Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit

wikinger-grabsteine

Von Rudolf Simek, erschienen im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Die Wikinger“ in der Kunsthalle Leoben 2008; ISBN 987-3-9500840-4-0.

„Alle im Kampf auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger seit Anbeginn der Welt kommen nach Walhall zu Odin. Dort ist daher eine riesige Menschenmenge, aber für alle ist genug Fleisch vom Eber Saehrimnir da, der jeden Tag aufs Neue vom Koch Andhrimnir gesotten wird und am Abend wieder ganz ist. Odin aber füttert mit dem Fleisch nur seine beiden Wölfe, Geri und Freki, er selbst lebt nur vom Wein allein. Seinen Kriegern aber, unter denen sich natürlich viele Könige und Fürsten befinden, läßt er Met vorsetzen, der unablässig vom Euter der Ziege Heidrun in ein Gefäß tropft, sodaß alle Einherier – so heißen die gefallenen Krieger Odins – genug bekommen. Die Ziege aber steht auf dem Dach von Walhall und frißt die Blätter eines Baumes namens Laeradr. – Walhall hat 540 Tore, und durch jedes Tor können gleichzeitig 800 Krieger ausziehen, sodaß Odin ein riesiges Heer befehligt. Wenn die Einherier aber nicht gerade trinken oder essen, dann gehen sie am Morgen hinaus und kämpfen miteinander und erschlagen sich gegenseitig: das ist ihr Zeitvertreib, aber am Abend reiten sie heim nach Walhall und setzen sich alle wieder gemeinsam zum Trinken nieder.“ 1

Diese Schilderung von Odin und seinem Kriegerparadies Walhall prägt heute wie schon vor 100 oder 200 Jahren das neuzeitliche Bild von der Religion der Wikingerzeit und scheint die Todesverachtung der Wikingerkrieger angesichts dieses attraktiven Jenseits zu erklären. Sie fehlt in kaum einem Wikingerfilm und hat die Phantasie von deutschen, englischen und skandinavischen Schriftstellern der letzten Jahrhunderte beflügelt.

Dieses Bild ist aber lange nach der Wikingerzeit entstanden: Der christliche Dichter und Staatsmann Snorri Sturluson (1179 – 1241) hat es um 1225 auf Island als Teil seiner Edda verfaßt, zeitlich und räumlich fernab von wikingerzeitlichem Schlachtgetümmel. Seine Beschreibung ist stark beeinflußt von höfisch-romantischen, christlichen und antiken Vorstellungen des Hochmittelalters, aber als geschickter Autor hat er uns in dieser und vielen anderen mythologischen Beschreibungen ein in sich stimmiges und attraktives Bild der nordischen Vorzeit hinterlassen, das bis heute nachwirkt.

Wir müssen uns aber hüten, die wissenschaftliche und literarische Aufarbeitung nordischer Mythologie durch die christlichen mittelalterlichen Autoren in Snorris Edda ebenso wie der Liederedda mit dem wahren Glauben oder religiösem Brauchtum der Wikingerzeit zu verwechseln, auch wenn diese Werke und noch mehr die Sagas, die historischen Romane des 13. Jahrhunderts, ein romantisches Bild des wikingerzeitlichen Skandinavien vorgaukeln.

Was aber war wirklich die Vorstellung der wikingerzeitlichen Krieger von ihrem Nachleben? Zwei Erinnerungsgedichte (die Eiriksmál und die Hákonarmál), in den 960er-Jahren von zwei isländischen Skalden in Norwegen auf gefallene Fürsten verfaßt, zeigen ein etwas anderes Bild: Der Tod ist hier ein unausweichliches Schicksal, Odin ruft die Krieger zu sich, weil er sie zum Kampf gegen die Mächte der Unterwelt am Ende der Welt benötigt. Die ganze gefallene Armee zieht Richtung Walhall, aber nur der Fürst darf eintreten, und er ist voller Furcht vor dem unberechenbaren Gott, auch wenn einige Halbgötter oder Heroen den Helden in Walhall begrüßen.

Solche Diskrepanzen zwischen literarischer Darstellung des Hochmittelalters und Glaubenswelt der Wikingerzeit sind zwar bei einem zeitlichen Abstand von 250 Jahren zu erwarten, dürfen aber bei der Rekonstruktion der wikingerzeitlichen Religion nicht vernachlässigt werden, sodaß in erster Linie Quellen der heidnischen Zeit, also vor dem Ende des 10. Jahrhunderts, herangezogen werden müssen. Dazu kommt, daß die Glaubensvorstellungen der Wikingerzeit nicht einfach aus allen möglichen Quellen homogenisiert werden können, denn niemand konnte sich auf eine kodifizierte Buchreligion berufen wie etwa im Christentum. Von Gegend zu Gegend waren die Bräuche und Riten etwas abweichend, und auch die Mythenerzählungen finden wir nicht selten in mehr als einer Variante. Dies kann ebenfalls nicht überraschen, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Wikinger in England und Irland, die schon ab etwa 800 in ständigem Kontakt mit der christlichen Bevölkerung der Inseln lebten, ihren eigenen Glauben einerseits anders erlebten als Menschen in den schwedischen Wäldern, zum anderen aber auch unterschiedliche Einflüsse, von keltischen Sagen in Irland oder antiken Stoffen in England bis zu slawischen oder byzantinischen Geschichten im Osten, auf die Religion der Skandinavier gewirkt haben müssen.

Im Folgenden können daher immer nur einzelne Schlaglichter aus den Quellen auf die religiösen Vorstellungen geworfen werden, ohne daß diese für alle Skandinavier der Wikingerzeit, von den Schweden in der kaiserlichen Warägergarde von Konstantinopel bis zu den isländischen Siedlern auf Grönland, Gültigkeit gehabt haben.

1 Frei paraphrasiert nach Snorri Sturluson: Edda, Gylfaginning, Kap. 38 – 41.

Die Götterwelt der Wikingerzeit

Wenn wir den vielen erhaltenen Gedichten der wikingerzeitlichen isländischen Skalden, also der Hofdichter an den Königshöfen Norwegens, Dänemarks und sogar Englands, trauen können, dann war Odin ihr Hauptgott: Sein Name ist von allen Göttern am häufigsten erwähnt, und die Skaldengedichte nennen sogar insgesamt über 170 weitere (teils rein poetische) Namen für Odin, dazu kommen noch viel zahlreichere Umschreibungen (sogenannte Kenningar) für diesen Gott. Weil die Skaldengedichte der noch heidnischen Wikingerzeit kaum zusammenhängende Mythen erzählen, sondern bestenfalls Götter und andere Personen mit Verweis auf Mythengeschichten verschlüsselt bezeichnen, geben diese Namen einen ersten Einstieg von der Vorstellung, die man sich von diesem Gott machte2: Namen auf –föðr oder –faðir wie Herföðr oder Valföðr und Alfaðir, Sigfaðir zeigen ihn als Göttervater und –herrscher, auch wenn ein Alfaðir (Allvater) schon christlich beeinflußt sein mag.

Andere Namen beziehen sich auf sein in sagenhaften Mythenerzählungen immer wieder thematisiertes Äußeres, so Blindr und Tvíblindi auf seine Einäugigkeit, Hárbarðr und Siðskeggr auf seinen langen Bart, Siðhöttr auf seine Kleidung mit der das Gesicht verbergenden Kapuze, Grímnir, Gangraðr, Gangleri, Vegtamr auf sein Auftreten als Wanderer und Fremder.

Weniger häufig verraten uns die Namen etwas über die Mythen, aber immerhin zeigen ihn Sigfaðir (Siegvater) und Hertýr (Heeresgott) in seiner Rolle als Schlachtenlenker, Hangaguð und Hangi beziehen sich vielleicht auf sein sogenanntes Selbstopfer, von dem allerdings sonst nur das Eddalied Hávamál berichtet.

Odins Namen erhellen aber nicht nur Aspekte seiner Persönlichkeit, manche verweisen auch zurück auf Kult und Verehrung bei den verschiedenen germanischen Stämmen in vorliterarischer Zeit. Nicht nur ist Odin unter seinem angelsächsischen Namen Woden schon lange vor der Wikingerzeit als mythischer Ahnherr der angelsächsischen Königshäuser belegt, auch die Namen Gaut, Gauti, Gapt und Gautatýr (Göten-Gott) verweisen auf Odin als Stammesgott der Goten und Langobarden, wo er so bezeichnet wird; Skilfingr könnte ihn als Ahnherrn des sagenhaften schwedischen Königsgeschlechts der Scylfingas bezeichnen.

Odin wird öfter als alle anderen Götter mit Tieren assoziiert, mit Rabe, Adler, Wolf, Schlange, Geiß und Hirsch und besonders seinem Pferd Sleipnir; Hrafnáss (Rabengott) nennen ihn schon die Skalden des 10. Jahrhunderts, Arnhöfði (Adlerkopf) spielt auf seine Rolle im Mythos vom Raub des Skaldenmets an, welcher als Ursprungsmythos für die Herkunft der Dichtkunst natürlich oft von den Skalden erwähnt wird. Man hat seine Tierverwandlungen und Tierbegleiter (neben dem Pferd die Raben Huginn und Muninn oder die genannten Wölfe) aber auch mit einer ursprünglichen Rolle als kriegerischer Schamane in vorhistorischer Zeit erklären wollen.3

Dafür spricht immerhin, daß Odin durchwegs als Gott der Zauberei bezeichnet wird, und Snorri schreibt ihm später, wenn auch aus der christlichen Sicht des Hochmittelalters, alles zu, was ihm zur Zauberei denn so einfällt4:

„Odin konnte seine Gestalt ändern: sein Körper lag wie tot oder schlafend, aber er war in Gestalt eines Vogels oder Tiers, Fisches oder einer Schlange, und reiste in einem Augenblick in ferne Länder in seinen eigenen oder anderer Leute Angelegenheiten. Er konnte weiters auch mit Worten allein Feuer schlagen, die See beruhigen und den Wind in jeder Richtung schralen lassen, wie er wollte, und er hatte das Schiff namens Skíðblaðnir, in dem er über große Meere fuhr, aber es zusammenlegen konnte wie ein Tuch. Er hatte den Kopf Mímirs bei sich, und der berichtete ihm viele Neuigkeiten aus anderen Welten, aber manchmal erweckte er Tote aus der Erde oder setzte sich unter Gehenkte. Deswegen wurde er auch Herr der Wiedergänger oder Herr der Gehenkten genannt. Er besaß zwei Raben, die er mit Worten abgerichtet hatte, sie flogen weithin und berichteten ihm Neuigkeiten, wodurch er sehr weise wurde. Alle diese Dinge unterrichtete er mit Runen und mit den Liedern, die als Zaubersprüche bezeichnet werden, deswegen heißen die Asen auch Zauberkünstler. Daneben beherrschte er aber auch noch die Zauberkunst, die die wirksamste ist und die er selbst betrieb, die seiðr heißt, und damit konnte er das Schicksal der Menschen und zukünftige Dinge erfahren, auch Menschen den Tod oder Unglück oder Krankheit bringen, und Menschen ihren Verstand oder ihre Kraft rauben und sie anderen geben.“

Wahrscheinlich erfahren wir aber auch nur deswegen so viel über Odin, weil er eben auch der Gott der Dichtkunst war und die Skalden ihn deswegen besonders verehrten. Der Mythos vom Skaldenmet ist gleichzeitig wohl auch einer der ältesten Mythen, der mit Odin in Verbindung stand, und auf ihn wurde deswegen in zahlreichen dichterischen Kenningar angespielt: Zwerge brauten den Dichtermet aus Honig und dem Blut des weisen Riesen Kvasir, den sie ermordeten, und der Riese Suttungr bekam ihn und versteckte ihn tief im Berg in einer Höhle. Odin aber dringt in Gestalt einer Schlange in den Berg ein und schläft drei Nächte mit Gunnlöð, der Tochter des Riesen, wofür er drei Züge von dem Met nehmen darf. Er aber trinkt damit alle drei Kessel leer und flieht darauf in Gestalt eines Adlers. Der ihn ebenfalls in Adlergestalt verfolgende Riese kann ihn zwar nicht mehr einholen, aber auf der Flucht verliert Odin einige Tropfen des Mets, die somit allen gehören und von denen schlechte Dichterlinge ihr Talent haben.

Dieser Mythos zeigt Odin trotz Diebstahls und Betrugs von seiner positiven Seite: Statt gefährlicher, unverläßlicher Herr der Schlachten, der Gefallenen, der Toten überhaupt und des Zaubers ist er hier der Bringer der Dichtkunst. Auch als Schöpfer der Runen wird er vereinzelt bezeichnet, welche man aber jedenfalls als Göttergeschenk „raginakundo“ schon auf einem Runenstein lange vor der Wikingerzeit bezeichnet hatte.5

runenstein

Ganz anderer Natur ist der Gott Thor. Er als einziger anderer germanischer Gott ist wie Odin schon früh, vor der Mitte des 1. Jahrtausends, in England und bei den Südgermanen bekannt, aber in der Wikingerzeit weisen die extrem häufigen Personennamen auf Thor- auf seine besondere Beliebtheit. Zwar mögen etliche der überlieferten Namen bald auf Familientraditionen zurückgehen, und etliche der auf Thor- gebildeten Ortsnamen auf Island, welches in der mittleren Periode der Wikingerzeit besiedelt worden war, werden wohl auf die Besitzer mit Thor-Namen zurückgehen und nicht unmittelbar auf den Gott. Dennoch handeln sowohl die einzigen alten Skaldengedichte, die sich direkt mit einem Gott beschäftigen, von Thor, nämlich die Thórsdrápa des Skalden Eilífr Goðrúnarson, die bis auf drei Strophen verlorene Thórsdrápa des Eysteinn Valdason sowie Gedichte über Thor von Thorbjörn dísarskáld und Vetrliði Sumarliðarson sowie ein schon aus dem 9. Jahrhundert stammendes Strophenfragment von Bragi in gamli als auch die meisten der bekannten Mythengeschichten des frühmittelalterlichen Skandinavien und zeigen so seine bedeutende Stellung in Mythos und Verehrung.

Auch bei Thor kennen wir verschiedene Facetten seines Wesens, die nicht alle zur Deckung zu bringen sind: Obwohl er der stärkste aller Götter ist, dessen besondere Wunderwaffe, der Hammer Mjöllnir, schon auf wikingerzeitlichen Bildsteinen als typisches Attribut gelten kann, und der erfolgreich die Riesen und Monster der Außen-/Ander-Welt von Göttern und Menschen fernhält, so wird er in den hochmittelalterlichen Mythengeschichten in Snorris Edda und den Eddaliedern (besonders der Thrymskviða und den Hárbarðsljóð, wo er in einem Wortgefecht mit Odin kläglich auf der Strecke bleibt) immer wieder auch als lächerliche Gestalt gezeichnet, selbst wenn sich am Ende, wie in Thors Fahrt zu Útgarðaloki bei Snorri, eine unerwartete Wendung ergibt.6

Am besten bekannt, und zwar von Festlandskandinavien bis Island und England, war aber der sogenannte „Mythos von Thors Fischfang“, der nicht nur in einem eigenen (aber jungen) Eddalied behandelt wird, sondern in einer ganzen Reihe von Skaldengedichten erwähnt und sogar auf insgesamt vier Bildsteinen der Wikingerzeit dargestellt wurde. Darin geht es um Thors Kampf mit der Midgardschlange, welche sich im Weltmeer um die ganze Erde ringelt (ihren Bewegungen wurden auch die Erdbeben zugeschrieben). Thor rudert mit einem Riesen im Boot aufs offene Meer hinaus und ködert mit einem Stierschädel das mythische Ungeheuer; um es heraufzuziehen, muß er seine „Asenkraft“ verwenden und steht dabei mit den Füßen durch das Boot hindurch am Meeresboden; aber gerade als er die Schlange mit dem Hammer erschlagen will, schneidet der Riese aus Angst die Angelschnur durch, und das Monster versinkt in den Fluten, wobei der Ausgang ungewiß bleibt: Zwar soll Thor der Midgardschlange den Hammer nachgeworfen und sie damit erschlagen haben, aber doch lebt sie am Jüngsten Tag (den Ragnarök) noch und tötet Thor. Die Versionen dieser Mythengeschichte zeigen gut die Variationsbreite, die selbst innerhalb Skandinaviens bei Mythen möglich war.

Thor war aber mehr als andere Götter ein Gott für den persönlichen Kult der agrarischen Bevölkerung; dies bezeugten die schon erwähnte Personennamensgebung ebenso wie die Tatsache, daß schwedische Grabsteine der Bekehrungszeit die Aufforderung tragen „Thor weihe diese Runen“ oder gar nur den Hammer Mjöllnir zeigen. Dies mag durchaus als Antwort auf die christliche Grabbitte „Christus und Maria und der hl. Michael seien dieser Seele gnädig“ aufgefaßt werden, zeigt aber doch, an wen sich diese Heiden der späten Wikingerzeit in Schweden um Zuspruch wandten.

So mögen vielleicht auch zwei verwandte Anekdoten des isländischen Landnámabók (Buch von der Besiedlung Islands) einen historischen Hintergrund haben, wo zwei schon christliche Norweger auf dem Weg nach Island in Seenot den Gott Thor anrufen7: Ist dies möglicherweise ein Hinweis auf den effizienten Schutz durch den Gott Thor in verzwickten Lagen?

Neben Odin und Thor spielt nur noch ein weiterer von den vielen in den Eddas genannten männlichen Gottheiten eine wirkliche Rolle, nämlich der Gott Freyr, der aber nach Ausweis der für ihn verwendeten Beinamen und Kenningar der Ahnherr und Schutzgott des königlichen Geschlechts der Ynglingar war und sonst vielleicht kein Hauptgott war.

Zwar wollte die ältere Forschung ihn (wie auch seine Schwester Freyja) gerne als Fruchtbarkeitsgott sehen, aber eine Funktion als reicher, mächtiger und viriler Herrscher scheint inzwischen viel wahrscheinlicher. Sein Symbol war der Eber, und wenn archäologische Funde ausgerechnet im schwedischen Uppland der Vendelzeit (also der Periode unmittelbar vor der Wikingerzeit im 7. und 8. Jahrhundert) Helmdekorationen mit Kriegern zeigen, die einen Eber als Helmzier aufweisen, dann bezog sich dies sicher auf das Ynglingengeschlecht, welches sich eben von Yngvi-Freyr herleitete; der Eber galt im Norden als aggressives, starkes und gefährliches Tier.

In der Wikingerzeit scheinen die weiblichen Gottheiten eine eher untergeordnete Rolle gespielt zu haben; von Freyja, welche man in der mittelalterlichen Mythographie und vielleicht auch schon früher mit Venus gleichsetzte, wird zwar der Besitz eines reichen Halsschmucks (des Brisingamen) und eines Falkengewands berichtet, aber dies sind eher typische Besitztümer weiblicher Gottheiten; auch Odins Gattin Frigg (welche man lange vor der Wikingerzeit mit Venus gleichsetzte, wie der Wochentagsname Freitag „Tag der Frigg“ – nicht der Freyja! – für lateinisch „Dies Veneris“ bestätigt) bleibt in den Quellen der Wikingerzeit sehr blaß: In Skaldengedichten wird sie selten genug, auf Runensteinen gar nie erwähnt. Eine größere Rolle mag ursprünglich eine größere Zahl von weiblichen Halb- bzw. Schutzgottheiten gespielt haben, die man offenbar als Dísir bezeichnete und welche wohl auch mit den im althochdeutschen Ersten Merseburger Zauberspruch genannten Idisi gleichzusetzen sind, wo sie den Vormarsch eines feindlichen Heeres behindern können. Dies würde die große Zahl von in der altnordischen Literatur genannten, aber in ihrer Funktion weitgehend unbestimmt bleibenden Namen von Göttinnen erklären und außerdem zu den germanischen Matronen des Rheinlands aus altgermanischer Zeit eine Kontinuitätslinie herstellen: Solche weiblichen Gottheiten hat man wohl zu aller Zeit für alltägliche Sorgen und Schmerzen angerufen, und die Vielzahl christlicher Heiliger hat sie zwar dem Namen nach, nicht aber ihrer Funktion nach ersetzt.

Wie die wikingerzeitlichen Gottheiten in der Praxis aussahen, sollte man wohl weniger den Beschreibungen Snorris aus dem Hochmittelalter über goldene oder sonstige Götterstatuen in Tempeln, auch nicht den phantasievollen Beschreibungen des deutschen Kirchenhistorikers Adam von Bremen (um 1070) über die drei mächtigen Götterstatuen von Odin, Thor und Freyr im „Tempel“ von Uppsala in Schweden entnehmen, sondern lieber dem Augenzeugenbericht eines zeitgenössische Reisenden Glauben schenken, nämlich dem spanischen Juden Ibrahim Ibn Jaqub (at Tartushi), der um 955/56 im Auftrag des Kalifen von Córdoba Haithabu (bei ihm Salsawiq, Schleswig) besuchte und der von Opfern an Pfahlgötzen oder ganz einfach Pfählen vor den Häusern in der großen wikingerzeitlichen Handelsstadt berichtet. Von Tempeln ist hier keine Rede.8

2 Hjalmar Falk, Odensheite, Kristiania 1924.

3 Lotte Motz: The King, the Champion and the Sorcerer, Wien 1996, S. 89ff.

4 Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 7.

5 Runenstein von Noleby um 600; vgl. John McKinnel, Rudolf Simek und Klaus Düwel, Runes, Magic and Religion: A Sourcebook, Wien 2004, S. 166f.

6 Vgl. die Übersetzungen der Erzählung bei: Rudolf Simek, Edda: Große Geschichte der Menschheit, München 2008; Arnulf Krause, Die Edda des Snorri Sturluson, Stuttgart 1997 (= Reclams Universalbibliothek 782), S. 64 – 66

7 Landnámabók, Hauksbók-Version, Kap. 15; Landnámabók, Sturlubók-Version, Kap. 218, ähnlich Hauksbók-Version Kap. 184.

8 Zu den Beschreibungen von Ibn Jaqub und dem Araber Ibn Fadlan vgl. Simek, Religion und Mythologie der Germanen, S. 84f.

 

Der Kult

Lange hat die Forschung nach den Tempeln der wikingerzeitlichen Skandinavier gesucht, und sowohl die genannte Beschreibung Adams von Bremen eines Tempels in Uppsala wie auch die Bautraditionen der norwegischen Stabkirchen dafür heranzuziehen versucht, so karg sind die archäologischen Funde. Inzwischen steht aber fest, daß eigene (kleine) Kultgebäude nur ganz selten errichtet worden sein dürften, sondern daß die Bezeichnung „hof“ im Altnordischen, die man früher je nach Kontext als „Bauernhof“ oder „Tempel“ übersetzt hatte, in Wirklichkeit dieselben Gebäude bezeichnete, nämlich die mächtigen Hallen wikingerzeitlicher (und schon vendelzeitlicher) Häuptlinge, die nicht nur als Wohnstatt der Großfamilien und als Unterkunft des engsten militärischen Gefolges (der hirð) und somit auch als Repräsentationsbau dienten, sondern auch als Ort des gemeinschaftlichen Opfers, dem die Häuptlinge selbst (und nicht etwa eine fiktive Priesterkaste) als Kultprotagonisten vorstanden.

Dieses öffentliche Opfer dürfte auch in der Wikingerzeit aus dem gemeinschaftlichen Festmahl und dem Verzehren rituell geschlachteter Großtiere wie Pferden oder Rindern bestanden haben, wobei der Alkoholgenuß in der Praxis eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte. Nicht zufällig ist auf völkerwanderungszeitlichen und auch noch wikingerzeitlichen Darstellungen weiblicher (seltener und nur vorwikingerzeitlich auch männlicher) Figuren von offenbar religiöser Relevanz die Frau mit dem Trinkhorn, der Mann mit einem kostbaren gläsernen Sturzbecher dargestellt, die voll oder überschäumend sind.

Das private Opfer dagegen haben wir uns wie in der schon erwähnten Beschreibung des Juden Ibrahim Ibn Jaqub (at Tartushi) für das wikingerzeitliche Haithabu vorzustellen, bei dem es in der Wikingerzeit anscheinend wichtig war, daß die Tatsache der Opferung für jedermann sichtbar war:

„Sie feierten ein Fest, bei dem sie sich alle versammelten, um Gott zu verehren und zu essen und zu trinken. Wer ein Opfertier schlachtet, stellt Pfähle neben seiner Haustür auf und hängt sein Opfertier daran, ob es nun ein Ochse oder ein Eber oder ein Ziegenbock oder eine Sau ist. So wissen die Leute, daß er dies als Opfer zur Verehrung seines Gottes getan hat.“9

Dagegen treten die im germanischen Altertum so weit verbreiteten Opfer in Quellen, Mooren und Seen in der Wikingerzeit stark zurück; dennoch scheint es schwer vorstellbar, daß die vielen Waffen, besonders Schwerter, die man aus Flüssen geborgen hat, alle nur zufällig dorthin gelangt sein sollen, zu verbreitet sind derartige Funde, sodaß wir eine Opferform postulieren dürfen, bei der absichtlich Schwerter in Flüssen versenkt wurden. Moore mit ihren Umzäunungen und jahrhundertelang gepflegte Opferstätten dagegen spielten für das private Opfer in der Wikingerzeit kaum mehr eine Rolle

Totenkult und Grabbrauch

Der Grabkult dagegen erlebt in der Wikingerzeit wenigstens für die Angehörigen der königlichen Familien einen neuen Höhepunkt in Form geradezu monumentaler Schiffsgräber. Während schon vor der Wikingerzeit vor allem in Schweden und auf Bornholm Bootsgräber verbreitet waren, erreichen nun die Schiffe mit den bekannten Langschiffen von Oseberg, Gokstad, Tuna Sutton Hoo oder Ladby Größen bis zu 23 m.10

Solche monumentalen Schiffsgräber konnten sich natürlich nur die aristokratischen Familien leisten, aber der Brauch des Bootsgrabs blühte auch sonst in Skandinavien, wo man Gräber mit allen Varianten der Bestattung von Mensch und Boot findet: Grabkammern auf Schiffen finden sich in Südnorwegen und Sutton Hoo in England oder unter dem Schiff in einem Doppelgrab vor Haithabu.

Die Toten konnten sowohl verbrannt als auch unverbrannt beigesetzt werden, Kremationen kamen sowohl in Form der Verbrennung von Toten mit ihrem Schiff (in Urnengräbern) als auch der Beisetzung des Leichenbrandes in Urnen in den schiffsförmigen Steinsetzungen vor, wie es auf dem wikingerzeitlichen Friedhof von Lindholm Høje in Nordjütland der Fall ist. Für die bekannte und in Schriftquellen des Mittelalters belegt Form der Bestattung, bei der der Tote auf einem aufs Meer hinaussegelnden brennenden Schiff verbrannt wird, gibt es verständlicherweise keine archäologische Bestätigung, aber es darf sich nach Ausweis des Baldermythos um eine rein mythologische Ausformung des Schiffsbegräbnisses gehandelt haben.11

Während man in der Forschung lange die Schiffsreise ins Jenseits oder gar die Notwendigkeit eines eigenen Transportmittels für den Toten im Jenseits als Grund für den Brauch des Schiffsgrabs gesehen hat, so kristallisiert sich mehr und mehr heraus, daß es eine ostentative Handlung der Überlebenden war, das Ansehen und den Reichtum des Verstorbenen in besonderer Weise zur Schau zu stellen; anders ist es kaum erklärbar, daß der reichste Grabhügel von allen, der des Osebergschiffes, offenbar für geraume Zeit das Schiff nur halb bedeckte.12

Wie schon eingangs erwähnt, sind die heidnischen Vorstellungen zu einem Nachleben im Jenseits sehr inhomogen und auch reichlich vage. Außer dem Glauben an ein Weiterleben der Krieger in Walhall bei Odin, auch wenn das vielleicht gar nicht so erstrebenswert war, gab es nur das Totenreich Hel, in welchem alle anderen Menschen ein Schattendasein nach dem Tod zu führen glaubten; wie man sich dieses Schattenreich vorstellte, war wohl individuell sehr unterschiedlich, selbst die späteren mittelalterlichen Texte sprechen einerseits von einem bleichen, feuchten Totenreich, das an die Grabkammern alter Grabhügel erinnert, andererseits stellte man sich die Toten vor, wie sie im Inneren ihrer Hügel auch Feste feierten; in einem Sonderreich am Meeresgrund bei der Meergöttin Ran stellte man sich wohl den wenig attraktiven Aufenthaltsort von Ertrunkenen vor, auch wenn dies mehr dichterische Ausgestaltung sein mag als eine lebendige Glaubensvorstellung.

Die Frage nach dem Jenseits ist eng verbunden mit der Letzten Frage nach Anfang und Ende der Welt. Auf beides finden wir zwar in dem mythologischen Eddalied Völuspá eine Antwort, aber in diesem Lied, das um oder vor 1000 entstanden sein mag, vermengen sich germanische mythologische Vorstellungen mit Elementen aus den Visionen des vordringenden Christentums.

Nichtsdestoweniger gibt es ein eindrucksvolles Bild vom (privaten?) Weltbild eines Dichters der späten Wikingerzeit: Am Anfang steht das Nichts, d. h. der Abgrund Ginnungagap (dem Chaos der christlich-jüdischen Weltschöpfungslehre entsprechend), und darin bildet sich aus Funken und Eis der Urriese Ymir. Dieser wird von der Urkuh Auðumla gesäugt, welche aus dem ewigen Eis den Ahnvater Buri hervorleckt, von dem die Götter und Menschen abstammen. Buris Sohn Burr zeugt mit einer Riesin die Götter Odin, Vili und Vé, die schließlich Ymir erschlagen und aus seinem Körper die Erde erschaffen: aus den Knochen die Berge, aus dem Blut die Flüsse, aus seinen Brauen die Wälle Midgards, der Wohnstatt der Menschen. Wohnung der Götter ist Asgard, außerhalb der bekannten und bewohnten Gebiete liegt das von Riesen bewohnte Utgad. Durch die Riesen, aber auch durch Ungeheuer wie die die Welt umspannende Midgardschlange und den Fenriswolf, tritt am Ende der Welt, den sogenannten Ragnarök, (Endschicksal der Götter, später umgedeutet als Ragnarökr, Götterdämmerung), das Ende der Götter und Menschen ein: Die Völuspá beschreibt den Fimbulwinter, das Verschlingen der Sonne und des Mondes durch die mythischen Wölfe Fenrir und Garmr sowie den Kampf zwischen Riesen und Göttern und schließlich den alles vernichtenden Weltenbrand. Am Ende aber steht die Geburt einer neuen Welt, in der es neue, junge und unschuldige Götter gibt, deren Beschreibung an die neutestamentliche Schilderung des Himmlischen Jerusalem erinnert.

Diese eindrucksvolle dichterische Kosmogonie kann aber nur bedingt als stellvertretend für den allgemeinen Glauben der späten Wikingerzeit gelten, und insgesamt dürfte nur wenig Einheitlichkeit über das Jenseits wie auch das feurige Weltende geherrscht haben, für das auch andere Begriffe wie „Muspell“ verbreitet waren. Dieser Mangel an konkreten und gemeinsamen Vorstellungen dürfte dem vordringenden Christentum zusätzliche Attraktivität verliehen haben, da es klare Antworten auf das Leben nach dem Tode und über die Ereignisse der Endzeit geben konnte.

Was die Christianisierung jedoch weitgehend unbeschadet überstand, war der Volksglauben im Bereich der (weißen) Magie, der im Christentum zwar als Aberglauben abgetan wurde, ansonsten aber mit christlich-jüdischen und antiken Elementen zu einem von der Hochreligion beinahe unabhängigen Substrat der Volksreligiosität und Magie verbunden wurde.

9 Zitiert bei al-Qazwini, Harris Birkeland, Nordens Histori i Middelalderen etter Arabiske Kilder, Oslo 1954 (= Skrifter utg. av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo 1954, II. Hist.-Filos. Kl., 2. Bd. No. 2.) S. 103f.

10 Michael Müller-Wille, Bestattung im Boot, in Offa 25-26 (1970), S. 1 – 203; ders.: Bootsgrab in Reallexikon der germanischen Altertumskunde, hg. v. H. Beck, Bd. 3, Berlin, New York 21978, S. 249 – 281.

11 Müller-Wille, Bestattung im Boot, S. 126 – 141; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 1992, S. 51 – 53.

12 Terje Ganssum, Hauger som konstruksjoner, Göteborg 2004, S. 171 – 174.

 

Magie und Zauber

Eine große Rolle nahm in der Wikingerzeit der Glaube an Zauber und Magie ein, der von den Missionaren zwar heftig, aber wenig erfolgreich bekämpft wurde. Besonders die Schwarze Magie war ihnen ein Dorn im Auge, wozu unter anderem das Befragen von Toten zu Zwecken der Prophezeiung der Zukunft zählte. Zwar sind alle Belege dafür jünger als die Wikingerzeit, aber Odins Rolle als Gott der Gehenkten, die Befragung von (toten) Seherinnen in der mythologischen Dichtung sowie der Begriff der útiseta, des „Draußensitzens“ (auf einer blutigen Kuhhaut, am Kreuzweg?) zum Zwecke der Befragung von Toten, scheinen eine beträchtliche Tradition gehabt zu haben.

Neben dieser Art von Schwarzer Magie war es vor allem der Schadenzauber im engeren Sinn, der offenbar nicht erst nach der Christianisierung, sondern auch schon früher als verwerflich angesehen wurde. Der verbale Schadenzauber in Form des nið wird uns in den literarischen Quellen eher als Form verbaler Beschimpfung oder Verspottung greifbar, dürfte aber in der Wikingerzeit noch echte Verfluchung der Gegner umfaßt haben.

Alle Formen Schwarzer Magie subsumierte man unter dem Oberbegriff seiðr, dessen Ausübung aber durchwegs als schändlich angesehen wurde; wahrscheinlich manifestieren sich im seiðr noch ältere, schamanische Formen des Dämonenglaubens. Darauf deuten hochmittelalterliche Beschreibungen einer solchen Zauberséance, die angeblich noch Anfang des 11. Jahrhunderts in Grönland stattgefunden habe13, deren Elemente aber deutlich auf die Religion der nomadischen Sami in Nordnorwegen verweisen: Das Zaubergestell (seiðhjallr), auf dem die Seherin Platz nimmt, Zauberstab und Tierverkleidung der Seherin spielen in der Beschreibung dieser Sitzung ebenso eine Rolle wie das Anstimmen von Zaubergesängen (varðlokkur), mit denen sie ihre Geister zu Hilfe ruft.

Auch lange nach der Christianisierung finden wir in Skandinavien eine weit verbreitete Form der Magie, nämlich den Gebrauch von Amuletten zu Schutz und Abwehr. Dabei spielte neben den eingeritzten Worten vor allem das Material eine Rolle, besonders Kupfer und Blei – letzteres zur Abwehr von Dämonen – sind in der Praxis beliebt. Ob die auf diesen bei sich getragenen, in das Gewand eingenähten oder gar einem Toten ins Grab mitgegebenen Amuletten eingeritzte Inschrift dagegen in Runen oder in Lateinschrift verfaßt war, spielte eine geringere Rolle.

Auch die Sprache war für die Wirkung wohl nicht allein ausschlaggebend, und oft genug finden wir runische Inschriften in lateinischer Sprache mit einer eigentümlichen Vermischung von kirchlichen und heidnischen Formeln. Zwischen dem Gebrauch solcher Amulette von der späten Wikingerzeit bis ins späte Mittelalter änderte sich diesbezüglich nur wenig, wie viele Funde beweisen. Stammen zwei Kupferamulette mit dem Wunsch für Manneskraft aus Gorodischtsche (bei Nowgorod) aus den wikingerzeitlichen Siedlungsgebieten der Waräger in Rußland im 10. Jahrhundert, so datiert das Bleiamulett mit der (lateinischen) Abwehr von Elfen und Dämonen als Krankheitsverursacher schon ins 11./12. Jahrhundert und kommt aus Schleswig,14 ein runisches Amulett, das sieben (dämonische) Schwestern beschwört (aus Blæsinge in Dänemark), gar erst aus dem Spätmittelalter, was die bis zur Reformation weitgehend ungebrochenen Traditionen im Bereich der Volksreligiosität belegt, in welchen nicht zwischen heidnischen und christlichen Vorstellungen unterschieden wurde.

13 Eireks saga rauða, Kap. 4; vgl. auch Gisla saga, Kap. 18, Vatnsdoela saga, Kap. 10, Örvar-Odds saga, Kap. 2.

14 Vgl. McKinnel, Simek und Düwel, Magic and Religion, S. 153f.: „Ich beschwöre Euch Dämonen und Elfen und alle Krankheitserreger…“

 

Bekehrung zum Christentum

Insofern also gerade im Volksglauben das Christentum mit dem Heidentum in vielerlei kleinen Bräuchen vermischt wurde, brachte die Bekehrung zum Christentum im 10. und 11. Jahrhundert auch keinen so radikalen Bruch wie oft angenommen. Es ist bezeichnend, daß auf Altnordisch der während der Wikingerzeit nach und nach vollzogene Glaubenswechsel als síðaskipti (Wechsel der Gebräuche) bezeichnet wurde. Es darf dabei nicht vergessen werden, daß die gesamte Wikingerzeit trotz des vordringenden Christentums und des Nebeneinanders beider Religionen in Skandinavien keineswegs eine Periode von Glaubenskämpfen war. Im Gegensatz zum radikalen (aber vor allem sicherheitspolitisch motivierten) Vorgehen Karls des Großen bei den Sachsen am Beginn des 9. Jahrhunderts hören wir im Norden nur wenig über eine Schwertmission.

Im zuerst bekehrten Dänemark wurde angeblich König Harald Blauzahn durch eine wunderbare Machtdemonstration des Missionars Poppo so überzeugt, daß er sich selbst und seinen Hof 966 taufen ließ und damit auch ganz Dänemark christianisierte. Dies ist bis zum heutigen Tag auf dem großen Runenstein von Jelling dokumentiert, auf dem Harald nicht nur den Gekreuzigten, sondern auch eine ausführliche und selbstbewußte Inschrift anbringen ließ: „König Harald gebot diese Denkmäler zu setzen nach Gormr, seinem Vater, und nach Thyra, seiner Mutter: der Harald, der sich ganz Dänemark gewann und auch ganz Norwegen und auch die Dänen zu Christen machte.“

Die Christianisierung Norwegens geht zwar ebenfalls auf die Mitte des 10. Jahrhunderts zurück, erlitt aber wiederholt Rückschläge: Zwar wurde der Sohn des Reichseinigers Harald Schönhaar, König Hakon der Gute, in England getauft, bevor er um 940 in Norwegen die Herrschaft antrat, er wurde aber von seinen innenpolitischen Widersachern unter dänischer Führung geschlagen, und die heidnischen westnorwegischen Jarle wurden daraufhin die eigentlichen Machthaber in Norwegen.

Auch der ehemalige Wikinger Olaf Tryggvason war schon in England getauft worden und hatte sich als Söldnerführer sogar bei Kaiser Otto II. verdingt, sodaß er bei seiner Landung im Jahr 995 ebenfalls das Christentum zu verbreiten suchte, und in seinem Fall durchaus mit gewaltsamen Mitteln, weil er darin vorwiegend ein politisches Instrument der monarchischen Stärkung sah. Da er aber im Jahr 1000 bei einer Schlacht ertrank, fiel vor allem Westnorwegen für geraume Zeit wieder ins Heidentum zurück, bis Olaf Haraldsson, der spätere Olaf der Heilige, ab 1015 die Christianisierung wieder mit Nachdruck betrieb, sodaß seit 1030, als er in der Schlacht von Stiklastaðir fiel, Norwegen als christliches Land gelten kann.

In Island war der Christianisierungsprozeß offenbar weitgehend unblutig, wenngleich einer der frühen Missionare, der wegen seines unbeherrschten Temperaments berüchtigte Deutsche (oder Flame?) Thankbrandr, im Rahmen seiner Missionsversuche ab 997 mehrere Männer erschlug, bis er 999 sogar aus Island verbannt wurde. Aber die eigentliche Christianisierung erfolgte über Beschluß des Alþings im Jahr 1000, wobei der heidnische Gesetzessprecher die Annahme des Christentums vorwiegend deshalb empfahl, um zwei parallel existierende Rechtssysteme zu vermeiden.

Schweden rang, nicht zuletzt aufgrund der geographischen Lage mit seinen abgelegenen, durch ausgedehnte Wälder getrennten Sieldungsgebieten, am längsten mit dem Christentum. Zwar hatten sich schon im 9. Jahrhundert die deutschen Missionare Ansgar und Rimbert bis Uppsala vorgewagt, aber ohne großen Erfolg, und auch unter dem ersten christlichen König, Erik dem Siegreichen (hin sigrsælli, ca. 957 – 995), blieb das Christentum Episode. Erst unter seinem Sohn Olaf Schlosskönig (gest. 1021/22) wurde in Skara ein Bischofssitz errichtet. Allerdings erfolgten mehrere Rückfälle ins Heidentum, bis unter König Inge ab etwa 1083/84 Schweden endgültig als christianisiert bezeichnet werden kann.

Insgesamt lief mit Ausnahme von wenigen Episoden in Norwegen und Schweden die Christianisierung relativ friedlich ab, und das mitten in der Wikingerzeit enorme Kulturgefälle zwischen den Königreichen der Franken und der Angelsachsen und dem Norden mag dazu beigetragen haben, daß die Skandinavier das Christentum – und die damit verbundene Kultur einschließlich Literatur, Kunst und Musik – recht rasch und ohne große Widerstände übernahmen. Der politische Druck des damals die europäische Großmacht bildenden Karolingerreiches spielte aber natürlich eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Christianisierung Skandinaviens.

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Verlag C. H. Beck 2016, 160 Seiten mit 22 Abbildungen und Karten; € 16,95

Siehe auch:

Das Wikingererbe am Beispiel Island, Teil 1 und Teil 2 von William R. Short und Jeffrey L. Forgeng

Das Havamal: des Hohen Lied

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Ein Kommentar

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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