Allahs Uhren gehen anders

Von Deep Roots auf Basis zweier Artikel in einem alten MERIAN-Hef

Moschee des Propheten in Medina

Heute bringe ich wieder einen Artikel aus demselben MERIAN-Heft „Arabien“ von 1981, aus dem ich auch Wilfred Thesiger bei den Beduinen übernommen habe. Zwar ist auch dieser mittlerweile schon 20 Jahre alte Beitrag von einem Araberversteher geschrieben, aber er bietet ebenfalls Einblicke in die Kultur der Araber, die auch für uns interessante Erkenntnisse bringen. Anschließend füge ich als Ergänzung zu einem bestimmten Punkt aus Arnold Hottingers „Allahs Uhren gehen anders“ noch einen weiteren kurzen Artikel aus demselben Heft an, bevor ein paar eigene Gedanken dazu präsentiere.

ALLAHS UHREN GEHEN ANDERS

von Arnold Hottinger

Die Gegensätze zwischen dem vom Islam geprägten Kulturbereich Arabien und der westlichen Welt sind groß. Es ist nicht nur das ganz andere Verhältnis zur Zeit, das trennt. Anders ist auch die Beziehung zur Arbeit, zur Technik, zur Gesellschaft, zur Geschichte. Der Import westlicher Technologie bedeutet eine geistig-soziale Sprengkraft für Arabien.

Mitten in der Nacht ist der Autobus zwischen Hudaida und Ta’izz stehengeblieben. Der Motor will nicht mehr. Viele Frauen haben kleine Kinder bei sich, betten sie auf einer Decke oder auf Kleidungsstücken zum Schlaf. Einige Frauen setzen ihren Primuskocher in Gang und beginnen, Reis zuzubereiten. Keiner stellt eine Frage, warum der Motor nicht mehr laufen will, was jetzt geschehen sollte, wer denn eigentlich schuld an der Sache sei, mit wieviel Verspätung man nun wohl in Ta’izz eintreffen werde. Man nimmt ruhig auf der Erde Platz. Etwas wird schon geschehen. Und wirklich, nach einigen vergeblichen Versuchen, den Motor doch wieder zum Laufen zu bringen, zeigt der Busfahrer auf ein fernes Licht, das auf einem Hügel glimmt. Das sei ein Polizeiposten, sagt er, er werde jetzt von dort aus telefonieren und macht sich auf den Weg,

Nach einer knappen Stunde kommt er zurück. Ob er telefoniert habe? Ja, gewiß! Die Nachricht wandert von einem zum anderen. „Er hat mit Ta’izz telefoniert.“ Nur die einzige europäische Frau, die mit dabei ist, will mehr wissen. „Du mußt ihn fragen,“ sagt sie zu ihrem Mann, „was sie in Ta’izz geantwortet haben.“ Der will nicht recht, doch seine Frau läßt nicht locker. Er geht auf den Fahrer zu, der es sich inzwischen auch auf der Erde bequem gemacht hat. „Du hat also telefoniert?“

„Ja, natürlich!“

„Nach Ta’izz?“

„Ja, nach Ta’izz, mit unserem Büro!“

„Und was haben sie dort gesagt?“

„Nichts!“

„Nichts? Wieso nichts?“

„Natürlich nichts, das Büro ist geschlossen, schließlich ist Nacht!“

„Aber du hast doch gesagt, du hättest telefoniert!“

„Hab’ ich auch. Es hat geläutet, aber natürlich hat niemand abgehoben.“

„Du hättest in Geduld warten können, wie alle anderen auch“, sagt vorwurfsvoll der Mann zu seiner Frau. „Er hat sich ja sogar die Mühe gemacht, zu telefonieren.“

Ein anderes Verhältnis zur Zeit? Gewiß. Doch die Zeit ist nur eine Dimension; auch zum Raum, zu den Menschen, zu allen Geschehnissen, Phänomenen, zum Leben – und Sterben natürlich gibt es eine andere Beziehung. Letzten Endes handelt es sich um ein ganz anderes Verhältnis zu Gott.

Stärker als gelehrte Orientalisten hat Hugo von Hofmannsthal das gespürt, als er sein Vorwort zu den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht schrieb. „Wir bewegen uns aus der höchsten in die niedrigste Welt, vom Kalifen zum Barbier, vom armseligen Fischer zum fürstlichen Kaufherrn, und es ist eine Menschlichkeit, die mit breiter, leichter Woge uns hebt und trägt; wir sind unter Geistern und Zauberern, unter Dämonen und fühlen uns wiederum zu Hause.“

Die Sinnlichkeit in diesem „Gedicht“ sei, „was das Licht in den Bildern von Rembrandt, was die Farbe auf den Tafeln Tizians“ ist; sie verletze nie, weil sie immer auf etwas anderes hindeute, das über ihr steht, sogar wenn „eine laszive Gebärde, ein frecher Griff nach der Schüssel, ein gieriges Fressen köstlicher Speisen, eine brutale Züchtigung, eine fast tierische Regung von Furcht und Gier“ ausgedrückt werden. Hofmannsthal schildert dann unvergeßlich am Beispiel einer Geschichte, wie es dem arabischen Erzähler gelingt, ja wie er gar nicht anders kann, als zu zeigen, daß „eine Gegenwart Gottes über allen diesen sinnlichen Dingen liegt, die unbeschreiblich ist… Da ist in der Geschichte von Ali Schar und der treuen Zumurrud ein Augenblick, den ich nicht für irgendeine erhabene Stelle unserer ehrwürdigsten Bücher tauschen möchte. Und es ist fast nichts. Der Liebende will seine Geliebte befreien, die ein böser alter Geist ihm gestohlen hat. Er ist um Mitternacht unter dem Fenster, ein Zeichen ist verabredet. Da überfällt ihn so ungelegen wie unwiderstehlich, als hätte das Geschick aus dem Dunkel ihn lähmend angehaucht, ein bleierner Schlaf. ‚Doch da überfiel ihn die Schläfrigkeit’, heißt es, ‚und er schlief ein – herrlich ist Er, der nimmer schläft!’ Ich weiß nicht, welchen Zug aus Homer oder Dante ich neben diese Zeilen stellen möchte: so aus dem Nichts in ein wirres Abenteuer hinein das Gefühl Gottes aufgehen zu lassen wie den Mond, wenn es über den Rand des Himmels heraufkommt. Noch das böse Tun, das böse Geschehen umgaukelt es mit unendlicher Heiterkeit. Ein riesenhafter Kurde, der grausamste, schändlichste Räuber, gerät in die Straße, sieht den Schlafenden, erlauscht die Harrende; er klatscht aufs Geratewohl in die Hände, die schöne Zumurrud läßt sich auf seine Schultern hinab, und er galoppiert dahin, die schöne leichte Last tragend, als wäre sie nichts. Sie wundert sich über seine Kraft. Ist dies Ali Schar? fragt sie sich. ‚Die Alte sagte mir doch, du seiest schwach vor Krankheit um meinetwillen; aber siehe da, jetzt bist du stärker als ein Roß.’ Und er galoppiert dahin, und sie wird ängstlicher; und da er ihr nicht antwortet, fährt sie ihm mit der Hand ins Gesicht: ‚und sie fühlt seinen Bart, dem Palmbesen gleich, den man im Badhaus benutzt; als wäre er ein Schwein, das Federn verschluckt hat, deren Enden ihm wieder zum Halse herausgekommen sind.’ Es ist frevelhaft, das einzelne so herauszureißen – aber diese Situation, diese Erwägung, dies Nachdenken der Schönen, während sie durch die Nacht hinsaust auf den Schultern des wüsten Räubers, dieser Augenblick der Entdeckung und dies unglaubliche Gleichnis, das uns mit eins in den hellen Tag, ins Gehöft hinausweist und das man nicht vergißt.“

Hinzugefügt werden muß, was Hofmannsthal ausläßt, wie der Erzähler die weitere Reaktion der schönen, klugen, sonst so findigen Zumurrud beschreibt, nämlich: „Sie erkannte, daß das Schicksal ihr Herr geworden war und daß ihr kein Ausweg blieb, als ihre Sache Allah dem Erhabenen anheimzustellen. So faßte sie sich denn in Geduld, ergab sich in den Willen Allahs des Erhabenen und sprach: ‚Es gibt keinen Gott außer Allah! Sooft wir von einem Kummer befreit werden, verfallen wir in einen noch schlimmeren.’“

Was hat das nun mit dem eingangs geschilderten Vorfall zu tun, mit der leeren Geste des Telefonierens, die befriedigt hingenommen wird, weil sie gemacht worden ist, obgleich sie überhaupt nichts bewirkte? Man läßt sich leben, fließen, tragen vom Strom der Ereignisse, man will sie nicht beherrschen. Ausnützen schon, wo etwas benützt werden kann; aber nicht: bereitstellen, konstruieren, erzwingen, disponieren. Von Planen spricht man zwar gern, und die Entwicklungspläne sind auch hier politische Mode geworden. Aber Planen ist mehr eine Beschwörung. Man spricht Ziele an und erwartet dann, auf sie hingetragen zu werden, indem man sich dem von Gott bestimmten Fluß des Geschehens anvertraut.

Das Heilige Gesetz durchdringt alles

Das Fließende nämlich ist ein Grundelement des arabischen Wesens und der arabischen Kultur, das alle Lebensformen und Lebensäußerungen bestimmt: das Umherziehen der Nomaden in der Wüste, das Strömen des Wassers in den Bewässerungsrinnen der Dattelgärten; den Handel entlang der unendlichen Karawanenstraßen; die Städte, die wie Labyrinthe angelegt sind und deren Basarstraßen man durchstreift, ohne müde zu werden und ohne sich satt zu sehen; das Heilige Gesetz, das das Wort des Propheten bis in die feinstverästelten Handlungen jedes Tages eindringen läßt; die Teppiche und Tücher, in die das Leben eingeknüpft und eingewebt ist in Form immer wiederkehrender abstrakter Figuren von Menschen, Tieren und Pflanzen; die Ornamente, in denen kein Einzelmotiv die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, sondern Reihung und Wiederholung für einen möglichst flüchtigen Eindruck sorgen; die musikalischen Weisen, die keinen Anfang haben und kein Ende; die gereimte Prosa, die rollt, wie ein runder Stein den Berg hinabrollt; die Gedichtform der Qasida, die obligatorisch mit dem Beschauen der Spuren eines abgebrochenen Zeltlagers beginnt und dann in strengen Versmaßen dahinströmt, mit immer gleichem Reim, über hunderte von Versen, zu Liebesszenen, Kriegsereignissen, Tierbeschreibungen, hin zum Lob des eigenen Mutes, des Schwertes, des Stammes, der Ahnen; die Sammlungen von Anekdoten, Geschichten und Berichten, deren Vielfalt das Wesen dieser Welt spiegeln, in 1001 Tagen und 1001 Nächten.

Nur Gott ist einzig und ewig

Stets hat die arabische Kultur ihr Bedeutendstes und Bestes geleistet, wenn es darum ging, eine Vielfalt aufzuspüren und einzufangen, oder sich durch eine Vielfalt hindurchzubewegen und von ihr tragen zu lassen. Das ist theologisch begründet: Nur Gott ist einzig und ewig; er hat 100 Namen, von denen 99 den Menschen bekannt sind und die alle auf seine Allmacht und Einmaligkeit deuten; nur Er steht fest; um Ihn bewegt sich alles. Die Vielfalt der Schöpfung gilt als Beweis für die Einheit des Schöpfers. Sie macht Ihn als Gegenpol notwendig; Er wird aus ihr als Kontrast erkennbar. Die orthodoxe Theologie ist überzeugt, daß Gott jeden Augenblick alle Teile seiner Schöpfung beständig neu schaffe; sie gehen alle, nicht nur in ihrem Ursprung, sondern heute, beständig, immer wieder auf Ihn zurück. Das bedingt für den Gläubigen, ja sogar für den nicht mehr ganz gläubigen, aber doch von seiner Kultur, seiner Sprache und seiner Umwelt getragenen und geprägten Moslem ein ganz anderes Lebensgefühl, als wir es haben.

Die europäischen Kolonisatoren liebten es, vom Fatalismus der Araber zu sprechen. Die europäischen Geschäftspartner beklagen ihre Passivität. Bis heute haben sie nicht begriffen, daß ihr Welt- und Selbstverständnis deshalb anders ist, weil es andere theologische und philosophische Wurzeln hat.

Im abendländischen Denken steht der Mensch im Mittelpunkt der Welt. Es ist anthropozentrisch. Als Geschöpf und zugleich Partner Gottes hat er unverletzliche Rechte.

Seine Besonderheit wird unter anderem dadurch begründet, daß Gott ihm auftrug, sich die Erde untertan zu machen.

Nach orientalischem Denken steht nur Gott im Mittelpunkt. Es ist theozentrisch. Der Mensch stellt nur einen Teil seiner Schöpfung dar. Mit ihr in Harmonie leben zu wollen ist nicht Passivität, sondern Unterwerfung unter den Willen Gottes. Den Unterschied zeigt besonders deutlich der Mythos von Prometheus, der den Göttern gegen ihren Willen das Feuer entreißt, obwohl er weiß, daß sie ihn dafür bestrafen werden. Der moslemische Sufi (Mystiker) dagegen ist bestrebt, in Gott aufzugehen. Der Moslem darf die Welt nicht ordnen wollen. Täte er es, wäre das Vielgötterei, denn Schöpfer ist allein der eine Gott.

Der Europäer aber hat es getan. Der Fremdling und Ungläubige hat immer wieder versucht, den moslemischen Ländern sein Gesetz aufzuerlegen. Früher als Kolonialist, heute als Technokrat und Geschäftsmann. Ein Gesetz, das seine Wurzeln im Calvinismus hat und in dem die Wirksamkeit, die Effizienz ein Zeichen des Wohlgefallen Gottes ist. Allzu leicht neigt er deshalb dazu, diese Effizienz absolut zu setzen.

Götzendienst, sagt der Moslem. Diesen Götzendienst will er bekämpfen, zumindest in seinem eigenen Land, in seinem eigenen Herrschaftsbereich. Er hat sich gegen ihn in Befreiungskämpfen erhoben – und findet ihn dann doch wieder vor in Form der fremden Technokratie und der eigenen Machteliten. Er will ihn zurückdämmen – und stellt fest, daß die Erfolgsgesetze dieser Welt heute so wirken, daß er sich nur dann gegen sie auflehnen kann, wenn er ihre Methoden übernimmt. Er sieht sich gezwungen, sie zu akzeptieren, obwohl er sie ablehnt, obwohl sie den eigenen Lebensformen und theologischen Überlieferungen diametral entgegenstehen. Der Konflikt kulminiert immer wieder in der Frage, wie er das „Gute“ übernehmen und das „Schlechte“ zurückweisen kann.

Oberflächlich macht es das Erdöl leicht, das eine zu tun und das andere zu sein. Er stellt Fachleute ein. Er muß nur dafür sorgen, daß er sie unter Kontrolle behält. Doch er ahnt, daß das eine Scheinlösung ist. Wie lange kann sich die eigene angestammte Kultur neben der auf ganz anderen geistigen Voraussetzungen beruhenden, Macht entwickelnden, herausfordernden Lebensform behaupten, ohne von ihr in Frage gestellt zu werden und dann an den eigenen inneren Widersprüchen zugrunde zu gehen; nachdem ohnehin 180 Jahre europäischer Präsenz einen tiefen Zwiespalt in die einst so geschlossene moslemische Welt hineingetragen haben?

Erdöl – Allahs Segen und Fluch

Das Erdöl, von naiven Moslems oft als „Geschenk Allahs“ gefeiert, erscheint Einsichtigen und Orthodoxen zugleich auch als Fluch. Denn die Verfügungsgewalt über die größten Energiereserven der Welt macht die Förderländer auf eine bisher nicht dagewesene Weise frei und unfrei zugleich. Über Jahrhunderte waren rohstoffreiche Regionen als preiswerte Lieferanten in politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten worden. Die Entdeckung des Erdöls in Arabien fiel aber zusammen mit der Entkolonialisierung. So wurde in wenigen Jahrzehnten das Erdöl die Grundlage für die politische Unabhängigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und weltstrategische Bedeutung der arabischen Staaten. Sie können nicht nur sich selbst alles leisten – die Märchenpaläste aus Tausendundeiner Nacht, einst Phantasieprodukte eines bettelarmen Volkes, wachsen aus dem Boden der Wüste – sie können sogar mit ihrem ungeheuren Energie- und Finanzreichtum den Gang der Weltpolitik bestimmen. Erdöl als Allahs Segen. Als Allahs Fluch aber auch, weil es den Arabern die Freiheit nimmt, ihre eigene gewachsene Kultur vor der Herausforderung durch die Zivilisation und die Technokratie des Westens zu bewahren. Denn die energiehungrigen Industriestaaten würden es nicht dulden, sollten die erdölbesitzenden islamischen Staaten beschließen, ihr Öl in der Erde zu lassen, um sich vom größten Teil der damit verbundenen Probleme zu befreien.

Gigantische Baustellen in der Wüste

Es sind vor allem innere Probleme. Die Entscheidung, in den Club der Industrienationen aufzusteigen, hat aus den Wüstenstaaten gigantische Baustellen gemacht. Ungeheure Summen sind in die Entwicklung der Infrastruktur geflossen, vierspurig ausgebaute Straßen verbinden auch die entlegensten Gebiete miteinander. Wo vor 20 Jahren nicht viel mehr war als eine Ansammlung von Lehmhütten ohne Strom, geteerte Straße, ohne jede Kanalisation, erheben sich heute gestaltlose Riesenstädte, in denen das Auto das einzige Fortbewegungsmittel, der Fußgänger nicht eingeplant ist. Große Industrieanlagen wurden aus dem Boden der Wüste gestampft.

Abu Dhabi 1960-80

Die Städte brauchen eine effektive Verwaltung, die Industrien ein modernes Management. Entscheidungsmechanismen müssen effektiv und durchsichtig sein, wenn es nicht zum Kollaps kommen soll.

In der westlichen Welt hat sich auf einem langen, mühevollen, an Fußangeln und Rückschlägen reichen Weg eine Gesellschaft gebildet, die bei allen Widersprüchen und Gegensätzen zu einem Grundkonsensus gekommen ist, die sie zusammenhält. In Jahrhunderten ist eine breitgefächerte Arbeitsteilung entstanden, mit der die komplexen Systeme eines modernen Industriestaats bewältigt werden.

Der eilige Besucher trifft in den Städten der Wüstenstaaten eine sich rapide verändernde kosmopolitische Gesellschaft mit modernem, westlichem Gepräge. Aber dieser Eindruck täuscht. Die Gesellschaftsschicht, die die Entscheidungen trifft, die Prioritäten setzt, die also die Macht hat, ist nahezu so homogen und der traditionellen Ordnung verpflichtet wie in der Vorölzeit.

Die Herrschaftsstrukturen zum Beispiel sind noch die der Stammesorganisationen; sie kannten zwar kein starres Erbfolgerecht, aber es waren doch immer die fähigsten Mitglieder derselben Familien, die als Führer auftraten. Die Macht dieser Familien, früher die Ersten unter Gleichen, wurde durch die immensen Öleinnahmen, die vor allem ihnen zuflossen, auf vorher nicht dagewesene Weise verstärkt. Das begünstigte die Entstehung einer dünnen Oberschicht von „Prinzen“, die die wichtigsten Funktionen im Staat unter sich aufteilen. Es bildet sich nicht nur ein Klassensystem heraus, das es vorher nicht gab, sondern der immer komplexer und komplizierter werdende Staat wird nach einem System verwaltet, das immer stärker verkrustet. Für Sprengkraft sorgen hier die an englischen und amerikanischen Universitäten ausgebildeten jungen Technokraten, die zum einen die frische Luft der Demokratie geschnuppert haben, zum anderen die tiefgreifende Veränderung der Wirtschaftsstruktur ihrer Länder und das Weiterbestehen des überkommenen Führungssystems für unvereinbar halten.

Nach wie vor ist die Grundlage aller Gesetzgebung der Koran. Er hat nicht nur die Rechtsordnung, sondern auch das Rechtsempfinden bestimmt. Auch das islamische Recht hat sich in den Jahrhunderten seit der Entstehung des Koran neuen Entwicklungen anpassen müssen. Aber der Sprung ins Industriezeitalter innerhalb einer halben Generation – in Abu Dhabi wurde vor 16 Jahren das erste Erdöl exportiert – macht die Diskrepanz zwischen dem starr kodifizierten koranischen Recht und den mit der Entwicklung des Landes sich herausbildenden Bedürfnissen in vielen Bereichen (Bankenrecht, Verkehrsregeln, internationaler Austausch) überall spürbar.

Wie man eine Gesellschaft entwickeln will, die die Probleme eines Industriestaates meistern soll, gleichzeitig aber 50 % der Bevölkerung – die Frauen – davon ausspart, kommt einer Quadratur des Zirkels gleich. Gerade hier wird deutlich, daß die Voraussetzung der Freiheit die Fähigkeit ist, die inneren Probleme zu lösen.

Unfrei macht diese Länder aber auch die geopolitische Situation: der Ost-West-Gegensatz.

Der Westen ist das kleinere Übel

Nicht ohne Unruhe blicken die ebenso reichen wie konservativen Ölländer auf die Instabilität in Iran, das prosowjetische Revolutionsregime in Äthiopien und nicht zuletzt auch auf die Volksdemokratie in unmittelbarer Nachbarschaft: den Südjemen. Sie sehen sich selbst und den Erdölgolf fast vollständig eingekreist.

Am liebsten würden sie nach der Energie- und Finanzmacht auch eine Militärmacht werden, was der Mangel an Know-how und vor allem der Mangel an Menschen verhindern. Der Kauf teurer und komplexer Waffensysteme ist nicht mehr als eine Prestigegebärde.

Sie möchten vom Westen verteidigt werden, aber von „jenseits des Horizonts“. Denn die immer wieder von den Amerikanern und von manchen Europäern angestrebten Basen zur Verteidigung des Golfs und seines Erdöls wollen sie nicht im Lande haben. Mit guten Gründen. Alle traditionellen arabischen Regime, die westlichen Streitkräften solche Basen gewährten, sind durch nationalistische Volks- oder Armeeaufstände gestürzt worden: König Faruk von Ägypten (1952); Nuri as-Said in Irak (1958); König Idriss von Libyen (1969); beinahe König Hassan von Marokko (1971 und 1972); jüngst erst der Schah (1979). Der Schah hatte zwar keine Basen, und er war auch kein Araber; aber er galt eben doch als der „Gendarm des Golfs“ unter der Nixon-Doktrin. Basen prädestinieren das sie gewährende Regime zum Agitationsziel arabischer Nationalisten innen und außen und vor allem der eigenen Armee.

Andere Basen – vielleicht nicht minder gefährliche – haben sie sich aber schon ins Land geholt. Die Ölprinzen haben Geld genug, um sich jede nur denkbare Technologie zu kaufen, ihnen fehlen aber die zum Aufbau einer Infrastruktur nötigen Arbeitskräfte. Denn die ölreichen Länder der Arabischen Halbinsel sind gleichzeitig extrem bevölkerungsarm. Die beiden Länder mit ausreichendem Bevölkerungspotential – Nord- und Südjemen – besitzen kein Öl.

Diese Position zwischen Industriestaaten und Dritter Welt schafft zusätzliche Probleme. Auch hier zeigt das „Geschenk Allahs“ sein Janusgesicht. Zwar können die reich gewordenen Beduinen die Arbeit anderen überlassen. „Wir haben das Erdöl, Allah sei gepriesen; die anderen sollen sich anstrengen.“ Und die tun es: einigermaßen gemächlich die jemenitischen, syrischen, libanesischen, ägyptischen, palästinensischen arabischen „Brüder“, hektischer schon die den Petrodollars nachjagenden „Expats“ aus Europa und Amerika, immer im Dauerlauf die Pakistani, Filipinos, Inder und Belutschen.

Sogar den Handel, ihr ureigenes Metier, überlassen die arabischen Kaufleute lieber anderen. Sie stellen sich aktiven Partnern aus dem Ausland als obligatorischer „Sponsor“ zur Verfügung und kassieren einen bedeutenden Teil der Gewinne ein.

In dieser Haltung kann man schon das Leben und Treiben der sich in atemraubendem Tempo aus der nackten Wüste entwickelnden Städte beschaulich an sich vorüberziehen lassen, ohne zu merken, daß diese sich am schnellsten wandelnde Region der Welt völlig ihre ethnische und kulturelle Identität verliert. In den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Beispiel sind 70 % der Einwohner Ausländer, in den Städten ist nur noch jeder zehnte ein Einheimischer. Größer noch ist die Gefahr, daß die Region völlig aus den Fugen gerät, wenn die politisch-religiösen Spannungen auf der Halbinsel sich entladen: Die reichen Ölländer sind feudalistisch, theokratisch – die beiden einzigen Nichtölländer dagegen Republiken. Die orthodoxen Moslems haben den Aufstand gegen die Führungsclans, die sie für völlig korrumpiert halten, nicht nur geplant, sondern im November 1979 in Mekka auch versucht. In der Tat. Wie lange können die einen Farmen in Amerika, Stadthäuser in London und Nummernkonten in der Schweiz besitzen, Whisky trinken und alle Segnungen des Konsums genießen – und die anderen gleichzeitig in der Wüste die Fahne eines fundamentalistischen Gottesstaates schwenken?

Es ist eine Schicksalsfrage dieser Länder zu lernen, die Dimension richtig einzuschätzen, die in der religiös-kulturellen Tradition für Menschen nicht vorgesehen ist: die Dimension der Zukunft, die bisher allein Gott gehörte. Inschallah!

Schahada-Kalligraphie

Kalligraphie der Schahada, des islamischen Glaubensbekenntnisses.

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Soweit Arnold Hottinger; hier nun der Einleitungsartikel aus demselben Heft als Ergänzung zu Hottingers Absätzen betreffend die militärische Verteidigung und Arbeitskräfte:

PANZER UND SCHWERT

von Eckehard Ehrenberg

Panzer und Schwert - saudi-arabische Nationalgarde

Die Beduinenkrieger zücken ihren Saif, das Krummschwert, das auch Flagge und Wappen Saudi-Arabiens ziert, nur mehr zum Gruß. Tradition wird großgeschrieben in dem erzkonservativen Königreich. Der Kampfgeist der Beduinen und der militante Puritanismus der orthodoxen Wahhabi-Sekte waren die treibenden Kräfte bei der Wiederbegründung der saudischen Herrschaft. Nach dem Ende der Eroberungen wurden die Beduinenkrieger kaum noch benötigt, es gab niemanden, der den Saudis die Macht streitig machen wollte. Heute fühlt das Königreich sich und seine unermeßlichen Schätze unter dem Wüstenboden von außen und innen bedroht. Es geht im zivilen wie im militärischen Bereich darum, die stürmische Entwicklung durch eine stabile, traditionalistische Elite zu kontrollieren. Diese Elite ist im militärischen Bereich die Nationalgarde, kenntlich an ihrer verwegen aussehenden Guthra, dem rotweißen Kopftuch, eine paramilitärische Gruppe mit eigenem Oberkommando, die ausschließlich aus königstreuen Beduinenstämmen rekrutiert wird (oben).

Die Nationalgarde ist mit amerikanischen Radpanzern vom Typ V-150 Commando ausgerüstet. Sie wird für besonders kritische Aufgaben, wie den Schutz der Ölfelder, eingesetzt. Zugleich überwacht sie als mächtige Militärpolizei die regulären Streitkräfte. Diese sollen in nächster Zeit immer schlagkräftiger werden und mit dem modernsten Kriegsgerät umgehen lernen, das von den führenden Rüstungsproduzenten der Welt geliefert wird.

Die Marine, mit einer Stärke von 1.500 Mann kleinste Teilstreitkraft, hat einen Milliardenauftrag an Frankreich vergeben. Der Luftwaffe, mit 14.500 Mann relativ stark, sollen hochmoderne und weitreichende F-15 Eagle mit Zusatztanks neue Schlagkraft verleihen. Die Armee, 31.000 Mann stark, verfügt bereits über fast 400 amerikanische und französische Kampfpanzer. Einige hundert, möglichst modernster Bauart und Bewaffnung, sollen zusätzlich beschafft werden.

Offen ist die Frage, wer all das Kriegsgerät bedienen und warten soll. Schon jetzt sind 11.000 US-Soldaten für technische Aufgaben im Lande. Die Kampfverbände der Armee sollen zunächst durch eine Brigade aus Pakistan verstärkt werden. Etliche tausend, wenn nicht zehntausend ausländische Soldaten werden ihnen folgen. Etwa 20 Milliarden Mark will das Wüstenreich bis 1985 jährlich für Personal, Waffen, Ausrüstung und militärische Bauten ausgeben. Für die Saudis wird das Hauptproblem darin bestehen, über all das die Kontrolle zu behalten und in ihrer Verteidigungsanstrengung glaubwürdig zu bleiben.

Mögliche Gegner sollen abgeschreckt, die Nachbarn sich aber nicht bedroht fühlen.

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Und nun Deep Roots’ eigener Senf zu dem Ganzen:

Der Ergänzungsartikel von Eckehart Ehrenberg sowie die themenverwandten Absätze von Arnold Hottinger zeigen wieder einmal, wie wenig Chancen die Araber heute im offenen militärischen Kampf gegen uns Weiße hätten. Die Herren Wüstensöhne ergötzen sich zwar am Panzerfahren und am Fliegen von Düsenjägern, aber all diese Werkeln am Laufen halten sollen andere; ist ja ölig und schmutzig, das – und noch dazu ARBEIT!

Wie sehr Arbeit in einer Gesellschaft wie der arabischen, die seit Jahrtausenden eine Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist, nicht nur als etwas Mühseliges betrachtet wird, das man aus Bequemlichkeitsgründen vermeidet, wenn es geht, sondern auch als etwas Niedriges und Entehrendes, verdeutlicht dieses arabische Sprichwort, das eigentlich die Liebe des Arabers zum Pferd ausdrücken soll:

Dreierlei Arbeit darf der Edle tun, ohne zu erröten:

für den Vater, für den Gast, und für das Pferd.

Abgesehen von diesem Aspekt (siehe hierzu auch Warum Araber Kriege verlieren von Norvell B. DeAtkine) wird es bei einem Durchschnitts-IQ von etwa 85 für arabische Länder auch zunehmend schwieriger werden, ausreichend qualifizierte eigene Leute zu finden, die mit der Wartung der immer hochentwickelteren Militärtechnik intellektuell nicht überfordert sind, ganz zu schweigen vom Einsatz derselben unter Kampfstreß im Gefecht. Und davon, solche Sache auch selber bauen zu können, sind sie sowieso Welten entfernt.

Zu Arnold Hottingers Artikel wäre aus meiner Sicht ergänzend zu sagen, daß die von ihm beschriebenen Mentalitätsunterschiede zwischen Orientalen und uns nicht nur auf seit langer Zeit bestehenden theologischen, philosophischen und kulturellen Traditionen beruhen, sondern meiner Meinung nach auch eine biologische Basis haben. Ein Thema, auf das ich in Zukunft immer wieder zurückkommen werde und das ich weiter entwickeln möchte, ist die Idee, daß die Kultur, die ein Volk oder eine Rasse aus sich heraus entwickelt, ohne sie von anderswo zu übernehmen, der wesensmäßigen Veranlagung dieses Volkes oder dieser Rasse entspricht.

Eine Rasse, die wie die Indoeuropäer jahrtausendelang an Religionen glaubt, deren Götter das Universum nicht geschaffen haben, sondern selber Teil der Schöpfung sind und die wie im germanischen Mythos von Ragnarök am Ende der gegenwärtigen Welt sterben sollen, und die zwar als mächtige Wesen betrachtet werden, mit denen der Mensch sich besser gut stellt, über die er gelegentlich aber auch spottet; eine Rasse, die solche Religionen überhaupt erst aus der eigenen Veranlagung heraus entwickelt, wird eine ganz andere Einstellung zu Göttern und der Welt, aber auch zu weltlicher Herrschaft haben, als eine Rasse wie die orientalische (semitische) mit ihrem viel „absolutistischeren“ Gottesbild.

Kultur gehört gewissermaßen zum „erweiterten Phänotyp“ eines Volkes oder einer Rasse und kann in ihrer spirituellen Substanz nicht so ohne weiteres auf eine andere übertragen werden. Jack London hat das in Die gelbe Gefahr so beschrieben, daß unsere materiellen Errungenschaften Wissen sind, das übertragen werden kann, wie man eine Münze einsteckt; daß unser Seelenstoff aber nicht übertragbar ist wie Wissen und nicht wie eine Münze vom erstbesten eingesteckt werden kann, der des Weges kommt. Der Araber wird zum Scheitern verurteilt sein, wenn er ein nachgemachter Europäer sein muß, genauso wie ein Europäer als nachgemachter Araber oder Chinese nicht mit dem Original konkurrieren könnte. Pech allerdings, wenn die eigene Kultur und Lebensart ebenfalls nicht dazu taugt, sich in der modernen Welt zu behaupten.

Die in „Allahs Uhren gehen anders“ (vor allem anhand des eingangs geschilderten Vorfalls mit der Buspanne) dargelegte arabische Mentalität paßt jedenfalls recht gut zum dezentralen Dschihadsystem, wie in Manfreds gleichnamigen Buch beschrieben, wo jeder Moslem in dem Ausmaß, wie er kann und will, zur dschihadistischen Sache des Islam beiträgt, indem er kleinere oder größere Gelegenheiten ausnützt und dabei nach Möglichkeit auch für sich selbst etwas herausschlägt. Weniger kann man ein Konzept langfristiger Planung samt konsequenter schrittweiser Umsetzung, wie das in Fjordmans Wie die Muslimbruderschaft den Westen infiltriert erwähnte „Projekt“ mit dieser Mentalität in Übereinstimmung bringen. Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, daß diese Bestrebungen, an denen auch der sattsam bekannte Tariq Ramadan beteiligt ist, eher eine Art Semi-False-Flag-Operation mit arabischen Darstellern unter Anleitung von „anderen“ ist.

Ebenso war ich bei den jüngsten Unruhen in der arabischen Welt, die bereits das Regime des tunesischen Diktators Ben Ali gestürzt, das von Ägyptens Mubarak unter Druck gesetzt und auch schon auf Jordanien und Jemen übergegriffen haben, von Anfang an skeptisch hinsichtlich der angeblichen „Spontaneität“ dieser Volksaufstände. Stellt euch vor, wir hier würden im Internet Aufrufe zu regimefeindlichen Versammlungen (nein, bei uns sind das ja „Aufmärsche“) verbreiten. Was glaubt ihr, wie viele dem Folge leisten oder diese Aufrufe wenigstens weiterverbreiten würden? Und die Meldungen, daß die Aufständischen sich über Zuckerbergbook verabreden, haben mich sofort an das Interview erinnert, das Ari Shavit von der israelischen „Haaretz“ in White Man’s Burden mit mehreren amerikanisch-jüdischen Neocons zum Thema Irakkrieg geführt hat:

Worum geht es in diesem Krieg? frage ich. Kristol antwortet, daß es auf einer Ebene der Krieg ist, von dem George Bush spricht: ein Krieg gegen ein brutales Regime, das Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz hat. Aber auf einer tieferen Ebene ist es ein größerer Krieg, einer um die Gestaltung eines neuen Nahen Ostens. Es ist ein Krieg, der die politische Kultur der gesamten Region verändern soll. Wegen dem, was am 11. September 2001 geschehen ist, sagt Kristol, haben die Amerikaner sich umgeschaut und gesehen, daß die Welt nicht das war, wofür sie sie gehalten hatten. Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Daher haben die Amerikaner sich nach einer Doktrin umgesehen, die es ihnen ermöglichen würde, mit dieser gefährlichen Welt fertigzuwerden. Und die einzige Doktrin, die sie fanden, war die neokonservative.

Diese Doktrin besagt, daß das Problem im Nahen Osten das Fehlen von Demokratie und Freiheit ist. Daraus folgt, daß der einzige Weg, um Leute wie Saddam Hussein und Osama bin Laden abzublocken, darin besteht, Demokratie und Freiheit zu verbreiten. Die kulturelle und politische Dynamik, die solche Leute hervorbringt, radikal zu verändern. Und daß der Weg, das Chaos zu bekämpfen, die Schaffung einer neuen Weltordnung ist, die auf Freiheit und Menschenrechten beruht – und die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, um diese neue Welt zu konsolidieren. Das ist es also, worum es in diesem Krieg wirklich geht. Er wird geführt, um eine neue Weltordnung zu konsolidieren, einen neuen Nahen Osten zu schaffen.

Heißt das, daß der Krieg im Irak effektiv ein neokonservativer Krieg ist? Das sagen die Leute, antwortet Kristol lachend. Aber die Wahrheit ist, daß es ein amerikanischer Krieg ist. Die Neokonservativen hatten Erfolg, weil sie am Grundgestein Amerikas gerührt haben. Es ist so, daß Amerika ein tiefes Gefühl hat, eine Mission zu haben. Amerika hat ein Bedürfnis, etwas anzubieten, das über ein Leben des Komforts hinausgeht, wegen ihrer Ideale haben die Amerikaner akzeptiert, was die Neokonservativen vorschlugen. Sie wollten keinen Krieg um Interessen führen, sondern einen um Werte. Sie wollten einen Krieg, der von einer moralischen Vision getrieben wurde. Sie wollten sich an etwas dranhängen, das größer war als sie selbst.

Bedeutet diese moralische Vision, daß nach dem Irak Saudi-Arabien und Ägypten an die Reihe kommen werden?

Kristol sagt, daß er mit der Regierung in der Frage wegen Saudi-Arabien uneins sei. Aber er ist der Meinung, daß es unmöglich ist, Saudi-Arabien einfach mit dem weitermachen zu lassen, was es tut. Es ist unmöglich, den Antiamerikanismus zu akzeptieren, den es verbreitet. Der fanatische Wahhabismus, den Saudi-Arabien erzeugt, unterminiert die Stabilität der gesamten Region. Es ist dasselbe mit Ägypten, sagt er: wir dürfen den Status quo dort nicht akzeptieren. Auch für Ägypten muß der Horizont die liberale Demokratie sein.

Man muß verstehen, daß die Stabilität, die die korrupten arabischen Despoten bieten, letztlich illusorisch ist. Genauso, wie die Stabilität, die Yitzhak Rabin von Yasser Arafat erhielt, illusorisch war. Am Ende wird keine dieser dekadenten Diktaturen Bestand haben. Die Wahl besteht zwischen extremistischem Islam, säkularem Faschismus oder Demokratie. Und wegen des 11. September verstehen das die Amerikaner. Amerika ist in einer Position, wo es keine Wahl hat. Es ist dazu verpflichtet, weit aggressiver zu sein bei der Förderung der Demokratie. Daher dieser Krieg. Er beruht auf dem neuen amerikanischen Verständnis, daß, wenn die Vereinigten Staaten die Welt nicht nach ihrem Ebenbild formen, die Welt die Vereinigten Staaten nach ihrem Ebenbild formen wird.

Charles Krauthammer, ein weiterer von Ari Shavits Interviewpartnern, spricht ähnlichen Klartext:

Worum geht es in dem Krieg? Es geht um drei verschiedene Dinge. Zuallererst ist dies ein Krieg, um dem Irak seine Massenvernichtungswaffen abzunehmen. Das ist die Basis, der naheliegende Grund, und es ist auch für sich genommen ein ausreichender Grund. Aber darüber hinaus wird der Krieg im Irak auch geführt, um den dämonischen Deal zu ersetzen, den Amerika vor Jahrzehnten mit der arabischen Welt geschlossen hat. Dieser Deal lautete: ihr schickt uns Öl, und wir mischen uns nicht in eure inneren Angelegenheiten ein. Schickt uns Öl, und wir werden von euch nicht das verlangen, was wir von Chile, den Philippinen, Korea und Südafrika verlangen.

Dieser Deal ist effektiv am 11. September 2001 geplatzt, sagt Krauthammer. Seit diesem Tag haben die Amerikaner verstanden, daß die arabische Welt, wenn sie ihr erlauben, mit ihrer bösen Art weiterzumachen – Unterdrückung, ökonomischer Ruin, Säen von Verzweiflung – weiterhin mehr und mehr bin Ladens hervorbringen wird. Amerika ist daher zu dem Schluß gekommen, daß es keine Wahl hat: es muß das Projekt auf sich nehmen, die arabische Welt umzubauen. Daher ist der Irakkrieg in Wirklichkeit der Beginn eines gigantischen historischen Experiments, dessen Zweck darin besteht, in der arabischen Welt das zu tun, was in Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurde.

Es ist ein ehrgeiziges Experiment, gibt Krauthammer zu, vielleicht sogar utopisch, aber nicht unrealistisch. Es ist doch unvorstellbar, das rassistische Konzept zu akzeptieren, daß die Araber sich von allen anderen menschlichen Wesen unterscheiden, daß die Araber unfähig zu einem demokratischen Lebensstil sind.

Dem jüdisch-amerikanischen Kolumnisten zufolge hat der gegenwärtige Krieg jedoch eine weitere Bedeutung. Wenn der Irak wirklich pro-westlich wird und wenn er der Brennpunkt des amerikanischen Einflusses wird, so wird dies von immenser geopolitischer Bedeutung sein. Eine amerikanische Präsenz im Irak wird Macht über die ganze Region hinweg projizieren. Sie wird den Rebellen im Iran Mut und Kraft einflößen, und sie wird Syrien abschrecken und bändigen. Sie wird die Veränderungsprozesse beschleunigen, die der Nahe Osten durchmachen muß.

Ist die Idee des Präventivkriegs nicht eine gefährliche, die an der Weltordnung rüttelt?

Es gibt keine Wahl, antwortet Krauthammer. Im 21. Jahrhundert sehen wir uns einer neuen und singulären Herausforderung gegenüber: der Demokratisierung der Massenvernichtung. Es gibt drei mögliche Strategien angesichts dieser Herausforderung: Beschwichtigung, Abschreckung und Prävention. Weil Beschwichtigung und Abschreckung nicht funktionieren werden, ist Prävention die einzig verbleibende Strategie. Die Vereinigten Staaten müssen eine aggressive Präventivpolitik betreiben. Was genau das ist, was wir jetzt im Irak tun. Es ist das, was Tommy Franks’ Soldaten tun, während wir miteinander reden.

Und was, wenn das Experiment scheitert? Was, wenn Amerika besiegt wird?

Dieser Krieg wird den Platz Amerikas in der Welt für die kommende Generation verbessern, sagt Krauthammer. Sein Ausgang wird die Welt für die nächsten 25 Jahre formen. Es gibt drei Möglichkeiten. Wenn die Vereinigten Staaten schnell und ohne Blutbad gewinnen, werden sie ein Koloß sein, der die Weltordnung diktiert. Wenn der Sieg langsam und schmutzig ist, dann wird es unmöglich sein, nach dem Irak mit anderen arabischen Staaten weiterzumachen. Es wird dort enden. Aber wenn Amerika geschlagen wird, dann werden die Konsequenzen katastrophal sein. Seine Abschreckungsfähigkeit wird geschwächt sein, seine Freunde werden sich von ihm abwenden und es wird sich abschotten. Extreme Instabilität wird im Nahen Osten erzeugt werden.

Nun, wie wir inzwischen wissen, hat „Globomerica“ sich mit der militärischen Herangehensweise im Irak schwer die Finger verbrannt. Da ist der Verdacht doch nicht von der Hand zu weisen, daß man sich jetzt anderer Methoden bedient, um „nach dem Irak mit anderen arabischen Staaten weiterzumachen“ – man läßt „das Volk“ die bestehenden Regimes stürzen, nährt damit gleichzeitig bei europäischen Linksdeppen die Illusion, dies wäre nun endlich die „Jugendrevolte zur Herbeiführung des moderaten, demokratischen Zukunftsislams“ und bringt währenddessen im Hintergrund unauffällig die gewünschten neuen Machthaber in Position.

Mal sehen, wer da eine Überraschung erleben wird… Allahs Uhren gehen anders!

* * * * * * *

Siehe auch Die helfende Hand von Poul Anderson

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