Selbstverteidigung mit der Flinte (4)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 12/1994.

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1) und Teil 2 (das Heft mit Teil 3 habe ich leider nicht)

Die taktischen Verhaltensweisen sind das entscheidende Element, das den ernstfallorientierten Waffengebrauch vom Sportschießen unterscheidet. Die Waffen- und Munitionswahl, Waffenhaltungen, Anschlagarten oder das Vorgehen in unklarer Lage müssen stets vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Eine ernstfallbezogene Schießausbildung wird den praktischen Anforderungen erst gerecht, wenn sie neben der reinen Schießtechnik auch das taktisch erforderliche Verhalten vermittelt, das notwendig ist, um ein Feuergefecht erfolgreich zu überstehen. Dabei kann man diese Verhaltensmuster in allgemeine Regeln unterteilen, die immer gelten, unabhängig davon, welcher Waffenart man sich bedient, und in Spezialregeln, welche die Besonderheiten einer bestimmten Waffenart berücksichtigen.

In diesem Beitrag werden wir die allgemeinen Regeln nur am Rande betrachten und den Schwerpunkt auf das für den Umgang mit der Repetierflinte typische Verhalten legen. Es muß dabei im Auge behalten werden, daß sich die Schießtechnik zwar losgelöst von allen taktischen Verhaltensweisen trainieren läßt und daß man andererseits auch Taktiken einüben kann, ohne einen einzigen Schuß dabei abzugeben, daß aber beide Gebiete sich inhaltlich logischerweise beeinflussen. Schließlich wählt man im kampfmäßigen Schießen die einzelnen Technikbausteine, wie etwa die Schießhaltung, ja nicht nur nach den Kriterien einer guten Trefferleistung aus, sondern achtet darauf, daß derartige Bausteine im Einklang mit dem taktischen Gesamtverhalten stehen. Auch bei der Waffenhandhabung zeigt sich, daß im Ernstfall nicht die Handgriffe, die in hochspezialisierten Sportarten die letzten Sekundenbruchteile bringen, zweckmäßig sind, sondern daß Dinge wie Streßstabilität, Ausführbarkeit hinter Deckungen und ähnliches viel entscheidender sind. Im kampfmäßigen Schießen ist das Treffen eben kein Selbstzweck wie im Sport, sondern nur ein Element von mehreren, die den Ausgang eines Feuergefechtes beeinflussen.

Taktik überwiegt

Es lassen sich zwar keine Prozentzahlen angeben, die ausdrücken, wie groß der jeweilige Einfluß der Taktik oder der Schießtechnik auf den Verlauf einer Konfrontation sein kann, meines Erachtens überwiegt der Einfluß der Taktik aber deutlich gegenüber der reinen Schießtechnik. Und letztlich beeinflussen sich Taktik und Schießtechnik ja immer gegenseitig.

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Selbstverteidigung mit der Flinte (2)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10/1994.

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Das Beherrschen der Ladetätigkeiten und der Handhabung ist die Grundlage für die Schießausbildung mit der Repetierflinte. Vieles aus diesem Ausbildungsbereich ist für einen effizienten Feuerkampf gleichermaßen wichtig wie für die Sicherheit am Schießstand.

Auch wenn die Handhabung einer Repetierflinte auf den ersten Blick überaus einfach erscheint, gibt es doch eine ganze Reihe von Einzeltätigkeiten und Besonderheiten, die man nicht nur kennen, sondern auch praktisch beherrschen muß, wenn man ernsthaft in Betracht zieht, die Waffe im Notfall zur Verteidigung einzusetzen. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man auf dem Schießstand seine Flinte in Ruhe laden und schußbereit machen kann, um dann ein paar Schuß damit abzugeben, oder ob man seine Waffe im Streß einer Notwehrsituation wirklich beherrscht. Und gerade letzteres muß ja Ziel einer Ausbildung im Verteidigungsschießen sein, wenn eine solche Ausbildung nicht nur zu einer trügerischen Selbsttäuschung führen soll. Abgesehen davon ist eine Beherrschung der Waffenhandhabung unabdingbare Voraussetzung für einen sicheren und unfallfreien Umgang mit der Waffe.

Eine ausreichende Grundfertigkeit im Umgang mit der Flinte muß schon vor der Abgabe des ersten scharfen Schusses bestehen. Das betrifft vor allem das Laden und Entladen, sowie alle Handgriffe, die erforderlich sind, um die unterschiedlichen Grade der Schußbereitschaft an der Waffe zu erstellen oder zu verändern. Andere Tätigkeiten, wie das Beseitigen von Störungen oder das kontinuierliche Nachladen während des Feuergefechtes, können später im Rahmen der eigentlichen Schießausbildung erlernt werden. Beginnen sollte man auf jeden Fall mit dem systematischen Üben der elementaren Handgriffe.

Von den verschiedenen Lade-Methoden, die gelehrt und beschrieben werden, hat sich die folgende am besten bewährt: Die Flinte wird dabei zum Laden mit der rechten Hand am Kolbenhals gehalten, und die Patronen werden mit der linken Hand ins Magazinrohr geschoben. Diese Methode hat u. a. den Vorteil, daß sich die Flinte auf diese Weise unter den unterschiedlichsten Bedingungen am besten handhaben und kontrollieren läßt. Das wird vor allem deutlich, wenn man die Waffe im Liegen, hinter Deckungen oder unter räumlich eingeschränkten Verhältnissen nachladen muß, also etwa immer dann, wenn man Ladetätigkeiten im laufenden Feuergefecht auszuführen hat, wo man sich Platz und Körperhaltung kaum aussuchen kann, und die Zeiträume nutzen muß, die einem der Gegner läßt.

Praxisgerechtes Nachladen

In diesen Situationen wäre die ebenfalls oft beschriebene Methode – die Flinte mit der linken Hand am Vorderschaft zu halten und mit der rechten die Patronen zuzuführen – erheblich umständlicher. Die Tatsache, daß man mit der rechten Hand vielleicht etwas geschickter ist, wenn man die Patronen durch den engen Ladeschacht und gegen den Widerstand der Sperrklinken ins Magazinrohr schiebt, ist in diesem Fall nicht relevant. Wichtiger ist, eine Technik zu beherrschen, die im kampfmäßigen Schießen an alle denkbaren Situationen angepaßt werden kann.

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Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Winchester „Defender“, eine typische Vorderschaftrepetierflinte zur Selbstverteidigung.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 8-9/1994 (Titelbild von mir – Lucifex – eingefügt, restliche Bilder aus dem IWM-Artikel).

Will man sich eine Flinte zu Verteidigungszwecken zulegen, ist man schnell mit einer solchen Vielfalt an angebotenen Modellen konfrontiert, daß die Wahl zur Qual wird. Ähnlich wie bei anderen Waffen, ist es auch hier schwierig festzulegen, was grundsätzlich und für alle Fälle das ideale und allein seligmachende Modell ist, denn fast jedes weist eine andere Kombination von Eigenschaften auf, welche sich unter verschiedenen Einsatzbedingungen mal als Vor- und mal als Nachteil erweisen können. Nur eines ist mehr oder weniger sicher – eine Verteidigungsflinte sollte zumindest eine Repetierflinte sein.

Auch bei der Wahl einer Verteidigungsflinte sollte man bedenken, daß es ideale Verteidigungswaffen kaum gibt. Manche vermeintlich nachteilige Eigenschaften lassen sich jedoch durch ein Mehr an Ausbildung kompensieren, andere Nachteile sind durch geeignetes Zubehör zu beheben und andere Eigenschaften äußern sich nur unter ganz bestimmten Randbedingungen als ausgeprägte Vor- oder Nachteile. Die Wahl einer Verteidigungswaffe ist immer ein individueller Entscheidungsprozeß. In einem Beitrag, in dem es darum geht, Auswahlkriterien für eine Repetierflinte zu Verteidigungszwecken darzustellen, kann es also nicht Ziel sein, „die Flinte des Jahres“ zu wählen, sondern eher, die entscheidenden Waffeneigenschaften deutlich zu machen und zu bewerten. Dabei ist es auch wichtig, herauszustellen, welche Eigenschaften einer Flinte im Ernstfall entscheidend sind und welche weniger ins Gewicht fallen.

Ein Merkmal, das bei Repetierflinten der meisten großen Hersteller relativ variabel ist, ist die Lauflänge. Vor allem Mossberg und Remington bieten ein breites Sortiment an Läufen für ihre Flinten an, wobei für Verteidigungsflinten vor allem die kurzläufigen, kompakten Varianten – meist 46 cm bis 51 cm – in Frage kommen.

Flinten mit langen Läufen zu unhandlich

70 cm- bis 76 cm-Läufe bringen durch ihre längere Visierlinie nur bei bestimmten Einsatzzwecken, z. B. der Jagd auf hochfliegendes Flugwild, Vorteile, nicht jedoch in Verteidigungssituationen.

Waffen mit einer Gesamtlänge von über 1,2 m sind in den meisten realistischen Verteidigungslagen einfach zu sperrig. Bei der Annäherung an Ecken oder beim Anschlag hinter Deckungen und unter räumlich engen Verhältnissen macht sich jeder Zentimeter überflüssiger Lauflänge unangenehm bemerkbar. Und ballistisch bringen ein paar Zentimeter Lauflänge mehr oder weniger auch keine gravierenden Unterschiede.

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Die Wirksamkeit von Polizei- und Verteidigungsflinten

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus Heft 11-1990 des „Schweizer Waffenmagazins“.

Die meisten ballistischen Veröffentlichungen beziehen sich auf den Büchsen- und Faustfeuerwaffenschuß; sofern der Flintenschuß behandelt wird, steht fast immer der jagdliche Einsatz im Vordergrund und nicht die Verwendung von Schrot, Posten und Flintenlaufgeschossen für Polizei- und Militäraufgaben sowie Verteidigungszwecke.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Im kampfmäßigen Schießen mit Schrotgewehren sind vor allem zwei Typen im Gebrauch, Halbautomaten und Vorderschaftrepetierer. Obwohl auch die halbautomatiche Flinte ihre Vorteile wie z. B. schnellere Schußfolge und geringeren Rückstoß hat, ist dennoch die Vorderschaftrepetierflinte, Pump Gun oder Riot Gun (Riot = engl. Aufruhr) die am weitesten verbreitete Schrotflinte im Polizeieinsatz und in der Selbstverteidigung. Speziell bei der amerikanischen Polizei gehört diese Waffe zur obligatorischen Ausrüstung jedes Streifenwagens.

Für die manuelle Repetierversion spricht neben dem günstigen Preis die robuste, störunanfällige Konstruktion, die fast narrensichere Handhabung und die Möglichkeit, unterschiedliche Munition ohne Rücksicht auf den Gasdruck und den Mündungsimpuls verschießen zu können.

Um die ballistischen Daten dieser Waffen in Bezug auf bestimmte Einsatzbereiche beurteilen zu können, muß man sich einige grundsätzliche Gedanken zum Schrotschuß machen.

Da bei der Schrotladung nicht jedes Einzelgeschoß durch einen Lauf geführt wird, streben die Schrotkörner nach Verlassen der Mündung mehr oder weniger auseinander. Dieses Auseinanderdriften der Schrote wird weniger von der Lauflänge, als von der Mündungsbeschaffenheit beeinflußt. Jagdwaffen haben Mündungsverengungen, die als Chokes oder Würgebohrungen bezeichnet werden, um die Schrotgarbe enger beieinander zu halten, um somit größere Einsatzreichweiten zu erzielen. Solche Waffen zeigen als typisches Schußbild einen engen zentralen Garbenkern mit hoher Deckung.

Größere Flächendeckung durch Zylinderbohrung

Riot Guns haben eine zylindrische Mündung ohne Laufverengung (Zylinderbohrung), was bereits auf kürzere Entfernung zur Abdeckung einer größeren Fläche mit einer Schrotverteilung ohne ausgeprägte Kerngarbe führt.

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Worauf es bei der Schießausbildung von Privatpersonen hauptsächlich ankommt

Von Marcel Geering, aus Heft 12-1990 des „Internationalen Waffenmagzins“.

Es ist erstaunlich, was unter dem Begriff „Verteidigungsschießen für Privatpersonen“ manchmal alles angeboten wird. Wir möchten hier festhalten, was für einen Verteidigungsschießkurs wirklich wesentlich ist.

Die Grundausbildung sollte mindestens folgende Elemente enthalten:

  • Kenntnis der eigenen Waffe inklusive der vorhandenen Sicherungssysteme (automatische und mechanische);
    ● richtige Pflege und Aufbewahrung der Waffe;
    ● Kenntnisse über die zu verwendende Munition;
    ● richtige Handhabung der Waffe inklusive Nachladen und Behebung von Störungen;
    ● zweihändiges Schießen aus verschiedenen Stellungen und Distanzen bis ca. 15 Meter.

Neben diesen mehr technischen Elementen gehört unbedingt eine Einführung in die am Wohnort des Waffenbesitzers geltenden Vorschriften, sowohl bezüglich Waffenbesitz/Waffentragen als auch bezüglich des geltenden Notwehrrechtes. Gerade im letzten Punkt ist nach meiner Erfahrung das Wissen von Waffenbesitzern oft sehr dürftig. Vielfach werden Ansichten vertreten, die am Stammtisch oder in der Boulevardpresse aufgeschnappt wurden. Schlimm ist vor allem, daß solche „Informationen“ kritiklos von weiteren Personen übernommen werden.

Wir können im IWM zu dieser Problematik aus naheliegenden Gründen keine generellen Aussagen machen. Unsere Zeitschrift wird in mehreren Ländern gelesen, und die entsprechenden Vorschriften und gerichtlichen Auslegungen unterscheiden sich von Land zu Land ganz beträchtlich. Wir empfehlen allen Personen, die ihre Waffe zur Selbstverteidigung einsetzen wollen, sich z. B. bei einem Rechtsberater mit Spezialkenntnissen auf diesem Gebiet über die gültigen Vorschriften zu erkundigen. Die genaue Kenntnis der einschlägigen Vorschriften ist mindestens so wichtig wie eine gute Schießausbildung.

Zweihändig schießen

Die Schießausbildung hat in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht. Während früher praktisch nur der einhändige Präzisionsschuß mit Faustfeuerwaffen bekannt war, setzte sich die Erkenntnis durch, daß Präzisionsschießen allein eine denkbar schlechte Vorbereitung für den Einsatz von Faustfeuerwaffen im Ernstfall ist. Deshalb wird heute bei Polizei und Militär (auch) zweihändig geschossen.

Hier stoßen wir allerdings bereits auf das erste Ausbildungsproblem, das jeder Schütze für sich entscheiden muß. Für eine minimale Schießausbildung zur Selbstverteidigung ist einhändiges Präzisionsschießen nicht erforderlich. Hingegen ist es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so gut wie unmöglich, ein guter Schütze auf Distanzen über ca. 15 Meter zu werden, wenn man nie einhändiges Präzisionsschießen gelernt hat. Das für präzises Schießen nötige „Gefühl“ für den Abzug kann man sich praktisch nur beim einhändigen Präzisionsschießen aneignen.

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Test: Ruger-Kleinkaliber-Repetierer 77/22

Der Autor mit dem Ruger 77/22 im Anschlag.

Von Anton Steiner, aus Heft 2-1985 des „Schweizer Waffenmagazins“. (Wie aus dem englischen Wikipedia-Artikel Ruger Model 77 rotary magazine hervorgeht, wird dieses 1983 erstmals vorgestellte Gewehr immer noch erzeugt, und zwar in den Kalibern .22 long rifle, .22 Winchester Magnum Rimfire und .22 Hornet.)

Die amerikanische Firma Sturm, Ruger & Company hat schon oft ein gutes Gespür für die Bedürfnisse des Marktes bewiesen. Sie beweist es auch jetzt mit der Lancierung des neuen zehnschüssigen Kleinkaliber-Repetierers Modell 77/22.

Wer den Ruger-Repetierer Model 77/22 erstmals zu Gesicht bekommt, erkennt wahrscheinlich nicht auf Anhieb, dass es sich hier um ein Kleinkaliber-Gewehr handelt. Die Ähnlichkeit mit dem Jagdrepetierer Modell 77 ist frappant.

Der Ruger-Kleinkaliber-Repetierer 77/22 ähnelt äußerlich dem Jagdrepetierer Modell 77.

Die Schäftung, deren Linienführung, die Anordnung der Fischhaut an Vorderschaft und Pistolengriff sind sozusagen identisch ausgeführt. Selbst die Riemenbügelbolzen fehlen nicht. Anstatt der braun-roten Gummikolbenkappe des Modells 77 hat die 77/22 dagegen eine schwarze Kunststoffkolbenplatte, und das Pistolengriffkäppchen besteht aus dem selben Material.

Üblicherweise sind Kleinkaliber-Büchsen mit einer Schwalbenschwanzführung versehen, wenn überhaupt eine Zielfernrohrmontage vorgesehen ist. Nicht so bei der Ruger 77/22. Sie weist die originale Montagevorrichtung des 77-Systems auf, und zwar erweitert und dadurch verbessert. Auf der hinteren Gehäusebrücke sind nämlich zwei Montageausfräsungen vorhanden. Der Spielraum bei der Positionierung des Zielfernrohrs wird dadurch erheblich erweitert. Mit den Ruger-Montageringen können somit Büchsen-Zielfernrohre von 1 Zoll Rohrdurchmesser montiert werden.

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Lagerfeuer richtig: Die zündende Idee

Aus GEO August 2015: „Kuriose Forschung – Die zündende Idee“

Adrian Bejan, Materialforscher an der Duke University in Durham, North Carolina, hat den perfekten Bauplan für ein Lagerfeuer berechnet.

GEO: Prof. Bejan, wie sieht Ihrem Modell zufolge das ideale Feuer aus?

So, wie Sie ein Grill- oder Kaminfeuer wahrscheinlich ohnehin aufbauen: Es brennt dann am besten, wenn der Stapel aus Holz oder Kohle ungefähr so hoch reicht, wie sein Durchmesser am Boden weit ist. Ein solches Feuer erreicht die höchste Temperatur für eine gegebene Menge Brennstoff.

Warum ist das so?

Ein Feuer ist ein poröses Medium voller heißer Gase. Sie steigen im Inneren des Holz- oder Kohlestapels nach oben und hinterlassen dabei ein partielles Vakuum. Dieses saugt neue Luft von den Seiten des Feuers an und hält es in Gang. Je höher der Stapel, desto besser entweichen die heißen Gase nach oben. Ein zu flacher, pfannkuchenartiger Aufbau erzeugt zu wenig Unterdruck, um die optimale Menge Luft anzusaugen. Eine zu hohe, säulenartige Konstruktion wiederum erzeugt so viel Unterdruck, dass die angesaugte Luft das Brennmaterial auskühlt. Das ideale Verhältnis beträgt ungefähr eins zu eins.

Und das hat noch niemand erforscht?

Es sind ja oft die einfachen Fragen, die schwer zu entdecken sind. Ich finde es aber keineswegs banal, dass Menschen seit Tausenden von Jahren gleichsam intuitiv ideale Feuer aufbauen. Ich sehe hier ein Naturgesetz am Werk, das ich „Konstruktionsgesetz“ genannt habe: Demnach formt die Natur, ob belebt oder nicht, mit der Zeit immer solche Systeme aus, die einen idealen Durchfluss von Strömungen erlauben – in diesem Fall Luftströmungen. Und gute Feuer zu bauen hat es wiederum dem Menschen erleichtert, sich über den Planeten zu verbreiten.

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

Hannus Bootswerft – Holz als Bootsbaumaterial (2): Die „richtige” Konstruktion eines hölzernen Bootes

Nachgebautes Wikinger-Langschiff „Havhingsten fra Glendalough“ („Seehengst von Glendalough“) im Museumshafen von Roskilde, Dänemark. (Bild vom Übersetzer aufgenommen und eingefügt)

Von Hannu Vartiala, übersetzt von Cernunnos. Das Original The „correct“ construction of a wooden boat erschien am 18. Oktober 2005 auf Hannu’s Boatyard.

Die Konstruktion eines typischen Holzbootes ist nicht so „falsch“ daß sie bei ordentlicher Oberflächenbehandlung und Pflege nicht Jahrzehnte hält. Aber es könnte fruchtbar sein, über Möglichkeiten nachzudenken, wie man es besser machen könnte. Es sollte möglich sein, ein Boot zu bauen, das Feuchtigkeitsveränderungen tolerieren und ohne irgendwelche Oberflächenbehandlung unbeschädigt bleiben würde.

Oder vielleicht ist das nur unbegründeter Optimismus 

Holzboote werden auf zwei prinzipiell verschiedene Arten gebaut, Kraweel und Klinker. Die Leute neigen dazu, die Unterschiede nur in den Arbeitsweisen zu sehen, oder im Erscheinungsbild. Aber der Unterschied reicht tiefer.

Kraweel- und Klinkerbau sind zwei verschiedene Ansätze zum Bau eines Bootes, das das Quellen und Schwinden des Holzes toleriert, ohne kaputtzugehen oder Lecks zu entwickeln.

Beide Typen können so gebaut werden, daß sie von Feuchtigkeit verursachte Dimensionsänderungen tolerieren. Aber der Bootsbauer muß den prinzipiellen Unterschieden der beiden verschiedenen Techniken gerecht werden:

  • Bei einem Kraweelboot führt jede Planke ihr eigenes Leben. Es gibt eine Fuge zwischen den Planken. Die Breite der Fuge ändert sich mit der Breite der Planken, wegen Feuchtigkeitsänderungen. Es muß irgendeine flexible Abdichtung der Plankenstöße geben. Die Abdichtung muß so flexibel sein, daß sie den Spalt in seinem schmalsten und breitesten Zustand füllt.
  • Bei einem Klinkerboot bildet die gesamte Rumpfhaut ein einziges Stück, es gibt keine Spalten zwischen Planken, wie sehr die Außenhaut auch quillt oder schwindet. Die anderen Strukturen (Spanten, Steven…) müssen sich in solcher Weise biegen, daß die Rumpfhaut frei aufquellen und schrumpfen kann.

Ein Kraweelboot

Die Plankengänge und die Spalten zwischen ihnen müssen so dimensioniert werden, daß die Planken, wenn sie am stärksten aufgequollen sind, nicht gegeneinander pressen (einander quetschen), sondern die flexible Abdichtung zwischen ihnen auf ihr dünnstes Maß zusammengepreßt wird.

Jeder Plankengang kann an jedem Spant und Steven mit nur einem Befestigungselement befestigt werden. Die Planken sollten radial gesägt sein, um das Quellen und Aufwölben zu minimieren.

Wenn die Planken am schmalsten sind, wenn sie trocken sind, muß die flexible Abdichtung sich immer noch ausdehnen, um den Spalt zwischen den Planken zu füllen. Planken sollen schmal sein, um mit nur einem Befestigungselement pro Spant auszukommen, und um die Spaltveränderungen innerhalb der Elastizitätsgrenzen der Abdichtung zu halten.

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Hannus Bootswerft – Holz als Bootsbaumaterial (1): Grundlagen

Von Hannu Vartiala, übersetzt von Cernunnos. Das Original: „Wood as Boatbuilding Material“, bestehend aus mehreren Unterkapiteln, erschien am 18. Oktober 2005 auf Hannu’s Boatyard.

Vorwort (Preface)

Die Einstellung gegenüber Holzbooten ist oft eine fast abergläubische. Als ob das Verhalten und der Gebrauch von Holzbooten eine Art Magie wäre, die nur von den Auserwählten ausgeübt werden kann.

So ist es nicht! Ein hölzernes Boot beruht auf Biologie, Chemie und Physik, genauso wie alles andere in der Natur.

Selbst die Schönheit eines hölzernen Bootes ist kaum magisch. Menschliche Wesen sind daran gewöhnt, von der Natur geschaffene Kurven als „schön“ zu sehen. Holz biegt sich auf natürliche Weise. Kurven eines Holzbootes kommen hauptsächlich von der Art, wie Holz sich natürlich biegt, deshalb sind jene Kurven schön.

Andere Arten von Booten erhalten ihre Form von Linien, die von Konstrukteuren gezeichnet wurden. Es ist ziemlich leicht, hässliche Linien zu zeichnen.

Natürlich kann es Hässlichkeit auch bei einem hölzernen Boot geben, aber für gewöhnlich ist es die schreckliche, unproportionierte Kabine, nicht der Rumpf selbst.

Das Verständnis von ein paar grundlegenden Tatsachen zu erfassen, eröffnet das Verständnis von Holzbooten. Bevor diese Fakten klar sind, ist es nicht wert, mit dem Bau eines einzigen hölzernen Bootes zu beginnen.

Schauen wir also…

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Hannus Bootswerft: Holz biegen im Schlafzimmer

Von Hannu Vartiala, übersetzt von Cernunnos. Das Original Woodbending in the bedroom (ein Unterkapitel von Materials, Methods and Accessories) erschien am 18. März 2004 auf seiner Webseite Hannu’s Boatyard.

Ab und zu wäre es schön, Holz biegen zu können. Jemand, der kleine Boote im Wohnzimmer baut, braucht für gewöhnlich weder Spanten noch Vorsteven zu biegen. Aber selbst kleine Boote können Dollborde haben, die so gekrümmt sind, daß es zweifelhaft ist, ob eine Latte 2,5 x 2,5 cm die Krümmung akzeptieren wird, ohne irgendeine Art von Beschädigung aufzuweisen.

Die beiden gebräuchlichen Methoden zum Biegen von Holz sind:

–          Biegen unter Dampf

–          Laminieren.

Biegen unter Dampf macht es möglich, „einen Knoten ins Holz zu machen“, sodaß es die ultimative Antwort ist. Aber ich möchte es nicht in meinem Wohnzimmer machen. Wie sorgfältig ich auch wäre, so gäbe es immer die Möglichkeit von tropfendem Wasser und Dampflecks. Auch ist die Ausrüstung fürs Dampfbiegen nicht wirklich für mein Wohnzimmer geschaffen.

Schichtholzverleimen (Laminieren) wäre fein, aber es ist zu schwierig. Der Holzplatz liefert keine dünnen Streifen, sodaß sie zuerst mit einer Kreissäge gesägt werden müßten. Dann in eine Bauvorrichtung geklebt, was wahrscheinlich ein schmutziger Prozeß ist. Dann sauber und eben gehobelt.

Aber es gibt eine einfache dritte Lösung! Das exzellente „Wood Handbook“ des Forest Products Laboratory sagt in Kapitel 19 (in viel mehr Worten):

– Holz wird um 170 ° Celsius plastisch.

– Oberhalb dieser Temperatur kann Holz geformt werden, und die neue Form bleibt nach dem Abkühlen erhalten.

– Plastisches Holz kann um bis zu 25 – 30 % komprimiert, aber nur um 1 -2 % gedehnt werden. (Deshalb ist das Aufheizen der Innenseite der Kurve am wichtigsten.)

– Das Anfeuchten von Holz senkt die Plastifizierungstemperatur unter den Siedepunkt von Wasser. (Deshalb funktioniert das Biegen unter Dampf.)

Holz kann also ohne Dampf gebogen werden, bei einer höheren Temperatur (das „Wood Handbook“ warnt vor einer Gefahr von „Faserzersetzung“, das heißt, vor einem Verbrennen des Holzes).

Eigentlich ist das nichts Neues im Bootsbau. Venezianische Gondelbauer haben offenes Feuer für das Holzbiegen verwendet, genauso traditionelle japanische Bootsbauer. Und überall in Skandinavien sind Einbäume aus Espenholz durch Anwendung von Feuer an der Außenseite und Wasser im Inneren in die Breite gespreizt worden.

Die Methode kann so sauber und einfach sein, daß ihr sie in eurem Schlafzimmer anwenden könnt.

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