Hatschi Bratschis Luftballon

Hatschi Bratschi S-00

Vorwort von Deep Roots auf „As der Schwerter“, das damals noch „Counterjihad“ hieß:

Nach einigem Überlegen, was als unser 300. Beitrag angemessen wäre, ist mir (nachdem ich zunächst etwas anderes erwogen hatte) die Idee gekommen, den 1904 erschienenen „Hatschi Bratschi“ des österreichischen Marineoffiziers, Dichters und Schriftstellers Franz Karl Ginzkey in der Fassung von 1933 zu präsentieren. Immerhin heißt unser Blog ja „Counterjihad“, und da ist es nur angemessen, mit diesem Kinderbuch aufzuzeigen, wie weit sich unsere von Political Correctness verseuchte Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert von dem entfernt hat, was man damals über Moslems noch alles sagen durfte, als man solche Sachen noch als geeigneten Stoff für ein Kinderbuch betrachtet hat. Unverkennbar ist, daß in diesem Buch die Kollektiverinnerung an die türkische Praxis der Devshirme weiterlebt, von der Österreich aber nur im Zuge der über zwei Jahrhunderte hinweg immer wieder stattgefundenen Türkeneinfälle betroffen war. Siehe hierzu auch 200 Jahre Dschihad gegen Österreichs Süden.

Ich hatte als Kind übrigens die Ausgabe von 1960 (http://www.scribd.com/doc/7125914/Franz-Karl-Ginzkey-Hatschi-Brat-is-Chis-Luftballon, mit Dank an maggieTh für den Link); Leute, die mich kennen, würden sagen, daß das einiges erklärt. Beim Vergleich mit der älteren Version ist mir aufgefallen, daß hier schon ein wenig politkorrekt „entschärft“ worden ist: „Zauberer“ statt „Türke“, „Morgenland“ statt „Türkenland“, und aus den Menschenfressern hat man Affen gemacht.

Hatschi Bratschi S-01

Es spielt der kleine Fritz allein

Auf grüner Flur im Sonnenschein.

Hatschi Bratschi S-02

Er springt vergnügt im Gras umher

Und denkt an nichts und freut sich sehr.

Hatschi Bratschi S-04

Wie sprach die Mutter? Liebes Kind,

Sei brav, wie andre Kinder sind,

Und bleibe schön bei mir zu Haus.

Er aber lief zur Tür hinaus.

Er achtet nicht der Mutter Wort,

Lief auf die grüne Wiese fort.

Dort springt er jetzt im Gras umher,

Und denkt an nichts und freut sich sehr.

Was kommt dort durch die Luft geflogen,

Und immer näher hergezogen?

Es ist, man sieht es deutlich schon

Hatschi Bratschi S-05

Ein großer roter Luftballon.

Drin sitzt, die Pfeife in der Hand

Ein Türke aus dem Türkenland.

Der böse Hatschi Bratschi heißt er,

Und kleine Kinder fängt und beißt er.

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Leopold I. – der Kaiser wider Willen

Kaiser Leopold I Gemälde

Von Heinz-Georg Hailwax aus dessen Reihe „Waffen und Leute“ im leider eingestellten Schweizer „Internationalen Waffenmagazin“ (dieser Beitrag: Ausgabe Dezember 1995)

Er komponierte, spielte Flöte, dichtete und frönte seiner Jagdleidenschaft – daß er, dem eine geistliche Laufbahn vorbestimmt worden war, dereinst als „Kaiser Leopold, der Große“ in die Geschichte eingehen würde, hätte er nie gedacht.

Wien, am 13. September 1683. Das Schießen hatte aufgehört; das Entsatzheer hatte über die Überzahl der türkischen Truppen den Sieg errungen und die Reichshauptstadt, knapp vor ihrem Fall, von der Türkengefahr befreien können.

Nicht zuletzt war dies die Leistung des Königs von Polen, Jan Sobieski, aber auch die anderen Mitglieder des Entsatzheeres hatten sich gut geschlagen. Als die Schlacht zu Ende ging, war das christliche Heer weit verstreut und befand sich in einer eher mißlichen Lage, da innerhalb der nächsten 36 Stunden die Stadt, in der sich die Leichen türmten, besetzt werden mußte.

Von einem osmanischen Heer unter dem Befehl des Großwesirs Kara Mustafa war die Stadt seit vielen Monaten belagert worden. Verteidigt von einigen Tausend Berufssoldaten, bewacht von der Bürgermiliz, abgeschnitten vom Nachschub und fast ohne Verpflegung, hatten die Wiener ausgehalten, bis das Entsatzheer von den Hängen des Saubergs herab und aus den umliegenden Wäldern herbeizog, sich durch Schanzen hindurchkämpfte, auf den Feind stürzte und in die Reihen der Türken einbrach. Mit dem Mute der Verzweiflung hatten auch die Wiener einen letzten Ausfall gewagt. Aus der Richtung des „Dreimarksteines“, von Westen her, waren dann noch die Panzerreiter („Flügelhusaren“) des polnischen Königs vorgestürmt, in ihren Rüstungen und mit befiederten Feldzeichen auf dem Rücken, und hatten mit ihrer einzigen Attacke den Ausschlag gegeben.

Leopoldsberg - Kahlenberg

Der Leopoldsberg ist ein beliebter Aussichtsberg im Wienerwald. Seit 1935 verbindet die Wiener Höhenstraße den Leopoldsberg und den benachbarten Kahlenberg. Nach dem Sieg gegen die Türken ließ Kaiser Leopold I. die von ihm gestiftete, von den Türken 1683 zerstörte Kapelle 1693 wiedererrichten und dem Heiligen Leopold weihen, woraufhin der Berg den Namen Leopoldsberg erhielt. Der Namen des benachbarten Berges – Sauberg – wurde bei dieser Gelegenheit in den passenderen Kahlenberg umgeändert.

Die Front der Moslems löste sich auf; die Türken und ihre Hilfstruppen stürzten sich blindlings in den Wienfluß und rissen in ihrer Panik auch die zur Verstärkung Herannahenden mit. Kara Mustafa selbst war geflohen, unermeßliche Kostbarkeiten und Nachschubgüter, viele Geschütze, und Munition, auch so manchen christlichen Gefangenen zurücklassend. Die Flucht kam erst in Westungarn zum Stillstand.

Reichtümer im Türkenlager

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200 Jahre Dschihad gegen Österreichs Süden

Abwehrkampf Wien 1683 Peter Dennis

Wien, 12. September 1683

Heute vor 330 Jahren fand vor den Toren Wiens eine der entscheidenden Schlachten der europäischen Geschichte statt: Nach zweimonatiger Belagerung durch die Türken und heftigen Abwehrkämpfen unter Führung von Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg war am Vortag, dem 11. September 1683, endlich das Entsatzheer aus polnischen, kaiserlichen, bayerischen und sächsischen Truppen sowie Kontingenten der südwestdeutschen Fürstentümer auf den Hügeln außerhalb Wiens eingetroffen.

Am Morgen des 12. September, einem sonnigen Sonntag wie heute, kam diese vereinigte Armee von den Hügeln heruntergeflutet, nach den Worten eines osmanischen Beobachters „wie eine Flut von schwarzem Pech, das alles auf seinem Weg erstickt und einäschert.“

Durch das von tiefen Hohlwegen durchschnittene und von Weingärten und Steinmauern zergliederte Gelände kam die Kavalleriestreitmacht des polnischen Königs Jan III Sobieski nicht so schnell voran, wie dieser gehofft hatte, und konnte sich erst gegen vier Uhr nachmittags, als sie das ebenere Gelände um den Schafberg erreicht hatte, geordneter entfalten, um die Türken auf deren linkem Flügel anzugreifen.

Die Kämpfe hatten bis dahin schon seit fünf Uhr morgens angedauert, und als der Großwesir Kara Mustafa Pascha die Gefahr erkannte, auf seiner linken Flanke überflügelt zu werden, zweigte er den Großteil der Truppen seines rechten Flügels ab, aber es war schon zu spät und schwächte noch dazu seinen linken Flügel so sehr, daß er von den Truppen Karls von Lothringen zerschlagen werden konnte.

Mit dem Schlachtruf „Jesus Maria ratuj“ senkten die polnischen Flügelhusaren ihre Lanzen und stürmten mit König Sobieski an der Spitze gegen die osmanischen Reiter, die gerade das offene Gelände im Raum Baumgarten – Ottakring – Weinhaus erreicht hatten. Es gab ein hörbares Splittern von Lanzen, als die Gegner aufeinandertrafen, und ohne unmittelbare Unterstützung gab es viele Verluste unter den Husaren, aber die Osmanen prallten vor der Stoßkraft des Angriffs von zwanzigtausend Reitern zurück. Da ihre Entschlossenheit durch die Desertion von Ibrahim Pascha und das stetige Vorrücken der Kaiserlichen an ihrem rechten Flügel ins Wanken geraten war, wichen sie zurück.

Angriff der Flügelhusaren Peter Dennis

Der christliche Vorstoß zum osmanischen Heerlager signalisierte das Ende der moslemischen Front, die sich auflöste und als ungeordneter Mob vom Schlachtfeld floh.

Als Kara Mustafa erkannte, daß sein Abenteuer zu Ende war, gab er drei Befehle: erstens, daß seine Männer in den Gräben, die den ganzen Tag lang weiterhin die Stadt beschossen hatten, sich zurückziehen sollten, zweitens, die gesamte Ausrüstung zu vernichten und drittens sämtliche Gefangenen zu exekutieren. Zum Glück für letztere war es schon zu spät, um diesen dritten Befehl noch effektiv auszuführen. Nachdem er mit der Lanze in der Hand einen letzten verzweifelten Gegenangriff angeführt hatte, bei dem alle seine Leibwächter und Pagen fielen, flüchtete er durch den Hintereingang seines Pavillons und schloß sich seiner fliehenden Armee an. Die Belagerung Wiens war vorbei.

Osmanisches Reich 1683

Mitteleuropa hatte der zweiten Welle des Großen Islamischen Dschihads erfolgreich widerstanden, obwohl der verheerende Dreißigjährige Krieg zu dieser Zeit erst 35 Jahre zurücklag und es noch durch die Pestepidemie von 1679 – nur vier Jahre davor – geschwächt war. An diese Niederlage der Türken schloß sich ein langer Rückzug an, im Laufe dessen die Grenzen des Osmanischen Reiches, das abgesehen von China damals das größte Reich der Welt war, immer weiter über den Balkan zurückgedrängt wurden, bis schließlich 1923 die heutige Westgrenze der Türkei erreicht war.

Was aber in Deutschland weniger bekannt sein dürfte, ist, daß schon lange vor dieser und der ersten Wiener Türkenbelagerung des Jahres 1529 weite Teile des südlichen Österreichs unter ständigen Türkeneinfällen zu leiden hatten. Diese zweihundertjährige Vorgeschichte zu den Ereignissen von 1683 soll nun das Hauptthema dieses Gedenkartikels sein.

Die „Renner und Brenner“ kommen!

Im Zeitraum von 1473 bis 1483 fielen türkische Heerscharen fünfmal in Kärnten ein. Bereits im 14. Jahrhundert war das Osmanische Reich auf der Balkanhalbinsel vorgedrungen, hatte am 15. Juni 1389 in der denkwürdigen Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje im heutigen Kosovo) die Serben besiegt und am 29. Mai 1453 als letztes christliches Bollwerk auf dem Balkan Konstantinopel erstürmt.

Nach dieser Eroberung, die mitsamt den damit verbundenen Greueltaten noch heute an jedem Jahrestag von den Türken mit Umzügen gefeiert wird, drangen die osmanischen Truppen auf dem Balkan weiter nach Nordwesten vor und bedrohten im Jahr 1469 zum ersten Mal die Grenzen Krains im heutigen Mittelslowenien. Die „Renner und Brenner“, wie sie von der leidtragenden Bevölkerung genannt wurden standen also bereits an Kärntens Grenze. Die Berichte, die von Krain nach Kärnten drangen, versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Die Dörfer standen dort in Flammen, die Männer hatte man erschlagen oder als Sklaven fortgeschleppt, Kinder auf Zäune gespießt und Frauen und Mädchen geschändet.

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Raimondo Graf Montecuccoli, der Türkenbesieger

Montecuccoli 0187

Von Heinz-Georg Hailwax aus dessen Reihe „Geschichte & Geschichten“ im leider eingestellten Schweizer „Internationalen Waffenmagazin“ (dieser Beitrag: Ausgabe Jan./Feb. 1999)

Die Schlacht eines kaiserlichen Reichsheeres unter dem Befehl von Graf Montecuccoli gegen eine türkische Armee unter Achmed Köprülü hallt immer noch durch die europäische Geschichte. Der Sieg der Koalitionsarmee bei St. Gotthard-Mogersdorf am Grenzfluß Raab am 1. August 1664 sicherte dem römisch-deutschen Kaiserreich einen 20-jährigen Frieden mit den Osmanen.

Südufer des Grenzflusses Raab, in der Nähe des Klosters St. Gotthard und des Dorfes Moggendorf (Mogersdorf). Es ist der Morgen des 1. August 1664. Der türkische Großwesir Achmed Köprülü, der versucht hatte, mit seinen Truppen den Einbruch nach Innerösterreich zu erzwingen, war durch kluges Manövrieren der Truppen unter dem Oberkommando des Grafen Montecuccoli in eine Position gedrängt worden, die er zu vermeiden gedacht hatte. Seine Kräfte zusammenfassend, marschierte er mit seinem gesamten Heer am rechten (südlichen) Ufer die Raab hinauf, während in gleicher Höhe mit ihm, am linken (nördlichen) Ufer, die gesamte Reiterei der Koalitionsarmee gleichzog.

Tags zuvor war ein heftiges Unwetter niedergegangen, das den Fluß Raab und zwei Flußzuläufe Hochwasser führen ließ. Mittels einer rasch erbauten Brücke war es Montecuccoli gelungen, seine Streitkräfte rechtzeitig überzusetzen und bei der kleinen Ortschaft Mogersdorf in Stellung zu bringen. Etwa zwei Kilometer flußaufwärts von St. Gotthard – die Kaiserlichen hatten nach ihrem Übergang die Behelfsbrücke wieder abgebrochen – war nun dem Großwesir nichts übriggeblieben, als zum Angriff zu schreiten. Die lehmigen Flußufer der angeschwollenen Raab waren ein von den Türken stark unterschätztes Hindernis. Unterholz und Buschwald bildeten ein weiteres Ungemach; das Zisterzienserkloster St. Gotthard, von den Kaiserlichen besetzt, war mit einer Palisade umgeben. Die Stellungen des Koalitionsheeres von nur 25.000 Mann (Ungarn, Kroaten, Franzosen, Italiener, Deutsche und Spanier) waren auf eine Länge von etwa 8.000 Schritt verteilt. Geschütze waren vor der Kavallerie und den Fußregimentern postiert.

Das Osmanenheer am Südufer der Raab war von Köprülü in sechs unregelmäßige Treffen aufgeteilt worden; weit auseinandergezogen, bestand es aus Kerntruppen, wie etwa 60.000 Mann Janitscharen und Spahis, sowie aus etwa 70.000 Mann Milizen, inklusive dem Troß. Bereits gegen Mittag des 31. Juli 1664 versuchten – aus dem Anmarsch heraus – Eliteeinheiten der Janitscharen in den Raabbogen einzudringen, wo Aufklärer eine passable Furt zu entdecken geglaubt hatten. Geschütze wurden in Stellung gebracht und eröffneten zwar das Feuer auf die Kaiserlichen, wurden jedoch alsbald von Reitern des Kürassierregiments Schmid und durch das Eingreifen von 200 Musketieren zum Schweigen gebracht. In der Nacht zum 1. August 1664 folgte ein Wolkenbruch, der das Gelände schwer passierbar machte. Dennoch gelang es einzelnen Janitscharen, über die Hochwasser führende Raab zu setzen und im Schutze der Dunkelheit auf dem Nordufer unbemerkt in Stellung zu gehen.

Am 1. August 1664, um 4 Uhr früh, kam es zu den ersten Nahkämpfen zwischen den beiden Streitkräften. Mehrere tausend ausgeschwärmte Türkenreiter trafen bei Eckersdorf auf Kavalleriekräfte unter Sporck und wurden von diesen angegriffen und zum Rückzug gezwungen. Mit Hilfe von Geschützfeuer und infolge geschicktem Vorgehen unter Ausnutzung des Gelänges gelang es mehreren tausend Osmanen zwar, über den Fluß zu setzen, dort jedoch trafen sie auf die alarmierten Kaiserlichen.

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MALTA 1565: Die große Belagerung

01 Birgu Fort St-Angelo

Birgu, Blick auf Fort St. Angelo

Von Ernle Bradford, erschienen in „Das Beste aus Reader’s Digest“, Februar 1986, als Auszug aus seinem 1961 veröffentlichten Buch „The Great Siege of Malta“ (ins Deutsche übertragen von Ernst Theo Rohnert).

Noch heute wirft der militante Islam immer wieder beunruhigende Schatten auf seine Nachbarn, ja die ganze Welt. In der Mitte des 16. Jahrhunderts aber stand er auf dem Gipfelpunkt seiner Machtentfaltung. Seine Angriffsspitze, das osmanisch-türkische Militärreich, drohte die christliche Welt in die Knie zu zwingen. In diesem kritischen Augenblick der europäischen Geschichte trafen die von Sieg zu Sieg eilenden Moslems auf eine Christenheit, die ihnen an Streitbarkeit, Entschlossenheit und Opferbereitschaft nicht nachstand. Auf der kleinen, strategisch wichtigen Insel Malta stemmte sich eine an Zahl weit unterlegene Legion fremder christlicher Krieger dem mächtigen Osmanischen Reich in einem Kampf entgegen, der auf beiden Seiten mit äußerster Härte geführt wurde.

02 Ottoman Empire 16-17th century

Das Osmanische Reich im 16. und 17. Jahrhundert

„Sultan der Osmanen, Allahs Stellvertreter auf Erden, Herr der Herren dieser Welt, König der Gläubigen und Ungläubigen, Schatten des Allmächtigen, der der Erde Frieden schenkt“ – wie Trommelwirbel schallten die Titel Solimans des Prächtigen durch den Sitzungssaal des Hohen Rates.

Es war 1564. Soliman II., von den Türken Süleiman der Gesetzgeber genannt, war 70 Jahre alt. Seit er mit 26 Sultan geworden war, hatte er die Türkei zum größten Militärstaat der Welt gemacht. Seine Galeeren durchpflügten die Meere vom Atlantik bis zum Indischen Ozean. Sein Reich erstreckte sich von Österreich bis zum Persischen Golf. Doch auch im Alter war Soliman noch ganz vom Wunsch nach mehr Macht und weiteren Eroberungen erfüllt. Und wäre er nicht selbst so ehrgeizig gewesen, dann hätten ihm seine Berater keine Ruhe gelassen.

„Solange sich Malta in der Hand der Johanniter befindet“, warnte einer von ihnen, „läuft aller Nachschub aus Konstantinopel Gefahr, vernichtet zu werden.“ Ein anderer sagte: „Wenn Ihr diesen vermaledeiten Fels nicht erobert, wird er bald den gesamten Verkehr zwischen Euren nordafrikanischen Besitzungen und den griechischen Inseln abschnüren.“

03 Kleine Johanniter-Schebecke um 1600

Kleine Johanniter-Schebecke um 1600

42 Jahre waren vergangen, seit Soliman die christlichen Johanniterritter von der Inselfestung Rhodos vertrieben hatte. Aber Malta, wo der heimatlos gewordene Orden Zuflucht gefunden hatte, hatte sich für den Sultan als ein noch größerer Störfaktor erwiesen als Rhodos. Alle Schiffe, die die Wasserstraße zwischen Sizilien und Nordafrika passierten, waren den marodierenden Galeeren der Ritter auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Der Gipfel der Provokation schien erreicht, als die Ritter ein reich beladenes Handelsschiff kaperten, das dem Obereunuchen in Solimans Serail gehörte. Die Odalisken des Harems warfen sich vor dem Sultan zu Boden und schrien nach Rache. Der Imam der Großen Moschee erinnerte den Sultan daran, daß auf den Ruderbänken der Ordensgaleeren Rechtgläubige mit Peitschenhieben angetrieben wurden.

Es ist unwahrscheinlich, daß sich der Sultan durch dieses Geschrei beeinflussen ließ. Allein aus Unmut oder aus Prestigegründen hätte Soliman den Inselstützpunkt der Ritter schwerlich angegriffen. Aber das kleine Malta war mit seinen großartigen Häfen der Schlüssel zum Mittelmeer und zu Westeuropa. So berief Soliman im Oktober 1564 einen Staatsrat oder „Diwan“ ein, der die Möglichkeiten einer Belagerung Maltas erörtern sollte. Der oberste Aga des Sultans erklärte: „Diese maltesischen Hundesöhne, die durch Eure Gnade auf Rhodos verschont geblieben sind – sie sollen endlich niedergeworfen und vernichtet werden!“ Als jeder seine Meinung gesagt hatte, wies der Sultan darauf hin, daß Malta das Sprungbrett nach Sizilien und damit nach Italien und Südeuropa sei. Der Diwan faßte den Beschluß, Malta zu zerschlagen.

„Dieser vermaledeite Fels“

Die maltesische Inselgruppe liegt rund 90 Kilometer südlich von Sizilien und umfaßt zwei Hauptinseln, Malta und Gozo. Malta ist etwa 27 Kilometer lang und 14,5 Kilometer breit, während Gozo 14,5 mal 7 Kilometer mißt. Die Inseln waren dem heimatlosen Johanniterorden von Kaiser Karl V. zu Lehen gegeben worden, „damit die Ritter ihre Waffen wieder gegen die gottlosen Feinde des heiligen Glaubens einsetzen können.“

04 Malta Elmo Michael Angelo

Aber die von den Rittern entsandte Kommission, die die Inseln erkunden sollte, war entsetzt gewesen. Malta sei „nichts als ein Fels aus weichem Sandstein“, berichteten sie, „für den Anbau von Weizen oder anderem Getreide ungeeignet“. Holz sei so knapp, daß es pfundweise verkauft werde. In den Küchen werde mit Kuhdung oder wilden Disteln geheizt. Die Sommerhitze sei „fast unerträglich.“

Wäre der Orden nicht in solcher Not gewesen, er hätte das karge Geschenk des Kaisers zurückgewiesen. Aber seine Führer hatten die Höfe Europas jahrelang bekniet, ihm bei der Suche nach einem festen Sitz zu helfen – vergebens. So geachtet der Orden wegen seiner Tapferkeit im Kampf auch war, beliebt war er nicht. Die Ritter vom heiligen Johannes zu Jerusalem waren der letzte geistliche Militärorden, der noch aus der Zeit der Kreuzzüge übriggeblieben war. Sie kamen aus allen Teilen Europas, schuldeten aber nur dem Papst Gehorsam – und waren deshalb den Herrschern der gerade emporgekommenen souveränen Staaten Europas verdächtig.

Was die Ritter mit Malta versöhnte, waren seine hervorragenden Häfen. Die Johanniter waren ursprünglich ein zu Lande operierender Orden gewesen, nach ihrer Vertreibung aus dem Heiligen Land aber notgedrungen Seefahrer geworden und lebten jetzt von einer Art „organisierter Piraterie“ – anders kann man es kaum nennen. Ein guter Hafen war für sie das Wichtigste. Und so hatten sie 1530 von ihrer neuen Heimat Besitz ergriffen.

Wie die Kundschafter vorausgesagt hatten, fanden sie Malta geradeso unwirtlich, wie sie den alten Herren der Insel unwillkommen waren. Den 12.000 Bauern auf Malta und den 5.000 auf Gozo war es wahrscheinlich einerlei, wer ihr Herr war. Ihr Leben war Plackerei, unterbrochen von brutalen Überfällen moslemischer Seefahrer; schlimmer konnte es für sie gar nicht kommen. Aber dem Inseladel waren die hochmütigen Neuankömmlinge ein Dorn im Auge; grollend zog er sich in seine Paläste in der ummauerten Stadt Mdina zurück.

Die Ritter hatten nicht vor, ihn zu belästigen. Sie zogen in das kleine Fischerdorf Birgu im Inneren des Großen Hafens. Und dort begannen die ihrer Sache verschworenen wehrhaften Männer, die durch die Geschichte Maltas geistern wie Besucher von einem anderen Stern, mit der Anlage von Verteidigungswerken. Sie rechneten fest damit, daß die Türken versuchen würden, den Erfolg von Rhodos zu wiederholen.

Großmeister La Valette

Die Johanniter waren ursprünglich eine Bruderschaft gewesen, die sich der medizinischen Forschung und der Ausbildung von Ärzten widmete. Die beiden Jahrhunderte auf Rhodos hatten dann aber den Charakter des Ordens verändert. Waren sie vorher in erster Linie „Hospitaliter“ (Krankenpfleger) und in zweiter Soldaten gewesen, so stand nun die Seefahrt an erster Stelle, und erst dann kam die Medizin. Auf Rhodos, das einem auf die Flanke der Türkei gerichteten Speer glich, waren sie zu den besten Seeleuten geworden, die das Mittelmeer je befahren hatten.

Sie waren jetzt ein Amalgam aus Angehörigen aller europäischen Nationen – eine Fremdenlegion militanter Christen. Gegliedert war sie in acht „Zungen“, die acht europäische „Provinzen“ repräsentierten: Auvergne, Provence und Frankreich (alle drei französischsprachig), Aragonien und Kastilien (spanisch) sowie Deutschland, Italien und England (zur deutschen Zunge gehörten damals die Großpriorate Deutschland, Böhmen-Österreich, Ungarn und Dacien [Skandinavien]). Als sich Heinrich VIII. von Rom lossagte, löste er die „alte und edle Zunge von England“ auf, und England war nur noch mit einem einzigen Ritter vertreten.

Der Mann, der seit 1557 an der Spitze des Ordens stand und sich jetzt rüstete, der Macht Solimans die Stirn zu bieten, war der provenzalische Großmeister Jean Parisot de La Valette. Er war Ordensritter mit Leib und Seele. Seit er den Johannitern mit 20 Jahren beigetreten war, hatte er den Konvent nie mehr verlassen – es sei denn, die Pflichten hätten es erfordert. Ein Zeitgenosse schildert ihn als „stattlichen Mann, hochgewachsen, ruhig, nüchtern und fähig, sich auf italienisch, spanisch, griechisch, arabisch und türkisch geläufig zu unterhalten.“ Die beiden letztgenannten Sprachen hatte er gelernt, als er in Gefangenschaft geraten und türkischer Galeerensklave geworden war. Ein Jahr lang hatte er in der Hölle der Ruderbänke zugebracht, ehe er durch einen Gefangenenaustausch wieder freikam.

05 Jean Parisot de La Valette

Jean Parisot de La Valette

„Manchmal“, schrieb ein anderer Franzose, dem es ähnlich ergangen war, „rudern die Galeerensklaven zwölf, ja zwanzig Stunden hintereinander. Offiziere gehen herum und stecken den Unglücklichen in Wein getunktes Brot in den Mund, damit sie nicht schlappmachen. Wenn ein Sklave erschöpft über dem Ruder zusammenbricht, wird er gepeitscht, bis man ihn für tot hält, und dann über Bord geworfen.“

La Valette war ein lebender Beweis dafür, daß Männer, die ein solches Martyrium hinter sich hatten, nicht notwendig krank und gebrechlich sein mußten, sondern sehr alt werden konnten. Unverwüstlich wie die salzgebeizte Eiche eines Schiffskiels, war er jetzt ebenso alt wie Soliman – 70. Wenn ein Mann, der ein Leben lang ständig im Kriegseinsatz war, ein so hohes Alter erreichte, mußte er schon außergewöhnlich zäh sein. Wenn er darüber hinaus im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte blieb, mußte er fast ein Übermensch sein. War er dazu noch von eine fanatischen religiösen Glauben beseelt, so gab es nicht viel, was ihm standzuhalten vermochte.

06 SABIAS-QUE-TURCOS

Im April 1565 erfuhr La Valette, daß die Flotte des Sultans aus dem Goldenen Horn ausgelaufen war. Den ganzen April und Mai hielten schnelle Schiffe den Orden über das Näherrücken der Türken auf dem Laufenden. Mitte Mai rief der Großmeister seine Brüder zusammen.

„Die große Schlacht zwischen Kreuz und Koran muß jetzt geschlagen werden“, sagte er. „Wir sind die erwählten Soldaten des Kreuzes, und wenn der Himmel die Hingabe unseres Lebens fordert, kann es keine bessere Gelegenheit geben als diese. Laßt uns zum Altar eilen, um unsere Gelübde zu erneuern und durch unseren Glauben die Todesverachtung zu erlangen, die allein uns unbesiegbar machen kann.“

Insel in Waffen

Als sich am Freitag, dem 18. Mai, der Frühnebel vom Wasser hob, sahen die Wachtposten im Nordosten eine große, fächerförmig gestaffelte Formation auftauchen: die 180 Schiffe der feindlichen Flotte. Die Spitze bildeten die Fahrzeuge der beiden türkischen Befehlshaber: Mustafa Paschas 28bänkige Galeere und die mit 32 Ruderbänken ausgestattete Riesengaleere Pialis, des Admirals der osmanischen Kriegsflotte.

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