden.“ Für Julius ist die Geschichte der Juden im mittelalterlichen England eine, in der eine unschuldige jüdische Population von „einem räuberischen Staat, einer feindseligen Kirche und einer zeitweise, aber mörderisch gewalttätigen Bevölkerung“ zum Opfer gemacht wird (S. xli). Julius schreibt, daß die Periode „einen Krieg gegen die Juden“ erlebte (S. xli). Das Leben der Juden war laut Julius ab dem Moment ihrer Ansiedlung im Land im Jahr 1066 „immer schwierig, oft unerträglich“ (S. xli).

Julius malt ein Porträt einer Gemeinschaft wie jede andere, vielfältig in ihren Interessen und Berufen. Sicherlich, gibt Julius zu, gab es „einige große Finanziers“, aber der Geldverleih spielte im jüdischen Leben keine große Rolle, und es gab auch „Ärzte, Händler, Goldschmiede und Balladensänger“ (S. 106). Julius behauptet, „sie waren nicht von ihren christlichen Nachbarn abgesondert“ (S. 107). Er drängt uns zur Vermeidung „der Fehlvorstellung, daß das typische jüdische Milieu ein kommerzielles sei, und daß der Judaismus selbst besonders günstig für das Geldverdienen sei“ (S. 123).

Julius schreibt die erste ernsthafte Störung dieser prekären Existenz dem Erscheinen der „Ritualmordlegende“ zu, die laut Julius aus der Irrationalität und angeborenen Bösartigkeit der christlichen Bevölkerung entstand (S. 123). Die Krone machte dann mit und „machte das Abpressen von Geld von Englands reichsten Juden zu einem Projekt“ (S. 123). Man betrachte das Opferparadigma, das hier am Werk ist, wenn Julius behauptet: „Die Geschichte des mittelalterlichen englischen Judentums ist daher in großem Maße die Geschichte der Verfolgung des mittelalterlichen englischen Judentums“ [Hervorhebung im Buch] (S. 123). Er behauptet: „Im mittelalterlichen England wurden Juden diffamiert, ihr Vermögen wurde enteignet, sie wurden getötet oder verletzt, sie waren diskriminierenden und erniedrigenden Vorschriften unterworfen, und sie wurden schließlich vertrieben“ (S. 108). Gewalt „kam von oben und unten“ (S. 108), „weder jüdisches Leben noch jüdisches Eigentum war jemals gänzlich vor Angriffen sicher… Sogar ihre gewöhnlichsten, belanglosesten sozialen Begegnungen mit Christen waren mit Gefahr für Juden befrachtet“ (S. 119). Opfertum, Passivität, Mangel an eigener Tätigkeit.

Julius behauptet, daß der Staat die Juden zu Opfern gemacht hätte, indem er „Erpressung durch gerichtliche Sanktionierung falscher Anschuldigungen unterstützte, durch seine stillschweigende Unterstützung für Mob-Gewalt und seine Weigerung, die Mörder von Juden zu bestrafen“ (S. 119). Die Kirche „praktizierte Gewalt und stiftete andere zu Gewalt an durch ihr Streben nach verfolgerischen Gesetzen, durch ihre Predigten und durch andere Zwangsmaßnahmen“ (S. 119). Mob-Gewalt war „radikal, gnadenlos und sehr oft geschickt angeleitet“ (S. 119). Julius liefert keine Verweise, Zitate oder Beweise zur Unterstützung dieser Behauptungen.

Viel von Julius’ Polemik zu diesem Zeitraum betrifft die „Ritualmordlegende“, ein Phänomen, das er völlig zu erklären oder in einen Zusammenhang zu stellen verabsäumt. Er stützt sich darauf, es als „den beispielhaften Fall einer völligen Erfindung“ abzutun, ohne zu fragen, warum eine örtliche Bevölkerung a) überhaupt Beweise gegen Juden erfinden würde und b) warum das die Form annahm und zu der Zeit aufkam, wie es der Fall war. Nachdem die Beantwortung solcher Fragen entscheidend für das Verständnis jeder historischen Frage oder Periode ist, ist Julius’ ganzer Abschnitt dazu nicht nur faktisch, sondern auch methodisch fehlerhaft. Er schreibt die antijüdischen Unruhen von 1189 bis 1190 „einer breiten Begeisterung für die Kreuzzüge“ zu (S. 119), ohne Gründe für solch eine Aussage zu bieten, und schreibt provokant, daß er sich die Massen von Nichtjuden vorstellt, wie sie „rauben, vergewaltigen, verbrennen und töten – die ganze Zeit selbstgerecht“ (S. 119).

Die Krone, behauptet Julius, belastete Englands Juden mit „drückenden Steuern“, die aufgrund persönlicher Habgier und einer bösartigen Theologie eingehoben wurden, die sie für „Gottes zurückgewiesenes Volk“ hielt (S. 125). Sie seien den Launen von Königen ausgesetzt gewesen, die große Darlehen und tallages [eine Art von Landsteuer] forderten. Die englische Kirche verfolgte Juden, indem sie Christen sagte, nicht zu jüdischen Ärzten zu gehen und kein Geld von Juden zu borgen, und durch die priesterliche Befassung mit jüdischen religiösen Gestalten in theologischen Debatten. Edward I. war besonders gemein, erklärte Julius, denn er „gab Anweisungen an Juden, dominikanischen Predigten beizuwohnen“ (S. 139).

Julius schreibt, daß Edward I. im Jahr 1290 eine „geschwächte“ und „eingeschüchterte“ jüdische Bevölkerung aus England vertrieb, sobald sie für die Krone finanziell nicht mehr nützlich war. Ein deprimierendes und für den uninformierten Leser in der Tat mitleiderregendes Narrativ.

Aber ein gänzlich falsches.

Juden im mittelalterlichen England

Sogar damals im Jahr 1894 gab es eine genügende Menge dieser Dokumentation, daß W. Bacher schreiben konnte: „Kein Land in Europa besitzt einen so reichen Bestand an Dokumentation über die Geschichte der Juden im zwölften Jahrhundert wie England“ [1] Trotz der Verfügbarkeit großer Mengen von primären Dokumentarbeweisen konsultierte Julius nicht eine originale Quelle für seine Diskussion über die mittelalterlichen englischen Juden, sondern macht statt dessen starke und selektive Anleihen bei anderen Autoren. Wie G. R. Elton, der große englische rationalistische Historiker, in seinem Klassiker The Practice of History (1961) sagte: „Zu wissen, was andere Historiker geschrieben haben, ist entscheidend für eine ordentliche Arbeit“, aber „die erste Forderung für solide Geschichtswissenschaft muß betont werden: sie muß auf einer breiten Inangriffnahme allen relevanten Materials beruhen.“ [2] Julius geht nicht nur nicht alles relevante Material an, das im Laufe von Jahrhunderten ausgegraben worden ist – er befaßt sich mit gar nichts davon. Mit der Ausnahme von ein oder zwei Einträgen besteht Julius’ Liste von über einhundert Fußnoten für seine Diskussion der Juden im mittelalterlichen England ausschließlich aus Büchern, die in den 1980ern und 1990ern von Historikern der Art geschrieben wurden, die von Elton als Lieferanten „antipositivistischer Kritiken“ bezeichnet wurden – das heißt, eine Schule von Historikern, die behaupten, daß die Theorie den Beweis übertrumpft, und für die es daher „buchstäblich axiomatisch ist, daß Historiker nie mit den Materialien der rohen Vergangenheit arbeiten.“ [3] Natürlich war der Antipositivismus die Hauptlinie des Denkens der Frankfurter Schule, die das Schreiben der akademischen Historie in den 1960ern infizierte, und bis zum heutigen Tag fortbesteht. [4] Seine Verfechter glauben daran, ihre Forschung im Bereich der Fantasie durchzuführen statt im Archiv.

Befassen wir uns als erstes mit Julius’ Behauptung, daß diese jüdische Gemeinschaft vielfältig in Gewerbe und Beruf war, und daß der Geldverleih ein sehr geringfügiger Teil davon war. Anders als Julius konsultierte A. M. Fuss für seinen Artikel von 1875 über „innerjüdische Kredite in England vor der Vertreibung“ die verfügbaren Aufzeichnungen und kam zum Schluß, daß die englischen Juden „sich hauptsächlich mit Geldverleih befaßten, statt mit Gewerbe oder Handel… Tatsächlich bieten die von den Königen John und Richard erteilten Privilegien [d. h., im Sinne von Lizenzen; d. Ü.] spezifischen Schutz für ihre Geldverleihaktivitäten.“ [5] P. Elman schreibt in der Economic History Review: „Die offenkundige Funktion der Juden hinsichtlich der allgemeinen Bevölkerung war jene des Geldverleihs.“ [6] B. Lionel Abrahams verwendete in seinem mit dem Arnold Prize ausgezeichneten Artikel „The Expulsion of the Jews from England in 1290“ [„Die Vertreibung der Juden aus England im Jahr 1290“] große Mengen von Archivbeweisen und konnte aufgrund dieser Beweise schlußfolgern, daß die Juden, als sie sich erstmals in England ansiedelten, „Geld mitbrachten, aber keine Fertigkeiten in irgendeinem Beruf, außer es [das Geld] gegen Zinsen zu verleihen.“ [7] Ein weiterer Artikel stellt fest, daß es in dieser reichlichen Literatur keinen Hinweis gibt, „um anzunehmen, daß die englischen Juden dieses Zeitraums ihren Lebensunterhalt in irgendwelchen beträchtlichen Zahlen aus irgendeiner anderen Kunst oder einem anderen Handwerk erhielten… Es ist daher wahrscheinlich, daß das Kapital, mit dem die Gemeinschaft im Land begann, sehr beträchtlich war.“ [8] In den Tausenden und Abertausenden von Seiten von Dokumenten, die wir über diese Gemeinschaft haben (die Wohnsitzdaten, die Steuerinformationen, die Details ihrer persönlichen Darstellungen etc.) finden wir keine beruflich vielfältige und verstreute Population, sondern statt dessen eine enggestrickte, untereinander in Wechselbeziehung stehende und extrem gut organisierte Gruppe von Geldverleihern und Finanziers. Julius würde es nicht gefallen, wenn wir die „Fehlvorstellung“ hätten, „daß das typische jüdische Milieu ein kommerzielles ist“, daher verzerrt er schamlos die historischen Aufzeichnungen. Hinsichtlich dessen, ob dies eine vorsätzliche Verzerrung ist: er zitiert die Seite sechsundzwanzig aus H. G. Richardsons The English Jewry under Angevin Kings (1960). Die vorhergehende Seite, das ist die Seite fünfundzwanzig, liefert eine ausführliche Beschreibung des riesigen jüdischen Geldverleihunternehmens. [9]

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