Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte

Transpazifische Kontakte zwischen Asien und Amerika. Diese Weltkarte stand 1974 in der Mexiko-Ausstellung des New Yorker Museum of Natural History und zeigt die Routen, auf denen eine mögliche Kontaktnahme zwischen Asien und Amerika erfolgte (Entwurf Dr. Gordon Ekholm)

Von Deep Roots, unter Verwendung von Auszügen und Bildern aus dem Buch „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“).

Der zweiteilige Artikel Eine wunderbare Rasse – Teil 1 und Teil 2 sowie die dort entstandene Diskussion haben mich dazu inspiriert, eine kleine Artikelserie über die kulturelle Entwicklung des präkolumbischen Mesoamerika sowie spekulative Möglichkeiten nichtindianischer Einflüsse in früh- und vorgeschichtlicher Zeit zu bringen. Dieser erste Teil beruht auf dem Buch Tai Ki – Die Reise zum Ort ohne Wiederkehr des österreichischen Journalisten Kuno Knöbl (Verlag Fritz Molden 1976, Best.-Nr. 2422). Dieser hatte im Jahr 1974 eine Expedition mit dem Nachbau einer Dschunke aus der Zeit vor 1900 Jahren unternommen, um in der Art Thor Heyerdahls die Möglichkeit solcher Reisen zu beweisen. Die Bilder samt teilweise gekürzter Bildunterschriften stammen aus diesem Buch. Man beachte übrigens auf der obigen Karte die dargestellte Kulturabfolge von Altmesopotamien vor 5200 Jahren über die Induskultur vor 4300 Jahren und die altchinesische Kultur vor 3800 Jahren bis zur möglicherweise von letzterer beeinflußten mesoamerikanischen Kultur (in dieser frühen Zeit also der Olmeken) vor 3200 Jahren. Diejenige der indogermanischen Tocharer, die vor etwa 4000 Jahren nördlich des Himalaja entstand, dürfte in den 1970ern noch kaum oder gar nicht bekannt gewesen sein. Und zu den Trägern der allerersten bekannten Hochkultur in Mesopotamien gehörten die Hethiter, die vor etwa 5000 – 6000 Jahren dort einwanderten und deren Sprache sich vor ungefähr 8700 Jahren aus dem Proto-Indoeuropäischen zu entwickeln begann.

Als Kuno Knöbl sich im Februar 1966 als Kriegsberichterstatter in Vietnam aufhält, besucht er das Museum von Hue, begleitet von seinem Fremdenführer. Dort stößt er in einer Vitrine auf dunkle Stoffstreifen, an denen schwarze Schnüre zu einem seltsamen Netz verknüpft befestigt sind. Auf seine Frage erklärt ihm sein Fremdenführer, daß dies die Überreste einer Knotenschrift seien, die man irgendwann einmal verwendet habe, um geheime Aufzeichnungen zu machen. Knöbl erinnert sich an die Knotenschnüre der Inkas, die sogenannten Quipus, und daran, daß auf den Ryukyu-Inseln zwischen Japan und Taiwan immer noch solche Knotenschnüre in Gebrauch sind. Seines Wissens gab es so etwas nur in Ostasien und in Südamerika, und der Gedanke, daß es irgendwann in der Vergangenheit Kontakte zwischen Asien und Amerika gegeben haben könnte, worauf auch verblüffende Ähnlichkeiten mancher Bauten in Indochina, zum Beispiel in Angkor, mit Ruinen in Mittelamerika hindeuten, läßt ihn nicht mehr los. Er vertieft sich in die Lektüre zu diesem Thema und nimmt auch Kontakt mit Professor Robert Heine-Geldern auf, dem ehemaligen Ordinarius für Völkerkunde der Universität Wien. Dieser ist bereits selbst auf diese Ideen gekommen, und obwohl er nichts von Knöbls Idee eines praktischen Beweises durch eine Fahrt mit dem Nachbau einer altchinesischen Dschunke hält, weil er glaubt, daß die vorhandenen archäologischen Beweise sowieso in den kommenden Jahren durch weitere Funde bestätigt werden würden, unterstützt er ihn in seinem Vorhaben. Der Bau einer Dschunke wird geplant, für die man auch bald einen Namen findet: Tai Ki.

Lassen wir nun Kuno Knöbl selbst erzählen:

Aus dem 1. Kapitel, „Dem Traum folgen“

[….]

Tai Ki, das bedeutete (und bedeutet) auf chinesisch „Das Große Eine“, „Das Große All“. Das entsprechende Ideogramm stellt einen Kreis dar, durch eine S-Linie in zwei flächengleiche Hälften geteilt. Und dieses Zeichen entdeckte der französische Forscher E. T. Hamy – in Zentralamerika, in Copan.

Eine zufällige Übereinstimmung? Die Kombination eines Gelehrten, dem die Phantasie durchgegangen war? Oder ein Schlüssel zu einem der vielen ungelösten Geheimnisse der altamerikanischen Geschichte? In Copan fanden sich noch andere, noch verblüffendere Hinweise.

Copan, in Honduras nahe der guatemaltekischen Grenze gelegen, ist eine der bedeutendsten Fundstätten der Maya-Kultur. Die völlig überwachsenen Ruinen am Copan-Fluß wurden von dem Spanier Don Diego Garcia de Palacio entdeckt. In einem Brief vom 8. März 1576 beschrieb er sie seinem König Philipp II. Dann gerieten sie in Vergessenheit. Mehr als 250 Jahre schlummerten sie unter dem Tropendschungel. 1834 war Copan Ziel der ersten Expedition unter der Leitung des Iren John Gallagher, der seinen Namen auf Juan Galindo hispanisiert hatte. Doch die Berichte und Publikationen des irischen Spaniers wurden kaum wahrgenommen – Copan blieb vergessen, bis der Amerikaner John Lloyd Stephens, Diplomat, Geschäftsmann, Händler, archäologischer Laie, Weltreisender und Präsident der Panama-Eisenbahn, kam und Copan „wirklich“ entdeckte. Seine Reisen durch Zentralamerika und Yukatan, die er 1842 in dem gleichnamigen Buch beschrieb, legten den Grundstein für die moderne Erforschung des präkolumbischen Amerika. Eine neue, bis dahin praktisch unbekannte Kultur, die der Mayas, trat ans Licht. Stephens’ Begleiter, der englische Maler und Architekt Frederick Catherwood, hielt die atemberaubende fremdartige Architektur, die da unter dem tropischen Urwald verborgen war, auf dem Zeichenblock fest. Ihm danken wir die ersten – und manchmal auch einzigen – Darstellungen vieler Kunstwerke aus diesem Raum.

Der erste, der sich systematisch und wissenschaftlich mit Copan beschäftigte, war der Engländer Alfred Percival Maudslay. Er begann die Ruinen zu registrieren, zu studieren unter anderem auch die Stele B, die als „Elefantenstele“ berühmt wurde. Diese reich geschmückte Bildsäule aus Stein neben dem Tai-Ki-Zeichen sollte zum Mittelpunkt heftiger Diskussionen werden. Sie befindet sich in der Mitte des sogenannten Großen Platzes. An der Vorderseite eine Figur, würdevoll, ein Mann mit mongolischen Gesichtszügen, geschlitzte Augen, ein kurzer Bart, hohe Backenknochen. Auf dem Kopf trägt die Figur einen gewundenen orientalischen Turban – ebenso wie viele andere kleine Figuren, die sich links und rechts, gleichsam als Ornamente an der Stele befinden. Schon sehr bald schlossen damals Wissenschaftler auf eine asiatische Herkunft der Figur. „Die Ornamente“, schreibt N. Arnold, „sind so eindeutig orientalisch, daß kein Zweifel an ihrer Herkunft bestehen kann. Das Gesicht der Figur ist ein Gesicht, das man auf Steinfiguren in Kambodscha oder Siam sehen kann. Die Kleidung, die Ornamentik, die turbanartige Haartracht, die man sonst nirgendwo gefunden hat, sind rein indochinesisch.“

Die bewußte Stele zeigte noch anderes. Schon Stephens hatte bemerkt: „…zwei große Ornamente am oberen Teil sehen aus wie Rüssel eines Elefanten, eines Tieres, das hierzulande unbekannt ist.“ Und damit nicht genug: In der auf dem „Elefanten“ hockenden Figur vermeinte man einen Mahout, einen Elefantentreiber, zu erkennen, in seinem Kopfputz einen Turban. Eine rege Diskussion entspann sich. Wie und woher kam der Elefant nach Amerika, wo es – außer den eiszeitlichen Mammuts – nie seinesgleichen gegeben hatte? Die Gegner der Elefanten-These sprachen von Vogelschnäbeln, Tapirrüsseln oder einfach von schlichten Ornamenten, die nichts Bestimmtes darstellen sollten.

Elefanten in Amerika? Im Urwald von Honduras befindet sich die Ruinenstadt Copan, im 5. Jh. n. Chr. ein bedeutendes Zentrum der Maya-Kultur. Dort steht eine Stele, die einen Elefanten mit Rüssel und Ohren, ja sogar mit „Mahouts“ zu zeigen scheint. Elefanten hat es aber in Amerika nie gegeben. Das Mammut starb mit dem Ende der Eiszeit aus. Ist also die „Elefantenstele“ ein Beweis für Kulturkontakte zwischen Asien und den indianischen Hochkulturen? Die Zeichnung oben links sowie die Photographie oben rechts stammen von dem Engländer Maudslay.

Der Bericht Arnolds goß sofort Öl in das damals schon schwelende Feuer im Gelehrtenstreit – nämlich in die Auseinandersetzung zwischen jenen, die Amerikas Kulturleistungen als absolut eigenständige betrachteten, und jenen, die meinten, die Entstehung der amerikanischen Hochkulturen sei zumindest Impulsen aus Asien zu verdanken.

Neuen Zündstoff lieferte der Amerikaner Elliot Smith mit seinem Buch „Elefanten und Ethnologen“. Die Völkerkunde wolle offenkundig nicht wahrhaben, was nicht wahr sein dürfe – so schrieb er – und leugne deshalb unübersehbare Fakten rundweg ab.

Er ging in seinen Überlegungen noch bedeutend weiter als alle Forscher vor ihm. Auch die langnasigen Maya-Gottheiten und der Maya-Regengott Tschak seien, so behauptete Smith, im Grunde nichts anderes als Abkömmlinge des Ganescha, des Gottes des Glücks mit dem Elefantenhaupt, dem Sohn von Shiva und Parvati, den Hauptgottheiten der Hindus.

Heute ist der Elefantenstreit etwas in den Hintergrund getreten. Betty Meggers, an sich eine überzeugte Verfechterin transpazifischer Beziehungen, äußerte sich mit fühlbarer Zurückhaltung, wenn sie meinte, der Elefant von Copan sei ein ungelöstes, aber dennoch „herrliches Geheimnis unserer Zeit“. Ein herrliches Geheimnis schon deshalb, weil die Elefantenköpfe nur mehr in Fragmenten existieren. Irgendwann nachdem Maudslay sie photographiert hatte, wurden sie zerstört. Die Zeichen äußerer Gewaltanwendung sind deutlich zu sehen. Ob es Plünderer waren oder aber – vielleicht? – ein enragierter Gegner der Elefanten-These? Man wird es nie wissen.

Als Arno und ich in Copan waren, begriffen wir, daß man nicht allein auf die Stele B angewiesen ist. Ihr gegenüber befindet sich, gleichsam bewacht von einer großen doppelköpfigen Schildkröte, die Stele C. Von allen Standbildern auf dem großen Platz zu Copan weist die Figur der Stele C am klarsten nach Asien. Ein flaches Gesicht mit noch deutlicher ausgeprägten, hochstehenden Backenknochen wie das Antlitz auf Stele B, geschlitzten, schmalen, schrägstehenden Augen, ein langer, fließender, glatter Bart. Eine Figur, die – sieht man von der großen, überladenen altamerikanischen Ornamentik ab – in Asien, in Indochina, selbst in China heimisch sein könnte. Dazu die Schildkröte vor dieser Stele, die ebenfalls auf transpazifische Beziehungen hindeutet, denn, so sagt ein Mythos der Maya und ein Mythos der Zapoteken in Südmexiko: Aus dem Meer, dem Pazifischen Ozean, sei einst eine große Schildkröte gekrochen, sei an Land gekommen und mit ihr viele fremde Menschen, um uns zu belehren…

Die „Chinesenstele“ von Copan. Der Bart des Abgebildeten ist unverkennbar. Aber die Indianer haben keine Bärte. Auch der Kopfschmuck weist eindeutig auf Asien hin.

[….]

Als die Kulturen und späteren Hochkulturen in Meso- und Südamerika entstanden, war Amerika von Alaska bis Patagonien besiedelt, besiedelt in vielen Einwanderungswellen, was zum Teil auch die auffallenden äußeren Unterschiede der verschiedenen Indianervölker der Neuen Welt erklären mag. Es kann auch wenig Zweifel daran bestehen, daß, als andere Einwanderungswellen aus der Alten Welt Amerika erreichten, manche Stämme und Völkerschaften, besonders jene, die im Raume des heutigen Mexiko und an der pazifischen Seite Südamerikas lebten, bereits eine relativ hohe Kulturstufe erreicht hatten.

Während nämlich im allgemeinen die Stämme Nordamerikas ebenso wie die Jäger Südamerikas auf relativ niederer Kulturstufe verblieben, durchliefen ihre Nachbarn an der Pazifikküste Südamerikas und in Mesoamerika, zum Teil auch im heute kanadischen British Columbia, eine – nimmt man das Zeitmaß der Geschichte – atemberaubende Entwicklung.

Obwohl sie alle in der Steinzeit verharrten, entstanden unvermittelt und unerklärbar Hochkulturen. Neben einfachen Sammler- und Jägervölkern bildeten andere Stämme rätselhaft komplizierte Staatssysteme, deren Leistungen auf manchen Gebieten so großartig waren, daß sie auch heute nur mit Staunen registriert werden können. So besaßen etwa die Maya in Mesoamerika ein Kalendersystem, das dem in Europa gebräuchlichen eindeutig überlegen war. So kannte man in Südamerika – in Peru, in Kolumbien, in Ecuador – Methoden der Metallbearbeitung, Färbetechiken, die denen der Hochkulturen der Alten Welt durchaus ebenbürtig waren. In unmittelbarer Nachbarschaft von Völkern, die bis heute anspruchsvollere architektonische Leistungen nicht kennen, deren entwickeltste Bauwerke Zelte oder Holzhütten sind, entstanden wie aus dem Nichts Tempelanlagen, Städte, wurden Straßen und Kanalisationssysteme gebaut, Kunstwerke geschaffen, die neben jeder bekannten Kulturleistung der Alten Welt Schritt halten können, Wie war das möglich?

In der Geschichtsforschung herrscht nach wie vor die Meinung vor, daß die Hochkulturen unabhängig voneinander, gleichsam durch Mutationen entstanden sind. Völlig voneinander unbeeinflußt hätten sich aus primitiven Kulturen langsam Hochkulturen entwickelt. Der britische Historiker Arnold Toynbee beschreibt diese Entwicklung als logische Konsequenz der Gleichartigkeit der Menschen, die zwanghaft Gleichartiges schaffen müsse. Die Frage aber, ob Toynbee recht hat oder ob Kulturen von einem gemeinsamen Ursprung her durch mehr oder weniger regelmäßigen, befruchtenden Kontakt miteinander entstanden sind, ist für die Geschichtsforschung von grundlegender Bedeutung.

Das Entstehen von Kulturen und später Hochkulturen ist unabhängig vom Übergang der Wirtschaft schweifender Jäger und Sammler zu jener von seßhaften Bodenbebauern. Die ältesten jungsteinzeitlichen Kulturen von Bodenbebauern entstanden vermutlich in den östlichen Randgebieten des Mittelmeerraumes ungefähr im siebenten oder sechsten vorchristlichen Jahrtausend. Bemerkenswert ist, daß überall sonst auf der Erde die Jungsteinzeit später auftritt. Diese Tatsache deutet an, daß alle Kulturen von den Ur-Kulturen des Vorderen Orients beeinflußt wurden. So ist etwa auch in China die Frühsteinzeit später als in Vorderasien festzustellen.

Wie die ersten neolithischen Kulturen, traten auch die ersten Hochkulturen im Vorderen Orient auf. Man ist sich heute mehr oder weniger einig, daß die mesopotamische Kultur um 3000 v. Chr. als die erste Hochkultur anzusprechen ist. Ihr folgten wenige Jahrhunderte später die ägyptische, dann die minoische auf Kreta, die Indus-Kultur, – dann, um 2000 v. Chr., China, und, vermutlich wieder tausend Jahre später, die Kulturen der Olmeken und die Chavin-Kultur in Südamerika. Hier hakt die „Diffusionstheorie“ wie sie etwa Heine-Geldern vertritt, ein: Sie lehrt, daß ein Hochkulturzentrum – in diesem Falle also Mesopotamien – die anderen Kulturen beeinflußt hat. Die Kulturimpulse „diffundierten“, das heißt, sie verbreiteten sich wie Wellenkreise, wenn ein Stein ins Wasser fällt. Dies gilt in besonderem Maße eben für die ersten amerikanischen „Ur-Hochkulturen“.

Schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war beispielsweise der große Alexander von Humboldt von der Beeinflussung der amerikanischen Kulturen durch jene aus Asien recht überzeugt. Nach ihm aber hat bis heute die herrschende wissenschaftliche Ansicht die selbständige Entwicklung der amerikanischen Kulturen zum Dogma erhoben. Übereinstimmungen zwischen Kulturmerkmalen der Alten und der Neuen Welt erklärte man, durchaus im Sinne Tonybees, mit der „Gleichartigkeit der Menschen“.

Die Forschung geriet durch diese simplifizierende Annahme in eine recht paradoxe, widersprüchliche Situation. Auf der einen Seite bestritt niemand mehr die wesentlichen Einflüsse der vorderasiatischen Hochkulturen etwa auf die europäischen Kulturen. Niemand nimmt heute mehr an, daß etwa die Erfindung des Rades, der Töpferei, der Weberei, des Bronzegusses, das Erdenken religiöser Systeme, politischer Ordnungen jeweils eigenständige „Erfindungen“ waren. Niemand nimmt an, daß etwa die Kulturen des Fernen Ostens in völliger Isoliertheit und unbeeinflußt von bereits bestehenden Hochkulturen Gleiches relativ gleichzeitig entwickelt haben. Und ausgerechnet in Amerika sollte alles anders gewesen sein?

Die Gewinnung von Zinn aus Erz, die Legierung von Kupfer und Zinn zu Bronze, die Behandlung von Gold mittels chemischer Methoden, diverse Weberei- und Färbetechniken – all das soll mehrmals unabhängig voneinander erfunden worden sein! Davon einmal abgesehen, stößt man auf erstaunliche Parallelen. Warum wohl gelten in Asien wie in Amerika die gleichen Rangabzeichen, etwa der Sonnenschirm als Zeichen der Würde? Warum werden gerade in Asien wie in Amerika bestimmte Weltrichtungen durch dieselbe Farbe bezeichnet? Der Osten ist zum Beispiel blau, der Süden rot. Wie kommt es, daß selbst Spiele im Grunde den gleichen Regeln folgen und noch dazu sehr ähnliche Namen haben – so das Brettspiel Patolli in Mexiko, das in Indien Pachisi heißt?

Die Amerikanisten Betty Meggers und Cliff Evans fanden in Ecuador die sogenannte Valdivia-Kultur. Figuren und Tonscherben, Ornamente. Die verblüffende Ähnlichkeit mit Funden der japanischen Jom-On-Kultur fiel ihnen ins Auge. Sie mischten Funde der Jom-On-Kultur unter solche aus Ecuador und baten Fachgelehrte, die beiden auseinanderzuhalten. Keiner war in der Lage, wesentliche Unterschiede zwischen den Gegenständen festzustellen, die Tausende Meilen voneinander entfernt, durch den pazifischen Ozean getrennt, auf zwei verschiedenen Kontinenten entstanden waren.

Der Mexikanist Dr. Gordon Ekholm war 1942 auf einer Expedition in Mexiko. Er machte Ausgrabungen in der Huasteken-Region – einem Stamm aus der Maya-Sprachgruppe im Gebiet der mexikanischen Bundesstaaten Tamaulipas und Veracruz. Bei diesen Grabungsarbeiten fand Ekholm nahe von Panuco eine eigentümliche Figur aus Ton. Ein Tier, so ungenau modelliert, daß nicht zu erkennen war, um welche Tierart es sich handelte. Ein Tontier auf vier Füßen, und diese Füße mündeten in Achslager, durch die wiederum eine Achse geschoben war, an deren Enden jeweils Räder befestigt waren. „Als ich in einem Artikel diese Räderfiguren beschrieb“, erzählte Dr. Ekholm später, „tat ich nicht mehr, als auf ihre Besonderheit hinzuweisen – daß sie nämlich auf Rädern standen, Rädern an beweglichen Achsen.“

Ekholms Fund war tatsächlich erstaunlich: denn in Amerika war das Rad unbekannt! Bis heute gibt es keinen Hinweis, daß das Rad irgendwo in Gebrauch gewesen sei. Hier hatten Indianer ganz offenkundig eine Figur geschaffen, die zumindest bewies, daß dem Erzeuger dieses „Spielzeuges“ die Grundsätze einer Radkonstruktion, nämlich Achslager, Achse und Rad bekannt waren. Wie kommt es, fragte sich der damals 25jährige Gelehrte, daß das Rad dennoch unbekannt blieb? Das Erstaunen Ekholms wurde noch größer, als man durch genaue Untersuchungen feststellte, daß die Räder und Achsen zwar beweglich waren, aber nie bewegt worden sein konnten. Denn an den Achslagern war nicht die geringste Abnützung festzustellen. Später erlebte Ekholm eine weitere Überraschung: ebensolche Figuren, gleich in der Art und ähnlich im Aussehen, waren in Ostasien in Gebrauch gewesen – in Indien etwa sind sie es noch heute. In jedem besseren Laden in Europa, der Exotika führt, kann man diese Räderfiguren kaufen.

Weshalb sollten nun die Indios diese Figuren gemacht haben? fragte Ekholm. Wie konnten sie eine Figur mit einer bestimmten Funktion geschaffen haben, ohne diese Funktion überhaupt zu kennen?

Nun ist das Rad eine der bedeutendsten menschlichen Erfindungen und von allen anderen Hochkulturen unterscheiden sich die des präkolumbianischen Amerika gerade dadurch, daß sie den Gebrauch des Rades nicht kannten. Angesichts der sonstigen technischen Hochleistungen dieser Kulturen ist es ganz und gar unwahrscheinlich, ja unglaubwürdig, daß sie zwar das Prinzip des Rades entdeckt hatten, ohne den Schritt zur praktischen Verwertung dieses Prinzips zu gehen.

Es ist nur ein Schluß möglich: Das Rad, im konkreten die Räderfiguren, wurden von Fremden nach Mesoamerika gebracht und dort den Indianern ohne Erklärung überlassen. Diese bauten sie nach, ohne den Sinn, die Funktion des Rades zu begreifen. Eine weitere Möglichkeit, spekulativ, aber im Grunde vielleicht sogar wahrscheinlicher: die Räderfiguren wurden gar nicht von Indianerhand geschaffen; sie stammten von asiatischen „Einwanderern“, wurden von diesen mit nach Mesoamerika gebracht oder aber dort von ihnen selbst erzeugt, und kein indianischer Handwerker oder Künstler hat je eine derartige Figur modelliert.

Doch neben diesen Räderfiguren gibt es eine ganze Reihe anderer Hinweise auf die Beeinflussung der amerikanischen Kulturen durch Ostasien. Etwa die Skulpturen der Chavin-Periode, der peruanischen „Mutterkultur“, zeigen Motive, die denen der chinesischen Kunst um 700 v. Chr. durchaus entsprechen. Ebenso starke Ähnlichkeiten mit der Kunst Asiens treten in der mexikanischen Kunst auf. Die Ähnlichkeiten sind so deutlich, daß Heine-Geldern und Covarrubias die Tajin-Kultur als eine „örtliche Abart“ der chinesischen Kunst des 7.-4. vorchristlichen Jahrhunderts bezeichneten.

An der pazifischen Küste bei Colima entdeckte man Grabbeigaben, die in Form und Art absolut identisch mit jenen aus der Han-Zeit (200 v. – 220 n. Chr.) Chinas sind. Dort wurden in Schachtgräbern den Toten Hausmodelle mitgegeben, oft Modelle ganzer Bauernhöfe oder Herrenhäuser, aus Ton modelliert oder aus Bronze gegossen. Modelle, bis ins kleinste Detail dem natürlichen Vorbild nachgebildet. Häuser, arbeitende Menschen, Tiere. In den Schachtgräbern Mesoamerikas fand man dieselben Grabbeigaben: Hausmodelle, Detailnachbildungen aus dem Leben des Toten, aus seiner Umwelt.

Überraschende Parallelen zeigt das mythologische Denken. Der Gott Quetzalcoatl wird als gefiederte Schlange dargestellt. Nun ist die gefiederte Schlange ein altes chinesisches Motiv, ansonsten aber nirgendwo in der Kulturgeschichte bekannt. Nur in Altamerika taucht dieselbe Figur in sehr ähnlicher Bedeutung auf. Die Schlange als Symbol der Erde, der Vogel als Symbol des Himmels, dieses Motiv ist in der chinesischen wie in der mesoamerikanischen Kunst gleich bedeutsam.

Beim Amerikanistenkongreß in Mexiko vom September 1974 legte Gordon Ekholm eine Arbeit über „The scroll wing motif in Ancient China and Mesoamerica“ vor, die Darstellung des gefächerten Flügels, der als wesentliches Kunstmotiv bereits in der Schang-Dynastie (um 1600 – 1100 v. Chr.), in der Chou-Periode (bis 221 v. Chr.) wie auch in der ersten und zweiten Han-Dynastie (bis 220 n. Chr.) verwendet wird. Ein Jahr zuvor hatte Ekholm mir erklärt: „Ich konzentriere mich nun auf die Fragen der Ornamentik, denn hier scheint mir sehr vieles nachweisbar – und noch ungeklärt.“ Der Amerikanist verglich die Motive und vor allem deren künstlerische Ausdeutung und wies die Fachwelt auf wahrhaft verblüffende Gleichartigkeiten hin.

Wenn man bei einem komplizierten Kunstmotiv Gleichartigkeit nachweisen kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer beinahe gleichzeitigen, aber dennoch völlig getrennten Entwicklung auf zwei durch Tausende von Seemeilen getrennten Kontinenten gleich Null.

Vor 25 Jahren stieß ein Finquero auf der Rinderfarm Monte Alto nahe La Democracia in Guatemala auf eigentümlich behauene Steine. Er begann selbst zu graben und entdeckte Kolossalköpfe. Das archäologische Institut in Guatemala City wurde verständigt. Ausgrabungen begannen. Man fand weitere Köpfe, deren Herkunft vorerst ungeklärt schien und deren exaktes Alter bis heute nicht bestimmt ist. Immerhin vermochte man sie einer Kultur zuzuordnen, der man einstweilen wenigstens einen Namen geben kann, den der Olmeken. Aber bis heute weiß man nicht, wer diese Olmeken waren – ihr Name stammt aus alten Mythen -, woher sie kamen und welche Sprache sie sprachen. Kolossalköpfe der Olmeken hatte man in La Venta und Tres Zapotes an der Atlantikküste Mexikos gefunden; Olmeken-Darstellungen fand man in Monte Alban bei Oaxaca. Eine Kultur, die ebenfalls aus dem „Nichts“ kam, dennoch die Schrift kannte und Steinarbeiten hinterließ, die von hohem künstlerischem Vermögen zeugen. Heute bezeichnet man die Olmeken als die Mutterkultur Mesoamerikas. Die Darstellungen der Olmeken und ihre Motive schienen manchmal direkt aus Asien zu kommen, etwa die Tempelnischen, in denen Figuren sitzen, die gefächerten Flügel und die Kolossalköpfe, ungemein lebendige Porträts. Nachbildungen von Gesichtern Lebender, mit wulstigen Lippen, schrägen Augen, flachen Nasen, breitflächig-asiatisch.

Vor dem Museum zu La Democracia ist eine dieser Kolossalfiguren aufgestellt. Der Kopf eines alten Mannes, weise mochte er gewesen sein, mit tiefen Furchen an den Wangen, hängenden Lidern, fast geschlossenen Augen. Ruhig, still in sich versenkt. Die Figur steht da, gegenüber einem kleinen Park, in dem andere Kolossalfiguren aufgestellt sind. Männer, Gesichter, aus tonnenschweren Steinen gehauen, verwittert, manche mit verschränkten Händen. Wie im Gebet. Der Mann vor dem Museum in La Democracia bekam von den im Museum Arbeitenden einen Namen, bekam denselben Namen, den auch sein Entdecker ihm gegeben hatte: Buddha.

Im September 1949 wurde in New York die Ausstellung „Across the Pacific“ eröffnet, die dem Studium der Kulturbeziehungen zwischen Asien und Amerika gewaltigen Auftrieb verlieh. Vor allem zwei Männern war sie zu danken. Einem jungen Gelehrten, der gerade durch erste Funde Aufsehen erregt hatte, Gordon Ekholm, und einem beinahe vierzig Jahre älteren, der als „Research Associate“ am Department of Anthropology“ des Naturhistorischen Museums in New York beschäftigt war, dem Wiener Robert Heine-Geldern. Durch diese Ausstellung sollte die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit von Kulturkontakten zwischen Ostasien und Amerika „für die Wissenschaft akzeptabel gemacht werden“, wie sich Heine-Geldern ausdrückte.

Die Ausstellung erfüllte die Erwartungen, die Ekholm und Heine-Geldern in sie gesetzt hatten. „Sie schlug wie ein Blitz ein“, meldete das Nachrichtenmagazin „Time“. Und die „New York Times“ war von der „Faszination der zur Diskussion gestellten Überlegungen“ berührt und sprach von einer „Provokation für alle Amerikanisten“.

Ekholm spielte bewußt die Bedeutung der Ausstellung herunter: „Ich wollte nur sehen, ob wir mit der Ausstellung das Thema darlegen können.“ Die Darlegung gelang. Dr. Pedro Bosch Gimpera, Völkerkundler, während des spanischen Bürgerkrieges Justizminister der Republikaner und von den Nationalisten zum Tode verurteilt, später Professor in Cambridge, dann in Mexiko, erzählte: „Die Ausstellung schlug wirklich wie eine Bombe ein. Sie war eine Sensation für alle Kongreßteilnehmer. Mich hatte sie so getroffen und so überzeugt, daß ich selbst begann, mich mit dem Thema Diffusion zu beschäftigen.“ Der Spanier wurde ein so leidenschaftlicher Verfechter der These, daß er selbst eine Arbeit über den Diffusionismus schreib, die 1970 publiziert wurde. Der Titel: „Transpazifische Parallelen der amerikanischen Hochkulturen und ihre Chronologie.“ Eine Pointe am Rande, die zeigt, wie festgefahren die Fronten in der Amerikanistik heute noch sind: Obwohl Professor an der Universität von Mexiko, konnte Bosch Gimpera diese Arbeit in seinem Lande nicht veröffentlichen – er mußte mit dieser und allen folgenden Publikationen zum Thema Diffusion nach Europa ausweichen.

In New York hatten Ekholm und Heine-Geldern einen ersten Anstoß gegeben. Das Thema „Kulturbeziehungen zwischen Asien und Amerika“ blieb zwar umstritten, war aber nun akzeptabel und wurde mehr als nur in den Vorzimmern der Wissenschaft abgehandelt. Zu verblüffend waren die Hinweise, die die Ausstellung lieferte. Das „Time“-Magazin berichtete:

„Um seine Theorien zur Kulturbeziehung zu untermauern, stellte Ekholm einen Reliefstein von Indien, aus der Amaravati-Periode (200 n. Chr.) vor. An den Enden des Steins sind Tierköpfe mit fischartigen Körpern. Aus den Mäuleern dieser Tierköpfe sprießen Lotosblumen…  Ein Relief von einem Maya-Tempel in Chichen Itza auf Yukatan zeigt eine ähnliche Figur, beschädigt, doch eindeutig erkennbar. In der Maya-Version hat sich der tierköpfige Fisch in einen Fisch verwandelt, doch auch aus dem Maul dieses Fisches sprießt ebenfalls eine Lotosblume. Und da die Lotosblume ein Symbol des Buddhismus ist, meint Ekholm, daß dieses Lotoszeichen möglicherweise von buddhistischen Missionaren nach Yukatan gebracht worden ist. Er zeigt weiter die Darstellung eines Buddha, der in einer Lotosblume sitzt. Neben diesem Objekt stellt er eine andere stilisierte Lotosblume von Yukatan vor. In ihrer Mitte sitzt, anstelle von Buddha, ein Gott der Maya.“

*   *   *

Einige Seiten später beschreibt Knöbl im zweiten Kapitel, welche Überlegungen zur Wahl des nachzubauenden Dschunkentyps führten und welche altchinesischen Überlieferungen dabei und bei der Wahl der nachzuvollziehenden Route Anleitung gegeben hatten:

Aus dem 2. Kapitel „Einmal Amerika – und nicht zurück“

Langsam nahmen unsere Vorstellungen und Pläne von der Überquerung des Pazifik von Asien nach Amerika Gestalt an. Unser Fahrzeug sollte eine Dschunke nach altchinesischem Vorbild sein. Doch wenn wir auch überzeugt waren, zu fast allem berufen zu sein – in der christlichen Seefahrt, geschweige denn in der chinesischen, waren wir wohl keine Experten. Da half unsere ganze Abenteuererfahrung nichts, auch nicht diverse Törns auf dem (manchmal gar nicht so sanften) Mittelmeer. Wir brauchten einen Fachmann. Einen Seemann, einen Kapitän der zugleich befähigt sein sollte, auch unser Schiff zu bauen. Wir brauchten einen Mann, der über mehr Können und Wissen verfügte als etwa Arno, der immerhin ein Küstenschiffahrtspatent besaß. Wir brauchten einen see-erfahrenen Mann. Einen, der mit dem Meer auf du und du stand, mit ihm aufgewachsen war. Dem sowohl Theorie wie Praxis der Seefahrt und des Schiffbaues Selbstverständlichkeit war.

Arno kannte einen solchen Mann. Seinen Schwager, den damals 42 Jahre alten dänischen Ingenieur Carl Frederik Grage. Und er hatte mit ihm auch schon gesprochen, und der Däne hatte ja gesagt, und nun war ich zu ihm gekommen, um mit ihm zu reden. Im Januar 1971.

[….]

Zur Vorbereitung der Expedition hatte ich Europas Archive und Bibliotheken durchstöbert, um Aufzeichnungen und Darstellungen altasiatischer Schiffe zu finden. Ich suchte das „Urmodell“ einer Dschunke, wie sie etwa um Christi Geburt in Gebrauch gewesen sein mochte. Dabei mußte ich zu meiner Verwunderung feststellen, daß über altasiatische Schiffahrt kaum Literatur vorhanden war.

Schließlich fand ich im Rotterdamer Maritiem Museum Prins Hendrik das elfbändige Werk des französischen Fregattenkapitäns Louis Audemard, „Les jonques chinoises“, eine grundlegende Arbeit über chinesische Schiffahrt. Ein Exemplar brachte ich Carl Frederik nach Kopenhagen mit.

Audemard versuchte nicht nur eine sehr genaue Unterscheidung der Dschunkentypen zu geben, versuchte nicht nur darzulegen, worin sich beispielsweise die Dschunken des Yang Tse Kiang von jenen der Küstenschiffer unterscheiden, sondern er gab auch Detailbeschreibungen des nautischen Geräts. Mehr noch, er bemühte sich – soweit ihm Quellen zugänglich waren -, die Geschichte der chinesischen Schiffahrt bis in ihre Ursprünge zu verfolgen. Hier stießen wir auch auf die bisher älteste Darstellung einer Dschunke, aus dem 15. Jahrhundert.

Audemard stellte auch Überlegungen über transozeanische Fahrten im alten China an und erwog die Möglichkeit transpazifischer Seefahrten. Er nahm an, daß Amerika „mindestens 1000 Jahre, bevor Christoph Columbus auf der Insel San Salvador landete, bereits von Chinesen erreicht wurde“. Bestätigt fand er unter anderem diese Annahme durch eine archäologische Entdeckung in Copan. Dort, in Honduras, sagte Audemard, wurde eine Skulptur gefunden, „die nichts anderes darstellt als das ‚Tai Ki’, eines der ältesten Symbole“.

Copan ist eine Fundgrube sondergleichen. Dort liegt auf einer Lichtung der oben gezeigte bearbeitete Steinblock. Seine Oberfläche weist ein „Ideogramm“, ein Bildzeichen, auf, das auch das Segel unserer Dschunke verzierte. Das Tai-Ki-Zeichen, chinesisches Symbol für „Das große All“.

Es ist anzunehmen, daß der französische Fregattenkapitän in seinem Urteil von seinem Landsmann Dr. Théodore Hamy beeinflußt war. Laut Audemard war das „Tai Ki“-Symbol auch am Bug mancher Dschunken angebracht worden, als „Glücksbringer, als Zeichen, das Dämonen vertreiben soll“.

Wir wissen, daß die Chinesen Ostafrika, auch Madagaskar erreicht haben, erstmals während der Tang-Dynastie, um das 7. Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich aber schon bedeutend früher. Die asiatischen Seefahrer bewältigten eine Distanz von mindestens 6000 Seemeilen, rund 11.000 Kilometern. Münzfunde und Tonscherben bestätigen ihre Anwesenheit.

Unter der Dynastie der Tang hatten Kaufleute aus Kanton auch regelmäßigen kommerziellen Kontakt mit Ceylon. Chinas Seefahrer erreichten den Golf von Persien, Arabien und kamen an der afrikanischen Küste bis zum Kap der guten Hoffnung. In den Annalen wird berichtet, daß bis zu 400 chinesische Schiffe „mit wertvollen und teuren Waren beladen“ sich im Golf von Persien aufhielten. Marco Polo berichtet, er habe zur See in einer Dschunke Indien erreicht und sei auf dem Landweg wieder nach China zurückgekehrt. Die „See-Expedition“ umfaßte 40 Schiffe von recht unterschiedlicher Größe, auf denen insgesamt an die 1500 Personen und deren Proviant für zwei Jahre transportiert wurden. Nach dreimonatiger Seereise erreichte die Flotte die Insel Sumatra, von dort segelte man weiter, um nach 18 Monaten wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren.

Dies alles beweist zumindest zweierlei: Erstens die Befähigung, große Schiffsexpeditionen zu konzipieren, auszurüsten und durchzuführen, und zweitens das Vorhandensein einer recht respektablen seemännischen Tradition im alten China. Denn ohne Tradition, ohne Wissen und ohne Erfahrung wäre man wohl kaum in der Lage gewesen, derartige Unternehmen ins Auge zu fassen und zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen.

Wir wissen, daß ostasiatische Seefahrer Australien erreicht haben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Neuseeland. Und wir wissen von einem recht lebhaften Seeverkehr im indonesischen Raum, wobei natürlich nicht nur Dschunken verwendet worden waren, sondern auch andere Schiffsformen, denen man noch heute dort begegnet.

Die asiatischen Gewässer waren seit je Schauplatz großer nautischer Leistungen. Indische Seefahrer und Kaufleute hatten mit Ostasien ebenso Kontakt wie Ostasiaten mit Indien. Die heutige vietnamesische Stadt Da Nang etwa war eine indische Kolonialniederlassung. Die Berichte arabischer Seefahrer sind weitgehend bekannt; weniger sind es die nautischen Leistungen der Polynesier, die, wenn auch erst recht spät durchgeführt, doch ein sehr bezeichnendes Licht auf die seemännische Begabung der Völker und Rassen im Fernen Osten und im Pazifischen Raum werfen.

So erreichten etwa die Bewohner der Marquesas-Inseln Hawaii und über Tahiti Neuseeland; ohne Kompaß, geleitet nur von den Sternen, durchfuhren sie eine Strecke von 3300 Meilen, etwa 6000 Kilometer. Diese Kontakte, die etwa 1000 n. Chr. stattfanden, konnten durch gleichartige Funde auf Neuseeland, Hawaii und den Marquesas-Inseln bewiesen werden. Der polynesische Seefahrer Cupe begann – so berichtet eine Sage – allein eine abenteuerliche Reise von Tahiti, als er einen riesigen Tintenfisch fangen wollte. Das Tier floh, und Cupe folgte ihm und entdeckte das größte Land Polynesiens, Neuseeland. Er folgte dem Tintenfisch bis in die Cook-Straße vor der Nordinsel, erlegte ihn und kehrte auf seine Heimatinsel zurück. Andere befuhren die von Cupe entdeckte Route wieder und kolonisierten das neue Land.

See- und Landkontakte zwischen dem Fernen Osten und Persien, ja Europa waren bekannt. China tauschte mit Rom Gesandte aus, Kaiser Mark Aurel wird in den Annalen als „Kaiser An Tun“ bezeichnet, Rom als Ta chien.

Die Ausweitung des Handels zwischen West und Fernost bezeugt vor allem der sogenannte „Periplus Maris Erythraei“, ein Segelhandbuch ägyptisch-griechischer Kaufleute aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr., das aber eindeutig auf ältere Quellen zurückgeht. Es beschreibt Seewege, fremde Länder, deren Handelsplätze und Erzeugnisse. In einem Kapitel ist auch von Fahrten ins Land „Thinae“ die Rede. Hier taucht zum erstenmal in der antiken Literatur das Wort für Südchina auf; nördlich von Thinae liegt, wie der Periplus erwähnt, das Seidenland der Serer.

So tätig auch die alten Chinesen als Seefahrer gewesen sein mochten – nachfolgenden Generationen haben sie herzlich wenig überliefert. Wir konnten ein Lied davon singen. Weder in den Museen von Paris und London noch in den Niederlanden, Skandinavien oder im deutschsprachigen Raum fanden wir eine exakte Beschreibung eines altasiatischen Schiffes. Audemards Angaben waren noch allemal die detailliertesten. Gewappnet mit ihnen und eigenem Material machte sich Carl Frederik daran, weitere Vorarbeit zu leisten.

In der Zwischenzeit suchte auch ich weiter denn es erschien mir undenkbar, daß keine Berichte aus dem alten China überliefert sein sollten, seien es Beschreibungen von Reisen, seien es Darstellungen alter Schiffe. Wir mußten ein Schiffsmodell finden, das etwa um Christi Geburt verwendet worden war, aber bereits einen Entwicklungsstand aufwies, der einige Jahrhunderte Hochsee-Erfahrung belegen konnte. Wir suchten nicht einen Archetyp, sondern ein Boot, das auf relativ hohes seemännisches Können hinweist, andererseits sollte es aber auch nicht ein „beinahe heutiges“ Dschunkenmodell sein.

Neben der Suche nach dem Schiff beschäftigte uns die Suche nach jenem Kurs, den die altasiatischen Seefahrer am wahrscheinlichsten eingeschlagen hatten. So suchten wir ebenso nach Berichten, die auf derartige Seereisen hinwiesen.

Grundsätzlich waren vorerst zwei Routen anzunehmen. Erstens eine in Land- oder Küstennähe. Das heißt, aus dem Raum von Kanton durch die Formosa-Straße, entlang der Ostküste Japans und der Kurilen bis zur Südspitze Kamtschatkas auf etwa 50° nördlicher Breite und 160° östlicher Länge, dann südlich der Aleuten bis etwa zu der Alaska vorgelagerten Insel Kodiak, dann nach Südosten abschwenkend entlang der nordamerikanischen Küste bis nach Mittelamerika. Eine Fahrt in den Stürmen und der Kälte des Nordpazifiks. Doch nur bei erstem Hinsehen erwies sich diese Route als eine sehr schwierige. Die ständige Nähe des Festlands, die Möglichkeit, die Fahrt immer wieder zu unterbrechen, die Expedition auf einen langen Zeitraum auszudehnen, erschien recht verlockend. Zudem kam die Annahme, daß die ersten Seefahrer, die von Ostasien aus den Pazifischen Ozean bezwungen hatten, möglicherweise nicht auf direktem Wege die See überquerten, sondern von Insel zu Insel weiter vordrangen. Der Faktor Zeit hatte für sie sicher keine Rolle gespielt. Wenn man davon absieht, daß die ersten Asiaten, die irgendwann im ersten Jahrtausend vor Christus Mesoamerika erreichten, Schiffbrüchige waren, so schien vorerst die „Aleuten-Route“ der sinnvollste Weg zu sein. Zudem fanden wir tatsächlich Quellen, die von chinesischen Reisen über diese Route berichteten. Nachrichten in ein sagenumwobenes Land, Reisen nach „Fu Sang“.

Es berichtete Hui Shen, Mönch, Kaufmann und Missionar, von einer Reise, die ihn 40 Jahre lang von China fernhielt und von der er 499 n. Chr. zurückkehrte. Diese Erzählung steht in den offiziellen Annalen des Reiches der Mitte – was freilich noch nichts über ihren Wahrheitsgehalt aussagt, denn in den chinesischen Annalen haben neben historischen Fakten stets auch Poeten und Schriftsteller mit ihren Werken Aufnahme gefunden. Die Geschichte des Hui Shen wurde erstmals 1761 ins Französische übersetzt und im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Der Engländer Charles G. Leland stellte den Bericht des seefahrenden Mönches als Zentralkapitel in sein 1875 erschienenes Buch „Fu Sang und die Entdeckung Amerikas“. Darin beschäftigte er sich mit der frühen Geschichte Zentralamerikas, mit den Sprachähnlichkeiten, die er zwischen Asien und Amerika entdeckt zu haben glaubte, und spricht über Navigationsmöglichkeiten über den Pazifik.

Wer war nun dieser sagenhafte angebliche Frühentdecker Amerikas? Sein Name lautet frei übersetzt „Der sehr Kluge“. Er stammte offensichtlich aus Afghanistan, war Buddhist, vielleicht Priester, meist wird er als Mönch bezeichnet. Er kam als sehr junger Missionar um das Jahr 450 nach China, in einer Zeit der gewaltigen Expansion des Buddhismus, und große Missionsreisen, sei es zu Land oder zur See, waren in dieser Zeit nichts Außergewöhnliches. Dieser Hui Shen nun scheint China sehr schnell wieder verlassen zu haben, und zwar in Begleitung von vier anderen jungen Priestern oder Mönchen.

Die jungen Missionare reisten in einer Dschunke zur See, um die Bewohner neuer, noch unbekannter Länder zu bekehren. Dazu ist zu sagen, daß sich auf diesem Schiff zweifellos mehr als fünf Mann befunden haben müssen, aber offenbar rechnete Hui Shen nur seine Amtskollegen zur wahren Kerntruppe seiner Mission. In seinem Bericht schreibt Hui Shen, daß er nordöstlich von Japan zum Land Ta Han segelte (dem heutigen Kamtschatka) und von dort 20.000 li (das sind etwa 6600 Seemeilen oder rund 12.000 Kilometer) nach Osten bis in das Land „Fu Sang“.

Die Entfernung und die beschriebene Richtung weisen darauf hin, daß er entlang der Küste, die Aleuten berührend, nach Alaska und von dort vor der Westküste Amerikas bis nach Mexiko gefahren ist. Dort verweilte er mit seinen Begleitern 40 Jahre, studierte das Land, lernte und lehrte. Nachdem er als alter Mann zurückgekehrt war, überbrachte er seinem Herrscher in China, dem Kaiser Wu Ti, Geschenke aus dem entdeckten Land und gab ihm einen detaillierten Bericht über seine „Expedition“.

Hier soll festgehalten werden, daß der Name „Fu Sang“ für den chinesischen Herrscher keineswegs etwas Neues bedeutet haben dürfte. Schon lange bevor Hui Shen zu seiner großen Reise aufbrach, war von dem sagenhaften Land „Fu Sang“ berichtet worden, einem asiatischen Atlantis, einem sagenumwobenen Paradies jenseits des großen Ozeans, wo sogar das Kraut der ewigen Jugend zu finden sein sollte. Alles sollte in diesem Land schöner und größer sein, „selbst die Seidenwürmer erreichen eine Länge von zwei Metern“. In China war und ist teils auch noch heute der Begriff Fu Sang gleichbedeutend mit „phantastisch“ – Kaufleute verkaufen Fu-Sang-Seide oder Fu-Sang-Porzellan und meinen damit, daß es sich um ganz besonders wertvolle, beinahe überirdische Ware handelt.

Im Gegensatz zu vielen Fabelberichten scheint Hui Shen tatsächlich existiert zu haben, und man kann annehmen, daß seine Berichte recht ernst genommen wurden. […] Ferner zeichnet sich der Bericht Hui Shens durch ziemliche Exaktheit aus, durch distanzierte Beschreibung und klare Darlegung der Fakten. Die von ihm eingeschlagene Seeroute über Japan, Kamtschatka, die Aleuten, Alaska und entlang der Westküste Amerikas war sicher auch von einem primitiven Schiff zu bewältigen – wahrscheinlich gefahrloser als eine Fahrt über den offenen Ozean. Die Nordreise entspricht einem Inselspringen, und nur die Strecke von der Insel Kamandorskije östlich von Kamtschatka zur ersten Insel der Aleuten-Kette auf etwa 171° westlicher Länge und 52° nördlicher Breite bringt den Seefahrer in relativ offenes Meer. Auf einer Wegstrecke von etwa 200 Seemeilen befindet sich keine Insel, kein festes Land. Doch auf allen anderen Passagen der Reise ist das Schiff nirgends mehr als 100 Meilen von festem Land entfernt; der überwiegende Teil ist in Sichtnähe zu Inseln zu absolvieren. Ebendiese Reiseroute beschreibt der buddhistische Entdecker genau.

Im übrigen – und dies scheint bei Hui Shens Darlegungen am auffallendsten – liefert er sehr genaue Beschreibungen von Land und Leuten, denen er auf seiner Fahrt über die Nordroute begegnet war. Er berichtet zum Beispiel: „Das Land der gezeichneten Körper liegt etwa 7000 li nordöstlich von Japan. Seine Bewohner haben Zeichnungen und Streifen am Körper – wie wilde Tiere… wenn diese Streifen lange, breit und gerade sind, so gehört die betreffende Person der Oberklasse an, sind die Zeichen klein und gekraust, so sind ihre Träger der Unterklasse zuzuzählen…“

Es ist bekannt, daß Form und Art der Tätowierung mancher Stämme in Alaska jeweils die Position des Trägers in der Stammeshierarchie andeutet.

Manche Beschreibung Mesoamerikas überrascht. Hui Shen berichtet: „Sie haben ein Schreibsystem, aber sie besitzen keine bewehrten oder ummauerten Städte, keine Waffen und keine Soldaten. In diesem Königreich wird nicht Krieg geführt.“ Der Amerikanist Ignacio Bernal beschreibt in seinem Buch „Mexico before Cortes“ jene Zeit, in die Hui Shens Aufenthalt in Mesoamerika fallen könnte, als das „Goldene Zeitalter“. Man spricht auch von der klassischen Periode. Schriftsysteme waren geläufig, die Kenntnisse der Mathematik erstaunlich. Die phanstastischen Städte der alten Amerikaner – die der Maya oder die der bis heute unbekannten Bauherren der Götterstadt Teotihuacan – kannten keine Befestigungsanlagen.

„Die Erde enthält kein Eisen“, berichtet Hui Shen seinem Kaiser, „aber Kupfer ist bekannt. Das Volk legt nicht großen Wert auf Gold und Silber.“ Eisenlager existierten, aber sie wurden vor der spanischen Conquista nicht ausgebeutet. „Metall hatte für die amerikanischen Kulturen nie eine allzu große Bedeutung“, meint Dr. Bernal. „Metall wurde eher zum Luxusgebrauch verwendet als für praktische Dinge.“

Der Reisende brachte ebenso Informationen über die gesellschaftliche Hierarchie der von ihm besuchten Länder mit, berichtete über Sklaverei, Verbrechen, Gerichtswesen, Bräuche, Begräbnisriten usw. Viele seiner Angaben sind nicht mehr zu überprüfen, weil auch der heutigen Forschung exakte Informationen über Details aus jener Zeit fehlen. Teotihuacán etwa ist zwar restauriert und zur großen Touristenattraktion nahe von Mexico City ausgebaut worden. Doch auch der modernen Wissenschaft ist es bis heute nicht gelungen festzustellen, woher jenes Volk kam, das da aus dem Nichts eine derartige Tempelanlage baute. Selbst den Azteken waren die Erbauer dieser Stadt schon unbekannt, sie nannten die Ruinenstätte „den Ort, an dem die Götter wohnten“ und berichteten den Spaniern, daß hier einst Riesen gehaust hätten.

[….]

Hui Shens Reisebericht steht nicht allein da. Im Jahre 219 v, Chr. berichtete Hsü Fu, Taoist, Gelehrter und Alchimist, dem Kaiser Shih Juang Ti von drei sagenhaften Inseln, die sich in der Mitte des Ostmeeres (also dem Pazifischen Ozean) befänden und von Unsterblichen bewohnt seien. Der Kaiser ließ eine Expedition ausrüsten, und obwohl  er sich sehr bald und sehr drastisch über deren Kosten beklagte und sein Forschungsbudget überlastet sah, schickte er Hsü Fu auf die Reise. Über diese Reise gibt es in der chinesischen Literatur eine Fülle von Beschreibungen; die aufschlußreichste findet sich in der Biographie des Prinzen Huai Nan. Hier der Text:

„Shih Huang Ti schickte Hsü Fu über die See, um nach Wunderwesen und fremden Dingen zu forschen. Nach seiner Rückkehr erzählte Hsü Fu: Mitten im Ozean auf einer Insel traf ich einen großen Magier, der zu mir sagte: Bist du der Gesandte des Kaisers aus dem Westen? Und ich antwortete ihm, daß ich es sei. Weshalb kommst du? Fragte er, und ich antwortete, daß ich nach den Mitteln suchte, die das Leben verlängern. Die Gaben deines Königs sind eher arm, sagte er. Du kannst diese Pflanzen sehen, aber du kannst sie nicht mitnehmen.

Dann fuhren wir weiter nach Südosten und kamen zu Pheng Lai, und ich sah die Tore des Chih-Cheng-Palastes, vor dem ein Wächter stand, von metallener Farbe und in Gestalt eines Drachen, der den Himmel erleuchtete mit seinen Strahlen. An diesem Platze huldigte ich dem See-Magier zweimal und fragte ihn, welche Geschenke wir ihm bringen sollten. Er antwortete: Bringe mir junge Männer edler Abkunft und Erziehung, zusammen mit geeigneten Jungfrauen – und Handwerker aller Gewerbe, dann wirst du dein Zaubermittel bekommen.

Shih Huang Ti war sehr erfreut und stellte Hsü Fu 3000 junge Männer und Mädchen zur Verfügung, gab ihm eine ausreichende Sammlung von Samen der fünf Getreidearten und Handwerker jeder Art, danach setzte die Flotte wieder die Segel. Hsü Fu muß eine ruhige und fruchtbare Ebene gefunden haben, mit ausgedehnten Wäldern und ergiebigem Marschland, wo er sich selbst zum König machte – auf jeden Fall kehrte er niemals mehr nach China zurück.“

Er war also in dem Land, aus dem man „nicht mehr zurückkehrt“, verschwunden. Aber es erscheint durchaus möglich, daß sich hinter dieser Erzählung von Hsü Fus Verschwinden über das große Ostmeer eine Seereise zum amerikanischen Kontinent verbirgt. Auffallend sind die Hinweise auf die Zahl der geforderten Männer und Frauen, auffallend, daß Getreidesamen mitgenommen wurden, noch viel bedeutsamer ist der Hinweis auf die Handwerker aller Gewerbe – unter denen sich sicherlich auch Künstler befunden haben kochten. Sie alle wären eine Erklärung für eine transpazifische Einwanderungswelle in die Neue Welt, die manche unerklärbare Phänomene erhellen könnte. Die erläutern könnte, warum kulturelle wie handwerkliche Leistungen so plötzlich in Amerika auftauchten; die klären könnte, wie es zu einem solch erstaunlichen Höhenflug gekommen ist. Denn eines kann man ohne Frage annehmen: Erfolgte eine Einwanderung nach Amerika aus Asien, so mußten diese Ankömmlinge in der Neuen Welt über Wissen verfügt haben, das weiterzugeben wert war. Gestrandete Fischer dürften dazu kaum in der Lage gewesen sein. Sehr wohl aber Künstler und Handwerker. Das Wissen, das sie aus ihrer Heimat nach Amerika gebracht haben mochten, war ohne Zweifel geeignet, den dort ansässigen Kulturen sehr wesentliche Impulse zu geben.

Der Bericht über Fu Sang, die Berichte des Buddhisten Hui Shen, die große Zahl anderer Erzählungen, Fabeln und Mythen von Reisen über das große Meer nach Osten, vor allem die Berichte über Hsü Fu werden kaum je bestätigt werden. Wir können aber aus ihnen herauslesen, daß ganz offenkundig schon in sehr früher Zeit weite Seereisen unternommen wurden, daß in China spätestens im 3. Jahrhundert v. Chr. die Existenz eines sagenhaften Landes im Fernen Osten jenseits des großen Ozeans bekannt war, und wir können ihnen entnehmen, welche Segel, welche Schiffe, welche Schiffstypen diese sagenumwobenen Siedler verwendet haben mochte, um über das weite Wasser zu steuern.

*   *   *

Nach Schilderung der Überlegungen, die schließlich zur Wahl der Route über den offenen Nordpazifik führte, wo man mit dem Kuroshiostrom würde segeln können, erläutert Knöbl noch, welche fünf Landepunkte vorkolumbischer Seefahrer aus Asien ihm und seiner Gruppe denkbar schienen, und schreibt dabei:

Vor allem in Guerrero sind Terrakotten gefunden worden, Darstellungen menschlicher Gesichter und Figuren, die zu erstaunlichen Schlüssen führen können. Aus der vorklassischen Zeit stammen etwa Figuren, die unbedingt an archaische japanische Terrakotten der Jom-On- und der Haniwa-Kultur erinnern. Ähnliche Darstellungen wurden übrigens auch in Ecuador gefunden.

Ein Terrakottakopf aus dem Balsasgebiet von Guerrero, ein Mann mit buschigen Augenbrauen und einem langen Vollbart, befindet sich seit dreißig Jahren im Natural History Museum von New York. Obwohl lange, weit über das Kinn reichende Vollbärte wohl ein recht atypisches Rassemerkmal der Bewohner Altamerikas sind, fand man in den folgenden Jahren eine ganze Reihe von Figuren mit klar modellierten Bärten.

Die verblüffendsten Hinweise auf Kontakte mit der Alten Welt geben Terrakottaplastiken aus Mexiko. Sie stammen durchweg aus der Zeit vor der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus. Die Variationsbreite ist fast unglaublich: Man sieht sich einem Querschnitt durch die Erdbevölkerung gegenüber, von Ostasien über den Mittelmeerraum bis nach Schwarzafrika – alle menschlichen Rassen scheinen in diesen Darstellungen vertreten zu sein. Und die bisweilen atemberaubende Porträtdichte dieser Figuren soll nichts anderes sein als das Produkt der Phantasie der anonymen indianischen Künstler? (Nach Alexander von Wuthenau.)

Eine der ganz großen Sammlungen präkolumbischer Terrakotten ist im Besitz des Amerikanisten Alexander von Wuthenau, eines Großneffen des in Sarajevo erschossenen österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, der heute in Mexico City lebt. In seinem Buch „Altamerikanische Tonplastik“ schreibt Wuthenau: „Wenn man die Abbildungen (der Figuren und Köpfe) der Reihe nach aufmerksam und gründlich betrachtet, überkommt einen auf einmal ein ganz eigenartiges Gefühl hinsichtlich dessen, was wir bisher als Frühgeschichte Amerikas bezeichnet haben. Ich habe in dieser ehrenwerten Runde bislang noch keine wirklichen Indianer entdecken können.“ Einen Großteil der Funde machte Wuthenau im Staat Guerrero.

* * *

„Mittelmeerraum“… man beachte den Herrn in der unteren Reihe, 2. von rechts! Auch bezüglich des nachzubauenden Schiffstyps wird man endlich fündig:

Das Schiffsmodell, nach dem unsere Dschunke gebaut werden sollte, war bei Ausgrabungen gefunden worden, die seit 1954 in der Gegend von Kanton durchgeführt wurden. Es befindet sich heute im Museum von Kanton. Der britische Sinologe Joseph Needham sah es vermutlich als erster westlicher Wissenschaftler und beschrieb es dann ausführlich im Band IV/3 seines Werkes „Science and Civilization in China“, der 1971 erschien.

Nach diesem Tonmodell einer Dschunke, eine in der Nähe von Kanton gefundene Grabbeigabe aus der Han-Zeit (um 100 n. Chr.), wurde die „Tai Ki“ gebaut. Aufgenommen im Museum von Kanton.

Nach den Mutmaßungen chinesischer Archäologen stammte das etwa 50 cm lange Schiffsmodell, eine Grabbeigabe, aus der zweiten Han-Dynastie. Man nahm an, daß es um das Jahr 100 n. Chr. gebaut worden war. „Das Modell“, schrieb Carl Frederik, „scheint so genau zu sein, daß man es selbst nach Photos nachkonstruieren kann. Ich lasse mir jetzt alle chinesischen Texte über das Schiff übersetzen. Haltet mir die Daumen.“

* * *

So sah die aufgrund dieses Modells konstruierte „Tai Ki“ dann aus (auf diesen Darstellungen nicht enthaltene Maße: Länge über alles 20,10 m, Länge über Deck 18,23 m, Länge an der Wasserlinie 13,05 m, Tiefgang 1,05 m):

Nach unzähligen Schwierigkeiten und Verzögerungen durch unzuverlässige chinesische Lieferanten, schleppende Verhandlungen mit selbigen, einen chinesischen Werftunternehmer, der alle Zeit der Welt zu haben schien, und bürokratische Hürden geht die „Tai Ki“ am 18. Juni 1974 endlich mit acht Mann aus Österreich, Deutschland, Dänemark, Irland, Großbritannien und den USA in See – viel später, als man vorgehabt hatte, um der Taifunsaison sowie den Hurrikanen, die im Herbst an der mittelamerikanischen Küste zu erwarten waren, mit reichlich zeitlichem Spielraum zuvorzukommen.

Unterwegs müssen sie sich erst nach und nach mit der Handhabung und dem Verhalten ihres Schiffes vertraut machen, denn, wie Knöbl schreibt, ist Dschunkenschiffahrt und Schiffahrt mit historischen Bootstypen kaum zu lernen und wird kaum gelehrt. Mattensegel verhalten sich anders als Leinensegel, Bambusrahen sind anders als solche aus Holz, und „jedes Schiff, speziell so besonders gefügte wie hölzerne Boote, hat sein eigenes Leben, folgt eigenen Gesetzen, die selbst sein Erbauer nicht bis ins Detail vorausplanen kann, sondern erst nach langer Gewöhnung zu erkennen imstande ist“. Und die Taifune lassen nicht lange auf sich warten.

Zwischen den Stürmen wird die Fahrt immer wieder durch Flauten verzögert, und Anfang September stellt die Besatzung fest, daß das immer stärker eindringende Wasser auf Befall mit Schiffsbohrwürmern (Teredo navalis) zurückzuführen ist. Diese Tiere, die eigentlich Muscheln sind, entwickeln sich aus Eiern, die sich bei bestimmten Temperaturen in stillen Gewässern an Holzoberflächen festsetzen, und fressen sich ins Holz hinein, bohren mit ihren zu Bohrköpfen umgebildeten Schalenklappen am Vorderende Gänge und wachsen dabei auf bis zu 30 cm Länge heran. Im Süßwasser oder auf dem Trockenen sterben sie innerhalb von 24 Stunden ab.

Anders als die historischen Dschunken, die im Süßwasser von in Flußmündungen gelegenen Häfen gebaut und von dort aus betrieben wurden, war die „Tai Ki“ im Salzwasserhafen von Hongkong gebaut worden, weil das damalige Rotchina für solch ein Vorhaben verschlossen war. Dort hatten sich, auch begünstigt durch die infolge der vielen Verzögerungen verlängerte Liegezeit, trotz der Imprägnierung mit Tung-Öl Bohrwürmer an ihrem Rumpf festgesetzt, und durch die infolge Flauten und ungünstige Winde in die Länge gezogene Fahrt hatten sie Zeit zu wachsen. Die Männer entschließen sich, weiterzufahren und die Bohrwurmlöcher von innen auszuschälen, die Muscheln zu töten und die Löcher mit zurechtgeschnitzten Holzkeilen wieder abzudichten. Zwei Tage nach dieser Entdeckung geht Kapitän Carl Frederik Grage mit dem Taucheranzug ins Wasser, um sich den Befall von außen anzusehen. Was er dort sieht, schockiert ihn: Das Schiff ist von Tausenden, vielleicht Zehntausenden Teredos befallen; wie viele es wirklich sind, kann er gar nicht feststellen.

Noch einen Monat halten die Männer der „Tai Ki“ durch, immer wieder von Stürmen heimgesucht, während sie den Kampf gegen die Bohrwürmer in den immer mehr einem Sieb gleichenden Bordwänden fortsetzen und immer mehr Zeit an den Pumpen verbringen müssen. Schließlich setzen sie über Funk einen Notruf ab und werden am 9. Oktober 1974 von einem Containerschiff geborgen. Die „Tai Ki“ wird aufgegeben und geht irgendwann danach unter, ungefähr in der Mitte zwischen Alaska und Hawaii, 2000 Seemeilen oder ungefähr 40 Reisetage von der amerikanischen Küste entfernt.

Es ist also durchaus plausibel, daß altchinesische Dschunken, die in Süßwasserhäfen gebaut und von dschunkenerfahrenen Seeleuten rechtzeitig auf den Weg gebracht wurden, Mittelamerika erreichen konnten. Wie Kuno Knöbl im Nachwort seines Buches schreibt, hat ein Amerikaner namens Charles Brooks im Jahr 1882 ein Buch über Funde von aus Asien stammenden Wracks veröffentlicht, die an der amerikanischen Westküste gestrandet waren und die er fast 40 Jahre lang hatte registrieren lassen, wobei von Alaska bis Acapulco mehr als fünfzig solcher Wrackfunde zusammengekommen sind. Damit wollte er beweisen, daß die Strömungen im Pazifischen Ozean derart sind, daß selbst führerlos gewordene Schiffe von Asien nach Amerika getrieben werden.

Dies, die alten Reiseberichte, Knöbls Expedition und die Funde aus dem präkolumbischen Mesoamerika sind nicht nur recht überzeugende Indizien für eine Beeinflussung der damaligen Indianerkulturen aus Ostasien, sondern geben in Verbindung mit anderen rätselhaften Dingen Anlaß zur Spekulation, ob es nicht auch Einflüsse von der atlantischen Seite her gegeben haben könnte.

*   *   *   *   *   *   *   *

Nächster Teil: Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern von Cottie Arthur Burland

Bezüglich der Aztekenkultur siehe auch Amerindomerika, Euroamerika oder Muslimerika? von mir, mit einem übersetzten Artikel von Chechar.

Siehe auch Haben prähistorische Europäer Fahrzeuge mit Rädern erfunden? von Fjordman sowie Die Tocharer – Eine vergessene weiße Wanderung von Arthur Kemp.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

    Antwort
  2. pils

     /  August 20, 2017

    Hier passend zum Thema
    http://atlanteangardens.blogspot.de/2014/03/ancient-untouched-royal-tomb-found-in.html

    Interessant sind auch die anderen Texte.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: