Paulus: Der Erfinder des Christentums

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Von Michael Zick, erschienen in „bild der wissenschaft“ 12-2008.

Ohne den selbsternannten Apostel Paulus würde es das Christentum nicht geben. Er war theologisch und historisch der eigentliche Gründer.

„Mich ärgert dieses vom Papst ausgerufene Paulusjahr“, sagt Peter Pillhofer – er muß sich noch bis Mitte 2009 echauffieren. Der Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg erbost sich über die 2000-Jahr-Feier, weil sie suggeriert, daß Paulus, der zunächst Saulus hieß, im Jahr 9 n. Chr. geboren wurde. „Wir wissen aber nicht, wann er zur Welt kam.“ Damit befindet sich der Apostel Paulus in Einklang mit Jesus von Nazareth, den er zum Jesus Christus machte.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

„Paulus’ Interpretation des Wirkens Jesu war ganz entscheidend dafür, daß sich das Christentum zu einer eigenen Religion mit einem eigenen Profil, einer eigenen Ethik und eigenen Ritualen hat ausbilden können“, meint Jens Schröter. Doch der Institutsdirektor und Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Universität Leipzig ist sicher, daß Paulus – ebenso wie Jesus – keine neue Religion etablieren wollte, sondern seine Mission als Reformation des jüdischen Glaubens betrachtete. Die geschichtliche Wirkung war allerdings eine andere.

Saulus-Paulus stammte aus Tarsus, der weltoffenen Hafenstadt an der südöstlichen Mittelmeerküste Kleinasiens. Er war griechisch sprechender Jude in der hellenistisch geprägten Region, der seine jüdische Tradition eifrig pflegte: das von den Christen heute sogenannte Alte Testament, das er jedoch nur in der griechischen Übersetzung kannte. Er tat sich nach eigenem Bekunden als eifernder Christenverfolger hervor, bis ihm in seinem persönlichen Schicksalsjahr 33 Gott „seinen Sohn Jesus in mir“ offenbarte. Paulus’ folgendes Wirken als Verkünder Jesu war gewaltig, sein Selbstbewußtsein überschäumend. Doch: er begegnete seinem Superstar Jesus, den er so unvergleichlich promotete, nie.

Pillhofer: „Paulus versteht sich in erster, zweiter und dritter Linie als Apostel Jesu Christi. Er will die Botschaft von Jesus verkünden, alles andere spielt keine Rolle.“ Der Ehrentitel „Apostel“ für den – wie wir ihn heute sehen – einflußreichsten Wortführer Jesu war im ersten Jahrhundert jedoch umstritten. In der Apostelgeschichte wird ihm dieser Titel verweigert – bis auf zwei Stellen, wo der Autor offenbar andere Quellen einfließen ließ und schlecht redigierte. Denn nach urchristlicher Auffassung konnten nur die Jünger Jesu diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Paulus hält selbstbewußt dagegen: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle.“ In der Tat, so Pilhofer, „haben die Jerusalemer Kollegen ja nicht über den Mauerring hinausgeschaut, während Paulus Tausende von Kilometern unterwegs war.“ Die Spuren der Jesus-Jünger verlieren sich in den neutestamentlichen Nachrichten dann auch ziemlich schnell.

Neue Bezeichnung „Christen“

Das rastlose Reisen wurde Paulus’ Markenzeichen. Nach einer wenig erfolgreichen Missionsexpedition nach Arabien stieg Paulus in die Leitung der sehr agilen frühchristlichen Gemeinde in Antiochia am Orontes (damals Syrien, heute das türkische Antakya) auf. Es war die erste Gemeinde außerhalb Palästinas und die erste, bei der (in der Apostelgeschichte) um 40 n. Chr. die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und: Sie war die erste, die auch Nichtjuden in ihre Gemeinschaft aufnahm – ein unerhörter Affront gegen die Jerusalemer Konservativen und zugleich Impulsgeber für Paulus’ zukünftige Missionstätigkeit. Denn es wurde programmatisch unterschieden zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Judenchristen waren Jesus-Anhänger, die beschnitten waren und die jüdischen Gesetze (Fasten, Sabbat, Reinheitsgebot) achteten. Ihr Mittelpunkt war die urchristliche Gemeinde in Jerusalem um Jakobus, den Bruder Jesu.

Heidenchristen verehrten ebenfalls den „Einen Gott“ der Juden und sahen im Wirken Jesu die Fortsetzung der jüdischen Heilsgeschichte, ließen sich jedoch nicht beschneiden und betrachteten die jüdischen Gesetze nicht als bindend. Hier setzte Paulus an. Nach Abstimmung mit den Jerusalemer Aposteln widmete er sich der Bekehrung der Heiden. So wurde er zum „Heidenapostel“, zum „Apostel der Völker“ – und zum wirkmächtigsten christlichen Missionar. Als Preis für die Zustimmung der Jerusalemer Hardliner versprach Paulus eine Riesenkollekte in all seinen neuen Gemeinden für die notleidenden Jerusalemer Urchristen.

Geschlagen und gesteinigt

Von Antiochia reiste Paulus in den nächsten drei Jahrzehnten ruhelos durch Kleinasien, Griechenland und Makedonien. Seine Wanderungen sind nur in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments beschrieben, außerchristliche oder handfeste archäologische Belege gibt es nicht. So viel aber ist sicher: In Galatien, Philippi, Thessaloniki, Kolossä, Ephesus und an anderen Orten gründete er christliche Gemeinschaften. In Korinth überwarf und versöhnte er sich mit „seiner“ Gemeinde, auch in Athen trat er auf und disputierte öffentlich mit den Philosophen – offenbar nicht sehr erfolgreich. In Ephesus wurde er von den Römern ins Gefängnis geworfen, wo er sein Todesurteil erwartete, aber wieder frei kam. In seiner über viele Briefe verstreuten „Autobiographie“ liest sich das so: „Ich habe viel gearbeitet, ich war häufig gefangen, ich habe viele Schläge erlitten, ich war häufig in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal 40 Geißelhiebe weniger einen erhalten, ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.“

Tausende Kilometer für Christus: Der Wanderprediger Paulus nahm viele beschwerliche Reisen auf sich, um seine Überzeugung zu verbreiten. Dabei erlitt er mehrfach Schiffbruch. Seine genauen Routen sind nicht mehr nachzuvollziehen. Sobald es Paulus gelungen war, eine christliche Gemeinde aufzubauen, zog er weiter. Rom war seine letzte Station. Hier wurde er zwischen 64 und 67 n. Chr. hingerichtet.

Tausende Kilometer für Christus: Der Wanderprediger Paulus nahm viele beschwerliche Reisen auf sich, um seine Überzeugung zu verbreiten. Dabei erlitt er mehrfach Schiffbruch. Seine genauen Routen sind nicht mehr nachzuvollziehen. Sobald es Paulus gelungen war, eine christliche Gemeinde aufzubauen, zog er weiter. Rom war seine letzte Station. Hier wurde er zwischen 64 und 67 n. Chr. hingerichtet.

Was wie eine gewaltige innere Unruhe aussieht, bewertet Paulus-Kenner Pilhofer als weltumspannenden Plan: „Paulus wollte alles von Damaskus bis Spanien missionieren. Darauf hat er sich früh festgelegt. Allein schon dieser kühne Plan zeigt die Weite seines Denkens.“

Wenn am Ende seiner Reise die ganze damalige Welt mit der Botschaft Jesu Christi versorgt sei, so Paulus, wäre auch das Ende der Welt erreicht und das Reich Gottes komme. Doch Paulus kam nicht bis Spanien, und Rom hat er nur als Gefangener betreten. Für die Jerusalemer Kollekte hatte Paulus in all seinen Gemeinden gesammelt, sie sollte ja die Einheit der neuen, heidenchristlichen Gemeinschaften mit der Jerusalemer judenchristlichen Muttergemeinde symbolisieren. Über die Jahre war offenbar eine solche Summe zusammengekommen, daß Paulus sie selbst überbringen wollte – trotz Bedenken, denn er fürchtete Übles von den „falschen Brüdern“.

So kam es denn auch. In Jerusalem wurde er von seinen jüdischen Kontrahenten diffamiert: Er habe einen Heidenchristen zu weit in den Jerusalemer Tempel geführt. In den ausbrechenden Tumult griffen die römischen Besatzer ein, inhaftierten den Unruhestifter. Paulus hatte ausgespielt: Seine Mission war nicht zum Ende gekommen, und nach mehreren Jahren Haft wurde er nach Rom geschickt. Daß es dort zu einer regulären Gerichtsverhandlung unter Vorsitz des Kaisers Nero kam, ist eher unwahrscheinlich. Vermutlich erlitt Paulus – wie Petrus – bei der ersten römischen Christenverfolgung den Märtyrertod. Im Jahr 64 nämlich brannte Rom. Dem Gerücht (und den Schulbüchern) zufolge, hatte Nero nachts – obwohl offiziell verreist – die Stadt angesteckt. Er brauchte einen Sündenbock und ließ die offenbar schon zahlreichen Anhänger des „neuen Aberglaubens“, so die offizielle Einschätzung des Christentums, stellvertretend büßen.

Türöffner in der Hauptstadt

Die Christen waren, eine Generation nach dem Tod ihres Namensgebers, aus dem Hinterhof des Imperiums in der Metropole angekommen – und zwar so massiv, daß sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Auch wenn die römischen Gemeinden nicht von Paulus organisiert wurden, hat er sie doch indirekt durch die Öffnung des christlichen Glaubens für alle Völker, ohne die beengenden Vorschriften des Judentums, mit initiiert. Er war ja nicht der einzige Verkünder des Jesus, es gab landauf landab Konkurrenten und Richtungskämpfe. Mal wird Paulus der Irrlehre verdächtigt, mal warnt er vor falschen Aposteln und alten Götzen. Es müssen zahlreiche Wanderprediger mit dem Programm „Jesus Christus“ unterwegs gewesen sein, denn in Ägypten, Nordafrika und am Schwarzen Meer wuchsen teilweise große christliche Gemeinden, ohne daß die Forscher sagen können, wer den neuen Glauben dorthin gebracht hat. Jens Schröter: Unser Wissen über die frühen Entwicklungen des Christentums ist höchst lückenhaft.“ Archäologische Belege gibt es keine.

In der ständig wachsenden kulturellen Weite des römischen Imperiums konkurrierten Geist, Ideen und Idole aus aller Welt. Römische Schriftsteller beklagten die Invasion fremder Götter – Christus war nur einer davon. Der griechische Dionysos, die ägyptische Isis, der persische Mithras, die kleinasiatische Artemis – sie alle infiltrierten das Reich. Und was in der hellenistischen Welt des Ostens gut ankam, war bei den hellenophilen Römern ebenfalls „in“. Religionsforscher listen 4000 Götter auf.

Und dann kam, peu à peu, diese neue Gotteslehre aus Galiläa dazu – weitergetragen von Überzeugungstätern wie Paulus. Dessen Arbeitsweise ist vermutlich beispielhaft für die vielen Verkünder des ersten Jahrhunderts. Paulus’ Anlaufstelle in einer fremden Stadt war zunächst die Synagoge, wo er in der hellenistisch geprägten Welt des östlichen Mittelmeerraums stets weltoffene Juden als Ansprechpartner fand, die sich mehr an der örtlichen Synagoge als am strengen, aber fernen Tempel in Jerusalem orientierten. Daneben hatte jede jüdische Gemeinde einen Kreis von Sympathisanten, die „Gottesfürchtigen“. Sie gingen mit der Ethik und dem Monotheismus der Juden konform, akzeptierten aber nicht die strikte Abgrenzung gegen andere Völker und die strengen Gesetze der Thora. Und sie wichen vor dem letzten Schritt, der Beschneidung, zurück. Das war eine endgültige und – etwa im Bad – sichtbare Entscheidung, die einem städtischen Beamten oder Soldaten nur Scherereien einbrachte: Die Juden waren in römischen Augen Störenfriede und Aufwiegler. Ihnen war Paulus hochwillkommen mit seinem Versprechen, daß man sehr wohl den Einen Gott verehren könne, ohne sich beschneiden zu lassen.

Dazu gab es noch die Verheißung: Der Mensch ist zwar ein Sünder und kann diesem Zustand von allein nicht entrinnen, doch Jesus Christus kann den Menschen aus dieser Sklaverei befreien. Christus ist deshalb der Menschen Erlöser. „Das war das Stichwort des ersten Jahrhunderts“, bringt Pilhofer das neue, das christliche Angebot auf den Punkt, das Paulus rastlos verkündete. So formten sich Kerne neuer christlicher Gemeinschaften, die die weitere Missionierung der Region übernahmen, während Paulus schon wieder weitergeeilt war. Die frühchristlichen Gemeinden des ersten Jahrhunderts trafen sich in Privathäusern und lasen das Alte Testament in griechischer Sprache, das sie als christliches Buch verstanden, als Weissagung von Geschehnissen, an denen sie – jetzt – selbst teilnahmen. Die korinthische Gemeinde versammelte sich täglich im Haus des reichen Bürgers Erasthos, der das obligatorische Abendmahl wohl finanzierte. In diesem Rahmen wurden alte Texte wie die jüdische Bibel und neue Texte, wie der Paulusbrief an die Gemeinde, gelesen und diskutiert. Eine Frontal-Predigt gab es nicht. „Man sollte nicht von einem Gottesdienst reden, sondern eher von einer Vereinsversammlung“, meint Pilhofer.

Mittelmeer in Christenhand: Heute läßt sich nicht mehr nachvollziehen, wie das Christentum den Weg nach Ägypten, Nordafrika und zum Schwarzen Meer fand. Fest steht, daß es bereits im 3. Jahrhundert rund ums Mittelmeer viele Anhänger gab, die aber immer wieder verfolgt wurden. 380 n. Chr. erklärte dann Theodosius I. das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion.

Mittelmeer in Christenhand: Heute läßt sich nicht mehr nachvollziehen, wie das Christentum den Weg nach Ägypten, Nordafrika und zum Schwarzen Meer fand. Fest steht, daß es bereits im 3. Jahrhundert rund ums Mittelmeer viele Anhänger gab, die aber immer wieder verfolgt wurden. 380 n. Chr. erklärte dann Theodosius I. das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion.

Der gläubige Wissenschaftler ist seit 30 Jahren archäologisch wandernd auf den Spuren, Straßen und in Städten des Paulus im gesamten Ägäis-Raum unterwegs. Er ist souverän genug, um – neben der spirituellen Anziehungskraft der christlichen Botschaft – auch ganz profane Dinge in seine Betrachtung der frühen Christenheit einzubeziehen: etwa die soziale und ökonomische Attraktivität dieser neuen Bewegung. Im römischen Weltreich gab es zum Beispiel Vereine zuhauf, die sich meist dem Kult einer Gottheit verschrieben hatten – etwa der Athener Verein der Iobakchen, der sich der Verehrung des weinseligen Gottes Bacchus widmete. Dessen in Stein gemeißelte Gründungsurkunde ist erhalten. Pilhofers Mitarbeiterin Eva Ebel hat sie analysiert: Demnach mußte ein neues Mitglied stolze 50 Denare Einstandsgebühr entrichten, auch für das monatliche Treffen inklusive Mahl und das alljährliche Fest des Gottes mußte bezahlt werden. Dem neu gewählten Priester, sprich Vorsitzenden, verlieh das Amt bürgerschaftliches Ansehen. Das benötigte der Athener Herodes Atticus dringend, denn er hatte sich bei der Bevölkerung gerade unbeliebt gemacht: Er widersetzte sich dem Testament seines Vaters, das eine jährliche Geldzahlung an jeden Athener Bürger vorsah.

Auf Malta machte Paulus wegen eines Schiffbruchs Station: In den Katakomben von Rabat soll er gelehrt und geheilt haben.

Auf Malta machte Paulus wegen eines Schiffbruchs Station: In den Katakomben von Rabat soll er gelehrt und geheilt haben.

Paulus, ein Vereinsmeier?

Neben religiösen Brüderschaften gab es Sterbehilfevereine, bei denen Arme und Freigelassene einzahlten, die ihr künftiges Begräbnis nicht finanzieren konnten – eine wichtige Hilfe für die auf würdige Beerdigungen fixierten Römer. Schließlich sind anhand von Inschriften berufsständische Vereinigungen nachzuweisen, etwa die Innung der Silberschmiede in Ephesus. „In jedem Dorf gab es irgendeinen Verein“, übertreibt Pilhofer, und jeder hatte meist einmal im Monat eine Versammlung, auf der gegessen und getrunken wurde und auf der man Gleichgesinnte traf. Was machte da den neuen Paulus-Verein so interessant?

Ganz banal: Das Abendmahl war keine Oblatengabe mit einem Tropfen Wein, sondern ein richtiges Essen. Es bot häufiger als andernorts die Möglichkeit, sich weitgehend kostenlos satt zu essen. Es gab keine sozialen Schranken, jeder durfte kommen. Im Gegensatz zu den anderen Vereinigungen waren auch Frauen zugelassen. Und: Die bedingungslose gegenseitige Unterstützung in Notfällen war für diese Zeit ungewöhnlich.

Die mythischen Elemente der neuen Botschaft wirkten dagegen altbacken. Die Rückkehr aus dem Totenreich hatten schon der Held Herakles und der Sänger Orpheus geschafft. Zum Himmel gefahren waren auch Troja-Kämpfer Achill und Rom-Gründer Romulus. Erlösung im Jenseits versprachen die Götter Dionysos und Mithras ebenfalls. Die Unsterblichkeit der Seele war eine griechische Idee. Und die Verehrung nur eines Gottes war in der damaligen Welt latent vorhanden, seitdem der ägyptische Pharao Echnaton 1400 Jahre vorher versucht hatte, den Monotheismus einzuführen.

„Vieles in den jüdisch-christlichen Vorstellungen war antikes Gemeingut“, konzidiert Jens Schröter. Das sei auch nicht verwunderlich, „da die hellenistisch-römische Welt ein zusammenhängender geistig-kultureller Raum war, in dem es den Austausch von Ideen und Annäherungen von religiösen Vorstellungen gab.“ Das Spezifikum der jüdischen Religion, so Schröter weiter, „ist der Glaube an den Einen Gott, dem man sich in exklusiver Weise verpflichtet weiß“ – also keine Abhängigkeiten von vielen, im Zweifel mißgünstigen Göttern. Die Christen bekennen sich zu dem gleichen Gott, „nur, daß in Jesus eben die Fortsetzung der Heilsgeschichte gesehen wurde“. Zudem kam bei den Christen die Nächstenliebe hinzu und die Solidarisierung Gottes mit den Armen und Schwachen dieser Welt.

Es gab also mehrere Gründe für die Menschen im ersten Jahrhundert, sich diese neue Religion genauer anzuschauen, die eigentlich gar nicht gewollt war. Die Entwicklung des frühen Christentums läßt sich aus der Apostelgeschichte des Neuen Testaments, den Paulus-Briefen und  – ab etwa 100 – auch aus römischen Quellen nachzeichnen. Die Gemeinden wuchsen offenbar rasch und wurden vielerorts zu ökonomischen Schwergewichten.

Mehr Christen – weniger Geld

Die inschriftlich gesicherten Silberschmiede von Ephesus zum Beispiel zettelten eine nicht genehmigte Großdemonstration im Theater an, weil sie durch die Christen einen erheblichen Umsatzeinbruch erlitten: Keiner kaufte mehr ihre Devotionalien für die Artemis von Ephesus. Die Apostelgeschichte berichtet von der Begebenheit im Stil einer Boulevardzeitung.

Amtlich wird der ökonomische Druck durch die Christen in einem Schreiben von Gaius Plinius, dem römischen Legaten von Bithynien und Pontos in der Schwarzmeerregion um 112, an seinen Kaiser Traian: Die Tempel seien „beinahe schon verödet“, die Rituale schon „lange ausgesetzt“, und für das Opferfleisch fände „sich nur ganz selten noch ein Käufer“. Die hier angesprochenen christlichen Gemeinden, so Pilhofer, „kennen wir nicht einmal mit Namen, wir können nicht sagen, das war in der und der Stadt“. Gemeinden, die einen solchen ökonomischen Einfluß ausübten, bestanden sicher nicht aus 10 oder 20 Mitgliedern, „das ging dann wohl schon in die Hunderte“. Und das in einer Zeit, in der die römische Repression gegenüber den Anhängern dieses „neuen Aberglaubens“ ständig wuchs. Eine anonyme Denunziation als Christ reichte zur Inhaftierung, und allein schon das Christsein zog die Todesstrafe nach sich. Bis 311 gab es immer neue, teilweise massive Christenverfolgungen im gesamten Römischen Reich. Dennoch, so wagen Wissenschaftler eine Schätzung, lebten im Osten des Imperiums um 300 etwa fünf bis sechs Millionen Christen, dreimal so viele wie im Westen. Mit Kaiser Konstantin wurde das Christentum zur geduldeten, 325 zur einzigen staatlich geförderten Religion, 380 unter Kaiser Theodosius zur alleinigen Staatsreligion.

Wenn man heute von „abendländischen Werten“ und „westlicher Leitkultur“ spricht, werden diese Schlagworte oft mit „christlichen Werten“ übersetzt. Zu Recht? Jens Schröter zählt auf: „Die Idee der Menschenwürde – daß also jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Status oder Herkunft, eine ihm zustehende Würde hat – ist ein deutlich aus jüdisch-christlicher Vorstellung stammender Gedanke.“ Auch die Achtung des anderen, der gegenseitige Respekt, also das, was man als Toleranz zusammenfaßt, ist demnach stark in der jüdisch-christlichen Tradition verankert. Und die Idee der Freiheit hat ihren Nährboden ebenfalls dort. „In der Aufklärung“, betont Jens Schröter, „ist dieses einst religiös fundierte Gedankengut säkularisiert worden und hat Eingang gefunden auch in die Verfassung von Staaten, die sich nicht auf eine christliche Basis berufen.“

* * * * * * *

Info-Kasten aus demselben Artikel:

Gut zu wissen: Das neue Testament

Das Neue Testament umfaßt 27 Schriften in griechischer Sprache: 4 Evangelien, 21 Briefe, die Apostelgeschichte und die Johannesapokalypse. Zusammen mit der jüdischen Bibel – dem Alten Testament – bilden sie die christliche Bibel.

Die erste Generation der christlichen Gemeinschaft kam mit den Erzählungen der „Jesus-Tatzeugen“ aus. Mit deren Tod entstand eine Überlieferungslücke und das Bedürfnis, die Botschaft schriftlich festzuhalten. Die Paulus-Briefe wurden schon zu dessen Lebzeiten abgeschrieben und weitergereicht. Markus verfaßte sein Evangelium um 75, Matthäus schrieb seine Botschaft vom Wirken Jesu zwischen 80 und 90 nieder. Lukas stellte das nach ihm benannte Evangelium und sein zweites Werk, die Apostelgeschichte, zwischen 80 und 100 zusammen. Jedes Evangelium war zunächst ein eigenständiger Bericht über Leben und Wirken Jesu und speiste sich aus verschiedenen Strängen der mündlichen Überlieferung. Deshalb finden sich in den Evangelien widersprüchliche Darstellungen mit unterschiedlichen Akzentuierungen und Inhalten. Jesus selbst hat keine einzige Zeile hinterlassen.

Es gab rund 70 andere Schriften, die jedoch nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden. Hinzu kommen die sogenannten apokryphen Schriften, die die Lücken in den großen Evangelien mit legendenhaften Erzählungen füllen, etwa zur Kindheit und Jugend Jesu.

Eine Herausforderung an die Theologen stellen die „pseudepigraphischen Briefe“ dar – Sendschreiben, die unter renommiertem, aber falschem Namen lanciert wurden: 10 der insgesamt 21 Briefe im Neuen Testament gelten als Fälschungen. Derlei Kuckuckseier waren nicht nur in der jüdischen Tradition üblich, sondern ganz allgemein in der Antike, wenn einem Bericht besonderes Gewicht und erhöhte Glaubwürdigkeit verliehen werden sollte. Wie aber Christen mit ihrem hohen Wahrheitsethos so viele gefälschte Briefe verfassen konnten, bleibt rätselhaft.

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2 Kommentare

  1. Deep Roots

     /  Januar 7, 2017

    Hier ist mein Einleitungskommentar, den ich am 28. September 2011 im Originalstrang auf „As der Schwerter“ zu diesem Artikel geschrieben und später auch im Nachveröffentlichungsstrang auf Nord-Licht gepostet habe:

    Daß Paulus – wie Jens Schröter meint – „keine neue Religion etablieren wollte, sondern seine Mission als Reformation des jüdischen Glaubens betrachtete“, lese ich aus diesem Artikel eben nicht heraus. Dann hätte er sich doch nicht gerade an die Spitze der ersten frühchristlichen Gemeinde außerhalb Palästinas gesetzt, in der diese neue Bewegung mit dem Namen „Christen“ eine eigene Identität als neue Religion erhielt, und er hätte sich auch nicht so spezifisch um die Gewinnung ethnischer Nichtjuden für diesen Glauben bemüht und durchgesetzt, daß diese „Heidenchristen“ überhaupt aufgenommen werden durften, ohne die spezifisch jüdischen Religionsgebote einhalten zu müssen.

    Daß seine „konservativen Jerusalemer Kollegen“ (wohl die anderen Apostel) dies als solch einen Affront empfanden und nur gegen Zusicherung einer großen Kollekte in allen neuen Gemeinden zustimmten, läßt auf zweierlei schließen:

    1) Die Lehre Christi war womöglich wirklich nicht „für die Völker“ gedacht, sondern als bloße Reformation des Judentums, und das sahen sowohl Jesus als auch seine Apostel so;
    2) Die Jünger Jesu waren nicht so weitblickend wie Paulus, der nach seiner von jüdischem Eiferertum motivierten Christenverfolgung im Jahr 33 erkannt haben dürfte, daß das Christentum die Möglichkeit bot, den Goyim eine Art Halb-Judentum unterzuschieben, wodurch diese
    a) den Gott der Juden auch als den ihren betrachten würden;
    b) die besondere Beziehung der Juden zu diesem Gott als dessen „auserwähltes Volk“ verinnerlichen würden;
    c) ihre weitere Geschichte als Christen als Fortsetzung der jüdischen Heilsgeschichte betrachten würden; die Juden wären dann ihre „älteren Brüder“;
    d) sich einer universalen gemeinsamen Identität zugehörig fühlen würden, hinter der ihre jeweilige ethnische Identität als zweitrangig zurückstehen würde, was ein Vorteil für die Akzeptanz der jüdischen Gemeinschaften wäre, die – wie auch aus dem Artikel erkennbar wird – bereits in der damaligen römischen Mittelmeerwelt eine bedeutende Diaspora entwickelt hatten (und nicht erst nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem durch die Römer!). Parallelen dazu sollte es später im Islam geben, bei dem die moslemische „Ummah“ theoretisch Vorrang vor der jeweiligen Volkszugehörigkeit der Gläubigen haben sollte.

    Von daher also die Bekehrung des Saulus zum Paulus, wobei man sich vorstellen kann, daß Paulus das, was er verkündete, auf einer gewissen Ebene selbst glaubte (Kevin MacDonald erwähnt u. a. in „Culture of Critique“ die jüdische Fähigkeit zur Selbsttäuschung, d. h. das, was sie den Goyim einreden wollen, vordergründig selber zu glauben, und dadurch überzeugender zu wirken). Angesichts der oben geschilderten maßgeblichen Rolle von Paulus bei der Verbreitung und Darstellung des Christentums im außerjüdischen Raum und des Umstands, daß von Jesus selbst überhaupt keine Zeile erhalten ist, sondern nur das, was seine Apostel und Paulus – lauter Juden – über ihn und seine Lehre geschrieben haben, ist die Behauptung, daß das Christentum eine jüdische Erfindung ist, gar nicht so weit hergeholt.

    Nun erhebt sich aber die Frage: wenn das Christentum wirklich ein jüdisches Projekt war, das die Goyim im jüdischen Interesse kulturell umformen sollte, warum dann der bis heute anhaltende Hass der Juden gegen das Christentum?

    Dazu fallen mir drei Erklärungen ein:

    – die Weitsichtigkeit dieses Paulus-Projekts erschloß sich den meisten Juden nicht;
    – diese Feindschaft war notwendig als Abgrenzung, damit nicht zu viele Juden selber zu der neuen Lehre überliefen, und
    – es kann gut sein, daß diese neue Religion auf dem Nährboden der europäischen Psyche im Laufe der Jahrhunderte doch zu etwas anderem mutierte, als deren Gründer sich gewünscht hätten.

    Typisch ist wieder einmal die Leier von Michael Zick und Jens Schröter, daß die „abendländischen Werte“ und die „westliche Leitkultur“ mit allem Guten, Humanen und Freiheitlichen darin der „jüdisch-christlichen“ Vorstellungswelt zu verdanken seien.

    Hierzu seien nur die ersten beiden Absätze aus Irmin Vinsons Holocaust-Gedenken zitiert:

    Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ schließt mit einem sentimentalen Sinnspruch, der als Zitat aus dem Talmud ausgegeben wird: „Wer immer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Diese Erklärung humanen Universalismus’ spricht viele an, und sie wurde ein Teil der Publicity-Kampagne für den Film, aber sie ist nicht wirklich jüdisch. Wie der Historiker Peter Novick in seinem informativen „The Holocaust in American Life“ berichtet, „spricht die traditionelle Version, diejenige, die in allen orthodoxen Yeshivot unterrichtet wird, davon, ‚wer immer ein Leben von Israel rettet’.“ Der traditionelle talmudische Text steht somit in krassem Gegensatz zu Spielbergs Sinnspruch. Ein jüdisches Leben zu retten („ein Leben von Israel“), heißt, die ganze Welt zu retten, denn in Jehovas Augen sind jüdische Leben unendlich kostbar, und nichtjüdische Leben sind es nicht. Weit davon entfernt, die Brüderlichkeit aller Menschen zu lehren, lehrt der Talmud eine so absolute jüdische Vorrangstellung, daß ein einziges jüdisches Leben für so wertvoll erachtet wird wie die Gesamtheit aller anderen Leben. [1]

    Der Talmud, das heiligste Dokument des Judentums, existiert in zwei bedeutenden Rezensionen. Der anscheinend universalistische Text, den „Schindlers Liste“ zitiert, erscheint im Jerusalemer Talmud, der auffallend ethnozentrische Text im maßgeblichen Babylonischen Talmud. Letzterer, der wahre Talmud, enthält den definitiven Text, der in allen orthodoxen religiösen Schulen gelehrt wird und von Generationen lerneifriger junger Juden auswendig gelernt wurde, aber man braucht nicht einmal einen Moment lang nachzudenken, um auf die praktische Unmöglichkeit draufzukommen, in einem an ein nichtjüdisches Publikum gerichteten Film einen talmudischen Aphorismus zu verwenden, der nichtjüdische Leben so deutlich abwertet. Spielberg entschied sich statt dessen wohlweislich dafür, den Judaismus als einen universalistischen Glauben mit einer extravaganten Haltung zum Wert jedes einzelnen Lebens zu präsentieren, eine semitische Sorte von Christentum. Er erteilte keine jüdische moralische Lektion, sondern brachte vielmehr ein übertriebenes Stück christlichen Humanismus, talmudische Weisheit, die für die Bildung von Nichtjuden auf den Kopf gestellt wurde und die deren religiöse Traditionen reflektiert, nicht seine eigenen. [2]

    Auch sonst gibt Vinsons Artikel etliche Aufschlüsse über die Gehässigkeit, Verlogenheit, Undankbarkeit, irrationale Paranoia und Arroganz der Juden selbst gegenüber ihren Wohltätern. Über die realen Wurzeln der humanen Züge der europäischen Kultur kann man in Dominique Venners Homer: Die europäische Bibel, Teil 1, Teil 2 und Teil 3 nachlesen.

    Noch ein Link: Die Herabkunft des Islam von Revilo Oliver.

    Antwort
  2. Kruxdie

     /  Januar 8, 2017

    Von Paulus her kommt die Bezeichnung „Paulinismus“ für die vorgeblich christlichen Kirchen.
    https://www.zeitenschrift.com/artikel/apostel-paulus-der-eifrige-pharisaeer#.UqmbtbSTm2U (damit sollte alles klar sein)

    Antwort

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