Mesoamerika (4): Tezcatlipoca – Der Rauchende Spiegel

Dieser außergewöhnliche Kopf zeigt den Gott Xipe Totec in der Gestalt eines Kriegers, der als Maske die abgezogene Haut eines geopferten Gefangenen trägt. Xipe Totec war eine der Erscheinungsformen Tezcatlipocas, die sich besonders mit Leiden und Opfern identifizierte. Der Hinterkopf (rechts) trägt das Hauptsymbol Tezcatlipocas, den Rauchenden Spiegel. Rauch und eine Flammenzunge steigen aus dem runden Spiegel, auf dem kleine Büschel von Flaumfedern befestigt sind. Diese flaumigen Adlerfedern wurden auf Schnittwunden im Körper des Opfers geworfen. Sie mußten am Blut kleben bleiben und sollten dadurch helfen, das Opfer mit den Sternen und den Himmeln zu vereinen.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Tezcatlipoca: Der Rauchende Spiegel“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von mir (Deep Rootx) eingefügt.

Zuvor erschienen:

Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl

Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern (Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange (Kapitel „Quetzalcoatl: Die Gefiederte Schlange“ aus „Die Azteken“ von Cottie Burland)

TEZCATLIPOCA: DER RAUCHENDE SPIEGEL

Das Leben im alten Mexiko beruhte zum großen Teil auf der Verehrung der Götter, aber sie waren keineswegs alle freundlich oder hilfreich. Der mächtigste der Erdgeister war Tezcatlipoca, dessen Name „Rauchender Spiegel“ bedeutet, was sich auf einen aus Obsidian, einem vulkanischen Glas, gemachten Spiegel bezieht, auf den Seher zu starren pflegten, bis sie in Trance fielen. Dann sahen sie auf der schwarzen glänzenden Oberfläche Bilder, welche die Zukunft des Stammes und den Willen der Götter enthüllten. Die Azteken glaubten an diese mächtige Art des Zaubers, der ihnen von diesem schattenhaften Gott gewährt wurde. Tezcatlipoca gab ihnen Kontrolle über die anderen Völker; er versprach dem aztekischen Volk die Herrschaft über ganz Anahuac von den Wüsten des Nordens bis zu den Gebirgen im Süden, vom Pazifischen Ozean bis zum Karibischen Meer. Dieser große Mächtige erreichte seinen Zweck durch die Kampfkraft der aztekischen Heere und die klugen taktischen Entscheidungen ihrer Großen Sprecher.

Spiegel aus poliertem schwarzem Obsidian. Ein Wahrsager setzte sich vor einen solchen Spiegel, starrte hinein und sah dann Rauchwolken, die sich teilten und eine Vision freigaben – daher der Name „Rauchender Spiegel“, der untrennbares Symbol des „Schattens“ wurde, des unbewußten Teils der menschlichen Psyche, die ihren Ausdruck im Gott Tezcatlipoca fand.

Tezcatlipoca war der Vertreter der von der Sonne durchquerten Himmel. Im Hochsommer, beim höchsten Stand der Sonne am südlichen Himmel, war er der besondere Patron der Azteken unter dem Namen Huitzilopochtli, „Blauer Kolibri zur Linken“. Vielleicht stammt dieser Name vom Starren in die Sonne, denn wenn man die Augen danach schließt, erscheint im Auge ein Flecken Blau, und zwar „zur Linken“, wenn man in die Richtung der Sonnenbahn, das heißt von Ost nach West, schaut.

Am Nachthimmel war das Symbol des Gottes Tezcatlipoca in dem Sternbild zu sehen, das wir Großer Bär nennen. Für die Azteken war es die Spur seines einen Fußes, den anderen hatte er verloren, als er im Titanenkampf vor der Erschaffung des Menschen die Erde aus den Wassern zog. Der Gott verführte die Mutter Erde, an die Wasseroberfläche zu kommen, und zog sie mit seinem riesigen Fuß fort. Das Riesenungeheuer biß ihm den Fuß ab, er seinerseits riß der Erde den Unterkiefer aus, und sie sank nie wieder in die Wasser zurück. Auf ihrem zerklüfteten Rücken wurden alle Stämme der Menschen geschaffen und lebten dort.

Der Gott, der die Erde aus den Wassern gezogen hatte, war jedoch kein Gott der Güte, und wegen seiner Unvollkommenheiten konnte er niemals den Polarstern, das Symbol für die göttliche Dualität, erreichen. Statt dessen humpelte er auf seinem einen Fuß um den Polarstern herum und bildete so die zirkumpolare Bahn des Großen Bären am Himmel.

Der Menschheit blieb nichts anderes übrig, als mit diesem furchterregenden Wesen zu koexistieren. Es ist ungewöhnlich, daß ein Volk sich dem Dienst an einem Demiurgen weiht, den wir nach europäischem Verständnis als in der Wurzel böse betrachten würden. Die einzige mögliche Parallele findet sich bei einigen ägyptischen Königen der Frühzeit, die Set, den Geist der Wüste und ihrer Schrecken, verehrten. Tezcatlipoca vertritt, psychologisch ausgedrückt, was man „den Schatten“ nennen kann, die Seite unserer menschlichen Persönlichkeit, der wir nicht offen begegnen mögen und die wir folglich vor uns selbst verbergen.

Trotz der großen Vielgestaltigkeit und der offensichtlichen Verworrenheit der aztekischen Theologie war die wahre Stellung Tezcatlipocas die eines Gottes, der die Erdoberfläche regiert. Im Osten war seine Farbe Gelb zu Ehren der aufgehenden Sonne und der Fruchtfülle der Maispflanze. Der südliche Tezcatlipoca war der Blaue Kolibri. Im Westen war seine Farbe Rot und versinnbildlichte das Opferblut. Der Norden war das Feld des schwarzen Tezcatlipoca, des Geistes der Hexerei und der schwarzen Magie. In keiner Erscheinungsform war der Gott ohne die Begriffe des Magischen und der Opfer. Einer seiner Namen war Titlauacan, „der, welcher der Schulter am nächsten ist“. Man glaubte ihn auf jeder Schulter gegenwärtig. Er flüsterte dabei dem Geist Gedanken zu und reizte zu Gewalt und Betrug. In allen seinen Formen war er der Patron der Krieger und des Kriegs: ein gefährliches und tödliches Wesen, das seinen Dienern, dem aztekischen Volk, großen materiellen Gewinn und Ruhm brachte.

Diese Seite aus dem Codex Cospi zeigt zwei Erscheinungsformen Tezcatlipocas. Rechts ist er rot, und in dieser Gestalt wird er, verbunden mit der westlichen Richtung, zu Xipe Totec, dem Gott des Sonnenuntergangs und der Opferschmerzen mit dem Schmuck des Adlerflaums auf seinem Gewand. Mit dem schwarzen (die Farbe ist zu grün oxydiert) Tezcatlipoca links verbanden sich Tod, schwarze Magie und der Norden. Sein Gewand ist mit einem Schädel und mit Knochen geschmückt. Beide Gestalten sind bewaffnet, um sie herum befinden sich Datumssymbole.

Tezcatlipoca bildete einen totalen Gegensatz zu Quetzalcoatl. Der Rauchende Spiegel war stets dazu bestimmt, Gegner der Gefiederten Schlange zu sein. Darin besteht der grundlegende Dualismus der mexikanischen Religion. Obwohl die Handlungen des Rauchenden Spiegels gefährlich und gewalttätig waren, haben die Azteken nie daran gedacht, diesen Gott „böse“ zu nennen. Tatsächlich läßt sich in der mexikanischen Theologie nur schwer etwas finden, was sie böse genannt hätten, außer Feigheit oder Beleidigung der Götter. Der Unterschied bestand einfach zwischen Dunkelheit und Licht, und Dunkelheit war das Wesen Tezcatlipocas.

Gutsein scheint im mexikanischen Glauben überhaupt keine Bedeutung gehabt zu haben. Gut war ein Mann oder eine Frau einfach, wenn er oder sie jeden Tag die rituellen Pflichten beobachtete und kein besonderes Vergnügen oder Glück für sich selbst suchte. Einem Europäer mag es merkwürdig erscheinen, daß das, was er als schlechte Lebensführung ansieht, für den Mexikaner einfach das Ergebnis der Zeit der Geburt war. Wenn ein Priester bei der Geburt eines Kindes aus den astrologischen Tabellen feststellte, daß diesem eine Zukunft voll Feigheit, Diebstahl und Ehebruch drohte, so wurde das immer noch als Wille der Götter hingenommen. Entwickelte das Kind also im späteren Leben solche Eigenschaften, so konnte man nichts dagegen machen, außer die für solche Verbrechen bestimmten Strafen verhängen. Das bedeutete gewöhnlich den Tod auf besonders unangenehme Art. Aber auch das war nicht eigentlich der Wille der Häuptlinge einem einzelnen gegenüber, sondern einfach das Werk des Schicksals. Wenn der einzelne zu einem solchen Leben vorherbestimmt war, dann war die natürliche Folge, daß er sterben mußte. Und damit hatte es sich. Es gab kein Mittel, das Schicksal zu ändern. Einige hofften, durch Opfergaben an die Götter oder durch Tempelanbauten größere Gunst bei ihnen oder geringe Verbesserungen ihres vorhergesagten Schicksals zu erlangen. Aber das konnte die Hauptrichtung ihrer Bestimmung nicht ändern. Sie war für immer unabwendbar.

Die Legende von der Vernichtung der Tolteken, wie sie im Lauf der Zeit zu den Azteken durchgesickert war, erzählte, wie Tezcatlipoca sich in einen großen Riesen verwandelte, der gegen die Tolteken antrat und sich dabei töten ließ. Der riesige Leichnam verweste auf der Erde und verursachte eine Seuche, die viele, viele Tausende von Tolteken vernichtete. Und die Geschichte erzählt auch, wie er die Tochter des Oberhäuptlings der Tolteken verführte, als er in Gestalt eines nackten huaxtekischen Händlers auf dem Marktplatz erschien, halb blau und halb rot bemalt und mit einem so schönen Penis, daß sie vor Verlangen verzehrt wurde. Ihr Kind war der unglückselige Huemac, der den völligen Zusammenbruch der toltekischen Macht in Mexiko erlebte. In allen Legenden war Tezcatlipoca als der „Schatten“ die Ursache des Falls der Tolteken und ihrer Herrscher, der Quetzalcoatls. Er war vielleicht auch die Ursache für den Wechsel im kalendrischen System, der zu dieser Zeit stattfand. Unerklärlicherweise wurde der Tag des Jahresbeginns verändert. Wir tappen auch völlig im dunkeln, warum eigentlich die Anbetung Quetzalcoatls für die Tolteken so wichtig war. Sie waren die kriegerischsten unter den aztekischen Vorgängern, und doch verwiesen sie Tezcatlipoca, die eigentliche Verkörperung des Geistes der Kriegsführung und der Grausamkeit, auf den zweiten Platz.

Es scheint keinen Häuptling oder König mit dem Namen Tezcatlipoca oder Huitzilopochtli gegeben zu haben, und keine Legende läßt vermuten, daß er je wie Quetzalcoatl ein irdischer Herrscher gewesen ist. Dieser dunkle Schatten war ein Gebilde völlig eigener Art, ein nichtmaterielles Wesen, ein großer und schrecklicher Geist, Ursache für Blutvergießen und unwiderstehliche Magie. Verglichen mit der großen Macht Ometecuhtli, war er unbedeutend, aber unter den anderen Göttern Mexikos ein Riese, und in der aztekischen Zeit stellte er alle anderen in den Schatten.

Die von den Azteken als Schutzgott angenommene Erscheinungsform Tezcatlipocas war Huitzilopochtli, der „Blaue Kolibri“. Diese beachtliche Obsidianmaske soll Huitzilopochtlis Stellvertreter Ixtilton darstellen. Der Name bedeutet „Kleiner Schwarzer“. Der Gott hatte eine besondere Aufgabe im Haushalt: Er ging zum Bett der Kinder und brachte ihnen Dunkelheit und friedlichen Schlaf.

Der Kult des Gottes Tezcatlipoca taucht erst in späterer toltekischer Zeit deutlich auf, das heißt annähernd im 10. Jahrhundert. Ob die Idee eines Schattengeistes neu war oder nicht, ist unklar. Die Bewegung der Stämme in frühen Zeiten ist nicht bekannt, wenn man aber über die Eigenschaften des Gottes nachdenkt, erscheint er immer mehr als eine Gestalt der nordamerikanischen Indianer. Er ist der „Gauner“, der „göttliche Schelm“ und „Trickster“, aber weniger freundlich als in den Mythen der Winnebago- oder Haida-Indianer. Seine Fähigkeiten, sich zu verwandeln und die Menschen in Gefahr zu führen, sind ganz deutlich, und der Kult der Krieger, der so eng mit ihm verbunden war, ähnelt stark dem Kult verschiedener Kriegergesellschaften unter den Prärie-Indianern. Es ist durchaus möglich, daß der Tezcatlipoca-Kult, der ein tief verwurzeltes Element der menschlichen Psyche widerspiegelt, in Mexiko durch Einwanderungen aus dem Norden, vielleicht auch die später als Chichimeken bekanntgewordenen Stämme, hervorgetreten ist. Der Name Chichimeken war ursprünglich eine Beleidigung, er meinte „ die Leute, die nur chi chi chi sagen, wenn sie sprechen“, das heißt, sie konnten von zivilisierten Menschen nicht verstanden werden. Mit der Zeit jedoch wurden viele Chichimeken so bedeutend, daß das Wort ein Ehrenname wurde und auf einen adligen Vorfahren hinwies.

Tezcatlipoca wurde so ein mächtiger Gott, und das Begreifen seiner Natur und Macht enthüllt ein hohes Maß an psychologischem Verständnis auf seiten der mexikanischen Priester. Sie hatten den Gott jedoch nach außen projiziert und sahen ihn als ein Wesen außerhalb des Menschen, das zu den Zeremonien aus der anderen Welt der Dunkelheit kam, die es bewohnte.

Der Krieger

Für die Völker des alten Mexiko stand außer Frage, daß der Krieg Pflicht war und daß die Städte danach streben mußten, über die anderen zu herrschen. Es war voll anerkannt, daß die Schutzgötter der Stadt Sieger im Kampf waren, und wer starb, starb zur Ehre dieser Götter. Das Geheimnis der ununterbrochenen Reihe von Siegen der Azteken lag in ihrem festen Glauben, daß ihr Gott Tezcatlipoca sie zur Erfüllung seines Versprechens führen würde, ganz Anahuac vom Atlantik bis zum Pazifik zu beherrschen. Um das zu erreichen, bauten sie eine erstaunliche militärische Organisation auf. Die jungen Männer wurden im Alter von 17 oder 18 Jahren zu einer intensiven Ausbildung eingezogen, die selten mehr als fünf Jahre dauerte. Die meisten Jungen wurden schon früh dazu angehalten, mit Spielzeugschilden und –speeren zu spielen; Banden von ihnen taten sich zusammen und ahmten die Kampftaktiken der Erwachsenen nach. Eine spätere Erziehungsphase schloß einen großen Teil Kampftraining ein. Es war wichtig, daß sie sich gegen Schläge und Wunden beim Kampf abhärteten, damit sie später nicht schwach wurden, wenn die eigentliche Härte des Kampfes auf sie zukam.

Der mexikanische Krieger trug seine gewöhnliche Kleidung: ein Lendentuch und einen Umhang, in den er sich in Hockstellung wickeln konnte, um sich zu wärmen. Er trug Ledersandalen, die durch Riemen um die Knöchel gehalten wurden, und um den Kopf ein Band mit den Dekorationen, die seinen Status bezeichneten. Seine Verteidigungsausrüstung bestand aus einem Rundschild von etwa 50 cm Durchmesser, gefertigt aus zwei Schichten von gegerbtem Leder, gewöhnlich Hirsch-, manchmal wohl auch Leder vom Pekari-Schwein. Es sind zwar noch mehrere Paradeschilde aus mit Federn geschmücktem Rohr erhalten, aber in der ganzen Welt findet sich nur noch ein von Kriegern getragener normaler Schild, und zwar im Albert-Memorial-Museum in Devon, England. Er ist aus dickem, gut gegerbtem Leder, und von der unteren Hälfte hängt eine Franse von leicht gegerbten Lederriemen, die ungefähr 23 cm lang sind. Sie sollte Pfeile und Speere abhalten.

Ein Krieger trug gewöhnlich zwei oder drei hölzerne Wurfspeere. Die Spitze war mit Steinsplittern oder scharfen Steinen – Feuerstein oder Obsidian – scharf gemacht. Sie konnte dem Feind ziemlich tiefe Wunden beibringen. In der rechten Hand hielt er eine Speerschleuder, einen etwa 50 cm langen Stock aus Holz mit Fingerringen, um an dem einen Ende einen sicheren Griff zu gewährleisten, und mit einem Haken am anderen Ende, der in den Schaft eingelassen war. Auf diese Weise wurde der Arm des Kriegers verlängert und hatte eine größere Hebelkraft, so daß der Speer mit großer Wucht gegen den Feind geschleudert werden konnte. Wenn er, um den Feind zu erschrecken, hüpfend, singend und pfeifend vorrückte, schleuderte er zuerst Pfeile mit seiner Speerschleuder und griff dann zu seinem Maquahuitl, einer Keule aus Holz, etwa 75 cm lang, mit Kerben an den Seiten, die mit scharfen Obsidiansplittern besetzt waren. Sie sind aus Zeichnungen in den Kodizes bekannt, aber es scheint kein einziges Exemplar erhalten zu sein. Es war eine tödliche Waffe, mit der große Stücke Fleisch aus dem Gegner geschnitten werden konnten. Es war Pech für die Azteken, wenn eine Wunde tödlich war, da der Feind bei der Rückkehr des siegreichen Heeres nicht zum Opferstein geschleppt werden konnte. Die Ausrüstung des Aztekenkriegers war zwar einfach, aber furchtbar und für die einheimische Kriegführung durchaus angemessen. Am Ende aber machte sie überhaupt keinen Eindruck auf die gepanzerten Spanier, richtete allerdings unter den verbündeten Tlaxalteken schwere Verheerungen an.

Zu den wichtigsten Stücken der Ausstattung eines Aztekenkriegers gehörte sein Atlatl, seine Speerschleuder. Die beiden hier gezeigten tragen Schnitzereien mit Szenen, die Götter, Krieger und Opfer beinhalten und mit Gold belegt sind. Der rechte hat noch den aus Muscheln gemachten Fingergriff. Das Detail zeigt die Rückseite: die Kerbe, in die der Speer geschoben wurde, endet im Kopf eines Gottes, der einen kleinen Haken verdeckt. Dieser wurde ins Ende eines Speerschaftes gesteckt. Wenn der Atlatl geschwungen wurde, wirkte er als Verlängerung des Arms des Kriegers und schleuderte den Speer mit großer Geschwindigkeit.

Die Bewaffnung der Krieger und der Aufbau des Heers waren in den verschiedenen Zentren der alten mexikanischen Kulturen ganz ähnlich. Fresken aus Teotihuacán aus den frühen Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung zeigen Krieger mit fast der gleichen Ausrüstung wie die der Azteken des 16. Jahrhunderts. Die toltekische Ausrüstung war der aztekischen in jeder Weise gleich, nur trugen die Toltekenkrieger einen hölzernen Halsschild und benutzten einen runden Nierenschild, der mit kostbaren Halbedelsteinen geschmückt war. In einigen Gebieten und zu bestimmten Zeiten trug man besondere Umhänge aus steifem Leder, die beträchtlichen Schutz selbst vor tödlicheren Waffen boten. Sie finden sich an Skulpturen der ganzen Zeitspanne von Teotihuacán an bis zum Zusammenbruch des Aztekenreichs.

Es scheint keinen Anreiz gegeben zu haben, diesen erfolgreichen Ausrüstungstyp zu ändern oder etwas zu erfinden, was sich in der Schlacht als wirksamer erweisen konnte. Im Belagerungskrieg machte man keinen Versuch, große Schutzschilde anzufertigen, wie sie von den assyrischen Heeren gebraucht wurden, oder eine Balliste zu erfinden, ein Zeichen für das angeborene Mißtrauen gegenüber Neuerungen im alten Mexiko – alles, was bestand, war von den Göttern gewollt.

Krieger zu sein war ein normaler Zustand im Leben der Aztekenmänner, aber wenn es auch nichts Besonderes war, bot es dem einzelnen doch Gelegenheit, zu hoher Ehre und Macht zu gelangen, gleichgültig, wessen Standes er war. Wenn es ihm gelang, drei feindliche Soldaten allein zu fangen und zur Opferung zu bringen, wurde er als Tequiha, als Meister der Schnitte, geehrt. Diese Ehrung, die, nach den Malereien zu urteilen, nur wenigen zuteil wurde, war Grundlage des Aufstiegs zum Kommando über immer größere Einheiten des Heeres, die traditionsgemäß von Adligen hoher Geburt befehligt wurden. Der Große Sprecher aber konnte einen ungewöhnlich klugen und tüchtigen Soldaten in ihren Rang erheben. Der junge Mann erhielt Ländereien zugeteilt, und Diener, um das Land zu bearbeiten und ihm einen kleinen Palast zu bauen. Er lebte auf großem Fuß und wurde als großer Krieger durch Muster auf seinem Umhang und durch die Haarkleidung und den Lippenpflock gekennzeichnet, die er zu tragen berechtigt war. So konnte ein junger Mann durch Kriegsglück aus der Masse in die Ränge des Adels aufsteigen.

Die Übungsstätten des Heeres wurden in großen Höfen angelegt, die gewöhnlich den Palästen in der Stadt angegliedert waren. Dort lernten die jungen Männer die Härte des persönlichen Kampfes. Sie rannten schreiend und keulenschwingend vor, stießen die Schilde gegeneinander und griffen sich, während jeder versuchte, die Verteidigung des anderen zu durchbrechen, gegenseitig mit ihren Keulen an. Der Hauptzweck war, den Gegner zu schwächen, so daß er nicht mehr wirksam kämpfen, mit einem Lasso gefangen und zu einem Bündel zusammengeschnürt werden konnte, das dann auf dem Rücken des Siegers vom Kampffeld fortgetragen wurde. Im Krieg muß es eine ständige Prozession von Kriegern gegeben haben, die nach vorn kamen, um zu kämpfen, und sich dann mit dem gefesselten Gefangenen auf dem Rücken zurückzogen, während die nächste Linie von Kämpfern vorstürmte.

Die Organisation, die hinter all dem stand, war sehr leistungsfähig. Der Große Sprecher war gleichzeitig Befehlshaber im Krieg. Er gab die allgemeinen Befehle für einen Feldzug und führte bei besonderen Gelegenheiten, etwa seiner Amtseinführung, das Heer selbst an. Es gab verschiedene Grade von Truppenführern in der Schlacht; die bedeutendsten waren durch große Büschel herabhängender Federn und ihre prächtig geschmückten Umhänge gekennzeichnet. Auf dem Rücken jedes Führers war eine Standarte in der Form einer hohen, schmalen Fahne befestigt, die seinen Rang anzeigte und als Sammelpunkt für die Krieger unter seinem Befehl diente. Aus den Berichten der spanischen Eroberer wissen wir, daß viele dieser Führer in Sänften auf den Schultern einer Gruppe von kräftigen jungen Männern getragen wurden, so daß sie über das Heer hinausragten und leicht gesehen werden konnten.

Die Aztekenkrieger waren in zwei Gruppen eingeteilt. Jede galt als gleich wichtig und wurde durch ein heiliges Kampftier symbolisiert, den Adler und den Ozelot. Die Aufgabe der Ozelotkrieger war es, vor Beginn der Schlacht aufzuklären. Sie verteilten sich still in den Bergen und verständigten sich untereinander durch Nachahmung von Vogel- und Tierstimmen. Sie sollten die Aufstellung der feindlichen Streitmacht erkunden und strategische Stellungen ausmachen, von denen Flankenangriffe vorgetragen werden konnten. Wenn ihre Erkundungsaufgaben erfüllt waren, ruhten sie während der Nacht, da unter normalen Umständen kein mexikanischer Krieger bei Nacht angriff. In der Morgendämmerung rückten die Adlerkrieger gegen den Feind wie zu einem Frontalangriff vor, wobei sie sangen und mit den Füßen stampften. Dann, wenn sie zum Sturm ansetzten, ließen sie schrille Pfiffe hören, indem sie zwei Finger in den Mund steckten und mit aller Macht bliesen. Dieser Lärm sollte das Pfeifen von Wurfspeeren darstellen und den Feind einschüchtern. Sobald sich die Hauptmacht im Kampf befand, begannen die Ozelotkrieger ihre Flankenangriffe. Bei den ersten Zeichen von Erfolg ließen die Befehlshaber Abteilungen im Rücken der Hauptmacht frei, um die Flanken zu unterstützen und die feindlichen Streitkräfte allmählich einzukreisen. Schließlich betrachtete man die Anzahl der feindlichen Gefangenen als völlig ausreichend, und der feindliche Befehlshaber wurde durch Herolde zur Unterwerfung aufgefordert.

Die Priester nahmen ebenso wie die Krieger am Krieg teil. Einige trugen Weihrauch unter die Krieger, während sie die Götter singend priesen und die Krieger zu größeren Anstrengungen anstachelten. Andere nahmen aktiv am Kampf teil und beanspruchten Gefangene für ihre eigenen Tempel.

Kriegsfeste

Während des Jahres gab es eine Reihe von großen, den Geistern des Krieges geweihten Festen. Sie wurden vor allem auf jener Seite des großen Tempels in Tenochtitlan begangen, die Tezcatlipoca und seinem Stellvertreter Ixtilton, dem „Kleinen Schwarzen“, geweiht war. Sie waren die Hauptgeister des Krieges und die Inspiration der Krieger, daher mußten ihre Feste so glorreich und blutig wie möglich sein.

Diese Zeremonien fielen meist in den Sommer und Herbst, allerdings wurde eines der größten Feste zu Beginn des Winters gefeiert. Das war Panquetzaliztli, das „Erheben der Banner“, das in den letzten Novembertagen und Anfang Dezember zu Ehren von Tezcatlipoca als Huitzilopochtli, dem Schutzgott der Azteken, stattfand. Die Stellung der Sterne, die das Kommen dieses Festes ankündigten, war: Aldebaran im Stier um Mitternacht sehr hoch am Himmel sichtbar und Regulus im Löwen, gleichfalls hoch, wenn die Sonne aufging. An den Abenden war das Sternbild des Wassermanns ein Zeichen, daß die Macht der Kriegsgötter eine Zeitlang schwand und die der Fruchtbarkeitsgöttin kam. Während des großen Festes führten die Krieger in vollem Staat ausgeklügelte Tänze auf; sie schlugen die Schilde gegeneinander und standen sich im Glanz goldenen Schmucks und roter, gelber und grüner Federn zum Scheinkampf gegenüber. Den aus diesem Anlaß zu opfernden Gefangenen hatte man die Hände in Blut getaucht und ihre Handabdrücke auf die Tore des Tempels gedrückt, bevor man die Gefangenen auf die Opfersteine hinstreckte.

Das neue Jahr begann für die Krieger mit einer Periode Toxcatel vom 5. bis 22. Mai des westlichen Kalenders. Sie heißt die „glitschige Periode“, weil die ersten Regen gekommen waren und der Staub, der sich während des Winters angesammelt hatte, die Straßen glitschig machte. Das Fest war dem großen Gott Tezcatlipoca, besonders in seiner Gestalt als Huitzilopochtli, geweiht. Wieder wurden Gefangene geopfert. Bedeutende Adlige, angeführt von den Hohepriestern, die in die Insignien der Götter gekleidet waren, tanzten vor dem Volk, und die Legenden der Götter wurden min musikalischer Begleitung mimisch dargestellt.

Das nächste bedeutende Fest für die Kriegsgötter war Tlaxochimaco, das „Kommen der Blumen“, das vom 22. Juli bis 10. August dauerte. Es gab Festessen mit Truthahn und Maiskuchen zu Ehren von Huitzilopochtli, denn eine seiner Erscheinungsformen war der „mit Edelsteinen geschmückte Truthahn“, und als solcher zeigte er den Lauf des kommenden Jahres an. Bei der Zeremonie saßen die Priester im Tempel rund um eine Schüssel mit feingemahlenem Maismehl, bis auf geheimnisvolle Weise die Fußspur, die Tezcatlipoca symbolisierte, die gefürchtete Truthahnkralle, erschien. Aus ihrer Form und Stellung konnten die Priester die Ereignisse des Jahrs voraussagen. Das große öffentliche Fest war ein Tanz, an dem Frauen und Männer teilnehmen konnten, und bei dieser Gelegenheit durften die Männer die Hände der Frauen berühren, denen sie im Tanz gegenüberstanden.

Ende August und während des ersten Teils des Septembers kam das „Fest der Besen“, Ochpaniztli, an dem Ehrungen – besonders Federn, Kleider, Nasenpflöcke und so fort – an die bedeutendsten Krieger verteilt wurden. Es gab Scheingefechte zwischen den Ozelot- und Adlergruppen. Die Tänze und das Schauspiel waren der Göttin der Großmütter, Teteoinnan, geweiht, deren Aufgabe es bei dieser Gelegenheit war, die Krieger und tapferen Männer als geeignete Zierde für das Erscheinen ihres Sohnes Tezcatlipoca beim nächsten Fest vorzubereiten, einem Herbstfest, Teotloco, das Ende September und Anfang Oktober abgehalten wurde. Man glaubte, daß in dieser Zeit Tezcatlipoca eine große Prozession von Göttern anführte, die nach einem Aufenthalt in den Himmeln zur Erde zurückkehrten. Zur Feier dieses Ereignisses zogen die Priester als Götter gekleidet durch die Stadt.

Das nächste Kriegsfest war Quecholli, der „kleine Vogel“, das in den ersten 18 Tagen des Novembers stattfand. Es war dem Jagdgott Mixcoatl geweiht. Die Leute sollten in ihrer Freizeit Waffen vorbereiten: Obsidiansplitter für die Speerspitzen herstellen, Klingen für die Kanten der Kriegskeulen schärfen, Pfeile fertigen und Akte der Buße tun, alles während der ersten vier Tage des Festes. Zeremonielle Jagden wurden veranstaltet, und besonders die alten Leute sollten sich aller Vergnügungen enthalten. Augenscheinlich war das eine magische Übung, die sicherstellen sollte, daß die Jäger und Krieger, welche die neubereiteten Waffen benutzen würden, nicht von der Unbeständigkeit und den Schwächen des Alters befallen wurden. Dieses Fest war das letzte vor Panquetzaliztli, dem „Erheben der Banner“, das den Festkreis der Kriegsgötter abschloß.

Von Dezember bis Anfang Mai gab es keine mit dem Krieg zusammenhängenden Feste mehr, obwohl dies die Zeit der großen Trockenheit mit gelegentlichen Einbrüchen kalter Winde aus dem Norden war und daher besonders geeignet für militärische Unternehmungen erscheinen mochte. Unter religiösem Gesichtswinkel jedoch war Tezcatlipoca, der Gott des Krieges, dieser Zeit nicht günstig gesinnt.

Opfer

Die Götter verlangten unterschiedliche Opfer: einige verlangten Sklaven, andere weibliche Opfer – wenn auch Frauen nie für Herzopfer verwandt wurden, sie wurden gewöhnlich erdrosselt. Die bedeutendsten Opfer an die Sonne und die Kriegsgötter wurden alle an männlichen Gefangenen vollzogen.

Der einzige Tempel, der die spanische Eroberung und die folgende Zerstörung überstanden hat, steht in Santa Cecilia bei Mexico City (Tenochtitlan). Auf der oberen Plattform steht das Gotteshaus, das Abbilder der Götter zu enthalten pflegte. Der Eingang wird von zwei Schüsseln flankiert, in denen die ganze Nacht über Feuer unterhalten wurden. Opfer wurden auf einer Steinplatte vor dem Gotteshaus dargebracht. Wenn das Herz entfernt und dem Gott geopfert worden war, rollte man den Leichnam fort, so daß er die Treppe hinunterstürzte. Dadurch muß das Fleisch weicher geworden sein, so daß es leichter zu essen war. Nur die Glieder wurden von Menschen verzehrt; der Rest der Leiche wurde oft an Tiere verfüttert und der Kopf für das Schädelgestell aufbewahrt.

Die zu opfernden Gefangenen wurden nicht schlecht behandelt. Man brachte sie, wie Sklaven an den Händen gefesselt, in die siegreichen Städte. Ihre Wunden wurden gepflegt, und sobald sie kräftig genug waren, steckte man sie in hölzerne Käfige, in denen sie nicht aufrecht stehen konnten. Der Zweck war nicht, ihnen Unbequemlichkeiten zu bereiten, sondern sie am Entfliehen und an körperlichen Übungen zu hindern. Man fütterte sie mit ausgewählten Speisen und sorgte gut für sie, um sie fett zu machen, da ihre Glieder später in kleine Stücke zerschnitten und dem Volk zur Speise gegeben wurden. Ein fetter Gefangener war daher ein Gewinn.

Bei einigen der großen Feste wurden freiwillig sich Opfernde so bemalt, daß sie den Göttern ähnlich sahen. Beim Mittsommerfest war das Opfer wie der Gott Tezcatlipoca gekleidet, man gab ihm vier Frauen und das Recht, alles zu nehmen, was er bei seiner Prozession um die Stadt herum haben wollte. Letztlich jedoch war sein Ende immer gleich: ein plötzlicher scharfer Schmerz und die Entlassung seiner Seele in das Paradies des Sonnengottes.

Es geschah manchmal, daß es keine Kriege gab und keine Kriegsgefangenen als Opfer. Dann veranstalteten die Herrscher benachbarter Städte einen „Blumenkrieg“. Jede Seite brachte eine Anzahl von Männern auf ein vorbereitetes Kampffeld, wo sie um den Sieg kämpften und die für die Opfer notwendigen Gefangenen machten. Hätte man das nicht getan, so wären die Götter tief beleidigt gewesen. Sie hätten die für das Fehlen himmlischer Nahrung Verantwortlichen mit einer Dürre oder einem Sturm heimgesucht, so daß die Wohlfahrt des Stammes ernstlich in Gefahr geraten wäre.

Der Kult der Krieger war politisch von Bedeutung, aber es ist zweifelhaft, ob die Azteken nur daran dachten. Viel wahrscheinlicher hielt man die Gefangennahme von Feinden und ihre schließliche Opferung für den Teil eines Naturgesetzes. Es gibt keine Statistiken über die in normalen Zeiten in Mexiko geopferten Gefangenen, aber in einer kleinen Stadt wurden wahrscheinlich 30 Menschen im Jahr getötet und in einer Stammeshauptstadt etwa 400. Darin sind natürlich solche irrsinnigen Exzesse nicht eingeschlossen, wie jener der Azteken, als sie ihren großen Tempel in Tenochtitlan einweihten. Dabei wurden 20.000 Menschen getötet, alle Männer von drei mixtekischen Stämmen aus den Bergen von Oaxaca.

Normalerweise wurde es nicht als richtig empfunden, Menschen zu töten. Aber Opfer waren notwendig, um die Götter versöhnlich zu stimmen und das fortwährende Geschenk von Nahrung und Leben sicherzustellen. Auf jeden Fall war die Seele eines geopferten Menschen des glorreichen Fortlebens im Himmel sicher. Ob diese Hoffnung auf himmlischen Lohn allerdings ausreichte, um Kriegsgefangene zu ermutigen, ihrem Schicksal mit Gleichmut entgegenzusehen, wissen wir natürlich nicht. Aber das Mysterium des Todes ist, wie bei allen menschlichen Wesen, ein äußerst wichtiger Faktor für die Einstellung zum Leben.

Zusammengestürztes Steinbildnis eines Tzompantli oder Schädelgestells. Diese Schädelgestelle standen bei jedem aztekischen Tempel und wurden benutzt, um die Köpfe getöteter feindlicher Krieger zu lagern. Die Köpfe wurden an den Schläfen durchbohrt und an Holzstöcken aufgehängt, die durch ein hölzernes Balkengestell gehalten wurden. Das Schädelgestell in Tenochtitlan, das die Spanier so sehr entsetzte, enthielt mehr als 10.000 Köpfe in verschiedenen Stadien der Verwesung.

Die Schaffung eines Reichs

Die aztekische Freude am Krieg war in einer so stark vom Mann beherrschten Gesellschaft nicht unnatürlich. Man kann Parallelen zu dieser Geisteshaltung in der Handlungsweise mancher Völker der neueren Zeit finden. Kriegerische Handlungen kennzeichneten die Indianer aller Typen und Kulturebenen, von den übers Meer vorgetragenen Raubzügen der Indianer des nordwestlichen Amerika bis zur Durchführung ähnlicher Ideale bei den größeren Stämmen der Prärien, nachdem sie Pferde hatten. Die aztekische Haltung unterschied sich nur durch die formale Organisation der Kriegführung. Wie schon ausgeführt, wurde eine Schlacht so angelegt, daß sie fast zu einem Tanz zu Ehren der Kriegsgötter wurde.

Als das Reich wuchs, mußte das aztekische Heer in weitere Fernen marschieren, über das Tal von Mexiko hinaus, und gelegentlich mußten die Krieger bei einem Feldzug auf dem Hin- und Rückweg je 1000 Meilen zurücklegen, besonders bei jenem, der sie in die Berge des heutigen Guatemala führte. Gebirgskriegführung, die in einem so zerklüfteten Land wie Mexiko ganz normal war, bedeutete viele außerordentliche Tätigkeiten. Es war eine sehr schwierige Aufgabe, eine Streitmacht von vielen tausend Mann von der Hochebene durch Flußtäler, über Schluchten hinweg, auf Gipfel und Pässe hinauf zu führen, und das viele Wochen lang Tag für Tag, bevor man den Feind in einer Stadt, die hoch im Gebirge lag und durch eine Steinmauer befestigt war, angriff. Zwar konnte man sich unterwegs in Dörfern versorgen, aber der größere Teil der Verpflegung bestand aus getrocknetem Fleisch und dünnen Fladen von Maisbrot, tortillas genannt, die die Krieger auf dem Rücken trugen. Auf dem Marsch fingen sie gelegentliche Scharen von Truthühnern oder schossen einen Hirsch oder einen Hasen, aber das war nur eine zufällige Ergänzung ihrer Versorgung. Häufig kochten die Frauen, die die Krieger auf ihrem Marsch begleiteten. Zusätzliche Sandalen und Waffenbündel wurden von ihnen getragen und ebenso von den Jungen, für die diese Arbeit Teil ihrer Ausbildung in der Kunst des Krieges war.

Manchmal ereignete sich eine Tragödie, wie im Fall der 16.000 Mann, die in einer Schlucht bei einem überraschenden Wolkenbruch ertranken. Das geschah zu Anfang der Regierung des letzten aztekischen Großen Sprechers Montezuma in den Bergen von Michoacan. Ein Krieg in der Ferne war nicht immer von Erfolg gekrönt, und gewöhnlich starb ein kleiner Prozentsatz von Leuten während des Marsches, normalerweise aber erreichte das Heer sein Ziel und schlug den Feind in der Schlacht oder im Belagerungskrieg ohne große Schwierigkeiten. Manchmal gab es schwere Verluste durch Bergstämme, die genau wußten, wo sie Felsstürze auf die herankommenden Eindringlinge niederprasseln lassen konnten. Im gewöhnlichen Verlauf der Ereignisse aber erkannte der Stadthäuptling, daß die aztekische Bewaffnung überlegen war, und ergab sich, wobei er günstige Bedingungen erhoffte.

Beide Befehlshaber trafen sich dann und hielten eine lange Diskussion. Da der Feind, so pflegten die Azteken zu erklären, den Anordnungen ihres Großen Sprechers nicht gehorcht hatte, müsse die ganze Bevölkerung zu Sklaven werden und obendrein Tribut an die Azteken zahlen. Der andere Häuptling vertrat seine Sache, so gut er konnte, und gewöhnlich kam es zu der Vereinbarung, daß der besiegte Stamm zweimal im Jahr Tribut zahlen sollte, wenn die aztekischen Steuereinnehmer zu ihnen kämen. Da es kein Geld gab, bestand der Tribut meist aus einheimischen Produkten von hoher Qualität. Mehrere tausend Decken und eine gewisse Menge Goldstaub waren normale Forderungen; im Süden allerdings wurde der Tribut in Form von Bündeln bunter Federn und Ballen Rohgummi bezahlt. Manchmal mußte das südliche Gebiet auch Bündel von Vanilleschoten und – noch wichtiger – Ballen von Kakaobohnen liefern, aus denen chocolatl gemacht wurde. Den Mexikanern galten Kakaobohnen als ein Tribut von hohem Wert. Für zwei kleine Körbe konnte man einen Sklaven kaufen. Einige Gebirgsvölker mußten ihren Tribut in Form von Perlen aus grüner Jade bezahlen, die quer durch das südliche Mexiko aus den fernen Gebirgen Guatemalas kamen.

In ihrem unaufhörlichen Drang nach territorialer Macht dachten die Azteken nicht daran, ein neu erobertes Gebiet zum Wohl seiner Einwohner zu verwalten. Ihnen ging es nur um die Menge an Beute, die sie mit nach Tenochtitlan, ihrer großen Stadt im See, nehmen konnten. Die Folge davon war, daß die Bevölkerung Mexikos ihre aztekischen Herren haßte. Es war daher kein Zufall, daß die Spanier bei ihrer Ankunft viele der unterdrückten Stämme bereit fanden, sich ihnen in der Hoffnung anzuschließen, die verhaßten Aztekenherren zu entmachten. Das Versäumnis der Azteken, so etwas wie ein Feudalsystem zu schaffen, in dem es zwischen den einzelnen Teilen der Bevölkerung wechselseitig Rechte gab, führte zu einer Lage, in der jeder unterworfene Stamm hoffte, eines Tages zu revoltieren und seinerseits Herr eines Raubstaates zu werden. Der zu Tezcatlipoca gehörende Kriegskult hätte also mit Sicherheit im Lauf der Zeit die Kultur Mittelamerikas zerstört. Eine Zeitlang hatte er triumphieren können, als der Fall der Tolteken und das schreckliche Interregnum der Kämpfe zwischen den Städten zum Aufstieg der Azteken geführt hatte.

Bei einem Rückblick auf die Zeit der Toltekenkönige sollte man eigentlich eine friedlichere Zeit erwarten, aber das Bild ist bemerkenswert ähnlich. Aus dem besten Bericht über die Toltekenherrschaft, dem Codex Vindobonensis Mexic. 1, geht hervor, daß nur zwei der Toltekenkönige keine Städte erobert hatten, um sie ihrem Reich anzugliedern. Es waren der zweite und der achte nach dem ersten Quetzalcoatl, aber in beiden Fällen finden sich Symbole für den „Blumenkrieg“. Das zeigt, daß die gesamte zeremonielle Haltung dem Krieg gegenüber bei den Tolteken die gleiche war wie bei ihren Nachfolgern, den Azteken, fünf Jahrhunderte später. In beiden Fällen zeigt das Symbol für den „Blumenkrieg“, zwei große in ein Tuchbündel gewickelte Kriegsspeere, an, daß die Kriegswaffen nicht in Gebraucht waren. In beiden Fällen finden wir Berichte darüber, daß die verbündeten Könige sich mit Spielen befaßten, und die Bretter für das heilige Spiel Patolli kommen häufig in den Malereien vor. Beim ersten dieser beiden Könige, Xolotl, finden wir zwei Kriegssymbole; da es keine Eroberungen gegeben hat, dürfen wir annehmen, daß sie die Zurückschlagung eines Angriffs von außen bedeuten. Mit dem zweiten König, dessen Name als Quetzalcoatl erscheint, verbinden sich überhaupt keine Kriegssymbole. Das Symbol des zum Opfer geschmückten Quetzalcoatl erscheint in den Regierungszeiten beider Könige und ebenso eine Scheibe, wahrscheinlich ein Gummiball, mit heraustretenden Flammen, Augenscheinlich gehört das auch zum Symbolismus des „Blumenkriegs“.

Man kann mit Sicherheit sagen, daß der Kult der Krieger für die toltekische Gesellschaft genauso charakteristisch war wie für die aztekische. Obwohl der Schutzgott der Tolteken Quetzalcoatl war, verdrängte er den großen Tezcatlipoca nicht völlig. Beide Götter waren in den Vorstellungen der Tolteken aktiv, genauso wie in der aztekischen Theologie, aber ihre Vorherrschaft in der gesellschaftlichen Struktur war augenscheinlich umgekehrt.

Die Niederlage Tezcatlipocas

Das ganze Leben des Landes hing zweifellos vom Gleichgewicht zwischen den von Tezcatlipoca beherrschten und den mit Quetzalcoatl verbundenen Kräften ab. Da Tezcatlipoca in dem großen und schrecklichen Kampf, der das Ende der toltekischen Periode bezeichnete, siegreich gewesen war, glaubte man, daß dieser dunkle Gott die Kräfte des Weltalls befehlige. Krieg war das Wunderbarste, was das aztekische Volk Tezcatlipoca bieten konnte, und er belohnte es mit ständigem Sieg und mit Stärke. Die ganze Weltanschauung beruhte auf dem gegenseitigen Austausch von Gaben zwischen der Menschheit und der Sonne und zwischen der Menschheit und Tezcatlipoca, der als Macht der Dunkelheit, als Schatten innerhalb der Menschheit das Gegenteil der Sonne war. In dieser Verehrung steckte immer ein Element des Schreckens; verfehlte man das richtige Opfer, dann würde nicht nur die Sonne am Himmel anhalten, weil die schreckliche Hitze nicht durch einen Strom von Blut gemildert wurde, sondern die Azteken würden auch ihrem Gott gegenüber, der sie beschützte und ihnen im Krieg den Sieg geschenkt hatte, falsch handeln. Ihr Ende würde mit Sicherheit kommen. Aber die aztekischen Weisen wußten bereits, daß die Zukunft verloren war. Sobald einmal die Macht Quetzalcoatls auf diese Erde zurückgekehrt und der Morgenstern der regierende Herr geworden war, würde die Macht Tezcatlipocas erschüttert und die alten Wege zu Ende sein.

Zur Zeit der spanischen Eroberung gab es viel Verwirrung, aber es scheint, daß große Mengen der Bevölkerung hofften, Quetzalcoatl würde eines Tages zurückkommen und die Herrschaft größerer menschlicher Güte mitbringen, in der das Opfer von Früchten und Blumen und das Selbstopfer von ein wenig Blut den ständigen Schrecken des Opfersteins und der Opferung menschlicher Wesen ablösen würden. Aber man stellte sich nicht vor, daß die Götter sich gegenseitig vernichten würden – sie waren gleich und entgegengesetzte Erscheinungsformen der bestehenden Kräfte, die beide ihre Stellung innehaben mußten. Man konnte sie sich in der gleichen Weise vorstellen wie den Wechsel von Tag und Nacht; man fragte nicht, was besser war.

Hernando Cortes landete an einem der sehr wenigen Tage, an denen es Quetzalcoatl nicht möglich war, seine eigene Macht zu ergreifen. So schloß sich der Kreis des Schicksals, und der Schutzgott des Landes, der Rauchende Spiegel, mußte sich der neuen Macht des Morgensterns unterwerfen. Die Geschichte der Eroberung Mexikos ist zu großen Teil eine Darstellung dieses Mythos. Die Aztekenheere bekämpften den Eindringling nur, wenn der Morgenstern unsichtbar war, sonst bezogen sie Verteidigungsstellungen oder zogen sich zurück. Überall bestimmte die Herrschaft des Aberglaubens den Lauf der mexikanischen Geschichte.

Es ist ganz klar, daß für die Mexikaner die Geschichte vorherbestimmt war; das Schicksal der Völker war vom Rhythmus der Zeit schon entschieden, bevor sie entstanden waren. Zweifellos führte diese pessimistische Hinnahme totaler Unterwürfigkeit unter die Herrschaft der Götter zu großer Tapferkeit, aber schließlich auch zum Ende ihrer Zivilisation. Auch die Spanier kämpften mit religiösem Eifer, wenn auch letztlich ihre Gier zum offenen Konflikt mit den Azteken und zur Zerstörung von Tenochtitlan führte.

Keiner der aztekischen Weisen hat sich wohl vorstellen können, daß das Ende so dramatisch kommen würde aus der Hand eines fremden, weißgesichtigen Volks aus Übersee, nur 18 Jahre, nachdem die Azteken das ihnen von den Göttern versprochene Ziel erreicht hatten. Zur Zeit ihres Untergangs waren sie tatsächlich Herren über ganz Anahuac. Ihr letzter Kampf war von größter Intensität, wobei die Krieger den Verlust ihres Lebens als den Gewinn eines Platzes im Himmel werteten. Sie kämpften bis zum Ende wütend für die Sache ihres geliebten, aber schrecklichen Schutzgottes.

*   *   *   *   *   *   *

Nächster und letzter Teil: Mesoamerika (5): Landwirtschaftliche Feste

Siehe auch Sagt „Hallo“ zu Huitzilopochtli von Baron Bodissey

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2 Kommentare

  1. Im Originalstrang auf „As der Schwerter“ hat Sternbald damals diesen Kommentar gepostet:

    Vor einigen Jahren hatte ich einmal ein interessantes Buch in der Hand (der Autor hieß, glaube ich, Todorov; im Titel müsste „Die Eroberung Amerikas“ enthalten sein), in dem anhand der hier erwähnten und weiterer Texte (Chroniken der span. Eroberer und diverse Codices) Weltsicht und Kommunikationsweise von Europäern und Indianern verglichen wurde.

    Die These des Autors war, dass die Indianer den Spaniern hauptsächlich aufgrund kultureller und sprachlich/geistiger Beschränkungen unterlagen. Verkürzt war das Fazit bezüglich der Indianer mehr oder weniger, dass sie sich geistig im Kreis drehten. Ihre größtenteils mündlich überlieferte Kultur machte es erforderlich, alles auswendigzulernen. Damit auch ja nichts verloren ging, war natürlich jede Silbe von großer Bedeutung. Die Erziehung für höhere Ämter und v.a. für die Priester bestand also aus jahrelangem Auswendiglernen; der wichtigste Mann im Staat (Montezuma bzw. Moctezuma) hieß dementsprechend auch „der große Sprecher“. In dem derart überlieferten Wissensschatz meinte man dann auch alle Antworten zu finden; die Indianer versuchten, sich alles, womit sie im Laufe des Krieges mit den Spaniern konfrontiert wurden, durch Dinge zu erklären, die bereits passiert waren, wozu dann natürlich noch der Aberglaube bzw. die Unfähigkeit logisch/wissenschaftlich zu denken hinzukam. Natürlich ging das nach hinten los. Wenn man das mit unserer Art zu denken vergleicht, kann man direkt von einer Behinderung sprechen, und in der Tat wurden die Indianer dadurch ja auch daran gehindert, sich erfolgreich zu wehren.

    Ich persönlich habe den Eindruck, dass diese Denk- und Sichtweise in diesen Menschen drinsitzt. Es dürfte sich um einen der Gründe handeln, warum die lateinamerikanischen Länder (v.a. die mit hohem Indioanteil wie Bolivien, Peru, Guatemala) nicht auf den grünen Zweig kommen. Was ich an dem Buch schön fand, war, dass auch die Weltsicht der Europäer sehr genau analysiert wurde und dabei sehr positiv wegkam. Im Gegensatz zu den Indianern interessierte sich Cortés brennend dafür, die ihm unbekannte Kultur kennenzulernen und alle Informationen zu seinem Vorteil zu verwenden. Daran, dass er teilweise auch einfach aus Wissensdurst Nachforschungen über Naturphänomene wie Vulkane anstellte, sieht man, dass Wissen für ihn/die Europäer ein Wert an sich war/ist. Durch seine Überlegenheit konnte er die Indianer sprichwörtlich an der Nase herumführen bzw. übertölpeln. Besonders bezeichnend fand ich folgende Episode: Als Tenochtitlan bereits praktisch in die Hände der Spanier gefallen war, versuchte der höchste Krieger, zu fliehen. Dafür zog er seine in dem obigen Artikel beschriebene Prachtuniform mit Vogelfedern an, von der er glaubte, sie würde ihm besondere Kräfte verleihen bzw. ihm die Hilfe der Götter verschaffen. Natürlich wurde er sofort von den Spaniern gefangengenommen. Wieder einmal ein Beispiel, das uns zeigt, wie fundamental unterschiedlich wir von solchen Völkern sind.

    Interessanterweise schreibt auch Fjordman in Die seltsame Zivilisation über die Chinesen, daß diese traditionell von einem „Neugierdefizit“ gegenüber den Europäern sowie von einem Desinteresse an Theorien gekennzeichnet waren und daß ihre Kultur keine Diskussionstradition wie im alten Griechenland hatte. In irgendeinem anderen seiner Essays, den ich jetzt auf die Schnelle nicht finde, wurde auch erwähnt, daß die chinesische Kultur ebenfalls durch einen hohen Stellenwert des Auswendiglernens geprägt wurde, das bei den Prüfungen für Beamte von großer Bedeutung war.

    Im obigen Buchkapitel ist mir diese Stelle vorhin beim Wiedereinstellen besonders aufgefallen:

    „Der Kult des Gottes Tezcatlipoca taucht erst in späterer toltekischer Zeit deutlich auf, das heißt annähernd im 10. Jahrhundert. Ob die Idee eines Schattengeistes neu war oder nicht, ist unklar. Die Bewegung der Stämme in frühen Zeiten ist nicht bekannt, wenn man aber über die Eigenschaften des Gottes nachdenkt, erscheint er immer mehr als eine Gestalt der nordamerikanischen Indianer. Er ist der „Gauner“, der „göttliche Schelm“ und „Trickster“, aber weniger freundlich als in den Mythen der Winnebago- oder Haida-Indianer.“

    Loki!?

    Antwort
  2. Hat dies auf 👽 INTERNETZEL rebloggt.

    Antwort

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