Was der Kapitalismus noch zu sagen hat

Von Michael Walker, übersetzt von Lucifex. Das Original What Capitalism Has Left to Say erschien am 12. August 2019 auf Counter-Currents Publishing. [Anm. d. Ü.: der Originaltitel könnte ein doppeldeutiges Wortspiel sein, mit der möglichen anderen Bedeutung: „Was der Kapitalismus der Linken zu sagen hat“.]

Charles Robin
La gauche du capital: libéralisme culturel et idéologie du Marché
Paris: Krisis, 2014

Auf den Fußspuren von Jean-Claude Michéa (dessen Our Enemy: Capital ich für Counter-Currents rezensiert habe) veröffentlichte Charles Robin, ein ehemaliger Militanter in der Linksaußenpartei Nouveau parti antcapitaliste (NPA), im Jahr 2014 ein Buch mit dem Titel La Gauche du Capital: libéralisme culturel et idéologie du Marché (Die Linke des Kapitals: Kulturliberalismus und Marktideologie). Es besteht aus einer Anzahl kritischer Essays über den Liberalismus und seine typische Beziehung zum Kapitalismus. Der erste davon, „Le Liberalisme comme Volonté et comme Representation“ („Liberalismus als Wille und Idee“) ist bei weitem der längste und nimmt 86 der 243 Seiten ein. Diese Wortschöpfung, die dem Titel von Arthur Schopenhauers berühmtestem Werk (Die Welt als Wille und Idee) entlehnt ist, verweist auf die Hauptthese des Buches, nämlich daß es nicht viele unabhängige Arten von Liberalismus gibt, sondern nur eine: eine monolithische, „totalisierende“ (Robin verwendet nicht das Wort „totalitär“) Weltsicht, getrieben vom Willen, alles plattzumachen und zu vernichten, was sich ihr widersetzt.

Robins Ziel ist, eine radikale Untersuchung des Liberalismus zu liefern. Sein Argument ist, daß alle Arten von Liberalismus – insbesondere einschließlich dessen, was er als die beiden Hauptformen sieht, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Liberalismus – Manifestationen einer Ideologie sind und ontologisch in Wechselbeziehung stehen. Eine Analogie von Pierre Bérard im selben Sinne wird aus einem Interview für das französische „neurechte“ Journal Éléments zitiert: Zusammen, sagt er, demonstrieren der Liberalismus in der Wirtschaft und der gesellschaftliche Liberalismus „die sehr hervorstechende Versöhnung des Castor und Pollux des doppelten liberalen Denkens.“[1] Im selben Sinne lautet Robins Argument, daß die „menschliche Vielfalt“, die überall in der westlichen Welt gepriesen wird, sich auf der einen Seite im Engagement der Linken für „freie Bewegung von Menschen“ und „keine Grenzen“ widerspiegelt und auf der anderen Seite im Engagement des Kapitalismus für „die freie Bewegung von Kapital und Arbeitskräften.“ Engagement für Toleranz und Vielfalt und Engagement für Fortschritt und Profit sind dasselbe Engagement, da sie derselben liberalen Quelle entspringen.

Liberalismus wird von verschiedenen Autoren und sogar in verschiedenen nationalen Traditionen in sehr verschiedener Weise verstanden. Liberalismus scheint in Frankreich, Britannien und den Vereinigten Staaten nicht dasselbe Phänomen auszudrücken. Ich sage „scheint“, weil es genau Robins Überzeugung ist, daß verschiedene Autoren in der Betrachtung verschiedener Aspekte des Liberalismus nicht mehr oder weniger recht haben, sondern keine holistische Sicht auf den Liberalismus haben und ihn daher nicht richtig verstehen. Diejenigen, die den Liberalismus als nur links sehen, als nur laissez-faire-kapitalistisch oder nur als permissive Gesellschaftspolitik, betrachten den Liberalismus, ohne das zu erkennen, was Robin die „Prüfsteine“ der liberalen Ideologie nennt.

Überraschenderweise streicht Robin nicht die verschiedenen Konnotationen hervor, die das Wort „liberal“ in verschiedenen Ländern zu haben tendiert, Konnotationen, die durch Unterschiede in der nationalen Geschichte erklärt werden können. Wie entstand der Liberalismus? In Britannien bezog der Begriff sich ursprünglich auf die sogenannten Whigs – die protestantischere Klasse von Freihändlern, die den liberalen Manchesterkapitalismus förderten, der mehr Rechte für die Stadt und die Produktion gegenüber den wirtschaftlichen Interessen der Landwirtschaft und des Reichtums aus Landverpachtung forderte (tatsächlich wurde die erste große liberale Tageszeitung in England in Manchester veröffentlicht, der Manchester Guardian). Die Gegner der Whigs wurden durch die Partei der Krone repräsentiert, die Tories. Im Laufe der Zeit und besonders mit dem Aufstieg der Labour Party wurde der Begriff „liberal“ zumindest in Britannien zunehmend als auf jene bezogen verstanden, die einen gemäßigten dritten Weg zwischen den Kräften des Konservatismus und der Empires auf der Rechten und der Herausforderung des Sozialismus und der internationalen Arbeiterrevolution auf der Linken suchten.

In Frankreich hat der Begriff „liberal“ eine stärkere Assoziation mit dem Wirtschaftsliberalismus der ursprünglichen Verfechter der Rechte von Eigentum, Profit und des Individuums bewahrt. In den Vereinigten Staaten hat der Begriff „liberal“ dazu tendiert, das zu bezeichnen, was in Britannien oder Frankreich üblicherweise als sozialistisch oder links betrachtet worden wäre. Zunehmend ist jedoch der Liberalismus allgemein als Emanzipationsbewegung anerkannt worden, und ein Liberaler als jemand, der das Individuum von gesellschaftlichen Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit befreien möchte – zum Beispiel Einschränkungen durch Tradition, Volkszugehörigkeit, Klasse und Geographie.

Der vorrangige Zweck von Robins Buch ist die Argumentation, daß der Liberalismus gleichzeitig eine Ideologie der ungehinderten Bewegung von Menschen und Kapital und eine Ideologie der persönlichen Emanzipation von sozialen Bindungen ist. Nur wenn wir sehen, daß der Liberalismus sowohl eine Bewegung zur Befreiung des Individuums von nicht-wirtschaftlichen Verpflichtungen als auch eine zur Einbindung des Individuums in ein System der Konsumenten- und Konkurrenzökonomie ist, argumentiert Robin, werden wir verstehen, was als Paradox erscheint: nämlich, daß die radikale „antikapitalistische“ Linke in der Sache des internationalen Kapitals zu Hause ist und effektiv für sie arbeitet (und angeblich manchmal direkt von ihr bezahlt wird).

In seinem kurzen Vorwort zu diesem Buch beschreibt David L’Épeé einen Mann, dessen Vermögen im Frankreich des mittleren achtzehnten Jahrhunderts zu den zwanzig größten im Königreich gehörte, einen Mann von höchst progressiven Ideen, der instinktiv gegen die katholische Kirche war und für seinen Slogan „il faut écraser l’infâme“ (der Verabscheuungswürdige muß zermalmt werden) berühmt ist. Dieser Mann war Francois-Marie Arouet, heute besser bekannt als Voltaire. Von seinen frühesten Tagen an war der Liberalismus eine Doktrin, die von den Reichen und Mächtigen gefördert wurde und die ihren materiellen Interessen diente.

Laut Charles Robin zeigt ein Studium des Aufstiegs des Liberalismus ab dem achtzehnten Jahrhundert, daß der Kampf um wirtschaftliche Emanzipation und jener um individuelle Emanzipation einander unterstützten und ihrem Wesen nach miteinander verbunden waren. Der Prüfstein des Liberalismus ist „die Idee, daß das einzelne menschliche Wesen ontologisch in der Beziehung zur Gesellschaft an erster Stelle steht“ (S. 109). Ein bedeutender Teil dieses Arguments ist, daß der Liberalismus ein monolithisches Phänomen der „logischen Kohärenz und praktischen Machbarkeit“ ist, das nur in seiner Gesamtheit verstanden werden kann. Notwendig für das Verständnis des Liberalismus ist das, was Robin eine „totale und multidimensionale Kritik“ nennt. (S. 112)

Robin sagt, der entscheidende gemeinsame Nenner des Liberalismus ist das Wohlergehen des Individuums als vorrangiges Maß aller gesellschaftlichen Werte. Der gesellschaftliche und der wirtschaftliche Liberalismus praktizieren eine Art von „Arbeitsteilung“, um das Ziel der totalen Individualisierung der Gesellschaft zu erreichen und sie zu einem ebenen Spielfeld atomisierter Individuen zu machen, die füreinander keinen intrinsischen Wert haben außer als Konsumenten und/oder Produzenten. Der Liberalismus, so Robin, arbeitet an der Schaffung einer Gesellschaft, in der alle Verpflichtungen und Loyalitäten, die altruistisch sind (altruistisch im echten Sinn des Opferbringens durch das Individuum im Namen einer gemeinsamen Sache, durch die das Individuum vielleicht als Individuum verliert, aber die Gruppe des Individuums gewinnen wird), und alle Treuegefühle und Zugehörigkeitsgefühle abgeschwächt und letztendlich eingeebnet werden. Robin spielt auf das Einebnen an, womit er die Einebnung sozialer Beziehungen meint, angesichts dessen, daß der Liberalismus keine Hierarchie außer jener des Geldes anerkennt. Der Liberalismus gesteht jedem einzelnen Individuum einen höheren Wert zu als Ansprüchen, die sich aus Religion, Nation, Tradition oder irgendeiner anderen Gruppenloyalität ableitet.

Unter den frühen liberalen Autoren können wir sicherlich eine Wechselbeziehung zwischen der wirtschaftlichen und der gesellschaftlichen Perspektive beobachten. Die liberale Philosophie im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert, wie von John Stuart Mill oder John Locke vorgetragen, argumentierte zum Beispiel, daß der zentrale Zweck des Lebens eines Individuums das Streben nach Glück und die Garantie des Rechts auf dieses Strebens durch den Schutz von individuellem Eigentum und Freiheit vor ungerechtfertigter Beeinträchtigung durch irgendeine psychologische oder physische Macht sei. Dieses Recht auf Eigentum und Ausdrucksfreiheit war natürlich der Eckpfeiler – um Robins Ausdruck zu entlehnen – der amerikanischen Revolution: „keine Besteuerung ohne Repräsentation.“ Hier können wir die Beziehung zwischen dem Bedürfnis nach persönlicher Freiheit und dem Bedürfnis nach wirtschaftlicher Freiheit sehen, und wie in dem, was Marxisten die „bourgeoise Philosophie“ nennen sollten, der Ruf nach individueller Freiheit auch der Ruf nach dem Recht auf Grundbesitz und auf Ausbeutung von Land und Menschen ist.

Tatsächlich ist Robins sicht auf dem wirtschaftlichen Zwang, der dem Beharren der Autoren des achtzehnten Jahrhunderts auf Gewährung individueller Freiheit und individueller Rechte eine Zusammenfassung der marxistischen Analyse des Liberalismus. Die Gewährung jener Rechte – die langsame Reise hin zur Emanzipation, die Abschaffung der Sklaverei, das allgemeine Wahlrecht und mehr – entwickelte sich parallel (wenn auch manchmal mit unterschiedlichem Tempo) zu Wirtschaftswachstum und industrieller Innovation. Das Schlüsselwort für beide Aspekte des Liberalismus ist Fortschritt, und das Kennzeichen des Erfolgst ist die Vielfalt: Fortschritt hin zu immer größerer Individualisierung und Vielfalt von Kunden und Konkurrenten. In diesem Licht gesehen werden die Forderungen der Linken („Liberals“, wie Amerikaner sie nennen werden) nach offenen Grenzen und dem Ende der Kontrollen menschlicher Bewegung zwischen Ländern und die Forderung der Vereinten Nationen nach einem globalen Migrationsplan von demselben liberalen Motiv getrieben wie der globale Kapitalismus: ein unstillbarer Durst nach hohen Renditen, expandierenden Märkten, Fusionen, Abreißen von Barrieren, billiger Arbeitskraft und wirtschaftlichen Größenvorteilen. Dies wird im Fall der Einwanderung gut veranschaulicht: nämlich in der liberalen „Waffenbrüderschaft“, die sich in der öffentlich ausgedrückten Ermutigung und Sympathie von Joe Kaeser, dem Generaldirektor des deutschen multinationalen Siemens-Konzerns, für die Dreadlocks tragende Kapitänin der Sea Watch 3, Carola Rackete, zeigt, die verhaftet wurde, weil sie sich Italiens Einwanderungsgesetzen widersetzt hat. Rackete hatte mit einem Schiff voller afrikanischer Migranten in Mißachtung italienischer Gesetze in einem italienischen Hafen angelegt und Italien gezwungen, die Migranten aufzunehmen. Das Großkapital ist in der Tat für offene Grenzen. Ähnlich agitieren die Linke und die Antifaschisten mehr oder weniger für die Sache des globalen Kapitals, wenn sie behaupten, Flüchtlinge seien willkommen, und offene Grenzen fordern.

Charles Robin hat eine ähnliche Ansicht wie Jean Calude Michéa, indem er glaubt, daß „links“ und „sozialistisch“ nicht als ein und dasselbe betrachtet werden sollten, oder auch nur als ähnlich. Überall in der westlichen Welt haben sozialdemokratische Parteien „liberale Treibhausideen“ übernommen und sich den ursprünglichen kollektivistischen, klassengetriebenen Forderungen des Sozialismus entfremdet. So gesehen ist das ultimative Ziel der Kulturlinken und der Wirtschaftsrechten eine globale Bruderschaft des Menschen und eine globale Wirtschaft: zwei miteinander verflochtene Facetten derselben Ideologie. Eine globale Wirtschaft wird mit maximaler Effektivität funktionieren, wenn Barrieren für Kapital und Menschen beseitigt sind. Die Gesellschaft muß völlig flüssig sein, und damit sie so wird, ist das Ziel beider Arten des gesellschaftlichen und des wirtschaftlichen Liberalismus die Öffnung aller Grenzen, die Beseitigung nationaler Barrieren für Menschen und Waren und die Zerstörung von Bindungen der Volkszugehörigkeit, Religion oder irgendeiner anderen Loyalität, die den Vorrang gegenüber dem Gebot der wirtschaftlichen Vernunft und dem höchstrangigen Recht des Individuums einnehmen könnte.

Wie viele Autoren vor ihm stellt Robin fest, daß eine Charaktereigenschaft des Kapitalismus die Respektlosigkeit gegenüber dem Heiligen ist, sei es das kulturell, sozial oder religiös Heilige. Wiederum Marx wiedergebend schreibt er, daß der Kapitalismus durch seinen ideologischen „Lautsprecher“ der liberalen Ideologie rücksichtslos in seiner Entschlossenheit ist, das Heilige zu entmachten, das Verwurzelte, das Traditionelle und alles andere, das dem Fortschritt im Weg steht. Der Liberalismus wird Treuegefühle zu einer alten Ordnung oder traditionellen Lebensart untergraben und sie höhnisch als irrational, unterdrückerisch, unlogisch, rückwärtsgewandt und absurd wahrnehmen; oder er wird vorgeben, sie zu bewundern, während er gleichzeitig den Weg für ihre Untergrabung durch den Kapitalismus bereitet. „Man muß mit der Zeit gehen“ ist der Ruf des Freimarktlers und des Gesellschaftsliberalen gleichermaßen. Sowohl der Linksradikale als auch der Kapitalist engagieren sich voll für den Fortschritt – anscheinend ein Fortschritt ohne erkennbares Ende – und das Abreißen der Barrieren, die diesen Fortschritt behindern. Der Liberalismus wird von einem starken inneren Zwang getrieben, und „unvermeidlich“ ist ein Wort, das er bereitwillig verwendet. Während der erklärte Zweck einer progressiven Bewegung oder Initiative vorgeblich ein mitfühlender sein mag – und oft tatsächlich ist -, wird das Prinzip des Profits die treibende Kraft hinter der Forderung nach Befreiung sein, obwohl das oft verborgen wird.

Charles Robin stellt den Altruismus in Frage, den Liberale gern am Mast ihrer „heiliger als du“-Anliegen hissen, einen selbstbeweihräuchernden Altruismus, der ihnen den Genuß verschafft, ihre Gegner zu verurteilen, weil ihnen die Empathie, Freundlichkeit und Fantasie fehlt, die sie und andere fürsorgliche Liberale im Übermaß zu haben vorgeben. Angesichts dessen jedoch, daß das Individuum für den Liberalen das Maß allen Wertes ist, ist sein Altruismus ein Mittel zur Erlangung eines höheren sozialen und moralischen Status. (In den letzten paar Jahren ist die Art, wie große Konzerne ihr Engagement für verschiedene liberale Anliegen zur Schau gestellt haben, eine Veranschaulichung dafür.) Liberaler Altruismus ist profitabel, in mehr als einer Weise. Die Idee des Gebens in echt altruistischem Sinne ist laut Robin dem Liberalismus fremd, weil sie der fundamentalen liberalen Überzeugung widerspricht, daß das private Glück des Individuums von höchster Wichtigkeit ist. Das liberale Denken war somit von Anbeginn an von dem gekennzeichnet, was Robin einen „tiefen anthropologischen Pessimismus“ nennt:

Von dem Moment an, wo man sich nicht erlauben kann, im Voraus irgendeine Manifestation von gutem Willen oder Loyalität gegenüber anderen als mehr zu sehen als eine heuchlerische Maske des Eigeninteresses und der Eigenliebe, oder als vom uneingestandenen Willen nach Ansammlung von „Moralkapital“ getrieben, wird es unmöglich zu begreifen, wie zu den von der liberalen Anthropologie festgesetzten Bedingungen die bloße Idee einer menschlichen Gesellschaft (in der, wie Michael Mauss gezeigt hat, die Beseitigung einer Idee des Gebens nicht durchgeführt werden kann, ohne die ganzen Bedingungen ihrer Existenz zu gefährden) irgendeinen Sinn ergeben kann. (S. 23)

Der Liberalismus erweitert immer das Recht des Individuums, sein Heimatland zu wählen, seinen Job, seine Zukunft und sein Schicksal, und sogar das eigene Geschlecht und die „Kultur“ sind nur eine Sache der individuellen (Konsumenten-) Wahl. Laut der liberalen Ideologie sollten Menschen ihre Kultur wählen können, statt in sie geboren zu werden und von der Natur gezwungen zu werden, an einer Kultur festzuhalten – oder sogar an einer sexuellen Orientierung oder einem Geschlecht – die nicht nach ihrem Geschmack als Konsumenten ist. Die „Wahlmöglichkeit des Lebensstils“ wird bereitwillig von ganzen Industrien von Produkten und Dienstleistungen unterstützt. Somit gibt es eine tiefgreifende Einigkeit zwischen dem Liberalismus, der die Rechte des Individuums als das Höchste betrachtet, und dem Liberalismus jener „Rechten“, der die Werte des Marktes in das Zentrum menschlichen Strebens zu stellen sucht.

Wie Claude Alzon, der französische Kommunist, dessen Essay über die „Verdummung“ junger Leute unter dem Kapitalismus [2] argumentiert, daß der verborgene politische Zweck des permissiven Schulunterrichts erstens die Versorgung der kapitalistischen Gesellschaft mit „gehorsamen Konsumenten“ ohne geschichtliche Perspektive war, und zweitens die Schwächung des Klassenbewußtseins (wie kann man Klassenbewußtsein haben, ohne effektiven Geschichtsunterricht gehabt zu haben?), das es den Schülern ermöglichen würde, die Evolution der Gesellschaftsordnung zu hinterfragen. Ein permissiver Unterricht formt sie stattdessen zu willfährigen, geistlosen Konsumenten. In gleicher Weise beschreibt Charles Robin die „kapitalistische Modernisierung der Schule“ und ihre

progressive Umwandlung in einen „demokratischen“ Raum, befreit von der traditionellen hierarchischen Beziehung zwischen der Gestalt des unterrichtenden Lehrers und dem unterrichteten Schüler, der nun dazu aufgefordert wird, sich zu äußern und eine gegensätzliche Sicht zum „beliebigen“ Wissen des Lehrers zu präsentieren. Dies ist symptomatisch für die Schaffung einer horizontalen Reformierung der symbolischen Beziehung zur Autorität, was definitionsgemäß die Zerstörung dieser Hierarchie bedeutet. All das wurde in den 1960ern durch die liberale Anfechtung der Legitimität der Idee der Macht selbst möglich gemacht. Durch die Betrachtung der Gestalt des Meisters als Unterdrücker statt als Vermittler von Wissen waren die Mittel gegeben, um die Mittel der Weitergabe von entscheidendem Wissen unter dem Deckmantel des revolutionären Wandels zu zerstören. Solches Wissen ist Teil der intellektuellen und kulturellen Ausstattung, mit der eine radikale Kritik an der Macht und ihren Institutionen geistig ausgearbeitet werden kann.

Die massive Verdummung, deren Hauptinstrument das gegenwärtige Schulsystem geworden ist (Natacha Polony), hat noch eine Seite: die wachsende Unterwerfung unter eine Macht ohne Autorität, welche die liberale Kultur ist, die von der aktiven Neutralisierung allen Bezugs zur Vergangenheit oder Tradition profitiert und von der Förderung einer formlosen „Spontaneität“ (sic), verwandelt in einen kategorischen Imperativ und ein Prinzip der Selbstrechtfertigung. (S. 66 – 67)

Intellektuelle Autonomie wird als erster Schritt zu globaler Autonomie angeboten, aber es ist eine Autonomie, die völlig in Harmonie mit den Zielen des globalen Kapitals ist. Robin zitiert Guy Debord in seinen Kommentaren zur Gesellschaft des Spektakels:[3]

Das vorrangige Ziel einer Gesellschaft, in der die Unterhaltung dominiert, ist, auf das allgemeine Verschwinden von Geschichtsbewußtsein hinzuarbeiten… Geschichtsbewußtsein ist das wirkliche Mittel zur Messung des Werts des Neuen, und diejenigen, die das Neue verkaufen, haben jeden Grund, das Verschwinden der Mittel zu seiner Messung anzustreben. (S. 71)

Das Recht des Individuums, seine Hobbies und seine Geschmäcker unter völliger Mißachtung sozialer Bräuche oder der Zurückhaltung zu wählen, paßt sauber zur Maximierung des Profits, denn Hobbies und seltsame Moden schaffen neue Märkte und neue Geschäftschancen. McDonald‘s oder Starbuck’s sind globale Franchiseunternehmen, die die individuelle Vielfalt glorifizieren, während sie die Vielfalt von Gemeinschaften untergraben, indem sie globalistische Bewegungen und einheitliche Eßgewohnheiten fördern und Märkte für identische Produkte maximieren. Der Liberalismus, schreibt Robin, wird getrieben von einem Impuls zu umschließen, wie eine Amöbe, und absorbiert somit eine ständig wachsende Zahl menschlicher Aktivitäten, was heißen soll, daß er den Liberalismus als totalitär betrachtet. In einem Essay, der in diesem Buch aus Éléments nachveröffentlicht ist und bezeichnenderweise „L’extrème gauche, armée de réserve du libéralisme“ heißt („Die extreme Linke, die Reservearmee des Liberalismus“), steht:

Ursprünglich ist der Liberalismus der philosophische Versuch… dem Individuum Rechte wiederzugeben, mit dem es von Natur aus ausgestattet istDer Mensch, insofern er vernunftbegabt ist, wird keine Behauptung oder Aufforderung als wahr akzeptieren oder als legitim anerkennen können, die nicht zuerst mit dem Maßstab gemessen wurde, der vor dem Tribunal der Vernunft gefordert wirdEs ist kein Zufall, daß Kant die Zeit der Aufklärung als eine definierte, in der den Mensch den Fesseln der Unmündigkeit entkamin dem Moment, als alle normativen Hindernisse gleichermaßen für unzulässig erklärt wurden, wenn sie als Bremse der natürlichen Freiheit des Individuums wirken. Das Problem ist, daß es mit dem solcherart akzeptierten Primat des Individuums nichts gibt, das sich der unbegrenzten Erweiterung des Rechts des Individuums in jedem möglichen und vorstellbaren Tätigkeitsgereich widersetzt. (S. 133)

Später stellt Robin in einem Essay über Michéa fest, das eine der vorrangigen kulturellen Konsequenzen, die man direkt den befreienden Tendenzen unserer Gesellschaft in die Schuhe schieben kann, die Fabrikation atomisierter Individuen ist, die dicht beieinander leben, aber nichts gemeinsam haben. Der Mensch ist „auf den Zustand einer Monade reduziert“ (ein Anagramm von Nomade), eine „simple Substanz“, die herumgeweht wird und nur spontane Wahrnehmungen und Wünsche erlebt:

Dies erklärt den Argwohn, den Liberale im Prinzip gegenüber jeder gemeinschaftlichen Loyalität oder jedem Identitätsgefühl zeigen… Der liberale Prozeß besteht in der Trennung des Individuums von allen normativen Traditionen, die als überholt und unterdrückerisch verunglimpft werden. (S. 170 – 171)

Die Argumente von La Gauche du Capital sind nicht neu. Es ist offensichtlich – und wird das immer mehr mit jedem Jahr dieses Jahrhunderts – daß der größere Teil der Linken keine Alternative zum Kapitalismus anstrebt (und daß sie, wenn sie das zu tun behauptet, sich kaum die Mühe macht zu beschreiben, wie diese Alternative funktionieren würde). Die Verurteilungen des Kapitalismus durch die äußere Linke sind großteils unehrlich. Die äußere Linke und die liberale Linke arbeiten effektiv für dieselben Anliegen wie der Freimarktkapitalismus. Es ist festzuhalten, daß Robin nicht die Kräfte beschreibt, die gegen diesen Trend gerichtet sind. Es muß solche Kräfte geben, andernfalls der Liberalismus gar nicht zu „kämpfen“ bräuchte. Daß in keiner Weise angedeutet wird, was dem Liberalismus entgegentritt oder entgegentreten könnte, ist meiner Meinung nach ein großes Versäumnis dieses Buches.

Robin vermeidet den Begriff „liberale Demokratie“ und beharrt wie Alain de Benoist darauf, daß Demokratie und Liberalismus total verschieden sind. Obwohl er von der Entstehungsgeschichte des Liberalismus spricht, vermeiden seine Thesen eine historische Darstellung seines Aufstiegs, obwohl der Liberalismus eine gut dokumentierte Geschichte hat. Ob wir den nun Liberalismus in seiner gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Manifestation betrachten oder in beiden, wir sehen, daß er im Verlauf eines Kampfes wuchs – etwas, das Robin anerkennt, wenn er den inhärenten Antrieb des Liberalismus zur Ausweitung erwähnt, aber wovon er keine Darstellung liefert.

Das Buch läßt wichtige Fragen unbeantwortet. Sind alle liberalen Ideen, nachdem sie von Robin unter dem Begriff „liberale Ideologie“ subsummiert werden, gleichermaßen subversiv gegenüber anderen Loyalitäten in einer Gesellschaftsordnung? Das Thema dieser Essays ist eine Kritik am Liberalismus – aber eine Kritik im Namen oder für die Sache wovon? Der Autor erwähnt, daß er in einer Linksaußenbewegung war und immer noch ein Sozialist ist, aber wenn der zentrale Wert des Liberalismus der uranfängliche Wert des Individuums und die Emanzipation seines Potentials ist, was ist dann der zentrale Wert von Robins Sozialismus? Warum sagt er es uns nicht? Strebt er die Rückgängigmachung aller liberaler Maßnahmen und Gesetze an? Falls ja, warum sagt er es uns dann nicht, und falls nicht, warum nicht? Die Abschaffung der Sklaverei war ein christlich-liberaler Wunsch, getrieben von dem Glauben, daß der Neger untilgbare Rechte hatte, die ihm von Gott oder der Natur gegeben wurden, und einen Wert als Individuum, der über den Eigentumsansprüchen des Sklavenhalters steht. Es waren Liberale, die die Todesstrafe willkürliche Hinrichtungen und Folter abzuschaffen suchten; sogar das Frauenwahlrecht (die Gleichheit der Frau war eine Sache, die enthusiastisch von John Stuart Mill verfochten wurde), ganz zu schweigen von der Gewährung des Wahlrechts an die nicht grundbesitzenden Klassen, könnten vernünftigerweise als „liberale“ Maßnahmen betrachtet werden. Schlägt Robin vor, diese Maßnahmen aufzuheben, mit der Begründung, daß alle liberalen Maßnahmen menschliche Kollektive untergraben?

Es ist modisch, den Liberalismus zu kritisieren, aber die Kritiker des Liberalismus schätzen üblicherweise ihre eigenen liberalen „Rechte“ sehr, wie die Redefreiheit oder die Gleichheit der Geschlechter. In den Vereinigten Staaten wird die Beibehaltung des Rechts, Waffen zu tragen, als „konservativ“ betrachtet, doch historisch ist das Recht, Waffen zu tragen, zweifellos liberal in dem Sinne, daß es das Individuum dazu ermächtigt, willkürlicher Macht zu trotzen. Möchte Robin die Genfer Konvention verschrotten, ein sehr liberales Übereinkommen, das einige der Schrecken des Krieges aus liberalem Mitgefühl für das Leiden des einzelnen menschlichen Wesens zu verringern versucht?

An einer Stelle in seinem Buch erwähnt Robin, daß das Schreiben dieses und anderer Essays eine Aufgabe oder Pflicht ist und daß er (aus ungenannten Gründen) lieber am Strand von Montpellier wäre. Solch ein Wunsch klingt sehr wie genau die Art von frivolem individualistischen Verlangen und nach der Art von Laune, die ein liberaler Staat – aber nicht, sagen wir, das illiberale Saudi-Arabien oder Nordkorea – zu gewähren geneigt sein mag.

Hinsichtlich des Wirtschaftsliberalismus schlägt der Autor vermutlich nicht vor (oder zumindest sagt er nirgendwo, daß er das tut), daß der Staat alle Produktionsmittel im Namen des Sozialismus beschlagnahmt. Falls jedoch etwas Privatunternehmertum von Robin zugestanden wird, ist das dann nicht ein Zugeständnis an den Liberalismus? Wie so viele derjenigen, die wirtschaftliche Freiheiten verdammen, ist Robin zurückhaltend gegenüber dem Argument, daß Wirtschaftsliberalismus in der Erreichung wirtschaftlicher Ergebnisse effizienter ist als Sozialismus. Wenn es um die Effizienz des Kapitalismus bei der Erledigung eines Jobs geht, schweigt Robin, doch es ist das Beharren auf der Effizienz der individuellen Freiheit in der Wirtschaft, die der Eckpfeiler der liberalen Kritik am Sozialismus ist.

Hätte Robin in diesem Buch eine Genealogie des Liberalismus geboten, dann hätte er die Aufmerksamkeit der Leser auf die anschwellende Macht des Liberalismus als Ideologie lenken können. Heute sprechen Politiker und Geschäftsleute von „Wachstum“ und „Fortschritt“ als abstrakten Dingen, aber Wachstum und Fortschritt sind bedeutungslos ohne Bezug und werden zu bloßen hohlen ideologischen Platitüden, die darauf abzielen, die Gläubigen zu beruhigen und ihre Zustimmung zu gewinnen. Aber Wachstum, Gleichheit und Emanzipation werden von den meisten politischen Führern (aber nicht nur liberalen) gedankenlos idolisiert, und das ist eine Entwicklung, die wohl in eine totalitäre Richtung weist. Angela Merkel in Deutschland liefert ein vorrangiges Beispiel für die liberale Kollaboration zwischen linker Gesellschaftspolitik und hartgesottenen Finanzinteressen, mit einer Betonung der abstrakten Dinge „Wachstum“ und „Fortschritt“ und der ominösen Warnung, daß es „keine Alternative“ zu diesem Narrativ gäbe, was zeigt, daß Robins Kritik am modernen Liberalismus genau trifft. Ist es nicht totalitär, darauf zu beharren, daß es keine Alternative zu einer bestimmten politischen Weltsicht gibt?

Mein Unbehagen mit der Stoßrichtung von Robins Argument liegt in seinem Beharren darauf, daß alles, was „liberal“ ist, zur selben destruktiven Triebkraft gehört wie das liberale Mantra von heute. Er würdigt überhaupt keine liberale Maßnahme, und man fragt sich, ob er überhaupt eine anerkennen würde. Es ist unklar, ob er glaubt, daß wirtschaftliches freies Unternehmertum vom Staat erlaubt werden sollte, oder ob er mit tausenden vermutlich liberal inspirierten Gesetzen zur Verringerung des Potentials für die Ausbeutung und das Leiden von Menschen einverstanden ist. In anderen Worten, Charles Robin macht sich die Arbeit leicht. Es ist nicht so, daß er traditionelle liberale Argumente über die Heiligkeit des menschlichen Individuums oder gewisse Rechte, die er selbst genießt, nicht widerlegt, wie das Recht, dieses Buch zu veröffentlichen ohne Furcht, deswegen verhaftet zu werden. Er befaßt sich einfach überhaupt nicht mit ihnen. Er läßt sich überhaupt nicht auf liberale Argumente ein. Er verweist nur auf die Gefahr, die sie darstellen.

Ein exzellentes Beispiel für das Zusammenspiel von „radikalem“ Linkentum und Kapital ist die Debatte um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gewesen. Die Hysterie (das Wort ist nicht zu stark), mit der das Abstimmungsergebnis von den Wirtschaftskapitänen und dem Großteil der politischen Linken aufgenommen wurde, bestätigt Robins These, daß der Kapitalismus Liberalismus an der Arbeit ist und die permissive Gesellschaft Liberalismus im Spiel. Beide Arten von Liberalen fühlen sich eindeutig existenziell von einem politischen Ergebnis herausgefordert, das der Zerstörung des „nichtrationalen“ Festhaltens an der Sache der nationalen Souveränität die Bremse anzieht.

Alternativen zum Liberalismus? Der Autor bietet nichts als einen beiläufigen Verweis auf Michéas Glauben an den „gewöhnlichen Anstand“ (den Michéa selbst von George Orwell übernahm) und die soziale Geselligkeit. Robin verlästert den Liberalismus als subversive Ideologie, unterscheidet nicht zwischen einer liberalen Maßnahme und einer anderen und liefert keine historische Darstellung des Aufstiegs des Liberalismus. Solch eine Darstellung hätte ihn dazu gezwungen, sich dem Argument zu stellen, daß viele liberale Veränderungen heute sogar von Nichtliberalen akzeptiert werden.

Das Recht des Individuums und das Recht auf Glück sind keineswegs, wie Robin zu glauben scheint, dasselbe gewesen wie die Rechte des Individuums auf Grundbesitz und Profit. Gesetze gegen Kinderarbeit, arbeitsrechtliche Gesetze und andere wurden von Liberalen vorgeschlagen und bitterlich von liberalen (?) Kapitalisten bekämpft, die sie als Verletzung der Vertragsfreiheit betrachteten. Ähnlich setzten „Sozialliberale“ sich für die Emanzipation der Sklaven in den Vereinigten Staaten ein und wurden von den Sklavenhaltern im Namen der individuellen Eigentumsrechte bekämpft. Es gibt reichlich Beispiele für Liberale (nach Robins Definition), die gegen Liberale kämpften. Wie stimmt das mit dem Glauben überein, daß gesellschaftsliberal und kapitalistisch-liberal ein und dieselbe Ideologie widerspiegeln? Vieles von der Sozialgesetzgebung in europäischen Ländern im neunzehnten Jahrhundert zielte auf den Schutz des schwachen Individuums vor der Ausbeutung durch die Mächtigen ab. Es gibt heute nicht viele, die die Errungenschaften der liberalen Gesetzgeber des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts in dieser Hinsicht zur Gänze rückgängig machen möchten.

Eine, die das wollte, war Alissa Rosenbaum, besser bekannt als Ayn Rand, die Mutter dessen, was sie Objektivismus nannte, deren fanatische Hingabe an die wirtschaftliche Vernunft und Verachtung für Mitgefühl in der Propagierung einer Art von kapitalistischem, nietzscheanischem Recht des Starken auf Ausbeutung des Schwachen und einer Verringerung der staatlichen Aufgabe der Sicherstellung, daß vertragliche Rechte eingehalten werden, kulminierte. Sie wird bitterlich bekämpft von amerikanischen… Liberalen. Jedoch wird sie bis zum heutigen Tag von ihren Anhängern und Gegnern nicht als Liberale betrachtet, sondern als Libertäre, und es fällt auf, daß Robin den Libertarianismus in diesem Buch kein einziges Mal erwähnt. Vielleicht paßt es nicht zu seinem Argument, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß es eine „reine“ Form des Liberalismus namens Libertarianismus gibt, und einen Liberalismus, der bereit ist, sozialistische oder krypto-christliche Kompromisse zu machen, um das schwache Individuum vor den wirtschaftlich Starken zu schützen. Es scheint, daß der Liberalismus und seine Geschichte komplexer sein könnten, als Robin ihm zubilligt.

Robins Buch gebührt dafür Applaus, daß es das Zusammenspiel von Kapital und linkem Globalismus aufzeigt. Als Analyse der Ideologie des Liberalismus jedoch greift es zu kurz. Unter vielen Lücken (unter anderem der Libertarianismus, eine Genealogie des Liberalismus und Marx‘ Interpretation des Liberalismus) gibt es keine Erwähnung des Glaubens an den Kompromiß, der im liberalen Denken tief eingebettet ist. Für Robin ist der Liberalismus kompromißlos in seinem Drang, alle Hindernisse für die Verwirklichung des absolut emanzipierten Individuums abzuschaffen. Er ignoriert, daß das Streben nach Glück, dieser zentrale liberale Wert, selbst ursprünglich religiös ist. Was in jüngerer Zeit stattgefunden hat (aber trotz des Versprechens am Anfang des Buches wird hier keine historische Darstellung geboten), ist, daß der Liberalismus sich historisch so weit entwickelt hat, daß er nun von seinen Beschränkungen befreit ist, so wie es der globale Kapitalismus ist. Jede Ideologie, die von Beschränkungen befreit ist, wird zu einem Hunger, der nicht zu stillen ist, was der Grund dafür ist, daß der Liberalismus in der Zeit, als er sich noch nicht von seiner Bindung an Tradition, Religion und Nation losgerissen hatte, eine Kraft war, die „Mäßigung in allen Dingen“ predigte. Es ist nicht der Liberalismus als Ideologie und auch nicht der Kapitalismus, die „verabscheuungswürdige Dinge“ sind, sondern vielmehr ihre Kaperung durch diejenigen, die keine Mäßigung kennen, deren Appetit grenzenlos ist und die aus liberalen Werten eine globale Ideologie gemacht haben und aus rationalen wirtschaftlichen Prozeduren ein unkontrolliertes demographisches und wirtschaftliches Krebsgeschwür.

Der Wert dieses Buches liegt in seiner Zurückweisung des Glaubens, daß Liberalismus oder Kapitalismus unvermeidlich sind und daß ihr Wachstum ewig weitergehen wird. Es bietet eine Einführung in einen gedankenanregenden Diskurs über den Liberalismus zu einer Zeit, in der Gesellschaften, die sich demokratisch nennen, eine beunruhigende Tendenz zur Beschränkung jeder Art von politischem Diskurs zeigen, die das liberale Narrativ – wie sie es definieren – nicht von Anfang an akzeptiert.

Fußnoten:

[1] Pierre Bérard, „La rebellion est-elle possible?“ in Éléments, No. 132 (Juli-September, 2009).

[2] Claude Alzon, La Mort de Pygmalion: essai sur l’immaturité de la jeunesse (Paris: Françoise Maspero, 1974).

[3] Guy Debord, Commentaires sur la société du spectacle (Paris: Gerard Lebovici, 1988), S. 28-30. Englische Übersetzung: Comments on the Society of the Spectacle (London: Verso, 2011)

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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2 Kommentare

  1. Schildbürger

     /  August 25, 2019

    Sehr guter Artikel, das trifft bezüglich wie die Verräter in den eigenen Reihen so ticken den Nagel auf den Kopf.

    Solchen geht es nichmal erstrangig ums Geld, wie ich das früher mal dachte, es geht um Macht. Geld bzw. Besitz ist da eine Möglichkeit, über staatliche Gewalt die Andere.
    Aber die scheinen sich überraschend gut zu verstehen, solange sie sich gegenseitig in Ruhe lassen bzw. in die Karten spielen.
    So eine unerträgliche Flitzpiepe namens Johannes Kahrs der für die SPD im deutschen Bundestag sitzt hat ja letztens die Forderung öffentlich gemacht dass Sparguthaben über 100.000€ besteuert gehören weil dass ja so viel sei. Was heutzutage in der BRD Eigentumserwerb kostet, für solche Kaliber uninteressant. Zwing die Leute in Miete, das freut sowohl die größeren Mietkonzerne als auch die Sozen die sich da gerne einmischen würden wer denn eine Wohnung kriegt und wer nicht.
    Was mit der Grundsteuerreform am Ende rauskommt, ich hab so eine Ahnung.

    Ich muss ja wirklich öfters mal grinsen wenn ich solche Sprüche höre oder lese wie „die Politiker sollen sich erstmal in der freien Wirtschaft bewähren“.
    Als ob. Was da bei mir im Umfeld an praxisfernen Knalltüten das Sagen hat die nur um den eigenen Willen durchzudrücken Bürokratie, unnötigen Aufwand, Papierkriege und so weiter erzeugt was im Endeffekt teurer bzw. ineffektiver ist als vorher, und die an der essentiellen Substanz knickern wie die Weltmeister, da langt man sich an den Kopf.
    Ich denke allerdings der gedankliche Fehler den da viele „Konservative“ auch wenn sie es eigentlich nicht schlecht meinen machen, sie projizieren sich selbst bzw. ihr Umfeld auf Andere.
    Das ist sehr häufig mittelständisch geprägt, und das ist aufgrund der kürzeren Hierarchieketten was wirklich Anderes als größere Industrie.
    Und da gibt es auch sicher nicht dieses grassierende Nach-mir-die-Sintflut-Syndrom, also solange die eigene monetäre Bilanz glänzt kann danach kommen was wolle.

    Die gute Frau (((Rand))), ja, die ist so ein Thema.
    Die wird ja in liberalen Kreisen gerne zitiert.
    Die propagierte Ellenbogengesellschaft von wegen „damit es allen gutgeht muss jeder nur das Beste für sich selbst rausschlagen“ gepaart mit Aussagen wie „Freiheit hört da auf wo die eines Anderen beginnt“, das Vorgehen von wegen säusele ein paar nett klingende Worte um das wahre Anliegen appetitlicher zu machen ist wirklich auffallend häufig bei itzigen „Vordenkern“ zu finden.
    So wie man die Tablette für den Hund in ein Stückchen Wurst verpackt, mit dem Unterschied dass man damit dem Hund etwas Gutes tun will.

    Aber mal was Anderes, meine das wurde hier ebenfalls schonmal angesprochen, der Missbrauch bzw. die Umdeutung bzw. Assoziierung eigentlich mal gut gemeinter Sachverhalte mit etwas ganz Anderem.
    Liberalismus ist da ein ganz gutes Beispiel, denke ich.
    Das geht ja an sich darauf zurück Bürgern Rechte gegenüber der „Obrigkeit“ einzuräumen.
    Wenn man es so will den Prozess über das Mittelalter dem Volk immer mehr Freiheiten zu entziehen und auf Adel/Klerus zu übertragen wieder umzukehren.
    Heute verstehen „Links“liberale darunter dass von ihnen protegierte Grüppchen mit Steuergeld beschmissen werden, und Wirtschaftsliberale dass sie mit ihren Angestellten und/oder der Umwelt umspringen könne wie sie wollen.

    Oder dass „grüne“ Politik das an sich höchstwichtige Konzept Umweltschutz dermaßen für sich vereinnahmt hat dass im „Rechten“ Lager da teilweise ein richtiger Hass darauf entsteht.
    Das könnte man auch eine in perfider Weise sehr geschickte Spaltungsstrategie nennen.

    Antworten
  2. Sethu

     /  August 27, 2019

    Vorne weg; ich kenne die Kommentarpolitik. Ich wollte nur einmal Danke sagen für Deine Übersetzungsarbeit. Der obige Text ist mir auf Counter-Currents nämlich auch aufgefallen, ich hatte damals aber keine Lust, soviel auf englisch zu lesen. Dank deiner Arbeit konnte ich ihn jetzt auf deutsch lesen. Danke.

    Wenn mir ein zwei Anmerkungen erlaubt sind; du brauchst es ja nicht zu veröffentlichen:
    Der Autor bemerkt richtig, dass der Liberalismus vor allem als Ideologie ein Problem ist. Es gibt ja in der Tat liberale Grundsätze, die nicht per se schlecht sind. Der Liberalismus ist aber eine „schrankenlose“ Ideologie und er wird erst zu Ende gedacht sein, wenn man den Menschen auch von seinem Mensch sein befreit hat.

    „Robin vermeidet den Begriff „liberale Demokratie“ und beharrt wie Alain de Benoist darauf, daß Demokratie und Liberalismus total verschieden sind. “

    Da bin ich eigentlich auch eher bei Benoist, wenn man den Liberalismus als Ideologie betrachtet. De Benoist ist ja der Überzeugung, dass wegen des arg strapazierten Demokratie Begriffs, eigentlich die athenische Demokratie als Massstab für Demokratie genommen werden sollte. Ich wüsste auf alle Fälle nicht, warum der liberale Parlamentarismus, der uns heute als Demokratie verkauft wird, mit richtiger Demokratie gleichgesetzt werden sollte, oder ersteres letzterem innewohnen sollte. Eine Stellvertreterdemokratie ist schon ein schlechter Witz an sich. Betrachtet man einmal die athenische Demokratie, dann wird schnell klar, dass dies eine ziemlich iliberale Gesellschaft war: ethnisches Staatsbürgerrecht, Verbannung von politischen Kontrahenten, Sklavenwirtschaft, keine politische Partizipation von Ausländern, klassische Rollenverteilung von Mann und Frau, Nachweis der Einhaltung der kulturellen und religiösen Bräuche wenn man ein Amt ausüben wollte usw. usf.

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