Mesoamerika (2): Land zwischen den Wassern

Dieser mächtige Kopf ist einer von mehreren in La Venta. Sie sind alle gleich geheimnisvoll. Vielleicht sollten sie planetarische Gottheiten darstellen; aber es gibt keine sichere Erklärung ihrer Funktion. So sind sie für uns einfach glänzende Beispiele der Kraft olmekischer Kunst. Diese Kunst hatte später großen Einfluß.

Von Cottie Arthur Burland (Text) und Werner Forman (Fotos); Kapitel „Land zwischen den Wassern“ aus dem Buch DIE AZTEKEN. Menschenherzen für die Götter., Atlantis Verlag Luzern und Herrsching, 1986, ISBN 3-7611-0685-8; engl. Original: 1975. Bilder sowie Bildunterschriften ebenfalls von dort; Links im Text von Deep Roots für die Veröffentlichung auf „As der Schwerter“ eingefügt.

Zuvor erschienen: Mesoamerika 1 – Transpazifische Kontakte von Deep Roots auf Basis des Buches „Tai Ki – Reise zum Ort ohne Wiederkehr“ von Kuno Knöbl.

Land zwischen den Wassern

Mexiko trug in alten Zeiten den Namen Anahuac, was einfach „Land zwischen den Wassern“ bedeutet. Es ist ein Bergland zwischen dem Karibischen Meer und dem Pazifik. Im Westen bilden die Kordilleren einen Teil der großen Gebirgsketten, die sich von Alaska bis nach Feuerland an der Südspitze des amerikanischen Kontinents erstrecken. In Mexiko teilen sich die Ketten und schließen ein Hochland ein, auf dem sich ein großer Teil der Geschichte des Landes entwickelte und in dessen Herzen heute Mexiko City liegt. In alten Zeiten waren die Küstenstriche dicht bewaldet, die Hochebene bestand meist aus Grasland. Die wenigen Flüsse waren reißend, und das Klima war beständig mit einem heißen, feuchten Sommer, einem kurzen Winter und einer sonnigen Trockenzeit im ersten Jahresviertel.

Die Bevölkerung Mexikos bestand ganz aus Indianern. Es gab viele unterschiedliche Stämme, alle mehr oder weniger braunhäutig, von ziemlich kleiner Gestalt, mit braunen Augen und glattem, glänzend schwarzem Haar. Von Anbeginn an gab es bei den Indianern ein Gemisch von Körpertypen; einige waren stämmiger gebaut als andere, und einige hatten lange Schädel, andere breite. Die Unterschiede waren nicht stammesbedingt; sie kamen in jedem Stamm vor und zeugten von der rassischen Vielfalt der Indianer insgesamt.

Die ersten Indianer müssen nach Amerika über eine eisfreie, aber bitterkalte Ebene gekommen sein, da wo jetzt die Beringstraße den Weg versperrt. Diese Leute drangen langsam südwärts vor, jagten Wild und sammelten Früchte. Es gibt klare Hinweise dafür, daß dies vor wenigstens 27.000 Jahren begann, und neuerliche Funde deuten sogar auf noch frühere Bewegungen bis vor 50.000 Jahren hin.

Der Schlüssel für den Anfang der Kultur war die Entdeckung der Landwirtschaft. Wie im alten Iran Weizen und Gerste, so wurde im nördlichen Mexiko Mais entdeckt; und zwar offensichtlich vor etwa sieben- bis achttausend Jahren. Der Mais, der damals nur zwei Körner trug, ist durch menschliche Mühe zu der prächtigen Pflanze mit den großen Kolben geworden, die wir heute kennen. In jener frühen Zeit taten die Stämme, die zwischen Perioden des Jagens ein paar Stückchen Land mit Mais bepflanzten, die ersten Schritte auf eine neue, beständige Lebensweise zu.

Die Entwicklung landwirtschaftlicher Siedlungen in Mexiko ging langsam vor sich, und erst von 1800 v. Chr. an gibt es Zeugnisse für dörfliches Leben. Diese frühen Siedlungen bestanden aus nichts weiter als ein paar zusammengewürfelten Hütten aus Adobeziegeln. Dennoch haben Archäologen an diesen Stellen viele sehr schöne, aus Steatit geschnittene Kochschalen gefunden. Ein paar Jahrhunderte später jedoch trat Tonware an deren Stelle. Alle Dörfer fertigten Tierfigurinen, wahrscheinlich für einen Fruchtbarkeitskult. Aus ihnen geht hervor, daß die Frauen, abgesehen von Schmuck und Körperbemalung, nackt waren, während die Männer meist ein Lendentuch trugen. Die Hauptnahrung war Mais, aber zusätzlich ließen sich Früchte und Fleisch leicht besorgen. Da die Dörfer des Hochlandes ebenso wie entferntere Gegenden beträchtliche Stilunterschiede aufweisen, muß man annehmen, daß Mexiko in den frühen Jahrhunderten seiner Geschichte von vielen kleinen, unterschiedlichen Menschengruppen bevölkert war.

Die bekannteste Stätte dieser Dorfkulturen lag bei Tlatilco, heute am Außenrand von Mexico City. Hier taucht unter den lokalen Erzeugnissen eine andere Art von Tonfiguren auf, die Menschen mit Kleinkinderkörpern und –gliedern darstellen. Sie sind kunstvoll gemacht und mit den Arbeiten der sogenannten Olmeken verwandt. Der Ursprung der Olmeken ist noch umstritten. Insgesamt scheinen die Steinskulpturen im Olmekenstil in Chalcatzinco am Rand des Hochlandes früher als die berühmteren Skulpturen von der Golfküste Mexikos zu sein. Die Hauptstätte für diese Kultur ist La Venta im Staat Vera Cruz. Dort finden sich unter vielen Zeugnissen, darunter die ältesten Pyramiden Mexikos, typische Reliefs von dem in Chalcatzinco entwickelten Typ. In La Venta und im nahe gelegenen Tres Zapotes gab es mehrere Riesenköpfe, die niemals einen Leib besaßen. Ob diese Köpfe planetarische Gottheiten darstellten, ist eine strittige Frage, aber sie verkörpern gewiß einen heute noch in Mexiko vorkommenden körperlichen Typ mit hoher Stirn, dicken Lippen, breiten Nasenlöchern und glattem Haar.

Die Olmeken waren auch Meister in Jadearbeiten. Jade fanden sie innerhalb ihres Gebiets in Mexiko. Sie bevorzugten deutlich die blaugrauen Sorten. Der olmekische Stil findet sich in den meisten Gebieten des Landes; allerdings wurde in Oaxaca statt Jade ein grüner kristalliner Stein verwendet.

Die Olmeken scheinen im 5. Jahrhundert v. Chr. vertrieben worden zu sein, und Mexiko blieb etwa drei Jahrhunderte ohne eine hochentwickelte Kultur, wenngleich Dorfkulturen weiter blühten und die Kunstfertigkeit Fortschritte machte. Was mit den Olmeken geschah, ist fraglich. Eine ihrem Stil ähnliche Kunst erscheint wieder in Oaxaca bei Monte Alban im 2. Jahrhundert v. Chr., und einige ihrer Symbole tauchen in frühen Formen der Maya- und der zapotekischen Schrift wieder auf; aber ihr Ende ist ebenso ein Rätsel wie ihr Beginn.

In Südmexiko lebten die Mayasprechenden Stämme augenscheinlich als primitive Bauern, bis sich ihre charakteristische Kultur im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. ausbildete. Die Kunst der Maya scheint im 2. Jahrhundert n. Chr. ganz plötzlich eine hohe Entwicklungsstufe erreicht zu haben. Sie zeigt sich in Pyramidenbauten und der für Amerika einzigartigen Erfindung der Silbenschrift. Dies bemerkenswerte Volk entwickelte eine Kultur, in der die Kunst zum Realismus neigte und zu einem fast barocken Typ der Dekoration, die auf pflanzlichen Motiven beruhte. Interessant ist, daß sich bei ihren Skulpturen Entsprechungen der späteren aztekischen Gottheiten finden, darunter Kukulcan, entsprechend dem Gott der Winde und des Morgensterns, den die Tolteken später als Quetzalcoatl, Gefiederte Schlange, kannten. Ebenso gab es den schwarzen Gott Ek Chuah, der ähnliche Eigenschaften besaß wie der aztekische Tezcatlipoca, der Rauchende Spiegel. Diese wie mehrere andere Götter sind wohl archetypisch und in den unbewußten Tiefen der meisten mexikanischen Völker verankert.

Im 10. Jahrhundert n. Chr. brach die Maya-Kultur plötzlich und schrecklich zusammen, als die meisten alten und schönen Städte, die sie erbaut hatten, verlassen wurden. In späteren Zeiten lebten die Maya in einer Anzahl geringerer Stadtstaaten weiter und ernährten sich bis zur Ankunft der spanischen Eroberer vom Landbau und von Fischerei. Eine Zeitlang standen sie unter der Herrschaft der Tolteken, die mit Hilfe ihrer Arbeitskraft die Stadt Chichen Itzá auf der Halbinsel Yukatan ganz im Maya-Stil erbauten.

Die drei großen Reiche des alten Mexiko waren alle um Hauptstädte herum angelegt, die auf dem zentralen Hochland lagen. Die erste, Teotihuacan (200 v. Chr. – 650 n. Chr.), scheint mehr ein kulturelles als ein Machtzentrum gewesen zu sein, aber die Tolteken (750 – 1000 n. Chr.) bildeten ein großes Reich, das sich auf ihre Hauptstadt Tollan, heute Tula genannt, stützte. Das Aztekenreich, das von 1325 bis zum Fall Mexikos im Jahr 1521 andauerte, war das größte an Ausdehnung und Einfluß. Sein Mittelpunkt war die große Stadt Tenochtitlan, auf Inseln mitten im See des Mondes erbaut. Die Stadt wurde von den spanischen Eindringlingen zerstört, aber Mexico City, die Hauptstadt des modernen Mexiko, wuchs auf demselben Gelände.

Gleichzeitig mit den Maya der frühen Phasen lebten die Teotihuacános auf dem Hochland Zentralmexikos und trieben Handel mit ihnen. Sie werden nach ihrer Hauptstadt, etwa 30 km nordwestlich von Mexico City entfernt, genannt. Sie scheinen als eins der primitiven Bauernvölker begonnen zu haben, aber im 2. Jahrhundert fingen sie an, eine kleine Tempelpyramide in ihrem Dorf mit Schicht um Schicht von Lehm und Bruchsteinen zu bedecken und den neuen und riesigen Bau mit Steinen zu verblenden. Das ist heute die riesige Sonnenpyramide. Auf sie zu führte eine breite, von kleineren Plattformen flankierte Straße. Am anderen Ende stand eine weitere Riesenpyramide, dem Mond gewidmet, und lag ein großer, den Winden und dem Regen geweihter Hof. Dieser Komplex von Zeremonialbauten wurde später von einer Stadt umgeben, die etwa 10,5 km2 bedeckte. Das Wachstum dieser Zivilisation ist durch eine Steigerung der Qualität von Götterfiguren aus Ton und dem Auftauchen von Freskenmalerei gekennzeichnet. Die Kultur von Teotihuacán spiegelt sich in ganz Mexiko und in Guatemala wider, wo in Kamanaljuyu eine große, auf der Teotihuacán-Kultur beruhende, aber in enger Verbindung mit der Maya-Kultur stehende Stadt errichtet wurde. Unter den Göttern der Teotihuacános war Tlaloc, der Regengeist, der bedeutendste, aber auch die Gefiederte Schlange ragte in  der Verkleidung als Windgott heraus, und einige der Gottheiten zeigen die schwarze Gesichtsfarbe, die sich später mit dem Gott des Krieges verbindet, auch wenn er jetzt noch nicht als Rauchender Spiegel hervortritt.

Teotihuacán blühte bis etwa 650 n. Chr. Es wurde gewaltsam zerstört, aber die großen Pyramiden blieben als Mittelpunkte für Pilgerfahrten späterer Zeiten. Zweifellos haben die Teotihuacános die Grundlage für die spätere mexikanische Hochlandkultur gelegt. Sie haben wohl auch einen großen Teil der künstlerischen Entwicklung der Totonak-Völker an der Golfküste Mexikos angeregt, die bereits viel von der späteren aztekischen Religion vorausahnen ließen, besonders in den Skulpturen ihres heiligen Zentrums in Tajin.

Eine geringere Kultur an der pazifischen Küste Guatemalas gewinnt durch die Persönlichkeit ihrer Götter Bedeutung. Die Pipil, wie diese Menschen später genannt wurden, errichteten in ihren religiösen Zentren große Steinstelen, ähnlich wie die Maya, aber der Stil war eckiger, und die Datumssymbole waren denen verwandt, die später von den Azteken benutzt wurden. Die großen Denkmäler, heute meist in Berlin, zeigen Götter des Himmels. Einige stellen einen großen planetaren Schlangengott dar, eine Form des Quetzalcoatl, und andere zeigen einen Kriegsgott, der eine frühe Form von Tezcatlipoca sein kann. Eine Stele aus Santa Lucia Cozumahualpa stellte einen Venusdurchgang im Jahr 580 n. Chr. dar, zu einer Zeit, als Teotihuacán den größten Teil Mexikos beherrschte. Ein Jahrhundert später war dieser Kunststil in Zentralmexiko eingedrungen und findet sich in dem wundervollen kleinen Tempel in Xochicalco, der zweifellos Quetzalcoatl geweiht war. Zu dieser Zeit war Teotihuacán gefallen, und ihre Kultur war gesunken, obwohl sie in der kleineren Stadt Azcapotzalco weiterlebte, wo ihre Kunst mit stilistischen Einflüssen aus Guatemala verschmolz.

Obwohl man heute sicher weiß, daß das kalendrische System der nächsten herrschenden Macht in Mexiko, das der Tolteken, aus Guatemala gekommen war, zeigt die einheimische historische Tradition ebenso sicher ein Einsickern von Stämmen aus dem Norden. Sicherlich war die toltekische Sprache, Nahua, den Sprachen einiger nordamerikanischer Stämme verwandt. Man muß also annehmen, daß die toltekische Kultur gemischten Ursprungs ist. Kleidung und Kultur der Tolteken, die ihren Mittelpunkt in Tollan (heute Tula, Hidalgo, etwas mehr als 32 km nördlich von Mexico City) im 8. Jahrhundert errichteten, waren der der späteren Azteken ähnlich.

In der toltekischen Hauptstadt Tollan (Tula) bildeten diese 5,50 m hohen Säulen einen Teil eines großen Säulengangs, der zur zentralen Pyramide führte. Sie stellen die strengen Figuren toltekischer Krieger dar, auf deren Kampfesmut sich das Toltekenreich stützte. Ihre Kopfbedeckungen waren aus Muscheln und Federn gefertigt, ihre Lendentücher mit Lederschnüren gebunden.

Mit den Tolteken betreten wir den Boden aufgezeichneter Geschichte, auch wenn er mit dem Mythos des Gottes Quetzalcoatl beginnt, der vom obersten Gott gesandt war, ein irdischer König zu sein. Dieser Gottkönig war ein guter Herrscher, wurde aber Opfer einer Versuchung durch die Hexengöttin. Er ließ sich von dem Zauberpilz berauschen, den sie hütete, und in euphorischer Benommenheit verkehrte er geschlechtlich mit ihr. Als er zu sich kam, wußte er, daß er die geheiligten Überlieferungen gebrochen hatte und Mexiko verlassen mußte. Er nahm seine Zwerge und andere Geschöpfe mit sich, die schließlich alle auf der Reise starben. Dieser Mythos kann als Allegorie des Verschwindens der Sterne und des Planeten Venus beim Herannahen des Sonnenaufgangs gesehen werden.

Als Quetzalcoatl die Küste erreichte, schiffte er sich auf einem aus Schlangenhaut gefertigten Floß ein und segelte gen Sonnenaufgang. Er wurde vom Feuer der aufgehenden Sonne verzehrt, aber sein Herz kann man während einer Sonnenfinsternis scheinen sehen. Ein Bild dieses Ereignisses in einem alten heiligen mexikanischen Buch, dem Codex Vindobonensis Mexic. 1 (jetzt in Wien) zeigt die Finsternis mit der noch sichtbaren Venus, und dieses astronomische Ereignis ist auf den Juli 750 n. Chr. datiert worden. Nach der legendären Auffahrt Quetzalcoatls betreten wir den Boden der Geschichte; dennoch glaubten die Tolteken und nach ihnen alle Völker, daß es Quetzalcoatls Schicksal war, zurückzukehren.

Die Macht hinter der Hexengöttin war der Demiurg Tezcatlipoca, der als Blauer Kolibri Huitzilopochtli der Patron der Azteken werden sollte. Tezcatlipoca war auch bei den Tolteken gut bekannt. Im Nationalmuseum von Mexico City befindet sich ein Fries aus einem alten toltekischen Tempel auf einer Insel im See von Mexiko, der die Figur des Tezcatlipoca vollständig mit seinem Symbol des rauchenden Spiegels zeigt. Schon im Geist der Tolteken war die Feindschaft zwischen den beiden Göttern Gefiederte Schlange und Rauchender Spiegel gegenwärtig.

Es gab neun toltekische Könige, und jeder trug den Titel Quetzalcoatl, wenn auch ihre persönlichen Namen oft unterschiedlich waren. Der Codex Vindobonensis Mexic. 1 berichtet sehr knapp über ihre Haupttätigkeiten. Um 999 brach dann das Toltekenreich zusammen. Es entstand ein dynastischer Streit, weil der letzte König Quetzalcoatl eine Frau niederen gesellschaftlichen Ranges, die nicht dem Haus des ersten Quetzalcoatl entstammte, heiratete. Die Streitigkeiten führten zu einem erbitterten Bürgerkrieg, der Tollan als wüste Ruine zurückließ. Einige Abkömmlinge der toltekischen Königsfamilie betraten unter Führung eines weiteren Quetzalcoatl Yukatan und kämpften sich weiter nach Norden. Mit Maya-Arbeitskraft errichteten sie eine neue Stadt bei Chichen Itzá, die viele Herrlichkeiten ihrer verlorenen Stadt nachschuf. Später verloren sie an Macht, und nur der Titel eines Herrschers verblieb ihrem Führer, dem Tutul Xiuh, dem Feuervogel, der keine wirkliche Befehlsgewalt über die vielen streitsüchtigen Gruppen der späten Maya-Periode mehr hatte.

Im Herzen der großen, von geflüchteten toltekischen Adligen gegründeten Stadt Chichen Itzá stand diese große, Quetzalcoatl geweihte Pyramide. Auf der Spitze ist ein Haus des Gottes rekonstruiert, das in die vier Himmelsrichtungen blickt. In einem Quetzalcoatl geweihten toltekischen Tempel gab es keine Menschenopfer, nur Opfer von Früchten und Blumen.

Die Tolteken hatten den größten Teil Mexikos von ihrem Zentrum Tollan aus beherrscht, aber die Geschichte des Zusammenbruchs ihres „Reichs“ läßt vermuten, daß es sich um ein aufgezwungenes System von tributpflichtigen Staaten gehandelt hat, ähnlich dem späteren aztekischen System.

Im südwestlichen Mexiko überdauerte das zapotekische Königreich viele geschichtliche Perioden. Die Zapoteken waren auf andere Völker im gleichen Gebiet gefolgt, die in ihren Steinreliefs in Monte Alban, heute als Los Danzantes bekannt, einen gewissen Widerhall der olmekischen Kultur bewahrt hatten. Sie errichteten ein göttliches Königtum, das von Monte Alban und später von Mitla im Staat Oaxaca aus regierte. Vom 2. Jahrhundert n. Chr. bis um 1480 blieb ihre Herrschaft fast unverändert. Die Keramik zeigt einen einheitlichen Typ mit geringen Variationen, je nachdem sich das Gleichgewicht der mexikanischen Kultur veränderte. Die Götter der Zapoteken wichen etwas von denen der Tolteken ab, und ihr Kalendersystem war ganz anders. Sie scheinen ein unabhängiges Volk gewesen zu sein und kaum geneigt, ihr Reich auzudehnen. An ihren Grenzen im Norden, in den Staaten Nayárit und Colima, gab es Leute, welche die Traditionen der alten Dorfkultur Mexikos in Isolation fortsetzten. Ihre große Zeit als Künstler reichte vom 5. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr., aber sie hatten keine Schrift und daher keine geschriebene Geschichte.

In den Bergen von Oaxaca lebten die Mixteken oberhalb von den Zapoteken. Sie waren ein hochkultiviertes Volk und sprachen eine den Zapoteken verwandte Sprache. Sie waren gute Handwerker in Steinarbeiten, Gold und Malerei, aber da sie unfähig waren, die Eifersucht zwischen den Stämmen zu unterdrücken, bildeten sie gewöhnlich nur eine lose Verbindung kleiner Städte. Im 11. Jahrhundert jedoch kam ein großer Kriegshäuptling, „Acht-Hirsch-Tigerkralle“, in Tilantongo an die Macht. Es gelang ihm, die Mixteken so zu einen, daß sie die Zapoteken besiegen und die heiligen Städte Monte Alban und Mitla erobern konnten. Nach seinem Tod aber trat der frühere Zustand wieder ein. Das schönste aller erhaltenen mexikanischen Geschichtsbücher, Codex Zouche-Nuttall (jetzt im Britischen Museum), handelt im einzelnen von dieser Periode und berichtet auch von der Geschichte einiger anderer mixtekischer Stämme. Insbesondere ist es der regierenden Familie von Tilantongo gewidmet.

Die Mixteken hatten großen Einfluß auf die mexikanischen Künste des 11. Jahrhunderts. Sie beanspruchten Abstammung von den großen toltekischen Herrschern, und ihre Künstler waren bei den anderen Stämmen stark gefragt, besonders später bei den Azteken.

Sowohl die Mixteken wie die Zapoteken wurden im späten 15. Jahrhundert von den Azteken niedergeworfen. Drei mixtekische Stämme verloren ihre gesamten arbeitsfähigen Männer als Schlachtopfer für die Weihen des großen Tempels in Tenochtitlan, heute Mexico City, unter dem aztekischen Großen Sprecher Ahuizotl. Aber bis zu jenem schrecklichen Ereignis lebten die Mixteken weiter in ihren unabhängigen Bergdörfern auf mehr oder weniger friedliche Art.

Es ist deutlich geworden, daß die mexikanische Geschichte, selbst wenn sie dokumentarisch belegt ist, eine Chronik von Stammesbewegungen ist, die nur zu drei bestimmten Zeiten zu einem Bericht über Mexiko als einem großen Kulturgebiet wird. In ihnen vollzog sich das Anwachsen der Kultur von Teotihuacán, die Ausbreitung der toltekischen Hegemonie und schließlich der Aufstieg der Azteken. Alles in allem waren wohl alle drei einigenden Kulturen militärisch und räuberisch; sie erzwangen die Zahlung von Tribut in Waren an die zentrale Gewalt. Nach dem Zusammenbruch jeder Kultur folgte eine Periode der Anarchie. Die letzte nach dem Zusammenbruch der toltekischen Hegemonie war die längste; sie dauerte drei Jahrhunderte.

Während des Interregnums nach der Zerstörung von Tollan war das Land in einem Zustand der Verwirrung. Die Techniken zivilisierten Lebens gingen nicht verloren, aber der Bürgerkrieg hatte furchtbare Zerstörung und Entvölkerung gebracht. Die Überlieferung berichtet von Seuchen, hervorgerufen durch Tausende von Leichen, die auf den Feldern verwesten. Zusätzlich sah sich das Volk dem Hunger ausgesetzt, da die Landwirtschaft zerrüttet war. Im 13. Jahrhundert war es für die Azteken von Bedeutung, für ihren Kriegsführer eine toltekische Braut zu finden, damit seine Söhne das Recht auf Herrschaft als Abkömmlinge des toltekischen Quetzalcoatls erben könnten. Sie fanden nur noch acht Familien echt toltekischer Abstammung im Lande. Es gab viele Versuche von Stadtstaaten, kleine „Reiche“ zu bilden. Eins der ersten Beispiele muß die von „Acht-Hirsch-Tigerkralle“ ausgeübte Macht gewesen sein. Ein anderer mixtekischer Stamm beschrieb den Beginn seiner Geschichte in der Selden-Rolle, die sich jetzt in der Bodleian-Bibliothek in Oxford befindet. Es wird von dem Gebet zu Quetzalcoatl berichtet und von einer Pilgerfahrt, die mit dem Auffinden eines Tempels der Priester Quetzalcoatls endete. Von da wurden die Leute auf eine weitere Wallfahrt geschickt. Bei der Wanderung überquerten sie einen Fluß, an dem sie eine alte Figur des Gottes fanden, die sie mit sich nahmen. Ein dunkler Kriegsgott wurde ihnen als Wächter gegeben, und schließlich erreichten sie einen Berg, wo sie um den Besitz einer Stadt kämpften. Dort errichteten sie einen Tempel für jeden der beiden Götter. Dann besiegten sie mit dem Segen Quetzalcoatls vier weitere Stämme. Hier endet unsere Kenntnis der gemalten Geschichte; der Rest des Dokuments war schon lange verloren, als John Selden es im frühen 17. Jahrhundert der Universität gab.

Im 12. und 13. Jahrhundert setzte sich ganz Mexiko aus kleinen Gruppierungen von Stammesgesellschaften zusammen, in denen einige Städte die Vorherrschaft über ihre Nachbarn ausübten. Das Gesamtbild war schwankend, da es dauernd Revolutionen gab, nach denen der bisherige Herr fast immer zum Tributpflichtigen wurde. Kunst und Handwerk verfielen kaum, und die Tempelpriester fütterten die Götter weiter mit Menschenopfern. Die meisten der den Opfern aus der Brust gerissenen Herzen wurden dem großen Rauchenden Spiegel geopfert, aber in ein paar Tempeln dachte man auch noch an Quetzalcoatl, den Gott, dessen Name oft mit Gefiederte Schlange übersetzt wird und der kein anderes Opfer verlangte als Früchte und Blumen.

Die Lage wurde noch verwirrt durch ein stetiges Einsickern von Stämmen aus dem Norden, den Chichimeken. Es handelte sich zumeist um barbarische und kriegerische Stämme; sie flohen vor den großen Dürren, die begonnen hatten, die Anpflanzungen zu vernichten und die Flüsse in Nordamerika austrocknen zu lassen. Die Chichimeken lernten die Kunstfertigkeiten der mexikanischen Kultur, und viele ihrer Häuptlinge wurden hervorragende Herrscher älterer Städte.

Es ist möglich, daß die Azteken von einer ähnlichen nördlichen Gruppe abstammten; sie begannen jedoch als kleiner und armer Stamm. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1168 mit einer Reihe von Abenteuern, die der in der Selden-Rolle gemalten Erzählung fast genau gleicht. Der dritte aztekische Große Sprecher ließ die Geschichte der Azteken neu schreiben, und daher ist die Erzählung, wenigstens in den ersten Abschnitten, nicht wirklich geschichtlich. Sie ist vielmehr die Überarbeitung einer allgemeineren Wanderungslegende. Man darf aber wohl dem späteren Teil der Geschichte glauben, die berichtet, wie die Azteken aus der Knechtschaft unter dem Häuptling Coxcoxtli von Colhuacan entflohen und auf kleinen Inseln und auf Felsen im großen See des Mondes Zuflucht suchen mußten. Dort bauten sie ihre große Stadt Tenochtitlan.

Die ganze Geschichte der Azteken spiegelt die Abhängigkeit der Menschen von ihrem Stammesgott Huitzilopochtli, dem Blauen Kolibri, wider, der eine Form des Rauchenden Spiegels war. Von Anbeginn an waren sie ein frommes Volk, und ihre Führer und Propheten waren sich immer bewußt, daß sie Größe erlangen und ganz Anahuac regieren würden. Aber sie wußten auch, daß die Macht ihres Schutzgottes eines Tages überwunden werden und Quetzalcoatl, der Gott der Tolteken, zurückkehren und ihnen eine neue Art des Lebens bringen würde. Und genau das, kann man sagen, geschah, wenn auch mit Hilfe von fremden Menschen aus einem anderen Kontinent, von dem die Azteken nichts wissen konnten.

*   *   *   *   *   *   *

Fortsetzung: Mesoamerika (3): Quetzalcoatl – Die Gefiederte Schlange mit Kapitel 3 aus dem Buch von Cottie Burland.

Siehe auch Eine wunderbare Rasse – Teil 1 und Teil 2 von James Bronson

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2 Kommentare

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

    Antwort
  2. „Die Kunst der Maya scheint im 2. Jahrhundert n. Chr. ganz plötzlich eine hohe Entwicklungsstufe erreicht zu haben. Sie zeigt sich in Pyramidenbauten und der für Amerika einzigartigen Erfindung der Silbenschrift.“

    Auch der in Teil 1 der Mesoamerika-Reihe ausgiebig zitierte Kuno Knöbl schreibt von diesem recht plötzlichen Erscheinen indianischer Hochkulturen in Mesoamerika und bringt dies mit Kontakten mit ostasiatischen Kulturen in Verbindung, auf die auch überlieferte Berichte asiatischer Reisender hinweisen. Interessant ist übrigens, daß auch die japanische Schrift eine Silbenschrift ist. Die Anregung zum Pyramidenbau könnte aus China gekommen sein (siehe The Amazing White Pyramid of China), und auch die Möglichkeit des Kontakts mit altägyptischen Seefahrern ist von Thor Heyerdahl bewiesen worden.
    Ebenfalls im zweiten Jahrhundert begannen die Teotihuacanos, die zuvor wie die Mayas ein primitives Bauernvolk gewesen zu sein scheinen, mit dem Bau großer Pyramiden.

    Wie in späteren Teilen dieser Reihe (ebenfalls aus dem Buch von Cottie Burland) noch zu lesen sein wird, waren die mesoamerikanischen Indianervölker in für uns unverständlichem Maße innovationsunwillig. Mindestens fünftausend Jahre lang praktizierten sie eine im wesentlichen unveränderte einfache Landwirtschaft, einschließlich der damit verbundenen Rituale – eine Zeitspanne wie von „Ötzi“ bis heute. Da erscheint es schon fraglich, wie diese Leute aus dem ursprünglich nur zwei Körner tragenden Wildmais überhaupt die Formen mit den vielreihigen Kolben züchten konnten, die es zur Zeit der Entdeckung Mexikos durch die Spanier schon gegeben hat. Auch in der Kriegsführung war man dort nicht an einer Entwicklung einer wirksameren Bewaffnung oder Ausrüstung interessiert. Bronze war zwar bekannt, wurde aber kaum verwendet. Die von den Teotihuacános begründete mexikanische Hochlandkultur wurde nach ihrem Untergang von den Tolteken übernommen und unverändert weitergeführt, samt Göttern, und später von den Azteken – insgesamt wohl etwa achtzehn Jahrhunderte lang.

    Da erscheint es doch seltsam, daß gerade unter Völkern mit so einer Mentalität relativ rasch eine Hochkultur mit Städten, Straßen, Tempelpyramiden und monumentalen Steinskulpturen entstanden ist und sich dann ab diesem Niveau praktisch nicht mehr weiterentwickelte, was vermuten läßt, daß der Anstoß dazu und möglicherweise auch die ursprünglichen Macher und Denker von außen gekommen und danach wieder verschwunden oder durch Rassenvermischung mit Einheimischen von diesen absorbiert worden sind.

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