Genetik und Erziehungseinfluß: „Tausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt“

Ein Interview von Vivian Pasquet mit dem amerikanischen Verhaltensforscher und Verhaltensgenetiker Robert Plomin, aus GEO 07-2019.

Schon bei der Geburt sind Charakter und Begabung vorherbestimmt, sagt der Verhaltensforscher Robert Plomin. Schwer zu glauben? Ein Gespräch über vergebliche Erziehung und die Chancen moderner Genforschung.

GEO: Ich war schon immer handwerklich unbegabt, aber ganz gut in der Schule. Ich bin empathisch und hilfsbereit, aber nicht besonders mutig und viel zu aufbrausend. Wenn ich Ihrer Forschung glaube, hat die Erziehung meiner Eltern zu all dem nichts beigetragen. Stattdessen seien vor allem meine Gene schuld. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?

ROBERT PLOMIN: Der Einfluss der Gene wurde jahrzehntelang massiv unterschätzt. Dabei konnten wir schon in den 1970er und 1980er Jahren zeigen, dass Adoptivkinder nicht ihren Adoptiveltern ähneln. Stattdessen gleichen sie den leiblichen Eltern – nicht nur äußerlich, auch in Intelligenz und Charaktereigenschaften, obwohl sie ihnen niemals im Leben begegnet sind. Dazu kommen etliche Studien mit eineiigen Zwillingen, genetischen Klonen. Es gibt Fälle, bei denen diese Zwillinge in getrennten Familien aufwuchsen, aber trotzdem gleiche Charaktereigenschaften aufweisen. Ob wir mutig sind oder nicht, musikalisch oder witzig, empathisch, introvertiert: Wir wissen heute, dass mindestens 50 Prozent jeder Eigenschaft schon bei der Geburt in unseren Genen liegt.

Ich nehme mich aber auch als Ergebnis der Erziehung und Fürsorge meiner Eltern wahr.

Da muss ich sie enttäuschen. Ihre Eltern gaben Ihnen als Kind vielleicht Möglichkeiten. Ob Sie diese Möglichkeiten ergriffen haben und wer Sie heute sind, bestimmen aber vor allem die Gene. Erziehung macht Sie im Kern nicht zu dem Menschen, der Sie sind.

Aber es kommt doch auch auf meine Umwelt an, darauf, wem ich im Leben begegnete und welche Chancen ich bekomme.

Stopp, jetzt vermischen Sie etwas. Im Prinzip ist Umwelt alles, was nicht durch Gene erklärbar ist. Schicksalsschläge, Begegnungen oder Möglichkeiten, die Sie im Leben bekommen. Das Wichtigste bei diesen Faktoren ist, dass allein der Zufall entscheidet, ob sie stattfinden und was das für Folgen für Ihr Leben hat. Eltern sind natürlich auch Umwelt, aber das Wort „Erziehung“ bedeutet, dass man diesen Teil der Umwelt gezielt steuern kann. Erziehungsratgeber gaukeln Eltern vor: Wenn man sich so und so verhält, dann hat das diese und jene Folgen für das Kind. Viele Eltern glauben das. Bis sie das zweite Kind bekommen und feststellen: Trotz gleicher Erziehung kommt ein vollkommen anderer Mensch heraus.

Aber dass ich kein Hooligan bin, obwohl ich einen aufbrausenden Charakter habe, hat doch etwas mit meiner Erziehung zu tun, oder?

Natürlich wurden Ihnen Verhaltensweisen beigebracht. Das änderte aber nicht Ihren Kern – weil Sie ein genetischer Hitzkopf sind. Sie sind es schon seit Ihrer Geburt. Ihre Eltern haben Ihnen keine Charaktereigenschaften anerzogen.

Warum ist diese Erkenntnis so wichtig?

Weil es Eltern zerstören kann, wenn sie glauben, für den Charakter oder sogar psychische Krankheiten ihres Kindes verantwortlich zu sein. Früher dachte man, Schizophrenie käme daher, dass die Mutter ihr Kind vernachlässigt hat. Weshalb bei gleicher Erziehung ein Geschwisterkind schizophren wurde und das andere nicht, fragte niemand. Grauenhaft, was das für die betroffenen Mütter bedeutete. Heute weiß man, dass Schizophrenie erblich ist. Abertausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt.

Oder heute glauben viele Menschen, Eltern wären dafür verantwortlich, dass ihr Kind zu dick ist. Dabei ist der Body-Mass-Index zu etwa 70 Prozent erblich. Das sieht man an adoptierten Kindern. Obwohl sie im gleichen Umfeld wie ihre Adoptivgeschwister aufwachsen, nähern sie sich meist dem Gewicht der leiblichen Eltern an: nicht nur wegen ihres Stoffwechsels, sondern auch wegen ihres Charakters: Sie essen mehr.

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