Die Kultur der Kritik (5): Die Frankfurter Schule für Sozialforschung und die Pathologisierung nichtjüdischer Gruppenloyalitäten

Von Prof. Kevin MacDonald, übersetzt von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“). Das Original „The Culture of Critique“ erschien 1998 bei Praeger Publishers und die mir vorliegende Paperback-Ausgabe 2002 bei 1st Books Library (ISBN 0-7596-7222-9). Ich erhebe keinen Anspruch auf eine wie auch immer geartete Vergütung für die Verwendung dieser Übersetzung durch den Verfasser, Professor Kevin MacDonald, für eine Veröffentlichung in Buchform oder in irgendeiner sonstigen Weise.

(I will not claim any reward whatsoever from the author, Professor Kevin MacDonald, should he publish this translation in printed or any other form)

Zuvor veröffentlicht:

Die Kultur der Kritik: Vorwort von Professor Kevin MacDonald

Die Kultur der Kritik: Vorwort von Professor Kevin MacDonald zur ersten Paperback-Ausgabe

Die Kultur der Kritik (1) – Juden und die radikale Kritik an der nichtjüdischen Kultur: Einführung und Theorie

Die Kultur der Kritik (2) – Die Boas’sche Schule der Anthropologie und der Niedergang des Darwinismus in den Sozialwissenschaften

Die Kultur der Kritik (3) – Juden und die Linke

Die Kultur der Kritik (4): Die jüdische Beteiligung an der psychoanalytischen Bewegung

 

DIE POLITISCHE AGENDA DER FRANKFURTER SCHULE FÜR SOZIALFORSCHUNG

Hass und [der] Geist der Aufopferung… werden eher vom Bild versklavter Vorfahren genährt als von dem befreiter Enkelkinder. (Illuminations, Walter Benjamin 1968, S. 262)

Nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, ist barbarisch. (T. W. Adorno, 1967, S. 34)

Die Kapitel 2 – 4 behandelten mehrere Stränge der Theorie und Forschung jüdischer Sozialwissenschaftler, die von spezifisch jüdischen politischen Interessen beeinflußt zu sein scheinen. Dieses Thema wird im vorliegenden Kapitel mit einer kritischen Betrachtung von Die autoritäre Persönlichkeit fortgesetzt. Dieses klassische Werk über Sozialpsychologie wurde vom Department of Scientific Research des American Jewish Committee (nachfolgend AJCommittee) in einer Serie mit dem Titel Studies in Prejudice gefördert. Studies in Prejudice stand in enger Verbindung mit der sogenannten Frankfurter Schule vorwiegend jüdischer Intellektueller, die mit dem Institut für Sozialforschung verbunden war, welches in der Weimarer Zeit in Deutschland entstand. Die erste Generation der Frankfurter Schule waren vom ethnischen Hintergrund her lauter Juden, und das Institut für Sozialforschung selbst wurde von einem jüdischen Millionär, Felix Weil, finanziert (Wiggershaus 1994, S. 13). Weils Bemühungen als „Patron der Linken“ waren außerordentlich erfolgreich: Bis zu den frühen 1930ern war die Universität von Frankfurt zu einer Bastion der akademischen Linken geworden und zu „dem Ort, wo alles interessante Denken auf dem Gebiet der Gesellschaftstheorie konzentriert war“ (Wiggershaus 1994, S. 112). Während dieser Zeit wurde die Soziologie als „jüdische Wissenschaft“ bezeichnet, und die Nazis betrachteten schließlich Frankfurt selbst als ein „neues Jerusalem am fränkischen Jordan“ (Wiggershaus 1994, S. 112 – 113).

Die Nazis nahmen das Institut für Sozialforschung als kommunistische Organisation wahr und schlossen es innerhalb sechs Wochen nach Hitlers Machtergreifung, weil es „staatsfeindlichen Aktivitäten Vorschub geleistet“ hatte (in Wiggershaus 1994, S. 128). Selbst nach der Auswanderung des Instituts in die Vereinigten Staaten wurde es weithin als kommunistische Tarnorganisation mit einer dogmatischen und tendenziösen marxistischen Sichtweise wahrgenommen, und es gab einen ständigen Balanceakt im Versuch, die Linke nicht zu verraten, „während man sich gleichzeitig gegen entsprechende Verdächtigungen wehrte“ (Wiggershaus 1994, S. 251; siehe auch S. 255).112

Gershom Sholem, der israelische Theologe und Religionshistoriker, bezeichnete die Frankfurter Schule als „jüdische Sekte“, und es gibt viele Hinweise auf eine sehr starke jüdische Identifikation vieler Mitglieder der Schule (Marcus & Tar 1986, S. 344). Studies in Prejudice stand unter der allgemeinen Redaktion von Max Horkheimer, einem Direktor des Instituts. Horkheimer war ein sehr charismatischer „‚Manager-Gelehrter’, der seine Kollegen ständig daran erinnerte, daß sie ein paar wenigen Auserwählten angehörten, in deren Händen die weitere Entwicklung der ‚Theorie’ lag“ (Wiggershaus 1994, S. 2). Horkheimer hatte eine starke jüdische Identität, die sich in seinen späteren Schriften zunehmend zeigte (Tar 1977, S. 6; Jay 1980). Jedoch war Horkheimers Engagement für den Judaismus, wie durch das Vorhandensein spezifisch jüdischer religiöser Themen belegt ist, selbst in seinen Schriften als Jugendlicher und junger Erwachsener ersichtlich (Maier 1984, S. 51). Am Ende seines Lebens akzeptierte Horkheimer seine jüdische Identifikation völlig und verwirklichte eine große Synthese zwischen Judaismus und Kritischer Theorie (Carlebach 1978, S. 254 – 257). (Kritische Theorie ist der Name für die theoretische Perspektive der Frankfurter Schule.) Als Hinweis auf sein tiefes Gefühl jüdischer Identität erklärte Horkheimer (1947, S. 161), daß es das Ziel der Philosophie sein muß, die jüdische Geschichte zu rechtfertigen: „Die anonymen Märtyrer der Konzentrationslager sind das Symbol für die Menschheit, die danach strebt, geboren zu werden. Die Aufgabe der Philosophie ist es, das, was sie getan haben, in eine Sprache zu übersetzen, die gehört wird, auch wenn ihre endlichen Stimmen von der Tyrannei zum Schweigen gebracht worden sind.“

Tar (1977, S. 60) beschreibt Horkheimers Inspiration als aus seinem Versuch stammend, den Judaismus hinter sich zu lassen, während er trotzdem an den Glauben seiner Väter gebunden blieb. Es überrascht nicht, daß es eine Entfremdung von der deutschen Kultur gibt:

Wenn ich gerade aus meinem Heimatland Palästina eingetroffen wäre und in erstaunlich kurzer Zeit die Ansätze zum Schreiben auf Deutsch gemeistert hätte, so hätte dieser Essay nicht schwieriger zu schreiben sein können. Der Stil hier trägt nicht den Stempel eines gewandten Genies. Ich versuchte mit Hilfe dessen, was ich las und hörte, zu kommunizieren, unterbewußt Bruchstücke einer Sprache zusammensetzend, die einer seltsamen Mentalität entspringt. Was sonst kann ein Fremder tun? Aber mein starker Wille setzte sich durch, weil meine Botschaft verdient, gesagt zu werden, ungeachtet ihrer stilistischen Mängel. (Horkheimer, My Political Confession, in Tar 1977, S. 60)

T. W. Adorno, der erste hier betrachtete Autor der berühmten Studien aus Berkeley über die autoritäre Persönlichkeit, war ebenfalls ein Direktor des Instituts, und er hatte eine sehr enge berufliche Beziehung zu Horkheimer, die so weit ging, daß Horkheimer über ihre Arbeit schrieb: „Es wäre schwierig zu sagen, welche der Ideen seinem Geist entsprangen und welche meinem eigenen; unsere Philosophie ist eins“ (Horkheimer 1947, S. vii). Jüdische Themen traten ab 1940 in Adornos Schriften als Reaktion auf den Antisemitismus der Nazis zunehmend hervor. Tatsächlich kann viel von Adornos späterem Werk als Reaktion auf den Holocaust betrachtet werden, wie von seinem berühmten Kommentar versinnbildlicht: „Nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, ist barbarisch“ (Adorno 1967, S. 34) und von seiner Frage, „ob man nach Auschwitz mit dem Leben weitermachen kann – insbesondere einer, der durch Zufall entkommen ist, der von Rechts wegen hätte getötet werden sollen“ (Adorno 1973, S. 363). Tar (1977, S. 158) merkt an, daß der Sinn des ersteren Kommentars der sei, daß „kein Studium der Soziologie möglich sein konnte, ohne über Auschwitz nachzudenken und ohne sich darum zu kümmern, neue Auschwitzes zu verhindern.“ „Die Erfahrung von Auschwitz wurde in eine absolute historische und soziologische Kategorie verwandelt“ (Tar 1977, S. 165). Es gab offenkundig ein intensives jüdisches Bewußtsein und ein Engagement für das Judentum unter jenen, die am meisten für diese Studien verantwortlich waren.

In Kapitel 1 wurde festgehalten, daß seit der Aufklärung viele jüdische Intellektuelle sich an der radikalen Kritik an der nichtjüdischen Kultur beteiligt haben. Horkheimer nahm sehr bewußt eine innige Verbindung zwischen jüdischer Assimilation und der Kritik an der nichtjüdischen Gesellschaft wahr und erklärte einmal: „Assimilation und Kritik sind nur zwei Momente in demselben Emanzipationsprozeß“ (Horkheimer 1974, S. 108). Ein ständiges Thema von Horkheimers und Adornos Kritischer Theorie war die Umgestaltung der Gesellschaft gemäß moralischer Prinzipien (Tar 1977). Es gab von Anfang an eine Ablehnung der wertfreien sozialwissenschaftlichen Forschung („des Faktenfetischismus“) zugunsten des grundsätzlichen Vorrangs einer moralischen Perspektive, nach der gegenwärtige Gesellschaften, einschließlich kapitalistischer, faschistischer und schließlich stalinistischer Gesellschaften, in Utopias des Kulturpluralismus umgewandelt werden sollten.

Tatsächlich entwickelte die Kritische Theorie lange vor Studies in Prejudice die Idee, daß positivistische (d. h., empirisch orientierte) Sozialwissenschaft ein Aspekt der Herrschaft und Unterdrückung sei. Horkheimer schrieb 1937: „Wenn die Wissenschaft als Ganzes der Führung der Empirie folgt und der Intellekt auf sein beharrliches und selbstbewußtes Sondieren des wirren Gestrüpps an Beobachtungen verzichtet, um mehr über die Welt ans Licht zu bringen als selbst unsere wohlmeinende Presse, dann wird sie passiv an der Aufrechterhaltung der universalen Ungerechtigkeit teilnehmen“ (in Wiggershaus 1994, S. 184). Der Sozialwissenschaftler muß daher ein Kulturkritiker sein und eine Einstellung des Widerstands gegen zeitgenössische Gesellschaften annehmen.

Die unwissenschaftliche Natur des Unterfangens ist auch in seinem Umgang mit Meinungsverschiedenheiten in den Reihen des Instituts zu erkennen. Über Walter Benjamins Werk schrieb Adorno zustimmend: „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß sein Werk nichts enthalten wird, das nicht vom Standpunkt des dialektischen Materialismus verteidigt werden kann“ (in Wiggershaus 1994, S. 161; kursiv im Text). Erich Fromm wurde in den 1930ern aus der Bewegung entfernt, weil sein linker Humanismus (der die autoritäre Natur der Beziehung zwischen Psychoanalytiker und Patient anklagte) nicht mit dem linken Autoritarismus vereinbar war, der ein integraler Teil der gegenwärtigen Linie von Horkheimer und Adorno war: „[Fromm] nimmt den leichten Ausweg aus dem Konzept der Autorität, ohne das immerhin weder Lenins Vorreiterrolle noch Diktatur vorstellbar ist. Ich rate ihm sehr, Lenin zu lesen… Ich muß dir sagen, daß ich in diesem Artikel zu der Linie, die das Journal einnimmt, eine echte Bedrohung sehe“ (Adorno, in Wiggershaus 1994, S. 266).

Fromm wurde aus dem Institut ausgeschlossen, obwohl seine Position zu den linksradikalsten gehörte, die aus dem psychoanalytischen Lager hervorgehen sollten. Während seiner ganzen Karriere blieb Fromm die Verkörperung der psychoanalytischen Linken und ihrer Sicht, daß die bourgeois-kapitalistische Gesellschaft und der Faschismus die Folge grober Verzerrungen seien (und diese zuverlässig reproduzierten) (siehe Kap. 4). In ähnlicher Weise wurde Herbert Marcuse ausgeschlossen, als seine orthodox marxistischen Ansichten von der sich entwickelnden Ideologie von Adorno und Horkheimer abzuweichen begannen (siehe Wiggershaus 1994, S. 391 – 392).113

Diese Trends zum Ausschließen sind auch in den abgebrochenen Plänen zur Neugründung des Institutsjournals in den 1950ern erkennbar. Es wurde entschieden, daß es zu wenige Beitragsautoren auf der Linie Horkheimer-Adorno gab, um ein Journal zu tragen, und die Pläne scheiterten (Wiggershaus 1994, S. 471). Während seiner ganzen Geschichte bedeutete die Mitgliedschaft im Institut die Übernahme einer bestimmten Sichtweise und die Unterordnung unter starke Überarbeitung und sogar Zensur der eigenen Arbeiten, um Konformität mit einer klar artikulierten ideologischen Position sicherzustellen.

Wie von einer stark autoritären Bewegung zu erwarten, war das Ergebnis ein spekulatives, philosophisches Schaffenswerk, das letztendlich keinen Einfluß auf die empirisch orientierte Soziologie hatte, obwohl es, wie unten beschrieben, einen tiefgreifenden Einfluß auf die Theorie in den Geisteswissenschaften hatte. (Die autoritäre Persönlichkeit ist in dieser Aussage nicht inbegriffen; sie war sehr einflußreich, hatte aber so etwas Ähnliches wie eine empirische Basis.) Dieses Schaffenswerk qualifiziert sich nicht als Wissenschaft wegen seiner Ablehnung von Experiment, Quantifizierung und Verifizierung und wegen des Vorrangs moralischer und politischer Belange vor der Erforschung der Natur der menschlichen Sozialpsychologie.

Der Vorrang der moralischen und politischen Agenda der Kritischen Theorie ist wesentlich für das Verständnis der Frankfurter Schule und ihres Einflusses. Horkheimer und Adorno lehnten schließlich die klassische marxistische Sicht über die Bedeutung des Klassenkampfes für die Entwicklung des Faschismus zugunsten einer Sichtweise ab, nach der sowohl Faschismus als auch Kapitalismus grundsätzlich mit Dominanz und Autoritarismus zu tun hatten. Weiters entwickelten sie die Theorie, daß gestörte Eltern-Kind-Beziehungen mit Unterdrückung der menschlichen Natur eine notwendige Voraussetzung für Dominanz und Autoritarismus waren.

Dies ist offensichtlich eine Sichtweise, die sehr mit der psychoanalytischen Theorie vereinbar ist, und tatsächlich war die Psychoanalyse ein grundlegender Einfluß auf ihr Denken. Buchstäblich von Anfang an hatte die Psychoanalyse eine angesehene Position innerhalb des Instituts für Sozialforschung, insbesondere unter dem Einfluß von Erich Fromm. Fromm hatte Positionen sowohl im Frankfurter Psychoanalytischen Institut als auch im Institut für Sozialforschung inne, und zusammen mit anderen „Links-Freudianern“ wie Wilhelm Reich und schließlich Marcuse entwickelte er Theorien, die sowohl den Marxismus als auch die Psychoanalyse mit einbezogen, im Wesentlichen durch Konstruktion einer theoretischen Verbindung zwischen der Unterdrückung von Instinkten im Zusammenhang mit Familieninstinkten (oder, wie im Fall von Fromm, der Entwicklung sadomasochistischer und analer Persönlichkeitsmerkmale innerhalb der Familie) und der Entwicklung unterdrückerischer sozialer und wirtschaftlicher Strukturen.

Es ist interessant, daß die Horkheimer-Gruppe, obwohl sie eine sehr starke Feindseligkeit gegenüber empirischer Wissenschaft und der positivistischen Philosophie der Wissenschaft entwickelte, keine Notwendigkeit empfand, die Psychoanalyse aufzugeben. Tatsächlich war die Psychoanalyse „ein zentraler Faktor dabei, Horkheimer und den wichtigsten seiner Mit-Theoretiker das Gefühl zu geben, daß wichtige Einsichten ebenfalls erlangt – oder sogar besser erlangt – werden konnten, indem man die spezialisierten Disziplinen übersprang“ (Wiggershaus 1994, S. 186). Wir werden sehen, daß die Psychoanalyse als nicht empirisch gestützte hermeneutische Struktur (die sich trotzdem als Wissenschaft verkleidete) sich als unendlich plastisches Mittel in den Händen jener erwies, die eine Theorie konstruierten, welche auf die Erreichung rein politischer Ziele ausgerichtet war.

Für Horkheimer und Adorno war die grundsätzliche Verlagerung von der soziologischen auf die psychologische Ebene, die in den 1940ern stattfand, davon motiviert, daß das Proletariat in Deutschland dem Faschismus unterlag und daß in der Sowjetunion der Sozialismus nicht die Entwicklung einer autoritären Regierung verhindert hatte, die keine individuelle Autonomie oder jüdische Gruppeninteressen garantierte (Tar 1977, S. 80; Wiggershaus 1994, S, 137ff, S. 391ff). In der neuen Sichtweise wurde der Autoritarismus als das grundsätzliche Problem betrachtet, dessen Ursprung auf Familieninteraktionen und letztendlich auf die Unterdrückung der menschlichen Natur zurückführbar sei (Tar 1977, S. 87 – 88). Trotzdem ist der formale Umriß der Theorie in philosophischer Form in der früheren Arbeit Studies on Authority and the Family von 1936 erkennbar, ein Werk, das Fromms psychoanalytische Theorie der autoritären „sadomasochistischen“ Familienbeziehungen und ihrer angeblichen Verbindungen zu bourgeoisem Kapitalismus und Faschismus präsentierte.

Diese philosophisch-spekulative Betrachtungsweise des Antisemitismus wurde im Kapitel über den Antisemitismus in Horkheimers und Adornos (1944/1990) Dialektik der Aufklärung verfeinert.114 Zusätzlich dazu, daß es sehr abstrakt und in einer Weise geschrieben ist, die man hegelianisch nennen könnte, ist der Schreibstil auf Behauptungen ausgerichtet: Aussagen über den Antisemitismus werden einfach behauptet, ohne Versuch irgendeiner empirischen Begründung.115 Wie Jacob Katz (1983, S. 40) anmerkt, ist die Frankfurter Schule „nicht für die Genauigkeit ihrer Beurteilung der jüdischen Situation vor dem Aufkommen des Nazismus oder danach bekannt gewesen.“ Jedoch sind viele der dort einfach in philosophischer, spekulativer Weise behaupteten Vorstellungen identisch mit den Theorien des Antisemitismus, die in Die autoritäre Persönlichkeit enthalten sind. Tatsächlich betrachteten die Autoren das Kapitel über den Antisemitismus als theoretische Studie für ihre erhoffte empirische Studie des Antisemitismus (Wiggershaus 1994, S. 324). Die autoritäre Persönlichkeit kann somit als Versuch gesehen werden, diesen philosophischen Theorien des Antisemitismus empirische Unterstützung zu geben, aber die Theorie selbst war im Grunde eine philosophische a-priori-Theorie und wurde von ihren Autoren nicht als der Verifikation oder Falsifizierung unterliegend betrachtet:

Horkheimer schien das Dialektik-Projekt und das Antisemitismus-Projekt als zwei verschiedene Dinge zu betrachten, die miteinander in der Art zusammenhängen, wie eine abstrakte Theorie mit ihrer Anwendung auf ein konkretes Thema, oder in der Art, wie Hegels Logik mit den hegelianischen Philosophien über Geschichte, Recht oder Ästhetik in Zusammenhang steht. Hieß dies nicht, eine Unterscheidung innerhalb des theoretischen und empirischen Forschungsprozesses in eine Unterscheidung zu verwandeln, die die Theorie stillschweigend zur Spekulation machte und sie unabhängig von der für die Wissenschaft angemessenen Empirie machte? Und wurde der empirischen Forschung dadurch nicht ihr Status als Dimension der reflektierten Erfahrung verweigert und sie zu einem Mittel zur Veranschaulichung der Theorie herabgewürdigt?… Eine weitere offene Frage war, ob ihr Enthusiasmus für die Theorie und ihre verächtlichen Bemerkungen über Forschung in spezifischen wissenschaftlichen Disziplinen in Wirklichkeit nicht mehr darstellten als bloße Hinweise auf persönliche Werte und Stimmungen; ob diese nicht einen Einfluß auf die Art hatten, in der ihre wissenschaftliche Arbeit durchgeführt wurde, und auf deren Ergebnisse – insbesondere wenn äußere Einflüsse sie dazu zwangen, beide Dimensionen ernst zu nehmen. (Wiggershaus 1994, S. 320; siehe auch Jay 1973, S. 240, S. 251)

Die nicht-empirische Natur der Theorie des Antisemitismus war auch Adorno klar: „Wir betrachteten die Theorie nie nur einfach als eine Anzahl von Hypothesen, sondern als in gewissem Sinne auf ihren eigenen Füßen stehend, und beabsichtigten daher nicht, sie durch unsere Forschungsergebnisse zu beweisen oder zu widerlegen, sondern aus ihr nur konkrete Forschungsfragen abzuleiten, die dann für sich genommen beurteilt werden und bestimmte vorherrschende sozio-psychologische Strukturen beweisen müssen“ (Adorno 1969a, S. 363). Die Ergebnisse müssen in der Tat für sich selbst genommen beurteilt werden, und wie unten beschrieben, gibt es Grund zur Annahme, daß die zur Verifizierung der Theorie verwendeten Prozeduren weit über die Grenzen der normalen wissenschaftlichen Praxis hinausgingen.

Grundsätzlich resultierten die Studien in Die autoritäre Persönlichkeit aus einem empfundenen Bedürfnis, ein empirisches Forschungsprogramm zu entwickeln, das eine politisch und intellektuell zufriedenstellende a-priori-Theorie des Antisemitismus stützen würde, um ein amerikanisches akademisches Publikum zu beeinflussen. Wie Horkheimer 1943 erklärte: „Als uns bewußt wurde, daß ein paar unserer amerikanischen Freunde von einem Institut der Sozialwissenschaften erwarteten, sich mit Studien über relevante gesellschaftliche Probleme, Feldarbeit und anderen empirischen Forschungsarbeiten zu befassen, versuchten wir diese Anforderungen so gut wir konnten zu erfüllen, aber unser Herz war auf individuelle Studien im Sinne der Geisteswissenschaften und der philosophischen Analyse der Kultur gerichtet“ (in Wiggershaus 1994, S. 252).

Tatsächlich wurde das Ziel der Produktion politischer Propaganda unter Verwendung der Methoden der Sozialwissenschaft selbstbewußt von Horkeimer artikuliert. Daher reagierte Horkheimer begeistert auf die Idee, Verbrecher in die Studie einzubeziehen: „Die Forschung wäre hier in der Lage, sich direkt in Propaganda zu verwandeln, d. h., falls verläßlich bestätigt werden könnte, daß ein besonders hoher Prozentanteil von Kriminellen extreme Antisemiten wären, dann wäre das Ergebnis als solches schon Propaganda. Ich würde auch gern Psychopathen in psychiatrischen Anstalten untersuchen“ (in Wiggershaus 1994, S. 375; kursiv im Text). Beide Gruppen wurden schließlich in die Studie einbezogen.

 

Ein allgemeines Thema in Dialektik der Aufklärung ist, daß Antisemitismus das Ergebnis „des Willens zu zerstören, geboren aus einer falschen Gesellschaftsordnung“ ist (S. 168). Die Ideologie, daß Juden eine Anzahl negativer Charakterzüge haben, ist einfach eine Projektion, die in einem Selbstporträt des Antisemiten resultiert: Antisemiten werfen Juden vor, Macht zu wollen, aber in Wirklichkeit sehnen sich die Antisemiten „nach totalem Besitz und unbegrenzter Macht, um jeden Preis. Sie übertragen ihr Schuldgefühl dafür auf die Juden“ (S. 169).

Es gibt ein Eingeständnis, daß Antisemitismus mit nichtjüdischen Bewegungen für nationalen Zusammenhalt verbunden ist (S. 169 – 170). Der Antisemitismus, der zusammen mit diesen Bewegungen entsteht, wird als Folge des „Drangs zu zerstören“ interpretiert, ausgeführt von „begehrlichen Mobs“, die letztendlich von der herrschenden nichtjüdischen Elite manipuliert werden, um ihre eigene wirtschaftliche Beherrschung zu verbergen. Antisemitismus hat keine Funktion außer um als Mittel zur Entladung des Zorns jener zu dienen, die wirtschaftlich und sexuell frustriert sind (S. 171).

Horkheimer und Adorno behaupten, daß moderner Faschismus im Grunde dasselbe ist wie traditionelles Christentum, weil mit beiden eine Gegnerschaft zur Natur und deren Unterwerfung einhergeht. Während das Judentum eine „natürliche Religion“ blieb, die sich mit nationalem Leben und Selbsterhaltung befaßt, wandte sich das Christentum der Herrschaft und einer Ablehnung alles Natürlichen zu. In einem Argument, das an Freuds Argument in Der Mann Moses und die monotheistische Religion erinnert (siehe Kap. 4), entsteht religiöser Antisemitismus daher aus Hass auf jene, „die nicht das dumpfe Opfer der Vernunft gebracht haben… Die Anhänger der Religion des Vaters werden von jenen gehasst, die die Religion des Sohnes unterstützen – gehasst als jene, die es besser wissen“ (S. 179).

Diese Tendenz, Antisemitismus als im Grunde aus der Unterdrückung der Natur stammend zu interpretieren, spielt eine zentrale Rolle in Studies in Prejudice und insbesondere in Die autoritäre Persönlichkeit.116 Unterdrückung der Natur bewirkt eine Projektion des Selbst auf die Umgebung und insbesondere auf die Juden. „Impulse, die das Subjekt nicht als seine eigenen anerkennen will, obwohl sie das mit völliger Gewißheit sind, werden dem Objekt zugeschrieben – dem zukünftigen Opfer“ (S. 187). Besonders wichtig für diesen Projektionsprozeß sind sexuelle Impulse: „Dieselben sexuellen Impulse, die die menschliche Spezies unterdrückt hat, haben überlebt und die Oberhand behalten – in Individuen und in Nationen – mittels der geistigen Umwandlung der Außenwelt in ein diabolisches System“ (S. 187). Christliche Selbstverleugnung und insbesondere die Unterdrückung des Sex resultieren in Bösem und Antisemitismus durch Projektion.117

Die Psychoanalyse wird als Erklärung dieses Prozesses in einer Weise beschworen, die in ihrer Betonung des unterdrückten Hasses auf den Vater auch die Theorie vorwegnimmt, die in Die autoritäre Persönlichkeit verwertet wird. Aggressive Triebe, die dem Id entstammen, werden durch Handlungen des Über-Ich auf die Außenwelt projiziert. „Die verbotene Handlung, die in Aggression umgewandelt wird, ist im Allgemeinen von homosexueller Natur. Durch Kastrationsängste wird Gehorsam gegenüber dem Vater in bewußter emotionaler Annäherung an die Natur eines kleinen Mädchens in das Extrem einer Vorwegnahme der Kastration überführt, und tatsächlicher Hass auf den Vater wird verdrängt“ (S. 192).

Verbotene Handlungen, denen mächtige Instinkte zugrunde liegen, werden somit in Aggression verwandelt, die dann auf Opfer in der Außenwelt projiziert wird, mit dem Ergebnis, daß „ er andere Individuen aus Neid oder Verfolgung angreift, so wie der unterdrückte Rohling ein Tier jagt oder quält“ (S. 192). Eine spätere Passage verdammt die „Verdrängung der tierischen Natur in wissenschaftliche Methoden zur Kontrolle der Natur“ (S. 193). Beherrschung der Natur, die als von zentraler Bedeutung für Christentum und Faschismus betrachtet wird, entstammt somit letztendlich der Unterdrückung unserer tierischen Natur.

Horkheimer und Adorno versuchen dann, die Rolle der Konformität im Faschismus zu erklären. Sie argumentieren, daß geschlossene nichtjüdische Gruppenstrategien grundsätzlich auf einer Verzerrung der menschlichen Natur beruhen – ein zentrales Thema von Die autoritäre Persönlichkeit. Sie postulieren ein natürliches, nicht konformes, nachdenkliches Selbst in Gegnerschaft zur Gesellschaft, die von Kapitalismus oder Faschismus korrumpiert worden ist. Die Entwicklung großer industrieller Interessen und der Kulturindustrie des Spätkapitalismus haben in den meisten Menschen die innengelenkte, nachdenkliche Kraft zerstört, die „selbstbegreifendes Schuldgefühl“ hervorbringen kann (S. 198), das den zu Antisemitismus führenden Kräften entgegenwirken kann. Diese innengelenkte Besinnung war von der Gesellschaft „emanzipiert“ und sogar gegen die Gesellschaft gerichtet (S. 198), aber unter den oben erwähnten Kräften richtet sie sich blindlings nach den Werten der äußeren Gesellschaft.

Menschen werden somit als von Natur aus als gegen die Konformität seiend dargestellt, die von einer stark zusammenhaltenden Gesellschaft gefordert wird. Wie unten beschrieben, ist ein ständiges Thema von Die autoritäre Persönlichkeit die Vorstellung, daß nichtjüdische Teilnahme an geschlossenen Gruppen mit hohem Maß sozialer Konformität pathologisch ist, während ähnliches Verhalten von Juden hinsichtlich des für das Judentum charakteristischen Gruppenzusammenhalts ignoriert wird. Tatsächlich haben wir gesehen, daß das Judentum in Die Dialektik der Aufklärung als dem Christentum moralisch überlegen dargestellt wird.

Von der nichtjüdischen Elite heißt es dann, daß sie die Situation ausnützt, indem sie die projizierte Feindseligkeit der Massen in den Antisemitismus dirigiert. Juden sind ein ideales Ziel für diese projizierte Feindseligkeit, weil sie all das verkörpern, was im Gegensatz zum Totalitarismus steht: „Glück ohne Macht, Löhne ohne Arbeit, eine Heimat ohne Grenzen, Religion ohne Mythos. Diese Eigenschaften werden von den Herrschern gehasst, weil die Beherrschten sich insgeheim danach sehnen, sie zu besitzen. Die Herrscher sind nur sicher, solange das Volk, das sie regieren, ihre lang ersehnten Ziele in gehasste Formen des Bösen verwandelt“ (S. 199).

Die Schlußfolgerung ist, daß es, wenn die Herrscher den Beherrschten erlauben würden, wie die Juden zu sein, einen fundamentalen Wendepunkt der Geschichte gäbe:

Durch Überwindung dieser Geisteskrankheit, die auf dem Boden der von reflektivem Denken unbefleckten Selbstbehauptung gedeiht, würde sich die Menschheit von einer Anzahl sich bekämpfender Rassen zu der Spezies entwickeln, die selbst in der Natur mehr ist als bloße Natur. Individuelle und soziale Emanzipation von Herrschaft ist die Gegenbewegung zu falscher Projektion, und kein Jude würde dann dem sinnlosen Bösen ähneln, das ihn heimsucht wie alle verfolgten Wesen, seien sie Tiere oder Menschen. (S. 200)

Das Ende des Antisemitismus wird daher als eine Voraussetzung für die Entwicklung einer utopischen Gesellschaft und die Befreiung der Menschheit gesehen – womit die Frankfurter Schule vielleicht der Definition von Utopia am nächsten kam.118 Die vorgestellte utopische Gesellschaft ist eine, in der das Judentum als geschlossene Gruppe fortbestehen kann, in der aber geschlossene, nationalistische, gemeinschaftliche nichtjüdische Gruppen, die auf Konformität gegenüber Gruppennormen beruhen, als Manifestationen von Psychopathologie abgeschafft worden sind.

Horkheimer und Adorno entwickelten die Ansicht, daß es die einzigartige Rolle des Judentums in der Weltgeschichte sei, das Konzept der Abweichung gegenüber den homogenisierenden Kräften zu verteidigen, von denen man dachte, daß sie die Essenz der westlichen Zivilisation darstellten: „Die Juden wurden zum metaphorischen Äquivalent jenes Rests der Gesellschaft, der die Verneinung und das Nicht-Identische bewahrt“ (Jay 1980, S. 148). Das Judentum stellt somit die Antithese zum westlichen Universalismus dar. Der Fortbestand und die Akzeptanz des jüdischen Partikularismus werden zu einer Voraussetzung für die Entwicklung einer utopischen Gesellschaft der Zukunft.

Nach dieser Sicht sind die Wurzeln des Antisemitismus daher in individueller Psychopathologie zu suchen, nicht im Verhalten von Juden. Trotzdem wird ein wenig eingestanden, daß die tatsächlichen Eigenschaften von Juden am historischen Antisemitismus beteiligt sein könnten, aber Horkheimer und Adorno theoretisieren, daß die jüdischen Eigenschaften, die zu Antisemitismus geführt haben, den Juden aufgezwungen wurden. Juden sollen sich den Zorn der unteren Schichten zugezogen haben, weil Juden die Urheber des Kapitalismus waren: „Um des wirtschaftlichen Fortschrittes willen, der sich jetzt als ihr Untergang erweist, waren die Juden immer ein Dorn in der Seite der Handwerker und Kleinbauern, die durch den Kapitalismus deklassiert wurden. Sie erleben jetzt zu ihrem Leidwesen den exklusiven, partikularistischen Charakter des Kapitalismus“ (S. 175). Jedoch wird diese jüdische Rolle als den Juden aufgezwungen gesehen, die bezüglich ihrer Rechte sogar bis ins neunzehnte Jahrhundert völlig von nichtjüdischen Eliten abhingen. Unter diesen Umständen „ ist Kommerz nicht ihre Berufung, er ist ihr Schicksal“ (S. 175). Der Erfolg der Juden stellte dann ein Trauma für die nichtjüdische Bourgeoisie dar, „die vorgeben mußte, kreativ zu sein“ (S. 175); ihr Antisemitismus ist daher „Selbsthass, das schlechte Gewissen des Parasiten“ (S. 176).

Es gibt Hinweise darauf, daß man beim ursprünglichen Antisemitismusprojekt eine durchdachtere Diskussion „jüdischer Charakterzüge“ vorhatte, die zu Antisemitismus führten, zusammen mit vorgeschlagenen Methoden zu deren Überwindung. Jedoch: „Das Thema wurde nie zu einem Teil des Institutsprogramms, vielleicht teilweise aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der meisten Juden gegenüber diesem Thema, und teilweise um zu vermeiden, das Institut dem Vorwurf auszusetzen, es würde aus dem Antisemitismusproblem ein jüdisches Problem machen“ (Wiggershaus 1994, S. 366). Tatsächlich war dem Institut eine Umfrage des Jewish Labor Committee von 1945 unter Amerikanern der Arbeiterklasse wohlbekannt, in denen letztere sich über jüdische Verhaltensweisen im Zusammenhang mit den Arten tatsächlichen Umgangs beschwerten, die zwischen Individuen der Arbeiterklasse und Juden wahrscheinlich waren (siehe SAID Kap. 2). Adorno scheint geglaubt zu haben, daß diese Einstellungen „weniger irrational“ als der Antisemitismus anderer Klassen waren (siehe Wiggershaus 1994, S. 369).

Ich habe festgestellt, daß eine starke Tendenz sowohl in der radikalen Politik als auch in der Psychoanalyse eine kompromißlose Kritik an der nichtjüdischen Gesellschaft gewesen ist. Ein wichtiges Thema hier ist, daß Studies in Prejudice und insbesondere Die autoritäre Persönlichkeit zu zeigen versuchen, daß nichtjüdische Gruppenloyalitäten und insbesondere die Mitgliedschaft in Konfessionen der christlichen Religion, nichtjüdischer Nationalismus und enge Familienbeziehungen Anzeichen für psychiatrische Störungen sind. Auf einer tiefen Ebene richtet sich die Arbeit der Frankfurter Schule auf die Änderung westlicher Gesellschaften im Versuch, sie durch Pathologisierung nichtjüdischer Gruppenloyalitäten widerstandsfähig gegen Antisemitismus zu machen. Und weil diese Bestrebung letztendlich auf die linken Lösungen verzichtet, die so viele jüdische Intellektuelle des zwanzigsten Jahrhunderts angezogen haben, ist es eine Bestrebung, die für den gegenwärtigen post-kommunistischen intellektuellen und politischen Kontext sehr relevant bleibt.

Die Gegnerschaft jüdischer Intellektueller gegen zusammenhaltende nichtjüdische Gruppen und eine homogene nichtjüdische Kultur ist vielleicht nicht ausreichend hervorgehoben worden. Ich habe in Kapitel 1 angemerkt, daß die Conversos unter den humanistischen Denkern im Spanien des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, die gegen die gemeinschaftliche Natur der um die christliche Religion zentrierten spanischen Gesellschaft waren, weit überrepräsentiert waren. Ich habe auch angemerkt, daß es ein starker Tenor von Freuds Werk war, sich weiterhin stark als Juden zu identifizieren, während er gleichzeitig eine Theorie der christlichen Religionszugehörigkeit entwickelte, in der er sich letztere als kindliche Bedürfnisse erfüllend vorstellte.

In ähnlicher Weise ist ein anderer, mit dem Material in Kapitel 3 übereinstimmender Weg, sich die jüdische Befürwortung radikaler politischer Bewegungen vorzustellen, der, daß diese politischen Bewegungen als gleichzeitige Untergrabung nichtjüdischer innergesellschaftlicher Gruppenzugehörigkeiten wie Christentum und Nationalismus verstanden werden können, während sie den Fortbestand der jüdischen Identifikation zulassen. Zum Beispiel waren jüdische Kommunisten beständig gegen polnisch-nationalistische Bestrebungen, und nachdem sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht kamen, liquidierten sie polnische Nationalisten und untergruben die Rolle der katholischen Kirche, während sie gleichzeitig säkulare jüdische wirtschaftliche und soziale Strukturen errichteten.

Es ist von einigem historischem Interesse anzumerken, daß es ein wichtiger Bestandteil der Rhetorik deutscher Antisemiten (z. B. Paul Lagarde [siehe Stern 1961, S. 60, S. 65]) während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts bis in die Weimarer Zeit war, daß Juden politische Formen wie Liberalismus befürworteten, die gegen die Strukturierung der Gesellschaft als stark zusammenhaltende Gruppe waren, während sie selbst gleichzeitig einen sehr starken Gruppenzusammenhalt beibehielten, der es ihnen ermöglichte, Deutsche zu dominieren. Während der Weimarer Zeit beschwerte sich der Nazipropagandist Alfred Rosenberg darüber, daß Juden eine völlig atomisierte Gesellschaft befürworteten, während sie sich gleichzeitig selbst von diesem Prozeß ausnahmen. Während der Rest der Gesellschaft an der Teilnahme an stark zusammenhaltenden Gruppen gehindert werden sollte, würden „die Juden ihren internationalen Zusammenhalt, Blutsbande und spirituelle Einheit  behalten“ (Aschhheim 1985, S. 239). In Mein Kampf glaubte Hitler offensichtlich, daß jüdische Befürwortung liberaler Einstellungen eine Täuschung war, die ein Engagement für Rassebewußtsein und eine stark geschlossene Gruppenstrategie überdeckte: „Während er [der Jude] vor ‚Aufgeklärtheit’, ‚Fortschritt’, ‚Freiheit’, ‚Menschlichkeit’ etc. überzufließen scheint, praktiziert er die schärfste Absonderung seiner Rasse“ (S. 315). Der Konflikt zwischen jüdischer Befürwortung von Idealen der Aufklärung und tatsächlichem jüdischem Verhalten wurde von Klein (1981, S. 146) erwähnt: „Verärgert über die provinziellen Bindungen anderer Leute und unempfänglich für die Idee eines pluralistischen Staates, interpretierten viele Nichtjuden die jüdische Bekundung von Stolz als Zersetzung des ‚aufgeklärten’ oder egalitären Staates. Die jüdische Betonung von nationalem oder Rassestolz bestärkte die nichtjüdische Vorstellung vom Juden als einer gesellschaftszerstörenden Kraft.“

Ringer (1983, S. 7) merkt auch an, daß ein häufiger Bestandteil des Antisemitismus unter Akademikern der Weimarer Zeit eine Wahrnehmung war, daß Juden patriotische Bindungen und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zu untergraben versuchten. Tatsächlich war die Auffassung, daß jüdische kritische Analyse der nichtjüdischen Gesellschaft auf die Auflösung der Bande der Zusammengehörigkeit in der Gesellschaft abzielte, unter gebildeten nichtjüdischen Deutschen einschließlich Universitätsprofessoren verbreitet (Ringer 1983, S. 7). Ein Akademiker bezeichnete die Juden als „die klassische Partei der nationalen Zersetzung“ (in Ringer 1983, S. 7).

Dabei entwickelte sich der Nationalsozialismus als geschlossene nichtjüdische Gruppenstrategie in Gegnerschaft zum Judentum, eine Strategie, die das Ideal der Aufklärung von einer atomisierten Gesellschaft, die auf individuellen Rechten in Gegnerschaft zum Staat beruht, völlig ablehnte. Wie ich in SAID (Kap. 5) argumentiert habe, war der Nationalsozialismus in dieser Hinsicht sehr wie der Judaismus, der während seiner gesamten Geschichte im Grunde ein Gruppenphänomen gewesen ist, in dem die Rechte des Individuums im Interesse der Gruppe unterdrückt worden sind.

Wie aus dem hier und in den vorherigen Kapiteln betrachteten Material ersichtlich, haben zumindest einige einflußreiche jüdische Sozialwissenschaftler und Intellektuelle nichtjüdische Gruppenstrategien zu untergraben versucht, während sie die Möglichkeit offenließen, daß der Judaismus als stark geschlossene Gruppenstrategie fortbesteht. Dieses Thema ist sehr kompatibel mit der beständigen Ablehnung aller Formen des Nationalismus durch die Frankfurter Schule (Tar 1977, S. 20). Das Ergebnis ist, daß die Ideologie der Frankfurter Schule im Endeffekt als eine Form des radikalen Individualismus beschrieben werden kann, die trotzdem den Kapitalismus verabscheute – ein Individualismus, in dem alle Formen von nichtjüdischem Kollektivismus als Hinweis auf gesellschaftliche oder individuelle Pathologie verurteilt werden.119

Daher sind in Horkheimers Essay über die deutschen Juden (siehe Horkheimer 1974) der wahre Feind der Juden nichtjüdische Kollektivitäten aller Art, und insbesondere der Nationalismus. Obwohl es keine Erwähnung der kollektivistischen Natur des Judaismus, Zionismus oder des israelischen Nationalismus gibt, werden die kollektivistischen Tendenzen der modernen nichtjüdischen Gesellschaft beklagt, besonders Faschismus und Kommunismus. Das Rezept für die nichtjüdische Gesellschaft ist radikaler Individualismus und die Akzeptanz des Pluralismus. Menschen haben von Natur aus ein Recht, anders als andere zu sein und von anderen als anders akzeptiert zu werden. Tatsächlich bedeutet die Differenzierung von anderen die Erlangung des höchsten Niveaus der Menschlichkeit. Das Ergebnis ist, daß „keine Partei und keine Bewegung, weder die Alte Linke noch die Neue, in der Tat keine Kollektivität irgendeiner Art auf der Seite der Wahrheit stand… Der Rest der Kräfte des wahren Wandels befand sich allein im kritischen Individuum“ (Maier 1984, S. 45).

Als Folgesatz dieser These übernahm Adorno die Idee, daß die Grundfunktion der Philosophie die negative Rolle des Widerstands gegen Versuche sei, der Welt irgendeine „Universalität“, „Objektivität“ oder „Totalität“ zu bescheren, das heißt, ein einziges Organisationsprinzip für die Gesellschaft, das die Gesellschaft homogenisieren würde, weil es für alle Menschen gälte (siehe insbesondere Adornos Negative Dialektik [Adorno 1966/1975]; siehe auch die Rezension von Adornos Ideen zu diesem Konzept in Jay [1984, S. 241 – 275]). In Negative Dialektik ist das von Adorno angegriffene Hauptbeispiel Hegels Idee der universalen Geschichte (auch ein Strohmann für Jacques Derrida, siehe unten), aber ein ähnliches Argument gilt für jede Ideologie, wie den Nationalismus, die ein Gefühl nationaler oder allmenschlicher Universalität bewirkt. Zum Beispiel wird das für den Kapitalismus charakteristische Prinzip des Austauschs abgelehnt, weil dadurch alle Menschen vergleichbar werden und somit ihre einzigartige Besonderheit verlieren. Auch die Wissenschaft wird wegen ihrer Tendenz verdammt, universale Prinzipien der Realität zu suchen (einschließlich der menschlichen Natur), und wegen ihrer Tendenz, nach quantitativen, vergleichbaren Unterschieden zwischen Menschen zu suchen statt nach qualitativen Unterschieden. Jedes Objekt „sollte in seiner unverallgemeinerten historischen Einzigartigkeit respektiert werden“ (Landmann 1984, S. 123). Oder, wie Adorno (1974, S. 17) selbst in Minimalmoral schrieb: „Im Angesicht des totalitären Einklangs, mit dem die Auslöschung des Unterschieds als Selbstzweck proklamiert wird, könnte sich sogar ein Teil der gesellschaftlichen Kraft der Befreiung vorübergehend in die individuelle Sphäre zurückgezogen haben.“ Im Endeffekt war das einzige Kriterium für eine bessere Gesellschaft, daß es eine sei, in der „man ohne Angst anders sein kann“ (S. 131). Der ehemalige Kommunist war ein Verfechter des radikalen Individualismus geworden, zumindest für die Nichtjuden. Wie in Kapitel 4 diskutiert, erkannte Erich Fromm (1941), ein weiteres Mitglied der Frankfurter Schule, bis er ausgeschlossen wurde, ebenfalls die Nützlichkeit des Individualismus als Rezept für die nichtjüdische Gesellschaft, während er sich trotzdem weiterhin stark als Jude identifizierte.

In Übereinstimmung mit dieser Betonung des Individualismus und der Glorifizierung des Unterschieds machte Adorno sich eine radikale Form der philosophischen Skepsis zu eigen, die völlig unvereinbar mit dem gesamten sozialwissenschaftlichen Unterfangen von Die autoritäre Persönlichkeit ist. Tatsächlich lehnte Adorno sogar die Möglichkeit der Ontologie („Verdinglichung“) ab, weil er die gegensätzlichen Positionen als letztendlich den Totalitarismus unterstützend betrachtete. Angesichts von Adornos vorwiegender Beschäftigung mit jüdischen Fragen und seiner starken jüdischen Identität ist es vernünftig anzunehmen, daß diese ideologischen Strukturen als Rechtfertigung des jüdischen Partikularismus dienen sollen. Nach dieser Sichtweise muß das Judentum, wie jede andere historisch besondere Entität, außer Reichweite der Wissenschaft bleiben, für immer unbegreiflich in seiner Einzigartigkeit und immer in Opposition zu allen Versuchen, homogene Sozialstrukturen in der Gesellschaft als Ganzes zu schaffen. Jedoch ist seine Weiterexistenz als moralisches a-priori-Gebot garantiert.

Die Vorschrift, daß die nichtjüdische Gesellschaft eine auf radikalem Individualismus beruhende soziale Organisation übernehmen soll, wäre in der Tat eine exzellente Strategie für den Fortbestand des Judaismus als geschlossene, kollektivistische Gruppenstrategie. Von Triandis (1990, 1991) zusammengefaßte Forschungsarbeiten über interkulturelle Unterschiede in Individualismus und Kollektivismus deuten darauf hin, daß Antisemitismus in individualistischen Gesellschaften am niedrigsten ist im Gegensatz zu Gesellschaften, die kollektivistisch und homogen sind, abgesehen von Juden. Ein Thema von PTSDA (Kap. 8) ist, daß europäische Gesellschaften (mit den bemerkenswerten Ausnahmen der nationalsozialistischen Ära in Deutschland und der mittelalterlichen Zeit der christlichen religiösen Hegemonie – beides Perioden intensiven Antisemitismus) unter den wirtschaftlich fortgeschrittenen traditionellen und modernen Kulturen der Welt in ihrem Engagement für den Individualismus einzigartig gewesen sind. Wie ich in SAID (Kap. 3 – 5) argumentiert habe, provoziert die Anwesenheit des Judaismus als sehr erfolgreiche und hervorstechende Gruppenstrategie anti-individualistische Reaktionen von nichtjüdischen Gesellschaften.

Kollektivistische Kulturen (und Triandis [1990, S. 57] schließt das Judentum ausdrücklich in diese Kategorie ein) legen viel größeren Wert auf die Ziele und Bedürfnisse der Eigengruppe als auf individuelle Rechte und Interessen. Kollektivistische Kulturen entwickeln eine „unhinterfragte Bindung“ an die Eigengruppe, einschließlich „der Wahrnehmung, daß Normen der Eigengruppe universal gültig sind (eine Form des Ethnozentrismus), automatischen Gehorsams gegenüber Autoritäten der Eigengruppe und einer Bereitschaft, für die Eigengruppe zu kämpfen und zu sterben. Diese Eigenschaften sind gewöhnlich verbunden mit Mißtrauen gegenüber Fremdgruppen und Widerwillen, mit ihnen zu kooperieren“ (S. 55). In kollektivistischen Kulturen stellt man sich Moral als das vor, was der Gruppe nützt, und Aggression gegen Fremdgruppen und deren Ausbeutung sind akzeptabel (Triandis 1990, S. 90).

Menschen in individualistischen Kulturen zeigen im Gegensatz dazu wenig emotionale Bindung an Eigengruppen. Persönliche Ziele sind vorrangig, und die Sozialisierung betont die Bedeutung der Selbständigkeit, Unabhängigkeit, individuellen Verantwortung und „Selbstfindung“ (Triandis 1991, S. 82). Individualisten haben positivere Einstellungen gegenüber Fremden und Mitgliedern von Fremdgruppen und verhalten sich mit größerer Wahrscheinlichkeit in prosozialer, altruistischer Weise gegenüber Fremden. Weil sie sich der Grenzen zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe weniger bewußt sind, haben Menschen in individualistischen Kulturen mit geringerer Wahrscheinlichkeit negative Einstellungen gegenüber Fremdgruppenmitgliedern (1991, S. 80). Sie sind oft nicht mit der Politik der Eigengruppe einverstanden, zeigen wenig emotionale Bindung oder Loyalität gegenüber Eigengruppen und haben kein Gefühl eines gemeinsamen Schicksals mit anderen Mitgliedern der Eigengruppe. Gegnerschaft gegen Fremdgruppen kommt in individualistischen Gesellschaften vor, aber die Gegnerschaft ist „rationaler“ in dem Sinne, daß es weniger Tendenz zu der Annahme gibt, daß alle Fremdgruppenmitglieder für die Missetaten einiger weniger schuldig sind. Individualisten bilden schwache Bindungen an viele Gruppen, während Kollektivisten eine intensive Bindung zu und Identifikation mit einigen wenigen Eigengruppen haben (1990, S. 61).

Es ist zu erwarten, daß Individualisten weniger zu Antisemitismus neigen und mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu, irgendein anstößiges jüdisches Verhalten für die Folge von Übertretungen einzelner Juden zu halten statt als stereotypisch für alle Juden zutreffend. Jedoch ist es bei Juden selber als Mitglieder einer kollektivistischen Subkultur, die in einer individualistischen Gesellschaft lebt, wahrscheinlicher, daß sie die Unterscheidung zwischen jüdisch und nichtjüdisch als extrem hervorstechend sehen und stereotypisch negative Ansichten über Nichtjuden entwickeln.

In Triandis’ Sinne ist also die fundamentale intellektuelle Schwierigkeit, die Die autoritäre Persönlichkeit darstellt, daß das Judentum selbst eine sehr kollektivistische Subkultur ist, in der Autoritarismus und Gehorsam gegenüber den Normen der Eigengruppe und die Unterdrückung individueller Interessen für das Gemeinwohl während seiner ganzen Geschichte von entscheidender Bedeutung gewesen sind (PTSDA, Kap. 6, 8). Solche Attribute bei Nichtjuden tendieren aufgrund sozialer Identitätsprozesse dazu, Antisemitismus zu bewirken. Juden könnten als Folge davon selber meinen, ein vitales Interesse an der Befürwortung einer sehr individualistischen, atomisierten nichtjüdischen Gesellschaft zu haben, während sie gleichzeitig ihre eigene, ausgeklügelte kollektivistische Subkultur beibehalten. Dies ist die Sichtweise, die von der Frankfurter Schule entwickelt wurde und durchgängig in Studies in Prejudice erkennbar ist.

Wir werden jedoch sehen, daß Die autoritäre Persönlichkeit sich über die Versuche zur Pathologisierung zusammenhaltender nichtjüdischer Gruppen hinaus auf die Pathologisierung adaptiven nichtjüdischen Verhaltens im Allgemeinen erstreckt. Die intellektuelle Hauptschwierigkeit ist, daß Verhalten, das für den Judaismus als erfolgreiche gruppenevolutionäre Strategie entscheidend ist, bei Nichtjuden als pathologisch konzipiert wird.

REZENSION VON „DIE AUTORITÄRE PERSÖNLICHKEIT“

Die autoritäre Persönlichkeit (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford 1950) ist ein wahrer Klassiker der Forschung über Sozialpsychologie. Sie hat Tausende von Studien hervorgerufen, und Verweise erscheinen weiterhin in Lehrbüchern, obwohl es in den letzten Jahren zunehmend Kritik und Ablehnung des Persönlichkeitsansatzes zu Vorurteilen und Feindseligkeit zwischen Gruppen gegeben hat. Nathan Glazer (1954, S. 290) merkte an: „Kein seit dem Krieg auf dem Feld der Sozialpsychologie veröffentlichter Band hat eine größere Wirkung auf die Richtung der tatsächlichen empirischen Arbeit gehabt, die heute in den Universitäten durchgeführt wird.“ Trotz seines Einflusses ist es von Anfang an üblich gewesen, auf technische Probleme mit der Konstruktion der Skalen und der Durchführung und Interpretation der Befragungen hinzuweisen (siehe Altemeyer 1981, S. 33 – 51; 1988, S. 52 – 54; Billings, Guastello & Rieke 1993; R. Brown 1965, S, 509ff; Collier, Minton & Reynolds 1991, S. 196; Hyman & Sheatsley 1954). Das Ergebnis ist, daß Die autoritäre Persönlichkeit zu einer Art Lehrbuch darüber geworden ist, wie man sozialwissenschaftliche Forschung nicht betreibt.

Dennoch ist es trotz technischer Probleme mit der ursprünglichen Skalenkonstruktion keine Frage, daß es so etwas wie psychologischen Autoritarismus in dem Sinne gibt, daß es möglich ist, eine verläßliche psychometrische Skala zu konstruieren, die solch ein Konstrukt mißt. Während die F-Skala der ursprünglichen Studien in Die autoritäre Persönlichkeit von einer nachgiebigen Antwort-Tendenz-Bias geplagt wird, ist es bei neueren Versionen der Skala gelungen, diese Schwierigkeit zu vermeiden, während dieselben Korrelate zu anderen Skalen im Wesentlichen beibehalten wurden. Jedoch bleibt die Gültigkeit der Skala bei der Messung tatsächlichen autoritären Verhaltens im Unterschied zu einer hohen Punktezahl auf der Autoritarismusskala weiterhin umstritten (siehe Billings et al. 1993).

Auf jeden Fall wird meine Abhandlung zwei Aspekte von Die autoritäre Persönlichkeit hervorheben, die von zentraler Bedeutung für das politische Programm der Frankfurter Schule sind:

1) Ich werde den doppelten Maßstab hervorheben, mit dem aus hohen Werten auf der F-Skala oder den Ethnozentrismus-Skalen gefolgertes nichtjüdisches Verhalten als Anzeichen für Psychopathologie betrachtet wird, während genau dasselbe Verhalten von zentraler Bedeutung für den Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie ist;

2) Ich werde auch die psychodynamischen Mechanismen mit gestörten Eltern-Kind-Beziehungen kritisieren, von denen behauptet wird, daß sie dem Autoritarismus zugrunde liegen. Diese behaupteten psychodynamischen Mechanismen sind für die sehr subversive Natur des als politische Propaganda betrachteten Buches verantwortlich; nicht zufälligerweise ist es dieser Strang des Projekts, der Kommentatoren oft als höchst fragwürdig aufgefallen ist. Daher merkt Altemeyer (1988, S. 53) an, daß die Grundidee, daß Antisemitismus das Ergebnis gestörter Eltern-Kind-Beziehungen sei, sich trotz der „nicht überzeugenden“ Natur der sie stützenden wissenschaftlichen Beweise sich „so weit durch unsere Kultur verbreitet hat, daß sie zu einem Stereotyp geworden ist.“ Außerdem lag viel von dem unglaublichen Erfolg der Studien in Die autoritäre Persönlichkeit an der weitverbreiteten Akzeptanz des Buches unter jüdischen Sozialwissenschaftlern, die ab den 1950ern eine bedeutende Rolle in der amerikanischen akademischen Gemeinde spielten und sehr um Antisemitismus besorgt waren (Higham 1984, S. 154, siehe auch unten).

Die politisierte Natur von Die autoritäre Persönlichkeit ist für etablierte Psychologen seit langem offensichtlich gewesen. Roger Brown merkte an: „Die Studie namens Die autoritäre Persönlichkeit hat das amerikanische Leben beeinflußt: die Theorie über Vorurteile, die sie darlegte, ist zu einem Teil der Populärkultur und zu einer Kraft gegen Rassendiskriminierung geworden. Trifft sie auch zu? Sie müssen der Richter sein… Die Studie aus Berkeley über autoritäre Persönlichkeit läßt nicht viele gleichgültig. Kühle Objektivität ist nicht das Kennzeichen dieser Tradition gewesen. Den meisten derjenigen, die daran teilnahmen, ist zutiefst an den sozialen Fragen gelegen, um die es dabei ging (Brown 1965, S. 479, S. 544). Der letzte Teil von Browns Kommentar widerspiegelt das Gefühl, das man beim Lesen des Buches hat, nämlich daß die Überzeugungen der Autoren bei der Konzipierung und Interpretation der Forschungsarbeit wichtig waren.

Ein gutes Beispiel eines solchen Lesers ist Christopher Lasch (1991, S. 445ff), der feststellte: „Der Zweck und die Absicht von Studies in Prejudice diktierten die Schlußfolgerung, daß Vorurteile, eine psychologische Störung, die in einer ‚autoritären’ Persönlichkeitsstruktur wurzelt, nur beseitigt werden könnten, indem man das amerikanische Volk etwas unterzog, das auf kollektive Psychotherapie hinauslief – indem man es als Insassen einer Irrenanstalt behandelte.“ Von Anfang an war dies Sozialwissenschaft mit einer politischen Agenda: „Indem sie die ‚liberale Persönlichkeit’ als Gegensatz zur autoritären Persönlichkeit identifizierten, setzten sie geistige Gesundheit mit einer genehmigten politischen Position gleich. Sie definierten den Liberalismus… mit der Begründung, daß andere Positionen ihre Wurzeln in persönlicher Pathologie hätten“ (Lasch 1991, S. 453).

Die autoritäre Persönlichkeit beginnt mit der Anerkennung von Freud als allgemeinen Einfluß und insbesondere seiner Rolle dabei, der intellektuellen Welt „die Unterdrückung von Kindern (sowohl zu Hause als auch außerhalb davon) und die üblicherweise naive Unwissenheit über die psychologische Dynamik des Lebens von Kind und Erwachsenem gleichermaßen bewußter zu machen“ (S. x). In Übereinstimmung mit dieser allgemeinen Sichtweise sind Adorno und seine Kollegen „in Übereinstimmung mit den meisten Sozialwissenschaftlern der Ansicht, daß Antisemitismus weitgehender auf Faktoren im Subjekt und in seiner Gesamtsituation beruht als auf tatsächlichen Eigenschaften von Juden“ (S. 2). Die Wurzeln des Antisemitismus sind daher in individueller Psychopathologie zu suchen – „den tiefliegenden Bedürfnissen der Persönlichkeit“ (S. 9) – und nicht im Verhalten von Juden.

Kapitel II (von R. Nevitt Sanford) besteht aus Interviewmaterial von zwei Individuen, einem mit hohen Antisemitismuswerten (Mack), der andere mit niedrigen Antisemitismuswerten (Larry). Mack ist recht ethnozentrisch und neigt dazu, Menschen im Sinne von Eigengruppe-Fremdgruppe-Beziehungen zu sehen, wobei die Fremdgruppe in stereotypisch negativer Weise charakterisiert wird. Wie für solch eine Person auf Grundlage der sozialen Identitätstheorie vorausgesagt (Hogg & Abrams 1987), hat seine eigene Gruppe, die Iren, gebilligte Eigenschaften, und Fremdgruppen werden als homogen und bedrohlich gesehen. Während Mack sich Gruppen als Einheiten der sozialen Kategorisierung sehr bewußt ist, denkt Larry überhaupt nicht in Gruppenbegriffen.

Obwohl Macks Ethnozentrismus klar als pathologisch betrachtet wird, wird kein Gedanke auf die Möglichkeit verwendet, daß Juden als Folge der extremen Auffälligkeit von Eigengruppe-Fremdgruppe-Beziehungen als Aspekt jüdischer Sozialisierung ebenfalls analog ethnozentrische Denkprozesse haben. Tatsächlich habe ich in SAID (Kap. 1) festgestellt, daß Juden mit größerer Wahrscheinlichkeit als Nichtjuden negative Stereotypen über Fremdgruppen haben und die Welt als grundsätzlich aus homogenen, konkurrierenden, bedrohlichen und mit negativen Stereotypen belegten Fremdgruppen bestehend sehen. Außerdem gibt es exzellentes Beweismaterial, das diesen ganzen Band hindurch zusammengefaßt wird, dafür, daß Juden oft negative Ansichten über nichtjüdische (d. h. Fremdgruppen-) Kultur gehabt haben. Trotzdem lautet die Agenda von Die autoritäre Persönlichkeit, wie wir sehen werden, daß ähnliche ethnozentrische Einstellungen unter Nichtjuden auf pathologische frühe Einflüsse auf die Persönlichkeit zurückführbar sind.

Weiters ist es ein durchgängiges Thema in den Kapiteln 2 – 4, daß es eine Hauptstoßrichtung jüdischer intellektueller Bewegungen seit dem neunzehnten Jahrhundert gewesen ist, Theorien zu entwickeln, die die Bedeutung der sozialen Kategorie Jude-Nichtjude bagatellisieren, während sie den Fortbestand eines sehr starken jüdischen Identitätsgefühls zulassen. Larrys Tendenz, das soziale Umfeld nicht in Gruppenbegriffen zu sehen, wird mit einem Fehlen von Antisemitismus in Verbindung gebracht, während Macks Antisemitismus zwangsläufig mit der Bedeutung von Gruppen als soziale Kategorie in Verbindung gebracht wird.

Diese Themen und ihr Einfluß auf die Konstruktion von Skalen sind in den Kapiteln III und IV (von Daniel J. Levinson) zu erkennen. Levinson merkt an, daß Antisemiten dazu neigen, Juden als Mitglieder von Gruppen zu sehen statt als Individuen, und er meint, daß die Wirksamkeit individueller Erfahrungen mit Juden „großteils von der Fähigkeit des Individuums zu individuierten Erfahrungen abzuhängen scheinen“ (S. 95; kursiv im Text).120 Levinson merkt auch an, daß Individuen, die selbst Gruppen mit einer starken Eigengruppenideologie angehören, wie Schwesternschaften, mit größerer Wahrscheinlichkeit antisemitisch sind (S. 104). Wiederum wird unterstellt, daß starke Eigengruppenideologien für Juden vorbehalten sein sollten und bei anderen gefährlich sind. Diese Ergebnisse passen gut zur Diskussion individualistischer versus kollektivistischer Gesellschaften am Anfang dieses Kapitels: Juden haben als stark zusammenhaltender Gruppe ein Interesse an der Befürwortung einer völlig atomistischen, individualistischen Gesellschaft, in der Unterscheidungen zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe für Nichtjuden nicht hervorstechend sind.

Die Ethozentrismus-Skala enthält drei Unterskalen, eine für Einstellungen gegenüber Afroamerikanern, eine für Einstellungen gegenüber Minderheiten im Allgemeinen und eine für Patriotismus. Obwohl die Präsentation der Ethnozentrismus-Skala einen glauben läßt, daß die Forscher Ethnozentrismus im Allgemeinen studieren, befassen sich die Punkte der Skala in Wirklichkeit ausschließlich mit Ethnozentrismus unter der kaukasisch-christlichen Bevölkerung. Diejenigen, die nach dieser Skala einen hohen Ethnozentrismus haben, haben negative Einstellungen gegenüber Afroamerikanern und Juden und positive Einstellungen zur weißen, christlichen Vorherrschaft. Zum Beispiel lautet ein Punkt auf der Ethnozentrismus-Skala: „Angesichts des gegenwärtigen nationalen Notstands [Zweiter Weltkrieg] ist es höchst wichtig, verantwortungsvolle Regierungsposten auf einheimische, weiße christliche Amerikaner zu beschränken.“ Das Ergebnis der Einfügung solcher Punkte ist, daß ein sich stark als solcher identifizierender Jude, für den die Unterscheidung zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe hervorstechend ist, auf Levinsons Ethnozentrismus-Skala einen niedrigen Wert hätte.

Die Punkte auf der Antisemitismus-Skala scheinen anzudeuten, daß ein Aspekt des Antisemitismus die nichtjüdische Sicht ist, daß Juden eine unterscheidbare Gruppe darstellen. Zum Beispiel lautete einer der Punkte: „Das Problem dabei, Juden in ein nettes Viertel zu lassen, ist, daß sie ihm nach und nach eine typisch jüdische Atmosphäre geben.“ Brown (1965, S. 483) kommentiert: „Wie könnte es anders sein? Sicher werden Juden eine jüdische Atmosphäre produzieren. Sie werden das auf jeden Fall tun, wenn man von Juden als ‚kategorisch von Nichtjuden verschieden’ denkt. Jedoch ist es gerade diese Auffälligkeit der ‚Jüdischkeit’, die die Autoren als den Beginn des Antisemitismus betrachten.“ Hier lautet die stillschweigende Annahme, daß die Auffälligkeit der sozialen Kategorisierung jüdisch-nichtjüdisch Antisemitismus von Nichtjuden signalisiert und daher gestörte Eltern-Kind-Beziehungen anzeigt. Dessenungeachtet ist solch ein Kategorisierungsprozeß unter Juden entscheidend für den Fortbestand des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie.

Ähnlich ironisch als Aspekt der Antisemitismus-Skala ist die Aufnahme der Punkte „Ich kann mir kaum vorstellen, einen Juden zu heiraten“ und „Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden sind falsch.“ Solche Einstellungen resultieren scheinbar aus gestörten Eltern-Kind-Beziehungen unter Nichtjuden und aus der Unterdrückung der menschlichen Natur, aber die Ablehnung von Mischehen ist unter Juden üblich gewesen. Tatsächlich hat die „Bedrohung“ durch Mischehen kürzlich eine Krise innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hervorgerufen und intensive Bemühungen zur Folge gehabt, Juden dazu zu überreden, andere Juden zu heiraten (siehe SAID, Kap. 8).

Für andere Punkte, die Aspekte des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie widerspiegeln, gibt es tatsächlich beträchtliche empirische Untermauerung. Zum Beispiel befassen sich mehrere Punkte mit Wahrnehmungen jüdischer Clanorientiertheit und deren Auswirkung auf Wohnsitzwahl und Geschäftspraktiken.121 Andere Punkte befassen sich mit Wahrnehmungen, daß Juden kulturellen Separatismus betreiben, und mit Wahrnehmungen, daß Juden Macht, Geld und Einfluß überproportional zu ihrer Zahl in der Bevölkerung haben. Es gibt einen Punkt, der die Überrepräsentation von Juden in linken und radikalen politischen Anliegen widerspiegelt: „Es scheint einen revolutionären Charakterzug in der jüdischen Veranlagung zu geben, wie sich daran zeigt, daß es so viele jüdische Kommunisten und Agitatoren gibt.“ Jedoch weisen die in diesem Band, in SAID und PTSDA betrachteten Daten darauf hin, daß tatsächlich beträchtliche Wahrheit in all diesen Verallgemeinerungen liegt. Daß man auf der Antisemitismus-Skala hoch liegt, kann daher einfach bedeuten, daß man Zugang zu mehr Informationen hat, statt daß es ein Anzeichen für eine gestörte Kindheit ist.

Besonders interessant ist die Patriotismusskala, die dazu bestimmt ist, Einstellungen abzuklopfen, die mit „blinder Bindung an bestimmte nationale kulturelle Werte, unkritischer Konformität mit den vorherrschenden Gepflogenheiten der Gruppe und der Ablehnung anderer Nationen als Fremdgruppen“ zu tun haben (S. 107). Wiederum wird eine starke Bindung an Gruppeninteressen unter der Mehrheit als Pathologie betrachtet, während es keine Erwähnung analoger Gruppenbindungen unter Juden gibt. Eine Befürwortung starker Disziplin und von Konformität innerhalb der Mehrheitsgruppe ist ein wichtiger Indikator für diese Pathologie: Ein Punkt lautet: „Geringere Formen militärischer Ausbildung, Gehorsam und Disziplin, wie Drill, Marschieren und einfache Befehle, sollten zu einem Teil des Lehrplans an Grundschulen werden.“ Jedoch gibt es keine Erwähnung von Disziplin, Konformität und der Sozialisierung des Gruppenzusammenhalts als bedeutende Ideale in Gruppenstrategien von Minderheiten. Wie in PTSDA (Kap. 7) beschrieben, haben traditionelle jüdische Sozialisierungspraktiken starken Wert auf Disziplin in der Gruppe und psychologische Akzeptanz von Gruppenzielen (d. h. Konformität) gelegt.

Diese Ergebnisse sind interessant, weil es ein wichtiger Aspekt dieses ganzen Unterfangens ist, positive Einstellungen gegenüber der Schaffung einer sehr geschlossenen, disziplinierten Gruppenstrategie unter Nichtjuden zu pathologisieren, aber solche Einstellungen unter Juden trotzdem nicht zu tadeln. Individuen, die auf der Ethnozentrismus-Skala wie auch auf der Antisemitismus-Skala hoch liegen, sind zweifellos Menschen, die sehr gruppenbewußt sind. Sie sehen sich als Mitglieder geschlossener Gruppen, einschließlich in manchen Fällen ihrer eigenen Volksgruppe und auf der höchsten Ebene der Nation; und sie sehen Individuen aus Fremdgruppen und Individuen, die von Gruppenzielen und Gruppennormen abweichen, negativ. In Kapitel III behauptet Levinson, daß Antisemiten Macht für ihre eigenen Gruppen wollen und Clanorientiertheit in ihren eigenen Gruppen schätzen, während sie ähnliches jüdisches Verhalten verurteilen (S. 97). Umgekehrt sind die in diesem Band betrachteten Daten sehr kompatibel mit der These, daß viele Juden Macht für ihre eigene Gruppe wollen und Clanorientiertheit in ihrer eigenen Gruppe schätzen, aber solches Verhalten bei Nichtjuden verurteilen. Tatsächlich weist die Diskussion am Anfang dieses Kapitels darauf hin, daß dies genau die Ideologie der Frankfurter Schule ist, die für diese Studien verantwortlich ist.

Vom Standpunkt der Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit wird Gruppenbewußtsein in der Mehrheit als pathologisch betrachtet, weil es zwangsläufig dazu tendiert, gegen Juden als geschlossene, unassimilierte und nicht assimilierbare Minderheitengruppe zu sein. Aus dieser Perspektive gesehen ist die zentrale Agenda von Die autoritäre Persönlichkeit die Pathologisierung nichtjüdischer Gruppenstrategien, während sie trotzdem die Möglichkeit des Judaismus als Minderheitengruppenstrategie offenläßt.

In seiner Diskussion betrachtet Levinson Ethnozentrismus als im Grunde mit Wahrnehmungen von Eigengruppe und Fremdgruppe befaßt, eine Sichtweise, die mit der sozialen Identitätstheorie übereinstimmt, die ich als besten Kandidaten für die Entwicklung einer Theorie des Antisemitismus vorgeschlagen habe. Levinson schlußfolgert: „Ethnozentrismus beruht auf einer durchgängigen und strengen Unterscheidung zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe; dazu gehören stereotypisierte negative Bilder und feindselige Einstellungen bezüglich Fremdgruppen, stereotypisierte positive Bilder und willfährige Einstellungen bezüglich Eigengruppen und eine hierarchische, autoritäre Sichtweisen auf die Interaktion von Gruppen, in denen Eigengruppen zu Recht dominant und Fremdgruppen untergeordnet sind“ (S. 150; kursiv im Text).

Weiters bemerkt Levinson: „Das ethnozentrische ‚Bedürfnis nach einer Fremdgruppe’ verhindert diese Identifikation mit der Menschheit als Ganzem, die im Anti-Ethnozentrismus zu finden ist“ (S. 148). Levinson glaubt offenbar, daß Ethnozentrismus ein Anzeichen für psychiatrische Störung ist und daß Identifikation mit der Menschheit als Ganzem der Inbegriff der geistigen Gesundheit ist, aber er zieht nie die offensichtliche Folgerung, daß es bei Juden selbst unwahrscheinlich ist, daß sie sich mit der Menschheit identifizieren, angesichts der Bedeutung von Eigengruppe-Fremdgruppe-Unterscheidungen, die im Judentum eine so zentrale Rolle spielen. Außerdem beschreibt Levinson die Forderung des Antisemiten Mack, daß Juden sich assimilieren, als Forderung, daß Juden „sich selbst liquidieren, daß sie ihre kulturelle Identität gänzlich verlieren und sich statt dessen an die vorherrschenden kulturellen Gepflogenheiten halten“ (S. 97). Levinson sieht die Forderung, daß Juden sich assimilieren und somit ihre strengen sozialen Kategorisierungsprozesse zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe aufgeben, als Aspekt von Macks antisemitischer Psychopathologie; gleichzeitig ist Levinson völlig bereit zu befürworten, daß der Antisemit sich mit der Menschheit identifiziert und soziale Kategorisierungsprozesse zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe aufgibt. Ethnozentrismus und die mit ihm einhergehende Auffälligkeit der sozialen Kategorisierung zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe sollen ganz klar für Juden reserviert sein und als Aspekt nichtjüdischen Verhaltens pathologisiert werden.

Das in diesem ganzen Band betrachtete Material deutet darauf hin, daß es eine Hauptstoßrichtung jüdischer intellektueller Aktivität gewesen ist, bei Nichtjuden liberal-radikale politische Überzeugungen zu fördern. Hier bringt Levinson den Ethnozentrismus mit konservativen wirtschaftlichen und politischen Ansichten in Verbindung, mit der Andeutung, daß diese Einstellungen Teil einer weitverbreiteten Sozialpathologie seien, die letztendlich aus gestörten Eltern-Kind-Beziehungen stammt. Levinson findet eine Verbindung zwischen politischem Konservatismus, wirtschaftlichem Konservatismus (Unterstützung der vorherrschenden politisch-wirtschaftlichen Ideologie und Autorität) und Ethnozentrismus (Stigmatisierung von Fremdgruppen).122 Jedoch: „Die weitere Entwicklung liberal-radikaler Ansichten beruht gewöhnlich auf Bildern und Einstellungen, die mit jenen identisch sind, die der anti-ethnozentrischen Ideologie zugrunde liegen: Gegnerschaft zu Hierarchie und zu Dominanz und Unterwerfung, Beseitigung von Klassen- und Gruppenbarrieren, Betonung egalitärer Interaktion und so weiter“ (S. 181).

Hier wird die ethische Höherwertigkeit der Beseitigung von Gruppenbarrieren in einer offiziellen Publikation des AJCommittee befürwortet, einer Organisation, die sich einer Lebensart verschrieben hat, in der de facto Gruppenbarrieren und die Verhinderung von Mischehen entscheidend gewesen sind und bleiben und Gegenstand intensiver Gefühle unter jüdischen Aktivisten sind.123 Angesichts der überwältigenden Beweise dafür, daß Juden linksliberale politische Programme unterstützen und sich weiterhin stark als Juden identifizieren (siehe Kap. 3), kann man nur schlußfolgern, daß die Ergebnisse eine weitere Bestätigung der dort präsentierten Analyse sind: Linkentum unter Juden hat als Mittel zum Herunterspielen der Bedeutung der Unterscheidung zwischen jüdisch und nichtjüdisch unter Nichtjuden gedient, während es trotzdem deren Fortbestand unter Juden zuließ.

Levinson geht dann zu einem Abschnitt der Analyse mit großen Auswirkungen über. Levinson liefert Daten, die zeigen, daß Individuen mit anderen politischen Parteipräferenzen als ihre Väter niedrigere Ethnozentrismus-Werte haben. Er behauptet dann, daß das Rebellieren gegen den Vater ein wichtiges Anzeichen eines Mangels an Ethnozentrismus ist: „Ethnozentristen neigen dazu, unterwürfig gegenüber Autoritäten der Eigengruppe zu sein, Antiethnozentristen dazu, kritisch und rebellisch zu sein, und… die Familie ist die erste und prototypische Eigengruppe“ (S. 192).

Levinson ersucht den Leser, über eine Zweigenerationensituation nachzudenken, in der die erste Generation relativ hohe Werte bei Ethnozentrismus und politischen Konservatismus hat; das heißt, sie identifiziert sich mit ihrer Volksgruppe und deren wahrgenommenen wirtschaftlichen und politischen Interessen. Die Prognose darüber, ob Kinder sich ähnlich mit ihrer Volksgruppe und deren wahrgenommenen Interessen identifizieren werden, hängt davon ab, ob Kinder gegen ihre Väter rebellieren. Die Schlußfolgerung aus diesem Syllogismus ist angesichts der in der Studie enthaltenen Werte, daß das Rebellieren gegen elterliche Werte psychologisch gesund ist, weil es niedrigere Ethnozentrismuswerte zur Folge hat. Umgekehrt wird fehlende Rebellion gegen die Eltern stillschweigend als pathologisch betrachtet. Diese Ideen werden in späteren Abschnitten von Die autoritäre Persönlichkeit erweitert und stellen in der Tat einen zentralen Aspekt des gesamten Projekts dar.

Man fragt sich, ob diese Sozialwissenschaftler in ähnlicher Weise befürworten würden, daß jüdische Kinder ihre Familien als prototypische Eigengruppe ablehnen sollten. Die Weitergabe des Judaismus über Generationen hinweg hat erfordert, daß Kinder elterliche Werte akzeptieren. In Kapitel 3 wurde festgehalten, daß in den 1960ern radikale jüdische Studenten, aber nicht radikale nichtjüdische Studenten, sich stark mit ihren Eltern und dem Judentum identifizierten. Ich habe auch umfangreiche Sozialisierungspraktiken diskutiert, durch die jüdische Kinder dazu sozialisiert wurden, Gemeinschaftsinteressen vor Einzelinteressen zu akzeptieren. Diese Praktiken haben die Funktion, eine starke Eigengruppenloyalität unter Juden hervorzubringen (siehe PTSDA, Kap. 7, 8). Wiederum gibt es einen stillschweigenden Doppelstandard: Rebellion gegen Eltern und die völlige Aufgabe aller Eigengruppenbezeichnungen ist für Nichtjuden der Inbegriff geistiger Gesundheit, wohingegen Juden stillschweigend erlaubt wird, mit einem starken Gefühl der Eigengruppenidentität weiterzumachen und den Fußspuren ihrer Eltern zu folgen.

 

In ähnlicher Weise findet R. Nevitt-Sanford (Kapitel VI) hinsichtlich der Religionszugehörigkeit, daß die Zugehörigkeit zu verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften mit Ethnozentrismus in Verbindung steht und daß Individuen, die gegen ihre Eltern rebelliert und eine andere Religion oder keine Religion angenommen haben, einen niedrigeren Ethnozentrismus haben. Diese Beziehungen werden als daran liegend erklärt, daß Akzeptanz einer christlichen Religion mit „Konformität, Konventionalismus, Unterwerfung unter Autoritäten, Bestimmung durch äußeren Druck, Denken im Sinne von Eigengruppe-Fremdgruppe und dergleichen versus Nonkonformismus, Unabhängigkeit, Verinnerlichung von Werten und so weiter“ verbunden ist (S. 220). Wiederum werden Individuen, die sich stark mit der Ideologie einer Mehrheitsgruppe identifizieren, als unter Psychopathologie leidend betrachtet, und doch würde das Judentum als lebensfähige Religion zwangsläufig mit denselben psychologischen Prozessen verbunden sein. Tatsächlich fanden Sirkin und Grellong (1988), daß Rebellion und negative Eltern-Kind-Beziehungen während der Pubertät damit verbunden waren, daß junge Juden den Judaismus aufgaben, um religiösen Kulten beizutreten. Negative Eltern-Kind-Beziehungen sagen fehlende Akzeptanz der elterlichen Religionsgruppenzugehörigkeit voraus, egal, um welche Religion es dabei geht.

Teil II von Die autoritäre Persönlichkeit besteht aus fünf Kapiteln von Else Frenkel-Brunswik, die Befragungsdaten von einer Untergruppe von Subjekten präsentiert, die in Teil I studiert wurden. Obwohl es durchgehend methodologische Schwierigkeiten mit diesen Daten gibt, liefern sie einen recht konsistenten, theoretisch einleuchtenden Kontrast in den Familienbeziehungen zwischen Leuten mit hohen und solchen mit niedrigen Werten auf der Ethnozentrismus-Skala.124 Jedoch unterscheidet sich das präsentierte Bild sehr von dem, was die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit zu vermitteln beabsichtigen. In Verbindung mit dem Material aus den projektiven Fragen aus Kapitel XV lassen die Daten stark darauf schließen, daß diejenigen mit hohen Werten auf der Ethnozentrismus-Skala dazu tendieren, aus sehr funktionsfähigen, adaptiven, kompetenten und besorgten Familien zu kommen. Diese Individuen identifizieren sich mit ihren Familien als prototypische Eigengruppe und scheinen zu beabsichtigen, diese Familienstruktur in ihrem eigenen Leben zu wiederholen. Leute mit niedrigen Werten scheinen ambivalente, rebellische Beziehungen zu ihren Familien zu haben und sich minimal mit ihrer Familie als Eigengruppe zu identifizieren.

Frenkel-Brunswik diskutiert zuerst Unterschiede in den Einstellungen gegenüber Eltern und Vorstellungen von der Familie. Vorurteilsbehaftete Individuen „glorifizieren“ ihre Eltern und betrachten ihre Familie als Eigengruppe.125 Individuen mit niedrigen Werten sollen im Gegensatz dazu eine „objektive“ Sicht ihrer Eltern kombiniert mit echter Zuneigung haben. Um diese Behauptungen plausibel zu machen, muß Frenkel-Brunswik zeigen, daß die sehr positiven Einstellungen jener mit hohen Werten nicht echte Zuneigung sind, sondern einfach Masken für unterdrückte Feindseligkeit. Wie jedoch Altemeyer (1981, S. 43) anmerkt: „Es ist zumindest möglich… daß [die Eltern derjenigen mit hohen Werten] in Wirklichkeit ein wenig besser waren als die meisten und daß die gefundenen kleinen Beziehungen eine völlig faktische, nichtpsychologische Erklärung haben.“ Ich würde weiter gehen als Altemeyer und behaupten, daß die Eltern und Familien derjenigen mit hohen Werten fast sicher ziemlich viel „besser“ waren als die Eltern und Familien derjenigen mit niedrigen Werten.

Frenkel-Brunswiks einziges Beispiel echter Zuneigung seitens derjenigen mit niedrigen Werten ist ein weibliches Subjekt, das von seiner Verzweiflung darüber erzählte, vom Vater verlassen worden zu sein. (Es scheint aus den unten besprochenen Daten hervorzugehen, daß Verlassenwerden und Zwiespältigkeit unter Personen mit niedrigen Werten im Allgemeinen häufiger vorkamen.) Dieses Subjekt, F63, gibt den folgenden Kommentar ab: „Ich erinnere mich daran, daß [meine Mutter], als mein Vater ging, in mein Zimmer kam und sagte: ‚Du wirst deinen Daddy nie wieder sehen’. Das waren ihre genauen Worte. Ich war verrückt vor Kummer und hatte das Gefühl, daß es ihre Schuld war. Ich warf mit Dingen, leerte den Inhalt von Schubladen aus dem Fenster, zog die Tagesdecke vom Bett und warf dann Sachen an die Wand“ (S. 346). Das Beispiel zeigt in der Tat eine starke Bindung zwischen Tochter und Vater, aber der Punkt ist eindeutig, daß die Beziehung eine der Verlassenheit ist, keine Zuneigung. Außerdem erwähnt Frenkel-Brunswick, daß manche derjenigen mit niedrigen Werten „blockierte Emotionen“ bezüglich ihrer Eltern zu haben scheinen; das heißt, diejenigen mit niedrigen Werten haben ihnen gegenüber gar keine emotionale Reaktion. Man fragt sich also, in welchem Sinne man von Personen mit niedrigen Werten sagen kann, daß sie echte positive emotionale Beziehungen zu ihren Eltern haben. Wie wir sehen werden, deuten die Daten insgesamt auf ein sehr hohes Niveau der Feindseligkeit und Ambivalenz unter Personen mit niedrigen Werten hin.

Im Gegensatz dazu heißt es von Frauen mit hohen Werten, daß sie sich als von ihren Eltern „schikaniert“ wahrnehmen. „Schikaniert“ hat negative Konnotationen, und meine eigene Lektüre des veröffentlichten Interviewmaterials legt nahe, daß die Subjekte negative Gefühle gegenüber elterlicher Disziplinierung oder Unfairness innerhalb eines Kontexts einer allgemein positiven Beziehung äußern. Eltern-Kind-Beziehungen können wie jede Beziehung als aus vom Standpunkt des Kindes positiven und negativen Attributen bestehend gesehen werden – so ziemlich wie ein Kontobuch. Bei Beziehungen im Allgemeinen ist es wegen der Interessenskonflikte von Menschen nicht wahrscheinlich, daß sie vom Standpunkt aller Parteien perfekt sind. Das Ergebnis ist, daß eine perfekte Beziehung vom Standpunkt einer Person für die andere Person in der Beziehung wie Ausbeutung erscheinen kann. So ist es in Eltern-Kind-Beziehungen (MacDonald 1988a, S. 166 – 169). Eine perfekte Beziehung vom Standpunkt des Kindes wäre unausgewogen und wäre zweifellos sehr unausgewogen gegenüber dem Elternteil – was gewöhnlich als permissive oder nachgiebige Eltern-Kind-Beziehung bezeichnet wird.

Meine Interpretation der Forschungen über Eltern-Kind-Interaktionen (und dies ist ein etablierter Standpunkt) ist, daß Kinder ein sehr hohes Niveau elterlicher Kontrolle akzeptieren werden, wenn die Beziehung zu den Eltern insgesamt positiv ist (MacDonald 1988a, 1992a, 1997). Entwicklungspsychologen verwenden den Begriff „autoritäre Elternschaft“, um Elternschaft zu bezeichnen, bei der das Kind elterliche Kontrolle im Kontext einer allgemein positiven Beziehung akzeptiert (Baumrind 1971; Maccoby & Martin 1983). Obwohl Kinder autoritärer Eltern zweifellos nicht immer elterliche Disziplin und Einschränkungen genießen werden, wird dieser Erziehungsstil mit ausgeglichenen Kindern assoziiert.

Ein Kind kann daher innerhalb des Kontexts einer insgesamt positiven Beziehung manche Aktivitäten des Elternteils nicht mögen, und es gibt keine psychologische Schwierigkeit mit der Annahme, daß das Kind akzeptieren könnte, eine unangenehme Arbeit machen zu müssen oder sogar als Mädchen diskriminiert zu werden, während es trotzdem eine sehr positive allgemeine Sicht auf die Eltern-Kind-Beziehung hat. Frenkel-Brunswiks Beispiele von Mädchen, die eine sehr positive Sicht auf ihre Eltern haben, sich aber auch über Situationen beklagen, wo sie Hausarbeit machen mußten oder weniger gut als ihre Brüder behandelt wurden, brauchen nicht als Hinweis auf unterdrückte Feindseligkeit interpretiert zu werden.

Frenkel-Brunswik behauptet, daß diese Verstimmungen von den Mädchen nicht „ego-akzeptiert“ sind, eine Bemerkung, die ich als Hinweis darauf interpretiere, daß die Mädchen die Beziehung nicht als völlig durch die Verstimmung beeinträchtigt sahen. Ihr Beispiel einer solchen nicht-ego-akzeptierten Verstimmung lautet wie folgt: F39: Mutter war „schrecklich streng mit mir beim Erlernen der Haushaltsführung… Ich bin jetzt froh, aber damals mochte ich es nicht.“ Nur durch Akzeptieren einer psychodynamischen Interpretation, nach der normale Verärgerungen darüber, Arbeit tun zu müssen, ein Zeichen für starke unterdrückte Feindseligkeiten und starre Verteidigungsmechanismen sind, können wir diese Frauen als in irgendeinem Sinn pathologisch betrachten.126 Es ist letztendlich die behauptete, durch elterliche Disziplin erzeugte unterdrückte Feindseligkeit, die in Antisemitismus resultiert: „Die Verdrängung einer unterdrückten Feindseligkeit gegenüber einer Autorität könnte eine der Quellen, und vielleicht die Hauptquelle, von… Feindschaft gegenüber Fremdgruppen sein“ (S. 482).

Während die negativen Gefühle, die Personen mit hohen Punktezahlen gegenüber ihren Eltern hegten, von elterlichen Bemühungen stammen, das Kind zu disziplinieren oder das Kind dazu zu bringen, Haushaltsarbeiten zu machen, sind die negativen Gefühle der Personen mit niedrigen Werten das Ergebnis von Verlassenheitsgefühlen und Verlust von Zuneigung (S. 349). Jedoch betont Frenkel-Brunswik im Fall der Personen mit niedrigen Punkten, daß das Verlassenwerden und der Verlust von Liebe freimütig akzeptiert werden, und diese Akzeptanz schließt ihrer Ansicht nach Psychopathologie aus. Ich habe bereits F63 besprochen, deren Vater sie verließ; ein weiteres Subjekt mit wenigen Punkten, M55, erklärt: „Zum Beispiel pflegte er eine Köstlichkeit wie Süßigkeiten zu nehmen, so zu tun, als würde er uns etwas davon anbieten, und es dann selber zu essen und brüllend zu lachen… Läßt ihn wie eine Art Monster erscheinen, obwohl er das nicht wirklich war“ (S. 350). Es überrascht nicht, daß das Subjekt sich lebhaft an solche unerhörten Beispiele elterlicher Gefühllosigkeit erinnert. In der verkehrten Welt von Die autoritäre Persönlichkeit jedoch wird es als Zeichen geistiger Gesundheit der Subjekte betrachtet, daß man sich an sie erinnert, wohingegen die offenkundig positiven Beziehungen der Personen mit hohen Punkten ein Zeichen tiefer, unbewußter Schichten der Psychopathologie sind.

Zeitgenössische Entwicklungsforschungen über autoritäre Elternschaft und Wärme zwischen Eltern und Kind deuten auch darauf hin, daß autoritäre Eltern erfolgreicher bei der Weitergabe kultureller Werte an ihre Kinder sind (z. B. MacDonald 1988a, 1992, 1997a). Beim Lesen dieses Interviewmaterials fällt einem auf, daß Personen mit niedrigen Punktezahlen ziemlich negative Ansichten über ihre Eltern haben, während die mit den hohen Punkten recht positive Ansichten haben. Es ist vernünftig anzunehmen, daß die mit niedrigeren Punkten rebellischer gegen elterliche Werte sein werden, und dies ist tatsächlich der Fall.

Ein Teil der Täuschung von Die autoritäre Persönlichkeit besteht jedoch darin, daß die gegen ihre Eltern gerichteten Ressentiments der Personen mit niedrigen Punkten als Zeichen interpretiert werden, daß elterliche Disziplin nicht übermächtig ist: „Nachdem typische Personen mit niedrigen Punkten ihre Eltern nicht wirklich als zu übermächtig oder beängstigend sehen, können sie es sich leisten, ihre Gefühle der Verstimmung leichter auszudrücken“ (S. 346). Die mageren Anzeichen von Zuneigung bei den Kindern von Personen mit niedrigen Punkten und die offenkundigen Zeichen der Verstimmung werden somit von Frenkel-Brunswik als echte Zuneigung interpretiert, während die sehr positive Wahrnehmung ihrer Eltern, die Personen mit hohen Punktezahlen haben, als Ergebnis extremen elterlichen Autoritarismus betrachtet werden, der Verdrängung und Verleugnung elterlicher Mängel zur Folge hat.

Diese Ergebnisse sind ein exzellentes Beispiel für die ideologischen Tendenzen, die für dieses gesamte Projekt charakteristisch sind. Ein Entwicklungspsychologe, der sich diese Daten ansieht, ist beeindruckt davon, daß es den Eltern der Personen mit hohen Punktezahlen gelingt, ihren Kindern eine sehr positive Wahrnehmung des Familienlebens einzuimpfen, während sie es schaffen, sie trotzdem zu disziplinieren. Wie oben beschrieben, etikettieren zeitgenössische Forscher diesen Elterntyp als autoritär, und die Forschung untermauert die allgemeine These, daß Kinder solcher Eltern elterliche Werte akzeptieren. Kinder aus solchen Familien haben enge Beziehungen zu ihren Eltern, und sie akzeptieren elterliche Werte und Gruppenidentifikationen. Wenn daher die Eltern religiöse Identifikationen akzeptieren, wird das Kind aus solch einer Familie sie mit größerer Wahrscheinlichkeit auch akzeptieren. Und wenn Eltern Bildung als Wert hochhalten, werden die Kinder die Wichtigkeit guter Schulleistungen wahrscheinlich ebenfalls akzeptieren. Diese autoritären Eltern setzen Maßstäbe für das Verhalten ihrer Kinder und überwachen die Beachtung dieser Maßstäbe. Die Wärme der Eltern-Kind-Beziehung motiviert das Kind dazu, diesen Maßstäben zu entsprechen und sein Verhalten in einer Weise zu kontrollieren, die eine Verletzung der Verhaltensnormen der Eigengruppe (d. h. der Familie) vermeidet.

Die zutiefst subversive Agenda von Die autoritäre Persönlichkeit ist die Pathologisierung dieser Art von Familie unter Nichtjuden. Jedoch müssen Beweise für elterliche Zuneigung unter den Personen mit hohen Punktezahlen, nachdem elterliche Zuneigung nach der Theorie positiv betrachtet wird, als Maske für elterliche Feindseligkeit interpretiert werden, und diejenigen mit niedrigen Punkten mußten so interpretiert werden, daß sie liebevolle Eltern hatten, trotz des oberflächlichen gegenteiligen Anscheins. Rebellion der Personen mit niedrigen Punkten gegen die Eltern wird dann als das normale Ergebnis liebevoller Kindererziehung konzipiert – eine bestenfalls lächerliche Ansicht.127

Im Grunde ist die politische Agenda von Die autoritäre Persönlichkeit die Unterhöhlung der Familienstruktur, aber das letztendliche Ziel ist die Untergrabung des gesamten sozialen Kategorisierungsschemas, das der nichtjüdischen Gesellschaft zugrunde liegt. Die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit studieren eine Gesellschaft, in der die Variationsbreite unter Familien von Familien, die im wesentlichen die gegenwärtige Gesellschaftsstruktur kopieren, bis zu Familien reicht, die Rebellion und Veränderung der Gesellschaftsstruktur produzieren. Erstere Familien haben einen starken Zusammenhalt, und Kinder in diesen Familien haben ein starkes Eigengruppengefühl gegenüber ihren Familien. Die Kinder akzeptieren auch grundsätzlich die soziale Kategorisierungsstruktur ihrer Eltern, so wie sich die Kategorien auf Kirche, Gemeinde und Nation erweitern.

Dieses relativ starke Eigengruppendenken neigt dann, wie nach den Forschungen zur sozialen Identität erwartet, dazu, negative Einstellungen zu Individuen aus anderen Religionen, Gemeinschaften und Nationen zu bewirken. Vom Standpunkt der Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit aus muß dieser Familientyp als pathologisch ausgewiesen werden, trotzdem dies genau der Familientyp ist, der für den Fortbestand eines starken Gefühls jüdischer Identität nötig ist; jüdische Kinder müssen das soziale Kategorisierungssystem ihrer Eltern akzeptieren. Sie müssen ihre Familien als Eigengruppen betrachten und letztendlich die Eigengruppe akzeptieren, die das Judentum darstellt. Wiederum besteht die grundsätzliche intellektuelle Schwierigkeit, die das gesamte Buch durchzieht, darin, daß seine Agenda unvermeidlicherweise bei Nichtjuden pathologisieren muß, was für die Aufrechterhaltung des Judentums entscheidend ist.

Der Erfolg der Familien der Personen mit hoher Punktezahl bei der Weitergabe elterlicher Werte wird von der Tatsache veranschaulicht, daß Kinder der Personen mit hohen Punkten ein Gefühl der Pflicht und Schuldigkeit gegenüber ihren Eltern haben. Man beachte insbesondere die Antwort von F78, über die es hieß: „Ihre Eltern billigten definitiv die Verlobung. Subjekt würde nicht einmal mit jemandem gehen, falls sie ihn nicht mochten“ (S. 351). Hier wird eine Frau, die jemanden heiraten möchte, der ihren Eltern genehm ist und die die Ansichten ihrer Eltern zu Beziehungen berücksichtigt, als jemand mit einer psychiatrischen Störung betrachtet. Man fragt sich, ob Frenkel-Brunswik solch eine Antwort bei einem jüdischen Subjekt ähnlich analysieren würde.

Ein weiterer Hinweis auf die überwiegend positiven Familienerfahrungen der Personen mit hohen Punktezahlen ist, daß sie oft anmerken, daß ihre Eltern ihnen gegenüber oft sehr sorgsam waren. In Frenkel-Brunswiks Weltsicht ist dies ein weiteres Zeichen für Pathologie unter Personen mit vielen Punkten, welches verschiedentlich als „Fremdabhängigkeit des Egos“ (S. 353) und „offenkundiger Opportunismus“ (S. 354) etikettiert wird.

Man beachte zum Beispiel die folgende Antwort von einer Person mit hoher Punktezahl, F79: „Ich sage immer, daß meine Mutter sich immer noch um mich kümmert. Sie sollten meine Wandschränke sehen – voll mit Obst, Marmeladen, eingelegtem Gemüse… Sie tut einfach gern etwas für Leute“ (S. 354).128 Solch eine Äußerung elterlicher Fürsorge als Teil eines pathologischen Syndroms zu kategorisieren, ist wahrlich erstaunlich. In ähnlicher Weise bezeichnet Frenkel-Brunswik den folgenden Kommentar einer Frau mit hoher Punktezahl als illustrativ für den offenkundig opportunistischen Charakter von Personen mit hohen Punktezahlen: „Vater war extrem aufopfernd für seine Familie – würde sich für sie die Finger bis auf die Knochen abarbeiten – hat nie getrunken“ (S. 365). Eine weitere Person mit hoher Punktezahl (F24) sagt bei der Beschreibung, wie „wundervoll“ ihr Vater war: „Er ist immer bereit, alles für einen zu tun“ (S. 365).

Als Evolutionist würde ich diese Kommentare als Anzeichen dafür interpretieren, daß die Eltern von Personen mit hohen Punktezahlen sehr in ihre Familien investieren und das Wohlergehen ihrer Familien zu ihrer obersten Priorität machen. Sie bestehen auf angemessenem Verhalten ihrer Kinder und verschweigen nicht, daß sie physische Bestrafung einsetzen, um das Verhalten der Kinder zu kontrollieren. In PTSDA (Kap. 7) zusammengefaßte Daten weisen darauf hin, daß dies genau der Erziehungsstil ist, der für Juden in traditionellen osteuropäischen Sthetl-Gesellschaften charakteristisch ist. In diesen Gesellschaften waren Elternschaft mit hoher Investition und Konformität mit elterlichen Praktiken, insbesondere religiöser Glauben, sehr wichtig. Von jüdischen Müttern in diesen Gemeinschaften heißt es, daß sie von einer „unermüdlichen Fürsorge“ gegenüber ihren Kindern gekennzeichnet sind (Zborowski & Herzog 1952, S. 193). Sie nehmen „grenzenlose Leiden und Opfer auf sich. Eltern ‚bringen sich um’ um ihrer Kinder willen“ (S. 294). Gleichzeitig gibt es ein starkes Gefühl elterlicher Kontrolle über Kinder, einschließlich gegen das Kind gerichteten Zorns und beträchtlicher Anwendung physischer Bestrafung, die im Zorn durchgeführt wird (S. 336 – 337).  Muster sehr aufdringlicher, fürsorglicher, abhängigkeitsverursachender und autoritärer Erziehung bestehen unter zeitgenössischen chassidischen Juden fort (Mintz 1992, S. 176ff).

Dieser Erziehungsstil mit hoher Investition, bei dem ein hohes Maß an Fürsorge mit starken Kontrollen über das Verhalten der Kinder kombiniert werden, ist in traditionellen jüdischen Gesellschaften wirksam dabei, die Kinder zu veranlassen, sich mit elterlichen Werten zu identifizieren. Der höchste unter diesen Werten ist die Akzeptanz der Religion der Eltern und die Notwendigkeit, einen Heiratspartner zu wählen, der den Eltern angemessen erscheint, und insbesondere zu vermeiden, einen Nichtjuden zu heiraten. Daß ein Kind einen Nichtjuden heiratet, ist ein entsetzliches, katastrophales Ereignis, das darauf hinweist, daß „mit diesen Eltern etwas nicht stimmen muß“ (Zborowski & Herzog 1952, S. 231). Für Frenkel-Brunswik jedoch sind elterliche Fürsorge, die Akzeptanz elterlicher Werte und elterlicher Einfluß auf Heiratsentscheidungen ein Zeichen der Pathologie – ein Vorläufer des Faschismus. Für Nichtjuden, aber offenkundig nicht für Juden, ist Rebellion gegen elterliche Werte der Inbegriff geistiger Gesundheit.

Die Interviewdaten über die Familie als Eigengruppe sind in dieser Hinsicht besonders interessant. Subjekte mit hohen Punktezahlen sind stolz auf ihre Familien, ihre Leistungen und ihre Traditionen. Mit typischer rhetorischer Chuzpe nennt Frenkel-Brunswik diese Äußerungen von Familienstolz „ein Loslassen einer homogenen totalitären Familie auf den Rest der Welt“ (S. 356). Zum Beispiel sagt F68, die hohe Punkte hat, über ihren Vater: „Seine Leute waren Pioniere – Goldsiedler und ziemlich reich. Jeder kennt die ––’s aus —County dort oben“ (S. 357). Stolz auf sich und auf die eigene Familie ist ein Kennzeichen für psychiatrische Störung.

Weitere Beweise dafür, daß die Familienbeziehungen von Personen mit hohen Punktezahlen positiver sind, kommen aus den Daten über elterliche Konflikte. Der folgende Kommentar wird als typisch für Männer mit hohen Punktezahlen als Antwort auf die Frage beschrieben, wie ihre Eltern miteinander auskamen. M41: „Gut, habe nie einen Streit gehört.“129 Im Gegensatz dazu sind bei den Protokollen der Personen mit niedrigen Punktezahlen ziemlich ernste elterliche Konflikte recht offenkundig. M59: „Nun, eben die üblichen Familienstreitigkeiten. Hat vielleicht ein wenig ihre Stimme erhoben. (Welche Streitpunkte?) Nun, daß mein Paps sich in den ersten zehn Jahren des Ehelebens meiner Mutter ziemlich oft betrunken hat und sie physisch zu schlagen pflegte, und später, als die Kinder größer wurden, ärgerte sie sich über den Einfluß meines Vaters, obwohl er weiterhin zu unserem Unterhalt beitrug… Er kam immer etwa zweimal pro Woche, manchmal öfter“ (S. 369).130

Dieses Bild des Konflikts in den Familien der Personen mit niedrigen Punktzahlen erhält von Frenkel-Brunswik die folgende Interpretation: „Die vorangehenden Protokolle veranschaulichen die Freimütigkeit und die größere Einsicht in die ehelichen Konflikte der Eltern“ (S. 369). Die Annahme scheint zu lauten, daß alle Familien von Alkoholismus, Verlassenwerden, physischer Mißhandlung, Streitereien und narzißtischer Beschäftigung mit den eigenen Vergnügungen anstatt mit den Bedürfnissen der Familie gekennzeichnet sind. Geistige Gesundheit bei Personen mit niedrigen Punktezahlen wird dadurch angezeigt, daß sie sich der familiären Psychopathologie bewußt sind, während die pathologischen Leute mit den hohen Punktezahlen diese Phänomene in ihren Familien einfach nicht erkennen und weiterhin in ihren Illusionen verharren, daß ihre Eltern selbstaufopfernde, liebevolle Zuchtmeister sind.

Dies ist ein gutes Beispiel für die Nützlichkeit der psychodynamischen Theorie bei der Erzeugung einer politisch wirksamen „Realität“. Verhalten, das mit der eigenen Theorie in Konflikt steht, kann der Verdrängung tiefliegender Konflikte zugeschrieben werden, und wahrhaft pathologisches Verhalten wird zur Essenz der geistigen Gesundheit, weil das Subjekt es als solches erkennt. Frenkel-Brunswik erfindet den Begriff „Konfliktverleugnung“ als Beschreibung der „Pathologie“ der Familien mit hohen Punktezahlen (S. 369), ein Begriff, der an die zuvor erwähnten „Fremdabhängigkeit des Egos“ und „Schikanen“ erinnert. Meine Lektüre dieser Protokolle läßt mich die Beziehungen als „konfliktfrei“ etikettieren, aber in der verkehrten Welt von Die autoritäre Persönlichkeit ist das Fehlen offenkundiger Konflikte ein sicheres Zeichen für das Verleugnen extrem schwerer Konflikte.131

Dasselbe Bild wird bei den Beziehungen unter Geschwistern präsentiert. Geschwisterbeziehungen, die von Subjekten mit hohen Punktezahlen sehr positiv beschrieben werden, werden als „übliche Idealisierung“ oder „Glorifizierung“ pathologisiert, während die sehr negativen Beschreibungen der Personen mit niedrigen Punktezahlen als „objektive Bewertung“ beschrieben werden. Die folgende Beschreibung eines Bruders durch jemand mit hoher Punktezahl veranschaulicht, wie Frenkel-Brunswik es schafft, sehr zusammenhaltsorientiertes, selbstaufopferndes Familienleben unter Nichtjuden zu pathologisieren: M52: „Nun, er ist ein wunderbarer Junge… Ist wundervoll zu meinen Eltern gewesen… Jetzt 21. Hat immer zu Hause gewohnt… Gibt den Großteil seines Verdienstes meinen Eltern“ (S. 378). Die Annahme scheint zu lauten, daß diese Beschreibung auf keinen Fall zutreffend sein kann und daher ein Beispiel pathologischer „Geschwisterglorifizierung“ ist.

Frenkel-Brunswik versucht auch, nichtjüdische Bedachtheit auf soziale Klassen und gesellschaftliche Aufwärtsmobilität zu pathologisieren. Personen mit hohen Punktezahlen werden wegen Aussagen wie der folgenden als „auf Status bedacht“ und daher pathologisch dargestellt: M57 antwortet auf die Frage, warum seine Eltern ihn maßregelten: „Nun, sie wollten nicht, daß ich mit manchen Arten von Leuten herumlief – Slum-Frauen -, wollten immer, daß ich mit Leuten aus höheren Schichten verkehre“ (S. 383).132

Eine Sorge um sozialen Status wird somit als pathologisch betrachtet. Eine evolutionäre Sicht betont im Gegensatz zu Frenkel-Brunswik die adaptive Bedeutung des gesellschaftlichen Klassenstatus. Ein Evolutionist würde das Verhalten der Eltern recht adaptiv finden, nachdem sie wollen, daß ihr Sohn sich um gesellschaftliche Aufwärtsmobilität kümmert, und eine respektable Frau als Schwiegertochter wollen. Die Eltern sind um sozialen Status besorgt, und ein Evolutionist würde anmerken, daß solch eine Sorge in geschichteten Gesellschaften in historischer Zeit von entscheidender evolutionärer Bedeutung gewesen ist (Siehe PTSDA, Kap. 7).

Das andere von Frenkel-Brunswik präsentierte Beispiel für Sorge um sozialen Status ist ein Individuum, das darum besorgt ist, biologische Erben zu haben. Einer mit hoher Punktezahl sagt: „Ich möchte ein Zuhause und ich möchte heiraten, nicht weil ich eine Ehefrau will, sondern weil ich ein Kind will. Ich will ein Kind, weil ich möchte, daß jemand meine Sachen weitergibt an – ich bin mir plötzlich meines Hintergrundes sehr bewußt geworden, den ich vergesse. (Wie meinen Sie?) Familienhintergrund“ (S. 383). Wiederum wird biologisch adaptives Verhalten von Nichtjuden pathologisiert, und man fragt sich, ob die Autoren die offizielle, auf Religion beruhende Sorge um Fortpflanzungserfolg, biologische Verwandtschaft und Ressourcenkontrolle unter Juden als ähnlich pathologisch betrachten würden.

In ihrer Zusammenfassung und Besprechung der Daten aus den Familieninterviews (S. 384 – 389) entscheidet Frenkel-Brunswik sich dann dafür, die offensichtlichen Anzeichen für Konflikt, Feindseligkeit und Ambivalenz in den Familien der Personen mit niedrigen Punktezahlen zu ignorieren, und charakterisiert sie als „pfleglich-liebevoll“ (S. 388) und als „freifließende Zuneigung“ zeigend (S. 386). Diese Familien bringen Kinder mit einem „größeren Reichtum und größerer Befreiung des Gefühlslebens“ hervor (S. 388), und die Kinder zeigen eine erfolgreiche „Sublimierung instinktiver Tendenzen“ (S. 388). Offensichtliche Anzeichen für Zusammenhalt, Zuneigung, Harmonie, Disziplin und erfolgreiche Weitergabe von Familienwerten in den Familien von Personen mit hohen Punktezahlen werden als „Orientierung an Macht und Verachtung für den angeblich Unterlegenen“ interpretiert (S. 387). Diese Familien sind von „ängstlicher Unterwürfigkeit gegenüber den Forderungen der Eltern und von einer frühen Unterdrückung von Impulsen“ charakterisiert (S. 385).

Diese Umkehrung der Realität setzt sich im Kapitel mit dem Titel „Sex, Menschen und das Selbst, gesehen durch Interviews“ fort. Männer mit hohen Punktezahlen erscheinen als sexuell erfolgreicher und mit hohem Selbstverständnis der Männlichkeit; Frauen mit hohen Punktezahlen werden als bei Jungen beliebt beschrieben. Männer mit niedrigen Punktezahlen erscheinen als sexuell unzulänglich, und Frauen mit niedrigen Punktezahlen als uninteressiert an Männern oder unfähig, Männer anzuziehen. Das Muster der Personen mit niedrigen Punktezahlen wird dann als „offenes Eingeständnis“ sexueller Unzulänglichkeit und daher als Zeichen für psychologische Gesundheit interpretiert, und das Muster der Personen mit hohen Punktezahlen wird als „auf sozialen Status bedacht“ und daher pathologisch etikettiert. Die Annahme lautet, daß Psychopathologie durch offenkundige soziale Anpassung und Selbstwertgefühle angezeigt wird, während geistige Gesundheit durch Unzulänglichkeitsgefühle und Eingeständnisse von „Unzulänglichkeit“ angezeigt wird (S. 389).

Frenkel-Brunswik versucht dann zu zeigen, daß Personen mit hohen Punktezahlen von „Id-feindlichem Moralismus“ charakterisiert sind. Die Protokolle deuten darauf hin, daß die Männer von Frauen angezogen werden und sich in sie verlieben, die nicht besonders an Sex interessiert sind. Zum Beispiel M45: „Wir kamen sexuell nicht allzu gut miteinander aus, weil sie irgendwie auf der frigiden Seite war, aber dennoch war ich alles in allem in sie verliebt und bin das immer noch. Ich würde nichts lieber tun als zu ihre zurückzukehren“ (S. 396). Männer mit hohen Punktezahlen scheinen sexuellen Anstand bei Frauen zu schätzen, die sie zu heiraten beabsichtigen: M20: „Ja, ich ging die ganze High School hindurch mit einem Mädchen… Sehr religiös… Sie war mehr oder weniger das, wonach ich suchte. Sehr religiös.“133

Ein Evolutionist, der sich diese Protokolle ansieht, ist beeindruckt davon, daß die Männer mit hohen Punkten als Individuen erscheinen, die eine Ehe eingehen wollen, in der sie ein hohes Maß an väterlichem Vertrauen haben. Sie wollen eine Frau mit hohen moralischen Maßstäben, bei der es unwahrscheinlich ist, daß sie von anderen Männern sexuell angezogen wird, und sie suchen Frauen mit konventionellen moralischen Werten. Frauen mit hohen Punktezahlen scheinen darauf erpicht zu sein, genau diese Art von Frau zu sein. Sie vermitteln das Bild sehr hoher Standards sexuellen Anstands und möchten einen Ruf bewahren, nicht promiskuitiv zu sein.

Weiters wollen die Frauen mit hohen Punktezahlen Männer, die „fleißig, ‚tatkräftig’ und energisch sind, ‚eine gute Persönlichkeit’, (konventionell) moralisch, ‚adrett’, rücksichtsvoll gegenüber Frauen“ (S. 401).134 Ein Evolutionist würde erwarten, daß diese Art von Sexualverhalten und Heiratspartnerwahl charakteristisch für jene ist, die Ehen mit „hoher Investition“ eingehen, welche von sexueller Treue der Frau und einem hohen Niveau väterlicher Beteiligung charakterisiert sind. Diese sehr adaptive Tendenz von Frauen mit hohen Punktezahlen, Investitionen von Männern anzustreben, etikettiert Frenkel-Brunswik als „opportunistisch“ (S. 401).

Konventionelle Einstellungen zur Ehe sind ebenfalls ein Aspekt der „pathologischen“ Einstellungen der Personen mit hohen Punktezahlen. Diese „tendieren dazu, großen Wert auf sozioökonomischen Status, Kirchenzugehörigkeit und Konformität mit konventionellen Werten zu legen“ (S. 402). Zum Beispiel F74: „(Wünschenswerte Eigenschaften?) Freund sollte ungefähr denselben sozioökonomischen Status haben. Sie sollten gern dieselben Dinge tun und ohne zu viele Streitereien miteinander auskommen.“135 Diese Frau ist in ihrer Partnerwahl sehr anspruchsvoll. Sie ist sehr bedacht darauf, jemanden zu heiraten, der verantwortungsvoll und verläßlich ist und in eine langfristige Partnerschaft investieren wird. Für Frenkel-Brunswik jedoch sind diese Einstellungen ein Zeichen opportunistischen Verhaltens. Trotz offenkundiger Anzeichen starker Zuneigung bei F78 (siehe Anmerkung 24) und den deutlichen Anzeichen dafür, daß F74 eine Beziehung wünscht, die von Harmonie, gegenseitiger Anziehung und wechselseitigen Interessen charakterisiert ist, faßt Frenkel-Brunswik die Ergebnisse als Hinweise auf einen „Mangel an Selbstwerdung und echter Objektbezogenheit“ (S. 404) und auf „Zuneigungsarmut“ (S. 404) zusammen.

Wiederum ermöglicht es die psychodynamische Theorie der Autorin, oberflächlich erkennbare Bewunderung und Zuneigung einer zugrundeliegenden Feindseligkeit zuzuschreiben, während die oberflächlich erkennbaren Probleme von Personen mit niedrigen Punkten ein Zeichen geistiger Gesundheit sind: „Manche der Protokolle von Subjekten mit niedriger Punktezahl erwähnen ziemlich freimütig ihre Unzulänglichkeiten, Hemmungen und Fehlschläge bei sexueller Anpassung. Es gibt auch Hinweise auf Ambivalenz gegenüber der eigenen sexuellen Rolle und gegenüber dem anderen Geschlecht, obwohl diese Ambivalenz von einer anderen, mehr verinnerlichten Art ist gegenüber der Kombination aus offener Bewunderung und zugrundeliegender Nichtrespektierung, die für jene mit hohen Punktezahlen charakteristisch ist“ (S. 405). Wir können diese zugrundeliegende Nichtrespektierung nicht sehen und haben somit keinen Beweis für ihre Existenz. Aber die psychodynamische Theorie ermöglicht es Frenkel-Brunswik, trotzdem auf ihre Existenz zu schließen.

Die Tendenz, Verhaltensweisen zu pathologisieren, die mit adaptivem Funktionieren zu tun haben, ist auch in der Diskussion des Selbstkonzepts zu erkennen. Bei Personen mit hohen Punktezahlen findet man ein sehr positives Selbstbild, wohingegen Personen mit niedrigen Punkten voller Unsicherheit, Selbstverurteilung und sogar „morbiden“ Selbstbezichtigungen sind (S. 423ff) – Ergebnisse, die als an den Verdrängungen der Personen mit hohen Punkten und an der Objektivität jener mit niedrigen Punkten liegend interpretiert werden.136

In einem späteren Abschnitt („Übereinstimmung von Selbst und Ideal“) findet Frenkel-Brunswik, daß es bei Personen mit hohen Punkten eine kleine Kluft zwischen gegenwärtigem Selbst und idealem Selbst gibt. Daher beschreiben sich Männer mit hohen Punkten in einer „pseudomaskulinen“ Weise und idealisieren diese Art von Verhalten. Ein Teil ihrer angeblichen Pathologie ist, daß sie berühmte amerikanische Helden haben, die sie bewundern und nachahmen möchten, wie Douglas MacArthur, Andrew Carnegie und George Patton. Personen mit niedrigen Punkten jedoch nehmen eine Kluft zwischen ihrem gegenwärtigen und idealen Selbst wahr – eine Kluft, die Frenkel-Brunswik so interpretiert: „Da sie im Grunde sicherer sind, scheint es, daß sie es sich leichter leisten können, eine Diskrepanz zwischen Ego-Ideal und tatsächlicher Realität zu sehen“ (S. 431). „Als Erwachsene zeigen Personen mit wenig Punkten oft weiterhin offene Ängste und Depressionsgefühle, was vielleicht zumindest teilweise an ihrer größeren Fähigkeit liegt, sich Unsicherheit und Konflikt zu stellen“ (S. 441).

Wiederum kommt die psychodynamische Theorie zur Rettung. Subjekte mit wenigen Punkten erscheinen an der Oberfläche als zutiefst unsicher und selbstverneinend, und sie sind unzufrieden mit ihrem gegenwärtigen Selbst. Aber dieses Verhalten wird als Zeichen größerer Sicherheit interpretiert als jene der Personen mit vielen Punkten, die an der Oberfläche selbstsicher und stolz auf sich erscheinen. In einer weiteren Umkehrung der Realität faßt Frenkel-Brunswik ihre Daten über das Selbstkonzept als darauf hindeutend zusammen, daß „vorurteilsfreie Individuen ein besseres Verhältnis zu sich selbst zu haben scheinen, was vielleicht daran liegt, daß sie von ihren Eltern mehr geliebt und akzeptiert worden sind. Daher sind sie eher bereit zuzugeben, daß sie ihren Ideale und den Rollen nicht entsprechen, die zu spielen unsere Kultur von ihnen erwartet“ (S. 441).

Das Streben von Nichtjuden nach Erfolg wird ebenfalls pathologisiert. Zusätzlich dazu, daß sie mit größerer Wahrscheinlichkeit einen höheren sozialen Status anstreben und sehr erfolgreiche amerikanische Helden als Rollenvorbilder haben, scheinen Personen mit hoher Punktezahl auch materielle Ressourcen zu wollen (S. 433ff). Während Personen mit niedriger Punktezahl sich als in der Kindheit isoliert beschreiben, sind jene mit hoher Punktezahl sozial beliebt, haben Ämter in Schulen und sozialen Organisationen inne und haben viele Freunde. Die letzteren Attribute werden von Frenkel-Brunswik als „Bandengeselligkeit“ bezeichnet (S. 439) – ein weiterer rhetorischer Schnörkel, der das Verhalten sozial erfolgreicher Nichtjuden pathologisieren soll.

Tatsächlich könnte man schlußfolgern, daß ein hervorstechender Aspekt dieses Materials der Versuch ist, adaptives Verhalten von Nichtjuden im Allgemeinen zu pathologisieren. Nichtjuden, die eheliche Beziehungen mit hoher Investition und zusammenhaltende Familien schätzen, die aufwärtsmobil sind und materielle Ressourcen anstreben, die auf ihre Familien stolz sind und sich mit ihren Eltern identifizieren, die ein hohes Selbstkonzept haben, die glauben, daß das Christentum eine positive moralische Kraft (S. 408) und ein spiritueller Trost ist (S. 450), die sich stark als Männer oder Frauen identifizieren (aber nicht als beides!) und die gesellschaftlich erfolgreich sind und Musterbeispiele gesellschaftlichen Erfolges nachahmen möchten (z. B. amerikanische Helden), werden als mit einer psychiatrischen Störung behaftet gesehen.

Es ist höchst ironisch, daß eine Publikation einer größeren jüdischen Organisation eine Sorge um sozialen Status und materielle Ressourcen, Elternschaft mit hoher Investition, Identifikation mit den Eltern und Stolz auf die eigene Familie bei Nichtjuden zu den Anzeichen für psychiatrische Störungen zählen, angesichts des Ausmaßes, in dem all diese Attribute Juden charakterisieren. Tatsächlich ziehen die Autoren den bemerkenswerten Schluß: „Wir haben auf der Grundlage von Ergebnissen auf zahlreichen Gebieten Anlaß zu vermuten, daß Aufwärtsmobilität und Identifikation mit dem Status quo positiv mit Ethnozentrismus korrelieren, und daß Abwärtsmobilität und Identifikation mit Anti-Ethnozentrismus einhergehen“ (S. 204).

Wiederum sind die behaupteten Indikatoren für Pathologie von Nichtjuden entscheidend für den Erfolg des Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie gewesen und sind es weiterhin. Es hat in der jüdischen Gemeinschaft immer intensiven sozialen Druck nach Aufwärtsmobilität und Erwerb von Ressourcen gegeben, der teilweise von Eltern ausging, und Juden sind in der Tat außergewöhnlich aufwärtsmobil gewesen. Tatsächlich merken Herz und Rosen an (1982, S. 368): „Erfolg ist so lebenswichtig für das jüdische Familienethos, daß wir ihn kaum überbetonen können… Wir können nicht hoffen, die jüdische Familie zu verstehen, ohne den Platz zu verstehen, den Erfolg für Männer (und in jüngerer Zeit auch Frauen) in dem System einnimmt.“ Und in PTSDA (Kap. 7) wurde festgehalten, daß gesellschaftlicher Klassenstatus in jüdischen Gemeinden in traditionellen Gesellschaften stark mit Fortpflanzungserfolg verbunden gewesen ist.

Und doch werden Nichtjuden, die gesellschaftlich isoliert sind, die negative und rebellische Einstellungen gegenüber ihren Familien haben, die in ihren sexuellen Identitäten ambivalent und unsicher sind, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und von lähmenden Unsicherheiten und Konflikten erfüllt sind (einschließlich Unsicherheiten bezüglich elterlicher Zuneigung), die sich im sozialen Status abwärts bewegen und negative Einstellungen gegenüber hohem Sozialstatus und Erwerb materieller Ressourcen haben, als Inbegriff psychologischer Gesundheit betrachtet.137

In all diesem Material wird viel Aufhebens darum gemacht, daß Personen mit niedriger Punktezahl in ihren Beziehungen oft nach Zuneigung zu suchen scheinen. Eine vernünftige Interpretation der Ergebnisse über das Streben nach Zuneigung ist, daß Personen mit wenigen Punkten viel ablehnungsvollere, ambivalentere Eltern-Kind-Beziehungen hatten verglichen mit Personen mit hohen Punktezahlen, mit dem Ergebnis, daß sie bei anderen solche warmen, zuneigungsvollen Beziehungen suchen. Es gibt viele Hinweise in dem Interviewmaterial, daß die tatsächlichen Eltern-Kind-Beziehungen der Personen mit wenigen Punkten ambivalent und feindselig und oft sogar von Verlassenwerden und sogar Mißhandlung charakterisiert waren (siehe oben). Die erwartete Konsequenz einer solchen Situation ist, daß das Kind rebellisch gegen die Eltern sein wird, sich nicht mit der Familie oder größeren, von der Familie akzeptierten sozialen Kategorien identifizieren und vorwiegend mit der Suche nach Zuneigung beschäftigt sein wird (MacDonald S. 1992a, S. 1997a).

Die positiven Familienerfahrungen der Personen mit hohen Punktezahlen geben ihnen im Gegensatz dazu ein starkes Gefühl emotionaler Sicherheit in ihren persönlichen Beziehungen, mit dem Ergebnis, daß sie bei den Tests des Projekts „äußerlich orientiert“ sind (S. 563, 565) und sich in viel größerem Ausmaß auf entscheidende Werte konzentrieren, die für die Erlangung von Sozialstatus und die Verwirklichung anderer anerkannter Aufgaben wichtig sind, wie Ansammlung von Ressourcen – „Arbeit – Zielsetzung – Aktivität“ (S. 575). Levinson pathologisiert diese Außenorientierung, indem er sagt: „Individuen, die diese Antworten geben, scheinen sich davor zu fürchten, überhaupt nach innen zu schauen, aus Angst vor dem, was sie finden werden“ (S. 565). Ihre Sorgen zentrieren sich darum, zu versagen und die Gruppe zu enttäuschen. Sie scheinen intensiv dazu motiviert, Erfolg zu haben und ihre Familien stolz zu machen.

Jedoch bedeutet dies nicht, daß Personen mit hohen Punkten unfähig sind, zuneigungsvolle Beziehungen zu entwickeln, oder daß Liebe und Zuneigung für sie unwichtig sind. Wir haben bereits gesehen, daß Personen mit vielen Punkten von Beziehungen mit hoher Investition angezogen werden, in denen Sex von relativ geringem Belang ist, und diese Individuen scheinen den Vorrang anderer Eigenschaften wie Liebe und gemeinsame Interessen als Basis einer Ehe zu akzeptieren. Für Personen mit hoher Punktezahl wird die Erlangung emotionaler Sicherheit nicht zu einer Suche nach dem „heiligen Gral“; sie suchen nicht überall danach. Personen mit wenigen Punkten jedoch scheinen auf einer ziemlich mitleiderregenden Suche nach Liebe zu sein, die vermutlich in ihren früheren Beziehungen gefehlt hat. Wie Frenkel-Brunswik in der Zusammenfassung der Interviewdaten zur sexuellen Orientierung anmerkt: „Ambivalenz gegenüber dem anderen Geschlecht scheint bei Personen mit niedriger Punktezahl oft die Folge einer übermäßig intensiven Suche nach Liebe zu sein, die nicht leicht zu befriedigen ist“ (S. 405).

Wie Kinder in einer sicheren Bindung in Anwesenheit eines Objekts ihrer Bindung haben Personen mit hoher Punktezahl die Freiheit, die Welt zu erforschen und adaptives, nach außen gerichtetes Verhalten zu zeigen, ohne sich ständig um den Status ihrer Bindung an ihre Mütter zu sorgen (Ainsworth et al. 1978). Personen mit wenigen Punkten scheinen im Gegensatz dazu wie Kinder mit unsicherer Bindung vorwiegend mit Sicherheit und Zuneigungsbedürfnissen beschäftigt zu sein. Nachdem diese Bedürfnisse nicht in ihren Familien erfüllt worden sind, suchen sie Zuneigung in all ihren Beziehungen; gleichzeitig sind sie stark mit ihren eigenen Fehlschlägen beschäftigt, hegen eine diffuse Feindseligkeit gegen andere und sind rebellisch gegen alles, was ihre Eltern schätzten.

DISKUSSION

Die hier entwickelte Sichtweise kehrt somit die psychodynamische Sichtweise der Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit um, weil sie die Daten im wesentlichen so akzeptiert, wie sie sind. Wegen ihres grundsätzlichen politischen Programms, die nichtjüdische Kultur und insbesondere Nichtjuden anzuklagen, die die erfolgreichsten und kulturell anerkanntesten Mitglieder ihrer Gesellschaft sind, waren die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit gezwungen, eine psychodynamische Sichtweise anzunehmen, in der alle Beziehungen auf den Kopf gestellt wurden. Oberflächliche Unsicherheit wird zu einem Anzeichen tief empfundener Sicherheit und zu einer realistischen Sicht des Lebens. Oberflächliche Sicherheit und Selbstvertrauen werden zu Zeichen tiefer Unsicherheiten und ungelöster Feindseligkeiten, die für eine Furcht davor, „nach innen zu schauen“, symptomatisch sind.

Ein weiterer fundamentaler Fehler ist die Annahme, daß jegliche Unterdrückung von Kinderwünschen Feindseligkeit und unterdrückte Aggression gegen den Elternteil erzeugt. Daß die Eltern von Personen mit hohen Punktezahlen ihre Kinder disziplinieren, ihre Kinder sie aber dennoch bewundern und tatsächlich „glorifizieren“, ist somit aus der intellektuellen Perspektive von Die autoritäre Persönlichkeit ein ipso-facto-Beweis dafür, daß es verdrängte Feindseligkeit und Aggression gegen die Eltern gibt (siehe insbesondere S. 357).

Es sollte jedoch aus der obigen Diskussion offensichtlich sein, daß die „Schikanierung“ und die ihr zugrunde liegende Feindseligkeit reine Vermutung sind. Sie sind theoretische Konstrukte, für die es keine Spur eines Beweises gibt. Es gibt überhaupt keinen Grund zu der Annahme, daß die Disziplinierung von Kindern zu verdrängter Feindseligkeit führt, wenn sie im Kontext einer allgemein positiven Beziehung geschieht.

Die Psychoanalyse war offenkundig ein ideales Mittel zur Schaffung dieser verkehrten Welt. Sowohl Brown (1965) als auch insbesondere Altemeyer (1988) stellen die Willkürlichkeit der psychodynamischen Erklärungen fest, die in Die autoritäre Persönlichkeit vorkommen. Daher hebt Altemeyer (1988, S. 54) hervor, daß lobende Äußerungen von Personen mit hohen Punktezahlen über ihre Eltern ein Zeichen von „Überglorifizierung“ sind, während feindselige Aussagen für bare Münze genommen werden. Aussagen, die sowohl Lob als auch Feindseligkeit andeuten, werden als Kombination von Überglorifizierung und korrekter Erinnerung aufgefaßt.

Die Psychoanalyse ermöglichte es den Autoren im Grunde, jede Geschichte zu erfinden, die sie wollten. Wenn die Familienbeziehungen von Personen mit hohen Punktezahlen oberflächlich besehen positiv waren, konnte man behaupten, daß die oberflächliche Glücklichkeit und Zuneigung tiefe, unbewußte Feindseligkeiten maskierte. Jedes bißchen negativer Gefühle, das Personen mit hohen Punktezahlen gegenüber ihren Eltern empfanden, wurde dann zu einem Hebel, mit dem man eine imaginäre Welt verdrängter Feindseligkeit schaffen konnte, die von oberflächlicher Zuneigung verdeckt wurde. Aber als Bettelheim und Janowitz (1950) in einem weiteren Band von Studies in Prejudice befanden, daß Antisemiten schlechte Beziehungen zu ihren Eltern beschrieben, wurden die Ergebnisse für bare Münze genommen. Das Ergebnis war keine Wissenschaft, aber es war wirksam bei der Erreichung seiner politischen Ziele.

Es ist bemerkenswert, daß alle fünf Bände der Studies in Prejudice von der Psychoanalyse Gebrauch machen, um Theorien zu produzieren, in denen Antisemitismus innerpsychischem Konflikt, sexuellen Unterdrückungen und gestörten Eltern-Kind-Beziehungen zugeschrieben wird, während auch die Bedeutung des kulturellen Separatismus und die Realität gruppenbasierter Konkurrenz um Ressourcen verleugnet wird (andere Beispiele, einschließlich Freuds Theorie in Der Mann Moses und die monotheistische Religion, werden in Kapitel 4 betrachtet). Es erscheinen weiterhin psychoanalytische Interpretationen des Antisemitismus (z. B. Ostrow 1995). Die Theorien haben eine Art von Familienähnlichkeit in dem Sinne, daß viel Gebrauch von Projektionen und der Entwicklung komplizierter psychodynamischer Formulierungen gemacht wird, obwohl die tatsächlichen Dynamiken ganz und gar nicht ähnlich sind. Zeitweise scheint es, wie in einem weiteren Band der Serie Studies in Prejudice (Anti-Semitism and Emotional Disorder [Ackerman & Jahoda, 1950]), keine nachvollziehbare Theorie des Antisemitismus zu geben, sondern vielmehr eine Anzahl psychodynamischer ad-hoc-Behauptungen, deren einzige Ähnlichkeit darin besteht, daß am Antisemitismus die Projektion irgendeiner Art innerpsychischen Konflikts beteiligt ist. So weit ich weiß, hat es keinen Versuch gegeben, diese verschiedenen psychodynamischen Theorien empirischen Tests zu unterziehen, die zwischen ihnen unterscheiden würden.

Es mag bestürzend wirken, das hier entwickelte alternative Bild zu akzeptieren. Ich sage im Wesentlichen, daß die Familien der Personen mit hohen Punktezahlen adaptiv waren. Sie kombinierten Wärme und Zuneigung mit einem Gefühl der Verantwortung und Disziplin, und die Kinder scheinen ambitioniert und an der Aufrechterhaltung der Werte von Familie und Land interessiert gewesen zu sein. Die Familie funktionierte als Eigengruppe, wie Frenkel-Brunswik und Levinson behaupten, und zur erfolgreichen Weitergabe kultureller Werte könnten leicht auch negative Zuschreibungen gegenüber Individuen aus anderen Gruppen gehört haben, in denen die Familie kein Mitglied war. Personen mit hohen Punktezahlen akzeptierten dann die Tendenzen ihrer Eltern gegenüber Eigengruppe und Fremdgruppe, so wie sie viele andere elterliche Werte akzeptierten. Personen mit hohen Punktezahlen sind somit gesellschaftlich eingebunden und empfinden eine Verantwortung gegenüber den Normen der Eigengruppe (Familie). Im Sinne von Triandis (1990, S. 55) sind diese Individuen „allozentrische“ Menschen, die in einer individualistischen Gesellschaft leben; das heißt, sie sind Menschen, die gesellschaftlich integriert sind und ein hohes Maß an sozialer Unterstützung erhalten. Sie identifizieren sich sehr mit den Normen der Eigengruppe (Familie).

Die hier entwickelte Sichtweise betont Identifikationsprozesse als der Weitergabe von Familieneinstellungen zugrundeliegend (MacDonald 1992a, 1997a). Wie Aronson (1992, S. 320 – 321) anmerkt, stehen alle Studien, die inspiriert von Die autoritäre Persönlichkeit Vorurteile mit Eltern-Kind-Beziehungen verbinden, miteinander in Zusammenhang, und die Ergebnisse können genauso gut als durch Identifikationsprozesse begründet erklärt werden. In ähnlicher Weise argumentiert Billig (1976, S. 116 – 117), daß kompetente Familien vorurteilsbehaftet sein können, und daß Vorurteile innerhalb von Familien in derselben Weise weitergegeben werden können, wie jede beliebige Zahl anderer Überzeugungen weitergegeben wird. Daher fand Pettigrew (1958) starke schwarzenfeindliche Vorurteile unter südafrikanischen Weißen, aber deren Persönlichkeiten waren ziemlich normal, und sie lagen nicht hoch auf der F-Skala, die Autoritarismus mißt.

Die in Die autoritäre Persönlichkeit studierten Personen mit hohen Punktezahlen akzeptieren die Tendenzen ihrer Eltern zu Eigengruppe und Fremdgruppe, aber dies erklärt nicht den Ursprung der elterlichen Werte selbst. Die hier gebotenen Daten zeigen, wie kompetente Familien entscheidend bei der Weitergabe solcher Werte zwischen Generationen sein können. Die zeitgenössische Entwicklungspsychologie liefert keinen Grund zu der Annahme, daß kompetente, zuneigungsvolle Familien zwangsläufig Kinder ohne negative Zuschreibungen bezüglich Fremdgruppen hervorbringen.

Ein weiteres bedeutendes Thema ist hier, daß, während Loyalität zu Eigengruppen bei Nichtjuden Psychopathologie anzeigt, der Inbegriff psychologischer Gesundheit für die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit der Individualist ist, der völlig von allen Eigengruppen losgelöst ist, einschließlich seiner oder ihrer Familie. Wie oben beschrieben, deuten Forschungen über Individualismus und Kollektivismus darauf hin, daß solche Individualisten weniger zu Antisemitismus zu neigen pflegen. Es ist interessant, daß der lobenswerteste Typ einer Person mit niedrigen Punkten für Adorno „der echte Liberale“ ist, dessen „Ansichten bezüglich Minderheiten von der Idee des Individuums geleitet sind“ (S. 782).138 Das im Text besprochene Musterbeispiel einer echten Liberalen (F515) glaubt, daß Antisemitismus an Eifersucht liegt, weil Juden klüger sind. Dieses Individuum ist ziemlich bereitwillig, völlig freie Konkurrenz zwischen Juden und Nichtjuden zuzulassen: „Wir wollen keinen Konkurrenzkampf. Wenn sie [die Juden] ihn wollen, sollen sie ihn haben. Ich weiß nicht, ob sie intelligenter sind, aber falls sie es sind, sollten sie ihn haben“ (S. 782).139

Laut Adorno machen sich also psychologisch gesunde Nichtjuden keine Sorgen darum, von Juden im Wettbewerb überflügelt zu werden und im Status abzusinken. Sie sind völlige Individualisten mit einem starken Gefühl persönlicher Autonomie und Unabhängigkeit, und sie stellen sich Juden als Individuen vor, die völlig unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit sind. Während Nichtjuden dafür getadelt werden, keine Individualisten zu sein, tadelt Adorno keine Juden, die sich stark mit einer Gruppe identifizieren, die historisch die Funktion gehabt hat, die Ressourcenkonkurrenz mit Nichtjuden zu erleichtern (PTSDA, Kap. 5, 6) und bleibt ein starker Einflußgeber auf mehreren sehr umstrittenen Gebieten der öffentlichen Politik, einschließlich Einwanderung, Trennung von Kirche und Staat, Abtreibungsrechte und bürgerliche Freiheiten (Goldberg 1996, S. 5). Tatsächlich prognostiziert die soziale Identitätstheorie, daß Juden mit größerer Wahrscheinlichkeit stereotypische negative Vorstellungen von Nichtjuden haben als umgekehrt (SAID, Kap. 1).

Der persönlichkeitsbezogene Ansatz zu Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen ist in den Jahren seit der Veröffentlichung von Die autoritäre Persönlichkeit kritisiert worden. Die Forschung zur sozialen Identität legt nahe, daß Variationen in der Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen unabhängig von der Variation der Persönlichkeit oder der Eltern-Kind-Beziehungen sind. Diese Forschungen deuten darauf hin, daß, obwohl es individuelle Unterschiede bei der Affinität zu Eigengruppen gibt (und Juden liegen beim Ethnozentrismus tatsächlich sehr hoch), Einstellungen gegenüber Fremdgruppen universelle Anpassungen widerspiegeln (siehe SAID, Kap. 1). Innerhalb der Perspektive der sozialen Identität kann viel von der Schwankung der Fremdgruppenfeindlichkeit durch situationsbedingte Variablen erklärt werden, wie der wahrgenommenen Durchlässigkeit der Fremdgruppe oder ob die Eigengruppe und die Fremdgruppe in Ressourcenkonkurrenz zueinander stehen.

In Übereinstimmung mit dieser Sichtweise merkt Billig (1976, S. 119 – 120) an, daß der ausschließliche Fokus auf die Persönlichkeit (d. h. die unveränderlichen Wesenszüge von Individuen) die Rolle des Eigeninteresses in ethnischen Konflikten nicht berücksichtigt. Außerdem deuten Studien wie die von Pettigrew (1958) darauf hin, daß man leicht ein Rassist sein kann, ohne eine autoritäre Persönlichkeit zu haben; diese Studien deuten auf eine Rolle für örtliche Normen hin, die ihrerseits von einer wahrgenommenen Ressourcenkonkurrenz zwischen Gruppen beeinflußt sein können.

Umgekehrt stellt Altemeyer (1981, S. 28) fest, daß faschistische, autoritäre Regierungen nicht zwangsläufig feindlich gegenüber Minderheiten sind, wie im Fall des faschistischen Italien. Tatsächlich wird die Rolle traditioneller Normen durch dieses Beispiel gut veranschaulicht. Juden waren prominente Mitglieder früher faschistischer italienischer Regierungen und aktiv danach (Johnson 1988, S. 501). Die italienische Gesellschaft war jedoch in dieser Zeit sehr autoritär, und sie hatte als Ganzes eine gemeinschaftliche, stark zusammenhaltende Gruppenstruktur. Die Regierung war sehr populär, aber Antisemitismus war nicht wichtig, bis Hitler die Sache forcierte. Weil Antisemitismus kein offizieller Bestandteil der italienischen faschistischen Gruppenstrategie war, trat Autoritarismus ohne Antisemitismus auf.

Altemeyer (1981, S. 238 – 239) berichtet auch, daß er in seinen Studien viel niedrigere Korrelationen zwischen Autoritarismus und ethnischen Vorurteilen findet als Adorno et al. Außerdem merkt Altemeyer an, daß die Daten mit der Behauptung übereinstimmen, daß autoritäre Individuen nur in dem Ausmaß ethnozentrisch sind, wie andere Volksgruppen konventionelle Ziele der Diskriminierung durch Gruppen sind, mit denen sich das autoritäre Individuum identifiziert. In ähnlicher Weise neigen „intrinsisch“ religiöse Menschen nur zur Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen, wo die Religion selbst solche Feindseligkeit nicht verbietet (Batson & Burris 1994). Das definierende Merkmal autoritärer Individuen ist in dieser Sicht einfach ihre Übernahme der gesellschaftlichen Konventionen und Normen der Gruppe, von denen manche negative Einstellungen gegenüber Fremdgruppen enthalten können. Diese Behauptung ist sehr mit dem gegenwärtigen Ansatz zu Gruppenidentifikation und Gruppenkonflikt vereinbar.

Zusätzlich fand Billig (1976) heraus, daß viele Faschisten nicht dem starren, verklemmten Stereotyp entsprachen, das die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit darstellten. Solch eine Darstellung ist stillschweigend in der psychoanalytischen Theorie enthalten, daß eine Befreiung sexueller Triebe zu einem Ende des Antisemitismus führen würde, aber diese Faschisten waren unverklemmt, gewalttätig und antiautoritär.140 Die auf Persönlichkeitsmerkmalen beruhende Theorie erklärt auch keine kurzfristigen Veränderungen des Hasses gegenüber Juden, wie Massing (1949) sie gefunden hat, die keinesfalls von Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehungen oder der Muster sexueller Verdrängung verursacht worden sein konnten. Man könnte auch die sehr schnellen Veränderungen der amerikanischen Einstellungen gegenüber Japanern vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erwähnen, oder den schnellen Rückgang des Antisemitismus in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein herausragender Aspekt des Forschungsprogramms von Die autoritäre Persönlichkeit war die Verschmelzung zweier ziemlich getrennter Konzepte, der Feindseligkeit gegenüber anderen Volksgruppen und Autoritarismus. Es ist in dieser Hinsicht interessant, daß Autoritarismus in der Persönlichkeit anscheinend Empfänglichkeit für die Beteiligung an Gruppenstrategien einschließt und daß die Beteiligung an Gruppenstrategien nur indirekt mit Feindseligkeit gegenüber anderen Volksgruppen in Zusammenhang steht. Altemeyer (1988, S. 2) definiert „Rechtsextremismus“ mit drei zentralen Attributen: Unterwerfung unter legitime soziale Autorität; Aggression gegen Individuen, die von den Autoritäten sanktioniert wird; Festhalten an gesellschaftlichen Konventionen.

Individuen, bei denen diese Wesenszüge stark vorhanden sind, wären offensichtlich ideale Mitglieder geschlossener menschlicher gruppenevolutionärer Strategien. Tatsächlich würden solche Attribute den idealen Juden in traditionellen Gesellschaften definieren: unterwirft sich den Kehilla-Autoritäten, hält stark an gruppeninternen gesellschaftlichen Konventionen wie der Beachtung des jüdischen Religionsgesetzes fest und ist durch negative Einstellungen gegenüber der nichtjüdischen Gesellschaft und Kultur gekennzeichnet, die als Manifestationen einer Fremdgruppe betrachtet werden. In Übereinstimmung mit dieser Formulierung tendieren Personen mit hohen Werten auf der Rechtsautoritarismus-Skala (RWA) dazu, sehr religiös zu sein; sie tendieren dazu, die orthodoxesten und engagiertesten Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft zu sein; sie glauben an Gruppenzusammenhalt und Gruppenloyalität und identifizieren sich stark mit Eigengruppen (Altemeyer 1994, S. 134; 1996, S. 84). Die traditionelle jüdische Gesellschaft und zeitgenössische orthodoxe und fundamentalistische Gruppen sind fraglos nach jedem Maßstab sehr autoritär. Tatsächlich fand Rubenstein (1996) heraus, daß orthodoxe Juden höhere RWA-Werte haben als „traditionelle Juden“, und diese beiden Gruppen lagen höher als säkulare Juden.

Eine Hauptmotivation der Gruppe von Berkeley kann als Versuch betrachtet werden, dieses starke Gefühl der Gruppenorientierung unter Nichtjuden teilweise dadurch zu pathologisieren, daß sie eine weitgehend illusorische (oder zumindest sehr ungewisse) Verbindung zwischen diesen den „Gruppenzusammenhalt“ fördernden Eigenschaften und Antisemitismus schufen. Der Gruppe von Berkeley gelang die Verbreitung der Ideologie, daß es eine „tiefe“ strukturelle Verbindung zwischen Antisemitismus und diesem starken Gefühl der Gruppenorientierung gäbe. Indem sie eine einheitliche Darstellung des Autoritarismus und der Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen lieferte und die Ursprünge dieses Syndroms in gestörten Eltern-Kind-Beziehungen verortete, hatte die Gruppe aus Berkeley effektiv eine mächtige Waffe im Krieg gegen den Antisemitismus entwickelt.

Die vorliegende theoretische Sichtweise ist mit den Forschungsergebnissen kompatibel, die darauf hindeuten, daß ethnische Feindseligkeit und Antisemitismus nur indirekt mit Autoritarismus in Verbindung stehen. Es ist festgestellt worden, daß Autoritarismus eine Anzahl von Eigenschaften bezeichnet, die Individuen dazu prädisponieren, sich sehr mit stark zusammenhaltenden Gruppen zu identifizieren, die Gruppenmitgliedern einheitliche Verhaltensmaßstäbe auferlegen. Nachdem autoritäre Individuen sehr dazu neigen, sich in die Gruppe einzufügen, sich an Gruppenkonventionen zu halten und Gruppenziele zu akzeptieren, wird es tatsächlich eine Tendenz zu Antisemitismus geben, wenn die Eigengruppe selbst antisemitisch ist; es wird auch eine Tendenz zu Ethnozentrismus geben, wenn die Gruppenmitgliedschaft selbst auf Volkszugehörigkeit beruht.

Dies ist im Wesentlichen die Position von Altemeyer (1981, S. 238), nachdem er behauptet, daß die ziemlich schwachen Verbindungen, die üblicherweise zwischen Autoritarismus und Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen vorkommen, gewöhnliche Feindschaft gegenüber Fremdgruppen widerspiegeln. Aus dieser Perspektive könnten diese Konzepte empirisch mit bestimmten Beispielen in Verbindung gebracht werden, aber es gibt keine strukturelle Verbindung zwischen ihnen. Die Verbindung widerspiegelt einfach die autoritäre Tendenz zur Übernahme sozialer Konventionen und Normen der Gruppe, einschließlich der negativen Einstellungen gegenüber bestimmten Fremdgruppen. Diese Sichtweise würde die signifikanten, aber mäßigen Korrelationen berücksichtigen (.30 – .50), die Altemeyer (1994) zwischen Autoritarismus und Ethnozentrismus findet.

Außerdem gibt es vom Standpunkt der sozialen Identitätsforschung kein empirisches oder logisches Erfordernis, daß starke, zusammenhaltende Gruppen zwangsläufig auf Volkszugehörigkeit als Organisationsprinzip beruhen müssen. Wie in SAID argumentiert, scheint die Frage, ob die Gruppe selbst antisemitisch ist, entscheidend davon abzuhängen, ob Juden als sehr auffällige, undurchlässige Gruppe innerhalb der breiteren Gesellschaft wahrgenommen werden und ob sie als im Interessenkonflikt mit Nichtjuden befindlich wahrgenommen werden. Es gibt eine große Menge an Beweisen dafür, daß Wahrnehmungen von Gruppenkonkurrenz mit Juden oft nicht illusorisch gewesen sind. Die soziale Identitätstheorie besagt, daß es in dem Maß, wie Konkurrenz zwischen Gruppen auffälliger wird, eine zunehmende Tendenz dazu gibt, daß Menschen sich geschlossenen, autoritären Gruppen anschließen, die gegen wahrgenommene Fremdgruppen ausgerichtet sind.

Abschließend gesagt habe ich keinen Zweifel, daß die Ergebnisse der Studien über Autoritarismus, einschließlich Die autoritäre Persönlichkeit, mit zeitgenössischen psychologischen Daten integriert werden können. Ich meine jedoch, daß die Entwicklung eines wissenschaftlichen Kenntnisstandes bei diesen Studien niemals eine bedeutende Erwägung war. Die Agenda ist die Entwicklung einer Ideologie über den Antisemitismus, die Eigengruppenloyalitäten um das Judentum versammelt und die nichtjüdische Kultur in einer Weise zu verändern versucht, die dem Judentum nutzt, indem nichtjüdische Gruppenloyalitäten (einschließlich Nationalismus, christlicher Glaubenszugehörigkeit, enger Familienbeziehungen, Elternschaft mit hoher Investition und Bedachtheit auf sozialen und materiellen Erfolg) als Kennzeichen psychiatrischer Störungen dargestellt werden. In diesen Schriften ist die Natur des Judaismus für den Antisemitismus völlig irrelevant; der Judaismus wird, wie Ackerman und Jahoda (1950, S. 74) in einem weiteren Band von Studies in Prejudice meinen, als Rorschach-Tintenklecks konzipiert, in dem die Pathologie von Antisemiten offenbart wird. Diese Theorien dienen denselben Funktionen, denen die jüdische religiöse Ideologie immer gedient hat: der Rationalisierung des Fortbestandes des Judaismus sowohl gegenüber Mitgliedern der Eigengruppe als auch gegenüber Nichtjuden, kombiniert mit sehr negativen Ansichten zur nichtjüdischen Kultur.

Wie im Fall der Psychoanalyse im Allgemeinen, scheinen die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen weitgehend ohne Bezug zur Verbreitung und Beharrlichkeit der Idee zu sein, daß Autoritarismus oder bestimmte Arten von Eltern-Kind-Beziehungen mit Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen verbunden sind. Ein beständiges Thema von Altemeyers (1981) Rezension der Literatur zu Die autoritäre Persönlichkeit ist, daß diese Ideen ohne wissenschaftliche Unterstützung innerhalb der breiteren Kultur und sogar in Lehrbüchern für Psychologiekurse an Colleges fortbestehen:141

Der mit der Materie vertraute Leser weiß, daß die meisten dieser Kritiken über 25 Jahre alt sind, und jetzt könnte man sie als wenig mehr als das Peitschen eines toten Pferdes betrachten. Leider ist das Peitschen notwendig, denn das Pferd ist nicht tot, sondern trabt immer noch herum – zum Beispiel in verschiedenen einführenden Lehrbüchern über Psychologie und Entwicklungspsychologie. Methodologische Kritik scheint in geringerem Umkreis zu zirkulieren und einen viel schnelleren Tod zu sterben als „wissenschaftliche Durchbrüche“. Abschließend sei also gesagt, daß, egal wie oft verkündet wird, daß die Forscher von Berkeley [d. h. Adorno et al.] die Ursprünge des Autoritarismus in der Kindheit entdeckt hätten, die Fakten in der Sache alles andere als überzeugend sind. (Altemeyer 1988, S. 38) 142

In dieser Hinsicht ist interessant, daß Die autoritäre Persönlichkeit zusätzlich dazu, daß es nicht gelungen ist, den zentralen empirischen Befund der Berkeley-Gruppe einer starken Verbindung zwischen Autoritarismus und Feindseligkeit gegenüber anderen Volksgruppen zu replizieren, auch unter schweren methodologischen Mängeln leidet, von denen manche auf bewußte Täuschungsversuche schließen lassen. Abgesehen von der Schwierigkeit mit den Antworten, die die Konstruktion aller Skalen durchdringt und vielleicht einfach Naivität bei der Konstruktion der Skalen widerspiegelt, merkt Altemeyer (1981, S. 27 – 28) an, daß die F-Skala, die den Autoritarismus mißt, konstruiert wurde, indem man Punkte beibehielt, die gut mit Antisemitismus korrelierten. Altemeyer erwähnt zum Beispiel, daß der Punkt „Bücher und Filme sollten nicht so sehr von der schäbigen und düsteren Seite des Lebens handeln; sie sollten sich auf Themen konzentrieren, die unterhaltend und erbaulich sind“ auf früheren Versionen der F-Skala erschien und sehr selektiv war. Jedoch korrelierte er nicht sehr mit Antisemitismus und wurde in späteren Versionen fallengelassen. Altemeyer merkt an: „Trotz der Behauptung… daß die selektivsten Punkte der anfänglichen Form ‚in gleicher oder leicht revidierter Form’ ins nächste Modell übernommen wurden, verschwand der Punkt ‚Bücher und Filme’ einfach für immer. Es ist nicht schwer, eine Skala zu konstruieren, die sehr mit einer anderen korreliert, wenn man Punkte eliminiert, die ungenügend mit dem Ziel in Bezug stehen“ (S. 27 – 28).

Es liegt nahe, daß sehr selektive Punkte trotz gegenteiliger Behauptungen fallengelassen wurden, wenn sie nicht mit Antisemitismus korrelierten. Tatsächlich zeigt Wiggershaus (1994, S. 372ff) recht deutlich, daß Adorno der Entwicklung der F-Skala als indirektes Mittel zur Messung von Antisemitismus hohe Priorität gab, daß er sich bei der Verwirklichung dieses Ziels wenig um normale wissenschaftliche Prozeduren kümmerte und daß seine Prozedur genauso war, wie Altemeyer sie beschreibt:

In Berkeley entwickelten wir dann die F-Skala mit einer Freiheit, die sich beträchtlich von der Idee einer pedantischen Wissenschaft unterschied, die jeden ihrer Schritte rechtfertigen muß. Der Grund dafür war wahrscheinlich das, was man drüben vielleicht den „psychoanalytischen Hintergrund“ von uns vieren genannt hätte, die das Projekt leiteten, insbesondere unsere Vertrautheit mit der Methode der freien Assoziation. Ich betone dies, weil ein Werk wie Die autoritäre Persönlichkeit… in einer Weise produziert wurde, die überhaupt nicht dem üblichen positivistischen Bild in der Sozialwissenschaft entspricht… Wir verbrachten Stunden damit, darauf zu warten, daß uns Ideen einfielen, nicht nur für ganze Dimensionen, „Variablen“ und Syndrome, sondern auch für einzelne Punkte für den Fragenkatalog. Je weniger ihre Beziehung zum Hauptthema sichtbar war, desto stolzer waren wir auf sie, während wir erwarteten, daß theoretische Begründungen Korrelationen zwischen Ethnozentrismus, Antisemitismus und reaktionären Ansichten in der politischen und wirtschaftlichen Sphäre finden würden. Wir überprüften diese Punkte dann in ständigen „Vortests“, die wir sowohl dazu benutzten, den Fragenkatalog auf eine vernünftige Größe zu beschränken, als auch um jene Punkte auszuschließen, sie sich als nicht ausreichend selektiv erwiesen. (Adorno, in Wiggershaus 1994, S. 373).

Es ist nicht schwierig zu vermuten, daß es beim gesamten Forschungsprogramm von Die autoritäre Persönlichkeit vom Anfang bis zum Ende Täuschungen gab. Darauf lassen die klare politische Agenda der Autoren und der durchgängige doppelte Maßstab schließen, mit dem nichtjüdischer Ethnozentrismus und nichtjüdisches Festhalten an geschlossenen Gruppen als Symptome von Psychopathologie gesehen werden, während Juden einfach als Opfer irrationaler nichtjüdischer Pathologien betrachtet werden und es keine Erwähnung von jüdischem Ethnozentrismus oder jüdischer Loyalität zu geschlossenen Gruppen gibt. Es gab auch einen doppelten Maßstab, bei dem linker Autoritarismus völlig ignoriert wurde, während rechter Autoritarismus als psychiatrische Störung „befunden“ wurde.143 Wie oben beschrieben, liegt Täuschung auch dadurch nahe, daß die Grundtheorie von der Rolle der Eltern-Kind-Beziehungen bei der Erzeugung von Ethnozentrismus und Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen als philosophische Theorie entwickelt wurde, die nach Vorstellung der Autoren keiner empirischen Bestätigung oder Widerlegung unterlag. Tatsächlich lehnt der gesamte Tenor der Sicht der Frankfurter Schule auf die Wissenschaft die Idee, daß Wissenschaft versuchen sollte, die Realität zu verstehen, zugunsten der Ideologie ab, daß Wissenschaft moralischen (d. h., politischen) Interessen dienen sollte. Weiters weist darauf auch die Tatsache hin, daß die antidemokratischen Neigungen von Adorno und Horkheimer und ihre radikale Kritik an der Massenkultur des Kapitalismus in dieser Arbeit, die für ein amerikanisches Publikum gedacht war, nicht ersichtlich waren (Jay 1973, S. 248). (In ähnlicher Weise neigte Horkheimer dazu, die Kritische Theorie gegenüber seinen „marxistischen Freunden“ als Form des Radikalismus darzustellen, während er sie „als Form der Treue zur europäischen Tradition in den Geisteswissenschaften und der Philosophie“ vorstellte, wenn er sie mit „offiziellen Leuten von der Universität“ diskutierte [Wiggershaus 1994, S. 252).

Schlußähnlich gab es eine Menge anerkannter methodologischer Schwierigkeiten, einschließlich der Verwendung nicht repräsentativer Subjekte bei den Interviewdaten, der sehr unvollständigen und irreführenden Information über die Zuverlässigkeit der Messungen und der Diskussion unbedeutender Beziehungen, als ob sie bedeutend wären (Altemeyer 1981). Ich habe auch auf die extrem überspannten, ad hoc erfolgten und der Intuition widersprechenden Interpretationen hingewiesen, die die Studie charakterisieren (siehe auch Lasch 1991, S. 453). Besonders ungeheuerlich ist die ständige Verwendung psychodynamischen Denkens, um jedes gewünschte Interpretationsergebnis zu produzieren.

Natürlich könnte Täuschung hier nicht so bedeutend sein wie Selbsttäuschung – ein ziemlich verbreiteter Bestandteil der jüdischen intellektuellen Geschichte (siehe SAID, Kap. 7, 8). Auf jeden Fall war das Ergebnis exzellente politische Propaganda und eine potente Waffe im Krieg gegen den Antisemitismus.

DER EINFLUSS DER FRANKFURTER SCHULE

Obwohl es schwierig ist, die Auswirkung von Werken wie Die autoritäre Persönlichkeit auf die nichtjüdische Kultur abzuschätzen, kann es wenig Zweifel darüber geben, daß der Tenor der radikalen Kritik an der nichtjüdischen Kultur in diesem Werk wie auch in anderen von der Psychoanalyse und ihren Derivaten inspirierten Arbeiten die Pathologisierung von Elternschaft mit hoher Investition und sozialer Aufwärtsmobilität wie auch des Stolzes auf Familie, Religion und Land unter Nichtjuden war. Es finden sicher viele der zentralen Einstellungen der weitgehend erfolgreichen gegenkulturellen Revolution der 1960er ihren Ausdruck in Die autoritäre Persönlichkeit, einschließlich der Idealisierung der Rebellion gegen die Eltern, sexueller Beziehungen mit geringer Investition und der Verachtung von sozialer Aufwärtsmobilität, gesellschaftlichem Status, des Familienstolzes, der christlichen Religion und des Patriotismus.

Wir haben gesehen, daß die jüdischen Radikalen der 1960er sich trotz dieser feindlichen Sicht der nichtjüdischen Kultur weiterhin mit ihren Eltern und mit dem Judentum identifizierten. Die Gegenkulturrevolution war in einem sehr tiefen Sinn eine Heidenmission, bei der adaptives Verhalten und Gruppenidentifikation von Nichtjuden pathologisiert wurden, während jüdische Gruppenidentifikation und soziale Aufwärtsmobilität, jüdischer Eigengruppenstolz, Familienstolz und Fortbestand als Gruppe ihre psychologische Bedeutung und positive moralische Bewertung behielten. In dieser Hinsicht war das Verhalten dieser Radikalen genau analog zu jenem der Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit und zur jüdischen Mitwirkung an der Psychoanalyse und in radikaler Politik allgemein: Nichtjüdische Kultur und nichtjüdische Gruppenstrategien sind grundsätzlich pathologisch und sollen mit Bann belegt werden, um die Welt für den Judaismus als gruppenevolutionäre Strategie sicher zu machen.

Wie beim politischen Radikalismus konnte nur eine verfeinerte Kulturelite das extrem hohe Niveau geistiger Gesundheit erreichen, das vom wahren Liberalen verkörpert wird:

Das Ersetzen moralischer und politischer Argumente durch rücksichtsloses Psychologisieren ermöglichte es nicht nur Adorno und seinen Mitarbeitern, inakzeptable politische Meinungen mit medizinischen Begründungen abzulehnen; es führte auch dazu, daß sie einen unmöglichen Standard politischer Gesundheit festlegten – einen, den nur Mitglieder einer selbsternannten Kulturavantgarde beständig erfüllen konnten. Um ihre emotionale „Autonomie“ nachzuweisen, mußten die Subjekte ihrer Forschungsarbeit die richtigen Meinungen haben und sie auch tief und spontan hegen. (Lasch 1991, S. 453 – 455)

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Die autoritäre Persönlichkeit zu einer ideologischen Waffe gegen historische amerikanische populistische Bewegungen, insbesondere den McCarthyismus (Gottfried 1998; Lasch 1991, S. 455ff). „Das Volk als Ganzes hatte wenig Verständnis von liberaler Demokratie und… wichtige Fragen der öffentlichen Politik würden von gebildeten Eliten entschieden und nicht einer Volksabstimmung unterzogen werden“ (Lasch 1991, S. 455).

Beispielhaft für diese Trends ist The Politics of Unreason, ein Band in der Serie Patterns of American Prejudice, der von der ADL finanziert und von Seymour Martin Lipset und Earl Raab (1970) geschrieben wurde. (Raab und Lipset schrieben auch Prejudice and Society, von der ADL 1959 veröffentlicht. Wiederum gibt es wie in der [vom AJCommittee finanzierten] Serie Studies in Prejudice eine Verbindung zwischen akademischer Forschung über ethnische Beziehungen und jüdischen Aktivistenorganisationen. Raabs Karriere hat akademische Forschung mit starkem Engagement als jüdischer ethnischer Aktivist kombiniert; siehe Kap. 7, Anmerkung 1.) Wie im Titel angegeben, analysiert The Politics of Unreason politische und ideologische Äußerungen europäischstämmiger Völker als irrational und nicht mit legitimen ethnischen Interessen an politischem Machterhalt zusammenhängend. „Rechtsextremistische“ Bewegungen zielen darauf ab, die Macht der europäischstämmigen Mehrheit der Vereinigten Staaten zu erhalten oder zurückzugewinnen, aber „extremistische Politik ist die Politik der Verzweiflung“ (Lipset & Raab 1970, S. 3). Für Lipset und Raab ist Toleranz von kulturellem und ethnischem Pluralismus ein definierendes Merkmal der Demokratie, sodaß Gruppen, die gegen kulturellen und ethnischen Pluralismus sind, definitionsgemäß rechtsextremistisch und antidemokratisch sind. Tatsächlich stellen sie sich unter Zitierung von Edward A. Shils (1956, S. 154) Pluralismus so vor, daß er mehrere Machtzentren ohne Dominanz irgendeiner Gruppe bedeutet – eine Sichtweise, in der das Eigeninteresse von Volksgruppen an der Erhaltung und Ausweitung ihrer Macht als grundsätzlich antidemokratisch konzipiert wird. Versuche von Mehrheiten, sich dem Zuwachs von Macht und Einfluß anderer Gruppen zu widersetzen, widersprechen daher „dem fixen spirituellen Zentrum des demokratischen politischen Prozesses“ (S. 5). „Extremismus ist Antipluralismus… Und das operationelle Herz des Extremismus ist die Unterdrückung von Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten“ (S. 6; kursiv im Text).

Rechtsextremismus wird wegen seiner Moral verdammt – ein ironischer Zug angesichts der zentralen Bedeutung eines Gefühls moralischer Überlegenheit, das die hier betrachteten jüdisch dominierten intellektuellen Bewegungen durchzieht, ganz zu schweigen von Lipset und Raabs eigener Analyse, in der Rechtsextremismus wegen seiner Verbindungen mit Autoritarismus und Totalitarismus als „ein absolutes politisches Übel“ etikettiert wird (S. 4). Rechtsextremismus wird auch wegen seiner Tendenz verurteilt, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu befürworten, was, wie Lasch (1991) anmerkt, ein Appell ist, daß Lösungen sozialer Probleme von einer intellektuellen Elite formuliert werden sollten. Und schlußendlich wird Rechtsextremismus wegen seiner Tendenz verdammt, Institutionen zu mißtrauen, die sich zwischen das Volk und dessen direkte Machtausübung stellen, ein weiterer Appell nach der Macht von Eliten: „Populismus setzt den Willen des Volkes mit Gerechtigkeit und Moral gleich“ (S. 13). Die Schlußfolgerung dieser Analyse lautet, daß Demokratie nicht mit der Macht des Volkes gleichgesetzt wird, seine wahrgenommenen Interessen zu verfolgen. Stattdessen stellt man sich Demokratie als Garantie vor, daß Mehrheiten sich nicht der Machtausweitung von Minderheiten widersetzen, selbst wenn das eine Verminderung ihrer eigenen Macht bedeutet.

Auf abstraktester Ebene betrachtet, ist es daher eine fundamentale Agenda, die europäischstämmigen Völker der Vereinigten Staaten dahingehend zu beeinflussen, daß sie Sorge um ihre eigene demographische und kulturelle Zurückdrängung als irrational und als Anzeichen von Psychopathologie betrachten. Adornos Konzept des „Pseudo-Konservativen“ wurde von einflußreichen Intellektuellen wie dem Historiker Richard Hofstadter aus Harvard benutzt, um Abweichungen von der liberalen Orthodoxie im psychopathologischen Sinne als „Statusängste“ zu verurteilen. Hofstadter entwickelte den „Konsens“-Ansatz zur Geschichte, der von Nugent (1963, S. 22) als „querulantische Sicht auf Volksbewegungen, die die Führung einer urbanisierten, oft akademischen Intelligenzia oder Elite zu bedrohen scheinen, und auf die Verwendung von Konzepten, die den Verhaltenswissenschaften entstammen“ charakterisiert wird. In gänzlich aus Die autoritäre Persönlichkeit abgeleiteten Begriffen wird Pseudokonservatismus als „unter anderem eine Störung im Verhältnis zu Autorität, charakterisiert durch eine Unfähigkeit, andere Formen menschlicher Beziehungen zu finden als solche mit mehr oder weniger vollständiger Dominanz oder Unterwerfung“ diagnostiziert (Hofstadter 1965, S. 58). Wie Nugent (1963, S. 26) hervorhebt, ignorierte diese Sichtweise völlig die „konkrete wirtschaftliche und politische Realität, die beim Populismus mitspielt, der dadurch grundsätzlich im Sinne des Psychopathologischen und Irrationalen gesehen wurde.“ Dies ist genau die Methode von Die autoritäre Persönlichkeit: Reale Interessenkonflikte zwischen Volksgruppen werden als nichts weiter als die irrationalen Projektionen der unzulänglichen Persönlichkeiten der Mitglieder der Mehrheitsgruppe konzipiert.

Lasch konzentriert sich auch darauf, daß das Werk von Leslie Friedman, Daniel Bell und Seymour Martin Lipset ähnliche Tendenzen darstellt. (In einer Essaysammlung mit dem Titel The New American Right, die von Daniel Bell [1955] herausgegeben wurde, erwähnen sowohl Hofstadter als auch Lipset Die autoritäre Persönlichkeit zustimmend als eine Art, rechte politische Einstellungen und Verhaltensweisen zu verstehen.) Nugent (1963, S. 7ff) erwähnt eine Gruppe einander überlappender Individuen, die keine Historiker waren und deren Ansichten großteils auf Eindrücken ohne jeglichen Versuch eines detaillierten Studiums beruhten, einschließlich Victor Ferkiss, David Riesman, Nathan Glazer, Lipset, Edward A. Shils und Peter Viereck. Jedoch gehörten zu dieser Gruppe auch Historiker, die „zu den Koryphäen des historischen Berufsstandes zählten“ (Nugent 1963, S. 13), einschließlich Hofstadter, Oscar Handlin und Max Lerner – die alle in intellektuelle Aktivitäten gegen restriktionistische Einwanderungspolitik verwickelt waren (siehe Kap. 7). Ein gängiges Thema war das, was Nugent (1963, S. 15) „unangemessene Betonung“ des Bildes vom Populisten als Antisemiten nennt – ein Bild, das die populistische Bewegung übertrieb und übersimplifizierte, aber ausreichte, um die Bewegung als moralisch abstoßend erscheinen zu lassen. Novick (1988, S. 341) wird deutlicher in seinem Befund, daß jüdische Identifikation ein wichtiger Bestandteil in dieser Analyse war, und schrieb die negative Sicht mancher jüdisch-amerikanischer Historiker (Hofstadter, Bell und Lipset) auf den amerikanischen Populismus der Tatsache zu, daß „sie nur eine Generation vom osteuropäischen shtetl [jüdische Kleinstadt] entfernt waren, wo rebellische nichtjüdische Bauern Pogrom bedeuteten.“

Der letztere Kommentar mag einige Wahrheit enthalten, aber ich bezweifle eher, daß die Interpretationen dieser jüdischen Historiker einfach eine irrationale Altlast waren, die von europäischem Antisemitismus zurückgeblieben war. Es waren daran auch reale Interessenkonflikte beteiligt. Auf einer Seite standen jüdische Intellektuelle, die ihre Interessen als urbanisierte intellektuelle Elite förderten, die darauf aus war, der protestantischen, angelsächsischen demographischen und kulturellen Vorherrschaft ein Ende zu setzen. Auf der anderen Seite stand, was Higham (1984, S. 49) „die gewöhnlichen Leute des Südens und Westens“ nannte, die darum kämpften, ihre eigene kulturelle und demographische Vorherrschaft zu behalten. (Der Kampf zwischen diesen Gruppen ist das Thema der Diskussion der jüdischen Mitwirkung an der Gestaltung der U.S.-Einwanderungspolitik in Kapitel 7 wie auch der Diskussion der New Yorker Intellektuellen in Kapitel 6. Mehrere der hier erwähnten Intellektuellen werden als Mitglieder der New Yorker Intellektuellen betrachtet [Bell, Glazer, Lipset, Riesman und Shils], während andere [Hofstadter und Handlin] als Randmitglieder betrachtet werden können; siehe Kap. 7, Anmerkung 26.)

Als Avantgarde einer urbanisierten jüdischen intellektuellen Elite verachtete diese Gruppe von Intellektuellen auch die untere Mittelklasse allgemein. Aus Sicht dieser Intellektuellen

klammerte sich diese Klasse an überholte Bräuche – konventionelle Religiosität, Haus und Herd, den sentimentalen Mutterschaftskult – und veraltete Produktionsweisen. Sie schaute auf ein mythisches goldenes Zeitalter in der Vergangenheit zurück. Sie hegte einen Groll gegen Klassen, die höhergestellt waren, aber ihre Standards verinnerlicht hatten, die die Armen herumkommandierten, anstatt sich ihnen in einem gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung anzuschließen. Sie wurde von der Angst verfolgt, noch weiter auf der sozialen Leiter hinabzurutschen, und hielt die Reste der Respektabilität fest, die sie von der Klasse der manuellen Arbeiter unterschieden. Wild auf ein Arbeitsethos eingeschworen, glaubte sie, daß jeder, der einen Job wollte, einen finden konnte, und daß diejenigen, die sich weigerten zu arbeiten, verhungern sollten. Mangels liberaler Kultur wurde sie die leichte Beute aller Arten von Patentlösungen und politischen Modeerscheinungen. (Lasch 1991, S. 458)

Man erinnere sich auch an Nicholas von Hoffmans Kommentar (1996) zur Einstellung kultureller Überlegenheit der liberalen Verteidiger des Kommunismus in dieser Zeit, wie Hofstadter und die Herausgeber von The New Republic, gegenüber der unteren Mittelklasse. „In dem fortdauernden Kulturkampf, der die Gesellschaft spaltete, hegten die Eliten von Hollywood, Cambridge und der liberalen Denkfabriken wenig Sympathie für o-beinige Männer mit ihren Kappen der American Legion und ihren fetten Ehefrauen, ihrem Gekläff wegen Jalta und dem Wald von Katyn. Katholisch und verkitscht, aus ihren Aussichtsfenstern ihre Gruppe rosafarbener Plastikflamingos betrachtend, waren die unteren Mittelschichtler mit ihrem Kummer über die Außenpolitik zu infra dig, unter jeder Würde, um ernst genommen zu werden“ (von Hoffman 1996, S. C2).

Ein weiteres gutes Beispiel für diesen intellektuellen Ansturm gegen die untere Mittelklasse, das mit der Frankfurter Schule verbunden ist, ist Erich Fromms Escape from Freedom (1941), worin die untere Mittelklasse als in Reaktion auf ihre wirtschaftlichen und sozialen Statusfrustrationen stark zur Entwicklung „sadomasochistischer“ Reaktionsbildungen neigend (wie durch die Teilnahme an autoritären Gruppen angezeigt!) betrachtet wird. Es überrascht nicht, daß die untere Mittelschicht, das Ziel dieses intellektuellen Ansturms – einschließlich, wie man hinzufügen könnte, des Mittelstands der wilhelminischen deutschen Politik – historisch zu Antisemitismus als Erklärung ihrer sozialen Abwärtsmobilität und ihrer vereitelten Versuche in Richtung sozialer Aufwärtsmobilität geneigt hat. Diese Gruppe hat auch dazu geneigt, sich zusammenhaltenden autoritären Gruppen als Mittel zur Erreichung ihrer politischen Ziele anzuschließen. Aber im Kontext von Die autoritäre Persönlichkeit sind der Wunsch nach sozialer Aufwärtsmobilität und die Sorge um soziale Abwärtsmobilität, wie sie für viele Unterstützer populistischer Bewegungen charakteristisch sind, ein Zeichen einer spezifischen psychiatrischen Störung, ein erbärmliches Ergebnis ungeeigneter Sozialisierung, das in der liberalisierten utopischen Gesellschaft der Zukunft verschwinden würde.

Obwohl die Kritische Theorie ab den frühen 1970ern aufhörte, eine Anleitung für Protestbewegungen zu sein (Wiggershaus 1994, S. 656), hat sie einen sehr großen Einfluß in der intellektuellen Welt allgemein behalten. In den 1970ern zogen die Intellektuellen der Frankfurter Schule weiterhin das Feuer deutscher Konservativer auf sich, die sie als „die intellektuellen Ziehväter des Terrorismus“ und als Anstifter zur „Kulturrevolution zur Zerstörung des christlichen Westens“ bezeichneten (Wiggershaus 1994, S. 657). „Die Untrennbarkeit von Konzepten wie Frankfurter Schule, Kritische Theorie und Neomarxismus zeigt an, daß theoretisch produktive linke Ideen in deutschsprachigen Ländern sich auf Horkheimer, Adorno und das Institut für Sozialforschung konzentriert hatten“ (Wiggershaus 1994, S. 658).

Jedoch hat der Einfluß der Frankfurter Schule weit über die deutschsprachige Welt hinausgereicht, und nicht nur mit den Studien in Die autoritäre Persönlichkeit, den Schriften von Erich Fromm und dem enorm einflußreichen Werk von Herbert Marcuse als gegenkultureller Guru der Neuen Linken. In der zeitgenössischen intellektuellen Welt widmen sich mehrere Journale diesem Erbe, einschließlich New German Critique, Cultural Critique und Theory, Culture, and Society: Explorations in Critical Social Science. Der Einfluß der Frankfurter Schule nahm nach dem Erfolg der Gegenkulturbewegung der Neuen Linken der 1960er enorm zu (Piccone 1993, S. xii). In Widerspiegelung ihres gegenwärtigen Einflusses in den Geisteswissenschaften bewahrt die Frankfurter Schule ihren Standesdünkel als Hauptinspirationsgeber bei den Tagungen der notorisch postmodernen Modern Language Association, die im Dezember 1994 abgehalten wurden. Kramer und Kimball (1995) beschreiben die große Zahl lobender Erwähnungen von Adorno, Horkheimer und insbesondere Walter Benjamin, der die Ehre hatte, bei dem Fachkongreß der meisterwähnte Wissenschaftler zu sein.144 Marxismus und Psychoanalyse waren bei der Konferenz ebenfalls bedeutende Einflüsse. Einen Lichtblick gab es, als der radikale Marxist Richard Ohmann zugab, daß die Geisteswissenschaften vom „kritischen Vermächtnis der Sechziger“ revolutioniert worden waren – ein Standpunkt, der, wie Kramer und Kimball anmerken, von der akademischen Linken oft geleugnet wird, aber in konservativen Publikationen wie The New Criterion üblich ist und in der hier entwickelten Perspektive eine zentrale Rolle spielt.

In Widerspiegelung der Übereinstimmung zwischen der Frankfurter Schule und zeitgenössischem Postmodernismus erklärte der enorm einflußreiche Postmodernist Michel Foucault: „Wenn ich rechtzeitig von der Frankfurter Schule gewußt hätte, wäre mir eine große Menge Arbeit erspart geblieben. Ich hätte eine gewisse Menge Unsinn nicht gesagt und hätte im Versuch, mich nicht zu verirren, nicht so viele falsche Spuren verfolgt, wo die Frankfurter Schule bereits den Weg bereitet hatte“ (in Wiggershaus 1994, S. 4). Während die Strategie der Frankfurter Schule darin bestand, universalistisches wissenschaftliches Denken mittels „kritischer Vernunft“ zu dekonstruieren, hat sich der Postmodernismus im Interesse der Verhinderung jeglicher allgemeiner Theorien zur Gesellschaft oder zu universal gültigen philosophischen oder moralischen Systemen für völligen Relativismus und für das Fehlen objektiver Standards jeglicher Art entschieden (Norris 1993, S. 287ff).145

Der zeitgenössische Postmodernismus und die multikulturelle Ideologie (siehe z. B. Gless & Herrnstein Smith 1992) haben mehrere zentrale Säulen der Frankfurter Schule übernommen: die grundsätzliche Priorität von Ethik und Werten bei der Behandlung von Bildung und Sozialwissenschaften; empirische Wissenschaft als unterdrückerisch und als Aspekt sozialer Dominanz; eine Ablehnung der Möglichkeit gemeinsamer Werte oder irgendeines Gefühls des Universalismus oder der nationalen Kultur (siehe auch Jacobys Diskussion [1995, S. 35] der „postkolonialen Theorie“ – eines weiteren intellektuellen Nachfahren der Frankfurter Schule); eine „Hermeneutik des Argwohns“, bei der jeder Versuch zur Errichtung solcher Allgemeinbegriffe oder einer nationalen Kultur energisch bekämpft und „dekonstruiert“ wird – im wesentlichen genau dieselbe Aktivität, die von Adorno „negative Dialektik“ genannt wurde. Es gibt eine stillschweigende Akzeptanz eines balkanisierten Gesellschaftsmodells, in dem gewisse Gruppen und ihre Interessen a priori moralischen Wert haben und es keine Möglichkeit gibt, eine wissenschaftliche, rationale Theorie irgendeiner bestimmten Gruppe zu entwickeln, ganz zu schweigen von einer Theorie gesamtmenschlicher Allgemeinbegriffe. Sowohl die Frankfurter Schule als auch der Postmodernismus akzeptieren stillschweigend ein Modell, bei dem es Konkurrenz zwischen feindlichen Gruppen gibt und keinen rationalen Weg, zu einem Konsens zu kommen, obwohl es auch einen stillschweigenden doppelten Maßstab gibt, nach dem von Mehrheiten gebildete geschlossene Gruppen als pathologisch und radikaler Kritik unterliegend betrachtet werden.

Es ist immens ironisch, daß dieser Ansturm gegen den westlichen Universalismus effektiv den Ethnozentrismus von Minderheitengruppen rationalisiert, während er die intellektuelle Grundlage des Ethnozentrismus untergräbt. Intellektuell fragt man sich, wie man ein Postmodernist und gleichzeitig ein engagierter Jude sein kann. Die intellektuelle Konsistenz würde es scheinbar erfordern, daß alle persönlichen Identifikationen derselben dekonstruierenden Logik unterworfen werden, sofern natürlich zur persönlichen Identifikation selbst nicht tiefe Doppelbödigkeiten, Täuschung und Selbsttäuschung gehören. Dies scheint bei Jacques Derrida, dem vorrangigen Philosophen der Dekonstruktion, dessen Philosophie die tiefen Verbindungen zwischen den intellektuellen Agendas des Postmodernismus und der Frankfurter Schule zeigt, tatsächlich der Fall zu sein.146 Derrida hat eine komplexe und uneindeutige jüdische Identität, trotzdem er „ein linker Pariser Intellktueller, ein Säkularist und Atheist“ ist (Caputo 1997, S. xxiii). Derrida wurde in eine sephardisch-jüdische Familie geboren, die im neunzehnten Jahrhundert aus Spanien nach Algerien einwanderte. Seine Familie waren somit Krypto-Juden, die ihre ethnisch-religiöse Identität in Spanien 400 Jahre lang seit der Zeit der Inquisition beibehielt.

Derrida identifiziert sich als Krypto-Juden – „Marranos sind wir, Marranos auf jeden Fall, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht“ (Derrida 1993a, S. 81) – vielleicht ein Bekenntnis der Komplexität, Ambivalenz und Selbsttäuschung, die oft in post-aufklärerischen Formen jüdischer Identität eine Rolle spielten. In seinen Notizbüchern schreibt Derrida (1993b, S. 70) von der zentralen Rolle, die jüdische Angelegenheiten in seinen Schriften innehatten: „Beschneidung, das ist alles, worüber ich je gesprochen habe.“ In der selben Passage schreibt er, daß er immer „bei der Krankengeschichte sorgfältigst berücksichtigt hat, daß man in meiner Familie und unter den algerischen Juden kaum jemals ‚Beschneidung’ sagte, sondern ‚Taufe’, nicht Bar-Mizwa, sondern ‚Kommunion’, mit der Folge der Aufweichung, Abstumpfung, durch ängstliche Akkulturation, unter der ich immer mehr oder weniger bewußt gelitten habe“ (1993b, S. 72 – 73) – eine Anspielung auf die Fortsetzung krypto-jüdischer Praktiken unter den algerischen Juden und ein klares Zeichen dafür, daß jüdische Identifikation und die Notwendigkeit, sie zu verbergen, für Derrida psychologisch hervorstechend geblieben sind. Bezeichnenderweise identifiziert er seine Mutter mit Esther (1993b, S. 73), der biblischen Heldin, die „weder ihr Volk noch ihre Sippe bekanntgegeben hat“ (Est. 2:10) und die für Generationen von Krypto-Juden eine Inspiration war. Derrida hing sehr an seiner Mutter und erklärt, als sie dem Tod nahe ist: „Ich kann sicher sein, daß du nicht viel von dem verstehen wirst, was du mir trotzdem diktiert hast, womit du mich inspiriert hast, worum du mich gebeten und was du mir befohlen hast.“ Wie seine Mutter (die von Taufe und Kommunion sprach statt von Beschneidung und Bar-Mizwa) hat Derrida somit eine innere jüdische Identität, während er sich äußerlich der französisch-katholischen Kultur Algeriens assimilierte. Bei Derrida jedoch gibt es Hinweise auf Ambivalenz gegenüber beiden Identitäten (Caputo 1997, S. 304): „Ich bin einer von jenen marranes, die nicht einmal mehr insgeheim in ihren eigenen Herzen sagen, daß sie Juden sind“ (Derrida 1993b, S. 170).

Derridas Erfahrung mit Antisemitismus während des Zweiten Weltkriegs in Algerien war traumatisch und hatte zwangsläufig ein tiefes Bewußtsein seiner eigenen jüdischen Identität zur Folge. Derrida wurde unter der Vichy-Regierung mit 13 Jahren wegen des numerus clausus von der Schule verwiesen, nach Eigenbeschreibung „ein kleiner schwarzer und sehr arabischer Jude, der nichts davon verstand, dem niemand jemals den geringsten Grund angab, weder seine Eltern noch seine Freunde“ (Derrida 1993b, S. 58).

Die Verfolgungen, die anders als jene in Europa waren, wurden dennoch ohne irgendeinen deutschen Besatzer entfesselt… Es ist eine Erfahrung, die nichts intakt läßt, eine Atmosphäre, die man für immer atmet. Jüdische Kinder aus der Schule ausgestoßen. Das Büro des Direktors: Du wirst nach Hause gehen, deine Eltern werden es erklären. Dann landeten die Alliierten, es war die Zeit der sogenannten zweiköpfigen Regierung (de Gaulle – Giraud): Rassengesetze blieben fast sechs Monate lang bestehen, unter einer „freien“ französischen Regierung. Freunde, die einen nicht mehr kannten, Beleidigungen, die jüdische Hochschule mit ihren ausgestoßenen Lehrern und niemals einem Flüstern des Protests von ihren Kollegen… Von diesem Moment an fühlte ich mich – wie soll ich es ausdrücken? – in einer geschlossenen jüdischen Gemeinschaft genauso fehl am Platz wie auf der anderen Seite (wir nannten sie „die Katholiken“). In Frankreich ließ das Leiden nach. Ich dachte naiverweise, daß der Antisemitismus verschwunden sei… Aber während der Pubertät war er die Tragödie, er war in allem anderen gegenwärtig… Vielleicht ein paradoxer Effekt dieser Brutalisierung: ein Wunsch nach Integration in der nichtjüdischen Gemeinschaft, ein fasziniertes, aber schmerzliches und verdächtiges Verlangen, nervös wachsam, eine anstrengende Befähigung, Anzeichen von Rassismus in seinen diskretesten Gestaltungen oder seinen lautstärksten Ableugnungen wahrzunehmen. (Derrida 1995a, S. 120 – 121; kursiv im Text)

Bennington (1993, S. 326) behauptet, daß die Ausschließung aus der Schule und die Zeit danach „zweifellos… die Jahre waren, in denen J. D. der einzigartige Charakter seiner ‚Zugehörigkeit’ zum Judentum eingeprägt wurde: eine Wunde, sicherlich, schmerzliche und geübte Sensibilität gegenüber Antisemitismus und jeglichem Rassismus, ‚rohe’ Reaktion auf Xenophobie, aber auch Ungeduld mit geselliger Identifikation, mit der Militanz des Dazugehörens im Allgemeinen, selbst wenn sie jüdisch ist… Ich glaube, daß sein Problem mit dem Dazugehören, man könnte fast sagen mit Identifikation, das gesamte oeuvre von J. D. beeinflußt, und mir scheint, daß ‚die Dekonstruktion des Eigenen’ genau der Gedanke davon ist, seine denkende Affektion.“

Tatsächlich sagt Derrida dasselbe. Er erinnert sich, daß er gerade vor seiner Bar-Mizwa (die, wie er wiederum anmerkt, von der algerisch-jüdischen Gemeinda als ‚Kommunion’ bezeichnet wurde), als die Vichy-Regierung ihn von der Schule verwies und seine Staatsbürgerschaft entzog, „zum Äußeren wurde, so sehr sie auch versuchen mochten, mir nahezukommen, sie würden mich nie wieder berühren… Ich vollzog meine ‚Kommunion’, indem ich aus dem Gefängnis aller Sprachen floh, der geheiligten, in die sie mich einzusperren versuchten, ohne sie mir zu öffnen [d. h., Hebräisch], der säkularen [d. h., Französisch], von der sie klarstellten, daß sie nie die meine sein würde“ (Derrida 1993b, S. 289).

Wie bei vielen Juden, die eine halb-kryptische Pose in einer weitgehend nichtjüdischen Umgebung anstrebten, änderte Derrida seinen Namen auf Jacques. „Indem ich wählte, was in mancher Weise sicherlich ein Halb-Pseudonym war, aber auch sehr französisch, christlich, einfach, muß ich mehr ausgelöscht haben, als ich in ein paar Worten sagen kann (man müßte die Bedingungen analysieren, unter denen eine gewisse Gemeinschaft – die jüdische Gemeinde in Algerien – in den ’30ern manchmal amerikanische Namen wählte)“ (Derrida 1995a, S. 344). Seinen Namen zu ändern, ist also eine Form der Krypsis, wie sie von der algerisch-jüdischen Gemeinde praktiziert wurde, ein Weg, sich äußerlich der französischen, christlichen Kultur anzupassen, während man insgeheim jüdisch blieb.

Derridas jüdisch-politische Agenda ist daher identisch mit jener der Frankfurter Schule:

Die Idee hinter der Dekonstruktion ist, die Funktionsweise starker Nationalstaaten mit starker Einwanderungspolitik zu dekonstruieren, die Rhetorik des Nationalismus zu dekonstruieren, die Politik des Ortes, die Metaphysik des Geburtslandes und der Muttersprache… Die Idee ist, die Bomben… der Identität zu entschärfen, die Nationalstaaten bauen, um sich gegen den Fremden zu verteidigen, gegen Juden und Araber und Einwanderer,… die alle… völlig anders sind. Im Gegensatz zu den Behauptungen von Derridas achtloseren Kritikern ist die Leidenschaft zu dekonstruieren zutiefst politisch, denn Dekonstruktion ist ein unerbittlicher, wenn auch manchmal indirekter Diskurs über Demokratie, über eine zukünftige Demokratie. Derridas Demokratie ist ein radikal pluralistisches Staatswesen, das dem Terror einer organischen, spirituellen Einheit, der natürlichen, bodenständigen Bande der Nation (natus, natio) widersteht, der alles zu Staub zermahlt, was nicht mit der herrschenden Art und dem herrschenden Geschlecht verwandt ist. Er träumt von einer Nation ohne nationalistische oder nativistische Abschließung, von einer Gemeinschaft ohne Identität, von einer nicht-identischen Gemeinschaft, die nicht „ich“ oder „wir“ sagen kann, denn die Grundidee einer Gemeinschaft ist doch, uns gemeinsam (munis, muneris) gegen das Andere zu verschanzen. Sein Werk wird getrieben von einem Gefühl der äußersten Gefahr einer identitären Gemeinschaft, des Geistes des „wir“ vom „christlichen Europa“, oder einer „christlichen Politik“, tödlicher Verbindungen, die den Tod für Araber und Juden bedeuten, für Afrikaner und Asiaten, für alles Andere. Das Einatmen und Ausatmen dieses christlich-europäischen Geistes ist eine tödliche Luft für Juden und Araber, für alle les juifs [d. h., Juden als prototypische Andere], selbst wenn sie bis auf Vater Abraham zurückgehen, ein Weg, sie sowohl buchstäblich als auch dem Geist nach zu vergasen. (Caputo 1997, S. 231 – 232)

Derrida hat kürzlich ein Pamphlet veröffentlicht, das die Einwanderung von Nichteuropäern nach Frankreich befürwortet (siehe Lilla 1998). Wie bei der Frankfurter Schule steht die radikale Skepsis der dekonstruktionistischen Bewegung im Dienste der Verhinderung der Entwicklung hegemonialer, universalistischer Ideologien und anderer Grundlagen nichtjüdischer Gruppenloyalität im Namen des tout autre, d. h., des „völlig Anderen“. Caputo schreibt Derridas Motivation für seine Dekonstruktion von Hegel der Tatsache zu, daß Letzterer das Judentum wegen seines Legalismus und tribalistischen Exklusivismus gegenüber dem Christentum für moralisch und spirituell minderwertig hielt, wohingegen das Christentum die Religion der Liebe und Assimilation ist, ein Produkt des griechischen, nicht des jüdischen Geistes. Diese hegelianischen Interpretationen decken sich bemerkenswert mit christlichen Selbstwahrnehmungen und christlichen Vorstellungen vom Judentum, die ihren Ursprung in der Antike haben (siehe SAID, Kap. 3), und solch eine Konzeptualisierung paßt gut zu der evolutionären Analyse, die in PTSDA entwickelt wurde. Uminterpretierungen und Widerlegungen von Hegel waren unter jüdischen Intellektuellen des neunzehnten Jahrhunderts gängig (siehe SAID, Kap. 6), und wir haben gesehen, daß Adorno in Negative Dialektik aus ähnlichen Gründen daran gelegen war, die hegelianische Idee einer universalen Geschichte zu widerlegen. „Hegels ätzende, haßerfüllte Darstellung des Juden… scheint im gesamten Werk von Derrida herumzuspuken;… indem er in getreuester und wörtlichster Weise präsentiert, was Hegel sagt, zeigt Derrida… daß Hegels Verurteilungen des kastrierten Herzens des Juden eine herzlose, haßerfüllte Kastration des Anderen sind“ (Caputo 1994, S. 234, S. 243). Wie bei der Frankfurter Schule postuliert Derrida, daß die messianische Zukunft unbekannt ist, weil etwas anderes zu sagen zur Möglichkeit einer aufgezwungenen Uniformität führen würde, „eines systematischen Ganzen mit unbegrenzter Vollmacht“ (Caputo 1994, S. 246), einer triumphalen und gefährlichen Wahrheit, in der Juden als Musterbeispiele des tout autre zwangsläufig leiden würden. Die menschliche Verfassung wird konzipiert als „eine Blindheit, gegen die es keine Abhilfe gibt, eine radikale, strukturelle Befindlichkeit, durch die jeder von Geburt an blind ist“ (Caputo 1994, S. 313).

Wie bei der Frankfurter Schule haben die Musterbeispiele des Andersseins a priori moralischen Wert. „In der Dekonstruktion wird Liebe aus der Polemik gegen Juden herausgelöst, indem sie umgedacht wird im Sinne des Anderen, der les juifs… Wenn diese organische hegelianische christlich-europäische Gemeinschaft als eine gemeinsame (com) Verteidigung (munis) gegen den Anderen unternehmend definiert wird, so bringt Derrida die Idee vor, seine Waffen vor dem Anderen niederzulegen, rendre les armes, vor ihm zu kapitulieren“ (S. 248). Aus dieser Perspektive ist die Anerkennung einer möglichen Wahrheit gefährlich wegen der Möglichkeit, daß die Wahrheit gegen den Anderen verwendet werden könnte. Die beste Strategie ist daher die Eröffnung einer „heilsamen Konkurrenz unter Interpretationen, eine gewisse heilsame Hermeneutisierung, bei der wir leidenschaftlich von etwas Unvorhersehbarem und Unmöglichen träumen“ (Caputo 1994, S. 277). Den widerstreitenden Sichtweisen unterschiedlicher Religionen und Ideologien setzt Derrida „eine Gemeinschaft, falls es eine ist, der Blinden entgegen[;]… der Blinden, die Blinde führen. Blindheit sorgt für gute Gemeinschaften, vorausgesetzt, wir geben alle zu, daß wir nicht sehen, daß wir in den entscheidenden Dingen alle stockblind und ohne privilegierten Zugang sind, im selben Boot herumtreiben ohne einen Leuchtturm, der uns das andere Ufer zeigt“ (Caputo 1997, S. 313 – 314). Solch eine Welt ist sicher für das Judentum, den prototypischen Anderen, und erteilt den universalisierenden Tendenzen der westlichen Zivilisation keine Ermächtigung (Caputo 1997, S. 335) – was man Dekonstruktion als Enthellenisierung oder Entwestlichung nennen könnte. Ethnisches Gruppenbewußtsein wird somit nicht in dem Sinne anerkannt, daß es bekanntlich auf einer Art psychologischer Wahrheit beruht, sondern in dem Sinne, daß es nicht widerlegt werden kann. Auf der anderen Seite werden die kulturellen und ethnischen Interessen von Mehrheiten „hermeneutisiert“ und somit impotent gemacht – impotent, weil sie nicht als Grundlage für eine ethnische Massenbewegung dienen können, die mit den Interessen anderer Gruppen in Konflikt geraten würden.

Vom Standpunkt der hier entwickelten Theorie des Judaismus aus ironischerweise erkennt Derrida (der in seiner Circonfession [Derrida 1993b] viel über seine eigene Beschneidung nachgedacht hat), daß die Beschneidung, die er wegen ihrer Nützlichkeit als Mechanismus der Eigengruppenmarkierung (d. h. als Kennzeichen jüdischer Exklusivität und „Andersheit“) mit einem Schibboleth gleichsetzt, ein zweischneidiges Schwert ist. Im Kommentar zum Werk des Holocaust-Poeten Paul Celan erklärt Derrida (1994, S. 67): „Als Zeichen eines Bundes oder einer Allianz tritt es auch dazwischen, es riegelt ab, es bringt die Verurteilung zur Ausschließung, der Diskriminierung, in der Tat der Auslöschung zum Ausdruck. Man kann dank des Schibboleth erkennen und von seinen eigenen Leuten erkannt werden, im Guten wie im Bösen, beim Spalten oder Teilnehmen: einerseits um des Teilnehmens und des Rings des Bundes willen, andererseits aber auch zum Zweck der Verweigerung gegenüber dem Anderen, um ihm das Passieren oder das Leben zu verweigern… Wegen des Schibboleth und genau in dem Ausmaß, wie man Gebrauch davon machen könnte, könnte man es auch gegen sich selbst gewendet sehen: dann ist es der Beschnittene, der verfemt oder an der Grenze festgehalten wird, von der Gemeinschaft ausgeschlossen, hingerichtet oder zu Asche reduziert“ (Derrida 1994, S. 67 – 68, kursiv im Text).

Trotz der Gefahren der Beschneidung als zweischneidiges Schwert schlußfolgert Derrida (1994, S. 68), daß „es Beschneidung geben muß“, eine Schlußfolgerung, die Caputo (1997, S. 252) als Behauptung einer nicht reduzierbaren und unabweisbaren menschlichen Forderung „nach einem Unterscheidungszeichen, einem Zeichen des Unterschieds“ interpretiert. Derrida pflichtet somit der Unvermeidbarkeit (Angeborenheit?) von Gruppenabgrenzungen bei, aber erstaunlicherweise und in rechtfertigender Weise schafft er es, sich die Beschneidung nicht als Zeichen des Stammesexklusivismus vorzustellen, sondern als „den Schnitt, der den Raum für das Hereinkommen des tout autre öffnet“ (Caputo 1994, S. 250) – ein bemerkenswerter Zug, denn wie wir gesehen haben, scheint Derrida ziemlich bewußt zu sein, daß die Beschneidung Separatismus zur Folge hat, die Errichtung von Barrieren zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe und die Möglichkeit von Konflikten zwischen Gruppen und sogar Auslöschung. Aber in Derridas Fußnote „sind wir spirituell alle Juden, alle dazu berufen und auserwählt, den Anderen willkommen zu heißen“ (Caputo 1994, S. 262) sodaß sich der Judaismus als eine universalistische Ideologie herausstellt, in der Kennzeichen des Separatismus als Offenheit gegenüber dem Anderen interpretiert werden. Nach Derridas Ansicht: „Falls die Beschneidung jüdisch ist, dann nur in dem Sinne, daß alle Poeten Juden sind… Jeder sollte ein beschnittenes Herz haben; dies sollte eine universale Religion bilden“ (Caputo 1994, S. 262). In ähnlicher Weise stellt Derrida in einer Diskussion von James Joyce Joyce und Hegel (als prototypische westliche Denker) einander gegenüber, die „den Kreis des Gleichen schließen“ mit der „abrahamitischen [d. h., jüdischen] Beschneidung, die das Band der Gleichen durchschneidet, um offen gegenüber dem Anderen zu sein, Beschneidung als Ja… zum Anderen zu sagen“ (Caputo 1997, S. 257). Somit entwickelt Derrida letztendlich noch eine weitere unter den uralten Konzeptualisierungen vom Judentum als moralisch überlegene Gruppe, während Ideologien der Gleichheit und Universalität, die Ideologien der sozialen Homogenität und des Gruppenbewußtseins unter europäischen Nichtjuden zugrunde liegen könnten, dekonstruiert und als moralisch minderwertig dargestellt werden.

ANMERKUNGEN

[Anm. d. Ü.: Im Unterschied zum Buch, wo die Anmerkungen gesammelt am Schluß stehen, füge ich hier die den jeweiligen Abschnitt betreffenden gleich im Anschluß an diesen an.]

  1. Ein Teil dieses Balanceakts war ein bewußtes Praktizieren von Selbstzensur im Bemühen, marxistische Ausdrucksweisen aus ihren Publikationen zu entfernen, sodaß zum Beispiel „Marxismus“ durch „Sozialismus“ ersetzt wurde und „Produktionsmittel“ durch „industrieller Apparat“ (Wiggershaus 1994, S. 366). Die marxistische Substanz blieb, aber mittels dieser Täuschung konnte das Institut versuchen, Vorwürfe wegen politischem Dogmatismus zu entschärfen.
  2. Marcuse blieb ein leidenschaftlicher Kommunist, nachdem Adorno und Horkheimer den Kommunismus aufgaben. In einem internen Dokument des Instituts von 1947 schrieb Marcuse: „Die kommunistischen Parteien sind die einzige antifaschistische Kraft und werden es bleiben. Ihre Anprangerung muß rein theoretisch sein. Solcher Anprangerung ist bewußt, daß die Verwirklichung der Theorie nur durch die kommunistischen Parteien möglich ist“ (in Wiggershaus 1994, S. 391). Im selben Dokument befürwortete Marcuse die Anarchie als Mittel, um die Revolution zu erreichen. Dennoch beendeten Marcuse und Horkheimer niemals ihren Kontakt, und Horkheimer war ein Bewunderer von Marcuses Eros und Zivilisation (Wiggershaus 1994, S. 470) als Widerspiegelung der Ansicht des Instituts, daß sexuelle Unterdrückung Dominanz über die Natur zur Folge hätte und die Beendigung der sexuellen Unterdrückung destruktive Tendenzen schwächen würde.
  3. Die allgemeine These von Dialektik der Aufklärung lautet, daß die Aufklärung den westlichen Versuch widerspiegelte, die Natur zu beherrschen und die menschliche Natur zu unterdrücken. Der Faschismus wurde folglich als ultimative Verkörperung der Aufklärung betrachtet, nachdem er die Vergötterung der Dominanz und des Gebrauchs der Wissenschaft als Instrument der Unterdrückung verkörperte. Nach dieser Sichtweise ist der Faschismus der logische Auswuchs des westlichen Individualismus – eine Sichtweise, die gelinde gesagt überspannt ist. Wie in PTSDA (Kap. 8) besprochen, ist die kollektivistische Natur des Faschismus nicht für westliche politische Organisationen charakteristisch gewesen. In viel größerem Ausmaß als jede andere Kulturgruppe der Welt haben westliche Kulturen statt dessen ab der griechisch-römischen Welt der Antike zu Individualismus geneigt; im Gegensatz dazu ist das Judentum ein Musterbeispiel einer kollektivistischen, gruppenorientierten Kultur. Wie Charles Liebman (1973, S. 157) hervorhebt, waren es die Juden, die „die Optionen der Aufklärung anstrebten, aber ihre Konsequenzen ablehnten“, indem sie (in meinen Worten) ein starkes Gefühl der Gruppenidentität in einer nominell dem Individualismus verpflichteten Gesellschaft beibehielten. Und wie in SAID (Kap. 3 – 5) argumentiert, gibt es guten Grund zu der Annahme, daß die Anwesenheit von Juden als stark hervorstechende und erfolgreiche gruppenevolutionäre Strategie eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung prominenter westlicher Beispiele des Kollektivismus war.
  4. Adornos philosophischer Stil ist buchstäblich undurchschaubar. Siehe Karl Poppers (1984) humorvolle (und berechtigte) Zerpflückung der Hohlheit und Anmaßung von Adornos Sprache. Piccone (1993) behauptet, daß Adornos schwierige Prosa notwendig war, um seine revolutionäre Absicht zu tarnen.
  5. Das Thema, daß alle modernen Mißstände, einschließlich Nationalsozialismus, Kollektivismus, Jugendrebellion, Geisteskrankheit und Kriminalität an der Unterdrückung der Natur, einschließlich der menschlichen Natur liegen, spielt in Horkheimers Eclipse of Reason (1947, S. 92ff; dt. 1967 als Zur Kritik der instrumentellen Vernunft) ebenfalls eine prominente Rolle. In einer Passage, die direkt den in Kapitel 4 besprochenen psychoanalytischen Sichtweisen entspricht, heißt es, daß die für die Zivilisation charakteristische Unterdrückung der Natur mit der Geburt beginnt:

Jedes menschliche Wesen erlebt den herrschsüchtigen Aspekt der Zivilisation von seiner Geburt an. Dem Kind erscheint die Macht des Vaters überwältigend, übernatürlich im Wortsinn. Der Befehl des Vaters ist durch die Natur von der Vernunft befreit, eine unerbittliche spirituelle Macht. Das Kind leidet bei der Unterwerfung unter seine Macht. Es ist für einen Erwachsenen fast unmöglich, sich all der Schmerzen zu erinnern, die er als Kind bei der Beachtung unzähliger elterlicher Ermahnungen erlebte, seine Zunge nicht herauszustrecken, andere nicht nachzuäffen, nicht unordentlich zu sein oder zu vergessen, sich hinter den Ohren zu waschen. In diesen Forderungen wird das Kind mit den fundamentalen Postulaten der Zivilisation konfrontiert. Es wird gezwungen, dem unmittelbaren Druck seiner Triebe zu widerstehen, zwischen sich und der Umgebung zu unterscheiden, effizient zu sein – kurz, um eine Anleihe bei Freuds Terminologie zu machen, ein Über-Ich anzunehmen, das all die sogenannten Prinzipien verkörpert, die sein Vater und andere vaterähnliche Figuren ihm vorhalten. (S. 109 – 110)

  1. In einem Kommentar, der der These von Die autoritäre Persönlichkeit voranging, daß Antisemiten nicht introspektiv seien, behaupten Horkheimer und Adorno, daß Antisemitismus nicht einfach Projektion ist, sondern Projektion ohne Reflektion. Antisemiten haben kein Innenleben und tendieren daher dazu, ihren Hass, ihre Wünsche und Unzulänglichkeiten auf die Umwelt zu projizieren: „Er stattet die Außenwelt mit seinem eigenen Inhalt aus“ (S. 190).
  2. Als Anzeichen für die selbstbewußten jüdischen Identifikationen der Frankfurter Schule schrieb Horkheimer die Weigerung der Frankfurter Theoretiker, „den Anderen zu nennen“ ihrer Befolgung des jüdischen Tabus gegen die Nennung Gottes oder das Beschreiben des Paradieses zu (siehe Jay 1980, S. 139).
  3. Die Frankfurter Theoretiker erbten von ihren zuvor gehegten radikalen Überzeugungen eine starke Gegnerschaft zum Kapitalismus. Irving Louis Horowitz (1987, 118) merkt an, daß die Kritischen Theoretiker „zwischen der Charybdis des Kapitalismus – den sie als System der Ausbeutung verabscheuten (dessen Früchte sie gleichwohl genossen) – und der Skylla des Kommunismus gefangen waren, den sie als System noch schlimmerer Ausbeutung verabscheuten (dessen bitteren Früchten sie oft entkamen, im Unterschied zu ihren russisch-jüdischen Entsprechungen).“
  4. Ein interessanter Bestandteil des Materials in diesem Abschnitt von Die autoritäre Persönlichkeit ist ein Versuch, die Irrationalität des Antisemitismus zu demonstrieren, indem man zeigte, daß Antisemiten widersprüchliche Überzeugungen über Juden hegen. Wie in SAID (Kap. 1) angemerkt, wird von antisemitischen Überzeugungen nicht zwangsläufig erwartet, daß sie wahr sind oder, wie ich annehme, sogar logisch konsistent. Jedoch übertreibt Die autoritäre Persönlichkeit die selbstwidersprüchliche Natur antisemitischer Überzeugungen im Dienste der Betonung der irrationalen, projektiven Natur des Antisemitismus. Daher behauptet Levinson, daß es widersprüchlich sei, wenn Individuen glauben, daß Juden clanorientiert und distanziert sind, wie auch, daß Juden abgesondert und eingeschränkt werden sollten (S. 76). In ähnlicher Weise behaupten Ackerman und Jahoda in einem anderen Band der Serie Studies in Prejudice (1950, S. 58), antisemitische Einstellungen, daß Juden clanorientiert und aufdringlich sind, widersprüchlich seien.

Solchen Punkten zuzustimmen, ist nicht selbstwidersprüchlich. Solche Einstellungen sind wahrscheinlich ein häufiger Bestandteil des in SAID (Kap. 3 – 5) besprochenen reaktiven Prozesses. Juden werden von diesen Antisemiten als Mitglieder einer stark zusammenhaltenden Gruppe betrachtet, die versuchen, in nichtjüdische Kreise der Macht und hohen sozialen Status einzudringen, vielleicht sogar den Zusammenhalt dieser nichtjüdischen Gruppen zu untergraben, während sie ihren eigenen Separatismus und ihre Clanorientiertheit beibehalten. Der Glaube, daß Juden eingeschränkt werden sollten, ist bestimmt mit dieser Einstellung vereinbar. Außerdem können widersprüchliche negative Stereotypen über Juden, wie daß sie kapitalistisch und kommunistisch sind (Ackerman & Jahoda 1950, S. 58) von Antisemiten auf unterschiedliche Gruppen von Juden angewandt werden, und diese Stereotypisierungen könnten ein beträchtliches Maß an Wahrheit enthalten: Juden können unter erfolgreichen Kapitalisten und unter radikalen politischen Führern überrepräsentiert sein. Wie in SAID (Kap. 2) festgestellt, enthielt die Idee tatsächlich einige Wahrheit, daß Juden mit überproportionaler Wahrscheinlichkeit politische Radikale und erfolgreiche Kapitalisten sind. „Ab der Emanzipation wurde Juden sowohl vorgeworfen, daß sie sich bei der etablierten Gesellschaft einzuschmeicheln, in sie einzudringen und sie beherrschen suchten, als auch gleichzeitig, daß sie sie völlig zu zerstören suchten. Beide Anschuldigungen  enthielten eine gewisse Wahrheit“ (Johnson 1988, S. 345).

Levinson merkt auch an, daß zur „Zurückgezogen“-Skala auch Aussagen gehören wie „Jüdische Millionäre tragen vielleicht wirklich eine gewisse Menge dazu bei, ihrem eigenen Volk zu helfen, aber wenig von ihrem Geld geht in erstrebenswerte amerikanische Anliegen“, wohingegen zur „Aufdringlich“-Skala widersprüchliche Punkte gehören wie „Wenn Juden große Mittel für Bildung oder wissenschaftliche Forschung aufbringen (Rosenwald, Heller etc.), so geschieht das hauptsächlich aus einem Wunsch nach Ruhm und öffentlicher Bekanntheit als aus einem wirklich aufrichtigen wissenschaftlichen Interesse“. Noch einmal, man könnte mit Leichtigkeit die erste Aussage als allgemeine Regel bekräftigen und in Übereinstimmung damit glauben, daß die Ausnahmen das Ergebnis jüdischen Eigeninteresses sind. Trotzdem schließt Levinson: „Ein Hauptcharakteristikum von Antisemiten ist eine relativ blinde Feindseligkeit, die sich in der Stereotypie, Selbstwidersprüchlichkeit und Destruktivität ihres Denkens über Juden widerspiegelt“ (S. 76).

Antisemiten sollen auch gegen jüdische Clanorientiertheit und jüdische Assimilation sein. Sie verlangen, daß Juden „sich liquidieren, daß sie ihre kulturelle Identität völlig verlieren und sich statt dessen an die vorherrschenden kulturellen Gebräuche halten“; gleichzeitig „sind Juden, die sich zu assimilieren versuchen, anscheinend noch suspekter als die anderen. Vorwürfe ‚neugieriger Blicke’, des ‚Machtstrebens’ und der ‚Einschüchterung’ werden erhoben, und scheinbar großzügige Handlungen von Juden werden verborgenen selbstsüchtigen Motiven zugeschrieben… Es gibt keine logische Grundlage dafür, einerseits darauf zu drängen, daß Juden wie alle anderen werden, und andererseits darauf, daß Juden in den wichtigsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eingeschränkt und ausgeschlossen werden“ (S. 97).

Dies ist eine seltsame Interpretation der Daten. Man könnte leicht befürworten, daß eine Fremdgruppe sich assimiliert, aber gleichzeitig negative Einstellungen hinsichtlich des gegenwärtigen clanorientierten, nach Macht strebenden Verhaltens von Fremdgruppenmitgliedern haben. Noch einmal, die soziale Identitätsforschung und die Evolutionstheorie sagen nicht voraus, daß Individuen wahre oder in sich schlüssige Überzeugungen bezüglich eine Fremdgruppe wie die Juden hegen werden. Levinson geht jedoch im Versuch, Antisemitismus als völlig irrational darzustellen, eindeutig weit über die Daten hinaus.

  1. Siehe auch in SAID (Kap. 6) die Erörterung von Strategien der ADL zur Bekämpfung des Antisemitismus, indem aus wahren Aussagen über Juden Musterbeispiele des Antisemitismus gemacht werden. Mayer (1979, S. 84) merkt an, daß orthodoxe Juden sehr darauf bedacht sind, in einem Gebiet zu leben, in dem es eine ausreichend hohe Konzentration von Juden gibt, und Lowenstein (1983) zeigt, daß Juden in Deutschland nach der Emanzipation weiterhin in konzentrierten Gebieten lebten. Siehe auch Glazer und Moynihan (1970) bezüglich ähnlicher Daten über amerikanische Juden.
  2. Politischer Konservatismus und Ethnozentrismus sollen schwer zu trennen sein, wie der folgende Punkt aus der Skala zu politischem und wirtschaftlichem Konservatismus (PEC) zeigt: „Amerika ist vielleicht nicht perfekt, aber der American Way hat uns ungefähr so nahe an eine perfekte Gesellschaft gebracht, wie es menschlichen Wesen nur möglich ist.“ Levinson kommentiert: „Diese Idee zu unterstützen heißt, wie es scheint, politisch-ökonomischen Konservatismus auszudrücken und die Idealisierung der Eigengruppe, die für den Ethnozentrismus so charakteristisch ist“ (S. 181). Hier werden, wie im Fall der Behandlung der Ethnozentrismus-Skala selbst, Individuen, die sich stark mit einer dominanten Mehrheitsgruppe und deren Interessen identifizieren, als pathologisch betrachtet. In Wirklichkeit war die PEC-Skala nicht so stark mit der F-Skala korreliert wie die Ethnozentrismus-Skala (E-Skala), ein Ergebnis, das Adorno in tendenziöser Weise so interpretierte, daß es nicht darauf hindeute, daß diese Konzepte nicht stark in Zusammenhang stünden, sondern als Hinweis darauf, daß „wir in potentiell faschistischen Zeiten leben“ (S. 656)! Wie am Schluß dieses Kapitels beschrieben, war die hohe Korrelation zwischen der F-Skala und der E-Skala etwas Geplantes statt eines empirischen Forschungsergebnisses.
  3. Die Autoren von Die autoritäre Persönlichkeit beziehen eine starke moralische Position gegen Ethnozentrismus und politischen Konservatismus. Levinson merkt zum Beispiel an: „Die National Maritime Union… kann stolz darauf sein, daß sie den niedrigsten [Durchschnitt auf der Ethnozentrismus-Skala] hat“ (S. 196).
  4. Es ist bewiesen worden, daß Frenkel-Brunswiks Interviewdaten „von Anfang bis Ende“ unter schweren methodologischen Problemen leiden (Altemeyer 1981, S. 37; siehe auch R. Brown 1965, S. 514ff). Es gibt Verallgemeinerungsprobleme, nachdem volle 40 Prozent der männlichen Befragten mit hohen Punktezahlen (8 von 20) Insassen des Gefängnisses von San Quentin waren, und 2 zur Zeit der Interviews Patienten in einer psychiatrischen Klinik waren. (Drei der 20 mit niedrigen Punktezahlen waren aus San Quentin und 2 aus der psychiatrischen Klinik). Wie Altemeyer (1981, S. 37) anmerkt, bringt eine Auswahl dieser Art offenkundig Verallgemeinerungsprobleme, selbst wenn man die Möglichkeit einräumt, daß Personen mit hohen Punktezahlen mit größerer Wahrscheinlichkeit im Gefängnis sind. Dieses Problem zeigt sich jedoch viel weniger in den Befragungen von Frauen, wo diejenigen mit hohen Punktezahlen hauptsächlich Studentinnen und Frauen aus Gesundheitsberufen waren, auch wenn 3 der 25 psychiatrische Patientinnen waren.

Dennoch merkt Altemeyer (1988, S. 37) an, daß die Befragten aus San Quentin „das Rückgrat“ der statistisch bedeutsamen Ergebnisse waren, die Personen mit hohen und niedrigen Punktezahlen voneinander trennten. Abgesehen von dieser Methode, das Ausmaß der statistischen Aussagekraft durch Aufnahme sehr unrepräsentativer Subjekte zu überhöhen, gab es auch eine starke Tendenz, die Ergebnisse so zu behandeln, als würden sie auf statistisch bedeutsamen Unterschieden beruhen, wo die Unterschiede in Wirklichkeit nicht bedeutend waren (Altemeyer 1988, S. 38).

Es ist auch gezeigt worden, daß Punkte auf der Ethnozentrismus-Skala in viel höherem Maße in negativem Zusammenhang mit IQ, Bildung und sozioökonomischem Status stehen, als von der Gruppe aus Berkeley gefunden (Hyman & Sheatsley 1954). Niedrigerer sozioökonomischer Status und der damit zusammenhängende niedrigere IQ und Bildungsgrad könnten Ethnozentrismus zur Folge haben, weil solche Individuen nicht in einem universitären Umfeld sozialisiert wurden und weil wirtschaftlicher Druck (d. h. Ressourcenkonkurrenz) in den unteren Gesellschaftsschichten mit höherer Wahrscheinlichkeit Gruppenidentifikation zur Folge hat. Letztere Sichtweise paßt gut zur Forschung über soziale Identität und zu den allgemeinen Ergebnissen eines weiteren Bandes in der Serie Studies in Prejudice, Prophets of Deceit (Lowenthal & Guterman 1970).

  1. Auszüge deuten darauf hin, daß diese Individuen sehr positive Einstellungen zu ihren Eltern hatten. Eine Frau mit hoher Punktezahl beschreibt ihre Mutter wie folgt: „Mutter – sie erstaunt mich – Millionen von Aktivitäten – hatte vor — Jahren zwei Dienstmädchen in —, aber seither nicht mehr – solche Ruhe – nie krank, niemals – sie ist wirklich eine schöne Frau“ (S. 340; kursiv im Text). Eine weitere (F24) beschreibt ihren Vater wie folgt: „Vater – er ist wundervoll; könnte nicht besser sein. Er ist immer bereit, alles für einen zu tun. Er ist etwa — Jahre alt, sechs Fuß groß, hat dunkelbraunes Haar, schlank gebaut, jung aussehendes Gesicht, gutaussehend, dunkelgrüne Augen“ (S. 342).
  2. Andere Beispiele behaupteter Ressentiments von Subjekten mit hoher Punktezahl gegen Eltern deuten auf einen Elternteil hin, der strenge Regeln hat und sie im Kontext einer insgesamt positiv gesehenen Beziehung durchsetzt. So sagt ein Subjekt mit hoher Punktezahl über ihren Vater: „Ich kann nicht sagen, daß ich ihn nicht mag, … aber er ließ mich mit 16 keine Dates haben. Ich mußte zu Hause bleiben“ (S. 348). Das Interviewmaterial einer Frau mit hoher Punktezahl (F78) zeigt, daß „ihre Eltern die Verlobung definitiv billigen. Subjekt würde nicht einmal mit jemandem gehen, wenn sie ihn nicht mochten“ (S. 351). Wiederum werden diese Subjekte als von ihren Eltern schikaniert dargestellt. Die Annahme scheint zu sein, daß jegliche elterlichen Einschränkungen des Verhaltens von Kindern, egal wie vernünftig sie seien, bei den Kindern ein enorm hohes Maß an verdrängter Feindseligkeit und Aggression zur Folge haben müssen.
  3. Diese Idee, daß Rebellion gegen elterliche Werte und Autorität ein Zeichen geistiger Gesundheit ist, ist auch in der Theorie des Psychoanalytikers Erik Homberg Erikson (1968) zu erkennen. Erikson behauptete, daß das wichtigste Entwicklungsproblem der Pubertät die Identitätskrise sei, und daß das Durchmachen einer Identitätskrise eine notwendige Voraussetzung für das gesunde psychologische Funktionieren als Erwachsener sei. Die Indizien deuten jedoch darauf hin, daß die Pubertät nicht normativerweise eine Zeit der Rebellion gegen Eltern ist, sondern daß Rebellion gegen Eltern mit feindseligen, von Ablehnung geprägten Familienbeziehungen verbunden ist.

Das Interessante hier ist, daß Forschungen über Identitätsprozesse während der Pubertät die Idee nicht untermauern, daß Pubertierende, die elterliche Werte akzeptieren, Anzeichen von Psychopathologie zeigen. Die Subjekte, die denjenigen am meisten ähneln, die in Die autoritäre Persönlichkeit als pathologisch betrachtet wurden, werden von Marcia (1966, 1967) als „Abschottungssubjekte“ bezeichnet. Diese Subjekte haben keine Identitätskrise erlebt, sind aber Verpflichtungen eingegangen, die sie von anderen, üblicherweise den Eltern, ohne Frage akzeptiert haben. Die Familien von Abschottungssubjekten tendieren dazu, kindzentriert und konformistisch zu sein (Adams, Gullotta & Markstrom-Adams 1994). Matteson (1974) fand, daß Abschottungsfälle eine „Liebesbeziehung“ zu ihren Familien hatten, und Muuss (1988) faßt Indizien zusammen, die darauf hindeuten, daß Abschottungsfälle ihren Eltern sehr nahe stehen und sich von ihnen sehr geschätzt fühlen. Das Ausmaß der Kontrolle ist mittelmäßig, weder zu streng noch zu begrenzt, und solche Individuen nehmen die Eltern als annehmend und unterstützend wahr. Die Eltern-Kind-Beziehungen dieser Individuen scheinen die autoritären Eltern-Kind-Beziehungen zu sein, die von Entwicklungspsychologen üblicherweise als optimale Kindesentwicklung hervorbringend betrachtet werden. Marcia und Friedman (1970) fanden, daß „Abschottungs“-Frauen ein sehr hohes Selbstwertgefühl hatten und sehr wenig ängstlich waren, und Marcia (1980) faßt mehrere Studien zusammen, die zeigen, daß die „Abschottungs“-Frauen ausgeglichen waren. Es gibt daher keinen Grund anzunehmen, daß Pubertierende, die elterliche Werte akzeptieren, in irgendeinem Sinne an Psychopathologie leiden.

Im Gegenteil, Individuen, die sehr schlechte Eltern-Kind-Beziehungen haben, tendieren dazu, zur Kategorie „Identität diffus“ zu gehören, nämlich Individuen, die gar keine Identität entwickeln. Sehr negative Eltern-Kind-Beziehungen sind charakteristisch für solche identitätsdiffusen Subjekte (Adams, Gullotta & Markstrom 1994), und sie scheinen zu minimaler Identifikation mit den Werten und Ideologien der Eltern zu führen. Eltern solcher Individuen werden als „kühl, gleichgültig, unbeteiligt und unbesorgt“ beschrieben (Muuss 1982; siehe auch Marcia 1980), und solche Individuen scheinen die Werte ihrer Eltern nicht zu akzeptieren. Es gibt sogar Indizien, daß identitätsdiffuse Individuen psychopathologiegefährdet sind.

  1. Andere Beispiele: F71: „Zur Zeit bin ich [Vaters] Liebling… Er wird alles für mich tun – bringt mich zur Schule und ruft mich zu sich“ (S. 354); M47: „Nun, ich schätze, sie [die Mutter] ist so gut und freundlich zu jedermann, besonders zu mir. (Zum Beispiel?) Na, sie versucht immer, alles für mich zu tun. Geht sehr selten in den besseren Stadtteil, ohne mir etwas mitzubringen“ (S. 354); M13: „[Vaters] Aufmerksamkeit für uns Kinder war großteils sehr bewundernswert. Er ist sehr ehrlich, so sehr, daß er keine Kundenkreditkonten billigen würde. Er ist im ganzen Land als Mann bekannt, dessen Wort so gut ist wie seine Unterschrift. Sein größter Beitrag war, daß er sich Vergnügungen versagt hat, um für uns Kinder zu sorgen“ (S. 354).

Im Abschnitt „Bild der Mutter: Opferbringen, Moralismus, Einschränkung“ sind Mütter von Personen mit hoher Punktezahl Individuen, die im Interesse ihrer Kinder sehr selbstaufopfernd sind und auch ein starkes Gespür für angemessenes Verhalten haben, das sie ihren Kindern einzuflößen versuchen. M57: „Sie war eine fleißige Dame, sorgte für uns Kinder; hat uns nie in irgendeiner Weise mißhandelt.“ M13: „Mutter lag einen großen Teil der Zeit krank im Bett. Sie widmete ihre letzte Kraft für uns Kinder.“ M47: „Sie lehrte mich immer den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, was ich tun und nicht tun sollte.“

  1. Andere typische Kommentare von Personen mit hoher Punktezahl lauten wie folgt: M58: „Falls es irgendwelche Konflikte zwischen Mutter und Vater gab, so wußte ich nichts davon.“ F24: „Eltern kommen gut miteinander aus – streiten nie – kaum jemals. Falls doch, dann nur über Blödsinn. Sie stritten einmal, nachdem sie Wein getrunken hatten, wer das letzte Wort hatte. Solches albernes Zeug“; F31: „Meine Eltern kommen bisher sehr gut miteinander aus – klopfe auf Holz. Sie streiten, aber nie ernsthaft, wegen der verträglichen Persönlichkeit meiner Mutter.“
  2. Andere typische Kommentare von Personen mit niedriger Punktezahl lauten wie folgt: M15: „Mutter wirft Vater vor, ‚sie unten zu halten’. Sie redet zuviel über ihre Ambitionen. Mutter denkt zuerst an sich. Sie will sich auf keine Kirche festlegen. Argwöhnt ständig, daß Vater eine andere Sängerin sie überflügeln läßt. Es gibt viel Streit zwischen ihnen, was mich verärgert. Vater drohte manchmal zu gehen“; M50: „Vater war temperamentvoll, und Mutter lieferte beträchtlichen häuslichen Zank“; M55: „Mutter stimmte ihm bei all dem Moralisieren zu, wenn auch nicht so streng wie er, nicht wirklich eine sehr gute Ehe. Mutter hätte jemand heiraten sollen, der um einiges menschlicher war, und sie wäre wahrscheinlich um einiges besser dran gewesen… nun, es ist schwer, sich ihn mit irgend jemand vorzustellen, mit dem er auskommen würde.“
  3. In ähnlicher Weise werden, wenn ein Subjekt im Thematischen Apperzeptionstest von keiner Aggression gegen seinen Vater berichtet, die Resultate als Anzeichen verdrängter Aggression gegen den Vater interpretiert, weil die einzige Aggression in den Geschichten von Charakteren kommt, die das Subjekt ablehnt. Aggressive Metaphorik ohne Bezug zum Vater ist Beweis für verdrängte Aggression gegen den Vater.
  4. Ein weiteres Beispiel für Sorge um Sozialstatus unter Personen mit hoher Punktezahl ist das Folgende von F79, die aus einer reichen Familie kommt, die ein Sägewerk, ein Holzfällerlager und andere Geschäftsinteressen besitzt: „Es ist ein mittelgroßes Werk, aber ich habe keine Ahnung von seinem [des Vaters] Einkommen. Natürlich haben wir Kinder immer Privatschulen besucht und in exklusiven Wohngegenden gelebt. In — hatten wir Tennisplätze und Pferde. Wir mußten mehr oder weniger von vorne anfangen, als wir in dieses Land kamen. Wir lebten in einem schönen Haus, konnten es uns aber nicht wirklich leisten. Es war eine ziemliche Anstrengung, in gesellschaftliche Kreise hineinzukommen. In — fühlten wir uns sicher und fügten uns ein. Wieder hier zurück, haben wir auf demselben Niveau gelebt, aber mit Sorge darum. Mutter und Daddy sind gesellschaftlich aufgestiegen… und mir liegt nicht so viel daran“ (S. 384). Nachdem das Subjekt nicht so auf Sozialstatus bedacht zu sein scheint, könnte man sich fragen, warum das Protokoll so viele Punkte erhielt, wie es der Fall war.
  5. Zu den Beispielen für „Id-feindliche Moral“ unter den Frauen mit hoher Punktezahl gehören die folgenden: F22: „Sex kommt bei mir keineswegs an erster Stelle… Ich bin mehr dafür, sich ohne sexuelles Interesse gut zu unterhalten“; F31: „Ich denke, ein Mädchen sollte freundlich sein, aber ich mag kein Knutschen während einer Vorführung. Ein Junge und ein Mädchen sollten einfach Freunde sein“ (S. 396).

Männer mit hohen Punktezahlen scheinen sexuellen Anstand bei Frauen zu schätzen, die sie zu heiraten beabsichtigen: M6: „Ich mag ein Mädchen, das vernünftig ist und über mehrere Themen reden kann. Ich mag den Maizie-and-Flo-Typ oder die Sexmuschis nicht“; M14: „Ich möchte ein Mädchen, dessen alleiniges Interesse das Zuhause ist.“

  1. Andere Beispiele adaptiven weiblichen Partnerwahlverhaltens unter den von Frenkel-Brunswik für pathologisch gehaltenen Personen mit hohen Punktezahlen sind die folgenden: F71: „Feiner Junge. Vater ein Schriftsteller, Großvater Sekretär von — Canal; sehr reiche Familie, aber er hat nicht den Tatendrang und den Ehrgeiz, den ich will; ich möchte einfach mehr Tatendrang; jemanden, der sich nicht an mir anzulehnen braucht. Ich hatte das Gefühl, daß er zusammenbrechen würde, wenn ich wegginge… Ein anderer Junge hier hat alles, nur daß er nicht rücksichtsvoll wie … ist. Ich muß jemanden haben, der nicht selbstsüchtig ist.“ F22: „Ich werde mir (unter anderem) die Ansichten des Kerls dazu ansehen, mich zu erhalten. Ich würde zum Beispiel gern jemanden heiraten, der einen akademischen Beruf ergreifen wird – vielleicht einen Arzt“ (S. 401).
  2. Die anderen beiden für solche „pathologischen“ Einstellungen unter Frauen angeführten Beispiele sind die folgenden:

F32: „Nun, ich denke, daß jungen Leuten wegen der Gesellschaft, in der wir leben, eine Menge entgeht, wenn sie nicht in der Kirche ihres Glaubens heiraten. Sie verlieren die Ehrfurcht vor der Ehe und erfahren nicht die wahre Bedeutung von Ehegelöbnissen, wenn es so kommerziell (in einem öffentlichen Amt) durchgeführt wird. Ich denke, daß, wenn Menschen in einer Kirche heiraten – womit ich nicht zwangsläufig eine große Hochzeit meine -, sie eine der schönsten Erfahrungen ihres Lebens haben… Was die Kirche die Jugend lehren kann, ist ‚eine Wahl zu treffen’“. Damit meint sie im Prinzip die Wahl zwischen Recht und Unrecht, aber auch die Wahl von Freunden. „In einer Kirchengruppe trifft man die richtige Art junger Leute; nicht die Sorte, die nachts am Seeufer herumhängt.“ (S. 403)

F78: „Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Er hat braunes Haar, braune Augen, weiße Zähne, nicht gutaussehend, aber adrett; schönes Lächeln, gesellig, es ist leicht mit ihm auszukommen, hat aber seinen eigenen Willen. Er ist recht lustig, interessiert sich für alles. Er hat einen Abschluß der High School und ist jetzt Techniker beim Bodenpersonal des Naval Air Transport. Er möchte irgend etwas Mechanisches machen. Vor dem Krieg war er Lehrling in der Autoindustrie…“ Der Beruf ihres Ehemannes zählte nicht wirklich. Sie denkt, daß ihr Freund definitiv gute Chancen hat durchzukommen. Sie hätte gern einen Fachberuf – „so ungefähr Mittelklasse.“

  1. Die Personen mit hoher Punktezahl sollen „Selbstverherrlichung“ betreiben, weil sie Dinge wie das Folgende sagen: F71: „Kind – nervös wegen Mastoidoperation… Schulanfang war schlimm… Angst vor Kindern… dies in der ersten Hälfte des Kindergartens… ab der zweiten Hälfte war ich Anführerin. Ich glaube, einer meiner besten Pluspunkte ist meine Gelassenheit – die ich dadurch lernte, daß wir so viel herumzogen“ (S. 425); F38 als Kommentar zur Überwindung der Kinderlähmung: „Ich habe immer eine fröhliche Veranlagung gehabt, und ich bin immer ehrlich zu meiner Familie gewesen. Ich schätze, was sie für mich taten. Ich habe immer nach einer Möglichkeit gesucht, keine Last für sie zu sein. Ich wollte nie ein Krüppel sein. Auf mich war in Schwierigkeiten immer Verlaß. Ich bin immer fröhlich gewesen, und ich bin sicher, daß ich nie jemandem ein schlechtes Gewissen wegen meiner Behinderung bereitet habe. Vielleicht ist meine Behinderung einer der Gründe dafür, daß ich fröhlich gewesen bin. Ich trug einen Gips an meinem Bein, bis ich 4 Jahre alt war“ (S. 425). (Subjekt beschreibt weiters ihre eheliche Treue, ihr glückliches Eheleben und ihr gutes Verhältnis zu ihrer Familie.) Nur eine extrem perverse Interpretation dieser Daten – eine Interpretation, die durch die psychodynamische Theorie ermöglicht wird – könnte zur Annahme führen, daß diese Individuen weniger als heroisch in ihrer Fähigkeit waren, ihre Behinderungen zu überwinden und erfüllende, produktive Leben zu führen.
  2. Diese Tendenzen werden im projektiven Material in Kapitel XV bestätigt. Personen mit niedrigen Punktezahlen erscheinen wiederum als sehr zerrissen, ängstlich und schuldbeladen (S. 550, S. 562). Sie „identifizieren sich mit dem Underdog“ (S. 566) und haben ein „starkes Gefühl des Versagens, der Selbstvorwürfe, der Hilflosigkeit oder Machtlosigkeit“ (S. 562). Sie streben nach engen Beziehungen, während sie anderen gleichzeitig Gefühle der Feindseligkeit und des Ausnutzungsstrebens zuschreiben (S. 551).
  3. Entsprechend seiner allgemein unwissenschaftlichen Haltung zu den Daten liefert Adorno keine Information darüber, wie man zu diesen Typen kam oder welcher Anteil der Subjekte in die verschiedenen Kategorien paßte. Im Fall des „echten Liberalen“ gibt es eine Diskussion eines Subjekts.
  4. Interessanterweise erklärt die „echte Liberale“ unmittelbar nach ihrer Bekundung der moralischen Legitimität freier Konkurrenz zwischen Juden und Nichtjuden: „Vielleicht würden die Juden, wenn sie an die Macht kämen, die Mehrheit liquidieren! Das ist nicht klug. Denn wir würden uns wehren“ (S. 782). Dieses Subjekt betrachtet Juden eindeutig nicht als Individuen, sondern als potentiell bedrohliche, geschlossene Gruppe.
  5. In ähnlicher Weise fanden Bettelheim und Janowitz (1950) in einem anderen Band der Serie Studies in Prejudice, daß manche ihrer antisemitischen Subjekte rebellisch und ungehemmt waren.
  6. Gottfredson (1994) merkt ebenfalls an, daß in den Medien und in der öffentlichen Meinung die Vorstellung fortbesteht, daß Intelligenztests kulturell verzerrt sind und nichts mit der Leistung im Leben zu tun haben, und das lange nachdem diese Vorstellungen von Intelligenzforschern widerlegt worden sind.
  7. Dasselbe könnte man über Margaret Meads Arbeit sagen, die in Kapitel 2 behandelt wird. Trotzdem zu diesem Zeitpunkt jede vernünftige Person annehmen muß, daß das Werk zumindest höchst fragwürdig ist, erscheint ihr Werk weiterhin in prominenter Weise in vielen College-Lehrbüchern. Mead befand sich im Beratungsausschuß des Antisemitismusprojekts des Instituts, das Die autoritäre Persönlichkeit produzierte.
  8. Mehrere Autoren haben Indizien für eine allgemeine Autoritarismus-Dimension gefunden, bei der Einstellungen gegenüber Autorität vom Ethnozentrismus getrennt werden, die in Messungen des rechten Autoritarismus oft enthalten sind (z. B. Bhushan 1982; Ray 1972). Altemeyer (1994) merkt an, daß autoritäre Individuen in Nordamerika und in der Sowjetunion unter dem Kommunismus spiegelbildliche autoritäre Einstellungen hatten, wobei die Letzteren einen „harten“, autoritären Kommunismus unterstützten. In Studies on Authority and the Family (dem früheren Versuch der Frankfurter Schule, Familienbeziehungen und Autoritarismus miteinander in Verbindung zu bringen) war es unmöglich, daß ein Individuum als autoritär eingestuft wurde, wenn es erklärte, daß der Sozialismus die Weltsituation verbessern würde und daß der Kapitalismus die Hyperinflation verursachte. „Die Möglichkeit, daß jemand loyal gegenüber der Kommunistischen Partei oder ihrem Programm bleiben und trotzdem autoritär sein konnte, wurde somit ausgeschlossen“ (Wiggershaus 1994, S. 174).
  9. Der Arts and Humanities Citation Index von 1996 zählte annähernd 375 Zitierungen von Adorno, 90 von Horkheimer und 550 von Walter Benjamin auf. Eine Suche an den Bibliotheken der University of California im April 1998 unter der Themenüberschrift „Frankfurter Schule“ listete 41 Bücher auf, die seit 1988 veröffentlicht wurden, mit über 200 weiteren zum Thema der Kritischen Theorie.
  10. Man bedenke, daß der einflußreiche Postmodernist Jean-François Lyotard (1984, S. 8) erklärt: „Das Recht zu entscheiden, was wahr ist, ist nicht unabhängig vom Recht zu entscheiden, was gerecht ist.“ In der besten Tradition der Frankfurter Schule lehnt Lyotard wissenschaftliche Darstellungen als totalitär ab, weil sie traditionelle Darstellungen der Kultur durch wissenschaftlich abgeleitete Allgemeinbegriffe ersetzen. Wie bei Derrida besteht Lyotards Lösung darin, alle Narrative zu legitimieren, aber das Hauptprojekt ist der Versuch zu verhindern, was Berman (1989, S. 8) die Entwicklung „eines institutionalisierten Meisternarrativs“ nennt – dasselbe Dekonstruktionsprojekt, das von der Frankfurter Schule stammte. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Ablehnung der Wissenschaft gänzlich a priori geschieht – in der besten Tradition der Frankfurter Schule.
  11. Ich hob in Kapitel 2 (S. 22 – 23) kurz die antiwestliche Ideologie von Claude Lévi-Strauss hervor. Es ist interessant, daß Derrida Lévi-Strauss „dekonstruierte“, indem er ihm vorwarf, Rousseaus romantische Sicht auf nichtwestliche Kulturen zu reaktivieren, und dadurch eine ganze Reihe essentialistischer Annahmen traf, die nach Derridas radikaler Skepsis nicht unberechtigt waren. „Als Reaktion auf Lévi-Strauss’ Kritik an den Philosophen des Bewußtseins antwortete Derrida, daß niemand von ihnen so naiv gewesen wäre wie Lévi-Strauss, so hastig zugunsten der Unschuld und ursprünglichen Güte der Nambikwara [eines afrikanischen Stammes] zu entscheiden. Derrida sah Lévi-Strauss’ vorgeblich ethnozentrismusfreien Standpunkt als umgekehrten Ethnozentrismus mit ethnopolitischen Positionen, die den Westen beschuldigten, ursprünglich durch das Schreiben für den Tod der unschuldigen Rede verantwortlich zu sein“ (Dosse 1997 II, S. 30). Diese Kommentare sind symptomatisch für die Veränderungen, die vom Postmodernismus in den gegenwärtigen intellektuellen Zeitgeist eingeführt wurden. Während die früheren Kritiken am Westen durch die Boasianer und die Strukturalisten nichtwestliche Kulturen romantisierten und den Westen verunglimpften, geht der neuere Trend dahin, eine durchgängige Skepsis bezüglich Wissen jeglicher Art zu äußern, was, wie ich annehme, durch die Gründe motiviert wird, die in diesem Kapitel (S. 166, S. 201) und in Kapitel 6 umrissen werden.

*   *   *   *   *   *   *

Fortsetzung:  Die Kultur der Kritik (6): Die jüdische Kritik an der nichtjüdischen Kultur: Eine Reprise

Siehe auch:

Alex Kurtagics Interview mit Kevin MacDonald

Neue Forschungen über Individualismus und Kollektivismus von Kevin MacDonald

Mesirah und Kindesmissbrauch in Brooklyn von Kevin MacDonald, worin unter anderem auch Aufschlußreiches über jüdische Vorstellungen zur Wahrheitsfindung enthalten ist, das zu Adornos Ablehnung wertfreier sozialwissenschaftlicher Forschung („Faktenfetischismus“) paßt

Die Psychopathologie des Judentums von Hervé Ryssen

Kann Deutschland ohne Beschneidung überleben? von Osimandia

Paulus: der Erfinder des Christentums von Michael Zick

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