„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

Dies sind die Einleitungen und Vorwörter des amerikanischen Herausgebers Lin Carter, des deutschen Lektors Helmut Pesch und des Autors selbst zu Poul Andersons erstmals 1954 veröffentlichtem Roman „Das geborstene Schwert“ („The Broken Sword“) in der 1971 vom Autor überarbeiteten Fassung, die erstmals 1987 in dieser deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck veröffentlicht wurde.

Einleitung von Lin Carter: „Der Zauber des Nordens“

Der englische Dichter W. H. Auden nannte es „the Northern thing“, jene seltsame Faszination, die von den Überlieferungen des altnordischen Kulturkreises und der Geschichte der skandinavischen Länder ausgeht. Dieser Zauber des Nordens hat auch die Phantasie vieler Autoren jener Art von Literatur beflügelt, die man heute „Fantasy“ nennt. Die Liste der Namen ist eindrucksvoll; sie reicht von William Morris, dem Begründer des Genres, über H. Rider Haggard und E. R. Eddison bis hin zu C. S. Lewis, Poul Anderson und natürlich J. R. R. Tolkien, dem Autor des „Herrn der Ringe“.

Der Zauber des Nordens ist nicht schwer zu erklären. Die skandinavischen Nationen – Island, Norwegen, Schweden, Dänemark, vielleicht noch Finnland – sind die Geburtsstätte einer der großartigsten Mythologien der Welt. Und Mythen haben nun einmal einen besonderen Reiz für Fantasy-Liebhaber. Darüber hinaus hat der Norden eine ganz eigene Literaturform hervorgebracht – die Saga.

Die besten und bedeutendsten Sagas wurden im 13. Jahrhundert in Island geschrieben, beziehen sich aber auf Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie lassen sich in drei größere Gruppen unterteilen; erstens die historischen Chroniken; zweitens die heroischen Sagas, große Abenteuererzählungen, die keine historische Genauigkeit beanspruchen; und drittens die Familienchroniken. Ein Beispiel der ersten Gruppe wäre die Heimskringla des Snorri Surluson; der zweiten die Saga von Grettir dem Starken; und der dritten die Laxdæla Saga, die dem heutigen Leser trotz ihres Alters fast wie ein moderner realistischer Roman erscheint.

Einige dieser Werke haben die Jahrhunderte seit ihrer Entstehung fast unbeschadet überstanden und sind im Deutschen wie im Englischen den Lesern in neuerer Zeit durch bedeutende Übersetzungen erneut nahegebracht worden.

William Morris selbst hat eine Reihe von skandinavischen Stoffen ins Englische übertragen. Dazu zählen allein zwei der fünf großen Íslendinga Sögur (wie sie genannt werden), die Eyrbryggja und die unsterbliche Grettla, die er in Zusammenarbeit mit dem Isländer Eiríkr Magnússon übersetzte. Für diese Aufgabe entwickelte Morris einen ganz eigenen, bewußt einfachen Sprachstil, der nicht nur Vorbild für spätere Saga-Übersetzungen, sondern auch für seine eigenen Fantasy-Werke wurde.

E. R. Eddison, der Autor jenes gewaltigen Buches „Der Wurm Ourobouros“, wagte sich an ein weiteres der fünf großen Meisterwerke, die Egla oder Egil’s Saga, und schuf damit eine der perfektesten und beeindruckendsten Übersetzungen aus dem Isländischen.

Im deutschen Sprachraum sei nur auf die Saga-Übersetzungen der „Sammlung Thule“ im Diederichs-Verlag verwiesen, die immer noch ungemein lesbar sind.

Professor Tolkien hat zwar keine der Sagas übersetzt, wenn er sich auch in seiner Arbeit an dem angelsächsischen Epos Beowulf eingehend mit den nordischen Quellen der altenglischen Überlieferung beschäftigte. Seine Kenntnisse der altnordischen Sprache wurden selbst von Fachkollegen bewundert. Seine Studie über das „Finnesburg“-Fragment, die 1983 posthum veröffentlicht wurde, beschäftigt sich eingehend mit den skandinavischen und germanischen Vorfahren der Angelsachsen und ihrem legendären Anführer Hengest, einem Vorfahren der Wikinger, der sein Volk im 5. Jahrhundert nach England brachte.

Tolkiens Sohn Christopher, der selbst Dozent in Oxford war, bevor er sich ganz dem Nachlaß seines Vaters widmete und als Herausgeber des „Silmarillion“ bekannt wurde, hat die Heidreks oder Hervarar Saga aus dem Isländischen übersetzt.

Auch das, was Poul Anderson in diesem Band geschaffen hat, steht unmittelbar in der großen Tradition jener Fantasy-Autoren, die dem Zauber des Nordens verfallen sind.

Poul Andersons Familie ist dänischer Herkunft. Er selbst wurde 1926 in Bristol, Pennsylvania geboren; sein Vorname spricht sich wie ein Mittelding zwischen „Paul“ und „Poul“ aus. Sein Vater, der noch in Dänemark aufgewachsen war, war Ingenieur, und so führte der junge Poul zunächst ein Wanderleben, da Ingenieure dorthin gehen, wo sie gebraucht werden. Er begann erstmals Geschichten zu schreiben, als er sein Studium an der University of Minnesota aufgenommen hatte. Diese ersten Geschichten wurden von John W. Campbell, Jr., für Astounding Science Fiction angekauft, und Anderson wurde bald zu einem der Stammautoren dieses Magazins, in dem Namen wie Robert A. Heinlein, A. E.van Vogt, L. Sprague de Camp oder Isaac Asimov erstmals der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden.

Nachdem Anderson 1948 sein Studium der Physik abgeschlossen hatte, beschloß er, es erst einmal ein Jahr mit dem Schreiben zu versuchen. Obwohl er später ans College zurückkehrte, um seinen Bachelor of Science in Physik und Examina in Mathematik und Philosophie zu machen, hat er danach nie einen bürgerlichen Beruf ergriffen. Heute lebt er mit seiner Frau Karen als freier Schriftsteller in Kalifornien.

Andersons Werke gehören zum größten Teil der Science Fiction an. Innerhalb dieses Genres ist er bekannt als ein beständiger Autor gut durchkonstruierter und handwerklich perfekter Romane, der seinen Lesern solide, spannende Unterhaltung bietet. Aber Anderson weigert sich, als Science-Fiction-Autor abgestempelt zu werden. Er hat auch historische Abenteuerromane geschrieben – darunter ein dreibändiges Werk über das Leben Harald Hardredes, des letzten Wikingers -, Kinderbücher, Krimis und Sachbücher. Aber trotz dieser Vielseitigkeit gilt seine erste und größte Liebe der Abenteuer-Fantasy, wo er sich mit seinen nordischen Erzählungen ein ganz eigenes Genre geschaffen hat.

Poul Anderson war einer der ersten Mitglieder der „Hyborian Legon“, eines locker organisierten, aber enthusiastischen Klubs von Bewunderern der berühmten CONAN-Stories des früh verstorbenen Robert E. Howard. Andersons Übersetzungen altnordischer Saga-Verse sind bereits in den 1960er Jahren in Amra, der Zeitschrift dieser Gruppe, erschienen.

Auch gehören Anderson und seine Frau einer äußerst ungewöhnlichen Organisation an, die sich „Gesellschaft für kreativen Anachronismus“ nennt. Dies ist eine Gruppe von Leuten, die eine Vorliebe für das Mittelalter haben und regelmäßig Turniere und Feste in zeitgenössischen Kostümen abhalten. Die Gesellschaft wurde in Kalifornien gegründet, hat sich aber inzwischen auf ganz Amerika ausgedehnt.

Die Turniere hierbei sind übrigens echt. Natürlich kämpfen die Teilnehmer nicht mit scharfen Waffen, aber ihre Handwaffen sind stark, schwer und mit großer Sorgfalt hergestellt. Sie können den Unaufmerksamen oder Ungeschickten zu Boden werfen, was auch oft genug geschieht. Deshalb muß, wer bei einem Turnier der Gesellschaft mitkämpfen will, erst schriftlich bezeugen, daß er im Fall einer Verletzung keine Schadensersatzansprüche stellen wird. Die Mitglieder der Gesellschaft dürfen sich zwar innerhalb bestimmter Grenzen Adelstitel zulegen, aber die Ritterschaft selbst müssen sie sich im Wettstreit auf dem Feld der Ehre verdienen. Es gibt darum auch nur wenige Autoren, die auf dem Gebiet mittelalterlicher Kampftechniken so gut Bescheid wissen wie Poul Anderson: er hat sie selber erprobt.

Trotz seiner Begeisterung für das Mittelalter und seiner skandinavischen Wurzeln hat Poul Anderson auf dem Gebiet der Fantasy zunächst sehr wenig geschrieben. Wahrscheinlich lag das daran, daß die Herausgeber von Zeitschriften und Büchern ihn vor allem als Science-Fiction-Autor sahen. Dazu kam die bedauerliche Tatsache, daß die Chancen, für einen neuen Fantasy-Roman einen Verleger zu finden, in den USA lange sehr, sehr klein waren. Erst der erstaunliche Erfolg von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in den späten sechziger Jahren machte es möglich, daß auch andere Werke derselben Richtung ihr Publikum fanden.

„Das geborstene Schwert“ ist Andersons erster Roman überhaupt. Er wurde erstmals 1954, gleich zu Anfang von Andersons Laufbahn, von Abelard-Schumann, einem ziemlich kleinen Verlag, herausgebracht. Für die Taschenbuch-Ausgabe, die 1971 in der von Lin Carter betreuten „Adult Fantasy“-Serie bei Ballantine Books erschien, wurde der Text vom Autor grundlegend überarbeitet. Diese revidierte Fassung liegt der vorliegenden deutschen Ausgabe zugrunde.

Kennern des Werkes von J. R. R. Tolkien werden hier sicherlich einige überraschende Parallelen auffallen. So kommen bei Anderson zwei Zwerge mit Namen Dyrin und Dvalin (bei Tolkien: Durin und Dwalin) vor, und auch die Rolle der Elfen (bei Tolkien: Elben) bei beiden Autoren ist insofern vergleichbar, als sie ihnen etwas von ihrer mythologischen Bedeutung zurückgibt, nachdem die Literatur des 19. Jahrhunderts sie zu bloßen winzigen Naturgeistern herabgewürdigt hatte. Beide Autoren haben freilich nichts voneinander gewußt; als Anderson seinen Roman schrieb, war der erste Band von Tolkiens Trilogie (erschienen 1954/55) noch nicht gedruckt. Vielmehr haben beide die gleichen Quellen benutzt – zum Beispiel den sogenannten „Zwergenkatalog“ der Älteren Edda (Völuspa, Strophen 10 – 15) – und sich der gleichen Figuren und Motive bedient.

Bei allen Gemeinsamkeiten sollten jedoch auch die Unterschiede nicht unterschlagen werden: Während Tolkien im Grunde ein christlicher Autor ist, der den Sinn der Kunst in einer Läuterung des Menschen und einer Hinführung zum Schönen, Wahren und Guten sieht, ist Andersons Werk durch und durch von jenem heidnisch-nordischen Geist durchdrungen, zu dem wir uns mit einem atavistischen Schauder immer noch hingezogen fühlen.

Dies wird an keiner Stelle deutlicher als an dem Motiv des geborstenen Schwertes, das wir auch im „Herrn der Ringe“ finden. Doch während das neu geschmiedete Schwert Andúril bei Tolkien ein Zeichen der Hoffnung ist, weist das Schwert Tyrfing, das Skafloc von den Asen als Mitgift erhält, auf das drohende Verderben voraus. Es ist Lokis Waffe im kommenden Ragnarök, dem Untergang der alten Götter.

Dem heutigen Leser wird es vielleicht ein wenig seltsam oder doch zumindest unnötig anmuten, wie Anderson dabei Wert darauf legt, dieses mythologische Ereignis rationalistisch zu begründen. Die Welt der Magie wird als eine andere Existenzebene mit eigenen Gesetzen aufgefaßt, die damals noch mit der heutigen koexistent gewesen sei, nun aber nicht mehr. Ja, selbst die Andersartigkeit jener Wesen – Elfen, Trolle und selbst Götter – wird in eine physikalische Terminologie umgesetzt, wie Anderson in seinem Vorwort zum Roman ausführt.

Dies ist sicherlich aus der Entstehungszeit des Romans zu verstehen, wo es für die Lektüre von Fantasy noch einer besonderen Veranschaulichung bedurfte; der heutige Leser mag, wenn er will, darüber hinwegsehen. Die eigentlichen Gesetze der „Welt“ des nordischen Zaubers bilden kein physikalisches, sondern ein symbolisches System, was sich auch daran zeigt, daß sich der Mensch ihnen durch den symbolischen Akt der Taufe in Christus entziehen kann.

LIN CARTER, Hollis, Long Island, New York, 1971/1973

HELMUT W. PESCH, Lektor Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1987

* * *

Anmerkungen zur Datierung, von Helmut W. Pesch

Obwohl die folgende Geschichte zum Teil in mythologischen Welten spielt, läßt sich doch der historische Rahmen relativ genau umreißen. Orm, der Vater Skaflocs, gehört zu den Dänen, die im neunten Jahrhundert nach England einfielen. Als Beginn dieser Eroberungswelle wird die Zerstörung der englischen Abtei Lindisfarne im Jahre 793 angesehen; dieses Datum gilt zugleich als Beginn des Wikingerzeitalters. Die Schlacht von Ethandun (Edington), in der die Dänen von dem westsächsischen König Alfred (849 – 899) besiegt wurden und an der Orm – nach Aussage des Romans – teilgenommen hat, fand im Jahre 878 statt. Skafloc wäre demnach um 880 n. Chr. geboren, und als die eigentliche Handlung des Romans beginnt, ist er 21 Jahre alt.

Daß auch heidnische Geschichten wie die um Beowulf und Hrolf Kraki noch im christlichen England erzählt wurden, ist historisch durchaus stimmig. Selbst wenn wir das Beispiel des Beowulf nicht hätten, so wissen wir etwa von einem Brief des Mönchs Alcuin (735 – 804) an den Abt von Lindisfarne, mit der Ermahnung, man möchte statt heidnischer Lieder beim Mahle lieber aus den Kirchenvätern vorlesen: „Quid Hinieldus cum Christo?“ („Was hat Ingeld mit Christus zu tun?“). Gerade zum Skandinavien der späten Völkerwanderungszeit besaßen die Angelsachsen eine besondere Beziehung, waren ihre Vorfahren doch in einer früheren Einwanderungswelle im späten 5. Jahrhundert selbst aus Dänemark gekommen. Doch zur Zeit Æthelstans war der eigentliche Kampf schon gewonnen. Mochten die Wikinger auch noch ein weiteres Jahrhundert gegen die Küsten der zivilisierten Welt anrennen, die Zeit der Götter des Nordens war bereits vorbei.

Im Jahre 1000 n. Chr. nahm Island, das Land der Sagas, durch Beschluß des Althing, der Volksversammlung, den christlichen Glauben an.

H. W. P.

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Vorwort von Poul Anderson zur vorliegenden, von ihm 1971 überarbeiteten Fassung von „Das geborstene Schwert“

Gegen Ende des Jahres Unseres Herrn 1081 fuhr Sighvat Thordarson im Auftrag König Olafs von Norwegen durch Götland. Dort hingen die meisten Menschen noch dem alten Glauben an. Auf einem einsamen Gehöft untersagte die Bäuerin es ihm und seinen Freunden, über Nacht zu bleiben, weil ein Opferfest vorbereitet wurde. Dazumal konnte jeder wohlerzogene Mann Stabreime aus dem Ärmel schütteln, und Sighvat war ein Skalde. Also sprach er:

„Elende Fremdlinge, euretwegen
will ich Odin nicht kränken.“
So wies mich das Weib unchristlich
hinweg von der Tür.
„Der heutige Tag ist heilig;
wir halten den alten Brauch.“
Opfern wollten sie am Abend
den Elfen, die Heiden.

So wird es in Snorri Sturlusons Heimskringla berichtet. An anderer Stelle lesen wir, daß von den Kriegsschiffen die Drachenköpfe entfernt wurden, wenn sie sich der heimatlichen Küste näherten, um die Elfen nicht zu beleidigen. Wir lernen daraus, was die Elfen in alter Zeit waren: Götter.

Als die Männer im Norden damit anfingen, Bücher zu schreiben, waren die Elfen natürlich schon zu harmlosen Naturgeistern – ähnlich den griechischen Dryaden oder den Kami japanischer Flüsse – abgewertet worden. Die Eddas siedeln einige von ihnen in Asgard als Diener der Asen an. Aber das Wort wird für zwei verschiedene Rassen verwendet, die zwei der Neun Welten besitzen. Alfheim gehört den großen, blonden „Lichtelfen“. Obwohl wir dessen nicht ganz sicher sein können, ist Schwarzalfheim, das Heim der schwarzen Elfen, wahrscheinlich die Welt der Zwerge. Es ist interessant, wieviel wichtiger die letzteren in den Erzählungen sind, die bis auf uns überliefert wurden.

Später entstandene Sagen verkleinerten die Elfen noch mehr, ließen ihre Gestalten zur Winzigkeit schrumpfen und vergaßen völlig ihre Verwandtschaft mit den immer noch mächtigen Zwergen. Nichtsdestotrotz finden wir einen Abglanz von Alfheim noch im Mittelalter und der Renaissance – das Feenreich, dessen Bewohner von menschlicher Gestalt, aber von unirdischer Schönheit und mit Zauberkräften begabt waren.

In unserer Zeit hat J. R. R. Tolkien den Elfen in seinem faszinierenden Herrn der Ringe etwas von ihrer früheren Größe zurückgegeben. Er hat sie jedoch nicht nur schön und klug, sondern auch weise, ernst, ehrenhaft und freundlich gemacht – Verkörperungen des guten Willens gegen alles, was lebt. Kurz gesagt, seine Elfen gehören eher in das Land Gloriana als in jenes Haus im heidnischen Götland. Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden. Es war auch für Professor Tolkiens Zwecke notwendig.

Aber vor zwanzig Jahren ging ein junger Bursche, der den gleichen Namen wie ich trug, weiter zurück, bis ins neunte Jahrhundert, und entdeckte Elfen und Götter von ganz anderer Art. Es war, wenigstens in Europa, eine rohe Zeit. Ungehindert herrschten Grausamkeit, Raubgier und Zügellosigkeit. Die Schrecken, die die Wikinger über Britannien und Frankreich brachten, waren nicht geringer als die Greueltaten, die Karl der Große bei den Sachsen oder die Ritter des Ersten Kreuzzugs in Jerusalem begingen. Die Zivilisation des 20. Jahrhunderts hat ihren Ursprung zweifellos im Humanismus, und sie ist weit von jener untersten Talsohle entfernt, die (Gott helfe uns!) in der Geschichte vielleicht doch die Norm ist.

Da die Menschen dazu neigen, ihre Götter und Halbgötter nach ihrem eigenen Bild zu schaffen, stellte der Verfasser Elfen und Asen als amoralisch dar – sogar als böse, wenn man ihre Pläne durchkreuzte. Das stimmt zu dem, was wir über sie in der Edda und den Sagas lesen können.

Außerdem machte er sich ein Vergnügen daraus, seine Phantasie ein wenig schweifen zu lassen. Es scheint ganz natürlich zu sein, daß die Bewohner des Feenreichs auf technischem Gebiet weiter fortgeschritten waren als ihre menschlichen Zeitgenossen. Nehmen wir einmal an, es habe wirklich Rassen gegeben, die der Magie fähig waren – in dem Sinne, daß sie mit Methoden, die unsere Wissenschaft noch nicht entdeckt hat, geistige Kontrolle über stoffliche Dinge hatten. (Man beachte die neuesten Forschungsergebnisse und Spekulationen auf dem Gebiet der Parapsychologie!) Nehmen wir weiter an, daß sie ein unbegrenztes Leben hatten, ihre Gestalt ändern konnten und so weiter. Mit einer derartigen uns fremden Beschaffenheit mögen spezifische Nachteile verbunden gewesen sein, zum Beispiel die Unfähigkeit, Sonnenlicht zu ertragen, oder katastrophale elektrochemische Reaktionen bei der Berührung von Eisen. Warum sollten diese Unsterblichen keinen Ausgleich für ihre Handicaps durch die Entdeckung von Nichteisen-Metallen und den Eigenschaften ihrer Legierungen finden?

Konnten die Elfenschiffe „auf den Flügeln des Windes“ segeln, weil sie tatsächlich reibungslose Schiffsrümpfe kannten?

Obwohl es Burgen, wie wir sie heute verstehen, im Europa König Alfreds noch nicht gab, könnten die Elfen sie schon seit langer Zeit gebaut haben. Ebenso lassen sich andere offensichtliche Anachronismen einfach dadurch erklären, daß es sich eben um Errungenschaften von Rassen handelt, die älter sind als die Menschen. Aber eine aristokratische Kriegerkultur, bei der die langen Lebensspannen eine konservative Denkart begünstigen, würde es in der Wissenschaft wahrscheinlich nicht sehr weit bringen. In den Ruinen des Feenreichs sollten wir nicht nach Schießpulver oder Dampfmaschinen suchen.

Das geborstene Schwert fand erst spät einen Verleger, und dieser brachte nur eine einzige Auflage heraus. Dank Lin Carter und Ballantine Books – und Professor Tolkien, dessen Arbeit das gesamte Genre der heroischen Fantasy-Romane erst populär gemacht hat – kommt es jetzt zu einer Neuauflage.

Aber diese Chance birgt für mich ein Dilemma. Es ist keine Affektiertheit von mir, wenn ich von dem Autor wie von jemand anderem spreche. Er war ein anderer. Zwischen uns liegt eine Generation. Ich würde niemals etwas so Ungestümes, so Weitschweifiges und so ungemildert Wildes schreiben.

Dieser junge, in mancher Beziehung naive Bursche, der meinen Namen trug, könnte ohne böse Absicht meinen Lesern von mir und meiner Arbeit einen falschen Eindruck vermitteln. Gleichzeitig möchte ich mir nicht das Recht herausnehmen, an dem, was er geschrieben hat, Änderungen vorzunehmen. Das wäre zumindest gegen diejenigen unfair, die von seinem Buch gehört haben und glauben, es zu kaufen.

Nun, ich habe einen Kompromiß geschlossen. Zunächst einmal erklärt dieses neue Vorwort die Situation. Außerdem habe ich mir, ohne die Story zu ändern, ein paar Textverbesserungen erlaubt. Ich stelle mir vor, der Autor hätte den Rat eines erfahrenen Mannes gern angenommen – auch bezüglich der Techniken des mittelalterlichen Schwertkampfes!

Ich habe das Buch nicht vom Anfang bis zum Ende umgeschrieben; wie gesagt, das käme mir unehrlich vor. Daher ist der Stil nicht der meine.

Aber ich habe eine Menge von Adjektiven und Füllwörtern gestrichen, bestimmte Irrtümer und Widersprüche beseitigt und (in einer kurzen, aber wichtigen Szene) eine Person, die dort absolut nichts zu suchen hatte, durch eine andere ersetzt.

Das Buch, das Ihnen jetzt vorliegt, ist also tatsächlich „Das geborstene Schwert“, wie es ursprünglich konzipiert und geschrieben wurde. Es ist nur lesbarer gemacht worden. Ich hoffe, Sie haben Freude daran.

Was aus jenen wurde, die am Ende des Buches noch am Leben waren, und aus dem Schwert und dem Feenreich selbst – das offenbar auf der Erde nicht mehr existiert – das ist eine andere Geschichte, die vielleicht eines Tages erzählt werden wird.

Poul Anderson,
der in der Gesellschaft für kreativen Anachronismus als Sir Béla of Eastmarch bekannt ist.

* * *

Hier geht’s los: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

Leseempfehlungen:

Anderson, Poul – Schwert des Nordens, Das (Das geborstene Schwert / Hrolf Krakis Saga), eine Kurzrezension von Michael Matzer auf Buchwurm.info (Achtung: Spoilerwarnung!)

Das Wikingererbe am Beispiel Island, Teil 1 und Teil 2 von Jeffrey L. Forgeng und William R. Short

Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit von Rudolf Simek

Tolkien: Meister von Mittelerde von Brittanicus

Der Lebenskampf in der Prosa-Edda von Guillaume Durocher

Das Havamal: des Hohen Lied aus der Älteren Edda

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3 Kommentare

  1. Jahresendzeit ist Geschichtenzeit! In weiterer Folge präsentiere ich „Das geborstene Schwert“ in sieben Teilen, deren Untertitel (die es im Buch nicht gibt) von mir gewählt wurden, wobei ich darauf bedacht war, daß beim Drüberlesen über „Aktuelle Beiträge“ in der rechten Randspalte keine Spoilergefahr entsteht. Die Titelbilder zu den einzelnen Fortsetzungen wurden ebenfalls von mir ausgewählt.

    Ich habe das Buch irgendwann im Jahr 2013 zum ersten Mal seit etwa einem halben Leben wieder gelesen und war erstaunt, mit welch anderen Augen ich es heute sehe als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Es hat zwar direkt überhaupt nichts mit unseren Bemühungen zu tun und ist in diesem Sinne höchstens von „metapolitischem“ Wert, aber es paßte vieles davon zu meiner Stimmungslage während meiner weitgehenden „AdS-Ferien“ Ende 2013, als ich es für die Veröffentlichung auf „NORD-LICHT“ aufbereitete, und auch zur Jahreszeit damals wie jetzt (die Geschichte endet im Winter).

    Der Roman spielt hauptsächlich im Wikingermilieu des ostenglischen Danelaw um das Jahr 900 herum und ist auf der Grundlage der Vorstellungswelt und Mythologie der nordeuropäischen Völker jener Zeit so geschrieben, als wäre er von einem Zeitgenossen dieser Welt verfaßt worden: Magie ist darin ein reales Phänomen, und neben Elfen, Trollen und anderen Bewohnern des Feenreichs treten altnordische und altirische Götter persönlich auf. Daneben gibt es aber auch Verweise auf den „neuen Gott“, den „Weißen Christus“, vor dem die alten heidnischen Götter und die Bewohner des Feenreichs zunehmend weichen müssen.

    Interessant ist, daß der Ausdruck „Elfen“, wie im Wikipedia-Artikel über Elfen erwähnt wird, aus dem Englischen stammt und im deutschen Sprachgebrauch erst im 18. Jahrhundert die ältere deutsche Form „Elben“ verdrängt hat. In diesem Zusammenhang ist weiters interessant, daß es Tolkien selbst war, der für Margaret Carroux’ deutsche Übersetzung des „Herrn der Ringe“ die Verwendung der „richtigeren“ Bezeichnung „Elben“ vorgeschlagen hat.

    Bezüglich „ungestüm und ungemildert wild“, wie Poul Anderson seinen Erstlingsroman in der obigen Einleitung von 1971 rückblickend bezeichnet, muß man natürlich bedenken, daß das Buch 1954 geschrieben wurde. Aber Action und Blutrünstiges kommen in „Das geborstene Schwert“ ganz und gar nicht zu kurz, genauso jedoch menschliche Höhen und Tiefen.

    Ich finde, Poul Anderson versteht es einfach, magische Momente zu schaffen, wie auch später in seinem Roman „Ein Mittsommernachtssturm“, aus dem ich den Abschnitt mit der Taverne zum Alten Phönix für meine Tavernenrunden entlehnt habe; zum Beispiel die Szene im nächtlichen Wald mit Titania und Oberon, mit Prinz Rupert, Jennifer und Will Fairweather:

    „Ihr Sterblichen habt in der Tat Kräfte, wißt Dinge, die dem Elfengeschlecht verschlossen sind“, sagte sie [Titania]. „Dazu gehört die Macht sterblicher Liebe.“ Wehmut klang in ihrer Stimme mit. „Meine alterslose, flüchtige Art kennt die Liebe auch – irgendwie -, doch mehr als Vergnügen wie Lieder oder Süßigkeiten. Wahre menschliche Liebe aber ist kein Lustspiel; die Zeit läßt sie tragisch werden. In jenen Höhen und Tiefen erheben sich Lichtblicke und Unwetter über unser Verstehen, die Ehrfurcht und Beständigkeit des Todes.“

    Etwas später besiegelt Oberon den Treuebund zwischen Rupert und Jennifer mit einer Formel, die sich auch für eine neuheidnische Heiratszeremonie eignen würde:

    „Bei Eiche und Esche und dem frühlingsweißen Dorn, durch Zeitalter hindurch, die kommen und gehen, bei der Erde unter uns, bei der Luft, die über uns weht, und beim lebendigen Feuer, bei Leben und Tod, beim Rauschen des Wassers fordere ich, daß ihr die Wahrheit sprecht, wenn ihr Treue für Treue gebt.“

    Auch in „Das geborstene Schwert“ gibt es Vergleichbares, wie diesen Dialog zwischen dem Elfengrafen Imric und seiner Schwester Lia:

    „Glücklicher war ihr Schicksal als meins“, sagte Lia.
    Imric mißverstand sie – absichtlich oder unabsichtlich. Er nickte. „Alle Menschen sind glücklicher als die Bewohner des Feenreichs – und auch als die Götter. Lieber ein Leben wie ein fallender Stern, der eine helle Spur durch die Dunkelheit zieht, als eine Unsterblichkeit, die nicht über sich hinaussehen kann.“

    So richtig zur Wirkung kommen diese Worte aber erst vor dem Hintergrund der Situation, in der sie gesagt werden, wozu ich zwecks Spoilervermeidung nichts weiter verrate.

    Was hier auch nicht verschwiegen werden soll: Da ich Poul Anderson als Autor immer sehr geschätzt habe, hat es mir einen gewissen Stich versetzt, als ich aus diesem Kommentar zum Artikel „Judaism is a science fiction religion“ auf avakesh erfuhr, daß Poul Anderson anscheinend einen gewissen jüdischen Abstammungsanteil hatte:

    Yeah, no Jewish science fiction writers. Because I guess S. Y. Agnon, Poul Anderson, Isaac Asimov, Chayim Bloch, Ben Bova, Michael Chabon, Jack Dann, Avram Davison, Edward Einhorn, Harlan Ellison, Cynthia Ozick, Joel Rosenberg, Robert Silverberg, Isaac Bashevis Singer, Harry Turtledove, Allan Weiss, and Jane Yolen are all gentiles? (My goodness: two of those people on that list won Nobel Prizes for literature!)
    B“H, Jews have excelled in many different fields — including science fiction. The percentage of science fiction authors who are Jewish far outstrips the percentage of Jews in the general population.

    Das war mir zuvor nicht bekannt, und zumindest an den Geschichten, die ich von ihm kenne und schätze, ist nichts spezifisch Jüdisches oder Judenpropagandistisches dran. Das einzige, wo ich bisher stutzig geworden bin, war die Erwähnung, daß der Vater von Prinz Ruperts Flamme Jennifer in „Ein Mittsommernachtssturm“ ein Londoner Kaufmann namens Binstock ist (ihre Mutter ist Waliserin). Auf älteren Bildern (wo er noch dunkle Haare hat), sieht Anderson zwar auch nicht gerade so aus, wie man sich einen Dänen vorstellt, aber Online-Nachforschungen haben diesbezüglich nichts ergeben, und ich glaube mich zu erinnern, daß ich ihn irgendwo einer christlichen Glaubensrichtung zugeordnet gelesen habe. Erst als ich in irgendeinem anderen Zusammenhang die Google-Anfrage „Ben Bova jewish“ eingab, bin ich auf den oben zitierten Kommentar gestoßen.

    An sich hat er ja einen angenehmen, unjüdisch wirkenden Schreibstil, und untypisch für Juden ist auch, was auf seiner Wiki-Seite unter der Überschrift „Fairness to the adversaries“ steht (hier in meiner Übersetzung wiedergegeben):

    „In seinen zahlreichen Büchern und Geschichten, die Konflikte vor Science-Fiction- oder Fantasyhintergrund darstellen, gibt Anderson sich Mühe, die Standpunkte beider Seiten begreiflich zu machen. Selbst wo es keinen Zweifel darüber geben kann, auf wessen Seite der Autor steht, werden die Gegner üblicherweise nicht als Schurken dargestellt, sondern als nach ihren eigenen Begriffen ehrenhafte Männer. Der Leser bekommt Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen, und sie haben oft eine tragische Würde in der Niederlage.“

    Das trifft in gewissem Maß auch auf seine Darstellung des Berserkers Valgard und des Trollkönigs Illrede in „Das geborstene Schwert“ zu.

    Gewisse Parallelen sehe ich hier zu Fjordman, bei dem man ebenfalls den Eindruck hat, daß er von den Europäern/Indoeuropäern fasziniert ist und sich mit ihnen identifiziert. In einem seiner Essays hat er geschrieben, daß der Großteil seiner Vorfahren schon seit dem Ende der Eiszeit in Skandinavien siedelte, also seit das Land für Menschen bewohnbar ist. Zu dieser Zeit war öffentlich noch nichts über seine Identität bekannt, sodaß er leicht hätte schreiben können: „Alle meine Vorfahren…“, ohne daß ihn jemand der Lüge hätte überführen können. Ich interpretiere das so, daß ihm das sich selbst gegenüber unehrlich vorgekommen wäre, sodaß er das so formuliert hat, und ich vermute, daß er tatsächlich mehrheitlich europäischer Abstammung ist; wenn der Name „Pedersen“ nicht angenommen ist, deutet er darauf hin, daß Fjordmans Vater der Sohn eines Norwegers und einer Jüdin ist, womit Fjordman Vierteljude wäre. Auch sein Schreib- und Kommentarstil war angenehm unjüdisch, im Gegensatz zu sonstigen Counterjihad-Juden wie Lawrence Auster und Takuan Seiyo oder auch diversen jüdischen AdS-Kommentatoren, wo bald einmal die Maske verrutscht. Aber es wird ihm halt sowohl innerlich als auch wegen des Gruppendrucks seiner jüdischen Abstammungsseite unmöglich gewesen sein, sich gegen diesen Teil seiner Identität zu stellen, in dem Maß, wie er vielleicht den jüdischen Anteil am NWO-Problem erkannt haben mag.

    Ich finde jedenfalls, daß man sich von Poul Andersons anscheinendem jüdischen Abstammungsanteil nicht den Lesegenuß an „Das geborstene Schwert“ verderben lassen sollte, wenn einen das Thema an sich interessieren würde.

    Hier gibt es abschnittsweise Leseproben für die englische Fassung von „Das geborstene Schwert“, anscheinend in der Urfassung (leider werden nicht alle Seiten angezeigt, und leider kann man sie nicht auf PDF abspeichern).

    Und im Cimmerian Blog gibt es den interessanten Artikel An Early, Albeit Pagan, Christmas in the Old North, in dem gleich zu Anfang eine Passage aus der Heidreks Saga über das Schwert Tyrfing zitiert wird, um das es auch in Poul Andersons Roman geht, und in weiterer Folge auch auf „Das geborstene Schwert” Bezug genommen und das Thema der besonderen, mit Namen versehenen Schwerter in der Fantasy-Literatur sowie in den nordischen Sagas und davon inspirierter Fantasy-Literatur behandelt wird.

    Antwort
  2. Fackel

     /  März 10, 2019

    Zugegebenermaßen tat ich mich am Anfang etwas schwer, doch dank den auf Morgenwacht veröffentlichten Artikeln habe ich nun nach und nach auch zu Fantasy und SciFi gefunden. Ich freue mich mittlerweile, daß diese Art von Literatur hier Raum findet. „Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel“ von George R. R. Martin hat mich heute geradezu hineingesogen in die vielschichtigen Ebenen der Handlung.

    Nicht zuletzt an dieser Stelle der lange fällige Dank auch für den hier veröffentlichten selbstgeschriebenen Mehrteiler „Ace of Swords“. Wie schön, daß es eine Ergänzung/Fortsetzung geben wird.

    Warum ich an dieser Stelle kommentiere: Von Poul Anderson besitze ich nun das Buch „Das Schwert des Nordens“, in dem neben dem hier vorgestellten Roman „ Das geborstene Schwert“ ein weiterer anschließt: „Hrolf Krakis Saga“.

    Für alle Interessierten hier die Fortsetzung aus der obigen Einleitung zu „Das Schwert des Nordens“:

    „Der zweite Teil des Bandes, „Hrolf Krakis Saga“, entstand aus der Arbeit an der Neufassung des ersten. […] Oftmals ist die Geschichte von den Skjöldungen, den legendären Königen Dänemarks erzählt worden, die ihr Geschlecht auf Skjöld, den Sohn Odin Allvaters, zurückführten. Immer wieder ist sie verlorengegangen, fast, wie Lin Carter schreibt, als verfolge die Rache Odins selbst noch das Gedenken an Hrolf Kraki durch die Jahrhunderte. E.R. Eddison spricht von der verlorenen Skjöldungen Saga, den Chroniken der Könige von Dänemark in den Anmerkungen zu seiner Egil’s Saga. Christopher Tolkien nennt als Beispiel für die Wiederverwertung von Materialien, das verlorenen Gedicht Bjarkamaal im Saga-Kreis um Hrolf Kraki. Doch die Erinnerung an Hrolf Kraki hat irgendwie überlebt. Er war eine wirkliche Person; es hat ihn wirklich gegeben. Er war der größte der dänischen Könige, und seine Epoche war eine kurze Blüte des heroischen Zeitalters. Wie am Hofe Arthurs von Camelot sammelten sich um ihn die größten Helden und Krieger jener Tage. Und wie die Wikinger in späteren Zeiten, wie der vom Schicksal verfluchte Skavloc in Poul Andersons Fiktion, waren auch sie Männer, die mit dem Schwert lebten und starben – Bjarki, der das verzauberte Schwert Lövi führte; Svipdag, der Berserkertöter; der junge Hjalti mit dem magischen Schwert Goldheft. So groß war der Ruhm Hrolf Krakis, daß Echos seines Namens an fernen Gestaden widerhallten […]. Die Enzyclopaedia Britannica zieht daraus den Schluß: Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, daß Hrolf eine historische Person war und daß er während der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts in Dänemark regierte. […] Wie für „Das geborstene Schwert“ gilt auch für „Hrolf Krakis Saga“, daß es Fantasy-Romane sind, die gelegentlich die Grenze zur Science-fiction überschreiten. Doch hinter dem Glanz und Glitter des Elfenreiches und der dunklen Magie von Hexen und Göttern spürt man in ihnen den harten, metallischen Geschmack erlebter Geschichte, einer fremden und zugleich so vertrauten Wirklichkeit.“

    Poul Anderson hat, wie er beschreibt, aus überlieferten Fragmenten, sich teilweise widersprechenden Quellen die Idee verwirklicht, eine „Rekonstruktion“ aus den besten Teilen derselben zusammen zu setzen, die Lücken zu füllen, die alten Wörter zu benutzen, wo sie am rechten Platz zu sein scheinen, und andernfalls neue zu erfinden. So hat er daraus mit seiner schriftstellerischen Fantasie einen Roman geschaffen.

    Einige Ausschnitte aus seinem Vorwort zu „Hrolf Krakis Saga“:

    […] „Im Gegensatz zur der Völsungen Saga, deren Kern eine Geschichte aus dem Rheinland bildet, ist der Zyklus um Hrolf Kraki und seine Helden rein nordisch. Er war einmal weit verbreitet und vielfach verzweigt und tief in den Herzen und Liedern des Volkes verwurzelt. Aber er hatte nicht wie der Sagenkreis um Siegmund, Siegfried den Drachentöter, Brünhild und Gudrun das Glück, daß eine knorrige Prosa erzählbar gemacht wurde und die Gedichte inspirierte, die als Gesamtheit überlebten. Daher ist die Geschichte heute nahezu vergessen. Sie verdient es, wieder in Erinnerung gebracht zu werden.
    Der Keim der Saga ist fast ebenso alt, wie das Nibelungenlied und gleichzeitig mit Beowulf entstanden. Tatsächlich wirft jedes der beiden Epen Licht auf das andere und enthält eine Reihe derselben Personen.“ […]

    „Hugleik starb zwischen 512 und 520 n. Chr. Folglich war Hrolfs Glanzzeit zwei oder drei Jahrzehnte später. Das war während der Völkerwanderung, als Rom untergegangen war und die germanischen Stämme sich in Gang setzten, eine der unruhigsten Perioden der Weltgeschichte. Wir können gut verstehen, warum Hrolf Kraki ein so glorreiches Angedenken bewahrt wurde, warum die Erzähler generationenlang versuchten, jeden nur möglichen Helden an seinen Hof zu bringen, selbst wenn das bedeutete, daß der König selbst im ganzen Zyklus einen immer geringeren Raum einnahm. Seine Regierungszeit war – auf jeden Fall im Vergleich und zumindest in der Saga – ein Augenblick des Sonnenscheins in einem Sturm, der über Jahrhunderte wütete. Für den Norden war er das, was Arthur für Britannien und später Karl der Große für Deutschland und Frankreich wurde. Am Morgen von Stiklestad, fünfhundert Jahre später und weit weg in Norwegen, wurden die Männer König Olafs des Heiligen von einem Skalden geweckt, der ein Bjarkamaal sang, eines jener Lieder, in denen die Krieger des heidnischen Dänenkönigs Hrolf zu ihrer letzten Schlacht gerufen werden.“ […]

    Die Saga beginnt mit der Vorgeschichte von Hrolf Kraki, der Stammbaum der Skjöldungen bei seinem Vorfahren Frodhi (Der Friedensbringer) und endet nach einigen Generationen bei Hrolf Kraki. Es schließt nach seinem Tod mit der Beschreibung, daß seine beiden Töchter seine Herrschaft nicht weiterführen konnten, diese zwar beliebt waren, jedoch als Frauen das Steuer nicht führen konnten, als alles auseinanderbrach, und ihre Söhne noch zu jung waren.

    Der Anfang der Geschichte, die in einen Rahmen eingebettet, einer weiblichen Person im England des zehnten Jahrhunderts in den Mund gelegt ist, wird neben der Übersicht über den Stammbaum Hrolf Krakis mit folgendem Zitat aus dem Bjarkamaal eingeleitet:

    „Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eins weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm. “

    Antwort
  3. Den Doppelband „Das Schwert des Nordens“ besitze ich ebenfalls; daraus habe ich „Das geborstene Schwert“ seinerzeit abgetippt.

    Bei „Hrolf Krakis Saga“ hat Poul Anderson einen schlauen Kniff angewandt, um die vielen Überlieferungsfragmente, die noch dazu wahrscheinlich in Versform vorlagen, zu einem Prosaroman zusammenzufassen: er hat die Geschichte von einer dänischstämmigen Hofdame dem englischen König Aethelstan als Winterabendunterhaltung erzählen lassen (von einer Frau deshalb, weil es bei ihr weniger wahrscheinlich war, daß sie den knappen Saga-Stil verwendet hätte).

    Es freut mich, daß „Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel“ Dir so gut gefallen hat, Fackel! Offenbar hat die Geschichte auch bei vielen anderen Lesern Interesse geweckt, denn gestern ist sie schon 119mal gelesen worden (ein Wert, den selbst politische und metapolitische Beiträge oft nicht am ersten Tag erreichen; für eine SF-Geschichte auf „Morgenwacht“ muß das fast schon ein Rekord sein). Heute waren es bisher auch schon wieder 34 Klicks.

    Mein neuer Galciv-Roman „Feuerfall“ wird ein „Prequel“ zu „Ace of Swords“ werden, aber keine Vorgeschichte im Sinne von „Die frühen Jahre von Ron & Catriona“; stattdessen spielt die Geschichte im frühen 21. Jahrhundert, in einer nicht näher definierten nahen Zukunft. Es ist eine „portal fantasy“, wie Geschichten genannt werden, in denen jemand aus unserer Jetztzeitrealität durch irgendeine Art von Portal (oder auch mit einem Raumschiff) in eine andere Welt kommt, die das Publikum dann durch die Wahrnehmung von jemandem wie sie erleben kann statt aus der Sicht eines Protagonisten aus dieser Welt, für den sie normal ist.

    Der Titel hat nichts mit dem „Feuerfall“-Naturschauspiel im Yosemite-Park zu tun (davon habe ich erst erfahren, als ich nach Beginn der Arbeit an der Geschichte nachgoogelte, ob es schon etwas mit diesem Titel gibt), sondern er ist mir durch das Bild „Let the fire fall“ von Jim Burns eingefallen, das ich als erstes Bild verwende, und davon wiederum bin ich zu der Idee für die Ereignisse im letzten Kapitel inspiriert worden. Diesmal werde ich jedes Kapitel separat veröffentlichen, damit die einzelnen Teile eher in einer Sitzung gelesen werden können. Allerdings ist das erste, bereits veröffentlichungsfertig eingespeicherte Kapitel vom Seitenumfang her ungefähr so lang wie „Ace of Swords“ vom Prolog bis zum Beginn der Geiselübergabe auf Maanenia, enthält aber nur drei Bilder. Ich habe heute überlegt, ob ich es noch einmal unterteilen kann, aber die einzige Stelle, wo es passen würde, ist schon nach den ersten fünf Seiten.

    Ich schreibe diesen Roman in erster Linie als Hobby für mich, und dann auch für alle, denen „Ace of Swords“ gefallen hat und die – so wie Osimandia im letzten Absatz dieses Kommentars geschrieben hat – gern mehr über die Galciv und ihre Wesen lesen würden. Eigentlich möchte ich doch nach und nach die ganze Galciv/Fand-Saga aus meinem Kopf rausbringen, und neben einer eventuellen Fortsetzung zu „Feuerfall“ gehören dazu auch Fortsetzungen zu „Ace of Swords“ – aus der näheren, mittleren („next generation“) und ferneren Zukunft. Mal sehen…

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