White Man’s Burden

fighting

Von Ari Shavit, übersetzt von Deep Roots Das Original White Man’s Burden erschien am 4. März 2003 in der Online-Ausgabe der israelischen Zeitung Haaretz.

 

Der Krieg im Irak wurde von 25 neokonservativen Intellektuellen ersonnen, die meisten davon Juden, die Präsident Bush dazu drängten, den Lauf der Geschichte zu verändern. Zwei von ihnen, die Journalisten William Kristol und Charles Krauthammer, sagen, daß dies möglich ist. Aber ein weiterer Journalist, Thomas Friedman (nicht Teil der Gruppe) ist skeptisch.

  1. Die Doktrin:

WASHINGTON – Am Ende seiner zweiten Woche sah der Krieg zur Befreiung des Irak nicht gut aus. Nicht einmal in Washington. Die Annahme eines schnellen Zusammenbruchs des Regimes von Saddam Hussein war selber zusammengebrochen. Die Vorannahme, daß die irakische Diktatur zerbröseln würde, sobald das mächtige Amerika ins Land eindrang, stellte sich als unbegründet heraus. Die Schiiten erhoben sich nicht, die Sunnis kämpften heftig. Die irakische Guerrillakriegführung fand die amerikanischen Generäle unvorbereitet vor und gefährdete ihre überdehnten Nachschublinien. Dennoch unterstützten 70 % des amerikanischen Volkes weiterhin den Krieg; 60 % dachten, daß der Sieg sicher war; 74 % drückten Vertrauen in Präsident George W. Bush aus.

Washington ist eine kleine Stadt. Es ist ein Ort mit menschlichen Dimensionen. Eine Art Kleinstadt, die zufällig ein Imperium führt. Eine Kleinstadt aus Regierungsbeamten und Kongressmitgliedern, aus Personal von Forschungsinstituten und aus Journalisten, die einander alle recht gut kennen. Jeder intrigiert fleißig gegen alle anderen; und jeder tratscht über alle anderen.

Im Laufe des vergangenen Jahres ist ein neuer Glaube in der Stadt entstanden: der Glaube an den Krieg gegen den Irak. Dieser inbrünstige Glaube wurde von einer kleinen Gruppe von 25 oder 30 Neokonservativen verbreitet, fast alle von ihnen Juden, fast alle von ihnen Intellektuelle (eine auszugsweise Liste: Richard Perle, Paul Wolfowitz, Douglas Feith, William Kristol, Eliot Abrams, Charles Krauthammer), Leute, die miteinander befreundet sind und einander fördern und die davon überzeugt sind, daß politische Ideen eine bedeutende Triebkraft der Geschichte sind. Sie glauben, daß die richtige politische Idee eine Fusion von Moral und Macht, von Menschenrechten und Entschlossenheit mit sich bringt. Die philosophische Untermauerung der Washingtoner Neokonservativen sind die Schriften von Machiavelli, Hobbes und Edmund Burke. Sie bewundern auch Winston Churchill und die von Ronald Reagan verfolgte Politik. Sie tendieren dazu, die Realität in Begriffen des Scheiterns der 1930er (München) versus den Erfolg der 1980er (dem Fall der Berliner Mauere) zu lesen.

Irren sie sich? Haben sie einen Akt der Torheit begangen, indem sie Washington nach Bagdad führten? Sie glauben das nicht. Sie klammern sich weiter an ihren Glauben. Sie tun immer noch so, als sei alles mehr oder weniger in Ordnung. Daß alles klappen wird. Gelegentlich scheinen sie jedoch in kalten Schweiß auszubrechen. Dies ist nicht länger eine akademische Übung, sagt einer von ihnen, wir sind verantwortlich für das, was passiert. Die Ideen, die wir vorgebracht haben, wirken sich jetzt auf das Leben von Millionen Menschen aus. Es gibt also Momente, wo man Angst hat. Man sagt: „Zur Hölle, wir sind gekommen, um zu helfen, aber vielleicht haben wir einen Fehler gemacht.”

  1. William Kristol:
Bill Kristol

Bill Kristol

Hat Amerika mehr in den Mund genommen, als es kauen kann? Bill Kristol sagt, nein. Sicher, die Presse ist sehr negativ, aber wenn man die Fakten vor Ort untersucht, sieht man, daß es keinen Terrorismus gibt, keine Massenvernichtung, keine Angriffe gegen Israel. Die Ölfelder im Süden sind gerettet worden, die Kontrolle über den Luftraum ist erreicht worden, amerikanische Truppen stehen 50 Meilen vor Bagdad. Selbst wenn also hier und da Fehler gemacht wurden, sind sie nicht schwerwiegend. Amerika ist groß genug, um damit fertig zu werden. Kristol hat nicht den leisesten Zweifel, daß General Tommy Franks schließlich seine Ziele erreichen wird. Die 4th Cavalry Division wird sich dem Kampfgetümmel bald anschließen, und eine weitere Division ist aus Texas unterwegs. Es ist also möglich, daß es statt eines eleganten Krieges mit 60 Getöteten in zwei Wochen eine weniger elegante Angelegenheit mit tausend Getöteten in zwei Monaten werden wird, aber dennoch hat Bill Kristol überhaupt keinen Zweifel, daß der Krieg zur Befreiung des Irak ein gerechter Krieg ist, ein obligatorischer Krieg.

Kristol macht einen angenehmen Eindruck und ist ein Endvierziger von durchschnittlicher Größe. In den vergangenen 18 Monaten hat er seine Position als Herausgeber des rechten Weekly Standard und seinen Status als einer der Führer des neokonservativen Zirkels in Washington dazu benutzt, das Weiße Haus dazu zu verleiten, gegen Saddam Hussein in die Schlacht zu ziehen. Weil man von Kristol glaubt, daß er beträchtlichen Einfluß auf den Präsidenten, auf Vizepräsident Richard Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ausübt, wird er auch las derjenige gesehen, der maßgeblich daran beteiligt war, Washington zu diesem mit vollem Einsatz geführten Feldzug gegen Bagdad zu veranlassen. Während er hinter den Bücherstapeln sitzt, die seinen Schreibtisch im Büro des Weekly Standard im nordwestlichen Washington bedecken, versucht er mich davon zu überzeugen, daß er sich keine Sorgen macht. Es ist für ihn einfach unvorstellbar, daß Amerika nicht gewinnen wird. In diesem Fall wären die Konsequenzen katastrophal. Niemand will ernsthaft über diese Möglichkeit nachdenken.

Worum geht es in diesem Krieg? frage ich. Kristol antwortet, daß es auf einer Ebene der Krieg ist, von dem George Bush spricht: ein Krieg gegen ein brutales Regime, das Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz hat. Aber auf einer tieferen Ebene ist es ein größerer Krieg, einer um die Gestaltung eines neuen Nahen Ostens. Es ist ein Krieg, der die politische Kultur der gesamten Region verändern soll. Wegen dem, was am 11. September 2001 geschehen ist, sagt Kristol, haben die Amerikaner sich umgesehen und gesehen, daß die Welt nicht das war, wofür sie sie gehalten hatten. Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Daher haben die Amerikaner sich nach einer Doktrin umgesehen, die es ihnen ermöglichen würde, mit dieser gefährlichen Welt fertigzuwerden. Und die einzige Doktrin, die sie fanden, war die neokonservative.

Diese Doktrin besagt, daß das Problem im Nahen Osten das Fehlen von Demokratie und Freiheit ist. Daraus folgt, daß der einzige Weg, um Leute wie Saddam Hussein und Osama bin Laden abzublocken, darin besteht, Demokratie und Freiheit zu verbreiten. Die kulturelle und politische Dynamik, die solche Leute hervorbringt, radikal zu verändern. Und daß der Weg, das Chaos zu bekämpfen, die Schaffung einer neuen Weltordnung ist, die auf Freiheit und Menschenrechten beruht – und die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, um diese neue Welt zu konsolidieren. Das ist es also, worum es in diesem Krieg wirklich geht. Er wird geführt, um eine neue Weltordnung zu konsolidieren, einen neuen Nahen Osten zu schaffen.

Heißt das, daß der Krieg im Irak effektiv ein neokonservativer Krieg ist? Das sagen die Leute, antwortet Kristol lachend. Aber die Wahrheit ist, daß es ein amerikanischer Krieg ist. Die Neokonservativen hatten Erfolg, weil sie das Grundgestein Amerikas berührt haben. Es ist so, daß Amerika ein tiefes Gefühl hat, eine Mission zu haben. Amerika hat ein Bedürfnis, etwas anzubieten, das über ein Leben des Komforts hinausgeht, wegen ihrer Ideale, haben die Amerikaner akzeptiert, was die Neokonservativen vorschlugen. Sie wollten keinen Krieg um Interessen führen, sondern einen um Werte. Sie wollten einen Krieg, der von einer moralischen Vision getrieben wurde. Sie wollten sich an etwas dranhängen, das größer war als sie selbst.

Bedeutet diese moralische Vision, daß nach dem Irak Saudi-Arabien und Ägypten an die Reihe kommen werden?

Kristol sagt, daß er mit der Regierung in der Frage wegen Saudi-Arabien uneins sei. Aber er ist der Meinung, daß es unmöglich ist, Saudi-Arabien einfach mit dem weitermachen zu lassen, was es tut. Es ist unmöglich, den Antiamerikanismus zu akzeptieren, den es verbreitet. Der fanatische Wahhabismus, den Saudi-Arabien erzeugt, unterminiert die Stabilität der gesamten Region. Es ist dasselbe mit Ägypten, sagt er: wir dürfen den Status quo dort nicht akzeptieren. Auch für Ägypten muß der Horizont Egypt die liberale Demokratie sein.

Man muß verstehen, daß die Stabilität, die die korrupten arabischen Despoten bieten, letztlich illusorisch ist. Genauso, wie die Stabilität, die Yitzhak Rabin von Yasser Arafat erhielt, illusorisch war. Am Ende wird keine dieser dekadenten Diktaturen Bestand haben. Die Wahl besteht zwischen extremistischem Islam, säkularem Faschismus oder Demokratie. Und wegen des 11. September verstehen das die Amerikaner. Amerika ist in einer Position, wo es keine Wahl hat. Es ist dazu verpflichtet, weit aggressiver zu sein bei der Förderung der Demokratie. Daher dieser Krieg. Er beruht auf dem neuen amerikanischen Verständnis, daß, wenn die Vereinigten Staaten die Welt nicht nach ihrem Ebenbild formen, die Welt die Vereinigten Staaten nach ihrem Ebenbild formen wird.

  1. Charles Krauthammer:
Charles Krauthammer

Charles Krauthammer

Wird dies zu einem zweiten Vietnam werden? Charles Krauthammer sagt, nein. Es gibt keine Ähnlichkeit mit Vietnam. Anders als in den 1960ern gibt es zur Zeit keine Anti-Establishment-Subkultur in den Vereinigten Staaten. Anders als in den 1960ern gibt es jetzt in den Vereinigten Staaten eine treue Liebe zur Armee. Anders als in den 1960ern gibt es einen entschlossenen Präsidenten, einen mit Charakter, im Weißen Haus. Und anders als in den 1960ern schrecken die Amerikaner nicht davor zurück, Opfer zu bringen. Dies ist der grundlegende Wandel, der am 11. September 2001 stattgefunden hat. Seit diesem Morgen haben die Amerikaner verstanden, daß, wenn sie jetzt nicht handeln und Massenvernichtungswaffen in die Hände von extremistischen Terrororganisationen gelangen, Millionen von Amerikanern sterben werden. Daher, weil sie verstehen, daß jene anderen sie zu Millionen töten wollen, ziehen die Amerikaner es vor, aufs Schlachtfeld zu ziehen und zu kämpfen, statt müßig dazusitzen und zu Hause zu sterben.

Charles Krauthammer ist gutaussehend, hat einen dunklen Teint und spricht gut verständlich. In seinem geräumigen Büro an der 19th Street im nordwestlichen Washington sitzt er aufrecht in einem schwarzen Rollstuhl. Obwohl seine Schreibe dazu tendiert, düster zu sein, ist er jetzt guter Laune. Der bekannte Kolumnist (Washington Post, Time, Weekly Standard) hat keine wirklichen Zweifel am Ausgang des Krieges, für den er vor 18 Monaten geworben hat. Nein, er akzeptiert die Ansicht nicht, daß er Amerika auf die neuen Killing Fields zwischen Tigris und Euphrat geleitet hat. Aber es stimmt, daß er an einer konzeptuellen Strömung beteiligt war, die im Gefolge des 11. September etwas anzubieten hatte. Innerhalb von ein paar Wochen nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme und das Pentagon hatte er Bagdad in seinen Kolumnen als wesentliches Ziel ausgemacht. Und auch jetzt ist er davon überzeugt, daß Amerika die Stärke hat, das durchzuziehen. Der Gedanke, daß Amerika nicht gewinnen wird, ist ihm niemals auch nur in den Sinn gekommen.

Worum geht es in dem Krieg? Es geht um drei verschiedene Dinge. Zuallererst ist dies ein Krieg, um dem Irak seine Massenvernichtungswaffen abzunehmen. Das ist die Basis, der naheliegende Grund, und es ist auch für sich genommen ein ausreichender Grund. Aber darüber hinaus wird der Krieg im Irak auch geführt, um den dämonischen Deal zu ersetzen, den Amerika vor Jahrzehnten mit der arabischen Welt geschlossen hat. Dieser Deal lautete: ihr schickt uns Öl, und wir mischen uns nicht in eure inneren Angelegenheiten ein. Schickt uns Öl, und wir werden von euch nicht das verlangen, was wir von Chile, den Philippinen, Korea und Südafrika verlangen.

Dieser Deal ist effektiv am 11. September 2001 geplatzt, sagt Krauthammer. Seit diesem Tag haben die Amerikaner verstanden, daß die arabische Welt, wenn sie ihr erlauben, mit ihrer bösen Art weiterzumachen – Unterdrückung, ökonomischer Ruin, Säen von Verzweiflung – weiterhin mehr und mehr bin Ladens hervorbringen wird. Amerika ist daher zu dem Schluß gekommen, daß es keine Wahl hat: es muß das Projekt auf sich nehmen, die arabische Welt umzubauen. Daher ist der Irakkrieg in Wirklichkeit der Beginn eines gigantischen historischen Experiments, dessen Zweck darin besteht, in der arabischen Welt das zu tun, was in Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurde.

Es ist ein ehrgeiziges Experiment, gibt Krauthammer zu, vielleicht sogar utopisch, aber nicht unrealistisch. Es ist doch unvorstellbar, das rassistische Konzept zu akzeptieren, daß die Araber sich von allen anderen menschlichen Wesen unterscheiden, daß die Araber unfähig zu einem demokratischen Lebensstil sind.

Dem jüdisch-amerikanischen Kolumnisten zufolge hat der gegenwärtige Krieg jedoch eine weitere Bedeutung. Wenn der Irak wirklich pro-westlich wird und wenn er der Brennpunkt des amerikanischen Einflusses wird, so wird dies von immenser geopolitischer Bedeutung sein. Eine amerikanische Präsenz im Irak wird Macht über die ganze Region projizieren. Sie wird den Rebellen im Iran Mut und Kraft einflößen, und sie wird Syrien abschrecken und bändigen. Sie wird die Veränderungsprozesse beschleunigen, die der Nahe Osten durchmachen muß.

Ist die Idee des Präventivkriegs nicht eine gefährliche, die an der Weltordnung rüttelt?

Es gibt keine Wahl, antwortet Krauthammer. Im 21. Jahrhundert sehen wir uns einer neuen und singulären Herausforderung gegenüber: der Demokratisierung der Massenvernichtung. Es gibt drei mögliche Strategien angesichts dieser Herausforderung: Beschwichtigung, Abschreckung und Prävention. Weil Beschwichtigung und Abschreckung nicht funktionieren werden, ist Prävention die einzig verbleibende Strategie. Die Vereinigten Staaten müssen eine aggressive Präventivpolitik betreiben. Was genau das ist, was wir jetzt im Irak tun. Es ist das, was Tommy Franks‘ Soldaten tun, während wir miteinander reden.

Und was, wenn das Experiment scheitert? Was, wenn Amerika besiegt wird?

Dieser Krieg wird den Platz Amerikas in der Welt für die kommende Generation verbessern, sagt Krauthammer. Sein Ausgang wird die Welt für die nächsten 25 Jahre formen. Es gibt drei Möglichkeiten. Wenn die Vereinigten Staaten schnell und ohne Blutbad gewinnen, werden sie ein Koloß sein, der die Weltordnung diktiert. Wenn der Sieg langsam und schmutzig ist, dann wird es unmöglich sein, nach dem Irak mit anderen arabischen Staaten weiterzumachen. Es wird dort enden. Aber wenn Amerika geschlagen wird, dann werden die Konsequenzen katastrophal sein. Seine Abschreckungsfähigkeit wird geschwächt sein, seine Freunde werden sich von ihm abwenden und es wird sich abschotten. Extreme Instabilität wird im Nahen Osten erzeugt werden.

Sie werden nicht wirklich daran denken wollen, was dann geschieht, sagt Krauthammer und schaut mir gerade in die Augen. Aber genau weil das so ist, bin ich zuversichtlich, daß wir nicht verlieren werden. Weil die Regierung die Konsequenzen versteht. Der Präsident versteht, daß alles, was wir tun, darauf ruht. Daher werden wir alles, was wir haben, in die Schlacht werfen. Er wird alles tun, was getan werden muß. George W. Bush wird Amerika nicht verlieren lassen.

  1. Thomas Friedman:
Thomas Friedman

Thomas Friedman

Ist dies ein amerikanischer Libanonkrieg? Tom Friedman sagt, daß er dies befürchtet. Er war dort, im Commodore Hotel in Beirut, im Sommer 1982, und er erinnert sich gut daran. Daher sieht er die Ähnlichkeiten deutlich. General Ahmed Chalabi (der Schiitenführer, den die Neokonservativen als Führer eines freien Irak einsetzen wollen) in der Rolle von Bashir Gemayel. Die irakische Opposition in der Rolle der Falangisten. Richard Perle und den konservativen Zirkel um ihn als Ariel Sharon. Und einen Krieg, der im Grunde ein Krieg ist, den man gewollt hat. Einen Krieg, der massive Gewalt einsetzen will, um eine neue Ordnung zu errichten.

Tom Friedman, der Kolumnist der New York Times, hatte sich nicht gegen den Krieg ausgesprochen. Im Gegenteil. Auch er wurde vom 11. September erschüttert, auch er will verstehen, wo diese verzweifelten Fanatiker herkommen, die Amerika mehr hassen, als sie ihr eigenes Leben lieben. Und auch er ist zum Schluß gekommen, daß der Status quo im Nahen Osten nicht länger akzeptabel ist. Der Status quo ist am Ende. Und daher ist es dringlich, eine Reform in der arabischen Welt zu schüren.

Einige Dinge sind wahr, auch wenn George Bush sie glaubt, sagt Friedman mit einem Lächeln. Und nach dem 11. September ist es unmöglich, Bush zu sagen, daß er es fallen lassen und ignorieren soll. Es lag eine gewisse grundlegende Gerechtigkeit im allgemeinen amerikanischen Gefühl, das der arabischen Welt sagte: wir haben euch lange Zeit in Ruhe gelassen, ihr habt mit Streichhölzern gespielt und habt euch schließlich verbrannt. Daher werden wir euch nicht länger in Ruhe lassen.

Er sitzt in einem großen rechteckigen Raum in der Bürozentrale der New York Times im nordwestlichen Washington, an der Ecke der 17th Street. Eine Wand des Raumes ist eine riesige Karte der Welt. Über seinen Computer gebeugt liest er mir geistreiche Zeilen aus dem Artikel vor, der in zwei Stunden in Druck gehen wird. Er poliert, feilt daran und macht Wortspiele. Er überlegt, was jetzt zu sagen das Richtige ist und was für später aufgehoben werden sollte. An mich gewandt sagt er, daß manche Demokratien weich wirken, bis sie bedroht werden. Wenn sie bedroht werden, dann werden sie sehr hart. Tatsächlich ist der Irakkrieg eine Art Jenin in riesigem Maßstab. Weil in Jenin war es auch so, daß die Israelis den Palästinensern sagten: wir haben euch hier in Ruhe gelassen, und ihr habt mit Streichhölzern gespielt, bis ihr plötzlich einen Pessach-Seder in Netanya in die Luft gesprengt habt. Und daher werden wir euch nicht länger in Ruhe lassen. Wir werden in der Kasbah von Haus zu Haus gehen. Und von Amerikas Standpunkt aus ist Saddams Irak Jenin. Dieser Krieg ist ein Verteidigungsschild. Daraus folgt, daß die Gefahr dieselbe ist: daß Amerika wie Israel den Fehler begeht, nur Gewalt einzusetzen.

Dies ist kein illegitimer Krieg, sagt Friedman. Aber es ist ein sehr anmaßender Krieg. Man braucht eine Menge Anmaßung, um zu glauben, daß man ein Land umbauen kann, das eine halbe Welt von zu Hause entfernt liegt. Aber wenn solch ein anmaßender Krieg Erfolg haben soll, braucht er internationale Unterstützung. Diese internationale Legitimität ist wesentlich, damit man genug Zeit und Raum hat, um sein anmaßendes Projekt durchzuführen. Aber George Bush hatte nicht die Geduld, internationale Unterstützung zu sammeln. Er setzte darauf, daß der Krieg sich selbst rechtfertigen würde, daß wir schnell reingehen und schnell siegen würden und daß die Irakis uns mit Reis empfangen würden und der Krieg somit selbstrechtfertigend sein würde. Das ist nicht passiert. Vielleicht wird es nächste Woche geschehen, aber in der Zwischenzeit ist es nicht passiert.

Wenn ich daran denke, was geschehen wird, breche ich in Schweiß aus, sagt Friedman. Ich sehe, wie wir dazu gezwungen sein werden, Bagdad zu belagern. Und ich weiß, was für eine Art Wahnsinn eine Belagerung Bagdads freisetzen kann. Der Gedanke an Kämpfe von haus zu Haus in Bagdad ohne internationale Legitimität läßt mich den Appetit verlieren. Ich sehe amerikanische Botschaften brennen. Ich sehe eingeschlagene Fenster amerikanischer Unternehmen. Ich sehe, wie der irakische Widerstand gegen Amerika Verbindung aufnimmt mit dem allgemeinen arabischen Widerstand gegen Amerika und dem weltweiten Widerstand gegen Amerika. Der Gedanke daran, was passieren könnte, frißt mich auf.

Was George Bush getan hat, sagt Friedman, ist uns einen prächtigen Mahagonitisch zu zeigen: den neuen demokratischen Irak. Aber wenn man den Tisch umdreht, sieht man, daß er nur ein Bein hat. Dieser Krieg stützt sich auf ein Bein. Aber andererseits sollte jeder, der glaubt, er könne George Bush besiegen, es sich besser noch einmal überlegen. Bush wird nie nachgeben. Er ist aus anderem Holz geschnitzt. Glauben Sie mir, Sie wollen nicht in der Nähe dieses Kerls sein, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Ich finde nicht, daß irgendjemand, dem sein Leben lieb ist, sich mit Dick Cheney, Donald Rumsfeld und Präsident Bush anlegen sollte.

Ist der Irakkrieg der große neokonservative Krieg? Er ist der Krieg, den die Neokonservativen wollten, sagt Friedman. Er ist der Krieg, den die Neokonservativen vermarktet haben. Diese Leute hatten eine Idee zu verkaufen, als der 11. September kam, und sie haben sie verkauft. Oh Junge, und wie sie sie verkauft haben. Dies ist also nicht der Krieg, den die Massen wollten. Dies ist der Krieg einer Elite. Friedman lacht: „Ich könnte Ihnen die Namen von 25 Leuten nennen (die in diesem Moment alle innerhalb eines Radius von fünf Häuserblocks entfernt sind) ohne die, wenn man sie vor eineinhalb Jahren auf eine einsame Insel verbannt hätte, der Irakkrieg nicht stattgefunden haben könnte.“

Dennoch ist es nicht so einfach, rudert Friedman zurück. Es ist nicht irgendeine Fantasie, die die Neokonservativen erfunden haben. Es ist nicht so, daß 25 Leute Amerika gekapert hätten. Man führt solch eine große Nation nicht mit Bill Kristol und dem Weekly Standard und weiteren fünf oder sechs einflussreichen Kolumnisten in so ein großes Abenteuer. Was den Krieg letztlich geschürt hat, ist Amerikas Überreaktion auf den 11. September. Das echte Gefühl der Angst, das sich in Amerika nach dem 11. September ausbreitete. Es sind nicht nur die Neokonservativen, die uns an die Ränder von Bagdad geführt haben. Was uns dorthin geführt hat, ist eine sehr amerikanische Kombination aus Angst und Überheblichkeit.

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