Das Wikingererbe am Beispiel Island (2)

2a Stokksnes, Island

Von William R. Short und Jeffrey L. Forgeng, erschienen im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Die Wikinger“ in der Kunsthalle Leoben 2008; ISBN 987-3-9500840-4-0 (In dieser Form von „As der Schwerter“ übernommen; Karte und Bild von Edda-Handschrift aus dem Original, restliche Bilder von Deep Roots eingefügt). Teil 2 von 2 (Teil 1 hier):

 

FEHDEN, EHRE UND KAMPFKULTUR

Das isländische Rechtssystem diente in erster Linie zur Regelung des Umgangs mit Konflikten und Gewalt. In der Freistaatperiode herrschte in Island eine Kampfkultur vor. Es ist unbestritten, daß Gewalt oder die Androhung von Gewalt ein akzeptierter Bestandteil des Lebens in der Wikingerzeit waren. Gewalt wurde nicht nur als zulässiges Mittel betrachtet, um Konflikte zu lösen, sondern sie war in bestimmten Fällen sogar gesetzlich vorgesehen. Den Isländern der Wikingerzeit war jedoch klar, daß diese Gewalt so weit eingeschränkt werden mußte, daß sie das Gefüge der Gesellschaft nicht bedrohte und daß nicht ohne Notwendigkeit Leben genommen wurden. Im Hávamál (des Hohen Lied), einem in Gedichtform gegossenen Regelwerk für eine ethische Lebensführung, das teilweise vermutlich bis auf die Wikingerzeit zurückreicht, heißt es: „Der Hinkende reite, der Handlose hüte. Der Taube taugt noch zur Tapferkeit. Blind sein ist besser als verbrannt werden: Der Tote nützt zu nichts mehr.“

In Island wurden gewalttätige Konflikte im Rahmen der Fehdekultur entschieden. Die isländische Blutfehde ist am ehesten als stabilisierendes Instrument zu betrachten, mit dem versucht wurde, das Ausufern von Konflikten zu verhindern. In einer Gesellschaft, die keine zentrale staatliche Autorität kannte, mußten Einzelne und Familienverbände ihre Stellung aus eigener Kraft behaupten, um nicht Opfer ihrer Umgebung zu werden. Jeder Infragestellung eines Einzelnen oder einer Familie, sei es durch Beleidigung oder direkte Aggression, mußte mit einer abschreckenden Reaktion begegnet werden. Die Blutfehde war ein System gesellschaftlicher Konventionen, das einerseits die Sanktionierung mißliebiger Taten durch private Vergeltungsmaßnahmen zuließ, aber andererseits eine Eskalation und damit größere gesellschaftliche Schäden verhinderte.

Im Herzen der Fehdekultur stand das Konzept der Ehre – ein Wort, dem im modernen Sprachgebrauch kaum die Tiefe und Komplexität anhaftet, die in der Wikingerzeit mit diesem Begriff verbunden waren. Im praktischen Leben bezeichnete Ehre die gesellschaftliche Glaubwürdigkeit ihrer Inhaber. Ein Ehrenmann oder eine Ehrenfrau mußte respektvoll behandelt werden. Das Ansehen einer solchen Person hielt andere dazu an, sie in gesellschaftlichen, rechtlichen und geschäftlichen Belangen respektvoll zu behandeln. Jemand, der keine Ehre besaß, war Freiwild für Skrupellose. Ehre konnte nicht nur eine Einzelperson besitzen, sondern auch eine ganze Sippe: Verwandte zu haben, die hohes Ansehen genossen, war der eigenen Ehre zuträglich, während in Mißkredit geratene Familienmitglieder Schande über ihre Sippe brachten. Die Ehre war in allen Arten von Interaktionen mit Landsleuten ein wichtiges Gut. Doch die Ehre hatte auch eine metaphysische Dimension. Da das nordische Heidentum kein Leben nach dem Tod kannte, blieb von einem Verstorbenen nichts als sein guter Name, sein Ansehen und seine Ehre. Die Ehre war daher etwas von bleibendem Wert und stand über dem physischen Besitz.

Aus all diesen Gründen wurde von den Menschen erwartet, daß sie ihre Ehre, wie gering sie auch sein mochte, gegen jeden Angriff verteidigten. Natürlich war es besser, seine Ehre mit friedlichen Mitteln zu schützen, doch sie zu verteidigen – und sei es mit Waffengewalt – war Pflicht. Im Hávamál werden die Menschen aufgefordert, stets vor Angriffen auf ihre Ehre auf der Hut zu sein und mit ihren Feinden keinen Frieden zu schließen. Die Ehre einer Familie hochzuhalten war ein Tribut an die Vorfahren und ein Vermächtnis für die Nachkommen, und es galt als Pflicht, die Ehre zu schützen und nach Möglichkeit zu mehren.

Die Ehre konnte jederzeit beschädigt werden. Das war zum Beispiel der Fall, wenn jemand, dem offensichtlich Unrecht zugefügt worden war, auf Vergeltungsmaßnahmen verzichtete. Oft war das zugefügte Unrecht materieller Natur: Raub, Eigentumsbeschädigung, Körperverletzung oder auch nur eine geschäftliche Übervorteilung. Dabei spielte es keine Rolle, ob die eigene Ehre oder die eines Verwandten oder Untergebenen in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Die Ehre konnte durch immaterielle Rechtsverletzungen ebenso bedroht werden wie durch Verletzungen physischer Art. Bestimmte Beleidigungen galten als dermaßen empörend, daß der Adressat von Gesetzes wegen berechtigt war, denjenigen, der sie ausgestoßen hatte, zu töten. Die meisten dieser Beleidigungen beziehen sich auf Übertretungen der Geschlechterrollen. Dem altisländischen Rechtsbuch Grágás („Graugans“) ist zu entnehmen, daß ein Mann, der von einem anderen als weibisch bezeichnet wird oder behauptet, Opfer eines sexuellen Übergriffs durch einen anderen Mann geworden zu sein, diesen Mann als Vergeltungsmaßnahme töten darf.

In der Njáls saga sagt Flosi, der sich von Njáll beleidigt fühlt: „… denn viele wissen nicht, wenn sie ihn sehen, ob er ein Mann oder eine Frau ist.“ Njálls Sohn Skarpheðinn zahlt mit barer Münze zurück: „… weil du jede neunte Nacht, wie es heißt, das Liebchen des Svínafjell-Trolls bist und er dich zur Frau macht.“ Flosi rächt sich später für die Beleidigung, indem er Njálls Haus niederbrennt. In den Flammen kommen Njáll, Skarpheðinn und viele andere um.

Beleidigungen galten als noch unerhörter, wenn sie in Reimform gegossen wurden. Die Strafe für das Verfassen auch nur einer halben Strophe eines Gedichts mit herabwürdigendem oder spöttischem Inhalt wurde mit Verbannung geahndet.

Die Ehre konnte auch durch Taten beschädigt werden. Die Erzählungen erwähnen viele gesetzlich verbotene Handlungen, die darauf zielen, jemanden zu verspotten oder Schande über ihn zu bringen. Jemanden mit Absicht zu beschmutzen, seine Kleidung zu zerreißen oder zu zerschneiden oder ihn auf andere Weise zu entehren, konnte die Acht nach sich ziehen.

Ein erinnerungswürdiges Beispiel dafür findet sich in der Reykdæla saga og Víga-Skútu. Þorgeirr Þórisson möchte sich bei der Alþing-Versammlung bei Skúta für den Tod seines Vaters rächen. Um Skútas Aufmerksamkeit zu erregen, sorgt Þorgeirr dafür, daß Skútas Domizil auf dem Alþing den ganzen Sommer vor der Versammlung als Latrine benutzt wird. Skúta quittiert diesen Streich, indem er Þorgeirr mit einem Axthieb tötet.

Auch physische Symbole konnten die Ehre beschädigen. In der Gísla saga Súrssonar vereinbart Kolbjörn von Hella ein Duell mit Hólmgöngu-Skeggi – dessen Name „der Duellant“ bedeutet -, um die Frage zu klären, wer Gíslis Schwester Þordis heiraten wird. Eingeschüchtert durch Skeggis Ruf als siegreicher Kämpfer drückt sich Kolbjörn vor dem Duell, und Gísli tritt an seine Stelle. Skeggi, der als Erster am Ort des Duells eintrifft, ist der Meinung, daß beide Männer kneifen. Um sich über sie lustig zu machen, bestellt er bei einem Tischler ihr hölzernes Abbild, das zeigt, wie sich einer hinter dem anderen versteckt. Obwohl nicht explizit ersichtlich, war wohl auch eine sexuelle Beleidigung beabsichtigt.

Für bestimmte Verstöße sah das Gesetz entsprechende Geldstrafen vor. Handelte es sich jedoch um eine schwerwiegende Angelegenheit, verlangte die Ehre des Geschädigten im Allgemeinen eine gewalttätige Reaktion. Eine vom Gesetz zugelassene Möglichkeit, verbale Beleidigungen zu rächen, war ein Duell. Die weniger formelle Form des Duells war der sogenannte einvígi (Einkampf), während das formellere Duell hólmganga (Inselfahrt) genannt wurde. Das lag daran, daß Duelle oft auf winzigen Inseln ausgetragen wurden. Die Tatsache, daß Inseln von Wasser umgeben waren, hinderte Feiglinge daran, wegzulaufen und erschwerte eine Einmischung Dritter.

Der geschädigten Partei stand aber auch die Möglichkeit offen, direkt gewalttätige Rache zu nehmen. Das Gesetz erlaubte es einem Mann, dem ein schweres Unrecht zugefügt worden war, sich ohne Androhung von Strafe zu rächen, bis der Fall vor Gericht gebracht wurde. Rache war nicht nur ein akzeptiertes Mittel, um die Waagschale der Gerechtigkeit ins Lot zu bringen, sondern sie war in bestimmten Fällen sogar Pflicht. Während eine Entschädigung oft genügte, die Ehre wieder herzustellen, war das in besonders schwerwiegenden Fällen nicht möglich. Ehrenmänner weigerten sich in diesem Fall, die Särge ihrer entehrten toten Verwandten zu tragen.

Die Rache mußte sich nicht unbedingt gegen den Übeltäter selbst richten. Ebenso zulässig war es, sich an einem engen Verwandten mit demselben gesellschaftlichen Status zu rächen. In der Hrafnkels saga Freysgoða rächt sich Hrafnkell Jahre nachdem Sámr Bjarnason ihn gedemütigt hat, indem er Sámrs Bruder Eyvindr, der soeben von einer siebenjährigen Handelsreise zurückgekehrt ist und nicht an der Auseinandersetzung zwischen Sámr und Hrafnkell beteiligt war, tötet.

Ehre, Vergeltung und Gesetz – das sind die Bestandteile des komplexen sozialen Algorithmus der Fehde. Die überwältigende Mehrzahl der Sagas hat eine Fehde zum Inhalt, die die Handlung vorantreibt: Während die Einzelheiten der Geschichte oft von den Autoren erfunden werden, entsprechen die Fehden, die sie beschreiben, allen Fakten, die wir aus der Wikingerkultur kennen.

Ein klassisches Beispiel findet sich ebenfalls in der Hrafnkels saga, einer Erzählung aus dem 13. Jahrhundert, die als eine der bedeutendsten Kurzgeschichten aller Zeiten gilt. Hrafnkell Freysgoði ist ein mächtiger, herrischer goði aus dem Osten Islands. Der junge Einarr, der aus einer armen, einflußlosen Familie stammt, wird von Hrafnkell als Schafhirte in Dienst genommen, stirbt jedoch von Hrafnkells Hand, nachdem er ein verbotenes Pferd bestiegen hat: Hrafnkell hat die Hälfte des Pferdes seinem Lieblingsgott Frey geweiht und geschworen, jeden zu töten, der es wagen sollte, es zu reiten. Einarrs Vater Þorbjörn verlangt eine Entschädigung; Hrafnkell, dem sein Eid und die daraus folgende Tötung Einarrs leid tun, bietet eine großzügige Wiedergutmachung an, doch Þorbjörn besteht auf einem Schlichtungsverfahren. Hrafnkell lehnt das ab, denn eine Schlichtung gilt nur für gesellschaftlich Gleichgestellte als gangbares Verfahren. Þorbjörns Neffe Sámr stimmt zu, sich des Falles anzunehmen – eine für Þorbjörn wenig ermutigende Aussicht, ist es um Sámrs gesellschaftliche Stellung doch ebenso schlecht bestellt wie um die seines Onkels. Trotzdem gelingt es den beiden beim Alþing, das Interesse zweier goðar von den Westfjorden an dem Fall zu wecken. Hrafnkell wird verbannt, doch er mißachtet das Urteil und kehrt in dem Glauben, seine Gegner seien nicht in der Lage, es vollstrecken zu lassen, nach Hause zurück. Daraufhin suchen Sámr und die Männer aus dem Westen Hrafnkell in seinem Haus heim. Sámr nimmt Hrafnkells Besitz an sich und hängt ihn zum Zeichen seiner Entwürdigung in seinem eigenen Lagerhaus an den Beinen auf, erklärt sich aber letzten Endes bereit, ihn freizulassen. Hrafnkell und seine Familie verlassen ihr Haus und gründen in einem anderen Tal einen Hof. Hrafnkell ist erfolgreich – er wird reich und an seinem neuen Wohnort ein angesehener Mann. Er rächt die Schmach, die er sieben Jahre zuvor erlitten hat, indem er Sámrs Bruder Eyvindr tötet, und nimmt Sámr auf seinem Hof gefangen. Anstatt seinen Rivalen zu töten, bringt Hrafnkell seine Macht und seinen Besitz wieder an sich und degradiert Sámr auf seinen früheren gesellschaftlichen Rang.

In der isländischen Gesellschaft wurde die Gewalt durch Gesetze und Bräuche eingedämmt, doch diese Regelungen brauchten außerhalb der nordischen Länder nicht eingehalten zu werden. Wie in den Sagas berichtet wird, beteiligten sich Isländer oftmals an den Raubzügen der Wikinger, und die Erzählungen künden von den unvergänglichen Erinnerungen der Isländer an die Taten der Wikinger noch lange nach ihrer Zeit.

Raubzüge erschienen vielen jungen Isländern als erstrebenswertes Abenteuer, obwohl von reiferen Männern erwartet wurde, daß sie sich auf einem Hof niederließen und eine Familie gründeten. Ketill Ormsson gibt in der Vatusdæla saga eine typische Sichtweise wieder, wenn er seinen Sohn zurechtweist, der einen Wegelagerer, der Dutzende von Reisenden auf dem Gewissen hat, nicht den Garaus macht:

„Die jungen Leute sind heute anders als zu meiner Zeit. Damals war es einem Mann eine Ehre, etwas Bemerkenswertes zu vollbringen, indem er an einem Raubzug teilnahm, oder sich auf Entdeckungsreisen, die Mannhaftigkeit verlangten, Ruhm und Ehre erwarb. Aber die jungen Leute von heute ziehen es vor, zu Hause zu bleiben, vor dem Ofenfeuer in der Küche zu sitzen und sich die Mägen mit Met und Dünnbier zu füllen. … Du bist jetzt in einem Alter, in dem du dich auf die Probe stellen und in Erfahrung bringen solltest, was das Schicksal mit dir vorhat.“

Aus der Sicht eines Wikingers waren Raubzüge, wie sich spätere Generationen der Isländer erinnerten, keineswegs dasselbe wie Diebstahl. Diebstahl war etwas Verabscheuenswürdiges, während Raubzüge eine ehrenwerte Herausforderung zum Kampf bedeuteten, dessen Sieger die Kriegsbeute als Belohnung für seinen kriegerischen Wagemut zustand. Dieser Unterschied wird in Egils saga Skallagrímssonar klar herausgearbeitet. Als Egil und seine Männer einen Raubüberfall auf einen Hof an der Ostsee verüben, werden sie vom Besitzer des Hofs und seiner Familie gefangen genommen und in Fesseln gelegt. In der Nacht gelingt es Egill freizukommen. Mit seinen Männern bemächtigt er sich des Schatzes seiner Überwältiger, und sie machen sich auf den Weg zu ihrem Schiff. Auf diesem Weg wird Egill von Gewissensbissen geplagt: „Dieser Gang ist schrecklich und eines Kriegers kaum würdig. Wir haben heimlich das Geld des Hofbesitzers gestohlen. Diese Schmach hätten wir nie auf uns laden dürfen.“ So kehrt Egill zum Haus des Hofbesitzers zurück, setzt es in Flammen und tötet die Bewohner, als diese zu entfliehen versuchen. Nun kehrt er mit wieder hergestellter Selbstachtung zum Schiff zurück.

ERKUNDUNGSZÜGE UND BESIEDLUNG DES WESTENS

Karte des westlichen Wikingergebiets

Karte des westlichen Wikingergebiets

Für einige Wikinger war Island der Ort, an dem sie sich niederließen und wo sie für lange Zeit blieben. Für andere war die Insel der Ausgangspunkt für Erkundungszüge weiter in den Westen. Einige Wikinger segelten von Island aus nach Grönland und ließen sich dort nieder, während andere nach Vinland in Nordamerika vorstießen.

Grönland war ursprünglich im Zuge der isländischen Landnahme entdeckt worden, wird aber in den Darstellungen der Geschichte Islands nur am Rande erwähnt. Wie Island wurde auch Grönland dadurch entdeckt, daß ein Seefahrer von seiner Route abkam. Gunnbjörn Úlfsson kráku aus der Sippe der frühen Siedler driftete über Island hinaus nach Westen ab und stieß schließlich auf Schären, die er Gunnbjarnarsker nannte und von denen aus er neues Land sehen konnte.

Die Erforschung und Besiedlung Grönlands wird Eiríkr rauði („dem Roten“) zugeschrieben. Er entdeckte die Insel angeblich auf den Reisen, die er in den Jahren nach 980 unternahm. Eiríkrs Lebensgeschichte verlief turbulent. Sein Vater und er wurden gezwungen, Norwegen zu verlassen, nachdem sie in Zusammenhang mit einigen Morden gebracht worden waren. Eiríkr zog nach Haukadalur im isländischen Bezirk Dalir, wo er einen Nachbarn und Verwandten tötete, was zur Folge hatte, daß er des Bezirks verwiesen wurde. Er zog auf eine Insel im Breiðafjörður, aber auch dort tötete er in einem Streit einige Männer. Daraufhin wurden Eiríkr und seine Gefolgsleute verbannt. Nun waren Eiríkrs Möglichkeiten beschränkt. Er konnte nicht wie andere Verbannte nach Norwegen zurückkehren, zumal er von dort ja bereits verbannt worden war. In Island konnte er auch nicht bleiben, denn dort wurde nach ihm gesucht. Eine Erkundungsfahrt Richtung Westen über den Ozean war eine der wenigen Chancen, die sich ihm boten. In seinem Versteck rüstete Eiríkr ein Schiff aus. Er segelte nach Westen, angeblich um das Land zu suchen, das Gunnbjörn gesichtet hatte, und es ihm zurückzugeben, nachdem er es gefunden hatte. Eiríkr und seine Mannschaft gelangten nach Grönland, wo sie drei Jahre lang blieben. Sie erkundeten die Küste, benannten herausragende geologische Merkmale und suchten nach geeigneten Orten, um sich niederzulassen. Eiríkr baute ein Haus an einem der Fjorde. Er und seine Männer stießen auf Zeichen menschlicher Besiedlung wie Fellboote und Steinwerkzeug. Ari Þorgillson, der Autor des Buchs der Isländer (Íslendingabók), war der Meinung, daß diese Funde von denselben Menschen stammten, die später in Vinland auftauchen sollten.

Die Isländer nannten diese Ureinwohner skrælingar, ein Begriff, dessen etymologische Herkunft unklar ist. Es handelte sich möglicherweise um ein verächtliches Wort, das etwa „Wilder“ oder auch „Barbar“ bedeutete. Daß Eiríkr und seine Gefolgsleute diese Menschen tatsächlich antrafen, ist kaum anzunehmen. Zum Zeitpunkt der Besiedlung Grönlands lebten die eingeborenen Inuit viel weiter nördlich. Persönliche Begegnungen mit den skrælingar sollten erst viel später stattfinden, als die Reisen weiter in den Westen führten.

Eiríkr kehrte nach Island zurück, um sich darauf vorzubereiten, das neue Land im folgenden Jahr zu kolonisieren. Er nannte es Grönland, „weil er der Meinung war, daß sich die Menschen eher in einem Land niederlassen würden, das einen ansprechenden Namen trug“.

Um 985 brachen 25 Schiffe von Island aus nach Grönland auf, von denen nur 14 ihr Ziel erreichten. Die neuen Siedler ließen sich in zwei Kolonien nieder, die sie Ostsiedlung und Westsiedlung (Eystri-byggð und Vestri-byggð) nannten, obwohl beide an der südwestlichen Küste Grönlands lagen. Schriftlichen Quellen zufolge gab es auf Grönland in der Wikingerzeit 190 Bauernhöfe, doch insgesamt wurden die archäologischen Reste von über 450 Höfen entdeckt. Gleich wie viele es genau waren – es mögen um die 4000 gewesen sein -, die Bevölkerung der grönländischen Kolonie war nie besonders zahlreich. Die Grönländer orientierten sich in ihrer Gesetzgebung am isländischen Vorbild und hielten ihre jährliche þing-Versammlung in Garðar ab. Die Landwirtschaft gab in Grönland noch weniger her als in Island. Tierhaltung, Fischerei und Jagd waren die wichtigsten Betätigungsgebiete der Bewohner. Die Tatsache, daß es in Grönland kaum Holz und Eisen gab, erschwerte den Menschen das Leben dort zusätzlich. Die wichtigsten Handelspartner waren Norwegen und Island. Exportiert wurden Tierfelle und Häute, auch Seile, die aus Walroßhäuten gefertigt wurden und sehr kostbar waren.

Die Westsiedlung blieb mindestens bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts bestehen, während sich die Ostsiedlung sogar bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts hielt. Zu dieser Zeit setzte eine Klimaverschlechterung ein die wir als „kleine Eiszeit“ kennen. Die archäologischen Funde lassen darauf schließen, daß die Grönländer auch an der nordischen Lebensweise festhielten, als diese angesichts der Klimaverschlechterung nicht länger praktikabel war. Für die Inuit begann eine Blütezeit, während die nordischen Siedlungen ausstarben.

Die Geschichte der Erkundung Vinlands ist eine Fortsetzung der Geschichte Grönlands und wird in der Eiríks saga rauða und in der Grænlendinga saga erzählt.

Der Isländer Bjarni Herjólfsson war ein Händler, der abwechselnd einige Jahre in Norwegen verbrachte, von wo er Handelsreisen durchführte, und einige Jahre in Island bei seinem Vater. Als er in einem Sommer nach Island zurückkehrte, mußte er zu seiner Bestürzung feststellen, daß sein Vater seinen Landbesitz verkauft hatte und gemeinsam mit Eiríkr rauði nach Grönland ausgewandert war; das war um 985. Bjarni entschloß sich, wie gewohnt seinem Vater nachzureisen, und setzte mit seiner Mannschaft Segel in Richtung Westen. Selbst Bjarni war bewußt, daß dieses Vorhaben tollkühn war. Er und seine Mannschaft wurden vom Kurs abgetrieben und erreichten die Küste eines neuen Landes. Dreimal kam er der Küste so nahe, daß er sie deutlich begutachten konnte, aber entschied sich jedes Mal dagegen, an Land zu gehen. Er erkannte, daß es sich nicht um Grönland handelte, und war daher nicht interessiert. Nach dem dritten Mal kehrte das Schiff um und segelte vier Tage lang weiter. Schließlich legte es genau an dem Ort an, an dem Bjarnis Vater seinen Hof gegründet hatte. Bjarni berichtete sowohl in Grönland als später auch in Norwegen von dem Land, das er gesichtet hatte. Die daheim Gebliebenen beanstandeten seine mangelnde Neugier und zeigten beträchtliches Interesse, das neue Land zu erkunden, das er entdeckt hatte.

Leif Eriksson Vinlandfahrt

Leif Erikssons Vinlandfahrt

Leifr Eiríksson, der Sohn des Eiríkr rauði, entschloß sich im Jahr 995, eine Expedition auszurüsten und zu diesem neuen Lad aufzubrechen. Er kaufte Bjarni sein Schiff ab und rekrutierte in Grönland eine 35köpfige Mannschaft. Der erste Ort, an dem sie an Land gingen, war felsig und verlassen, und Leifr nannte ihn Helluland („Flachsteinland“). Der zweite Landeplatz war bewaldet und wurde daher Markland („Waldland“) genannt. An der dritten Landestelle überwinterten die Seefahrer. Sie errichteten an einem Ort, den spätere Besucher Leifsbúðir („Leifs Hütten“) nannten, einfache Hütten, später dann Häuser. Da sie bei ihren Erkundungszügen durch das neue Land auf Trauben und Weinreben gestoßen waren, nannte Leifr es Vinland („Weinland“). Im Frühling kehrte er mit einer Schiffsladung voller Trauben und Holz nach Grönland zurück.

Leifsbúðir

Leifsbúðir

Leifrs Erfolge in Vinland ermutigten andere, es ihm nachzutun. Þorvaldr Eiríksson, Leifrs Bruder, unternahm die Reise und legte in Leifsbúðir, wo er und seine Mannschaft den Winter verbrachten, Rast ein. Im zweiten Sommer stießen sie auf drei fellbedeckte Boote, unter denen sich Männer verbargen. Sie nahmen sie gefangen und töteten alle bis auf einen, dem es gelang zu fliehen. Der Vorfall sorgte dafür, daß ihre Beziehung zu den Einheimischen von Anfang an unter keinem besonders guten Stern stand. Später kehrten die Eingeborenen in großer Zahl zurück, und die Grönländer verteidigten sich von ihrem Schiff aus. Þorvaldr wurde von einem Bogen getroffen und getötet. Er wurde an dem Ort in Vinland begraben, an dem er sich ursprünglich niederlassen wollte. Seine Mannschaft kehrte nach Grönland zurück.

Die ambitionierteste Expedition nach Vinland stand unter der Leitung von Þorfinnr karlsefni Þórðarson. Sie bestand aus mindestens drei Schiffen, über 100 Seemännern und einigen Frauen. Þorfinnr hatte auch verschiedene Nutztiere und Werkzeuge an Bord genommen, da er vorhatte, sich nach Möglichkeit in Vinland niederzulassen. In Vinland angekommen, gebar Þorfinnrs Ehefrau Guðriðr Þorbjarnardóttir einen Sohn, den sie Snorri nannten – das erste europäische Kind in der Neuen Welt. Sie segelten an Furðustrandir („Wunderstrand“) vorüber und überwinterten an der Straumsfjörðr („Stromförde“), wo sie ihre Fracht und die Tiere entluden und sich niederließen. Im darauf folgenden Jahr segelten sie weiter in den Süden nach Hóp.

Doch die Expeditionen stießen auf zunehmenden Widerstand der Einheimischen. Zunächst erwiesen sie sich als bereitwillige Handelspartner, die ihre Pelze und Felle gegen Milchprodukte und roten Stoff tauschten. Eisenwerkzeug und Waffen hatten sie noch nie zu Gesicht bekommen. Ihr Wert muß ihnen bald bewußt geworden sein, weigerten sich die nordischen Seefahrer doch, ihre Eisenwaffen gegen die Waren der Einheimischen zu tauschen. Diese griffen die Siedler immer öfter an, und bald wurde diesen klar, daß die Attacken wohl nie enden würden. So entschloß sich Þorfinnr, nach Hause zurückzukehren. Trotz all der Reichtümer, die das Land den Siedlern zu bieten hatte, standen die Chancen, daß sie sich dort auf Dauer erfolgreich niederlassen könnten, angesichts der Anzahl und Schwere der Angriffe schlecht. Die kleinen Siedlungen in Grönland konnten eine Kolonie in Vinland, die mehrere Wochen Schiffsreise entfernt war, nicht auf Dauer halten.

So kehrten Þorfinnr und seine Mannschaft nach Grönland zurück. Im folgenden Jahr segelte er mit seiner Frau und seinem Sohn nach Island, wo sie sich in Glaumbær in Skagafjörður im Norden der Insel niederließen. Þorfinnrs Expedition war der letzte Versuch gewesen, eine nordische Siedlung in Vinland zu errichten. Trotzdem scheinen Grönländer und Isländer von Zeit zu Zeit Reisen nach Nordamerika unternommen zu haben, um sich mit Rohstoffen wie Holz einzudecken, die in ihren Heimatländern Mangelware waren. Diese Seefahrer fuhren wohl nur so weit wie unbedingt notwendig, also wahrscheinlich nicht weiter als bis Markland.

In den isländischen Aufzeichnungen (Konungsannáll) steht geschrieben, daß der grönländische Bischof Eiríkr upsi Gnúpsson im Jahr 1121 nach Vinland segelte. Aus den Annalen geht jedoch nicht hervor, ob er je an seinem Bestimmungsort ankam oder von dort zurückkehrte. Die letzte Reise, von der in einem historischen isländischen Dokument (Skálholtsannáll) berichtet wird, fand 1347 statt, als ein aus Markland nach Grönland zurückkehrendes Schiff mit 17 Mann an Bord vom Kurs abgetrieben wurde und in Island landete.

Die archäologischen Funde lassen ebenfalls auf laufende Fahrten nach Vinland schließen. An verschiedenen Wohnorten der Dorset-Indianer in Nordamerika wurden nordische Artefakte entdeckt. Eine Münze, die in einem Wohnort der Dorset in Maine gefunden wurde, war in der Zeit der Regentschaft König Ólafr Haraldssons zwischen 1065 und 1080 in Norwegen geprägt worden. Vielleicht ging sie auf einer der späteren Reisen nach Vinland verloren oder wurde zu Handelszwecken verwendet.

Es ist nicht auszuschließen, daß andere Länder des mittelalterlichen Europa von den Reisen der Norweger und Isländer nach Vinland wußten. Einige europäische Geschichtsschreiber – wie Adam von Bremen im 11. Jahrhundert – erwähnen Vinland. Manche Gelehrte vertraten die Ansicht, daß die Existenz Vinlands in den europäischen Seehäfen im 15. Jahrhunderts durchaus bekannt war. Christoph Kolumbus berichtet in einem Brief, Island besucht zu haben, wo er möglicherweise in Erzählungen von Vinland hörte:

„Im Februar des Jahres 1477 segelte ich bis Island [Thule], hundert Seemeilen weit; und zu dieser Insel, die so groß ist wie England, segeln die Engländer, besonders jene aus Bristol, mit ihrer Ware.“

Keine dieser Quellen gilt als sonderlich verläßlich, und so bleibt es ungewiß, wieviel Wissen um Vinland im Mittelalter über die Grenzen der nordischen Länder hinausgelangte.

Heute wird oft darüber spekuliert, wo Vinland wohl gelegen haben mag. Nach einer systematischen Suche stieß Helge Ingstad 1960 auf einen viel versprechenden Ort in L’Anse aux Meadows im kanadischen Neufundland. Im Zuge intensiver Forschungen an dortigen Fundstätten im Lauf der nächsten zwei Jahrzehnte stellte er fest, daß es sich tatsächlich um die Reste einer altnordischen Siedlung handelte, die um ca. 1000 dort existiert hatte.

Die Funde von L’Anse aux Meadows lassen darauf schließen, daß die Expeditionen, die die Seefahrer dorthin geführt hatten, minutiös geplante Unterfangen gewesen waren. Man fand die Überreste dreier Langhäuser, das längste von ihnen ca. 20 Meter lang, sowie mehrerer Werkstätten, die wahrscheinlich der Holzbearbeitung dienten. Weiters wurden eine Schmiede, eine Eisenhütte und ein Meiler gefunden. Zu den Funden zählten ferner mehrere neue Eisennieten und schmiedeeiserne Teile, wie sie zur damaligen Zeit für die Reparatur von Wikingerschiffen verwendet wurden. Zudem wurden ein Spinnwirtel, der zum Spinnen von Fäden verwendet wurde, entdeckt, sowie eine Knochennadel, was darauf schließen läßt, daß dieser Ort auch von Frauen bewohnt wurde.

Rekonstruktion der Langhäuser von L’Anse aux Meadows

Rekonstruktion der Langhäuser von L’Anse aux Meadows

Ebenso vielsagend sind einige der Dinge, die man nicht fand. Es gab keine Anzeichen für Müllgruben. Man entdeckte nur einige Anhäufungen von Abfall wie verbrannte Tierknochen – ein Hinweis darauf, daß die Siedlung nicht länger als einige Jahre lang benutzt wurde. Die Gebäudeüberreste weisen keinerlei Spuren von Steinfundamenten auf, was den Schluß nahelegt, daß die Gebäude nicht auf Dauer errichtet wurden. Man fand auch keine Grabstätten, ein Hinweis darauf, daß in der Zeit, in der die Siedlung bewohnt war, niemand starb. Die Tatsache, daß jegliche Zeichen von Viehhaltung oder landwirtschaftlichen Aktivitäten fehlen, bedeutet wohl, daß die Bewohner alle Lebensmittel mitbrachten oder sich durch Jägerei und Sammeln versorgten. Alles in allem hat es den Anschein, als wäre die Siedlung nicht dauerhaft bewohnt gewesen und als wäre sie, obwohl Männer und Frauen dort lebten, nicht für ein normales Familienleben gedacht gewesen.

Obwohl es sich eindeutig um eine altnordische Siedlung handelt, lassen die Funde darauf schließen, daß es sich bei L’Anse aux Meadows nicht um Vinland handelt. Selbst wenn man die dazwischen liegenden Klimaänderungen berücksichtigt, liegt der Ort zu weit im Norden, als daß dort eine Vegetation, wie sie in den Sagas beschrieben wird, zu finden gewesen sein könnte. Tatsächlich fand man vor Ort Butternüsse (Juglans cinerea), die auf Bäumen wachsen, die nur viel weiter südlich gedeihen. Butternußbäume und wilde Trauben wachsen in denselben Regionen und reifen um dieselbe Zeit. Die Forscher, die in Vinland Butternüsse ernteten und mit ihnen nach L’Anse aux Meadows zurückkehrten, könnten sehr gut auch Trauben gepflückt haben.

L’Anse aux Meadows diente höchstwahrscheinlich als Schiffswerft, als eine Art Basislager für Erkundungszüge und als Ausgangspunkt für Reisen nach Vinland. Möglicherweise handelt es sich um die Überreste von Leifsbúðir, wo Leifr Eiríksson den Sagas zufolge sein Winterlager hatte. Von den Langhäusern aus hat man die ganze Breite der Strait of Belle Isle im Blick, die in den St.-Lorenz-Golf übergeht. Dank dieser Lage konnte derjenige, der L’Anse aux Meadows kontrollierte, auch die Wege nach Vinland und den Zugang zu seinen reichen Naturschätzen kontrollieren.

Wenn L’Anse aux Meadows nicht Vinland war, wo war Vinland dann? Darüber kann man heute eigentlich nur Vermutungen anstellen. Sowohl die literarischen als auch die archäologischen Quellen weisen darauf hin, daß altnordische Besucher weiter nach Süden in wärmere Klimazonen vordrangen. Wissenschaftler haben Orte am St.-Lorenz-Golf vorgeschlagen, bei denen es sich um Leifrs Vinland oder um Þorfinnrs Hóp handeln könnte. Außerdem kommen Orte am St.-Lorenz-Strom weit im Landesinneren von Quebec und entlang der Ostküste Kanadas und der USA bis hinunter nach New York in Frage. Doch bis stichhaltige Beweise gefunden sind, wird Vinland wohl weiterhin ein Mysterium bleiben.

DIE CHRISTIANISIERUNG

2f Iceland Church

Während einige Isländer damit beschäftigt waren, die Grenzen der altnordischen Welt weiter nach Westen auszudehnen, wurden die zu Hause Gebliebenen mit der ersten landesweiten Krise konfrontiert. Im letzten Jahrhundert der Wikingerzeit bekamen die Skandinavier den Einfluß der Völker, die sie mit Raubzügen in Atem zu halten pflegten, immer stärker zu spüren. Immer mehr Menschen wurden zum Christentum bekehrt, womit eine neue Konfliktquelle in die nordischen Länder getragen wurde.

Die Christianisierung Islands zeigt anschaulich, wie das isländische Recht funktionierte. Anderswo galt das Christentum als Glaubenssache oder wurde mit Zwang durchgesetzt, sei es von oben oder von außen. In Island hingegen wurde die Annahme der neuen Religion gesetzlich vorgeschrieben. Es handelte sich um einen sorgfältig ausgefeilten Kompromiß, der typisch war für das Island der Wikingerzeit.

Vor der isländischen Landnahme waren die Bewohner der nordischen Länder großteils Heiden gewesen. Manche traten infolge der Kontakte, die sie zu Händlern aus anderen Ländern geknüpft hatten, zum christlichen Glauben über. Einige Wikingerhändler ließen sich taufen und traten damit voll zum neuen Glauben über, während andere zunächst die prima signatio, den ersten Initiierungsritus, empfingen. Beides genügte christlichen Händlern, um Geschäfte mit nordischen Händlern zu machen. Manche traten zum neuen Glauben über, weil sie sich in Ländern wie Großbritannien niedergelassen hatten, die bereits christianisiert waren. Andere wurden möglicherweise von christlichen Missionaren bekehrt, die ihre Aktivitäten Anfang des 9. Jahrhunderts nach Skandinavien auszudehnen begannen.

Der Übertritt zum christlichen Glauben war für Skandinavier nicht unbedingt schwierig. Viele akzeptierten Christus einfach als einen weiteren Gott, den sie gemeinsam mit anderen Göttern ihres Pantheons verehrten. Das Landnámabók erzählt von Helgi enn magri (der Dünne), einem der frühen Landnehmer in Island. Er trat zum Christentum über, als er als junger Mann auf den Hebriden lebte. Wenn er sich an Land befand (und damit relativ sicher war), betete er zu Christus, doch wenn er auf See (und damit in einer gefährlicheren Lage) war, rief er in seinen Gebeten Þórr (Thor) an. Bei seiner Ankunft in Island bat er Þórr, er möge ihm einen günstigen Ort für die Niederlassung in dem neuen Land weisen, doch sein neues Heim nannte er Kristnes (Vorgebirge Christi).

Die Geschichte der Christianisierung Islands wird in der Kristni saga, im Íslendingabók und in einigen der isländischen Sagas, insbesondere der Njáls saga, erzählt. Die Geschichte nimmt ihren Anfang in Norwegen. Der norwegische König Hákon goði Haraldsson wurde in England als Christ erzogen. Als er Mitte des 10. Jahrhunderts den norwegischen Thron bestieg, versuchte er das Christentum in Norwegen einzuführen. Kirchen wurden errichtet, und Missionare aus England wurden herbeigebracht, doch die neue Religion wollte nicht so richtig Fuß fassen.

Der neue Glaube begann sich erst durchzusetzen, als Ólafr Tryggvason am Ende des 10. Jahrhunderts den norwegischen Thron eroberte. Ólafr hatte einige Jahre in England verbracht, wo er an Raubzügen der Wikinger teilnahm. In dieser Zeit nahm er den neuen Glauben an und ließ sich taufen. Seine Versuche, das Christentum in Norwegen einzuführen, waren viel energischer als die König Hákons. Wer sich dem Glauben des Königs widersetzte, wurde hart bestraft: Tod, Verstümmelung oder Enteignung waren die Sanktionen, mit denen Widerstand bestraft wurde. König Ólafr richtete seinen Blick auch auf andere von Norwegern bewohnte Länder, wie zum Beispiel auf Island. Er setzte die goðar unter Druck, das Christentum einzuführen, und entsendete Missionare. Unter diesen ist in erster Linie der Priester Þangbrandr hervorzuheben, der das Christentum predigte und diejenigen taufte, die sich zu dem neuen Glauben bekennen wollten. Einige wichtige goðar wurden getauft, doch die meisten leisteten Widerstand und lehnten die Taufe ab. Viele machten sich über Þangbrandr lustig, und er tötete einige Männer, die Spottverse über ihn verfaßt hatten. Er kehrte aus Island zurück und teilte dem König mit, es bestünde keine Hoffnung, daß die Isländer das Christentum annehmen würden. Der König war über diese Nachricht so erzürnt, daß er erklärte, er würde als Vergeltung alle Isländer, die sich in Norwegen aufhielten, töten oder verstümmeln lassen.

Bei der Alþing-Versammlung im Jahr 999 verspottete Hjalti Skeggjason, ein Christ, die heidnischen Götter in einem Gedicht, das er vom Gesetzesberg aus rezitierte. Für diese Blasphemie wurde er geächtet. Daraufhin brach er gemeinsam mit seinem Schwiegervater Gizurr enn hvíti (der Weiße), einem wichtigen goði, der ebenfalls zum Christentum übergetreten war, nach Norwegen auf. Die beiden traten vor König Ólafr und versprachen ihm, als Gegenleistung für die Freilassung isländischer Geiseln nach Island zurückzukehren und sich dort für den neuen Glauben stark zu machen.

Der König ließ die meisten Geiseln frei, hielt jedoch die Söhne wichtiger heidnischer Familien aus Island weiterhin gefangen. Gizurr und Hjalti kehrten im Sommer des folgenden Jahres 1000 nach Island zurück. Sie machten sich auf den Weg zum Alþing und scharten dabei christliche Gefolgsleute um sich. Bald wurde deutlich, daß sich Christen und Heiden für eine Schlacht beim Alþing rüsteten.

Im Verlauf des Alþing kamen die Christen ihrem Ziel, die Einführung eines eigenen Rechtssystems durchzusetzen, näher. Sie forderten Siðu-Hallr auf, ihr Gesetz zu proklamieren und damit praktisch ihr Gesetzessprecher zu werden. In der Folge bildeten sich zwei isländische Staaten, ein christlicher und ein heidnischer.

Prominente Männer erkannten, daß das kein gangbarer Weg war. Siðu-Hallr traf eine Vereinbarung mit dem heidnischen Gesetzessprecher Þorgeirr Ljósvetningagoði, der zufolge Þorgeirr das Gesetz verkünden sollte. Þorgeirr zog sich in seine Hütte zurück, wo er über einer Vereinbarung grübelte, die sowohl für Heiden als auch für Christen annehmbar sein könnte: „Þorgeirr legte sich hin und breitete seinen Mantel über sich, und er dachte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang nach, ohne ein Wort zu sprechen. Und am folgenden Morgen erhob er sich und ließ mitteilen, daß sich alle beim Gesetzesberg einfinden sollten.“ Þorgeirr gab seinen Plan bekannt. Ab sofort müßten alle Isländer getauft werden und damit zum christlichen Glauben übertreten. Heidnische Opfer und Götterverehrungen dürften weiterhin im Geheimen stattfinden, würden aber bestraft, sobald sich Zeugen für solche Praktiken zu Wort meldeten. Einige heidnische Praktiken könnten auch öffentlich weitergeführt werden.

Das war ein kluger Kompromiß. Er bedeutete, daß nach außen hin zwar alle Christen sein mußten, daß die Leute aber im Privaten tun und lassen konnten, was sie wollten. Wahrscheinlich war mit diesem Kompromiß niemand besonders zufrieden, doch beide Seiten stimmten zu.

Es war eine außergewöhnliche und einzigartige Konvertierung. In den meisten Ländern, auch in den skandinavischen, war die Durchsetzung des Christentums ein langsamer, schmerzhafte Prozeß. In Island vollzog er sich praktisch über Nacht, ohne daß Opfer zu beklagen gewesen wären. Der Wunsch, das Gesetz einzuhalten, überwog andere Überlegungen.

In der Realität waren kaum unmittelbare Veränderungen festzustellen. Die goðar behielten ihre Macht. Anstatt Mittelsmänner der alten heidnischen Religion zu sein, fungierten sie als Mittelsmänner der neuen Kirche. Goðar und andere angesehene Bauern begannen auf ihrem Land Kirchen zu errichten und wurden damit zu Förderern der neuen Religion. Einige rissen sogar ihre Tempel nieder und verwendeten das Holz für die Errichtung der Kirchen.

Zu dieser Zeit gab es in Island keine Geistlichen, doch schließlich begannen Priester aus England und Deutschland ins Land zu sickern. Sie lasen zwar Messen und führten Kirchenrituale ein, aber da sie der isländischen Sprache nicht mächtig waren, gelang es ihnen nicht, das Volk in religiöser Hinsicht anzuleiten.

Als Ólafr Haraldsson im Jahr 1015 den norwegischen Thron bestieg, machte er es sich zum Ziel, den christlichen Glauben in Island zu verbreiten. Er bewog die Isländer, ihren heidnischen Bräuchen im öffentlichen wie im privaten Leben zu entsagen, und entsandte Priester und einen Bischof. Um die Mitte des Jahrhunderts gab es in Island eine kirchliche Hierarchie, an deren Spitze ein isländischer Bischof stand.

LITERATUR

Ironischerweise haben wir es in erster Linie der Christianisierung der Isländer zu verdanken, daß Aufzeichnungen über die heidnische Kultur der Skandinavier erhalten geblieben sind. Die meisten schriftlichen Dokumente über die Welt der Wikinger wurden im 12. bis 14. Jahrhundert in Island verfaßt. Ohne die mittelalterliche isländische Literatur wäre nur sehr wenig über die Geschichte, die Gesellschaft oder die Mythologie der Wikingerzeit bekannt. Diese mittelalterliche Literatur lebt heute nicht nur als wichtiger Bestandteil der isländischen Kultur weiter, sondern hat auch ihre Spuren in der Kultur der westlichen Länder außerhalb Skandinaviens hinterlassen: Ohne die Isländer wären weder Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ noch J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ möglich gewesen.

Bevor sich das Christentum durchsetzte, beruhte die skandinavische Kultur fast zur Gänze auf mündlicher Überlieferung. Das Runenalphabet war zwar weithin bekannt, doch die Wikinger waren es nicht gewöhnt, lange Texte niederzuschreiben. Wichtige Gedanken wurden vielmehr in Gedichten formuliert, die mündlich weitergegeben wurden.

Dichter genossen hohes Ansehen, nicht nur weil sie aus dem Stegreif Reime zu schmieden vermochten, sondern auch, weil sie die Speicher des gemeinsamen kulturellen Erbes waren – das Gefäß, über das die nordische Kultur von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ein Gedanke, einmal in Gedichtform festgehalten, würde solange weiterleben, als es Menschen gab, die sich seiner erinnerten.

Bereits zu Zeiten der Wikinger standen die Isländer in dem Ruf, hervorragende Dichter zu sein – zumindest waren die Isländer um 1200 davon überzeugt. Der Umstand, daß Sagas eine Vielzahl isländischer Gedichte enthalten, läßt darauf schließen, daß die Isländer der Wikingerzeit ihre Gedanken tatsächlich oft in Gedichte gossen.

Eine Seite der Lieder-Edda aus dem Codex Regius, geschrieben in Island im späten 13. Jahrhundert. Abgebildet sind Verse aus dem Hávamál, „Des Hohen Lied“.

Eine Seite der Lieder-Edda aus dem Codex Regius, geschrieben in Island im späten 13. Jahrhundert. Abgebildet sind Verse aus dem Hávamál, „Des Hohen Lied“.

Die mittelalterliche isländische Dichtkunst zerfällt in zwei breite Kategorien: die eddische und die skaldische Dichtung. Eddische Gedichte, die von anonymen Dichtern verfaßt wurden, erzählten in einfachen Versformen Geschichten von Helden und Göttern oder gaben Ratschläge für richtiges Verhalten. Hier sind in erster Linie die Gedichte der poetischen Edda zu nennen, einer Sammlung, die in der Handschrift Codex Regius erhalten geblieben ist. Diese Handschrift wurde um 1270 in Island verfaßt, geht aber eindeutig auf viel ältere Grundlagen zurück. Die aus vielfältigen Quellen stammenden Gedichte, die in verschiedenen Versmaßen verfaßt sind und sich an unterschiedliche Zielgruppen richten, decken eine breite Palette von Themen ab, scheinen jedoch auf authentischem Material der mündlichen Traditionen der frühen Wikinger und Germanen zu beruhen. In der folgenden typischen Strophe aus Fáfnismál (Das Lied von Fáfnir) wurde dem Drachen Fáfnir von Sigurðr der tödliche Stoß versetzt, und Fáfnir warnt den Helden vor seinem Verderben:

Ræð ec þér nú, Sigurðr, enn þú ráð nemir,                 

oc rið heim heðan!            

It gialla gull, oc it glóðrauda fé,                 

þér verða þeir baugar at bana.

 

Ich rate dir nun, Sigurðr, und nimm du den Rat,                 

und reit heim von hier!            

Das glänzende Gold, der rotglühende Schatz,                

dir werden die Ringe zu Tod.

Die skaldische oder höfische Dichtkunst erzählt von Menschen und Ereignissen der damaligen Zeit: Einige Verse wurden von Wikingern über Wikinger verfaßt. Die Gedichte erinnern an wichtige Ereignisse, beschreiben Gefühle oder lobpreisen Könige und andere hochstehende Personen, von denen sich der Dichter eine Belohnung erwarten durfte. Snorri Sturluson, der berühmte isländische Dichter, Historiker, Gelehrte und politische Führer des 13. Jahrhunderts, betrachtete die skaldische Dichtkunst als verläßliche historische Quelle. Im Vorwort zu Heímskringla (Weltkreis), seiner Geschichte der norwegischen Könige, schreibt Snorri, er habe die meisten historischen Informationen für sein Buch skaldischen Versen entnommen: „König Harald war von Dichtern umgeben, deren Verse und Gedichte über die norwegischen Könige die Menschen heute noch kennen. Wir messen dem Inhalt dieser Gedichte, die vor den Königen selbst und ihren Söhnen rezitiert wurden, großen Wert bei, denn wir betrachten alles, was in diesen Gedichten über ihre Erkundungszüge und Kämpfe gesagt wird, als wahr.“

Die skaldische Dichtkunst wird meist namhaften Dichtern (skáld) zugeschrieben. Heute sind ca. 5000 dieser Verse, die oft in anderen Werken wie den Sagas, der Snorra Edda und in Snorri Sturlusons Abhandlung über nordische Dichtkunst und Mythologie zitiert werden, erhalten; mehrere hundert Dichter sind als Autoren überliefert. Die meisten von ihnen sind Isländer.

Die skaldische Dichtkunst galt als die höchste Kunstform, ein Geschenk Óðinns, des Höchsten der Götter. Die Gedichte beeindrucken durch extrem schwierige Versmaße und die komplexe, verzierungsreiche Ausdrucksweise. Die Wortreihenfolge ist hier, was bei einer stark flektierten Sprache wie dem Isländischen möglich ist, signifikant verändert, sodaß sich manchmal zwei oder drei Satzteile gleichzeitig ausdrücken lassen. Das Aufbrechen der Syntax dient dazu, die komplexen metrischen Anforderungen des Verses zu erfüllen, außerdem erhöht es den kunstreichen Aspekt der Dichtung.

Skaldische Gedichte unterscheiden sich durch die umfassende Verwendung von kenningen, poetischen Umschreibungen, wie „Wellenross“ für „Schiff“. Da viele dieser Kenninge ihre Wurzeln in der Mythologie und der heroischen Dichtkunst haben, mußten die Verfasser skaldischer Gedichte ebenso wie ihr Publikum gut mit der nordischen Mythologie vertraut sein. So stand zum Beispiel „Flamme des Rheins“ für „Gold“. Dies machte jedoch für einen Zuhörer, der die Geschichte, wie das Gold der Völsungar in den Fluten des Rheins versank, nicht kannte, keinen Sinn.

Kenninge konnten mehrere Schichten tief sein, wobei mehrere Wörter einer Kenning durch eine weitere Kenning ersetzt werden konnten. So bedeutete zum Beispiel in „Flamme des Pfades des Seerosses“ „Seeross“ „Schiff“, „Pfad des Schiffs“ bedeutete „Wasser“, und „Flamme des Wassers“ bedeutete „Gold“.

Alle diese Merkmale sind in den Versen Egill Skallagrímssons, eines bekannten isländischen Wikingers, goði, Kriegers, Händelsuchers und Dichters zu finden, dessen Geschichte in der Egils saga erzählt wird. Im Dienste des englischen Königs Athelstan kämpften Egill und sein Bruder Þórólfr in der Schlacht von Vínheiðr. Þórólfr starb in dieser Schlacht einen sinnlosen Tod, teils wohl auch wegen eines gravierenden militärischen Fehlers Athelstans. Egill überlebte und konnte dem König den Sieg sichern. Nach der Schlacht bei der Siegesfeier in der Festhalle des Königs sitzen Egill und Athelstan einander am Feuer gegenüber. Egill, voller Trauer und Zorn, immer noch von Kopf bis Fuß bewaffnet, starrt den König schweigend an. Immer wieder zieht er sein Schwert aus der Scheide, nur um es wieder hineinzurammen. Um die Situation zu entspannen, nimmt der König einen goldenen Armreif von seinem Handgelenk, steckt ihn auf die Spitze des Schwertes und reicht ihn Egill über das Feuer hinweg. Egill nimmt den Reifen von der Spitze seines Schwertes und streift ihn über seinen Arm. Besänftigt durch das Geschenk des Königs und den Respekt, den es verkörpert, stimmt Egill in die allgemeine Feier ein, indem er das Trinkhorn hebt und folgenden Vers spricht:

Hrammtangar lætr hanga            

hrynvirgil mér brynju            

Höðr á hauki troðnum            

heiðis vingameiði;            

rítmoeðis knák reiða            

ræðr gunnvala bræðir            

gelgju seil á galga            

geirveiðrs, lofi at meira.

Die Handzange läßt hangen            

den schallenden Strick mir            

Höðr des Kettenhemds auf dem Habichtgetretenen            

Falkensgalgen;            

Den des Schildermüdenden kann ich heben            

Es bereitet dem Schlachtverbreiter            

Galgen Strick auf dem Galgen            

des Speersturms größeres Lob.

Die Versform ist das typische dróttkvætt (heroisches Versmaß), das in der skaldischen Dichtkunst weithin verwendet wird. Jede Strophe besteht aus acht Zeilen, und jede Zeile aus sechs Silben, drei von ihnen betont. Die Zeilen sind durch Stabreimpaare verbunden: Zwei Wörter in den geraden Zeilen bilden Stabreime mit einem Wort in der ungeraden. Alle Zeilen weisen einen inneren Rhythmus oder eine Konsonanz auf. In den beiden ersten Zeilen bilden die Silben hramm, hang und hryn Stabreime und reimen sich auf die Silben tang und hang, hryn und bryn.

Der erste Schritt der Interpretation besteht darin, die Satzordnung zu entwirren. Die Strophe kann folgendermaßen geordnet werden:

Höðr brynju lætr hanga hrynvirgil hrammtangar mér            

á hauki troðnum vingameiði heiðis;            

Knák reiða seil gelgju rítmoeðis á galga geirveiðrs;            

gunnvala bræðir ræðr at meira lofi.

Im nächsten Schritt geht es darum, die Kenninge zu entschlüsseln. Dazu muß man sich ein wenig in der skandinavischen Mythologie auskennen und zum Beispiel wissen, daß Höðr einer der nordischen Götter ist, und der Gott des Kettenhemds ein Krieger. Also:

Höðr des Kettenhemds (der Krieger) läßt hängen den klirrenden Reif auf dem  

Habichtgetretenen Galgenast (Handsitz des Falken);            

Ich weiß den Reif auf dem Galgenseil des Speersturms (Schwert) zu führen; der Speiser           

des Kampfhabichts (König) verdient größeres Lob.

Skaldische Dichtkunst ist so komplex, daß es langwieriger Studien bedarf, um sie zu entziffern. In der Gísla saga Súrsonar geht Gíslis Schwester Þórdís, nachdem sie ihren Bruder einen Vers hat rezitieren hören, in dem er andeutet, ihren Ehemann getötet zu haben, nach Hause, um in aller Ruhe über den Vers zu grübeln.

Nach der Christianisierung im 11. Jahrhundert wurde Island zu einer Schriftkultur. Die Isländer lernten die neuen Möglichkeiten, die Geschichte ihres Landes und seiner Menschen für die Nachwelt festzuhalten, schnell schätzen. Der erste bekannte isländische Autor war Sæmundr enn fróði (der Weise) Sigfússon, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts mehrere historische Werke in lateinischer Sprache verfaßte, von denen jedoch keines mehr erhalten ist.

Anders als in anderen Teilen Europas, in denen es Jahrhunderte dauerte, bis sich Literatur in der Landessprache entwickelte, schrieben die Isländer bereits einige Jahrzehnte, nachdem die ersten Werke in lateinischer Sprache erschienen waren, in ihrer eigenen Sprache. Sie paßten das römische Alphabet den Gegebenheiten des Isländischen an, in dem sie für jene Laute, die Ähnlichkeit mit dem th im modernen Englischen haben, zwei zusätzliche von den Angelsachsen entwickelte Buchstaben, das þ (Thorn) und das ð (Edh), hinzufügten.

Bereits 1117 forderte das Alþing, daß die isländischen Gesetze schriftlich festgehalten werden müßten, eine Forderung, die ab dem darauf folgenden Winter umgesetzt wurde. Um 1130 verfaßte Ari enn fróði (der Weise) Þorgilsson eine Geschichte Islands, das Buch der Isländer (Íslendingabók). Das Landnahmebuch (Landnámabók), das zweite große Werk über die Landnahme, entstand etwa um dieselbe Zeit. Ab 1200 verfaßten isländische Schriftsteller eine wahre Flut von Werken in isländischer Sprache, während in den übrigen europäischen Ländern das Lateinische die dominierende Sprache der Lese- und Schreibkundigen blieb.

Die einzigartige landessprachliche Literatur Islands ist heute noch Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen und Diskussionen. Hier spielten offenbar mehrere Faktoren eine Rolle. Island war das einzige europäische Land, dessen Bevölkerung sich hauptsächlich aus relativ freien, landwirtschaftlich tätigen Landbesitzern zusammensetzte. Viele von ihnen waren gebildet, und einige waren geweihte Priester. Erzählungen pflegten großteils in der Landessprache weitergegeben zu werden. Viele der frühen in Landessprache verfaßten Werke beschäftigten sich mit Themen wie Landnahme, Ahnenforschung oder Geschichte – Dingen, die erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche, rechtliche und gesellschaftliche Situation der Isländer der damaligen Zeit hatten.

In der Landessprache verfaßte isländische Literatur beschäftigte sich auch mit der allgemeinen skandinavischen Geschichte. Isländische Werke wie Snorri Sturlusons Heimskringla zählen zu den wichtigsten erhaltenen Aufzeichnungen über die altnordische Geschichte der Wikingerzeit. Eine weitere Gruppe von Erzählungen befaßt sich mit den Ereignissen der damaligen Zeit. Beispiele sind die Bischofssagas und die Sturlunga saga, eine Sammlung, die die Ereignisse in Island im turbulenten 12. und 13. Jahrhundert beschreibt. Andere Prosawerke wie Snorri Sturlusons Edda, die um 1220 entstand, und die Völsunga saga, die aus einer späteren Zeit desselben Jahrhunderts datiert, haben Mythen und Legenden aus der heidnischen Tradition der Wikinger zum Thema.

Das eindrucksvollste aller mittelalterlichen isländischen Werke über die Vorfahren aus der Wikingerzeit sind die Íslendingasögur (Isländersagas). Die Handlungen der Sagas sind im 9. bis 11. Jahrhundert angesiedelt; sie wurden im 13. und 14. Jahrhundert verfaßt und haben auch heute nichts von ihrer Faszination und Unterhaltsamkeit verloren.

In den Sagas geht es um Bauern, Vorsteher und Sklaven, um Ehemänner, Ehefrauen und Rivalen, um Freundschaften, Hass und Loyalitätskonflikte, um Abenteuer, Frohsinn und Tragödien. Viele von ihnen verfolgen die Geschichte einer Familie von Generation zu Generation, beginnend mit ihrer Auswanderung aus Norwegen. Sie sind einzigartig in der mittelalterlichen Literatur, weil sie nicht von Helden erzählen, sondern von typischen Isländern der Landnahmezeit, und faszinierende Einblicke in das Leben der Wikinger erlauben.

Die objektiv erzählten Geschichten sind in einem knappen Stil gehalten. Der Verfasser berichtet kaum etwas, was nicht von einem Zeugen hätte beobachtet werden können. Intime Gedanken oder Gefühle werden durch Verhaltensweisen oder Dialoge ausgedrückt. Der Verfasser beurteilt die Charaktere oder Ereignisse nicht und greift nur selten in den Erzählfluß ein.

Die Sagas als historische Quelle sind mit großer Vorsicht zu genießen, trennten die Verfasser doch Jahrhunderte voller Veränderungen der isländischen Kultur und Gesellschaft von den Ereignissen, von denen sie berichteten. Während die groben Rahmen der Erzählungen oft auf tatsächlichen Ereignissen und historischen Persönlichkeiten beruhten, wurden die Einzelheiten durch die Zeit verwischt und mit Sicherheit auch entsprechend den literarischen Bedürfnissen des Verfassers manipuliert. Man könnte sagen, daß die literarische Komplexität der Erzählungen selbst gefährlich ist, verleitet sie doch dazu, sich von den höchst glaubwürdig dargestellten Charakteren, Ereignissen und Situationen verführen zu lassen. Nichtsdestotrotz enthalten diese Werke eine Fülle genuiner historischer Informationen und bleiben dadurch eine der wichtigsten Quellen für das Verständnis der Wikingerzeit.

DAS ERBE DER WIKINGER

Die literarische Faszination, die die Isländer im 12. und 13. Jahrhundert für ihre Geschichte verspürten, spiegelt möglicherweise den Zerfall des gesellschaftlichen Gefüges wider, das aus der Wikingerzeit erhalten geblieben war. Das Gleichgewicht der Macht zwischen den goðar begann sich im 12. Jahrhundert, als einzelne Bauern und Vorsteher mehr Reichtum und Besitz anzuhäufen begannen und damit mehr Einfluß und Macht beanspruchten als andere, zu verschieben. In vielen Fällen wurde diese Konzentration der Macht noch durch die Kontrolle kirchlicher Besitztümer und den damit einhergehenden Reichtum verstärkt. Die goðar waren nicht länger die Anführer und Beschützer ihrer þingmenn, sondern begannen über sie zu herrschen. Einzelne goðar begannen immer mehr goðorð unter sich zu sammeln und wurden so zu stórgoðar (Großvorstehern). In der Mitte des 12. Jahrhunderts gab es fast ständig Unruhen und gewalttätige Konflikte zwischen den rivalisierenden stórgoðar. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts lag in Island die gesamte politische Macht in den Händen von nur sechs Familien. Eine dieser Familien waren die Nachkommen von Sturla Þórðarson, weshalb diese Zeit oft die Sturlunga-Zeit genannt wird.

Zur selben Zeit begann der norwegische König Hákon Hákonarson wachsendes Interesse an den isländischen Angelegenheiten zu zeigen. Der König wurde von der norwegischen Kirche unterstützt, mit der er während seiner gesamten Regentschaft zum beiderseitigen Vorteil zusammenarbeitete. Die Kontrolle über die isländische Kirche wurde norwegischen Bischöfen übertragen. Zudem wurde der König von norwegischen Händlern unterstützt, die zu dieser Zeit praktisch den gesamten Überseehandel Islands kontrollierten. Da es in Island selbst kein Holz mehr gab, mit dem man Schiffe hätte bauen können, besaßen nur wenige Isländer eigene Boote, sodaß das Land von den ausländischen Importgütern, die es benötigte oder begehrte, abhängig war. Der norwegische König nutzte norwegische Händler und Kirchenmänner als Informanten.

Im Jahr 1220 wurde Snorri Sturluson, einer der mächtigsten stórgoðar des Landes, zum Vasallen des Königs und verpflichtete sich, diesem zu helfen, Island unter norwegische Herrschaft zu bringen. Viele der anderen stórgoðar wurden nach und nach ebenfalls zu Gefolgsleuten des norwegischen Königs, da sie der Meinung waren, sich durch seine Unterstützung und die der Kirche und Händler einen Vorteil gegenüber konkurrierenden goðar verschaffen zu können. Snorri wurde 1241 von Hákons Handlangern ermordet, unter anderem wohl auch deshalb, weil er die Herrschaft Norwegens über Island nicht schnell genug vorantrieb. Der König erhob Anspruch auf Snorris goðorð und begann sich aktiver in die isländische Politik einzumischen. Um die Mitte des Jahrhunderts hatte er fast alle goðorð unter seine persönliche Kontrolle gebracht. Der vollständige Zusammenbruch des Freistaats war nur noch eine Frage der Zeit. Im Jahr 1251 ernannte Hákon den Isländer Gizurr Þorvaldsson zum Grafen von Island. Ihm wurde die Aufgabe übertragen, den Frieden wieder herzustellen, indem er Island unter die Herrschaft des Königs brachte. Als Gizurr nicht schnell vorankam, schickte der König einige seiner norwegischen Gefolgsleute nach Island, um die Sache zu beschleunigen.

Beim Alþing des Jahres 1262, an dem nur Männer des nördlichen und des südlichen Viertels teilnahmen, überzeugte Gizurr die versammelten goðar, einer heute Gamli sáttmáli (alter Vertrag) genannten Vereinbarung zuzustimmen, der zufolge den Isländern als Gegenleistung für ihre Unterwerfung unter den König eidlich zugesicherte Rechte eingeräumt wurden. Warum akzeptierten die Isländer diesen Vertrag und gaben ihre Unabhängigkeit auf? Auf diese Frage gibt es keine klare Antwort. Vielleicht hofften sie, nach einem Jahrhundert des Blutvergießens und der Unruhe den Frieden endlich kaufen zu können. Auch wirtschaftliche Überlegungen mochten wohl eine wichtige Rolle gespielt haben. Der Vertrag garantierte den Isländern eine jährliche Mindestzahl an Schiffen, die sicherstellen sollten, daß der für das Überleben des Landes notwendige Handel weitergeführt werden konnte.

In den nächsten beiden Jahren wurde der Vertrag auch von den restlichen Teilen Islands angenommen. Der König festigte seine Macht und führte neue Gesetzeswerke ein. Die Viertelgerichte und das fünfte Gericht wurden abgeschafft. Dasselbe geschah mit dem Amt des goði, und die Macht wurde in die Hände der Vertreter des Königs gelegt. Das Alþing blieb als Berufungsgericht erhalten, die Teilnehmer wurden jedoch vom König entsandt. Der isländische Freistaat gehörte damit der Vergangenheit an.

Unter der norwegischen Herrschaft kehrte der Friede im Großen und Ganzen nach Island zurück, doch für die Insel begann eine Zeit des Niedergangs, die fast sechs Jahrhunderte lang dauern sollte. War Island seit jeher am Rande Europas gelegen, so wurde es jetzt marginalisiert.

Als die Linie der norwegischen Könige 1380 ausstarb, gerieten Norwegen und Island unter die Herrschaft König Olafs IV. von Dänemark. Der einzige Exportartikel, den Island zur damaligen Zeit vorzuweisen hatte, war Trockenfisch, und Dänemark hatte kaum Bedarf an diesem Handelsgut. Viel wichtiger waren dem Land seine Getreidefelder, die sich bald in den Süden bis nach Hamburg erstrecken sollten, und seine Seewege durch die Ostsee. Island hatte den Dänen nichts Nennenswertes anzubieten, und so waren der isländische Handel und mit ihm der Wohlstand der Bürger dem Niedergang ausgesetzt.

Im Jahr 1536 zwang König Christian III. von Dänemark alle seine Untertanen, zum evangelischen Glauben lutherischen Bekenntnisses überzutreten. Dabei brachte er die großen Vermögen der Kirche in den Besitz der Krone. Die beiden katholischen Bischöfe in Island, in Skálholt und Hólar, leisteten Widerstand. Einer von ihnen wurde deportiert, und der andere, Jón Arason, wurde gemeinsam mit seinen beiden Söhnen 1550 ermordet, während ihre Landsleute ausnahmslos gezwungen wurden, zum Luthertum zu konvertieren.

Der Niedergang Islands war seit der Blütezeit des Landes unter den Wikingern so weit fortgeschritten, daß die Isländer im Jahr 1627 selbst zum Opfer eines Überfalls im Stil der Wikinger wurden. Am 16. Juli landeten algerische Piraten auf der Insel, nahmen hunderte Männer gefangen und töteten alle, die Widerstand leisteten. Die Gefangenen wurden auf Sklavenmärkte in Algerien verschleppt. Interessanterweise kehrten Dutzende der verschleppten Isländer letzten Endes in ihre Heimat zurück, und mehrere berichteten in Erzählungen von ihren Erlebnissen.

So kam es, daß die Armut und Isolation der Isländer in der frühen Moderne den Grundstein für den heutigen kulturellen Reichtum des Landes legten. Wie auch andere abgelegene Länder blieb Island kulturell konservativ und konnte einige Teile seines Erbes aus der Wikingerzeit, die im kontinentalen Skandinavien verlorengingen, erhalten.

Diese kulturelle Stabilität wird durch die Tradition der isländischen Namensgebung belegt. In der Wikingerzeit kannte man sich mit Vornamen, gefolgt vom Vaternamen. In der Egils saga nimmt Egill Skallagrímsson (Sohn des Skallagrímr) Ásgerðr Bjarnadóttir (Tochter des Björn) zur Frau. Ásgerðr ändert ihren Namen nach der Heirat nicht, sondern behält ihren Vaternamen. Zwei ihrer Kinder sind Böðvarr Egilsson (Sohn des Egill) und Þorgerðr Egilsdóttir (Tochter des Egill). Diese Namensgebung hat sich bis in die heutige Zeit erhalten – nur wenige Isländer unserer Zeit tragen Nachnamen wie wir sie kennen.

Die isländische Sprache selbst hat sich über die Jahrhunderte hinweg bemerkenswert gut erhalten. Die Isländer der Wikingerzeit sprachen eine Sprache, die sie in den mittelalterlichen Schriften dönsk tunga (dänische Zunge) oder auch norræn tunga (nordische Zunge) oder Norræna (nordisch) nannten. Heute wird diese frühe Sprache oft als „Grundskandinavisch“ bezeichnet. Es handelt sich dabei in gewisser Weise um den germanischen Zweig der indoeuropäischen Sprachen. Die modernen skandinavischen Sprachen wie das heutige Isländisch leiten sich ebenso von diesem Zweig ab wie das moderne Deutsche oder Englische.

Isländisch ist jedoch einzigartig unter diesen modernen Sprachen. Während sich andere Sprachen im Lauf der Zeit besonders durch den Kontakt mit anderen Kulturen entwickelten, veränderte sich das Isländische seit dem Ende der Wikingerzeit relativ wenig. Die heutige Schriftsprache ist nahezu identisch mit der Sprache der Sagas. Tatsächlich hörten die Isländer nie auf, ihre mittelalterlichen Sagas zu lesen, und im Lauf der Jahrhunderte wurde durch bewußte Reformen versucht, die zeitgenössische Sprache mit der Sprache der Sagas in Einklang zu bringen.

Der reiche Bestand an isländischen Schriften, die im Mittelalter in der Landessprache verfaßt wurden, sorgte gemeinsam mit der relativen Leichtigkeit, mit der die Isländer diese alten Schriften lesen konnten, dafür, daß Island für die Altertumsforscher des 17. und die Romantiker des 19. Jahrhunderts zu einem Faszinosum wurde. Das weltweite Interesse an den isländischen Manuskripten wurde durch ein Buch angefacht, das der Isländer Arngrímur Jónsson im Jahr 1609 verfaßte. Das Buch, das den Titel Crymogæa trug und in lateinischer Sprache verfaßt war, erzählte einige der Geschichten über die Helden der Sagas nach. Crymogæa machte europäische Wissenschaftler auf die Existenz dieser mittelalterlichen Literatur, die einen unglaublichen Reichtum an Informationen über die Frühgeschichte Skandinaviens enthielt und jedem offen stand, der des modernen Isländischen mächtig war, aufmerksam.

Im 17. und 18. Jahrhundert durchkämmten Wissenschaftler ganz Island nach erhalten gebliebenen Handschriften. Einer der bedeutendsten von ihnen war der Isländer Árni Magnússon. Zwischen 1702 und 1712 bereiste Árni das Land auf der Suche nach Handschriften, die er erwerben oder kopieren konnte. Er brachte sie nach Dänemark, wo er sie archivieren ließ. Die meisten von ihnen wurden Island inzwischen zurückgegeben und werden in der Stofnun Árna Magnússonar in Reykjavík aufbewahrt.

Durch die Bewegung der Romantik verstärkte sich das Interesse an der isländischen Literatur, zumal die Bewunderung für das Mittelalter und die „Rückkehr zu den Wurzeln“ wichtige Bestandteile dieser Bewegung waren. Die Erzählungen über die stolzen, unabhängigen Wikinger und die Gesellschaft, die sie in Island geschaffen hatten, stießen auf starken Widerhall. Die Romantik rückte die einzigartige Position Islands unter den skandinavischen Ländern als Heimstatt eines gemeinsamen kulturellen Erbes verstärkt ins Bewußtsein der Allgemeinheit.

Dieses Interesse der Romantik an Island breitete sich über Skandinavien hinaus auf die deutschsprachigen Länder aus und spielte eine Rolle bei den Bemühungen des 19. Jahrhunderts, einen vereinigten deutschen Staat zu schaffen. Da jede nationalistische Bewegung ein Gefühl der nationalen Identität braucht, fielen die Werke, die das deutsche Kulturerbe besangen, auf fruchtbaren Boden. Die Erforschung der altnordischen Literatur wurde in Deutschland vor allem von Jakob und Wilhelm Grimm vorangetrieben. Die Brüder verwendeten isländische Schriften, um die Verwandtschaft zwischen Skandinaviern und Germanen nachzuweisen und die deutsche Vereinigung voranzutreiben. Daß sie nicht zwischen deutschen und germanischen Völkern unterschieden, leistete ihren Theorien Vorschub, wenngleich das deutsche Kulturerbe dadurch mit dem Erbe anderer Länder vermischt wurde.

Sowohl Künstler als auch Wissenschaftler blickten nach Island, um sich inspirieren zu lassen. Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, dem Namen nach auf dem mittelalterlichen deutschen Nibelungenlied basierend, ist in Wahrheit viel stärker an die Nibelungenlegende angelehnt, wie sie in den Gedichten der Edda und in der Völsunga saga erzählt wird.

Zu dieser Zeit hatte die autonome politische Tradition Islands ihren Tiefpunkt erreicht. Das Alþing in þingvellir, das zu diesem Zeitpunkt nur noch als Berufungsgericht diente, wurde 1800 abgeschafft und durch ein neues Hohes Gericht in Reykjavík, das erstmals 1801 einberufen wurde und dem professionelle Richter vorstanden, ersetzt. Als Romantik und Nationalismus im frühen 19. Jahrhundert das Identitätsgefühl der Isländer zu neuem Leben erweckten, begannen die Isländer die Wiedereinführung des Alþing zu fordern. 1845 trat das Alþing unter der Ägide der dänischen Krone als beratende Versammlung erstmals wieder zusammen.

1873 erbat das Alþing vom dänischen König ein Geschenk zur Feier des 1000. Jahrestages der ersten Landnahme in Island: eine Verfassung. Dänemark reagierte, indem es Island 1874 ein gewisses Maß an Autonomie bei der Regelung innerer Angelegenheiten zugestand. Die Vereinbarung gab dem Alþing die legislative Gewalt, doch die vollziehende Gewalt oblag einem Minister der dänischen Regierung in Reykjavík. 1918 handelten Dänemark und Island einen Unionsvertrag aus, der Island als souveränen Staat anerkannte und einen gemeinsamen König vorsah.

Als die Deutschen im April 1940 Dänemark besetzten, übernahmen die Isländer ihre eigenen auswärtigen Angelegenheiten und proklamierten eine Politik der strikten Neutralität. Einen Monat später marschierte die britische Armee in das Land ein. Sie und später die Amerikaner besetzten die Insel als wichtigen strategischen Punkt im Nordatlantik. Am 17. Juni 1944 verkündete Island formell seine Unabhängigkeit von Dänemark.

Inmitten dieser Ereignisse blieb das Erbe der Wikinger im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Die Hið íslenzka fornrítafélag (Gesellschaft für altisländische Texte) gab wissenschaftliche Ausgaben mittelalterlicher Literatur heraus und verwendete dabei eine standardisierte Schreibweise, die den Rechtschreibkonventionen der Handschriften und nicht jenen des modernen Isländisch entsprach. Die archaische Schreibweise schreckte zeitgenössische Leser ab, und so wurden Pläne entwickelt, Auflagen in moderner Schreibweise herauszugeben. Diesen Plänen erteilte das Alþing 1941 mit einem Gesetz, demzufolge nur der isländische Staat mittelalterliche isländische Literatur veröffentlichen durfte, eine klare Absage. Verfechter dieser Maßnahme argumentierten, daß Literatur ein Allgemeingut sei, das nur der Staat im Namen der Bürger verwalten dürfe.

Dieses Gesetz wurde vom isländischen Höchstgericht niedergeschlagen, womit der Weg für Volksausgaben in moderner Schreibweise frei war. Einige dieser Ausgaben wurden vom isländischen Romanschriftsteller und Nobelpreisträger Halldór Laxness redigiert. In den darauf folgenden Jahren erschienen die Sagas in Island in vielfältigen Formen: wissenschaftliche Editionen mit ausführlichen Anmerkungen und Kommentaren, preiswerte volkstümliche Ausgaben, illustrierte Romane und Ausgaben für Kinder. Im heutigen Island bilden die Sagas den Grundstein der isländischen Kultur und sind in isländischen Ortsbezeichnungen und Namen aller Art allgegenwärtig.

Im 20. Jahrhundert sah sich Island bedeutenden Veränderungen gegenüber: Im Zeitraum einiger Generationen vollzog das Land einen Jahrtausendsprung. Man kann mit Recht behaupten, daß die meisten Isländer des 19. Jahrhunderts unter schlechteren Bedingungen lebten als die Siedler des 9. Jahrhunderts. Lebensstandard, Selbstwertgefühl und Lebensfreude waren an einem Tiefpunkt angelangt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Mechanisierung nicht einmal in den beiden wichtigsten Wirtschaftszweigen des Landes, der Landwirtschaft und der Fischerei, Fuß gefaßt, und nahezu alle Arbeiten wurden händisch durchgeführt.

Heute ist Island ein technisch fortgeschrittenes, wohlhabendes Land, dessen Pro-Kopf-Einkommen zu den höchsten Europas zählt. Interessanterweise ist diese ehemalige Wikingernation eines der wenigen Länder der Welt, das auf eine Armee verzichtet. Am wichtigsten ist aber vielleicht, daß die Analphabetenrate in Island zu den niedrigsten der Welt zählt. Daß wir heute einen so guten Einblick in die Welt der Wikinger haben, verdanken wir mit Sicherheit der langjährigen literarischen Tradition dieser Kultur.

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Zum isländischen Unabhängigkeitswillen siehe auch diese Artikelreihe von Hjörtur J. Guðmundsson:

Der nördliche Rand: Besser draußen, als in der EU

Wann habe ich aufgehört, europäisch zu sein?

Besser draußen als drinnen

Die Isländer trauen der EU nicht

Wie ernst meint Island es mit dem Beitritt zur EU?

Island wird geopfert, um die EU zu retten: Schande über Britannien und Holland

EU-Mitgliedschaft? Nein danke!

Der Makrelenstreit als Maß für Souveränität

Warum hat Island „nein“ gesagt?

Islands sinnlose EU-Bewerbung

 

Ebenfalls lesenswert: Das Havamal: des Hohen Lied aus der Älteren Edda, hier in der von Dr. Manfred Stange überarbeiteten Übersetzung des deutschen Philologen und Dichters Karl Simrock aus dem Jahr 1851.

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Ein Kommentar

  1. Die Isländer trauen der EU nicht. Und das ist gut so!

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