Homer: Die europäische Bibel, Teil 2

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Von Dominique Venner; die englische Fassung  Homer: The European Bible, Part 2 erschien am 8. September 2010 bei Counter-Currents Publishing/North American New Right.

 

Zorn und Reue des Achilles

Nach zehn Jahren einer sehr langen Belagerung, zusammen mit Raubzügen in dem Gebiet, brachte ein Streit Agamemnon, den Anführer der achäischen Koalition, und Achilles, den berühmtesten Helden seines Lagers, gegeneinander auf. Seine Macht mißbrauchend, nimmt Agamemnon sich Briseis „mit den lieblichen Wangen“, die von Achilles geliebte junge Gefangene. So lautet die Einleitung und der Beginn des Gedichtes: „Singe, Göttin, von Achilles’ katastrophalem Zorn…“

Diese Göttin, welche das Epos singt, ist die Muse, deren Interpret der Poet ist, was die Bindungen mit der göttlichen Welt unterstreicht.

Von gerechter Empörung ergriffen, beschließt Achilles, nachdem er Agamemnon reichlich beschimpft hat, den Kampf abzubrechen und „sich in sein Zelt zurückzuziehen“ (eine viel imitierte Redewendung), wie es auch seine Gefolgsleute taten (die Myrmidonen).

Dieser Zorn des Achilles, des Haupthelden der Ilias zusammen mit dem Trojaner Hektor, ist der Angelpunkt des Epos. Sein Rückzug mit seinen Männern hatte sehr ernste Konsequenzen für die Achäer. Der Sieg ist ausgesetzt. Auf der Ebene unter den Mauern Trojas erleiden sie drei zunehmend katastrophale Niederlagen. Die Angreifer werden in die Defensive gedrängt. Sie müssen sogar ein befestigtes Lager um ihre Schiffe bauen. Dieser Rückzugsbereich wurde dann von den Trojanern angegriffen, geführt von Hektor, dem berühmtesten Sohn des Priamos. Es gelang dem Feind, die Schiffe der Griechen in Brand zu setzen und sie aufs Meer hinauszuschieben.

Während dieser ganzen harten Kämpfe, die das Epos mit Gemetzeln und Heldentaten füllen, ist die Abwesenheit von Achilles nichts als ein Zeichen, das seine Kraft und Macht bekundet. Die tapfersten der achäischen Führer – der massive Ajax, der ungestüme Diomedes, der gewitzte Odysseus – versuchen vergebens, ihn zu ersetzen.

In einer Nacht schwarzer Tragödie, zwischen zwei Desastern, sieht Achilles, während er in der Untätigkeit verfault, zu der er sich selbst verdammt hat, wie sich eine Gesandtschaft unter der Führung der beiden größten Führer der Armee nähert, Ajax und Odysseus. Bei ihnen ist der alte Phoenix, der versucht, ihn die Stimme seines Vaters hören zu lassen. Angesichts der Gefahr hat Agamemnon bereut. Er gab Briseis zurück und bot üppige Geschenke als Wiedergutmachung. Die Gesandtschaft scheitert. Achilles, der sich in Groll suhlt, setzt sich nun seinerseits ins Unrecht (Buch IX).

Am folgenden Tag erstürmten die Trojaner die Verteidigung der Griechen. Hektor setzt ein Schiff in Brand. Am anderen Ende des Lagers sah Achilles die aufsteigenden Flammen. Trotz seiner Halsstarrigkeit konnte er nicht gegenüber den Beschwörungen seines Freundes Patroklos, seines anderen Ichs, taub bleiben. Er schickte seine Truppen in den Kampf und kleidete Patroklos in seine eigene Rüstung. Dieser Gegenangriff treibt die Trojaner zurück. Doch Patroklos wird von Hektor getötet. Achilles’ Schmerz ist schrecklich. Aber es bringt ihn zum Leben zurück und setzt Wut und Rachedurst gegen Hektor frei, den Mörder von Patroklos.

So gibt es eine komplette Umkehrung der dramatischen Handlung, die durch den Rückzug von Achilles eingefroren worden war. Verrückt vor Schmerz kehrt der achäische Held in den Kampf zurück: „Wie ein großes Feuer, das durch die tiefen Täler der Berge tobt, den Wald verbrennt, vom wirbelnden Wind in alle Richtungen getrieben wird, sprang Achilles in alle Richtungen. Er zog aus wie die Nacht…“ (Buch XVIII). Nach einem heftigen Duell tötete er Hektor, zog dann dessen Leiche aus und schleifte sie hinter seinem Streitwagen durch den Staub.

Achilles und Helena gegen das Schicksal

Für Achilles kam zum Schmerz über den Tod seines Freundes die Gewißheit seines eigenen Schicksals. Eine alte Prophezeiung warnte ihn, daß er getötet werden würde, sobald er Hektors Leben nähme. Achilles wußte es immer. Anders als die anderen in der Schlacht getöteten Helden kannte er sein Schicksal im voraus und entschied sich dafür. Er unterwirft sich nicht in orientalischer Art dem Schicksal, sondern tritt ihm entgegen. Als junger Mann wurde ihm die Wahl geboten zwischen einem langen und friedlichen Leben fern von Hader, oder ein intensives Leben, das im Aufflammen der Schlacht abgekürzt wird. Er wählte letzteres, wodurch er den Männern der Zukunft ein Beispiel tragischer Größe hinterließ. Frei von Illusionen wußte er, daß er kein weiteres Leben haben würde: „Eines Mannes Leben,“ sagt er in Buch IX, „kommt nicht wieder; man kann es niemals festhalten oder wieder ergreifen, sobald es einem durch die zusammengebissenen Zähne entkommen ist…“ Es ist ein Gedanke, der uns noch heute anspricht.

Verglichen mit den heiligen Texten anderer Völker und Kulturen sind die Freiheit und Souveränität der Helden Homers einzigartig. Zugegeben, die Götter greifen in der Ilias ein, zu günstigen und ungünstigen Zeiten, aber ohne die Autonomie der Menschen wirklich aufzuheben. Ihre vielen Interventionen nehmen nur vorweg, was ohnehin geschehen wäre. Und es scheint wirklich, daß Homer sie nicht völlig ernst nimmt (außer vielleicht Athene), was bei Platos gestelzter und moralistischer Empfindsamkeit Anstoß erregte. In Wirklichkeit sind die Götter von Homer Allegorien der Kräfte der Natur und des Lebens.

Das letzte Buch der Ilias ist ein Drama der Umkehrung: als der alte Priamos kommt, um die Rückgabe der Leiche Hektors, seines Sohnes, zu erbitten, sieht man, wie Achilles zuläßt, mehr und mehr empfänglich für Mitleid zu werden. Verwandelt von seinem eigenen Leiden, erscheint der Held komplexer, als seine wilde Gewalttätigkeit vermuten ließ.

Es gibt mehr als Helden und Krieger in der Ilias; es gibt auch Frauen (Helena, Hekuba und Andromache), Kinder (Astyanax), alte Männer (Priamos). Es gibt mehr als nur tapfere Männer. Da ist Paris, dessen seltsame Liebe zu Helena der Ursprung des Trojanischen Krieges ist. In Ausführung des Willens von Aphrodite war er der Verführer und Entführer von Helena. Als unabsichtlicher Urheber des Krieges bringt er ihn auch zu einem Abschluß, indem er Achilles mit einem heimtückischen Pfeil tötet, eine Episode, die der Poet nicht berichtet, sondern die nur durch die Prophezeiung angedeutet wird, die Hektor im Moment seines Todes formuliert (Buch XXII, 359-60).

Paris, der oft feige und selbstgefällige Geck, ist das Gegenteil seines Bruders Hektor, den er täuscht. Hektor ist der pure Held, der Wächter Trojas, wohingegen Paris die „Plage seines Vaterlandes“ ist. Helena, die Frau, die er verführte und entführte, verachtet ihn und fürchtet sich nicht, ihn zu tadeln: „Du bist aus der Schlacht zurückgekehrt! Du hättest da draußen sterben sollen, unter den Hieben des starken Kriegers, der mein erster Ehemann war!“ (Buch III, 450-55). Sie verabscheut ihn, aber durch den Willen Aphrodites wird sie von seiner sexuellen Anziehungskraft kontrolliert. Wiederum erklärt Homer nicht, er erzählt, und was er sagt, ist voller komplexer Wahrheit.

Helena ist das Gegenteil von Paris. Sie ist moralisch, ihr Liebhaber amoralisch. Sie revoltiert gegen die ihr von Aphrodite aufgezwungene physische Unterwerfung unter ihn. Ihre Natur war für Ordnung geschaffen. Sie bereut es immer, ihr altes Leben zurückgelassen zu haben: „Ich verließ mein Hochzeitszimmer, meine engen Verwandten, meine geliebte Tochter… Ich schmachtete unter Tränen.“ Nichts hat sie dazu prädisponiert, die Rolle als Ehebrecherin einzunehmen, als Instrument des Ruins zweier Völker. Nichts, außer dem Eingreifen der Götter, in anderen Worten, das Schicksal.

Mit einer großen und bewegenden Wahrheit zeigt die Ilias somit mehrere widerstreitende Naturen, Helena und Paris, Achilles und Hektor.

Der Stoizismus und Patriotismus von Hektor

Achilles ist die Inkarnation der Jugend (er ist noch keine 30). Er ist auch die Inkarnation der Kraft. Es ist die strahlende und ungezähmte Kraft, der sich alles unterwirft. Eine Kraft, die der Leidenschaft unterliegt. Achilles beherrscht nichts, er erleidet alles, Briseis, Agamemnon, Patroklos, Hektor. Die Umstände setzen einen Sturm nach dem anderen in ihm frei. Alles in ihm trotzt dem Tod. Er denkt nie an ihn, wenngleich er weiß, daß er nahe ist. Er liebt das Leben genug, um die Intensität der Dauer vorzuziehen. Seltsames Schicksal! Seine Liebe zum Ruhm, seine Ungeduld und sein Zorn halten ihn während der ersten 18 Bücher des Epos von der Schlacht fern, bis zu dem Punkt, daß er die Seinen gefährdet. Um die Armee zu retten, braucht er sich nur zu erheben, wie Odysseus ihm sagt: „Erhebe dich und rette die Armee…“

Aufgeweckt durch den Tod von Patroklos erhebt sich die Kraft: „Achilles erhob sich… Eine große Helligkeit strahlte von seinem Kopf zum Himmel, und er schritt zum Rand des Grabens. Aufrecht stehend ließ er dort einen Schrei los, und diese Stimme verursachte einen unaussprechlichen Tumult unter den Trojanern“ (Buch XVIII).

Homer sympathisiert stillschweigend mit Hektor. Dieses Epos der Achäer behandelt deren Hauptfeind somit als Vorbild. Gibt es irgendein Äquivalent zu diesem Edelmut in unseren Nationalepen oder den heiligen Büchern des Nahen oder Fernen Ostens? Auch wenn er so tapfer ist wie Achilles, ist Hektors Mut nicht blind. Er ist die Inkarnation des stoischen Mutes. Er ist nicht immun gegen die Furcht. Aber er besiegt sie. Auch wenn er weiß, daß alles verloren ist, kämpft er bis an die Grenze seiner Ausdauer.

Hektor ist auch die Inkarnation des Patriotismus. Für ihn verschmilzt Ehre mit Pflicht. Er ist bereit zu sterben, nicht für seinen eigenen Ruhm, sondern für sein Land, seine Ehefrau und sein Kind. Er wird sie entgegen aller Hoffnung verteidigen, denn er weiß, daß Troja verloren ist.

Nichts ist körperlicher als Hektors Liebe zu seinem Vaterland, dessen konkrete Abbilder seine Frau und sein Sohn sind. Er verbirgt nicht seine Angst um Andromache, bevor er sie verläßt, um in die Schlacht zu ziehen:

„Ich weiß, daß der Tag kommen wird, an dem das heilige Troja untergehen wird, und Priamos, und das Volk von Priamos. Aber weder das zukünftige Unglück der Trojaner, noch das meiner Mutter, oder des Königs Priamos und meiner mutigen Brüder, quält mich so sehr wie daß ein bronzegepanzerter Achäer dir die Freiheit nimmt und dich in Tränen hinwegführt… Möge die schwere Erde mich im Tod zu sich fordern, bevor ich dich weinen höre, bevor ich sehe, wie du von hier fortgerissen wirst…“ (Buch VI, 447-65)

Mit diesen Worten streckt er die Arme nach seinem Sohn aus. Aber das Kind bricht in Tränen aus, erschreckt vom glänzenden Helm seines Vaters. Lachend nimmt Hektor seinen Helm ab und reicht das Kind Andromache, die ihn „mit Lachen unter Tränen“ in ihre Arme nimmt. Hier leuchtet Homers poetisches Genie hervor. Hektor korrigiert taktvoll seine dunklen Vorhersagen: „Weine nicht“, sagt er zu Andromache, „niemand kann mich vor der dafür bestimmten Stunde unter die Erde schicken.“

Im Moment zuvor hatte Andromache Hektor angefleht, nicht zu gehen. Sie tut es nicht mehr. Sie versteht, daß er ihre Freiheit und ihre gegenseitige Zuneigung verteidigt. In dieser letzten Konversation zweier Ehegatten gibt es etwas, das einzigartig in der ganzen antiken Literatur ist: eine perfekte Gleichheit in der Liebe. Man hört nie auf, den unvergleichlichen Reichtum der Ilias zu entdecken, die mit den Vorbereitungen für Hektors Bestattung schließt. Der Tod von Achilles und das „Trojanische Pferd“ werden erst in der Odyssee kurz beschworen (Bücher XI und VIII).

(Quelle der Übersetzung: hier)

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