Verheiratet mit einem Vampir

Herman und Lily Munster

Von Herman Munster, übersetzt von Deep Roots. Das Original „Married to a Vampire“ (Transkript eines Interviews vom 1. April 1964) erschien am 13.13.2010 bei Mockingbird Publishing/North American New Citizens.

Mein Name ist Herman Munster; ich wurde im Jahr 1815 an der Universität Heidelberg von Dr. Victor Frankenstein begonnen und um 1850 herum fertiggestellt. Nachdem ich in jungen Jahren Deutschland verlassen hatte, ging ich nach Großbritannien, wo ich von einer Adelsfamilie adoptiert wurde. Aber eigentlich wollte ich von meiner Frau erzählen, die ich 1865 in Transsylvanien geheiratet habe. Sie ist 137 Jahre alt und eine richtige Gräfin – Lily Munster, Countess of Shroudshire, geborene Dracula.

Lily ist ein wahrer Schatz, und ich liebe sie nach einem Jahrhundert noch wie am ersten Tag. Sie sagt mir immer, solche Männer wie mich machen sie heutzutage nicht mehr; oder auch: „Es zählt nicht, wie man aussieht, sondern wie groß dein Herz ist.“ Und da punkte ich natürlich sehr (bei mir hat man nicht am Material gespart). Ihr Aussehen ist jedenfalls umwerfend; einmal sagte sie: „Wenn ich an den Gartenzaun gehe – du solltest all die Frontalkollisionen sehen!“ Ich betrachte sie gern, wenn sie nachts neben mir in ihrem Todesschlaf im Bett liegt, während ich zum Einschlafen Wölfe zähle und immer noch ihr Chanel Nr. 13 in der Nase habe. Manchmal gehen wir auch im Regen zum Strand und machen romantische Spaziergänge.

Lily Munster nah

Lily nennt mich gern „Pussycat“. Okay, manchmal auch „Goofball“ („Herman, you goofed it again!“ ist einer ihrer häufiger verwendeten Sätze). Nun ja, mir passieren schon öfters blöde Sachen, und vielleicht hat sie auch nicht unrecht damit, daß ich mich für mein Alter manchmal recht kindisch benehme. Sie ist halt die Stimme der Vernunft in unserem Haushalt – diejenige, die den von mir angerichteten Murks wieder geradebiegt. Und wenn ich ihr gegenüber meinen Standpunkt als Familienoberhaupt und Haushaltsvorstand durchsetzen möchte, dann lacht sie mich aus oder übergeht mich einfach, deshalb lasse ich das inzwischen lieber. Aber sie richtet mir immer leckere Lunchpakete für die Arbeit (mit Fledermausmilchjoghurt!), und im Haushalt ist sie auch sonst unübertroffen, wenn sie das Haus mit Spinnweben dekoriert und die Räume mit dem Staubsauger bearbeitet (ich habe übrigens gehört, daß in anderen amerikanischen Haushalten Staubsauger verwendet werden, die den Staub aufsaugen, statt ihn über den Boden zu verteilen; könnt ihr das verstehen?). Wenn Lily bei der Hausarbeit in Fahrt ist, muß ihr selbst unser Haustier Spot weichen. Man sieht, sie schwingt bei uns nicht nur den Besen, sondern auch das Zepter der eigentlichen Herrin im Haus.

Lily Munster und Spot

Ihr sagt das doch niemandem weiter oder? Unsere Familiengeschichte wird nämlich fürs Fernsehen verfilmt, und ich möchte nicht, daß dann auch diese Sachen gezeigt werden. Womöglich wird daraus mit der Zeit überhaupt ein Trend, Väter im Fernsehen als trottelige, ungeschickte, naive und kindische Verlierer zu zeigen, die sich bei ihren Frauen nicht durchsetzen können und von ihren altklugen Kindern als wandelnde Peinlichkeit gesehen werden, über deren Schnitzer sie die Augen verdrehen. Von mir aus soll es nämlich so bleiben, wie es bei Serien wie „Flipper“, „Fury“, „Leave it to Beaver“ oder „Father Knows Best“ ist: Da sind die Väter noch souveräne Autoritätsfiguren, die von ihren Frauen unterstützt und von ihren Kindern respektiert werden.

Wo ich gerade unsere Familiengeschichte angesprochen habe: In den 1940ern sind wir zusammen mit Lilys Vater aus Transsilvanien nach Amerika eingewandert, wo ich in die Armee eingetreten bin und im Zweiten Weltkrieg gekämpft habe. Auch Lily hat als „Airplane Spotter“ ihre patriotische Pflicht erfüllt, wozu sie ihre Kristallkugel eingesetzt hat. 1954 wurde dann unser Sohn Edward Wolfgang Munster geboren, ein kleiner Werwolf, der unser ganzer Stolz ist.

Grandpa & Eddie Munster

Mit meinem Schwiegervater Sam Dracula komme ich meistens recht gut aus. Wenn er nicht gerade im Haus rumhängt oder die „Transylvania Gazette“ und das „Vault Street Journal“ liest, baut Grandpa in seinem Kellerlabor verrückte Sachen oder mixt magische Tränke und Pillen. Allerdings frage ich mich manchmal, warum er sich nicht auf das Experimentieren mit weißen Mäusen beschränken kann wie normale verrückte Wissenschaftler auch. Er kann übrigens Fledermausgestalt annehmen, und manchmal spielt er mit unserem Hausgeist Karten oder Schach. Auch wenn er gern nostalgisch von den guten, alten Zeiten „back in the old country“ schwärmt, so hat er sich doch recht gut in Amerika eingelebt.

Sam Dracula - Grandpa Munster

Alles in allem sind wir eine mustergültige Einwandererfamilie, die sich bestens in Amerika integriert hat. Ganz gewöhnliche, bodenständige, durchschnittliche Amerikaner eben. Einmal wurden wir vom „Event Magazine“ sogar zur „Average American Family“ gekürt; seltsam nur, warum die Reporter so schnell wieder verschwunden waren, als sie bei uns übernachteten, um für ihr Magazin über uns zu berichten. Später hat man uns mitgeteilt, daß man uns mit der Familie Schuyler verwechselt hat. Nun ja, als durchschnittliche amerikanische Familie schulden wir es unserem Land, einen Sinn für Humor zu haben, daher haben wir es leicht genommen.

The Munsters - Average American Family

Auch unsere ausländische Verwandtschaft kann sich sehen lassen: Mein Bruder Charlie ist ein Zwilling von mir, nur erfolgreicher; Lilys Bruder Lester ist ein Werwolf, und Onkel Gilbert kennt ihr vielleicht als „The Creature from the Black Lagoon“. Und unser Familienleben ist so harmonisch, wie es bei so normalen Leuten wie uns hier in Amerika nur sein kann. Ihr solltet uns mal sehen, wie wir vereint um den Frühstückstisch sitzen und Euleneier und Geierleber essen. Grandpa hat mal gesagt: „Diese Familie hat einen weiten Weg zurückgelegt seit Transsylvanien, wo wir einander mit Pfählen durchbohrten.“

Nur ein Familienmitglied macht uns Sorgen, und das ist unsere bedauernswerte Nichte Marilyn. Ich meine, sehen Sie sich das arme Kind nur an! Leider hat sie nicht das sonst in unserer Familie übliche gute Aussehen geerbt, aber müssen diese unsensiblen Leute es sie so deutlich spüren lassen, daß sie das hässliche Entlein der Familie Munster ist? Warum denn sonst sind alle jungen Männer so schnell wieder verschwunden, kaum daß Marilyn sie mal zu uns nach Hause eingeladen hat? Wir lieben sie jedenfalls trotzdem, und wir geben uns größte Mühe, sie unter die Haube zu bringen, aber so wie es aussieht, wird sie wohl als alte Jungfer enden. Allerdings kann ich es mir nicht immer verkneifen, Lily darauf hinzuweisen, daß unsere Nichte von ihrer Seite der Familie stammt, nicht von meiner…

Marilyn Munster 3x

Wie gesagt, versuchen wir uns so gut wie möglich einzufügen, aber seltsamerweise scheinen einige Leute hier in der Mockingbird Lane irrationale Vorbehalte gegen uns zu haben. Zum Beispiel trägt unser Briefträger immer eine Knoblauchzehe um den Hals, was mir nichts ausmacht, nur Lily hat eine Knoblauchallergie, deshalb nehmen meistens Marilyn oder ich die Post entgegen. Unsere Nachbarin, Mrs. Cribbins, hat zwischen unserem Grundstück und ihrem einen Stacheldrahtzaun gespannt, und ein anderer Nachbar hat einen Elektrozaun um sein Grundstück installiert. Aber vielleicht bilde ich mir ja bloß ein, daß das wegen uns ist. Wenn man daran denkt, was für Leute heutzutage in der Welt herumlaufen – erschreckend! Lily sagt auch immer, wenn sie etwas nicht ausstehen kann, dann unheimliche Leute.

Was könnte es auch für Gründe geben, uns zu meiden und sich gegen uns abzuschotten? Sicher, unser Haustier Spot macht manchmal Ärger, aber wir können ihn ja nicht ständig in seiner Behausung unter der Treppe einsperren. Manchmal vergißt Eddie halt, ihn im Hinterhof anzuketten, und dann jagt er vorbeifahrende Autos, wie die Hunde anderer Leute auch. Nun ja, diese Hunde werden den Autos wohl nicht die Stoßstangen abreißen, wie Spotty das macht, wenn er sie erwischt. Er leidet nämlich unter Eisenmangel, müßt ihr wissen. Manchmal vergißt Eddie auch, ihm die Wasserschüssel zu füllen, und wenn Spot dann nachts durstig wird, kann es schon vorkommen, daß er in den Nachbarsgarten geht und dort den Pool leertrinkt. Falls ihr ihn zufällig mal seht: ihr erkennt ihn an der Streitaxtnarbe an seiner linken Schulter. Aber keine Angst: er ist völlig harmlos und fürchtet sich sogar vor seinem eigenen Schatten, was ich ihm nicht verdenken kann.

Spot, Herman & Gangster

Unsere anderen Haustiere sind nicht so groß wie Spot. Da wäre zunächst Grandpas transsilvanische Fledermaus Igor, der sehr leicht beleidigt ist; dann noch der vorlaute Rabe in der Kuckucksuhr, der zu den unpassendsten Gelegenheiten sein „Never more!“ krächzt, und Kitty, unsere schwarze Katze, die brüllen kann wie ein Löwe.

Ihr seht also, wir sind eine liebenswerte, völlig normale nette amerikanische Familie und unkomplizierte Nachbarn und als gesetzestreue Bürger eine Bereicherung für diese großartige Willensnation Amerika. Wie Lily mal sagte: „I think it takes all kinds of people to make a world.“

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Wie Deep Roots in seinem Einleitungskommentar dazu schrieb, war dieses „Interview mit Herman Munster“ sein Halloween-Beitrag, der genauso auch „Star Dreck VI“ hätte heißen können, was jedoch die Pointe ruiniert hätte.
    In meiner Nachveröffentlichungsreihe hier auf „Morgenwacht“ stelle ich ihn daher zwischen „Star Dreck V: Affen und Gewalt“ und den als nächstes erscheinenden Artikel „Star Dreck VI: Gestorben wird immer“.

    Lichtschwert, der „Verheiratet mit einem Vampir“ ebenfalls nachveröffentlicht hat, schrieb übrigens in seinem Kommentar Nr. 5 zum Originalstrang dies:

    Als weiteres Pionierbeispiel für diese Art der Familienbilddekonstruktion in Fernsehserien ist mir die “Familie Feuerstein” eingefallen, die ungefähr aus derselben Zeit stammt wie “The Munsters”.

    So wie sich die Munsters für die erste Gewöhnung an diese Art der Väterdarstellung eigneten, weil Herman ein tolpatschiges Frankensteinmonster ist, konnte man auch bei den Flintstones damit anfangen, weil es 1) als Zeichentrickserie nicht so nah an der lebenden Wirklichkeit lag und 2) in einem an das Amerika der 1960er angepaßten fiktiven Steinzeitmilieu spielte, was ebenfalls für eine gewisse Verfremdung sorgte. So konnten Erwachsene unbekümmert über Tolpatsche lachen, denen es in Sachen Verlierertum schlechter ging als ihnen, und die Kinder und Jugendlichen lachten auch und wuchsen mit einer Gewöhnung an solche Väterherabsetzung auf.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: