„Krone“-Interview: „Scheiß-Türken! Das höre ich sehr oft

Hümeyra Sarikaya

Interview in der österreichischen „Kronen-Zeitung“ vom 29. Juni 2013:

Krone-Interview: “Scheiß-Türken! Das höre ich sehr oft”

Beim Aufmarsch Tausender Türken mitten in Wien protestierte eine 17- Jährige an vorderster Front. Mit Conny Bischofberger sprach Hümeyra Sarikaya über Nationalstolz, Kopftuch- Debatten und ihr Leben zwischen den Welten.

„Schickt alle, die für Erdogan sind, mit One-Way-Tickets heim in die Türkei!“ Ausgerechnet der grüne, türkisch-stämmige Bundesrat Efgani Dönmez hat mit seinem provokanten Sager über 10.000 türkische Demonstranten für Schlagzeilen gesorgt (er wurde mittlerweile von seiner Partei zurückgepfiffen, siehe Infobox). Doch dann meinte auch der unbestechliche Peter Pilz, man solle diese Leute „nicht mit österreichischen Staatsbürgerschaften belohnen“. „Diese Leute“ sind eine mächtige Gruppe der in Österreich lebenden 300.000 Türken (und zwei Drittel von ihnen haben die Staatsbürgerschaft bereits).

Was sie denken und wie sie leben, das erzählt Hümeyra Sarikaya im „Krone“-Interview, zu dem sie ihren Bruder Mehmet und viele Notizen mitgebracht hat. Seit die Gratiszeitung „Heute“ sie als schöne Demonstrantin aufs Cover gehievt hat, drehen sich die Besucher im „Kent“ nahe des Wiener Westbahnhofs nach ihr um. „Bist du nicht das Mädchen aus der Zeitung?“, fragen ihre Landsleute auf Facebook. Hümeyra genießt das. Die Muslimin trägt ein türkisfarbenes Kleid und hat ihre dunklen Augen ausdrucksvoll geschminkt. Während des Gesprächs berührt sie immer wieder den silbernen Halbmond, der an ihrer Halskette baumelt.

„Krone“: Würden Sie sich als Österreicherin, als Austro-Türkin oder als Türkin bezeichnen?


Hümeyra Sarikaya: Ganz klar: Ich fühle mich als Türkin. Obwohl ich österreichische Staatsbürgerin bin seit meiner Geburt.

„Krone“: Fühlen Sie sich hier nicht zu Hause?


Sarikaya: Immer weniger. Als Kind ist mir das nicht so aufgefallen. In letzter Zeit sind die Anfeindungen schlimmer geworden. Deshalb will ich später, wenn ich mit der Schule fertig bin und in Österreich studiert habe, in der Türkei leben. Als Deutschlehrerin.

„Krone“: Welche Anfeindungen meinen Sie?


Sarikaya: Mein Vater und mein Bruder spüren das nicht so. Aber wenn ich mit meiner Mutter und meiner Schwester unterwegs bin, die beide Kopftuch tragen, höre ich sehr oft: Scheiß Türken! Oder: Kopftuch runter! Oder: Wir reden hier deutsch, nicht türkisch! Obwohl meine Schwester den Bachelor in Bildungswissenschaft hat und perfekt Deutsch spricht. Auch meine Eltern sitzen nicht zu Hause und leben vom AMS. Ich habe noch nie gehört, dass jemand zu einem Juden sagt: Hut runter.

„Krone“: Wie reagieren Sie da?

(mehr …)