Homer: Die europäische Bibel, Teil 3

penelope waterhouse

John William Waterhouse: „Penelope and the Suitors“ (Penelope und die Freier)

Von Dominique Venner; die englische Fassung Homer: The European Bible, Part 3 erschien am 11. September 2010 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

 

Die Odyssee: Der Platz des Menschen im Kosmos

Das zweite große Epos erzählt in 12.000 Versen und 24 Büchern die schwierige Rückkehr des Odysseus in sein Vaterland. Eine Rückkehr, der sich tausend furchterregende Hindernisse in den Weg stellen. Die Odyssee ist daher ein Epos von Heimkehr und gerechtfertigter Rache.

Aber die Odyssee ist mehr als das. Unter erzählerischen Vorwänden, die sich von der Ilias unterscheiden, empfiehlt das zweite Epos die für Hellenen angemessene „Weltsicht“. Es zeigt den Platz des Menschen in der Natur und in Relation zu den mysteriösen Kräften, die sie ordnen.

Sterbliche in Harmonie mit der kosmischen Ordnung zu bringen, liegt den homerischen Epen am Herzen. Aber Homers Himmel liegt jenseits der primitiven Zeiten der Gründung des Kosmos, die von den alten Mythen beschworen werden, deren Inhalt in Hesiods „Theogonie“ formalisiert wurde: die Konfrontation von Uranos und Kronos, der Kampf der olympischen Götter und ihr Sieg über die Titanen. Von all dem behält der Poet nur das olympische Licht, ohne sich um die Schaffung eines kohärenten Systems Sorgen zu machen. Bei Homer liegt die Kohärenz nicht im Diskurs. Sie liegt in ihm selbst.

Das Verlassen der kosmischen Ordnung und die Rückkehr zu ihr bilden den Rahmen der Odyssee. Odysseus provoziert unabsichtlich Poseidons Zorn, indem er seinen Sohn blendet, den Zyklopen Polyphem. Dies ist der Lauf des menschlichen Schicksals. Unabsichtlich provozieren wir den Zorn und die Strafe der Götter (Repräsentationen der Kräfte der Natur). Daher müssen wir kämpfen und ihre Martern ertragen, um zu der Harmonie zurückzukehren, die wir verloren haben.

Dies ist das Schicksal des Odysseus. Angesichts der furchterregenden Prüfungen, die ihm von Poseidon auferlegt werden, der ihn in eine Welt des Chaos, der Monster (Skylla und Charybdis) und besitzergreifender oder perverser Nymphen (Calypso, Circe, die Sirenen) stürzt – ganz zu schweigen von einem Besuch im Reich der Toten – kämpft der Seefahrer unermüdlich, um den Fallen zu entgehen und seinen Platz in der Ordnung der Welt zu finden. In tödliche Gefahren geschleudert, wird Odysseus zehn Jahre für seine Heimkehr brauchen.

Dies ist nicht bloß ein Vorwand für Homer, um sein Publikum mit phantastischen Geschichten zu unterhalten. Die lange Reise des Odysseus wird vorangetrieben vom unbesiegbaren Verlangen der Menschen, der „Brotesser“, dem Chaos zu entkommen und einen geordneten Kosmos zu finden. Ohne Zweifel liegen die Liebe zu Penelope und die Sehnsucht nach Ithaka seinem Wunsch nach Heimkehr zugrunde. Aber sie dienen nur als Beispiel für die Hoffnung, sich wieder in die Ordnung der Welt einzufügen. Nachdem er sein Vaterland gefunden und zurückerobert hat, wird Odysseus sich wieder in die Kette der Generationen einfügen können, ein Bruchstück der Ewigkeit.

Im letzten Abschnitt wird jeder Schritt der Rückeroberung Ithakas dem Gedächtnis eingeprägt, bis hin zum Massaker an den „Freiern“ (Usurpatoren Ithakas). Wie der Held von seinem Sohn Telemachos erkannt wird und wie sie einen sorgfältigen Racheplan entwickeln. Wie Odysseus bei seinem Haus ankommt, als Bettler verkleidet, und nur von seinem alten Hund Argos erkannt wird, der an der Freude stirbt. Wie er von seiner Amme Eurykleia erkannt wird, die eine alte Narbe sieht, ein Andenken an eine denkwürdige Eberjagd. Und dann ist da noch Penelope, verunsichert, besorgt, neugierig. Dann kommt der Moment der gerechten Rache in einer Orgie des Blutvergießens. Und die Wiedervereinigung mit Penelope ist endlich möglich. Dann greift Athene ein, die die Ankunft der „rosenfingerigen Morgendämmerung“ verzögert, damit die Nacht der Heimkehr länger dauert…

In der Odyssee lobt Homer nicht nur das Andenken der Helden. Er rühmt Eurykleia, Odysseus’ Amme, und Eumaios, seinen Schweinehirten, zwei untergeordnete Charaktere, die nichtsdestoweniger Beispiele für Intelligenz und Treue sind. Ihre Rolle bei der Rückeroberung Ithakas ist entscheidend. Dank Homer leben sie bis heute weiter.

Das Epos von der respektierten Weiblichkeit

Wegen der markanten Präsenz von Penelope ist die Odyssee auch das Epos von der unabhängigen und respektierten Weiblichkeit. Als Penelope in der großen Halle des Palastes von Ithaka erscheint, großartig und schön, ihre brillanten Schleier auf ihre Wangen zurückgezogen, wie die goldene Aphrodite, werden die Knie der „Freier“ weich, und Verlangen sucht ihre Herzen heim (Odyssee, Buch XVIII, 249).

Geliebte, Ehefrau und Mutter, übernimmt Penelope in der Abwesenheit von Odysseus die Leitung des kleinen Königreichs Ithaka, ein Zeichen der Bedeutung, die die Weiblichkeit erhält. Viele andere Frauen sind bei Homer präsent. In der Ilias Helena, Andromache, Hekuba und Briseis. In der Odyssee wiederum Helena, Calypso und die bezaubernde Nausikaa. Aber Penelope drängt alle in den Hintergrund, außer vielleicht Helena, die eine Klasse für sich ist.

Wie die Frauen unserer Zeit mußte Penelope die Kunst entwickeln, in einer von männlichen Werten dominierten sozialen Welt feminin zu bleiben. Sie bleibt der Zeit zum Trotz schön und begehrenswert. Sie weiß auch um die Wichtigkeit des Anstands beim Leben in Gesellschaft von Männern. Wenn man ihr zu sehr zusetzt, nimmt sie Zuflucht im Schlaf unter Athenes Obhut. Gegen das gierige Rudel der Freier wendet sie nicht maskuline Gewalt an. Sie bezaubert, lächelt und erfindet das Strategem des ständig neu gewobenen Tuches, und sie nutzt die Begierde, deren Objekt sie ist und die ihr vielleicht nicht eben mißfällt, zu ihrem Vorteil.

Als jedoch Odysseus zurückkehrt, der Schlaueste aller Männer, täuscht sie auch ihn ein wenig, indem sie so tut, als würde sie ihn nicht erkennen, selbst nachdem er die „Freier“ mit Unterstützung ihres Sohnes Telemachos massakriert hat. Er muß ihr erst anhand des Geheimnisses des Ehebettes seine Identität beweisen, bevor sie einwilligt, sich ihm hinzugeben. In welcher ehrwürdigen Geschichte anderer Kulturen kann man das Äquivalent von Penelope und ihrer strahlenden Weiblichkeit finden?

Die politische Ordnung des Schildes von Achilles

Hinter der Geschichte liegt auch eine Sicht der Welt und des Lebens, die die Erinnerung an eine verlorene Weisheit weckt. Bei Homer haben die Wälder, die Felsen und die wilden Tiere Seelen. Die gesamte Natur verschmilzt mit den Heiligen, und die Menschen sind nicht davon isoliert.

Wenn der Kosmos das Modell für Homers Welt ist, dann findet man das Modell der Gesellschaft in der Allegorie von Achilles’ Schild, der von Hephaistos geschmiedet wurde (Ilias, Buch XVIII). Darauf sind zwei Städte abgebildet, eine im Frieden, die andere im Krieg, die beiden Gesichter des Lebens. Man sieht, daß die zukünftige griechische Stadt mit ihren Bürgern, Institutionen und gegenseitigen Pflichten bereits in der homerischen Welt präsent ist. Hektor sagt ausdrücklich, daß er für die Freiheit seines Vaterlandes stirbt (Ilias, Buch VI, 455-528).

Das Fundament der gesellschaftlichen Organisation und des inneren Friedens ist die ethnische Einheit der Stadt und der durch die Tradition garantierte Respekt für die Gesetze. Die Menschen sind glücklich in einer glücklichen Gesellschaft, in einer, die immer dieselbe bleibt, wo man heiratet, wie seine Vorfahren geheiratet haben; wo man pflügt und erntet, wie seine Vorfahren immer gepflügt und geerntet haben. Individuen vergehen, aber die Stadt bleibt.

Wie Marcel Conche betont, ist eine Gesellschaft, die ihre Zukunft in ihrer Vergangenheit lesen kann, eine ruhende Gesellschaft, ohne Sorgen. Diese Permanenz begründet ein Gefühl der Sicherheit. Aber Innovationen, „Fortschritt“, bringen Unordnung. Wenn man von der idealen Stadt und zukünftigen besseren Zeiten träumt, wird jedermanns Seelenfrieden zerstört. Dann herrscht Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt vor. Was im Gegensatz dazu auf dem Schild des Achilles dargestellt wird, ist eine glückliche Gesellschaft, erfüllt von der Liebe zum Leben, wie es immer gewesen ist. Die Hochzeiten sind freudenvoll, es herrscht Gerechtigkeit, bürgerliche Freundschaft wird von allen geteilt, Wenn es Krieg gibt, schließt die Stadt die Reihen und besetzt die Bollwerke. Der Feind hat keinen einzigen Verbündeten vor Ort. Welcher Seelenfrieden!

Das Schicksal gebietet sowohl Göttern als auch Menschen

Homers Helden sind jedoch keine Vorbilder an Perfektion. Sie neigen proportional zu ihrer Vitalität zu Fehlern und Exzessen. Sie zahlen den Preis, aber sie unterliegen niemals einer transzendenten Justiz, die nach einem dem Leben fremden Kodex definierte Sünden bestraft. Weder die Vergnügungen der Sinne noch der Gewalt, noch die Freuden der Sexualität werden mit dem Bösen gleichgesetzt.

Im Buch III der Ilias (161-175) wird die zu schöne Helena vom alten König Priamos auf die Mauern Trojas gebeten, um ihr die beiden Armeen zu zeigen, denn es ist gerade ein Waffenstillstand geschlossen worden. Helena, der durchaus bewußt ist, daß sie der unfreiwillige Kriegsgrund ist, stöhnt und sagt, daß sie lieber tot wäre. Priamos antwortet daraufhin mit einer Freundlichkeit, die uns bis heute überrascht: „Nein, meine Tochter, du bist keiner Sache schuldig. Es sind die Götter, die für all das verantwortlich sind!“ Welche Feinfühligkeit und hohe Gesinnung von dem alten König, dessen Söhne alle getötet werden sollten. Aber was für eine großzügige Weisheit auch, die menschliche Wesen vom Schuldbewußtsein befreit, das so oft andere Glaubensrichtungen überwältigt.

Indem er Priamos diese Worte in den Mund legt, sagt Homer nicht, daß Menschen niemals verantwortlich sind für die Unglücke, die sie treffen. Er zeigt anderswo, wie sehr Eitelkeit, Verlangen, Zorn, Torheit und andere Mängel Unheil verursachen können. Aber im spezifischen Fall dieses Krieges, wie in vielen Kriegen, betont er, daß alles sich dem Willen der Menschen entzieht. Es sind die Götter, das Schicksal oder die Bestimmung, die entscheiden.

Die Geschichte lehrt uns, wie einsichtsvoll diese Interpretation ist. Wie kann man nicht von dieser Weisheit betroffen sein, wenn so viele Religionen behaupten, daß menschliche Wesen und ihre angeblichen Sünden die Ursachen all der Katastrophen sind, deren Opfer sie sind, einschließlich Erdbeben? [1]

Aber die Worte von Priamos haben noch eine breitere Bedeutung. Sie legen nahe, daß im Leben des Menschen viele seiner eingebildeten Fehler in Wirklichkeit vom Schicksal verursacht werden. Diese Distanz hinsichtlich der Mysterien der Existenzen, dieser Respekt für andere sind Konstanten in den homerischen Epen. Dies zeigt das sehr hohe Niveau an Anstand und Weisheit der Welt, die Homer beschreibt, im Vergleich zu welcher die unsere oft barbarisch erscheint.

Homer vermachte uns somit, in ihrer unverfälschten Reinheit, unsere Vorbilder und Prinzipien des Lebens: Natur als Grundlage, Exzellenz als Ziel, Schönheit als Horizont, den gegenseitigen Respekt von Mann und Frau. Der Poet erinnert uns daran, daß wir nicht erst gestern geboren wurden. Er restauriert die Grundlagen unserer Identität, den überragenden Ausdruck eines ethischen und ästhetischen Erbes, das „unser“ ist, das er treuhänderisch innehatte. Und die Prinzipien, die er in seinen Beispielen zum Leben erweckte, hören nie auf, unter uns wieder zum Vorschein zu kommen, ein Beweis dafür, daß der verborgene Faden unserer Tradition nicht zerrissen werden konnte.

Anmerkung:

[1] Man denkt an die berühmten Interpretationen der Tsunami-Wellen, die Lissabon 1755 zerstörten, inspiriert von dem, was die Bibel von Sodom und Gomorrha sagt, die, wie es heißt, wegen der Sittenlosigkeit ihrer Bewohner zerstört wurden…

 

(Quelle der Übersetzung: hier)

 

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