Warum Araber Kriege verlieren

Blast

Von Norvell B. DeAtkine. Original Why Arabs Lose Wars, erstmals erschienen im Dezember 1999 in „Middle East Quarterly“, hier wiedergegeben aus „American Diplomacy“.

Vorwort der Redaktion:

Der Autor, ein pensionierter Colonel der U.S. Army, schöpft aus vielen Jahren der persönlichen Beobachtung von Arabern im Training, um zu Schlußfolgerungen über die Art zu kommen, wie sie in den Kampf ziehen. Seine Befunde leiten sich aus persönlicher Erfahrung mit arabischen Militäreinrichtungen als U.S.-Militärattaché und Sicherheitsberatungsoffizier, beobachtender Offizier bei den von britischen Offizieren geführten Trucial Oman Scouts (der Sicherheitsstreitmacht in den Emiraten vor der Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate) ab sowie von etwa dreißig Jahren des Studiums des Nahen Ostens.

WARUM ARABER KRIEGE VERLIEREN

Kämpfen, wie man trainiert, und die Auswirkung der Kultur auf arabische militärische Effektivität

ARABISCHSPRACHIGE ARMEEN sind in der Moderne allgemein ineffektiv gewesen. Reguläre ägyptische Streitkräfte schnitten in den 1960ern schlecht ab gegen jemenitische Irreguläre. Die Syrer konnten Mitte der 1970er nur durch den Einsatz überwältigender waffen- und zahlenmäßiger Überlegenheit ihren Willen im Libanon durchsetzen. Die Iraker erwiesen sich in den 1980ern als unfähig gegen ein von revolutionärem Aufruhr zerrissenes iranisches Militär und konnten einen drei Jahrzehnte dauernden Krieg gegen die Kurden nicht gewinnen. Die arabische militärische Leistung auf beiden Seiten des Kuwait-Krieges von 1990 war mittelmäßig. Und die Araber haben in nahezu allen militärischen Konfrontationen mit Israel schlecht abgeschnitten. Warum diese nicht eben beeindruckende Leistungsbilanz? Es gibt viele Faktoren – wirtschaftliche, ideologische, technische – aber der vielleicht wichtigste hat mit der Kultur und gewissen gesellschaftlichen Attributen zu tun, die Araber daran hindern, eine effektive militärische Macht hervorzubringen.

Falsche Anfänge

Der Einbeziehung der Kultur in strategische Einschätzungen in der Vergangenheit muß ein Armutszeugnis ausgestellt werden, denn sie ist oft aus einem hässlichen Gebräu aus Unwissenheit, Wunschdenken und Mythologie zusammengesponnen worden. So hat die U.S. Army in den 1930ern den japanischen Nationalcharakter als arm an Originalität eingeschätzt und daraus die unbegründete Schlußfolgerung gezogen, daß dieses Land technologisch permanent im Nachteil sein würde. Hitler tat die Vereinigten Staaten als Bastardgesellschaft ab und unterschätzte infolgedessen die Auswirkung von Amerikas Eintritt in den Krieg. Amerikanische Strategen nahmen an, daß die Schmerzgrenze der Nordvietnamesen nahe an unserer eigenen läge und daß das Luftbombardement des Nordens diesen in die Knie zwingen würde. Man dachte, daß drei Tage an Luftangriffen alles seien, was die Serben aushalten konnten; in Wirklichkeit wurden achtundsiebzig Tage benötigt.

Wie die Beispiele nahelegen, tendiert die Berücksichtigung der Kultur bei der Kalkulation der relativen Stärken und Schwächen gegnerischer Kräfte dazu, zu wilden Verzerrungen zu verleiten, besonders wenn es darum geht zu verstehen, warum Staaten, die nicht für den Krieg vorbereitet sind, voller Selbstvertrauen in den Kampf ziehen. Es besteht die Versuchung, dem feindlichen Staat kulturelle Attribute zuzuschreiben, die seine zahlen- oder waffenmäßige Überlegenheit negieren. Oder das Gegenteil: den potentiellen Feind durch das Prisma der eigenen kulturellen Normen zu sehen.

Es ist besonders gefährlich, oberflächliche Annahmen über Fähigkeiten in der Kriegführung zu treffen, die auf vergangenen Leistungen beruhen, denn Gesellschaften entwickeln sich, und die militärische Subkultur entwickelt sich mit ihnen. Die jämmerliche französische Leistung im deutsch-französischen Krieg von 1870 verleitete das deutsche Oberkommando vor dem Ersten Weltkrieg zu einer übermäßig optimistischen Einschätzung. Dann verleiteten die Zähigkeit und der Mut der französischen Soldaten im Ersten Weltkrieg jeden von Winston Churchill bis zum deutschen Oberkommando dazu, die Kampffähigkeiten der französischen Armee weit zu überschätzen. Die israelischen Generäle unterschätzten die ägyptische Armee von 1973 auf der Grundlage der unglücklichen Leistung der Ägypter im Krieg von 1967.

Kultur ist schwierig festzunageln. Sie ist nicht synonym mit der Rasse oder ethnischen Herkunft eines Individuums. Die Geschichte der Kriegführung spottet über Versuche, Individuen starre kulturelle Attribute zuzuweisen – wie die Militärgeschichte des Osmanischen und des Römischen Reiches illustriert. In beiden Fällen waren es Training, Disziplin, Esprit und Élan, die den Unterschied ausmachten, nicht die Herkunft des einzelnen Soldaten. Die hochdisziplinierten und effektiven römischen Legionen zum Beispiel rekrutierten sich aus dem gesamten Römischen Reich, und die elitären osmanischen Janitscharen (Sklavensoldaten) waren Christen, die als Jungen aus dem Balken zwangsrekrutiert worden waren.

Die Rolle der Kultur

Ungeachtet dieser Probleme muß die Kultur tatsächlich in Rechnung gezogen werden. In der Tat sollte es das Wissen um frühere Fehler möglich machen, die Rolle kultureller Faktoren im Krieg abzuschätzen. John Keegan, der herausragende Militärhistoriker, argumentiert, daß Kultur ein wesentlicher Bestimmungsfaktor für die Natur der Kriegführung ist. Im Kontrast zur üblichen Art der europäischen Kriegführung, die er als „von Angesicht zu Angesicht“ bezeichnet, stellt Keegan die frühen arabischen Armeen in der islamischen Ära als Meister des Ausweichens, der Verzögerung und des Umwegs dar. Die Untersuchung der arabischen Kriegführung in diesem Jahrhundert führt zu dem Schluß, daß die Araber erfolgreicher bleiben in aufständischer oder politischer Kriegführung – in dem, was T. E. Lawrence „das Gewinnen von Kriegen ohne Schlachten“ nannte. Sogar die vielgelobte ägyptische Überquerung des Suezkanals 1973 bedingte in ihrem Kern einen meisterhaften Täuschungsplan. Es kann leicht sein, daß diese anscheinend permanenten Attribute die Folge einer Kultur sind, die Raffiniertheit, Umwege und Verstellung in persönlichen Beziehungen hervorbringt.

Ungefähr in dieser Art schließt Kenneth Pollock sein erschöpfendes Studium der arabischen militärischen Effektivität, indem er anmerkt, daß „gewisse Verhaltensmuster, die von der dominanten arabischen Kultur gefördert werden, die wichtigsten Faktoren waren, die zur begrenzten militärischen Effektivität arabischer Armeen und Luftstreitkräfte von 1945 bis 1991 beitrugen.“ Zu diesen Attributen gehören Überzentralisierung, Entmutigung von Initiative, Mangel an Flexibilität, Manipulation von Informationen und die Entmutigung von Führungsqualitäten auf der Ebene der unteren Offiziersränge. Das Sperrfeuer der Kritik gegen Samuel Huntingtons Idee eines „Kampfes der Kulturen“ [„Clash of Civilizations“] mindert in keiner Weise sein entscheidendes Argument – daß, wie sehr auch die Gruppeneinteilung von Völkern nach Religion und Kultur statt nach politischen oder wirtschaftlichen Kriterien Akademiker stört, die für eine nach Klasse, Rasse und Geschlecht definierte Welt plädieren, es doch eine Realität ist; eine die nicht durch die moderne Kommunikation gemindert wird.

Aber wie integriert man das Studium der Kultur ins militärische Training? Gegenwärtig hat sie kaum eine Rolle. Paul M. Belbutowsky, ein Gelehrter und ehemaliges Mitglied der U.S.-Delta Force, stellte lapidar eine Unzulänglichkeit in unserem eigenen militärischen Bildungssystem fest: „Kultur, die aus allem besteht, was vage und ungreifbar ist, ist nicht allgemein in die strategische Planung integriert, außer auf oberflächlichsten Niveau.“ Und doch ist es genau „all das, was vage und ungreifbar ist“, was die Konflikte niedriger Intensität definiert. Die vietnamesischen Kommunisten führten nicht den Krieg, für den die Vereinigten Staaten trainiert hatten, genauso wenig führten die Tschetschenen und Afghanen den Krieg, auf den sich die Russen vorbereitet hatten. Dies zieht weit mehr nach sich, als einfach die Waffen auszutauschen und die Soldaten umzuschulen. Es erfordert ein Verständnis der kulturellen Mythologie, der Geschichte, der Einstellung zur Zeit etc., und es erfordert eine umfangreichere Investition an Zeit und Geld, als eine bürokratische Organisation wahrscheinlich genehmigen wird.

Im Bewußtsein dessen, daß ich durch ein Minenfeld aus vergangenen Fehlern und gegenwärtigen kulturellen Empfindlichkeiten marschiere, biete ich einige Einschätzungen der Rolle der Kultur in der militärischen Ausbildung arabischsprachiger Offiziere. Ich beschränke mich aus zwei Gründen prinzipiell auf die Ausbildung:

– Erstens: ich habe viel Ausbildungstätigkeit beobachtet, aber nur einen Kampfeinsatz (der jordanischen Armee gegen die PLO 1970);

– Zweitens: Armeen kämpfen so, wie sie trainieren. Truppen werden durch Gewohnheiten, Politik und Verfahrensweisen in Friedenszeiten konditioniert; sie durchlaufen keine plötzliche Metamorphose, die Zivilisten in Uniform in Krieger verwandelt. General George Patton erzählte gern die Geschichte von Julius Cäsar, der „seine Legionen während des Winters … in allem so trainierte, daß sie zu Soldaten wurden, und sie so an die richtige Ausführung ihrer Pflichten gewöhnte, daß es im Frühling, als er sie gegen die Gallier in die Schlacht schickte, nicht notwendig war, Befehle zu geben, weil sie wußten, was zu tun war und wie.“

Information als Macht

In jeder Gesellschaft ist Information ein Mittel, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen oder Macht auszuüben, aber Araber gehen sparsam mit Information um und halten sie besonders knapp. US-Militärausbilder sind über die Jahre oft überrascht darüber gewesen, daß Informationen, mit denen sie Schlüsselpersonal versorgten, nicht weit über dieses hinausgelangten. Wenn er irgendeine komplizierte Prozedur auszuführen gelernt hat, weiß ein arabischer Techniker, daß er von unschätzbarem Wert ist, solange er der einzige in der Einheit ist, der dieses Wissen hat; sobald er es an andere weitergibt, ist er nicht mehr der einzige Quell des Wissens, und seine Macht verflüchtigt sich. Dies erklärt das allgemein übliche Horten von Anleitungen, Büchern, Ausbildungsbroschüren und anderer Ausbildungs- oder Logistikliteratur.

In einem Fall erhielt ein mobiles amerikanisches Ausbildungsteam, das in Ägypten mit Panzereinheiten arbeitete, endlich die mühsam ins Arabische übersetzten Betriebsanleitungen. Die amerikanischen Ausbilder brachten die frisch gedruckten Handbücher zum Panzerfuhrpark und verteilten sie an die Panzerbesatzungen. Gleich hinter ihnen sammelte der Kompaniekommandant, ein Absolvent der Panzerschule in Fort Knox und von spezialisierten Kursen an der Aberdeen Proving Grounds Ordnance School die Handbücher wieder von den Besatzungen ein. Auf die Frage, warum er das tat, sagte der Kommandeur, daß es keinen Sinn hätte, sie den Fahrern zu geben, weil die Mannschaftsdienstgrade nicht lesen könnten. In Wirklichkeit wollte er nicht, daß Mannschaftsdienstgrade eine unabhängige Wissensquelle hatten. Daß er der einzige war, der die Feuerleitinstrumente oder das Justieren der Kanonen erklären konnte, brachte ihm Prestige und Aufmerksamkeit.

In militärischen Begriffen bedeutet das, daß sehr wenig aufgabenübergreifendes Training gemacht wird und daß beispielsweise bei Panzerbesatzungen die Kanoniere, Ladeschützen und Fahrer in ihren jeweiligen Aufgaben kompetent sein mögen, aber nicht darauf vorbereitet sind, im Fall eines Ausfalls einzuspringen. Daß man die Aufgaben der jeweils anderen nicht versteht, verhindert auch ein glattes Funktionieren der Besatzung. Auf höherer Ebene bedeutet es, daß es keine tiefere technische Beschlagenheit gibt.

Bildungsprobleme

Die Ausbildung neigt dazu, phantasielos, schablonenhaft und ohne Herausforderungen zu sein. Weil das arabische Bildungssystem dem Auswendiglernen verschrieben ist, haben Offiziere eine phänomenale Fähigkeit, sich große Mengen an Wissen zu merken. Das Lernsystem neigt dazu, aus Belehrungen von oben zu bestehen, wobei die Schüler sich umfangreiche Anmerkungen machen und auf das geprüft werden, was man ihnen gesagt hat. (Das hat auch interessante Implikationen für einen ausländischen Ausbildner, dessen Glaubwürdigkeit zum Beispiel gemindert wird, wenn er auf ein Buch zurückgreifen muß). Der Schwerpunkt auf dem Auswendiglernen hat einen Preis, und der besteht in der geminderten Fähigkeit zu argumentieren oder Analysen auf Basis allgemeiner Prinzipien zu erstellen. Unkonventionelles Denken wird nicht ermutigt, und wenn man das öffentlich tut, kann es eine Karriere beschädigen. Die Ausbildner werden nicht herausgefordert, und am Ende auch nicht die Schüler.

Kopf-an-Kopf-Konkurrenz unter Individuen wird allgemein vermieden, zumindest offen, denn es bedeutet, daß einer gewinnt und der andere verliert, wobei der Verlierer gedemütigt wird. Dieses Tabu hat eine besondere Bedeutung, wenn eine Ausbildungsklasse aus gemischten Rängen besteht. Bildung wird zum guten Teil aus Gründen des persönlichen Prestiges angestrebt, daher bemühen sich Araber in U.S.-Militärschulen sicherzustellen, daß das nach militärischer Position oder gesellschaftlicher Klasse höherrangige Mitglied die besten Noten in der Klasse erhält. Oft führt das dazu, daß man sich in der Klasse „die Antworten teilt“ – oft in ziemlich offensichtlicher Weise, oder dazu, daß niederrangigere Offiziere höhere Noten als die ihrer Vorgesetzten verbergen.

Amerikanische Militärausbildner, die mit nahöstlichen Schülern zu tun haben, lernen sicherzugehen, bevor sie irgendeine Frage an einen Schüler in einer Klasse richten, besonders wenn er ein Offizier ist, daß er die korrekte Antwort weiß. Wenn dies nicht sichergestellt ist, könnte der Offizier das Gefühl haben, daß er absichtlich öffentlich erniedrigt worden ist. Im oft paranoiden Umfeld der arabischen politischen Kultur könnte er dann zum Feind des Ausbildners werden, und seine Klassenkameraden werden besorgt darüber werden, daß sie ebenfalls zur Erniedrigung ausgewählt werden könnten, und das Lernen wird unmöglich.

Offiziere gegen Soldaten

Niederrangigere arabische Offiziere sind in den technischen Aspekten ihrer Waffen und im taktischen Know-how gut ausgebildet, aber nicht in Führungsqualitäten, ein Thema, dem wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Wie zum Beispiel General Sa’id ash-Shazli, der ägyptische Stabschef, in seiner Beurteilung der Armee anmerkte, die er vor dem Krieg von 1973 erbte, waren sie nicht darauf trainiert, die Initiative zu ergreifen oder originelle Konzepte oder neue Ideen anzubieten. Tatsächlich könnte Führungsqualität die größte Schwäche arabischer Ausbildungssysteme sein. Dieses Problem resultiert aus zwei Hauptfaktoren: einem stark betonten Klassensystem, das an ein Kastensystem grenzt, und einem fehlenden Entwicklungsprogramm für Unteroffiziere.

Die meisten arabischen Armeen behandeln Mannschaftsdienstgrade wie Untermenschen. Als eines Tages während einer Vorführung für zu Besuch weilende US-Würdenträger der Wind beißende Sandpartikel aus der Wüste herbeitrug, sah ich, wie ein Kontingent von Soldaten herbeimarschierte und eine einzelne Reihe bildete, um die Amerikaner abzuschirmen. In anderen Worten, ägyptische Soldaten wurden gelegentlich als bloßer Windbrecher benutzt. Die Idee, daß man für seine Männer sorgt, findet man nur unter den elitärsten Einheiten im ägyptischen Militär. An einem typischen Wochenende steigen Offiziere in außerhalb Kairos stationierten Einheiten in ihre Autos und fahren nach Hause, während sie es den Mannschaften überließen, für sich selbst zu sorgen, indem sie durch die Wüste zu einer Hauptstraße marschieren, um sich per Autostopp von Bussen oder Lastwagen zum Eisenbahnsystem von Kairo mitnehmen zu lassen. Unterkünfte in Garnisonen haben keine Annehmlichkeiten für Soldaten. Dieselbe Situation gibt es in unterschiedlichem Ausmaß in den anderen arabischsprachigen Ländern – weniger in Jordanien, noch mehr im Irak und in Syrien. Die jungen Wehrpflichtigen, die den Großteil der ägyptischen Armee ausmachen, hassen den Militärdienst aus gutem Grund und tun fast alles, einschließlich Selbstverstümmelung, um ihn zu vermeiden. In Syrien kaufen die Reichen sich Befreiungen oder lassen sich, wenn das nicht geht, nicht kämpfenden Organisationen zuteilen. Wie mir ein junger Syrer sagte, kamen seine musikalischen Fertigkeiten von einer Abkommandierung zu einer syrischen Armeekapelle, wo er ein Instrument zu spielen lernte. Im allgemeinen setzen die Streitkräfte des Fruchtbaren Halbmonds Disziplin durch Furcht durch; in Ländern, wo immer noch ein Stammessystem in Kraft ist, wie in Saudi-Arabien, mildert der angeborene Egalitarismus der Gesellschaft die Furcht als Hauptmotivation, sodaß ein allgemeiner Mangel an Disziplin alles durchdringt.

Die gesellschaftliche und professionelle Kluft zwischen Offizieren und Mannschaften ist in allen Armeen vorhanden, aber in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Streitkräften wird sie durch das Unteroffizierskorps überbrückt. In der Tat ist ein professionelles Unteroffizierskorps für die bestmögliche Funktion des amerikanischen Militärs entscheidend gewesen; als die hauptsächlichen Ausbildner in einer professionellen Armee sind Unteroffiziere entscheidend für Ausbildungsprogramme und für den Korpsgeist der Mannschaften. Der Großteil der arabischen Welt hat entweder kein Unteroffizierskorps, oder es funktioniert nicht, was die Effektivität des Militärs schwer behindert. Mit einigen Ausnahmen werden Unteroffiziere in derselben niedrigen Kategorie gesehen wie die Mannschaften und dienen nicht als Brücke zwischen diesen und den Offizieren. Offiziere bilden aus, aber die breite soziale Kluft zwischen Mannschaftsdienstgrad und Offizier neigt dazu, den Lernprozeß oberflächlich, formalisiert und ineffektiv zu machen. Die Aspekte des Vorzeigens und Sagens in der Ausbildung fehlen oft, weil die Offiziere sich weigern, sich die Hände schmutzig zu machen und es vorziehen, die praktischeren Aspekte ihres Unterrichtsstoffes zu ignorieren, im Glauben, daß dies unter ihrer gesellschaftlichen Stellung sei. Ein dramatisches Beispiel dafür gab es während des Golfkrieges [des Kuwait-Krieges von 1991; d. Ü.], als ein schwerer Sturm die Zelte kriegsgefangener irakischer Offiziere umblies. Drei Tage lang harrten sie lieber in Wind und Regen aus, als von gefangenen Mannschaftsdienstgraden im benachbarten Lager dabei gesehen zu werden, wie sie mit ihren Händen arbeiteten.

Der militärische Preis dafür ist sehr hoch. Ohne den Zusammenhalt, den Unteroffiziere bieten, neigen Einheiten dazu, sich unter Kampfbelastung aufzulösen. Dies ist hauptsächlich eine Funktion der Tatsache, daß die gewöhnlichen Soldaten einfach kein Vertrauen zu ihren Offizieren haben. Sobald Offiziere die Ausbildungsplätze verlassen, beginnt die Ausbildung auseinanderzufallen, wenn die Soldaten anfangen, sich gehen zu lassen. Ein ägyptischer Offizier erklärte mir einmal, daß die katastrophale Niederlage von 1967 die Folge eines Mangels an Zusammenhalt innerhalb der Einheiten war. Die Situation, sagte er, hatte sich 1973 nur marginal verbessert. Irakische Kriegsgefangene von 1991 zeigten eine bemerkenswerte Furcht vor und Feindseligkeit gegenüber ihren Offizieren.

Entscheidungsfindung und Verantwortung

Entscheidungen sind stark zentralisiert, werden auf sehr hoher Ebene getroffen und selten delegiert. Selten trifft ein Offizier von sich aus eine wichtige Entscheidung; stattdessen zieht er den sicheren Weg vor, als fleißig, intelligent, loyal – und gefügig wahrgenommen zu werden. Als Neuerer auf sich aufmerksam zu machen, oder als jemand, der zu einseitigen Entscheidungen neigt, ist ein Rezept für Ärger. Wie im Zivilleben ist Anpassung die überwiegende gesellschaftliche Norm; der herausstehende Nagel wird eingeschlagen. Entscheidungen werden ganz oben getroffen, mit sehr wenig horizontaler Kommunikation. Befehle und Informationen fließen von oben nach unten; sie sollen in keiner Weise neu interpretiert, ergänzt oder abgeändert werden.

US-Ausbildner werden oft frustriert, wenn sie eine Entscheidung von einem Gegenüber erhalten wollen und nicht erkennen, daß dem arabischen Offizier die Autorität fehlt, diese Entscheidung zu treffen – ein Frust, der verstärkt wird durch den verständlichen Widerwillen des Arabers, zuzugeben, daß ihm diese Autorität fehlt. Der Autor hat mehrmals erlebt, daß Entscheidungen, die auf Bataillonsebene hätten getroffen werden können, wie über Zeit und Ort von Klassenversammlungen, zur Genehmigung ans Verteidigungsministerium weitergeleitet wurden. All das hat amerikanische Ausbildner eine Daumenregel entwickeln lassen: ein Hauptfeldwebel [Sergeant first class] in der U.S. Army hat soviel Autorität wie ein Oberst in einer arabischen Armee.

Ausbildungsmethoden und Unterrichtsstoff werden von höheren Autoritäten diktiert. Einheitskommandeure haben in diesen Angelegenheiten sehr wenig zu sagen. Die politisierte Natur der arabischen Streitkräfte bedeutet, daß politische Faktoren schwer wiegen und häufig Vorrang vor militärischen Erwägungen haben. Offiziere mit Initiative und einer Vorliebe für einseitiges Handeln stellen eine Bedrohung für das Regime dar. Dies kann man nicht nur auf der Ebene nationaler Strategie sehen, sondern auch in jedem Aspekt militärischer Operationen und Ausbildung. Wenn die arabischen Streitkräfte in Vorbereitung des Krieges gegen Israel von 1973 weniger politisiert und professioneller wurden, so kehrten die alten Gewohnheiten zurück, sobald die Kämpfe endeten. Nun mischt sich auch ein zunehmend bürokratisiertes Militärestablishment ein. Ein Veteran der Revierkämpfe im Pentagon wird sich wie ein Kindergartenkind fühlen, wenn er die Rivalitäten erlebt, die es in den Hauptquartieren arabischer Militärs gibt.

Daß Verantwortung für eine Politik, Operation, einen Zustand oder ein Ausbildungsprogramm übernommen wird, kommt selten vor. Es kann für US-Ausbildner sehr frustrierend sein, wenn sie wiederholt erleben, wie arabische Offiziere der US-Ausrüstung oder irgendeiner anderen äußeren Quelle die Schuld für erfolglose Operationen oder Programme geben. Eine hohe Rate nicht funktionierender US-Ausrüstung wird auf „Mangel an Ersatzteilen“ zurückgeführt – wodurch mit dem Finger auf ein nicht reagierendes US-Nachschubsystem gezeigt wird, trotz der Tatsache, daß die amerikanischen Ausbildner nachweisen können, daß reichlich Nachschub ins Land gekommen und in einem im Sterben liegenden Nachschubsystem verschwunden ist. (Es sollte jedoch hinzugefügt werden, und das ist wichtig, daß diese Kritik niemals ätzend oder persönlich war und oft so indirekt und höflich geäußert wurde, daß indirekte Hinweise oft erst nach einer Besprechung verstanden wurden.) Dieser Imperativ funktioniert selbst auf höchster Ebene. Während des Kuwait-Krieges nahmen irakische Truppen die Stadt Khafji im nordöstlichen Saudi-Arabien ein, nachdem die Saudis den Ort geräumt hatten. General Khalid bin Sultan, der Befehlshaber der saudischen Bodentruppen, ersuchte um einen Brief von General Norman Schwarzkopf, in dem festgestellt werden sollte, daß es der US-General war, der eine Räumung der saudischen Stadt befohlen hatte. Und in seinem Bericht über die Schlacht von Khafji gibt General Bin Sultan in vorhersehbarer Weise den Amerikanern die Schuld an der irakischen Besetzung der Stadt. In Wirklichkeit lag das Problem daran, daß die leichten saudischen Streitkräfte das Schlachtfeld verlassen hatten. Die Saudis waren in Wirklichkeit der irakischen Einheit, die sich Khafji näherte, waffen- und zahlenmäßig unterlegen gewesen, aber der saudische Stolz erforderte es, daß Ausländern die Schuld zugewiesen wurde.

Was die Ausrüstung betrifft, so existiert eine riesige kulturelle Kluft zwischen den amerikanischen und arabischen Wartungs- und Logistiksystemen. Die arabischen Schwierigkeiten mit US-Ausrüstung liegen nicht daran, wie manchmal vereinfacht geglaubt wird, daß „Araber keine Wartungsarbeiten machen“, sondern an einer breiten kulturellen Kluft. Das amerikanische Konzept eines Waffensystems ist nicht leicht vermittelbar. Ein Waffensystem bringt spezifische Wartungs- und Logistikprozeduren, Taktiken und sogar Philosophien mit sich, die alle auf der US-Kultur beruhen, mit ihren Erwartungen eines bestimmten Bildungsniveaus, eines Gefühls für Verantwortlichkeit kleiner Einheiten, von Werkzeugzuteilungen und Doktrin. Die US-Ausrüstung und ihre Wartung begründen sich auf einem Konzept der Reparatur auf niedrigster Ebene und erfordern daher die Delegation von Autorität. Werkzeuge, die einem US-Bataillon zugeteilt würden (einer Einheit von etwa 600 – 800 Personen) würde man in einer arabischen Armee höchstwahrscheinlich auf viel höherer Ebene finden – wahrscheinlich zwei oder drei Ebenen höher. Die Expertise, Initiative und, was am wichtigsten ist, das Vertrauen, das durch die Delegation von Verantwortlichkeit an eine niedrigere Ebene angezeigt wird, sind selten. Ohne die benötigten Werkzeuge, Ersatzteile oder Expertise, um die Ausrüstung in Schuß zu halten, und bei einer Abneigung, seinen Vorgesetzten schlechte Nachrichten zu melden, sucht der Einheitskommandeur nach Sündenböcken.

All dies erklärt, warum ich in Ägypten oft gehört habe, daß US-Waffen „zu empfindlich“ sind. Ich habe viele im Land tätige US-Umfrageteams beobachtet: Ständig plädieren die Gastgeber dafür, die modernste militärische Hardware zu erwerben, und tun alles, um Fragen der Wartung, Logistik und Ausbildung zu vermeiden. Sie betreiben Verschleierung und Irreführung in einem Ausmaß, daß die US-Teams es ungeachtet dessen, wie ernst sie ihre Mission nehmen, fast unmöglich finden zu helfen. Allgemeiner gesprochen macht es der arabische Widerwille, sich freimütig zu Unzulänglichkeiten bei der Ausbildung zu äußern, für ausländische Berater extrem schwierig, die Ausbildung richtig zu unterstützen oder Trainingsbedürfnisse abzuschätzen.

Operationen verbundener Waffen

Ein Mangel an Kooperation zeigt sich am deutlichsten daran, daß keine arabische Armee in Operationen kombinierter Waffen erfolgreich ist. Eine reguläre Infanteriekompanie der jordanischen Armee beispielsweise ist Mann für Mann so gut wie eine vergleichbare israelische Kompanie, auf Bataillonsebene jedoch ist die für Operationen kombinierter Waffen mit Artillerie, Luft- und Logistikunterstützung erforderliche Koordination einfach nicht vorhanden. In der Tat ist das Ungleichgewicht umso größer, je höher die Rangstufe ist. Dies kommt davon, daß selten mit kombinierten Waffen trainiert wird; wenn es stattfindet, soll es Besucher beeindrucken (was es auch tut – der Werbezirkus [„dog-and-pony show“] wird üblicherweise mit ungewöhnlicher Begeisterung und theatralischem Talent aufgeführt), statt reales Training zu bieten.

Drei zugrunde liegende Faktoren erschweren die für kombinierte Operationen erforderliche Koordination noch weiter:

– Erstens wirkt sich der bekannte Mangel an Vertrauen unter Arabern gegenüber jedem außerhalb ihrer eigenen Familien negativ auf Offensivoperationen aus. In einer Kultur, in der fast jede Sphäre menschlicher Bestrebungen, einschließlich geschäftlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, auf einer Familienstruktur beruht, kommt dieses grundsätzliche Mißtrauen gegenüber anderen unter den Belastungen einer Schlacht besonders teuer zu stehen. Offensive Kampfhandlungen bestehen im Grunde aus Feuer und Bewegung. Das sich bewegende Element muß zuversichtlich sein, daß die unterstützenden Einheiten oder Waffen Feuerschutz geben. Wenn es einen Mangel an Vertrauen in diese Unterstützung gibt, dann können die Soldaten nur dann zum Vorrücken gegen eingegrabene Verteidiger bewegt werden, wenn die Offiziere rausgehen und führen, etwas, das kein Charakteristikum arabischer Führung gewesen ist. (Ausnahmen von diesem Muster sind auf Eliteeinheiten beschränkt, die in der gesamten arabischen Welt dieselbe Pflicht haben – das Regime zu schützen statt das Land.)

– Zweitens erzeugt das komplexe Mosaik von Völkern zusätzliche Probleme in der Ausbildung, da Herrscher im Nahen Osten die Konfessions- und Stammesloyalitäten für ihren Machterhalt ausnutzen. Die Minderheit der Aleviten kontrolliert Syrien, die Leute vom Ostufer kontrollieren Jordanien, Sunniten kontrollieren den Irak, und Nadschdis kontrollieren Saudi-Arabien. Dies hat direkte Auswirkungen auf das Militär, wo konfessionelle Erwägungen die Postenbesetzungen und Beförderungen beeinflussen. Manche Minderheiten (wie die Tscherkessen in Jordanien oder die Drusen in Syrien) hängen in ihrem Wohlergehen von der herrschenden Elite ab und erfüllen entscheidende Schutzaufgaben; andere (wie die Schiiten des Irak) werden aus dem Offizierskorps ausgeschlossen. In jedem Fall wirkt die auf konfessionellen Erwägungen beruhende Besetzung von Offiziersposten einer auf Verdiensten beruhenden Besetzung entgegen. Derselbe Mangel an Vertrauen ist auf zwischenstaatlicher Ebene am Werk, wo arabische Armeen sehr wenig Vertrauen zueinander zeigen, und das aus gutem Grund. Die unverfrorene Lüge Gamal Abdel Nassers gegenüber König Hussein im Juni 1967, um ihn in den Krieg gegen Israel zu ziehen, nämlich daß die ägyptische Luftwaffe über Tel Aviv sei (während die große Mehrheit der Flugzeuge zerstört war), war ein klassisches Beispiel der Täuschung. Sadats hinterhältige Annäherung an die Syrer, um sie im Oktober 1973 zum Kriegseintritt zu bewegen, war ein weiteres (er sagte ihnen, daß die Ägypter den totalen Krieg planten, eine Täuschung, zu der ein zweiter Satz Operationspläne gehörte, der allein für syrische Augen bestimmt war). Bei so einer Geschichte ist es kein Wunder, daß es sehr wenig übergreifendes oder gemeinsames Training unter arabischen Armeen und sehr wenige Stabsübungen gibt. Während des Krieges von 1967 beispielsweise war kein einziger jordanischer Verbindungsoffizier in Ägypten stationiert, genauso wenig waren die Jordanier mitteilsam gegenüber dem ägyptischen Oberkommando.

– Drittens stützen nahöstliche Herrscher sich routinemäßig auf Techniken der Machtbalance, um ihre Autorität aufrechtzuerhalten. Sie nutzen konkurrierende Organisationen, doppelte Behörden und Zwangsstrukturen, die von den Launen des Herrschers abhängig sind. Dies macht den Aufbau jeder Art von persönlicher Machtbasis schwierig, wenn nicht unmöglich, und hält die Führung ängstlich und aus dem Lot, und sie kann sich ihrer Karrieren und sozialen Stellung nie sicher sein. Dasselbe gilt innerhalb des Militärs; ein mächtiger Vorsitzender des Generalstabs ist unvorstellbar. Verbundene Kommandos sind Papierkonstrukte, die wenig echte Funktion haben. Führer betrachten verbundene Kommandos, gemeinsame Übungen, kombinierte Waffen und integrierte Stäbe mit großer Vorsicht, da alle arabischen Armeen zweischneidige Schwerter sind. Eine Schneide zeigt auf den äußeren Feind, und die andere auf die Hauptstadt. Landstreitkräfte sind gleichzeitig eine regimeerhaltende Kraft und eine Bedrohung für dasselbe Regime. Diese Situation sieht man am deutlichsten in Saudi-Arabien, wo die Land- und Luftstreitkräfte dem Verteidigungsminister Prinz Sultan unterstehen, während die Nationalgarde Prinz Abdullah untersteht, dem Vizepremierminister und Kronprinzen. In Ägypten sind die zentralen Sicherheitskräfte das Gegengewicht zur Armee. Im Irak und in Syrien übernehmen die republikanischen Garden das Ausbalancieren.

Kein arabischer Herrscher wird zulassen, daß kombinierte Operationen oder Übungen zur Routine werden, denn diese schaffen Vertrautheit, weichen Rivalitäten auf, verringern den Argwohn und eliminieren die zersplitterten, konkurrierenden Organisationen, die es den Herrschern ermöglichen, Rivalen gegeneinander auszuspielen. Die Politiker erzeugen tatsächlich Hindernisse, um die Fragmentierung aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel muß es von den Leitern der Waffengattungen im Verteidigungsministerium koordiniert werden, wenn die Armee von der Luftwaffe Flugzeuge für Luftlandeübungen erhalten soll, ob es nun eine gemeinsame Übung oder eine simple Anforderung um Unterstützung fürs Training ist; wenn es um eine große Zahl von Flugzeugen geht, ist dazu wahrscheinlich eine Genehmigung des Präsidenten erforderlich. Militärcoups mögen vorerst aus der Mode sein, aber die Furcht vor ihnen bleibt stark. Jedes große Manöver von Landstreitkräften ist für die Regierung immer ein Grund zur Sorge und wird genau beobachtet, besonders wenn scharfe Munition verwendet wird. In Saudi-Arabien bedeutet ein kompliziertes System vorgeschriebener Freigaben von militärischen Gebietsbefehlshabern und Provinzgouverneuren, die sämtlich unterschiedliche Kommandokanäle haben, für die Genehmigung von Straßenkonvois, den Erhalt von Munition und die Durchführung von Übungen, daß ein funktionierender Coup eine große Zahl loyaler Verschwörer erfordern würde. Das System hat sich als staatsstreichsicher erwiesen, und es gibt keinen Grund zu glauben, daß es nicht bis weit in die Zukunft funktionieren wird.

Sicherheit und Paranoia

Arabische Regimes unterstellen alles auch nur vage Militärische der Geheimhaltung. Informationen, die das US-Militär routinemäßig veröffentlicht (über Beförderungen, Versetzungen, Namen von Einheitskommandeuren und Einheitsbezeichnungen), sind in arabischsprachigen Ländern streng geheim. Sicher, dies macht es für den Feind schwieriger, eine präzise Schlachtordnung aufzubauen, aber es nährt auch die entzweiende und kleinteilige Natur der Streitkräfte. Die Sicherheitsbesessenheit kann lächerliche Ausmaße erreichen. Vor dem Krieg von 1973 war Sadat überrascht herauszufinden, daß sein Kriegsminister General Muhammad Sadiq noch zwei Wochen vor dem Datum, für das er die Kriegsbereitschaft der Streitkräfte befohlen hatte, seinen unmittelbaren Stab nicht über den Befehl informiert hatte. Sollte ein Krieg, fragte sich Sadat, vor genau den Leuten geheimgehalten werden, die ihn führen sollten?

Man kann erwarten, daß ein arabischer Ansprechpartner oder ein wichtiger Kontaktmann ohne Vorwarnung und ohne Erklärung seiner plötzlichen Abwesenheit ausgetauscht wird. Dies kann sehr leicht nur eine Versetzung um ein paar Türen weiter sein, aber die Unklarheit all dessen läßt Ausländer sich düstere Szenarien vorstellen – die wahr sein könnten. Und es ist am besten, nicht zuviel nachzufragen; Berater oder Ausbildner, die übermäßig neugierig zu sein scheinen, können sehr leicht herausfinden, daß ihr Zugang zu militärischen Informationen oder Einrichtungen des Gastlandes eingeschränkt wird. Die vermutete enge Beziehung zwischen den USA und Israel, von der man annimmt, daß sie auf allen Ebenen funktioniert, erschwert und kompliziert diesen Hang zur Geheimhaltung. Araber glauben, daß die banalsten Details über sie irgendwie per geheimer Hotline an den Mossad übertragen werden. Dies erklärt, warum ein US-Berater bei arabischen Streitkräften wahrscheinlich früh und oft nach seiner Meinung zum „Palästinaproblem“ gefragt und dann Monologen über die angenommene jüdische Beherrschung der Vereinigten Staaten ausgesetzt wird.

Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit

Es gibt eine allgemeine Laxheit hinsichtlich Sicherheitsmaßnahmen und eine anscheinende Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Ausbildungsunfällen, von denen viele durch minimale Sicherheitsvorkehrungen hätten verhindert werden können. Für die (vielleicht übermäßig) sicherheitsbewußten Amerikaner erscheinen arabische Gesellschaften gleichgültig gegenüber Verlusten und der Wichtigkeit der Trainingssicherheit. Dafür gibt es eine Anzahl von Erklärungen. Manche würden auf den inhärenten Fatalismus im Islam verweisen, und jeder, der beträchtliche Zeit in arabischen Taxis verbracht hat, wird dieser Theorie Glauben schenken, aber vielleicht hat der Grund weniger mit Religion zu tun als mit politischer Kultur. Wie jeder Militärveteran weiß, wird das Ethos einer Einheit an der Spitze bestimmt; oder wie das alte Sprichwort sagt, Einheiten machen die Dinge gut, auf die der Boss Wert legt. Wenn die politische Führung einen völligen Mangel an Sorge um das Wohlergehen seiner Soldaten an den Tag legt, sickern solche Einstellungen durch die Ränge nach unten. Beweisstück A hierfür war der Verrat an syrischen Truppen, die 1967 auf dem Golan gegen Israel kämpften: nachdem sie ihre Eliteeinheiten abgezogen hatte, sendete die syrische Regierung wissentlich die Falschmeldung, daß israelische Truppen die Stadt Kuneitra erobert hätten, wodurch sie im Rücken der weitgehend aus Wehrpflichtigen bestehenden syrischen Armee gewesen wären, die immer noch in Stellung war. Die Führung setzte diesen Schritt, um Druck auf die Großmächte zur Erzwingung eines Waffenstillstands zu machen, obwohl er zu einer Panik unter den syrischen Truppen und zum Verlust der Golanhöhen führte.

Schlußfolgerung

Es wäre schwierig, die kulturelle Kluft zu übertreiben, die die amerikanische von der arabischen Militärkultur trennt. Auf jedem bedeutenden Gebiet finden amerikanische Militärberater Schüler, die ihre Lektionen enthusiastisch aufnehmen und sie dann eisern nicht anwenden. Die Kultur, in die sie zurückkehren – die Kultur ihrer eigenen Armeen in ihren eigenen Ländern – obsiegt über die Vorsätze, mit denen sie sich von ihren amerikanischen Ausbildnern verabschiedet hatten. Arabische Offiziere sind nicht um das Wohlergehen und die Sicherheit ihrer Männer besorgt. Das arabische militärische Denken ermutigt nicht zur Initiative seitens unterer Offiziersdienstgrade, oder irgendwelcher Offiziere. Verantwortung wird vermieden und von sich weggelenkt, nicht gesucht und übernommen. Politische Paranoia und operationelle Hermetik statt Offenheit und Teamanstrengungen sind die Regeln des Vorankommens (und Überlebens) im arabischen Militärestablishment. Dies sind natürlich keine Fragen der Genetik, sondern Angelegenheiten historischer und politischer Kultur.

Als sie einen Einfluß auf gewisse arabische Militärestablishments hatten, verstärkten die Sowjets die eigenen kulturellen Eigenschaften ihrer Klienten sehr. Wie die der Araber war die sowjetische Militärkultur von politischen Ängsten getrieben, die an Paranoia grenzten. Die Schritte, die man zur Kontrolle der (realen oder eingebildeten) Quellen dieser Ängste unternahm, wie eine starr zentralisierte Kommandostruktur, wurden von den arabischen politischen und militärischen Eliten leicht verstanden. Die Araber fühlten auch eine Affinität zu der Verachtung der sowjetischen Offiziersklasse gegenüber den gewöhnlichen Soldaten und zu deren Mißtrauen gegenüber einem gut entwickelten, geschätzten und gut entlohnten Unteroffizierskorps.

Die arabische politische Kultur beruht auf einem hohen Grad sozialer Schichtung, ziemlich wie die der nicht mehr existenten Sowjetunion und sehr unähnlich den aufwärtsmobilen, meritokratischen, demokratischen Vereinigten Staaten. Arabische Offiziere sehen keinen Wert darin, Informationen miteinander zu teilen, ganz zu schweigen davon, sie mit ihren Männern zu teilen. Darin folgen sie dem Beispiel ihrer politischen Führer, die ihren eigenen Verbündeten nicht nur Informationen vorenthalten, sondern sie routinemäßig täuschen. Die Ausbildung in arabischen Armeen widerspiegelt dies: statt sich so gut wie möglich auf die Vielzahl improvisierter Verantwortlichkeiten vorzubereiten, die sich im Chaos der Schlacht ergeben, sind arabische Soldaten und ihre Offiziere an die engen Funktionen gebunden, die ihnen von ihrer Hierarchie zugewiesen werden. Daß dies sie auf dem Schlachtfeld weniger effektiv macht, ganz zu schweigen davon, daß es ihr Leben in größere Gefahr bringt, ist kaum von Bedeutung, wohingegen diese beiden Fragen natürlich in der amerikanischen Militärkultur dominant sind und sich in der amerikanischen militärischen Ausbildung widerspiegeln.

Es ist unwahrscheinlich, daß es eine Veränderung gibt, solange sie nicht in der breiteren arabischen politischen Kultur stattfindet, obwohl die Erfahrung anderer Gesellschaften (einschließlich unserer eigenen) nahe legt, daß das Militär einen demokratisierenden Einfluß auf die breitere politische Kultur haben kann, da Offiziere die Lektionen ihrer Ausbildung zuerst in ihr berufliches Umfeld mitbringen und dann in die breitere Gesellschaft. Es macht jedoch offensichtlich einen großen Unterschied, wenn die umgebende politische Kultur nicht nur als demokratisch deklariert ist (wie es die der Sowjetunion war) sondern auch das auch funktional ist.

Solange die arabische Politik sich nicht grundlegend zu ändern beginnt, ist es unwahrscheinlich, daß arabische Armeen ungeachtet des Mutes oder der Fähigkeit einzelner Offiziere und Männer das Spektrum der Qualitäten erlangen werden, die moderne Streitkräfte zum Erfolg auf dem Schlachtfeld brauchen. Denn diese Qualitäten hängen davon ab, daß den Mitgliedern der Streitkräfte auf allen Ebenen Respekt, Vertrauen und Offenheit eingeimpft wird, und dies ist die Marschmusik der modernen Kriegführung, die arabische Armeen, wie sehr sie auch die dazugehörigen Schritte nachahmen mögen, nicht hören wollen.

(Quelle der Übersetzung: hier)

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4 Kommentare

  1. Richard

     /  März 21, 2013

    Woher stammt die Übersetzung?😉

    Antworten
  2. Lucifex

     /  März 21, 2013

    Das verrate ich ein anderes Mal…😎

    Antworten
  3. Richard

     /  März 22, 2013

    Na gut😉

    Zum Thema: Ja, der „westliche Weg des Krieges“ scheint den Arabern nicht zu liegen, und das wohl v.a. aus kulturellne Gründen.
    Nicht vergessen darf man dabei die militärischen Erfolge aus vergangenen Tagen:
    – Zerschlagung Byzanz durch die fanatisierten islamischen Armeen (was aber min. ebenso in der Schwäche Ostroms begründet lag)
    – Die Erfolge des osmanischen Reichs (in deren Reihen ja nicht nur weiße Janitscharen gekämpft haben)

    Und in unserer heutigen Zeit ist z.B. der tapfere Befreiungskampf der Taliban in Afghanistan zu nennen, der ja aber, wie die Erhebung unter „Lawrence von Arabien“, gut in das beschriebene Muster von DeAtkine passt.
    Wenn man sich für Guerilliakrieg interessiert, ist Afghanistan dennoch eine Betrachtung wert.
    Folgenden Essay speziell zur Bewaffnung der Taliban finde ich sehr lesenswert:

    Was befindet sich in einem Waffenschrank der Taliban?

    Keegan ist natürlich auch immer lesenswert.
    Zur „abendländischen Kampfweise“ kann ich dieses vorzügliches Büchlein empfehlen, auch wenn der Schwerpunkt auf einer anderen Epoche liegt:
    http://www.amazon.de/Krieg-antiken-Welt-Harry-Sidebottom/dp/3150184843/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1363937513&sr=8-2

    Antworten
  4. Josc

     /  Mai 31, 2013

    Sehr interessanter Artikel – und man möchte hinzufügen: zum Glück ist es so wie im Text beschrieben.

    Antworten

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