Das Havamal: des Hohen Lied

Frolich Havamal

Aus der Älteren Edda, hier in der von Dr. Manfred Stange überarbeiteten Übersetzung des deutschen Philologen und Dichters Karl Simrock aus dem Jahr 1851. Mit „dem Hohen“ ist Odin gemeint, der hier Ratschläge erteilt und von seinen Erfahrungen erzählt.

1. Teil

1) Der Ausgänge halber, bevor du eingehst,
Stelle dich sicher,
Denn ungewiß ist, wo Widersacher
Im Hause halten.

2) Heil dem Geber! Der Gast ist gekommen:
Wo soll er sitzen?
Atemlos ist, der unterwegs
Sein Geschäft besorgen soll.

3) Wärme wünscht, der vom Wege kommt
Mit erkaltetem Knie;
Mit Kost und Kleidern erquicke den Wandrer,
Der über Felsen fuhr.

4) Wasser bedarf, der Bewirtung sucht,
Ein Handtuch und holde Nötigung.
Mit guter Begegnung erlangt man vom Gast
Wort und Wiedervergeltung.

5) Witz bedarf man auf weiter Reise;
Daheim hat man Nachsicht.
Zum Augengespött wird der Unwissende,
Der bei Sinnigen sitzt.

6) Doch steife sich niemand auf seinen Verstand,
Acht hab er immer.
Wer klug und wortkarg zum Wirte kommt
Schadet sich selten:
Denn festern Freund als kluge Vorsicht
Mag der Mann nicht haben.

7) Vorsichtiger Mann, der zum Mahle kommt,
Schweigt lauschend still.
Mit Ohren horcht er, mit Augen späht er,
Und forscht zuvor verständig.

8) Selig ist, der sich erwirbt
Lob und guten Leumund.
Unser Eigentum ist doch ungewiß
In des andern Brust.

9) Selig ist, wer selbst sich mag
Im Leben löblich raten,
Denn übler Rat wird oft dem Mann
Aus des andern Brust.

10) Nicht beßre Bürde bringt man auf Reisen
Als Wissen und Weisheit.
So frommt das Gold in der Fremde nicht,
In der Not ist nichts so nütze.

11) Nicht üblern Begleiter gibt es auf Reisen
Als Betrunkenheit ist,
Und nicht so gut als so mancher glaubt
Ist Äl den Erdensöhnen,
Denn umso minder, je mehr man trinkt,
Hat man seiner Sinne Macht.

12) Der Vergessenheit Reiher überrauscht Gelage
Und stiehlt Besinnung.
Des Vogels Gefieder befing auch mich
In Gunnlöds Haus und Gehege.

13) Trunken ward ich und übertrunken
In des schlauen Fialars Felsen.
Trunk mag taugen, wenn man ungetrübt
Sich den Sinn bewahrt.

14) Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten Sohn
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemut erweise sich jeder
Bis zum Todestag.

15) Der unwerte Mann meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden,
Obwohl der Speer ihn spart.

16) Der Tölpel glotzt, wenn er zum Gastmahl kommt,
Murmelnd sitzt er und mault.
Hat er sein Teil getrunken hernach,
So sieht man, welchen Sinns er ist.

17) Der weiß allein, der weit gereist ist,
Und hat vieles erfahren,
Welchen Witzes jeglicher waltet,
Wofern ihm selbst der Sinn nicht fehlt.

18) Lange zum Becher nur, doch leer’ ihn mit Maß,
Sprich gut oder schweig.
Niemand wird es ein Laster nennen,
Wenn du früh zur Ruhe fährst.

19) Der gierige Schlemmer, vergißt er der Tischzucht,
Schlingt sich schwere Krankheit an;
Oft wirkt Verspottung, wenn er zu Weisen kommt,
Törichtem Mann sein Magen.

20) Selbst Herden wissen, wann zur Heimkehr Zeit ist,
Und gehen vom Grase willig;
Der Unkluge kennt allein nicht
Seines Magens Maß.

21) Der Armselige, Übelgesinnte
Hohnlacht über alles
Und weiß doch selbst nicht, was er wissen sollte,
Daß er nicht fehlerfrei ist.

22) Unweiser Mann durchwacht die Nächte
Und sorgt um alle Sachen;
Matt nur ist er, wenn der Morgen kommt,
Der Jammer währt, wie er war.

23) Ein unkluger Mann meint sich alle hold,
Die ihn lieblich anlachen.
Er versieht es sich nicht, wenn sie Schlimmes von ihm reden,
So er zu Klügern kommt.

24) Ein unkluger Mann meint sich alle hold,
Die ihm kein Widerwort geben;
Kommt er vor Gericht, so erkennt er bald,
Daß er wenig Anwälte hat.

25) Ein unkluger Mann meint alles zu können,
Wenn er sich einmal zu wahren wußte.
Doch wenig weiß er, was er antworten soll,
Wenn er mit Schwerem versucht wird.

26) Ein unkluger Mann, der zu andern kommt,
Schweigt am besten still.
Niemand bemerkt, daß er nichts versteht,
So lang er zu sprechen scheut.
Nur freilich weiß, wer wenig weiß,
Auch das nicht, wann er schweigen soll.

27) Weise dünkt sich schon, wer zu fragen weiß,
Und zu sagen versteht;
Doch Unwissenheit mag kein Mensch verbergen,
Der mit Leuten leben muß.

28) Der schwatzt zuviel, der nimmer geschweigt
Eitel unnützer Worte.
Die zappelnde Zunge, die kein Zaum verhält,
Ergellt sich selten Gutes.

29) Mach nicht zum Spott der Augen den Mann,
Der vertrauend Schutz will suchen.
Klug dünkt sich leicht, der von keinem befragt wird
Und mit heiler Haut daheim sitzt.

30) Klug dünkt sich gern, wer, Gast den Gast
Verhöhnend, Heil in der Flucht sucht.
Oft merkt zu spät, der beim Mahle Hohn sprach,
Wie grämlichen Feind er ergrimmte.

31) Zu oft geschieht’s, daß sonst nicht Verfeindete
Sich als Tischgesellen schrauben.
Dieses Aufziehn wird ewig währen:
Der Gast grollt dem Gaste.

32) Bei Zeiten nehme den Imbiß zu sich,
Der nicht zu gutem Freunde fährt.
Sonst sitzt er und schnappt und will verschmachten
Und hat zum Reden nicht Ruhe.

33) Ein Umweg ist’s zum untreuen Freunde,
Wohnt er gleich am Wege;
Zum trauten Freunde führt ein Richtsteig,
Wie weit der Weg sich wende.

34) Zu gehen schickt sich, nicht zu gasten stets
An derselben Statt.
Der Liebe wird leid, der lange weilt
In des andern Haus.

35) Eigen Haus, ob eng, geht vor,
Daheim bist du Herr,
Zwei Ziegen nur und dazu ein Strohdach
Ist besser als Betteln.

36) Eigen Haus, ob eng, geht vor,
Daheim bist du Herr.
Das Herz blutet jedem, der erbitten muß
Sein Mahl alle Mittag.

37) Von seinen Waffen weiche niemand
Einen Schritt im freien Feld:
Niemand weiß unterwegs, wie bald
Er seines Speers bedarf.

38) Nie fand ich so milden und kostfreien Mann,
Der nicht gerne Gab’ empfing,
Mit seinem Gute so freigebig keinen,
Dem Lohn wär leid gewesen.

39) Des Vermögens, das der Mann erwarb,
Soll er sich selbst nicht Abbruch tun:
Oft spart man dem Leiden, was dem Lieben bestimmt;
Viel fügt sich schlimmer als man denkt.

40) Freunde sollen mit Waffen und Gewändern sich erfreun,
Den schönsten, die sie besitzen:
Gab’ und Gegengabe begründet Freundschaft,
Wenn sonst nichts entgegen steht.

41) Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren
Und Gabe gelten mit Gabe.
Hohn mit Hohn soll der Held erwidern,
Und Losheit mit Lüge.

42) Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren,
Ihm selbst und seinen Freunden.
Aber des Feindes Freunde soll niemand
Sich gewogen erweisen.

43) Weißt du den Freund, dem du wohl vertraust,
Und erhoffst du Holdes von ihm,
So tausche Gesinnung und Geschenke mit ihm,
Und suche manchmal sein Haus heim.

44) Weißt du den Mann, dem du wenig vertraust,
Und hoffst doch Holdes von ihm,
Sei fromm in Worten und falsch im Denken
Und zahle Losheit mit Lüge.

45) Weißt du dir wen, dem du wenig vertraust,
Weil dich sein Sinn verdächtig dünkt,
Den magst du anlachen und dich an ihn halten:
Die Vergeltung gleiche der Gabe.

46) Jung war ich einst, da ging ich einsam
Verlaßne Wege wandern.
Doch fühlt’ ich mich reich, wenn ich andre fand:
Der Mann ist des Mannes Lust.

47) Der milde, mutige Mann ist am glücklichsten,
Den selten Sorge beschleicht;
Doch der Verzagte zittert vor allem,
Den Geizigen reut stets das Geschenk.

48) Mein Gewand gab ich im Walde
Moosmännern zweien.
Bekleidet dünkten sie Kämpen sich gleich,
Während Hohn den Nackten neckt.

49) Der Dornbusch dort, der im Dorfe steht,
Ihm bleibt nicht Blatt noch Borke.
So geht es dem Mann, den niemand mag:
Was soll er länger leben?

50) Heißer brennt als Feuer der Bösen
Freundschaft fünf Tage lang;
Doch sicher am sechsten ist sie erstickt
Und alle Lieb’ erloschen.

51) Die Gabe muß nicht immer groß sein:
Oft erwirbt man mit wenigem Lob.
Ein halbes Brot, eine Neig’ im Becher
Gewann mir wohl den Gesellen.

52) Wie Körner im Sand, klein an Verstand,
Ist kleiner Seelen Sinn.
Ungleich ist der Menschen Einsicht;
Zwei Hälften hat die Welt.

53) Der Mann muß mäßig weise sein,
Doch nicht allzu weise.
Das schönste Leben ist dem beschieden,
Der recht weiß, was er weiß.

54) Der Mann muß mäßig weise sein,
Doch nicht allzu weise.
Des Weisen Herz erheitert sich selten,
Wenn er zu weise wird.

55) Der Mann muß mäßig weise sein,
Doch nicht allzu weise.
Sein Schicksal kenne keiner voraus,
So bleibt der Sinn ihm sorgenfrei.

56) Brand entbrennt an Brand, bis er zu Ende brennt,
Flamme belebt sich an Flamme.
Der Mann wird durch den Mann der Rede mächtig:
Im Verborgnen bleibt er blöde.

57) Früh aufstehen soll, wer den andern sinnt
Um Haupt und Habe zu bringen:
Dem schlummernden Wolf glückt selten ein Fang,
Noch schlafendem Mann ein Sieg.

58) Früh aufstehen soll, wer wenig Arbeiter hat,
Und schaun nach seinem Werke.
Manches versäumt, wer den Morgen verschläft:
Dem Raschen gehört der Reichtum halb.

59) Dürrer Scheite und deckender Schindeln
Weiß der Mann das Maß,
Und all des Holzes, womit er ausreicht
Während der Jahreswende.

60) Rein und gesättigt reit’ zur Versammlung,
Um schönes Kleid unbekümmert.
Der Schuh’ und der Hosen schäme sich niemand,
Noch des Hengstes, hat er nicht guten.

61) Zu sagen und zu fragen verstehe jeder,
Der nicht dumm will dünken.
Nur einem vertrau’ er, nicht auch dem andern;
Wissen’s dreie, so weiß es die Welt.

62) Verlangend lechzt, eh er landen mag,
Der Aar auf der ewigen See.
So geht es dem Mann in der Menge des Volks,
Der keinen Anwalt antrifft.

63) Der Macht muß der Mann, wenn er klug ist,
Sich mit Bedacht bedienen,
Denn bald wird er finden, wenn er sich Feinde macht,
Daß dem Starken ein Stärkrer lebt.

64) Umsichtig und verschwiegen sei ein jeder
Und im Zutraun zaghaft.
Worte, die andern anvertraut wurden,
Büßt man oft bitter.

65) An manchen Ort kam ich allzufrüh;
Allzuspät an andern.
Bald war getrunken das Bier, bald zu frisch;
Unlieber kommt immer zur Unzeit.

66) Hier und dort hätte mir Labung gewinkt,
Wenn ich des bedurfte.
Zwei Schinken noch hingen in des Freundes Halle,
Wo ich einen schon geschmaust.

67) Feuer ist das Beste dem Erdgebornen
Und der Sonne Schein;
Nur sei Gesundheit ihm nicht versagt
Und lasterlos zu leben.

68) Ganz unglücklich ist niemand, ist er gleich nicht gesund:
Einer hat an Söhnen Segen,
Einer an Freunden, einer an vielem Gut,
Einer an trefflichem Tun.

69) Leben ist besser, auch Leben in Armut:
Der Lebende kommt noch zur Kuh.
Feuer sah ich des Reichen Reichtümer fressen,
Und der Tod stand vor der Tür.

70) Der Hinkende reite, der Handlose hüte,
Der Taube taugt noch zur Tapferkeit.
Blind sein ist besser als verbrannt werden:
Der Tote nützt zu nichts mehr.

71) Ein Sohn ist besser, ob spät geboren
Nach des Vaters Hinfahrt.
Bautasteine stehn am Wege selten,
Wenn sie der Freund dem Freund nicht setzt.

72) Zweie gehören zusammen, und doch schlägt die Zunge das Haupt.
Unter jedem Gewand erwarte ich eine Faust.

73) Der Nacht freut sich, wer des Vorrats gewiß ist,
Doch herb ist die Herbstnacht.
Fünfmal wittert es in fünf Tagen:
Wie viel mehr im Monat!

74) Wer wenig weiß, der weiß auch nicht,
Daß einen oft der Reichtum äfft:
Einer ist reich, ein andrer arm:
Den soll niemand narren.

75) Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.

76) Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch eines weiß ich, das immer bleibt:
Das Urteil über den Toten.

77) Volle Speicher sah ich bei Fettlings Sprossen,
Die heuer am Hungertuch nagen:
Überfluß währt einen Augenblick,
Dann flieht er, der falscheste Freund.

78) Der alberne Geck, gewinnt er etwa
Gut oder Gunst der Frauen,
Gleich schwillt ihm der Kamm, doch die Klugheit nicht,
Nur im Hochmut nimmt er zu.

79) Was wirst du finden, befragst du die Runen,
Die hochheiligen,
Welche Götter schufen, Hohepriester schrieben?
Daß nichts besser sei als Schweigen.

80) Den Tag lob’ abends, die Frau im Tode,
Das Schwert, wenn’s versucht ist,
Die Braut nach der Hochzeit, eh es bricht, das Eis,
Das Äl, wenn’s getrunken ist.

81) Im Sturm fäll’ den Baum, stich bei Fahrwind in See,
Mit der Maid spiel’ im Dunkeln; manch’ Auge hat der Tag.
Das Schiff ist zum Segeln, der Schild zum Decken gut,
Die Klinge zum Hiebe, zum Küssen das Mädchen.

82) Trink’ Äl am Feuer, auf Eis lauf’ Schlittschuh,
Kauf’ mager das Roß und rostig das Schwert.
Zieh den Hengst daheim, den Hund im Vorwerk.

83) Mädchenreden vertraue kein Mann
Noch der Weiber Worten.
Auf geschwungenem Rad geschaffen ward ihr Herz,
Trug in der Brust verborgen.

84) Krachendem Bogen, knisternder Flamme,
Schnappendem Wolf, geschwätziger Krähe,
Grunzender Bache, wurzellosem Baum,
Schwellender Meerflut, sprudelndem Kessel;

85) Fliegendem Pfeil, fallender See,
Einnächtigem Eis, geringelter Natter,
Bettreden der Braut, brüchigem Schwert,
Kosendem Bären und Königskine;

86) Siechendem Kalb, gefälligem Knecht,
Wahrsagendem Weib, auf der Walstatt Besiegtem,
Heiterm Himmel, lachendem Herrn,
Hinkendem Köter und Trauerkleidern;

87) Dem Mörder deines Bruders, wie breit wär’ die Straße,
Halbverbranntem Haus, windschnellem Hengst,
(Bricht ihm ein Bein, so ist er unbrauchbar);
Dem allen soll niemand voreilig vertrauen.

88) Frühbesätem Feld trau nicht zu viel,
Noch altklugem Kind.
Wetter braucht die Saat und Witz ges Kind;
Dies sind zwei zweiflige Dinge.

89) Die Liebe der Frau, die falschen Sinn hegt,
Gleicht unbeschlagnem Roß auf schlüpfigem Eis,
Mutwillig, zweijährig und übel gezähmt;
Oder steuerlosem Schiff auf stürmender Flut,
Der Gemsjagd des Lahmen auf glatter Bergwand.

90) Offen bekenn’ ich, der beide wohl kennt,
Der Mann ist dem Weibe wandelbar;
Wir reden am schönsten, wenn wir am schlechtesten denken:
So wird die Klügste geködert.

91) Schmeichelnd soll reden und Geschenke bieten,
Wer des Mädchens Minne will,
Den Liebreiz loben der leuchtenden Jungfrau:
So fängt sie der Freier.

92) Der Liebe verwundern soll sich kein Weiser
An dem anderen Mann,
Oft fesselt den Klugen, was den Toren nicht fängt,
Liebreizender Leib.

93) Unklugheit wundre keinen am andern,
Denn viele befällt sie.
Weise zu Tröpfen wandelt auf Erden
Der Minne Macht.

94) Das Gemüt weiß allein, das dem Herzen innewohnt,
Und seine Neigung verschließt,
Daß ärger Übel den Edeln nicht quälen mag
Als Liebesleid.

95) Selbst erfuhr ich das, als ich im Schilfe saß
Und meiner Holden harrte.
Herz und Seele war mir die süße Maid;
Gleichwohl erwarb ich sie nicht.

96) Ich fand Billungs Maid auf ihrem Bette
Weiß wie die Sonne, schlafend.
Aller Fürsten Freude fühlt’ ich nichtig,
Sollt’ ich ihrer länger ledig leben.

97) „Am Abend sollst du, Odin, kommen,
Wenn du die Maid gewinnen willst.
Nicht ziemt es sich, daß mehr als zwei
Von solcher Sünde wissen.“

98) Ich wandte mich weg, Erwidrung hoffend,
Ob noch der Neigung ungewiß;
Jedennoch dacht’ ich, ich dürft’ erringen
Ihre Gunst und Liebesglück.

99) So kehrt’ ich wieder: da war zum Kampf
Strenge Schutzwehr auferweckt,
Mit brennenden Lichtern, mit lodernden Scheitern
Mir der Weg verwehrt zur Lust.

100) Am folgenden Morgen fand ich mich wieder ein,
Da schlief im Saal das Gesind;
Ein Hündlein sah ich statt der herrlichen Maid
An das Bett gebunden.

101) Manche schöne Maid, wer’s merken will,
Ist dem Freier falsch gesinnt.
Das erkannt’ ich klar, als ich das kluge Weib
Verlocken wollte zu Lüsten.
Jegliche Schmach tat die Schlaue mir an,
Und wenig ward mir des Weibes.

102) Munter sei der Hausherr und heiter bei Gästen
Nach geselliger Sitte,
Besonnen und gesprächig: so schein’ er verständig
Und rate stets zum Rechten.

103) Der wenig zu sagen weiß, wird ein Erztropf genannt,
Es ist des Albernen Art.

104) Den alten Riesen besucht’ ich, nun bin ich zurück:
Mit Schweigen erwarb ich da wenig.
Manch Wort sprach ich zu meinem Gewinn
In Suttungs Saal.

105) Gunnlöd schenkte mir auf goldenem Sessel
Einen Trunk des teuern Mets,
Übel vergolten hab’ ich gleichwohl
Ihrem heiligen Herzen,
Ihrer glühenden Gunst.

106) Ratamund ließ ich den Weg mir räumen
Und den Berg durchbohren;
In der Mitte schritt ich zwischen Riesensteigen
Und hielt mein Haupt der Gefahr hin.

107) Schlauer Verwandlungen Frucht erwarb ich,
Wenig mißlingt dem Listigen.
Denn Odhrörir ist aufgestiegen
Zur weitbewohnten Erde.

108) Zweifel heg’ ich, ob ich heim wär’ gekehrt
Aus der Riesen Reich,
Wenn mir Gunnlöd nicht half, die herzige Maid,
Die den Arm um mich schlang.

109) Die Eisriesen eilten des andern Tags,
Des Hohen Rat zu hören
In des Hohen Halle.
Sie fragten nach Bölverkr, ob er heimgefahren sei
Oder ob er durch Suttung fiel.

110) Den Ringeid, sagt man, hat Odin geschworen:
Wer traut noch seiner Treue?
Den Suttung beraubt’ er mit Ränken des Mets
Und ließ sich Gunnlöd grämen.

* * *

2. Teil: Loddfafnirs Lied

111) Zeit ist’s zu reden vom Rednerstuhl.
An dem Brunnen Urds
Saß ich und schwieg, saß ich und dachte
Und merkte der Männer Reden.

112) Von Runen hört’ ich reden und vom Ritzen der Schrift
Und vernahm auch nütze Lehren.
Bei des Hohen Halle, in des Hohen Halle
Hört’ ich sagen so:

113) Dies rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Steh nachts nicht auf, wenn die Not nicht drängt,
Du wärst denn zum Wächter geordnet.

114) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
In der Zauberfrau Schoß schlaf du nicht,
So daß ihre Glieder dich gürten.

115) Sie betört dich so, du entsinnst dich nicht mehr
Des Gerichts und der Rede der Fürsten,
Gedenkst nicht des Mahls noch männlicher Freuden,
Sorgenvoll suchst du dein Lager.

116) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Des andern Frau verführe du nicht
Zu heimlicher Zwiesprach.

117) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Über Furten und Felsen so du zu fahren hast,
So sorge für reichlich Speise.

118) Dem übeln Mann eröffne nicht,
Was dir Widriges widerfährt:
Vom argen Mann erntest du nimmer doch
So guten Vertrauns Vergeltung.

119) Verderben stiften einem Degen sah ich
Üblen Weibes Wort:
Die giftige Zunge gab ihm den Tod,
Nicht seine Schuld.

120) Gewannst du den Freund, dem du wohl vertraust,
So besuch ihn nicht selten,
Denn Strauchwerk grünt und hohes Gras
Auf dem Weg, den niemand wandelt.

121) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Guten Freund gewinne dir zu erfreuender Zwiesprache;
Heilspruch lerne, so lange du lebst.

122) Altem Freunde sollst du der erste
Den Bund nicht brechen.
Das Herz frißt dir Sorge, magst du keinem mehr sagen
Deine Gedanken all.

123) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Mit ungesalznem Narren sollst du
Nicht Worte wechseln.

124) Von albernem Mann magst du niemals
Guten Lohn erlangen.
Nur der Wackere mag dir erwerben
Guten Leumund durch sein Lob.

125) Das ist Seelentausch, sagt einer getreulich
Dem anderen alles, was er denkt.
Nichts ist übler als unstet sein:
Der ist kein Freund, der zu Gefallen spricht.

126) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Drei Worte nicht sollst du mit dem Schlechtern wechseln:
Oft unterliegt der Gute,
Der mit dem Schlechten streitet.

127) Schuhe nicht sollst du noch Schäfte machen
Für andre als für dich:
Sitzt der Schuh nicht, ist krumm der Schaft,
Wünscht man dir alles Übel.

128) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Wo Not du findest, deren nimm dich an;
Doch gib dem Feind nicht Frieden.

129) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Dich soll andrer Unglück nicht freuen;
Ihren Vorteil laß dir gefallen.

130) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Nicht aufschaun sollst du im Schlachtgetöse;
Ebern ähnlich wurden oft Erdenkinder;
So aber zwingt dich kein Zauber.

131) Willst du ein gutes Weib zu deinem Willen bereden
Und Freude bei ihr finden,
So verheiß ihr Holdes und halt es treulich;
Des Guten wird die Maid nicht müde.

132) Sei vorsichtig, doch sei’s nicht allzusehr.
Am meisten sei’s beim Met
Und bei des andern Weib; auch wahre dich
Zum dritten vor der Diebe List.

133) Mit Schimpf und Hohn verspotte nicht
Den Fremden noch den Fahrenden.
Selten weiß, der zu Hause sitzt,
Wie edel ist, der einkehrt.

134) Laster und Tugenden liegen den Menschen
In der Brust beieinander.
Kein Mensch ist so gut, daß ihm nichts mangele,
Noch so böse, daß er zu nichts nützte.

135) Haarlosen Redner verhöhne nicht:
Oft ist gut, was der Greis spricht.
Aus welker Haut kommt oft weiser Rat;
Hängt ihm die Hülle gleich,
Schrinden ihn auch Schrammen,
Der unter Wichten wankt.

136) Das rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst.
Den Wandrer fahr’ nicht an noch weis’ ihm die Tür;
Gib den Gehrenden gern.

137) Stark wär’ der Riegel, der sich rücken sollte,
Allen aufzutun.
Gib einen Scherf; dies Geschlecht sonst wünscht
Dir alles Unheil an.

138) Dies rat’ ich, Loddfafnir, vernimm die Lehre,
Wohl dir, wenn du sie merkst:
Wo Äl getrunken wird, ruf’ die Erdkraft an;
Erde trinkt und wird nicht trunken.
Feuer hebt Krankheit, Eiche Verhärtung,
Ähre Vergiftung,
Der Hausgeist häuslichen Hader.
Mond mindert Tobsucht,
Hundbiß heilt Hundshaar,
Rune Beredung;
Die Erde nehme Naß auf.

* * *

3. Teil: Odins Runenlied

139 (1) Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann,
Aus welcher Wurzel er sproß.

140 (2) Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt’ ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.

141 (3) Hauptlieder neun lernt’ ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, des Vaters Bestlas,
Und trank einen Trunk des teuern Mets,
Aus Odhrörir geschöpft.[57]

142 (4) Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.

143 (5) Runen wirst du finden und Ratstäbe,
Sehr starke Stäbe,
Sehr mächtige Stäbe.
Erzredner ersann sie, Götter schufen sie,
Sie ritzte der hehrste der Herrscher.

144 (6) Odin den Asen, den Alfen Dâin,
Dwalin den Zwergen,
Alswidr aber den Riesen; einige schnitt ich selbst.

145 (7) Weißt du zu ritzen? Weißt du zu erraten?
Weißt du zu finden? Weißt zu erforschen?
Weißt du zu bitten? Weißt Opfer zu bieten?
Weißt du, wie man senden, weißt, wie man tilgen soll?

146 (8) Besser nicht gebetet, als zu viel geboten:
Die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet, als zu viel getilgt;
So ritzt’ es Thundr zur Richtschnur den Völkern.
Dahin entwich er, von wannen er ausging.

147 (9) Lieder kenn’ ich, die kann die Königin nicht
Und keines Menschen Kind.
Hilfe verheißt mir eins, denn helfen mag es
In Streiten und Zwisten und in allen Sorgen.

148 (10) Ein andres weiß ich, des alle bedürfen,
Die heilkundig heißen.

149 (11) Ein drittes weiß ich, des ich bedarf,
Meine Feinde zu fesseln.
Die Spitze stumpf’ ich dem Widersacher;
Mich verwunden nicht Waffen noch Listen.

150 (12) Ein viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägt
In Bande die Bogen der Glieder,
So bald ich es singe, so bin ich ledig,
Von den Füßen fällt mir die Fessel,
Der Haft von den Händen.

151 (13) Ein fünftes kann ich: fliegt ein Pfeil gefährdend
Übers Heer daher,
Wie hurtig er fliege, ich mag ihn hemmen,
Erschau’ ich ihn nur mit dem Auge.

152 (14) Ein sechstes kann ich, so wer mich versehrt
Mit harter Wurzel des Holzes;
Den andern allein, der mir es antut,
Verzehrt der Zauber, ich bleibe frei.

153 (15) Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal steht
Über den Leuten in Lohe,
Wie breit sie schon brenne, ich berge sie noch:
Den Zauber weiß ich zu zaubern.

154 (16) Ein achtes weiß ich, das allen wäre
Nützlich und nötig:
Wo unter Helden Hader entbrennt,
Da mag ich schnell ihn schlichten.

155 (17) Ein neuntes weiß ich, wenn Not mir ist
Vor der Flut das Fahrzeug zu bergen,
So wend’ ich den Wind von den Wogen ab
Und beschwichtige rings die See.

156 (18) Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen
Durch die Lüfte lenken,
So wirk’ ich so, daß sie wirre zerstäuben
Und als Gespenster schwinden.

157 (19) Ein elftes kann ich, wenn ich zum Angriff soll
Die treuen Freunde führen,
In den Schild sing’ ich’s, so ziehen sie siegreich,
Heil in den Kampf, heil aus dem Kampf,
Bleiben heil, wohin sie ziehen.

158 (20) Ein zwölftes kann ich, wo am Zweige hängt
Vom Strang erstickt ein Toter,
Wie ich ritze das Runenzeichen,
So kommt der Mann und spricht mit mir.

159 (21) Ein dreizehntes kann ich, soll ich ein Degenkind
In die Taufe tauchen,
So mag er nicht fallen im Volksgefecht,
Kein Schwert mag ihn versehren.

160 (22) Ein vierzehntes kann ich, soll ich dem Volke
Der Götter Namen nennen,
Asen und Alfen kenn’ ich allzumal;
Wenige sind so weise.

161 (23) Ein fünfzehntes kann ich, das Volkrörir der Zwerg
Vor Dellings Schwelle sang;
Den Asen Stärke, den Alfen Gedeihn,
Hohe Weisheit dem Hroptatyr.

162 (24) Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner Maid
In Lieb und Luft mich freuen,
Den Willen wandl’ ich der Weißarmigen,
Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt.

163 (25) Ein siebzehntes kann ich, daß schwerlich wieder
Die holde Maid mich meidet.
Dieser Lieder magst du, Loddfafnir,
Lange ledig bleiben.
Doch wohl dir, weißt du sie,
Heil dir, behältst du sie,
Selig, singst du sie!

164 (26) Ein achtzehntes weiß ich, das ich aber nicht singe
Vor Maid noch Mannesweibe
Als allein vor ihr, die mich umarmt,
Oder sei es, meiner Schwester.
Besser ist, was einer nur weiß;
So frommt das Lied mir lange.

165 (27) Des Hohen Lied ist gesungen
In des Hohen Halle,
Den Erdensöhnen not, unnütz den Riesensöhnen..
Wohl ihm, der es kann, wohl ihm, der es kennt,
Lange lebt, der es erlernt,
Heil allen, die es hören.

* * *

Auszüge aus den Erläuterungen von Dr. Manfred Stange aus dem Buch „DIE EDDA – Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen“, marixverlag, ISBN 978-3-937715-14-8, dem die hier wiedergegebene Fassung des Havamal entnommen ist:

Zu Karl Simrock und seiner Übersetzung

Leben:

Er wurde am 28.8.1802 in Bonn geboren und starb dort am 18.7.1876.
Karl Simrock war Germanist, Übersetzer, Nachdichter und Dichter. Er studierte Rechtswissenschaft (1818-1822) in Bonn und Berlin, beschäftigte sich aber schon früh mit altdeutscher (althochdeutscher und mittelhochdeutscher) Dichtung und verfaßte Gedichte. 1826 wurde er Referendar beim Kammergericht Berlin. 1830 aus dem Preußischen Justizdienst wegen seiner die französische Julirevolution 1830 feiernden Gedichts „Drei Tage und drei Farben“ entlassen, wandte er sich nun ganz der Literatur zu. Seit 1832 lebte er wieder in Bonn; zunächst als Privatgelehrter, seit 1850 als Professor für deutsche Sprache und Literatur.

Übersetzungsleistung:

Ohne Frage ist Simrock der bedeutendste Übersetzer alter germanischer und altdeutscher (alt- und mittelhochdeutscher) Dichtung im 19. Jahrhundert. Allein seine Übersetzung des mittelhochdeutschen Nibelungenliedes, die er zum ersten Mal als Fünfundzwanzigjähriger noch zu Goethes Lebzeiten – und von diesem gerühmt – 1827 vorlegte, erreichte bis zum Jahre 1892 stattliche 42 Auflagen. Mit seinen zahlreichen Übersetzungen hat Simrock ganz erheblich zur Verbreitung älterer Dichtung beigetragen und zu ihrer Erforschung angeregt.

Die Übersetzung der in altnordischer (genauer: altisländischer) Sprache verfaßten Älteren und Jüngeren Edda nahm er in reiferen Jahren vor (erste Ausgabe 1851). Zwar gab es vor ihm nicht wenige Versuche der Eindeutschung der Edda – seit dem 18. Jahrhundert, und auch die Brüder Grimm legten 1815 eine deutsche Ausgabe vor -, doch war seine Übersetzungsleistung so durchschlagend, daß sie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute Maßstab, zumindest Orientierung war.

Zwei Merkmale kennzeichnen Simrocks Übersetzungsleistung: der mitreißende Sprachschwung und die große Treue gegenüber dem in den Handschriften überlieferten Text. Beides beruht auf dem der Romantik verpflichteten Denken, der Ursprünglichkeit, Urtümlichkeit von Dichtung nahe zu kommen, ja sie zu erschließen.

Simrock war lebenslang getragen von Begeisterung für Dichtung. Sie wollte er besonders mit seinen Übersetzungen wecken. Möge auch der heutige Leser sich davon anstecken lassen!

Zur Bearbeitung dieser Ausgabe

Zu Grunde liegt die Ausgabe „Die Edda, die ältere und jüngere nebst den mythologischen Erzählungen der Skalda. Übersetzt und mit Erläuterungen begleitet von Karl Simrock. Achte, durchgesehene Auflage. Stuttgart, Verlag der Cotta’schen Buchhandlung 1882.“

Der Text dieser Ausgabe wurde kritisch durchgesehen und wo nötig verbessert: alte Druckfehler getilgt, divergierende Schreibformen identischer Namen/Begriffe beseitigt und vor allem die in vielen Fällen veraltete Orthographie durch eine zeitgemäße ersetzt. Besonders war Simrocks Namensgebung für Personen zu korrigieren. Hier war Orientierung Genzmer. Bei der Überarbeitung der Übersetzung wurden vor allem veraltete Wörter ersetzt. Stellen, die ganz unverständlich waren, wurden neu übersetzt.

Tiefer gehende Eingriffe hätten die Einheitlichkeit der Simrockschen Übersetzung zerstört und zu einem unfruchtbaren Mischmasch von zwei Sprachstilen (19. Jahrhundert und Gegenwartssprache) geführt.

Kurz-Kommentar [Auszug] zu den einzelnen Liedern [der Älteren Edda]

Die GÖTTERLIEDER sind überwiegend „Wissensdichtung“, teils in ernstem, teil in heiterem Ton abgefaßt. Sie umspannen eine denkbar große Themenfülle: von der Erschaffung der Welt bis hin zur Erörterung alltäglicher Fragen ethisch-moralischen Verhaltens. So wird in den Götterliedern das ganze Panorama heidnisch-germanischer Welt in seiner bunten Vielfalt, aber auch in seiner inneren Einheit und Geschlossenheit entworfen.

Die Wissensvermittlung geschieht im wesentlichen in zwei Formen: ein Wißbegieriger stellt Fragen, oder es findet ein Wissenswettstreit zwischen zwei Dialog-Partnern statt. Hauptfigur in den ersten Götterliedern (1-7) ist Odin. Danach treten Thor, Loki, Thrym, Alwis, Freyr u. a. in den Mittelpunkt.

Der kleinere, aber nicht weniger reizvolle Teil der Götterlieder ist „Spruchdichtung“: Weisheits- oder Tugendlehre. Hier wird das hohe Terrain der Göttersphäre verlassen und eingetaucht in die bunte Vielfalt des Lebens (Lieder 6 und 7). Einige, wohl spät entstandene (also junge) Lieder (7-10) sind in einem teils spöttischen, teils schwankhaften Ton abgefaßt. Das Thema Brautwerbung behandeln 3 Lieder (12-14), Ständesatire und Liebessehnsucht 2 (15 und 16).

Insgesamt zeigt der 1. Teil der Lieder-Edda eine bewußt aufgebaute Reihenfolge der Lieder: vom Allgemeinen über Wissensdichtung in Einzelnes und Episodenhaftes gehend.

[….]

(6.) Ganz anders in Ton und Inhalt [als das zuvor behandelte Wegtamslied oder „Balders Träume“] bietet sich die umfang- und facettenreiche Spruchsammlung Havamal, Die Sprüche des Hohen [Odins] oder „Des Hohen [Odins] Lied“ dar. Auch sie gehört zur Wissensdichtung, aber mit deutlich unterhaltendem Einschlag. Gegenstand sind Lebensregeln zum Alltag der isländischen Bevölkerung. Die Sprache ist knapp und schlagkräftig. Witz, Humor, Komik, Ironie und Drastik sind wichtige Stilmittel. Aus mehreren unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt, fügt sich das ganze Lied zu einer umfassenden „Sitten-Lehre.“

* * *

So weit Dr. Stange. Hier bringe ich (Lichtschwert) noch ein paar Strophen dieser Havamal-Übersetzung im Vergleich zu anderen Fassungen bzw. hier gleich zum Original:

75) Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.

76) Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch eines weiß ich, das immer bleibt:
Das Urteil über den Toten.

Im Original:

Døyr fe;
døyr frendar;
døyr sjølv det same.
Men ordet om deg
aldri døyr
vinn du eit gjetord gjævt.

Døyr fe;
døyr frendar;
døyr sjølv det same.
Eg veit eitt
som aldri døyr,
dom om daudan kvar.

Im Buch „DIE WIKINGER – Letzte Boten der germanischen Welt“ (Atlantis Verlag 1986, ISBN 3-7611-0687-4) ist diese Fassung enthalten:

Reichtum stirbt,
Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
Nachruhm jedoch
stirbt nimmer dem,
der ihn tapfer erkämpft.

Reichtum stirbt,
Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
eins weiß ich,
das niemals stirbt –
des Toten Tatenruhm.

In diesem Buch sind weitere Strophen aus dem Havamal zitiert, die ich nachfolgend den entsprechenden aus Simrocks Übersetzung (mit Strophennummer in Klammern) gegenüberstelle:

Der Lahme kann reiten,
der Handlose hüten,
der Taube tapfer kämpfen;
blind sein ist besser,
als ein brennender Leichnam:
nichts taugt ein Toter.

70) Der Hinkende reite, der Handlose hüte,
Der Taube taugt noch zur Tapferkeit.
Blind sein ist besser als verbrannt werden:
Der Tote nützt zu nichts mehr.

Hier erkennt man schon, welche Unterschiede es bei den einzelnen Übersetzungen geben kann; desgleichen bei der folgenden Strophe:

Ich weiß, daß ich hing
auf dem windigen Baum
durch neun ganze Nächte,
gespießt vom Speer
ein Opfer für Odin:
ich gab mich mir selbst
auf jenem Baum,
dessen Wurzeln
unbekannt für alle.

139 (1) Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann,
Aus welcher Wurzel er sproß.

Und auch bei dieser:

Niemand sollte geben
zuviel einem Mann –
auch kleine Gabe erwirbt reichen Dank;
mit einem Bissen Brot
und einem kleinen Trank
gewann ich oft Freunde.

51) Die Gabe muß nicht immer groß sein:
Oft erwirbt man mit wenigem Lob.
Ein halbes Brot, eine Neig’ im Becher
Gewann mir wohl den Gesellen.

Diese Strophe könnte man als zynischen Rat zu berechnendem Geiz oder sparsamer Großzügigkeit auffassen, und ich habe auch lange gedacht, daß sie so gemeint sein könnte. Erst Osimandia hat mich mit etwas, das sie vor längerer Zeit und in völlig anderem Zusammenhang schrieb, auf den Gedanken gebracht, daß der Sinn dieses Ratschlags ein ganz anderer ist: „Niemand sollte geben zuviel einem Mann“ heißt, daß man andere nicht durch übertriebene Großzügigkeit in die Verlegenheit einer zu hohen Dankesschuld bringen soll, die sie nur schwer oder sogar niemals abzahlen können, was zu unterschwelligem Groll gegen den Großzügigen führen kann, dem man auf Dauer zu Dank verpflichtet ist. Daß die skandinavische Mentalität diesbezüglich offenbar besonders empfindlich ist, wird auch aus diesem Absatz aus dem Marco-Polo-Sprachführer „Norwegisch“ erkennbar:

Nicht ganz einfach ist es, Norwegern ein Bier auszugeben. Das hat zum einen damit zu tun, daß die Getränke in Kneipen sehr teuer sind. Zum anderen scheinen die Norweger schnell das Gefühl zu bekommen, etwas schuldig zu sein. Wer also mit einem freundlichen „Jeg har lyst å spandere“ („Ich möchte gern bezahlen“) die Spendierhosen anzieht, sollte akzeptieren, daß das nächste Bier auf die Rechnung des Eingeladenen geht.

Abschließend noch ein paar Leseempfehlungen:

Das Wikingererbe am Beispiel Island, Teil 1 und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short
Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek
„Das geborstene Schwert“, Poul Andersons Erstlingsroman, beginnend hier mit „Der Zauber des Nordens: Einleitungen zu Das geborstene Schwert

* * *

(Gefunden:  hier auf Nord-Licht)

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