Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange

Dieser Muschelkopf stammt vielleicht aus dem Muscheltempel des Quetzalcoatl in Tollan. Er zeigt den Gott, wie er aus dem Rachen der Erde aufsteigt. Der schwere schwarze Bart ist etwas Besonderes bei Indianern.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Quetzalcoatl: Die Gefiederte Schlange“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von mir eingefügt.

Zuvor erschienen: Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl sowie Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern mit dem Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus demselben Buch von Cottie Burland.

 

QUETZALCOATL: DIE GEFIEDERTE SCHLANGE

Quetzalcoatl, die Gefiederte Schlange, Herr des Heilens und der Zauberkräuter, Symbol der Gelehrsamkeit, der Dichtkunst und aller schönen Dinge, Herr der Hoffnung und glänzender Herr des Morgensterns, war der Geist, der am Morgen die Sonne in den Himmel holte und damit allen Menschen, Tieren und Pflanzen die segensreiche Macht des Sonnengottes brachte. Als eine der bedeutendsten Gestalten in der Religion des präkolumbischen Mexiko war Quetzalcoatl, ähnlich wie der englische König Arthur, sowohl eine wirkliche Person wie ein Mythos. Der König Quetzalcoatl war der Begründer eines Reichs und einer Lebensform, die sich von der anderer mexikanischer Kulturkreise vor allem durch seine tiefe Religiosität unterschied. Sein größter Erfolg war die Bildung eines Bundes von Stammesgruppen unter der Herrschaft der Toltekenfamilien.

Die Geschichte des ersten großen Königs Quetzalcoatl erzählt, wie er vom Himmel auf die Erde kam und eine Herrschaft unter dem mexikanischen Volk begründete. Er lebte als keuscher, heiliger Priester, bis ein Streit unter den Göttern zu seiner Vernichtung führte. Während einer großen Zeremonie wurde ihm ein starker Trank aufgenötigt, dem der Zauberpilz zugesetzt war. Von der dämonischen Göttin, die den Pilzen innewohnt, verführt, ergriff er sie und paarte sich mit ihr während des Festes. Als er aus dem Giftschlaf erwachte, erkannte er, daß er sich selbst verdammt hatte. Er gab alle seine Paläste auf und wanderte quer durch Mexiko, bis er nackt an der Küste des Karibischen Meers ankam. Dort schiffte er sich auf einem Floß aus Schlangenhäuten ein und segelte weit fort, dem Sonnenaufgang entgegen, bis die starke Hitze das Boot entzündete und sein Herz sich im Flug in die Sonne erhob.

Es gibt ein Bild dieses Geschehens im Wiener Kodex. Es stellt eine wirkliche Sonnenfinsternis dar, bei der der Planet Venus dicht bei der Sonne steht. Da das ein äußerst seltenes Ereignis ist, konnte die Königliche Sternwarte von Greenwich es datieren: der 16. Juli 750 – ein genaues historisches Datum für den Tod eines göttlichen Königs, der in das Reich der Mythologie eingetreten ist. Gemäß dem Wiener Kodex folgte auf den ersten großen Herrscher eine Reihe von neun toltekischen Königen, die alle Quetzalcoatl hießen. Jeder wird dargestellt, wie er bei seiner Thronbesteigung ein Feuer entzündet, und jedem wird die Errichtung von Tempeln und Bädern zugeschrieben. Von jeder königlichen Nachfolge wird sehr sorgfältig berichtet, so daß es möglich war, die ganze Linie der Toltekenkönige zu datieren. Sie endete mit dem Fall von Tula unter dem letzten Quetzalcoatl im letzten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts.

In den Geschichten seiner irdischen Abenteuer wird Quetzalcoatl als ein sexuell potenter Mann geschildert, der seine Energien aufstaute, bis er von der Göttin Tlazoteotl verführt wurde. Alle Beschreibungen seiner Person sagen, daß er aktiv und kraftvoll war und einen riesigen Penis besaß. Er trug ein besonderes Lendentuch mit abgerundetem Ende, anscheinend als Beutel für dieses prächtige Glied. Auf einem Bild des Codex Laud (jetzt in Oxford, Bodleian Library) sieht man ihn als Wind, der ins Wasser bläst. Im Wasser sitzt die jüngere Mondgöttin und zeigt ihm ihre offene Vulva. Der Sinn dieser Darstellung ist, daß Quetzalcoatl die Göttin mit dem fruchtbarmachenden Atem des Lebens schwängert.

Der Gott Quetzalcoatl war auch der Herr des Lebens, der Bußfertigkeit, Liebe und Befreiung von Opfer und Blutopfer brachte und daher eine Gestalt göttlicher Weisheit und Liebe war. Aus diesem Grunde war er schon für die frühen spanischen Missionare nicht völlig dämonisch, obwohl er häufig unter der seltsamen Maske einer mit den grünen Federn des Quetzals bekleideten Schlange erschien.

Erscheinungsformen der Gefiederten Schlange

Die Gefiederte Schlange ist eins der größten Geheimnisse des mexikanischen Glaubens. In alten Zeiten lebte der Quetzal, der in den westlichen Gebirgen Guatemalas heimisch ist, auch in Mexiko. Er galt als der schönste aller Vögel, und sein Name Quetzaltotolin bedeutet kostbarster oder schönster Vogel. Das Symbol der Gefiederten Schlange kann man sehr wohl Quetzalcoatl nennen, was nicht einfach nur „gefiederte Schlange“ bedeutet, sondern „kostbarste Schlange“, obwohl der Gott Quetzalcoatl ikonographisch korrekt selbst nicht die „gefiederte Schlange“ ist, sondern der, der aus der Schlange auftaucht, so wie der Morgenstern sich vom Horizont erhebt. Die schönsten Bilder des Gottes illustrieren diese Erscheinungsform: ein Kalksteinbeispiel im Nationalmuseum von Mexico City zeigt das Gesicht des Gottes im Rachen der Schlange, wie er sich bei Sonnenuntergang zurückzieht, und es gibt eine bemerkenswerte Jadestatue im Britischen Museum, die den Gott darstellt, wie es aus der Schlange steigt, so wie sich die Sonne aus der Morgendämmerung erhebt.

Die aztekische Sprache hat oft gleichklingende Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung. Das Wort „coatl“ bedeutet nicht nur Schlange, sondern auch Zwilling. In diesem Fall sind die Zwillinge der Morgen- und der Abendstern, Quetzalcoatl und Xolotl. Der Gott, auf den hier als Gefiederte Schlange hingewiesen wird, sollte besser als Kostbarer Zwilling bezeichnet werden, da „quetzal“ sowohl den Vogel wie „kostbar“ bezeichnet. Man hätte eine große Verwirrung vermeiden können, hätte man in der Vergangenheit der Bedeutung des Wortes mehr Aufmerksamkeit zugewandt als dem Aussehen des Symbols, das nur eine buchstäbliche Darstellung war.

Andere Darstellungen bezeichnen verschiedene Erscheinungsformen des Gottes. Gelegentlich zeigen ihn Statuen als sehr großen Priester, den Herrn der Reue; sein Gesicht zeigt schwarze Streifen neben den Augen, einen roten Ring um den Mund und große blaue Flecke auf der Stirn. Als Quetzalcoatl Ehecatl, „Herr der Winde“, trägt er eine Maske, die wie eine spitze Schnauze vorspringt und den unteren Teil seines Gesichts bedeckt. Sie heißt „Windmaske“ und ist gewöhnlich rot bemalt. Wahrscheinlich war sie vom Maul einer mexikanischen Kröte, Rhinophryne dorsalis, übernommen worden und erinnerte die Mexikaner an die Gestalt des Erdungeheuers, einer Kreuzung von Alligator und Kröte. Ein dem Ehecatl geweihter Tempel war kreisförmig angelegt, denn als Gott der Winde konnte er in jede Richtung blasen oder atmen und ließ sich daher nicht auf einen viereckigen Bau beschränken, der nur in die vier Hauptrichtungen blickte. Im Wiener Kodex stützt Quetzalcoatl als Windgott den Himmel mit seinen Händen. Der Himmel ist der Himmel der Wasser, und in Wirklichkeit hält er die Regenwolken über der Erde und läßt ihr Wasser niederregnen, die vor dem Wind von Ort zu Ort getrieben werden. Als Gott des Wetters, des Windes und des Regens tritt Quetzalcoatl in die Hierarchie der Vegetationsgötter ein. Als Wind hat er die Aufgabe, den Boden zu trocknen und die Erde für den Regen vorzubereiten.

Zu anderen Zeiten ist er einfach ein Gott des Frühlings und der wachsenden Pflanzen, ähnlich den asiatischen Vegetationsgöttern, die litten und entweder vertrieben oder getötet wurden. Quetzalcoatl mußte als Herrscher auf der Erde auch seinen Reichtum, seine Kleider und schließlich sein Leben aufgeben, bevor er in den Himmel aufgenommen werden konnte und zum Morgenstern wurde. Als dieser sich opfernde Gott ist er der Gott des Frühlings und des wachsenden Lebens.

Die Stellung dieses Gottes ist ein wichtiger Maßstab für die gesellschaftliche Entwicklung in der mexikanischen Geschichte. Erstens war er ein Gott des Frühlings und der wohltätigen Winde. Zweitens war er ein astrologischer Gott des Morgensterns. Drittens galt er als Gründer eines Königtums. In jeder Stufe symbolisierte der Gott einen weiteren kulturellen Fortschritt. In seiner letzten Stellung als der König, der war und wieder sein soll, erhob Quetzalcoatl das göttliche Königstum zum höchsten Rang, den es je in Zentralamerika erreicht hat. Der Uetlatoani, der „Große Sprecher“ des Aztekenstammes, trug diesen Titel, weil als Herrscher vieler abhängiger Stämme sprach. Der Gedanke des imperialistischen Oberherrn, der über einen räuberischen Militärstaat herrschte, war ein echtes Spiegelbild der Lage der mexikanischen Gesellschaft, als Hernando Cortes im Jahr 1519 ankam.

Die Ursprünge Quetzalcoatls

Die historischen Ursprünge Quetzalcoatls und seines Kults sind so verwickelt wie seine Stellung in der Hierarchie der mexikanischen Götter. Man kann zwar den Toltekengott im Codex Vindobonensis datieren und seine Nachfolger als Könige aufspüren, aber wahrscheinlich hat der Quetzalcoatl-Kult noch ältere Ursprünge. Denn trotz aller toltekischen Kultur stammte die Inspiration der Azteken aus einer früheren Zeit, die wir nicht kennen. Vielleicht kamen Anregungen von den Herrschern der zerstörten Stadt Teotihuacán, die vom ersten Jahrhundert v. Chr. bis um 650 n. Chr. geblüht hatte, die einen primitiveren Typ göttlicher Könige oder Priesterkönige darstellten. Eine andere Möglichkeit ist, daß die Tolteken eine Gruppe von der pazifischen Küste Mexikos einschlossen, die den Kalender toltekischen Stils und den Quetzalcoatl-Kult mit sich gebracht hatten.

Figuren, die Quetzalcoatl in der Kunst von Teotihuacán darstellen, lassen sich nicht mit Sicherheit identifizieren, aber im Süden des Aztekenbereichs, bei den Maya-Stämmen, gab es eine echte Entsprechung des Gottes Quetzalcoatl, die Kukulcan hieß. Dieser Name bedeutet Quetzalschlange, die genaue Entsprechung von Quetzalcoatl. Der Maya-Gott war ebenfalls der Gott des Windes und der Juwelenspender; er schützte wachsende Dinge und war ein Fruchtbarkeitsgott. Es gibt in älterer Zeit wenige erkennbare Abbildungen, aber als die Maya unter die Herrschaft von toltekischen Flüchtlingen nach dem Fall von Tula geraten waren, finden wir Kukulcan mit seinem Namen in Maya-Silbenschrift auf einem Schlußstein aus Chichen Itzá in Yukatan gemalt. Er erscheint in der Mitte eines Sonnensymbols; das Bild zeigt mit einiger Sicherheit einen Venusdurchgang im 12. Jahrhundert. Der Maya-Gott trägt eine Windmaske mit vorspringender Schnauze, ähnlich der auf aztekischen Figuren, verteilt Edelsteine und läßt Wohltaten auf die Erde regnen.

Eine frühere Form Kukulcans bei den Maya ist mit dem Mondvogel verbunden, der auf einem Kreuz mit Blattverzierungen in Palenque im südlichen Mexiko erscheint. Dieser Vogel trägt das Gefieder eines Quetzals mit einem einer Windmaske ähnlichen Schlangenkopf. Er befindet sich auch auf einer Stele aus El Castillo an der Westküste Guatemalas, wo er auch über das Antlitz der Sonne fliegt. Aus anderen astronomischen Daten läßt sich schließen, daß es sich um die Darstellung eines Venusdurchgangs handelt, der im 6. Jahrhundert stattfand, zwei Jahrhunderte, bevor die Tolteken Mexiko betreten hatten. Diese Gruppe von Beispielen beweist klar, daß die Idee des Gottes Quetzalcoatl als Atem des Lebens, als kostbarstes Symbol des Lebens und des Windes der Einführung der toltekischen Religion im Hochland von Mexiko vorausgeht.

Quetzalcoatl und die Azteken

Die wahre Bedeutung des Quetzalcoatl-Kults für die Azteken lag in der Eigenschaft des Gottes als Vorfahre der toltekischen Könige, weil sich daraus das göttliche Recht auf Herrschaft herleitete. Die Aztekenhäuptlinge machten große Anstrengungen, sich dies göttliche Recht zu sichern, teils durch Änderung ihrer ursprünglichen Aufzeichnungen, hauptsächlich aber dadurch, daß sie Prinzessinnen toltekischer Abstammung durch Heirat mit ihren herrschenden Familien verbanden. Ähnlich wie das nacheinander von den neun Quetzalcoatls regierte Toltekenreich alle zivilisierten Regionen Mexikos aufgesogen hatte, hofften auch die Azteken, daß sie mit Hilfe des aus der Abstammung von Quetzalcoatl fließenden göttlichen Rechts über ein sich ausdehnendes Reich herrschen könnten. Darin lag ein grundlegender Unterschied zu den Kulten des mächtigen Kriegsgottes Rauchender Spiegel, Tezcatlipoca, denn es handelte sich mehr um eine Angelegenheit des Rechts als der Macht. Weil sie jedoch ohne den Segen Tezcatlipocas, des Herrn der Erdoberfläche, keine erfolgreichen Kriege führen konnten und ohne die echte überlieferte Abkunft vom ersten Quetzalcoatl kein Recht dazu hatten, vermischten sich die beiden Kulte unentwirrbar.

Obwohl Quetzalcoatl immer noch große Bedeutung für die Führer der Nation hatte, waren zur Zeit der Ankunft der Spanier die jüngeren Leute, selbst die aus den bedeutenden Familien, nicht mehr in den Kult des Gottes eingeweiht. Er war wohl auch zu einem besonderen Kult des Adels geworden, über den man beim gemeinen Volk nicht sprach. Es wußte auch nichts von dem geheimen Opfer eines Adligen toltekischer Abstammung, wenn der Morgenstern nicht sichtbar war.

In den Zeremonienberechnungen des aztekischen Kalenders war nicht eine einzige der 20-Tage-Perioden Quetzalcoatl geweiht. Er wurde nur im ersten Monat Atlcaualo als Herr der Winde erwähnt, der den Regengöttern den Weg ebnet. Keine der 20-Tage-Perioden nimmt irgendwie Bezug auf ihn, aber jedesmal, wenn der Tag Ce Acatl kam, was 1 Pfeilrohr bedeutet und der Name des Morgensterns war, brachten sie besondere Opfer dar und tanzten zu Ehren von Quetzalcoatl.

Wie in toltekischen Zeiten war Quetzalcoatl  auch noch der Herr aller Kunstwerke vom härtesten Jade bis zu den weichsten Federn, und alle Kunsthandwerker waren von den Künstlerpriestern abhängig, die dem Gott dienten. Nur diese geschickten Diene Quetzalcoatls schmückten und bemalten die großen Tempel und Paläste des aztekischen Mexiko mit den Bildern der Götter. Sehr wenig ist von dieser Arbeit erhalten, teils wegen der bewußten Vernichtung durch die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert, teils durch langsamen Verfall im Laufe der Jahre, der den Putz in Pulver verwandelte. Den Archäologen ist es mit modernen chemischen Mitteln gelungen, einige der Arbeiten zu retten, aber es sind beklagenswert wenige. Diese Künstler waren auch für den Entwurf von hölzernen Gegenständen, von Skulpturen, mit denen Tempel und Paläste geschmückt wurden, und von den wenigen kleinen Goldgegenständen, die aus alter Zeit erhalten sind, zuständig. Zweifellos gab es auch viele Silberarbeiten, aber der größte Teil von den bei neueren Ausgrabungen gefundenen hat sich bereits in schwarze Klumpen Silberoxyd verwandelt.

Die Tempelskulpturen wurden meist aus einheimischem Stein gemeißelt, aber manchmal holte man auch härtere Steine aus entlegenen Gebieten herbei. Oft benutzte man harte Formen von Lava, darunter Basalt, aber meist bearbeitete man weichen, porösen Stein, zum Beispiel einen groben und ziemlich rauhen Bimsstein, der Tezontli hieß. Dieser Stein hat eine höchst nachteilige löchrige Oberfläche nach der Bearbeitung, daher wurden die meisten Skulpturen verkittet, sorgfältig poliert und dann bemalt. Nur ein oder zwei Exemplare dieser Art sind vollständig erhalten und befinden sich heute im Nationalmuseum von Mexico City.

Ursprünglich waren alle Statuen so leuchtend und so vollständig mit symbolischem Schmuck bemalt wie die Kodizes. Auch der sogenannte große Kalenderstein, der auf der halben Höhe der Treppe des großen Tempels in Mexico City stand, war so bemalt. Die Malerei auf diesem Stein ist mit Hilfe mikrographischer Analysen von im Stein gefundenem Pulver vollständig rekonstruiert worden, so daß es möglich war, Farbreproduktionen herzustellen, die leuchtend und lebendig sind, auch wenn sie unseren Augen beinahe barbarisch erscheinen. Manchmal bewahren kleinere Figuren geringe Farbspuren, aber es gibt nur wenige, die die volle Vielgestaltigkeit des Musters zeigen.

Während der Bildhauer an seinem Werk arbeitete, galt er als heilig. Er mußte seine Familie verlassen und in einem besonderen Gehege des Tempelhofs leben, wo er mit seinen Steinmeißeln und seinem Holzhammer arbeitete. Erst wenn die Arbeit fertig war, wurde er aus der kargen Kost von drei oder vier getrockneten Tortillas und ein paar Bechern Wasser pro Tag entlassen. Man brachte sein Werk dann zu den Priestern, damit es bemalt würde, und er selbst wurde mit Gaben, mit Umhängen, Federschmuck und gutem Essen, beladen, die er alle mit heimnahm. Er genoß nicht nur den Ruhm, Künstler zu sein, sondern auch noch die Freude, mit Frau und Kindern wiedervereint zu sein und alles zu essen, was im Haushalt zubereitet werden konnte.

Wir wissen nicht, ob es ähnliche Beschränkungen für die Holzschnitzer gegeben hat. Die Azteken kannten zwar Bronze, aber sie war ein sehr unsicheres Material. Einen scharfen Schnitt konnte man besser mit einem Haifischzahn, einem Obsidiansplitter, einem abgeschliffenen Stück Porphyr oder sogar mit Jade machen. Die wenigen erhaltenen Holzschnitzereien sind ausgezeichnet gearbeitet, und jede Linie ist mit dem Gefühl für den Rhythmus des Gesamtwerks geschnitten. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist die Huehuetl oder Standtrommel, auf der die Sonne als aus den Wassern des Krieges aufsteigender Adler verherrlicht wird.

Allen Dingen des Lebens und der Schönheit, glaubte man, hatte der Gott Quetzalcoatl Leben und Inspiration eingehaucht und gebracht. Er war der Höchste in der Welt schöpferischer Erfüllung. Hier konnte die schreckliche, dunkle instinktive Macht aus dem Unbewußten, die Tezcatlipoca war, keinen endgültigen Sieg erringen.

Die volksnähere aztekische Funktion Quetzalcoatls war die als Herr des Windes und als der, welcher die Wasser des Himmels über seinem Kopf trug, wenn es auch Brauch war, beim Anblick des Morgensterns zwei Tropfen Blut aus dem Ohr zu opfern. Das wird durch die archäologischen Funde in Mexico City bestätigt, bei denen die Figuren des Gottes ihn fast immer mit der Windmaske zeigen, und nur die schöne Jadefigur im Britischen Museum stellt ihn als Morgenstern dar, der aus der Gefiederten Schlange aufsteigt.

Es gab eine weitere Erscheinungsform Quetzalcoatls als Geist des Heilens, die möglicherweise von dem mit dem Morgenstern verbundenen Glück herrührt. Sie kann auch mit den Gedanken von der Launenhaftigkeit des Windes zusammenhängen, die über Krankheit oder Gesundheit entscheidet. Der klarste Bericht über diese Erscheinungsform findet sich in einem Dokument aus der Zeit nach der Eroberung, dem Codex magliabecciano, der in der Nationalbibliothek von Florenz aufbewahrt wird. Auf Seite 78 dieses Kodex steht ein 1550 auf spanisch geschriebener Bericht zu einer bildlichen Darstellung. Nach ihm wurde, wenn jemand krank war, ein oft weiblicher Heilender geholt. Sie stellte den Patienten vor sich und hinter ihm ein Bild des Gottes Quetzalcoatl. Dann hörte sie sich die Beschreibung der Krankheit an und bereitete eine Weissagung vor. Zwischen sich und den Patienten legte sie ein sauberes Tuch. Sie nahm eine Muschel, legte eine Handvoll Maiskörner von heller und dunkler Färbung hinein und warf sie auf das Tuch. Fiel ein Korn auf ein anderes, so war das ein Zeichen für rasche Gesundung. Fielen sie gleichmäßig verteilt, würde die Genesung sacht und stetig ohne Schwierigkeiten erfolgen. Fielen die Körner aber in zwei getrennte Gruppen mit einem deutlichen Zwischenraum auf das Tuch, so war das das schreckliche Omen; es bedeutete, daß der Patient vom Leben dieser Welt getrennt und die Krankheit mit Sicherheit tödlich ausgehen würde. In diesem Beispiel ist Quetzalcoatl ein Gott des Schicksals und des Lebensatems, aber in der Beschreibung und im Bild deutet nichts darauf hin, daß er bestimmt, wie die Maiskörner fallen. Es ist jedoch ein wichtiges Zeugnis dafür, wie der Gott Quetzalcoatl bei dem gewöhnlichen mexikanischen Volk viel von seinem hohen Ansehen bewahrt hatte.

Es war lange bekannt, daß Quetzalcoatl, so wie er in der Vergangenheit überwunden worden war, in kommenden Zeiten zurückkehren, seine Gegner überwinden und eine Herrschaft größeren Friedens und stärkerer Gerechtigkeit bringen würde. Diese fast messianische Hoffnung sollte sich in trauriger und grausamer Weise erfüllen, als die Spanier nach Mexiko kamen und sich anschickten, das Aztekenreich zu vernichten. Der neue Quetzalcoatl erschien als ein rücksichtsloser Krieger, der nicht nur den Gott der Azteken selbst bekämpfte, sondern auch den Sturz aller anderen konkurrierenden Götter in ganz Mexiko herbeiführte. Der Zusammenbruch war vollständig und entsetzlich.

Das gewöhnliche Volk nahm, als einmal die Schrecken der Eroberung und die begleitenden Seuchen aufgehört hatten, die Lehren der Missionare an. Diese schwarzgewandeten Priester, die ähnliche Kleider trugen wie die alten Götter, waren die Botschafter des christlichen Friedens, und ihr Gott hatte sich selbst als das eine und einzige Opfer zum Wohl der Menschheit hingegeben. Den Mexikanern schien damit die Prophezeiung erfüllt und der neue Quetzalcoatl ein Gott des Friedens und der Gerechtigkeit zu sein. Sie scharten sich zu Zehntausenden, um getauft zu werden und um den Segen dieser neuen Erscheinungsform des Morgensterns zu erhalten. Obwohl sie guten Grund hatten, den Christen, die Anweisung hatten, sie ihre Religion zu lehren, zu mißtrauen, hielten sie am neuen Glauben fest. Auf manche Weise übersetzten sie ihn in ihre eigene Gedankenwelt; so dachten sie sich etwa das Osterfest als Feier der Rückkehr des Gottes und als Beseitigung alter Übel. Auf diese Art überlebte zwar der alte Quetzalcoatl-Kult als eine Erscheinungsform des Christentums, doch der Name des Gottes und das Tempelritual verschwanden zusammen mit den Bildnissen und Kulten der vielen anderen Gottheiten.

Im heutigen Mexiko ersetzt die Gestalt Quetzalcoatls oft die vertrautere Gestalt des Nikolaus bei Neujahrsgesellschaften oder in den Schaufenstern der Warenhäuser. Der Gabenspender trägt ein Federkleid und eine Maske, die den alten Gott als Spender von Leben, Gaben und Glück für das Volk darstellt. So hat er einen Platz eingenommen, den er in alter Zeit nicht besaß, denn er war keineswegs ein Gott des regelmäßigen Kalenders oder des Jahreswechsels gewesen. Jedoch können die alte aztekische Religion und christliche Vorstellungen im Gedanken an Gaben guter Dinge sehr wohl zusammenkommen. Der Kult des Gottes aber und die damit verbundene Poesie bleiben mehr eine Provinz der Künstler und Archäologen als der der Masse des mexikanischen Volks. Der Gott erscheint in großer Lebendigkeit auf einigen neuen Fresken, besonders jenen von José Clemente Orozco, die Quetzalcoatl als große Macht darstellen, als einen Wind, der die alte tote Vergangenheit vernichtet und eine neue Ära der Hoffnung für die Menschheit und besonders für die Bewohner von Mexiko herbeiführt.

Die wüsten Ruinen von Tollan, der toltekischen Hauptstadt, im letzten Licht des Tages. Die Atmosphäre dieser verlassenen Stadt behielt ihre Zauberkraft für die Nachfolger der Tolteken, die Azteken. Deren Herrscher, die „Großen Sprecher“, waren alle toltekischer Abstammung und zählten daher Quetzalcoatl zu ihren Vorfahren. Die Azteken bewahrten die überlieferte Prophezeiung der Tolteken, daß der Gott Quetzalcoatl zurückkehren und dem aztekischen Kulturkreis, der auf der Verehrung von Tezcatlipoca beruhte, der Verkörperung aller gegen die Gefiederte Schlange gerichteten Kräfte, Vernichtung bringen würde. Der letzte Große Sprecher, Montezuma, besuchte oft diesen einsamen Ort, und hier muß er über die Prophezeiung nachgedacht haben, die sich für ihn schließlich mit der Ankunft von Cortes erfüllte.

*   *   *   *   *   *   *

Nächster Teil: Mesoamerika (4): Tezcatlipoca – Der Rauchende Spiegel

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Ein Kommentar

  1. Das Folgende ist ein Artikel aus „Spektrum der Wissenschaft“ 5-2018, aus dem hervorgeht, daß die mesoamerikanischen Indianerkulturen von den Mayas bis zu den Azteken womöglich Wurzeln im eiszeitlichen nordwestlichen Amazonasbecken haben. Interessant ist auch, daß der Gott Quetzalcoatl, die „Gefiederte Schlange“, früher immer tiergestaltig als richtige gefiederte Schlange dargestellt wurde, aber schon ab der Maya-Klassik zunehmend menschliche Züge erhielt.

    Hier ist also der Artikel:

    DIE WIEGE DER GÖTTER

    Im Nordwesten des Amazonasbeckens befindet sich die größte Fundstätte prähistorischer Felsmalereien Amerikas. Entstand dort die Götterwelt der späteren Hochkulturen Mittel- und Südamerikas?

    Carlos Castaño Uribe befand sich mitten über dem Amazonasgebiet, als sein Pilot wegen eines Unwetters die vorgesehene Route ändern musste. Völlig unerwartet tauchte vor seinen Augen aus dem Regenwald ein bisher unbekanntes Tafelgebirge auf. Gebannt ließ er die Maschine Runde um Runde über den Bergen kreisen. Schon kurze Zeit später erklärte Castaño Uribe, damals Chef der kolumbianischen Nationalparkverwaltung, das Gebiet zum „Chiribiquete-Nationalpark“. Das war 1989. Ein Jahr später kehrte er an der Spitze einer interdisziplinären Forschungsexpedition zurück – mit Helikoptern, denn auf dem Landweg sind die Berge praktisch nicht zu erreichen. Während die Biologen sich an den endemischen Tierarten begeisterten und die Geologen die bizarr geformten, 1,6 Milliarden Jahre alten Felsen studierten, entdeckte Castaño Uribe die größte Fundstelle an prähistorischen Felsmalereien Amerikas.

    Womöglich handelt es sich sogar um die größte der Welt. Denn bis jetzt konnte der Archäologe, heute wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Herencia Ambiental Caribe, nur einen kleinen Teil des 200 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Gebirges begehen. Er fand damals und bei späteren Expeditionen Hunderttausende von Felszeichnungen, verteilt auf Dutzende Felswände. Die mit Ocker gemalten Bilder sind zwischen einem Zentimeter und anderthalb Metern groß. Sie zeigen Menschen, viele davon mit Speerschleudern, einer eher ungewöhnlichen Waffe für Bewohner von dichtem Regenwald. Daneben finden sich Tiere, anthropomorphe Wesen, rätselhafte Symbole und geometrische Muster. Das am häufigsten abgebildete Tier ist der Jaguar.

    Castaño Uribe entdeckte auch zahlreiche Symbole und Wesen, die wir heutzutage als Kunstwerke in den südamerikanischen Museen bewundern oder aus den Kodizes der Maya kennen: zum Beispiel den anthropomorphen „Jaguarmann“, den „Stabgott“ Wiraqucha oder die „Gefiederte Schlange“ alias Quetzalcoatl, die Schöpfungsgottheit der Tolteken, Maya und Mexika, Letztere besser bekannt unter der Bezeichnung Azteken.

    Wann diese Kunstwerke entstanden, lässt sich aber nicht ohne Weiteres ermitteln. Das Alter der Ockerfarbe an den Felswänden selbst kann nicht bestimmt werden. Doch mit Hilfe der Radiokohlenstoffmethode datierte Castaño Uribe Holzkohlereste aus insgesamt 50 Feuerstellen, die wahrscheinlich von den Schöpfern der Felsmalereien genutzt wurden. Darauf deuten Tierknochen, Samen essbarer Früchte sowie Ockerstückchen und mit Ocker gefärbte Steinfragmente hin, die Forscher in den Feuerstellen fanden. Während die jüngste vor etwa 500 Jahren brannte, also etwa zu der Zeit, als die ersten Europäer in die Gegend kamen, datierte die älteste auf erstaunliche 19.500 Jahre. Damals sollten aber nach Meinung der meisten Forscher noch gar keine Menschen in Südamerika gelebt haben. Ist die Bestimmung falsch? Gut möglich, denn die Radiokohlenstoffmethode gilt noch immer als hochkomplex und fehleranfällig. Allerdings ermittelten Archäologen für Fundstellen in Chile und Brasilien sogar ein noch höheres Alter. Auch diese Datierungen sind umstritten. Doch womöglich gelangte der Mensch tatsächlich viel früher auf den amerikanischen Doppelkontinent als bislang angenommen. Die Malereien am Chiribiquete könnten zu Kronzeugen dieser frühen Wanderungen werden.

    Wie sich die Schöpfer der Bilder selbst nannten, weiß niemand. Trotz des gewaltigen Zeitraums von mehreren tausend Jahren bleiben die abgebildeten Motive im Wesentlichen die gleichen. Lediglich der Stil ändert sich von der ältesten zur jüngsten Phase. Das Verbreitungsgebiet der namenlosen Kultur, die Castaño Uribe nüchtern „Tradición Cultural Chiribiquete“ nennt, ging weit über das Areal des heutigen Nationalparks hinaus. Seine Südgrenze bilden die felsigen Ufer des Rio Caquetá, der in den Anden entspringt und später in den Amazonas mündet. Hier stießen die Forscher auf Steingravuren. Bis zu 5000 davon zählten sie bereits. Im Norden befindet sich der große Fundort „La Lindosa“, ein niedriger Gebirgsstock, der wie der Chiribiquete geologisch zu den Ausläufern des Berglands von Guayana gehört. Zuletzt wurden dort im Frühjahr 2017 neue Felszeichnungen entdeckt. Und die Suche nach weiteren Fundstätten ist noch lange nicht abgeschlossen.

    Ein Mythos der am Rio Caquetá lebenden Uitoto-Indianer untermauert die frühe Datierung. Laut dieser Erzählung entstanden die Gravuren zu einer Zeit, in der „der Sonnengott alle Bäume verbrannte, so dass überall nur Gras wuchs“. Es ist eine Beschreibung der Vegetationsform, die im Amazonasbecken während und nach dem letzten eiszeitlichen Maximum, also vor gut 20.000 Jahren, vorherrschte. Damals war das Amazonasbecken in weiten Teilen kein Regenwald, sondern eine grasbewachsene Savanne.

    Heute ist nicht nur der Chiribiquete eine menschenleere Region, auch am Mittellauf des Rio Caquetá leben auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern nicht mehr als 3000 Menschen meist indianischer Abstammung. Wie sah es dort in vorspanischer Zeit aus? Dicke und ausgedehnte Schichten von künstlicher Schwarzerde, sogenannter „terra preta“, in der Nähe des Flusses legen nahe, dass die frühen Bewohner der Gegend intensiv Landwirtschaft betrieben. Dies wiederum deutet auf eine hohe Bevölkerungszahl hin, vielleicht gab es sogar urbane Zentren. Von „Städten“ sprechen jedenfalls die Primärquellen, die Berichte der ersten Konquistadoren, die um 1540 in den Nordwesten Amazoniens gelangten. Auch von einem besonders kriegerischen Stamm ist die Rede, dessen Waffen die Europäer erwähnenswert finden: Es sind Speerschleudern, wie wir sie in den Malereien finden. Haben sich Angehörige dieser Volksgruppe, die man heute Karijona nennt, an den Felswänden verewigt? Nach Berichten von Missionaren des 18. Jahrhunderts lebten tatsächlich Karijona auf den Tafelbergen und benutzten solche Waffen.

    Wo der Schöpfergott Wiraqucha die Erde betrat

    Auch der Anthropologe Fernando Urbina Rangel von der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá erforscht die Felsbilder am Rio Caquetá und bei La Lindosa. Dort hat er jetzt Malereien entdeckt, die das erste gewalttätige Zusammentreffen der Indios mit den Konquistadoren wiedergeben könnten. Die zeigen im ersten Bild, wie ungewöhnliche Wesen – Urbina Rangel interpretiert sie als Kriegshunde, die die Spanier mit sich führten – eine Gruppe Indianer bedrohen. Im zweiten Bild liegen diese zerstückelt vor den Hunden. Ein drittes Bild macht vor, wie man der neuen Bedrohung begegnet: Man ergibt sich und hält für die (Herren der) Hunde große Mengen Nahrung bereit. Dieses Vorgehen wird in den Berichten der Konquistadoren bestätigt. Die Eroberer waren bei ihren Expeditionen auf die Nahrungsvorräte der Indios angewiesen. Einer schreibt, man habe einige Indianer „vor den anderen Indios von den Hunden zerreißen lassen“, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

    Der interessanteste Aspekt ist vielleicht die Wirkung der abgebildeten Motive auf spätere Kulturen in Süd- und Mittelamerika. Am Rio Caquetá hat Urbina Rangel Abbildungen gefunden, die sich offenbar auf den Schöpfungsmythos der „serpiente ancestral“ beziehen, der Urschlange, aus der die ersten Menschen entstanden. Es ist der Schöpfungsmythos vieler indianischer Gesellschaften am Amazonas und in Mittelamerika. Auch einen Einfluss auf eine der ersten Hochkulturen in den Anden erkennt Urbina Rangel: Die beeindruckenden Steinskulpturen der San-Augustín-Kultur (3300 v. Chr. – 1500 n. Chr.) gehen wohl auf die Steingravuren vom Rio Caquetá zurück und stehen in Bezug zur Mythenwelt der Uitoto.

    Haben die Schöpfer der Malereien noch andernorts Spuren hinderlassen? Castaño Uribe weist darauf hin, dass die in Chiribiquete abgebildeten Motive die Götterwelt späterer Hochkulturen vorwegnehmen. Selbst die außergewöhnliche Topografie des Gebirges spiegele sich in goldenen Kunstwerken zur Verehrung des Sonnengottes wider: die Nord-Süd-Ausrichtung des Gebirges, seine „Teilung“ durch die Äquatorlinie und eine geologische Besonderheit, vier gewaltige kreisrunde Karsteinbrüche in den Tafelbergen. Er glaubt, das Gebirge könne von den präkolumbischen Völkern für den mythischen Ort gehalten worden sein, an dem der Schöpfer- und Sonnengott Wiraqucha die Erde betreten hat. Weil die „Tradición Cultural Chiribiquete“ bis zur Ankunft der Spanier fortbestand, könnten die Berge bis dahin ein wichtiges religiöses Zentrum gewesen sein, eine Art Jerusalem der amerikanischen Religionen. War es vielleicht die legendäre „Casa del Sol“, das „Haus der Sonne“, eines jener fantastischen Ziele, das die spanischen Konquistadoren suchten?

    Die Erforschung dieses beeindruckenden Komplexes steht ganz am Anfang, lädt zu faszinierenden Hypothesen ein – und verspricht viele Überraschungen. Seit Kurzem weiß man, dass im Gebirge Gruppen von Indianern leben, die keinen Kontakt zur Zivilisation haben. Urbina Rangel und Castaño Uribe vermuten, dass es die letzten Nachfahren der sonst ausgestorbenen Karijona sind. Sie wurden beobachtet, wie sie Felswände mit Bildern bemalten.

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