Götter, Götter, Götter: Donner und Fruchtbarkeit

Bronzene Zeusstatue von ca. 470 v. Chr., gefunden im Meer vor Kap Artemision.

Von „bast“, aus dem Historie-Magazin „Karfunkel“ Nr. 79 Dezember 2008 – Januar 2009. Dort ist der Artikel unter dem Originaltitel „Götter, Götter, Götter, Teil 3: Donner und Fruchtbarkeit“ erschienen; das mit „Teil 3“ habe ich wie bei „Teil 4: Die Macht der alten Mütter“ weggelassen, um den irrigen Eindruck zu vermeiden, daß die anderen Teile ebenfalls hier erschienen seien.

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Diesmal beschäftigen wir uns mit den wahrhaft merkwürdigen Gemeinsamkeiten in den Vorstellungen über die heidnischen Götter und stellen zwei davon näher vor: die Donnergötter (Zeus, Jupiter, Taranis, Donar/Thor etc.) und die Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Wenn wir heute ein Gewitter erleben, ruft das kaum noch eine nennenswerte Reaktion hervor. Die Mutter meiner Grundschullehrerin pflegte sich jedoch bei nächtlichen Gewittern noch vollständig anzukleiden. Sie nahm eine Tasche mit den wichtigsten Papieren zur Hand und machte sich bereit, notfalls vor den Naturgewalten die Flucht zu ergreifen. Was uns heute mehr als übertrieben erscheint, war für die Menschen früherer Zeiten eine durchaus vernünftige Handlungsweise. Denn Blitz und Donner waren keine nette Garnierung eines gemütlichen Krimiabends, sondern ernstzunehmende Zeichen einer Wesenheit, der man einen Namen geben wollte, um mit ihr in Verhandlungen zu treten und sie womöglich bannen zu können.

Daß außerordentliche Naturereignisse Beweis einer göttlichen Macht waren, wurde nicht in Frage gestellt. Der Zorn der Götter war vielmehr die ganz normale Antwort auf die uralte Frage, von wem um alles in der Welt eine solch gewaltige Kraft ausgehen könne. Konnte man diese näher bezeichnen, sie Thor, Zeus, Jupiter oder Taranis nennen, rückte ein Übereinkommen mit ihr in den Bereich des Möglichen. Man konnte versuchen, den Gott mit Opfergaben gnädig zu stimmen, ihm durch Anbetung und die Errichtung von Tempeln oder Statuen zu bezeugen, welche Macht man ihm zusprach, und dies mit der Hoffnung verbinden, er möge es für obsolet halten, diese dann durch übertrieben heftige Gewitter, womöglich mit Blitzeinschlägen in die eigene Hütte zum Ausdruck zu bringen.

Der Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Dennoch wollten die Menschen zu keiner Zeit die Möglichkeit außer acht lassen, die Fruchtbarkeit der Felder irgendwie günstig zu beeinflussen. Also suchte man auch für sie Ansprechpartner und fand sie in den zahllosen Fruchtbarkeitsgöttinnen der vorchristlichen Religionen: Isis, Astarte, Aphrodite, Aschera, Demeter, Ceres und Inanna; die Namen sind oft austauschbar, denn die Kulte weisen eine bemerkenswerte Kontinuität auf und neigen – auch bei gänzlich verschiedenen Herkunftsregionen – dazu, einander zu ergänzen und zu bereichern.

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Götter, Götter, Götter: Die Macht der alten Mütter

Maria lactans (stillende Maria)

Von „bast“, aus dem Historie-Magazin „Karfunkel“ Nr. 80 Februar-März 2009 (einschließlich der Bilder, außer jenem von der Mondsichelmadonna im Bonner Münster und jenen in meinem Anhang). Dort ist der Artikel unter dem Originaltitel „Götter, Götter, Götter, Teil 4: Die Macht der alten Mütter“ erschienen; das mit „Teil 4“ habe ich weggelassen, um den irrigen Eindruck zu vermeiden, daß die Teile 1 – 3 ebenfalls hier erschienen seien. Auch habe ich den vorletzten Abschnitt dieses Artikels, „Gott oder Göttin – die Standpunkte in der theologischen Diskussion“ hier weggelassen, weil es darin fast nur um die Auseinandersetzung innerhalb der christlichen Theologie und die – von „bast“ offenbar eher distanziert gesehene – „feministische Theologie“ geht, was hier nicht das Thema sein soll (man muß auch bei Angaben zu heidnischen Göttinnen immer aufpassen, daß man nicht feministischem Unsinn aufsitzt). Mir geht es hier hauptsächlich um die Kultkontinuität alter heidnischer Vorstellungen (hier vor allem am Beispiel der Göttinnen-Trinität), die unter christlicher Herrschaft fortlebte, sowie um die daraus erkennbare europaweite Verwandtschaft dieser heidnischen Kulturelemente untereinander.

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Das Bewußtsein für die Wanderungsbewegungen der Gottesvorstellungen ist so alt wie die Welt. Denn Religionen entstehen nicht im luftleeren Raum. Der Kirchenvater Augustinus sagt: „Die Wirklichkeit, die jetzt christliche Religion genannt wird, gab es schon bei den Alten, und sie fehlte nicht von Anbeginn des Menschengeschlechts, bis Christus im Fleische erschien, von wann ab die wahre Religion, die schon da war, begann die christliche zu heißen.“ Und das heißt, daß auch in Bezug auf die weiblichen Gottesbilder, die sich in der Verehrung der vielen heidnischen Göttinnen niederschlugen, mit einer Kultkontinuität im Rahmen des Christentums zu rechnen ist.

Belege dafür gibt es viele. Da ist zum Beispiel die Stadt Ephesus, in der die Göttin Diana verehrt wurde. Gerade hier errichtete der Apostel Paulus ein Zentrum seiner missionarischen Tätigkeit. Heute ist Ephesus die Stadt, die als Sterbeort der Gottesmutter Maria gilt. Diana waren im August Rituale gewidmet, die mit dem Untertauchen der Statue im Meer die Leben spendende Fruchtbarkeitsgöttin ehrten. Die katholische Kirche feiert am 15. August die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel, und in vielen Gegenden wird der sogenannte Frauendreißiger begangen, in dem Kräuterbusche gesammelt werden, deren heilende Kräfte sich in Aufgüssen und Räucherungen entfalten. Das Pantheon ist heute der Verehrung aller Heiligen geweiht. Die Kirche Santa Maria sopra Minerva verweist schon mit dem Namen auf den Kultort, über dem sie errichtet worden ist, und die dreigestaltige Göttin, in deren Verehrung die Menschen früherer Zeiten sich die zyklischen Abläufe des Lebens vergegenwärtigten, zeigt sich im süddeutschen Raum heute in Gestalt der drei heiligen Madl.

Drei Frauen, eine Göttin

Die Verehrung der Göttinnentrinität läßt sich in zahlreichen Religionen nachweisen, und auch dort, wo, wie bei Holle oder Perchta, eine Göttin im Zentrum des Kultes steht, sind die Aspekte der Bewältigung der Lebenszyklen deutlich erkennbar. Im keltischen Bereich verbindet sich die Vorstellung der dreigestaltigen Göttin mit dem Gedanken der Wiedergeburt. Die Eine in drei Personen konkretisiert sich z. B. in der Verehrung der Borbeth, die Heilung und Geborgenheit schenkt. Ihre Zeit ist der Neumond, ihr Symbol der Turm und ihre Wohnung die Anderswelt, in deren dunklem Schoß das neue Leben heranreifen konnte. Ihr folgt die lichte Wilbeth, deren Zeit der wachsende Mond ist. Ihr Gewand ist weiß, und als ihr Symbol trägt sie das Rad der Wiedergeburt. Die Fruchtbarkeit verkörpert Ambeth, die im Zeichen des vollen Mondes ein rotes Gewand trägt und deren Symbol die Schlange ist. Ebenso wie Demeter und Persephone oder die im Rheinland vielfach verehrten drei Matronen steht die dreigestaltige Göttin zugleich für die Lebensphasen der Jugend, der Fruchtbarkeit und des Alters. In vorgeschichtlicher Zeit finden sich Hinweise auf ihre Verehrung in Felsritzungen, die die Symbolzahl drei verwenden. Dabei treten vor allem drei Formen in Erscheinung: das Labyrinth, drei in Dreiecksform angeordnete Schälchen und drei nebeneinander verlaufende Linien.

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Eurocentrism and Halloween

Ein interessantes Video von Hugh MacDonald (10:41 min):