Tritium-Visiere: Selbstschutz & Strahlenschutz

Von Stefan Perey und Jens Tigges, aus „caliber“ 2-2004. (Link im Text von mir eingefügt.)

Wegweiser in der Dunkelheit: Unzählige Straftaten ereignen sich bei schlechten Lichtverhältnissen. Hier sind die Taschenlampe und die Tritium-Visierung auf der Kurzwaffe die geeigneten Lösungsmittel, um solch eine Situation zu meistern.

In der Nacht sind selbstleuchtende Kurzwaffen-Visierungen mit Tritium-Einlagen gerade für den Dienst- und Selbstschutzbereich eine feine Sache und vor allem in den USA weit verbreitet. Hierzulande hemmen immer noch ungeklärte Abstimmungs- und Auslegungsprobleme zwischen dem Bundesamt für Strahlenschutz und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt über den Import und Handel mit Tritiumvisieren deren Verbreitung. caliber hat sich die neuesten Tritium-Visiere der amerikanischen Firma Xpress Sights Systems einmal näher angesehen.

Uhren mit selbstleuchtenden Ziffern waren die Vorreiter dieser seit über 10 Jahren in Visieren eingesetzten Technologie. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war die schweizerische Uhrenindustrie auf die Idee gekommen, durch Beigabe von radioaktiven Substanzen einen selbstleuchtenden Farbstoff herzustellen. Früher wurde Radium 226 als anregende Substanz verwendet. Nach dem Nachweis der Gefährdung durch Radium im Jahre 1955 wurden von den meisten Uhrenherstellern andere künstlich erzeugte Radionuklide als Aktivatoren für die Leuchtfarben eingesetzt. Von allen verwendbaren Radionukliden ist das Wasserstoff-Isotop Tritium (H3) laut einer aufwendigen Studie der Schweizer Uhrenhersteller (Fédération suisse des associations de fabricants d’horologerie, kurz F.H.) das Radionuklid mit der niedrigsten Radiotoxizität. Tritium ist ein reiner Beta-Strahler mit einer maximalen Energie von 18 keV (Kiloelektronvolt). Tritium-Leuchtfarben sind in allen Ländern zugelassen, und das Durchdringungsvermögen der Strahlung ist so gering, daß die Oberfläche einer Uhr als strahlungsfrei bezeichnet werden kann. Während bei Leuchtfarben für Uhren tritiumhaltiges Material in sehr dünner Schicht auf Zinksulfidkristalle aufgebracht wird, damit diese durch die Betastrahlung des Tritiums zum Leuchten gebracht werden, kommen in selbstleuchtenden Visierungen kleine tritiumgasgefüllte Glasbehälter (tritium vials) zum Einsatz, deren innere Phosphorbeschichtung durch das Tritium zum Leuchten angeregt wird.

Uhren leuchten den Weg

Die gleiche Technologie wird wegen ihrer noch geringeren Strahlung auch bei den H3-Militäruhren eingesetzt. Uneinheitliche Aussagen gibt es indes über den Handel mit tritiumhaltigen Visieren in Deutschland. Während Uhren (Sonderzeitmesser) mit einer Strahlung von bis zu 25 Millicuries (mCi) gehandelt werden dürfen, muß für den Handel mit tritiumhaltigen Visieren nach Aussage des Bundesamtes für Strahlenschutz eine Freigabe durch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) erteilt werden, obwohl die höchstzulässigen Strahlungswerte von den Visieren mit maximal 18 Millicuries nicht überschritten werden. (1 Curie ist definiert als die Aktivität von 1 g Radium-226, entsprechend etwa 37 Mrd- Becquerel.) Diese Zulassungs-Probleme betreffen aber hauptsächlich die Importeure und Großhändler, sowie die Behörden, die momentan sogar einen Strahlenschutzbeauftragten und einen speziellen Lagerraum für Waffen mit Tritiumvisieren benötigen.

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Verteidigungsschießen: Konfrontationen mit mehreren Gegnern

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin 6-7 1998“.

Feuergefechte mit mehreren Gegnern sind gefährlich und oft unkalkulierbar. Zur Erhöhung der eigenen Überlebenschance existiert jedoch eine ganze Reihe von Verhaltensregeln, die sich auf die Führung des Feuerkampfes und das taktische Gesamtverhalten in derartigen Situationen bezieht. Sie betreffen die Priorität bei der Auswahl der Ziele ebenso wie das Ergreifen der Initiative oder die Wahl von Deckungen.

Konfrontationen mit mehreren Gegnern sind in zivilisierten Ländern zwar nicht unbedingt die Standardsituation einer bewaffneten Auseinandersetzung, sie sind, wie die Auswertung realer Konfrontationsverläufe aber zeigt, auch nicht so selten, daß sie nicht Gegenstand grundsätzlicher taktischer Überlegungen sein sollten. Folglich wurde für solche Situationen auch eine Reihe von Verhaltensregeln bezüglich des taktischen Verhaltens und der Führung des Feuerkampfes entwickelt, welche die eigenen Überlebenschancen und Erfolgsaussichten erhöhen sollen.

Die erste Regel, die dazu ziemlich übereinstimmend vertreten wird, besteht darin, daß Konfrontationen mit mehreren Gegnern ein erhebliches und oft unkalkulierbares Gefährdungspotential beinhalten, und man sie daher – wenn immer möglich – vermeiden, bzw. die Flucht als primäre Alternative des Handelns wählen sollte. Dies gilt umso mehr, wenn man allein oder zu zweit mit einer zahlenmäßigen Übermacht an Gegnern konfrontiert ist.

Eine solche Behauptung erscheint auf den ersten Blick zwar als ziemlich triviale Binsenweisheit, hat aber durchaus ihre Berechtigung. Seriös dokumentierte Verläufe von realen Konfrontationen zeigen, daß einzelne Polizisten oder Privatleute immer wieder gegen diese Regel verstoßen und z. B. versucht haben, mehrere bewaffnete Kriminelle zu stellen. In einem Fall versuchte ein Passant sogar mit einer Tränengaswaffe zwei Bankräuber aufzuhalten, von denen einer offensichtlich mit einer Maschinenpistole bewaffnet war. Da für einen Privatmann in der beschriebenen Situation weder eine Pflicht noch eine Notwendigkeit bestanden hätte, die beiden fliehenden Bankräuber aufzuhalten oder zu stellen, wird recht deutlich, daß die oben zitierte Regel durchaus nicht so trivial ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint.

Wenn Flucht oder Passivität nicht möglich sind

Könnte man sich allerdings jeder Konfrontation mit mehreren Gegnern immer durch Flucht oder Passivität entziehen, wäre das Thema recht einfach zu behandeln, und alle weiteren Regeln für das taktische und schießtechnische Verhalten in solchen Lagen wären überflüssig. Da es – wie die Realität zeigt – aber durchaus Situationen gibt, in denen eine Flucht nicht möglich ist oder in denen die Flucht die geringere Überlebenswahrscheinlichkeit verspricht, lohnt es sich zumindest, einige dieser Regeln für eine Konfrontation mit einem Gegner in Überzahl etwas genauer zu betrachten.

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Waffenhaltung und Abzugstechnik beim gebrauchsmäßigen Schießen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, ursprünglich erschienen in „Internationales Waffen-Magazin“ 5-1998.

Für das Halten der Waffe und die Abzugstechnik gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Ernstfallorientierte Techniken sind einfach und berücksichtigen den natürlichen Bewegungsablauf und die menschliche Anatomie.

Waffenhaltung, Abzugsvorgang und Verhalten nach der Schußabgabe sind wesentliche Elemente der Schießtechnik. Wie diese einzelnen technischen Elemente allerdings korrekt ausgeführt werden, und welche Überlegungen dabei im Vordergrund stehen, hängt wesentlich davon ab, zu welchem Zweck man eine Waffe benutzt und welche Rahmenbedingungen den Waffengebrauch beeinflussen. Nicht alles, was sich im Sportschießen bewährt hat, kann auch kritiklos und unverändert ins gebrauchsmäßige Schießen übernommen werden.

Vor allem in älteren Anleitungen zum gebrauchsmäßigen Waffeneinsatz findet dies wenig Berücksichtigung. Die Atemtechnik, die hier über einen Zeitraum von mehreren Sekunden beschrieben wird, oder die Betonung der Schußabgabe vom Druckpunkt aus, sind hierfür Beispiele.

Das gebrauchsmäßige Schießen unterliegt aber anderen Kriterien als die Schußabgabe zu rein sportlichen Zwecken. Im gebrauchsmäßigen Schießen wirken andere Rahmenbedingungen auf den Schützen ein, und es stellen sich andere Anforderungen an die Schießtechnik. Dies wird vor allem deutlich, wenn man die Zielsetzung und die Rahmenbedingungen eines ernstfallorientierten Schußwaffengebrauchs einmal zusammenfaßt.

Dabei fällt zuerst auf, daß der extrem präzise Schuß über weite Entfernungen ohne jegliche Zeitbegrenzung im gebrauchsmäßigen Schießen mit der Kurzwaffe praktisch nicht vorkommt. Diese Art des langsamen, präzisen Schießens ist aber die Basis eines großen Teils aller sportlichen Schießdisziplinen. Da bewaffnete Konfrontationen praktisch immer unter Zeitdruck ablaufen und in der Regel die Bekämpfung relativ großer Ziele auf kurze Entfernungen erfordern, liegt es auf der Hand, daß dazu eine andere Schießtechnik erforderlich ist als als zum präzisen Schuß auf weite Entfernungen. Hinzu kommt, daß im gebrauchsmäßigen Schießen eine Reihe von weiteren Einflußfaktoren zu berücksichtigen ist, die in dieser Form beim sportlichen Schießen keine Rolle spielen. Kampfstreß, extrem ungünstige Lichtverhältnisse oder das Schießen aus schnellen Drehungen sind Beispiele dafür.

Jede Technik, die im gebrauchsmäßigen Schießen Verwendung finden soll, muß an diesen Anforderungen gemessen werden. Dabei ist es wichtig, daß nicht ein einzelner Aspekt aus dieser Summe von Anforderungen in den Vordergrund gestellt wird, sondern daß eine zweckmäßige Technik im Verteidigungsschießen allen Aspekten zumindest hinlänglich gerecht wird. Die beste Technik nützt nichts, wenn sie sich nicht zur schnellen Abgabe mehrerer Schüsse hintereinander eignet oder nicht streßstabil ist.

Diese Überlegungen gelten natürlich für alle Bereiche der Schießtechnik, also auch für den Anschlag oder die Körperhaltung insgesamt. Hier soll aber nur das Halten der Waffe und die Abzugstechnik näher betrachtet werden.

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Combatschießen im Winter

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, ursprünglich erschienen in „Internationales Waffen-Magazin“ 3-1998.

Eine bewaffnete Auseinandersetzung im Winter unterscheidet sich nur in wenigen Dingen von ähnlichen Situationen bei mildem Wetter. Diese wenigen Dinge, wie dickere Kleidung, das Tragen von Handschuhen oder die eingeschränkte Motorik mit kalten Fingern können aber einen immensen Einfluß auf den Verlauf und den Ausgang eines Feuergefechtes haben.

Für das gebrauchsmäßige Schießen relevante Meßwerte, wie Ziehzeiten oder Trefferergebnisse, werden normalerweise unter optimalen oder zumindest genormten Umweltbedingungen ermittelt. Dies ist im allgemeinen auch sinnvoll, da die Werte so leichter reproduzierbar sind, bei Veröffentlichungen eine Angabe von vielen Randbedingungen überflüssig ist und man unter immer gleichen Bedingungen den eigenen Trainingsfortschritt besser erkennen kann. Außerdem ist es nur unter gleichen und reproduzierbaren Bedingungen möglich, den Einfluß einzelner Parameter, wie einer bestimmten Holsterform oder Schießtechnik, getrennt zu betrachten und in ihrem Einfluß auf das Gesamtergebnis zu bewerten.

Man darf dabei allerdings nicht aus den Augen verlieren, daß die so ermittelten Werte in der Regel das Maximum dessen darstellen, was man mit einer Waffe, einem Holster oder einer bestimmten Munitionssorte unter günstigsten Bedingungen erzielen kann. Im realen Feuergefecht sind die Randbedingungen für den Schußwaffeneinsatz meist erheblich ungünstiger, als quasi unter Laborbedingungen auf dem Schießstand. Hier reduziert der Einfluß von Streß die Psychomotorik, schlechte Lichtverhältnisse erschweren es, das Ziel zu erfassen und ungünstige räumliche Verhältnisse machen es oft unmöglich, den so intensiv geübten Anschlag korrekt einzunehmen.

Wer es nicht schon in der Ausbildung gelernt hat, sich auf solche Einflüsse einzustellen, und wem nicht bewußt ist, daß die Ergebnisse, die unter realen Bedingungen mit einer Waffe zu erzielen sind, meist deutlich schlechter ausfallen, als die Werte auf dem Schießstand, wird im Feuergefecht damit konfrontiert werden. Überraschungen solcher Art wirken sich aber auf den Ausgang eines Schußwechsels zweifach negativ aus. Zum einen ist man dann in seinen Vorbereitungen und seinem Verhalten auf den Umgang mit den ungünstigen Rahmenbedingungen nicht eingestellt, und zum anderen wirken alle negativen Überraschungen in Extremsituationen streßverstärkend, was zu Unsicherheit führt und letztlich bis zum lähmenden Schock reichen kann. Wer erst in einem Ernstfall feststellt, daß man bei Nacht kaum das Ziel erfassen kann oder daß eine Feuerwaffe auch einmal Störungen haben kann, wird meist keine Gelegenheit mehr haben, um aus dieser Erfahrung zu lernen.

Vorbereitung auf ungünstige Rahmenbedingungen

Ziel eines ernstfallorientierten Trainings im gebrauchsmäßigen Schießen muß es daher immer sein, schon in der Ausbildung mit möglichst vielen ungünstigen Rahmenbedingungen eines Feuergefechts vertraut zu werden und sich in seinem Verhalten darauf einzustellen. Von der Methodik kann man dabei zwischen zwei Arten von negativen Randbedingungen unterscheiden. Die einen, wie z. B. der Einfluß von Kampfstreß, treten mehr oder weniger stark ausgeprägt bei praktisch allen Arten von bewaffneten Konfrontationen auf, die anderen beziehen sich ausschließlich auf ganz besondere Situationen.

Ein typisches Beispiel aus der zweiten Gruppe ist das Schießen unter winterlichen Verhältnissen. Daran läßt sich im übrigen auch sehr gut verdeutlichen, wie wenig in der gängigen Ausbildung von Gebrauchswaffenträgern und in der allgemeinen Diskussion über Waffen und Schießtechnik auf derartige Sonderfälle eingegangen wird, obwohl solche scheinbaren Sonderfälle einen keinesfalls zu vernachlässigen Anteil an der Gesamtzahl aller bewaffneten Konfrontationen ausmachen. Daß in manchen Bereichen Mitteleuropas oder Nordamerikas mindestens ein Viertel des Jahres von winterlichen Verhältnissen geprägt ist, wird in kaum einem Schießkurs oder in kaum einer Publikation über das Verteidigungsschießen zur Kenntnis genommen. Betrachtet man die Bilder in den einschlägigen Veröffentlichungen, gewinnt man eher den Eindruck, alle denkbaren Feuergefechte müssen in Kalifornien, in der Sahara oder auf beheizten Schießständen stattfinden. Darstellungen von Schützen in dicker Winterkleidung oder mit Handschuhen sind ausgesprochen selten.

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Verteidigungsschießen: Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 6/7-1997.

Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen stellen eine besondere Herausforderung beim Einsatz der Gebrauchswaffe dar. Dem muß durch entsprechende Techniken Rechnung getragen werden. Die Möglichkeit, körperliche Angriffe abwehren zu können, die eigene Waffe dem gegnerischen Zugriff zu entziehen, der Umgang mit extrem kurzen Reaktionszeiten und die optimale Nutzung von Deckungen sind dafür entscheidend.

Schußwechsel auf extrem kurze Entfernungen gehören zu den gefährlichsten Situationen, die in einer bewaffneten Konfrontation auftreten können. Unter extrem kurzen Entfernungen versteht man Distanzen, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die Beteiligten sich entweder bereits berühren können oder es einem der Kontrahenten möglich ist, einen solchen Abstand durch einen einzigen Schritt herzustellen.

In solchen Situationen besteht vor allem die Gefahr, daß es zur unmittelbaren körperlichen Auseinandersetzung kommt, deren Ausgang kaum vorhersehbar ist. Haben die Kontrahenten erst einmal Körperkontakt hergestellt, kann es leicht passieren, daß sich aus einer ergriffenen und festgehaltenen Waffe ein Schuß löst, der in seiner Richtung schwer beeinflußt werden kann. Außerdem besteht immer die Gefahr, daß einem die eigene Waffe vom Gegner entrissen und man dann selbst mit ihr bedroht wird.

Andere Problembereiche dieses Konfrontationstyps liegen daran, daß die verbleibenden Reaktionszeiten extrem kurz werden und daß man auf Grund des geringen Abstands zum Gegner häufig keine Gelegenheit mehr hat, einen Standardanschlag mit der Waffe einzunehmen. In ernstzunehmenden Combatkursen wird daher die Grundregel, solche Situationen zu vermeiden, und die Vorgehensweisen, wie man das tut, zum taktischen Standardrepertoire gehören. Häufig ist eine solche Regel zwar anders formuliert, wie z. B. „Maximiere die Entfernung zum Gegner und minimiere deine sichtbare Treff-Fläche“, im Grunde sagt ein solcher Verhaltensgrundsatz nichts anderes als „vermeide Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen.“

Im IWM-Spezialheft „Verteidigungsschießen II“ haben wir diese Problematik an verschiedenen Stellen unter den taktischen Grundprinzipien behandelt. Die Wahl der Bewegungslinie bei der weiten Kurventechnik, eine zweckmäßige Deckungswahl vor der eigentlichen Konfrontation oder die Maßnahmen zur Verhinderung der Unterschreitung der kritischen Entfernung durch den Gegner sind Beispiele dafür.

Wenn man diese Regeln konsequent anwendet, wird man in vielen Fällen das Eintreten einer Situation, in der man sich plötzlich mit einem Gegner auf eine Entfernung von ein bis zwei Metern konfrontiert sieht, vermeiden können. Aber es gibt auch Situationen, in denen man es nicht vermeiden kann.

Dabei sollen hier die Situationen, in denen man von einem Angriff auf kurze Entfernung überrascht wird, nicht im Mittelpunkt stehen, da diese Problematik schon an anderer Stelle behandelt wurde. Selbst wenn man die Waffe bereits gezogen hat und sich in einer laufenden Konfrontation befindet, kann man es doch nicht immer vermeiden, daß zumindest die Gefahr besteht, daß man mit dem Gegner auf Tuchfühlung gerät. Vor allem beim Vorgehen innerhalb von Gebäuden oder unter anderen räumlich beengten Verhältnissen muß man sich oft Hindernissen, Ecken, Türen und anderen Objekten annähern, hinter denen sich ein Gegner verbergen und dann überraschend auftauchen kann. In solchen Situationen kommt es darauf an, Techniken und Taktiken anzuwenden, die das eigene Risiko möglichst gering halten.

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Gebrauchswaffen: Zuverlässigkeit als Hauptkriterium

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 3-1997.

Die Zuverlässigkeit ist eines der wichtigsten – wenn nicht das wichtigste – Kriterien bei der Beurteilung von Gebrauchswaffen. Was Störungen verursacht und wie sie zu vermeiden sind, ist für den Gebrauchswaffenträger genauso wichtig, wie Ziehzeiten und Trefferergebnisse.

Waffen kann man nach sehr unterschiedlichen Kriterien bewerten. Welche dieser Kriterien im Einzelfall relevant und dominierend sind, hängt in erster Linie vom Verwendungszweck ab. Jäger, Gebrauchswaffenträger und Sportschützen stellen eben durchaus verschiedene Forderungen an eine Waffe. Es macht daher oft wenig Sinn, von einer guten oder schlechten Pistole zu sprechen, ohne zu erklären, für welchen Verwendungszweck sie vorgesehen ist. Extrem wird dies, wenn man z. B. die Auswahlkriterien von Sammlern betrachtet. Dort spielen Eigenpräzision oder Ergonomie der Bedienungselemente logischerweise überhaupt keine Rolle. Den ernsthaften Sammler interessiert vielmehr, ob die einzelnen Teile nummerngleich sind, ob Originalzubehör existiert und wie groß die Auflage einer bestimmten Serie war. Hierbei handelt es sich allerdings um einen sehr speziellen Kreis von Waffenbesitzern, für den das Schießen und Treffen in der Regel nicht im Vordergrund steht.

Aber auch bei den Waffenbesitzern, die vor allem am Schießen und Treffen interessiert sind, kann die Bewertung einer bestimmten Waffe sehr unterschiedlich ausfallen. Wer an olympischen Wettbewerben im klassischen Pistolenschießen teilnehmen will, wird mit Sicherheit nur eine Waffe in die engere Wahl ziehen, die ihm ein hohes Maß an Präzision bietet. Zehn Millimeter mehr oder weniger Streuung können in diesem Bereich schon über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Bei einer Gebrauchswaffe sieht das ganz anders aus. Ob eine Pistole, die als Verteidigungswaffe vorgesehen ist, eine Eigenstreuung von 40 oder 70 mm auf 25 m Schußentfernung aufweist, ist kein maßgebliches Entscheidungskriterium. Bei einer wahrscheinlichen Kampfentfernung von weniger als 10 m oder sogar weniger als 5 m, wie sie in den meisten zivilen Verteidigungsszenarien zu erwarten ist, verringert sich nämlich die auf 25 m ermittelte Streuung auf Bruchteile dieses Wertes. Damit erreicht die Eigenpräzision eine Größenordnung, die nur einen Bruchteil vom Schützenfehler beträgt, der beim schnellen Schuß auf kurze Entfernungen zu erwarten ist. Da die einzelnen Streuungskomponenten aber nach den Regeln der Fehlerrechnung quadratisch in die Gesamtstreuung eingehen, wirkt sich immer der Teil, der deutlich kleiner als andere Streuungsanteile ist, nur noch sehr gering auf die Gesamtstreuung aus. Im Klartext bedeutet dies, daß ein Unterschied im Streukreis von 50 oder 70 mm, der auf eine Schußentfernung von 25 m ermittelt wurde, beim schnellen Schuß auf 5 m Entfernung praktisch keinen Einfluß auf die Qualität der Trefferlage mehr hat. Schon dieses einfache Beispiel zeigt, wie falsche Annahmen und Schwerpunktsetzungen zu irrationalen Entscheidungen bei der Auswahl einer Gebrauchswaffe führen können. Orientiert man sich in diesem Entscheidungsprozeß an den wirklichen Erfordernissen einer bewaffneten Auseinandersetzung, gewinnen ganz andere Kriterien an Bedeutung.

Eines dieser Kriterien ist die Zuverlässigkeit der Waffe. In der Praxis ist dieses Kriterium erheblich bedeutender als die reine Präzision oder andere favorisierte Leistungsmerkmale von Schußwaffen. Allerdings ist ein Merkmal wie die Zuverlässigkeit nicht so leicht interpretierbar wie Streukreise oder V0-Werte. Würde man aber eine Reihenfolge der wichtigsten Merkmale einer Gebrauchswaffe aufstellen, würde die Zuverlässigkeit mit Sicherheit den ersten Platz einnehmen. Dies ergibt sich bereits aus einfachen Überlegungen.

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Verteidigungsschießen: Mischladungen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 1-2 1997.

In manchen Fällen ist es zweckmäßig, ein Magazin oder eine Trommel nicht mit einer einzigen Munitionssorte zu bestücken, sondern mehrere unterschiedliche Patronensorten zu laden. Diese Mischladungen haben gegenüber einer homogenen Bestückung Vorteile und Nachteile. In welchen Fällen Mischladungen sinnvoll sind, hängt stark davon ab, wie weit man sich auf einen bestimmten Konfrontationstyp einstellen kann.

Eine ideale Patrone, die allen Anforderungen des Verteidigungsschießens gerecht wird, gibt es nicht. Dies würde im Übrigen auch der Quadratur des Kreises entsprechen, denn die Forderungen, die eine Laborierung für Verteidigungszwecke erfüllen muß, sind zu unterschiedlich und schließen sich zum Teil gegenseitig aus. Schließlich erwartet man von einer idealen Patrone, daß sie den Gegner schnell außer Gefecht setzt, bei Durch- oder Fehlschüssen das Hinterland wenig gefährdet, eine geringe Neigung zur Bildung von Abprallern hat, aber Deckungen mühelos durchschlägt. Übersetzt man diese taktischen Ansprüche in ballistische Anforderungen, so wird schnell deutlich, daß eine Geschoßkonzeption, die dies alles erfüllt, kaum existieren kann. Eine sichere und schnelle Ausschaltung des Gegners bedeutet, endballistisch gesehen, eine schnelle Energieabgabe nach dem Eindringen in das „weiche Ziel“. Dies steht aber im Widerspruch zur Forderung nach einer hohen Durchschlagsleistung gegenüber verschiedenartigen Deckungsmaterialien. Schnelle Energieabgabe heißt nämlich immer schnelle Abbremsung des Geschosses und damit geringe Durchschlagsleistung. Besonders deutlich wird dies, wenn man extreme Geschoßkonstruktionen betrachtet, die eindeutig auf eine der beiden Forderungen hin – Mannstoppwirkung oder Durchschlagsleistung – optimiert sind.

So erfüllen besonders zerlegefreudige Projektile wie Glaser Safety Slugs oder Explosivgeschosse, bzw. aufpilzende Geschosse wie Hollow Points, zwar die Forderung nach hoher Mannstoppwirkung und geringer Umfeldgefährdung, haben aber gegen Schutzwesten oder Autokarosserien nur ein sehr geringes Durchschlagsvermögen. Vollmantelgeschosse, vor allem, wenn sie mit verstärktem Mantel oder Hartkern versehen sind, besitzen zwar ein hohes Penetrationsvermögen gegen Deckungen und ballistische Schutzmaßnahmen, dafür geben sie beim Durchschlag durch den menschlichen Körper nur Teile ihrer kinetischen Energie ab, was zu einer geringeren Mannstoppwirkung und selbst bei Treffern zu einer Gefährdung des Umfeldes führt. Bei Fehlschüssen tritt diese Umfeldgefährdung durch penetrationsstarke Laborierungen noch stärker in den Vordergrund, da diese Projektile zum Teil selbst Innenmauern von Gebäuden oder Autokarosserien mit erheblicher Restenergie durchschlagen können.

Um diesem Dilemma auszuweichen, bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Eine besteht darin, Patronen zu verwenden, die einem Kompromiß zwischen den unterschiedlichen Wirkungsforderungen entsprechen. Teilmantelprojektile oder Vollmantelgeschosse mit Flachkopf stellen einen solchen Kompromiß dar. Man vermeidet damit zwar die extremen Nachteile, die sich unter ungünstigen Umständen aus der Verwendung hochspezialisierter Munition ergeben, aber man hat damit auch in keiner Situation die optimale Munitionssorte zur Verfügung. Kompromisse bedeuten eben immer eine Beschränkung auf das Mittelmaß.

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Instinktives Schießen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 11-1996.

„Instinktives Schießen“ ist auf dem Gebiet des kampfmäßigen Schießens zu einem festen Begriff geworden. Sowohl der Begriff selbst als auch die entsprechende Schießtechnik sind nicht unproblematisch. Die Vorteile dieser Schießtechnik sind oft zu vordergründig und halten einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Instinktives Schießen ist einer der Begriffe aus der Welt des kampfmäßigen Schießens, der nicht nur oft verklärt wurde, sondern zum Teil auch sehr mißverständlich gebraucht wird. Dies fängt schon mit der Wortschöpfung selbst an. Unterstellt doch der Begriff „instinktives Schießen“ bereits, daß der Mensch über so etwas wie einen Instinkt verfügt, der ihm sagt, wie und wann er die Schußwaffe gebrauchen sollte.

Denkt man darüber einmal nach und verwendet dabei den Begriff „Instinkt“ so, wie man ihn in der Biologie, der Verhaltensforschung oder der Psychologie benutzt, wird schnell klar, daß eine enge Anlehnung an die übliche Bedeutung des Instinktbegriffs nicht gemeint sein kann. Andernfalls müßte der Mensch wirklich über eine tief verwurzelte Anlage zum Schießen verfügen. Dies kann aber nicht sein, da Instinkte nicht erlernt werden können, sondern ererbte Verhaltensweisen sind, die oft unterbewußt angewendet werden und sich über einen langen Zeitraum im Rahmen der Evolution entwickelt haben. Dabei bedeutet ein langer Zeitraum natürlich keine Jahrzehnte oder Jahrhunderte, sondern Jahrtausende und mehr. Moderne Handfeuerwaffen existieren aber gerade einmal hundert Jahre, oder je nach Definition vielleicht einige Jahrzehnte länger. Auf jeden Fall erst seit so kurzer Zeit, daß eine evolutionäre Anpassung des Menschen an diese Entwicklung mit Sicherheit auszuschließen ist. Und selbst wenn man Luntenschloßgewehre und Pistolen mit Steinschloß mit einbezieht, bewegt man sich dennoch in Zeiträumen, die für eine Entwicklung von Instinkten bedeutungslos sind. Der Mensch hat einfach keine Instinkte, die für die Führung eines Feuerkampfes angelegt sind. Vielmehr ist der Instinktapparat des Menschen zu einer Zeit entstanden, als zum Überleben ganz andere Verhaltensweisen zweckmäßig waren als in heutigen Konfrontationen. Dies wird z. B. auch an den physiologischen Reaktionen des Menschen in Extremsituationen deutlich. Die Erhöhung der Körperkraft, bei gleichzeitiger Verminderung der Feinmotorik und der Fähigkeit zum komplexen Denken, mag in der Welt der Neandertaler zur Abwehr einer Bedrohung zweckmäßig gewesen sein, in einer bewaffneten Konfrontation heutzutage ist eine solche Anpassung zumindest unzweckmäßig, eventuell sogar tödlich. Eine gute Beherrschung des Abzugs und die Fähigkeit zur schnellen Entschlußfassung beeinflussen das Ergebnis eines modernen Feuergefechtes bei weitem mehr, als die Frage, wieviele Kilogramme die Kontrahenten stemmen können.

Der Mensch hat keinen Schießinstinkt

Schießtechniken für den Ernstfall können also nicht auf irgendwelche Instinkte aufbauen, sondern müssen sich daran orientieren, was taktisch sinnvoll ist, einfach erlernt werden kann und streßstabil ist. Meistens ist mit dem Begriff des instinktiven Schießens auch etwas anderes gemeint als das Anknüpfen an ererbtes, instinktives Verhalten. Beim Lesen der einschlägigen Literatur oder bei Diskussionen über dieses Thema fällt jedoch immer wieder auf, daß allein diese Begriffswahl schon bestimmte Assoziationen erweckt, die den Eindruck vermitteln, der Mensch hätte irgendein natürliches Verhaltenspotential, das man in der Ausbildung nur zu wecken bräuchte. Daß auch das, was man normalerweise als instinktives Schießen bezeichnet, eine erlernte Verhaltensweise ist, wird allein schon deswegen oft vergessen.

Was üblicherweise als „instinktives Schießen“ bezeichnet wird, ist normalerweise nichts anderes als die Beschreibung einer Schießtechnik, bei der auf die Nutzung jeglicher Visiereinrichtungen verzichtet wird und bei der die Ausrichtung der Waffe nur nach Körpergefühl und Muskelgedächtnis erfolgt. Dies wäre an sich auch nicht unrichtig, da im kampfmäßigen Schießen ein Zielen wie beim Präzisionsschießen nur in den seltensten Fällen in Frage kommt und das Körpergefühl und Muskelgedächtnis wirklich eine große Rolle spielt. Das Problem liegt aber darin, daß die unglückliche Begriffswahl falsche Vorstellungen erzeugt, und daß die Betonung des Schießens nach Körpergefühl zu Techniken geführt hat, die unter realistischer Betrachtung nicht sehr zweckmäßig sind. Der erste Teil dieses Problems ließe sich dadurch beheben, daß man einfach einen anderen Begriff benutzt. Die Begriffe „Schießen nach Körpergefühl“, „Point Shooting“ oder „Deutschuß“ wären hierzu geeignet und würden dazu beitragen, die Diskussion um das „instinktive Schießen“ zu versachlichen.

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Die alte Saat geht wieder auf

Von Elke Papouschek, aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe Oktober 2014.

Erntezeit in den Gärten der Arche Noah. Aber in Schiltern geht es nicht um die Früchte, sondern um deren Samen. Sie helfen, fast vergessene Nutzpflanzen am Leben zu erhalten. Anbau erwünscht!

Wenn sich das Gartenjahr dem Ende zuneigt und sich die goldenen Tage des Altweibersommers aneinanderreihen, wird im Kamptal Saatgut geerntet, getrocknet, gewogen, verpackt und beschriftet – sorgfältig und mit Übersicht, wie in einer Drogerie aus längst vergangenen Zeiten.

Franco Baumeler, gebürtiger Schweizer mit einem großen Herz für alte Kultursorten und Leiter des Arche-Noah-Schaugartens in Schiltern, führt durch die Beetreihen, den Hang hinauf zum kleinen Maisfeld. Die Hüllblätter der Kolben sind längst braun und trocken. „Eigentlich hätten wir die ja schon geerntet, aber für euch haben wir noch ein paar Tage gewartet“, erzählt er, ehe er zwei Kolben ausbricht und die trockenen Blätter zurückbiegt.

Weißgelb und steinhart sind die einzelnen Körner. Aber so müssen sie sein – denn in der Arche Noah wird nicht zu kulinarischen Zwecken geerntet, sondern um alte Kulturpflanzen und Sorten zu erhalten, die andernfalls verschwinden würden.

ALTE SORTEN SIND SAMENFEST

Die bunte Vielfalt in den Obst- und Gemüseabteilungen des Lebensmittelhandels täuscht: Es gibt zwar viel Exotisches – doch die Verarmung von Kultursorten in unseren Breiten nimmt ungebremst ihren Lauf. „Wir kennen eine grüne, lange und kerzengerade Frucht und nennen sie Gurke, aber das war’s dann schon“, meint Gebhard Kofler-Hofer, der in Schiltern für Führungen und Vorträge verantwortlich ist. „Tatsächlich gibt es Dutzende verschiedene Arten: Schlangengurken, Wachsgurken, Schwammgurken, Scheibengurken. Gurken sind eine große Familie.“

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Arche Noah für Sorten ein, die vor Generationen noch naturnah angebaut wurden, dann aber verschwanden, weil in der Landwirtschaft Ertrag vor Qualität gereiht wurde und Gleichförmigkeit vor Formenvielfalt. Das galt auch für den „Wachauer Weißen“, jene Maissorte, von der Franco Baumeler gerade zwei Kolben ausgebrochen hat.

In Schiltern wird der Mais zur Arterhaltung angebaut. Ob die Samen gut ausgereift und trocken sind, erkennt man – außer an den Hüllblättern – an den harten Körnern. „Man reibt einfach die Kolben gegeneinander, dann fallen die Körner heraus“, erklärt Franco Baumeler den simplen Vorgang der Saatgutgewinnung.

Alte und regionale Gemüsesorten haben einen großen Vorteil: Sie sind nicht nur optimal an die lokalen Klimaverhältnisse und Böden angepasst. Man kann sie auch weitervermehren, denn sie sind „samenfest“. Sogenanntes F1-Saatgut dagegen muss man jedes Jahr neu kaufen. Zwar könnte man auch von den daraus gezogenen Hybriden Samen ernten. Deren Nachkommen behielten jedoch die Eigenschaften der Elternpflanzen nicht einheitlich bei.

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Wachset und mehret euch: Pflanzenvermehrung selbst gemacht

Von Veronika Schubert, aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe August 2015.

Viele Wege führen zu neuen Pflanzen. Wer den richtigen einschlägt, spart nicht nur Geld in der Gärtnerei, sondern darf sich auch als Geburtshelfer im eigenen Garten fühlen.
Wie man richtig Samen gewinnt, Stecklinge zieht und Absenker biegt.

Wer, wenn nicht die Gärtnerin, weiß nach jahrelanger Vermehrung von Pflanzen, welche Technik ans Ziel führt? Es ist ein umfassendes und oftmals auch außergewöhnliches Angebot an Blumen, Kräutern und Gemüse, das Eveline Bach in ihrem Familienbetrieb am Stadtrand von Wien in vierter Generation hegt. Doch das Besondere, nämlich Samen von Raritäten, ist nur schwer erhältlich, Eveline Bach musste also lernen, selbst für Nachschub zu sorgen – und ganz einfach ist das nicht.

„Ob von einer Pflanze Samen abgenommen werden können, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt sie. „Zunächst müssen die Blüten überhaupt Samen ausbilden. Und dann stellt sich die Frage, ob sie nach der Mendel’schen Vererbungslehre stark aufspalten und ob die nächste Generation Veränderungen zeigt oder nicht.“

In der Gärtnerei Bach werden zur Vermeidung von unerwünschten Kreuzungen nur Samen von jenen Pflanzen abgenommen, die in der Mitte einer Reihe stehen. Dort ist – vor allem bei Paradeisern [Tomaten] ist das wichtig – weitgehend gesichert, dass es zu keiner Fremdbestäubung kommt, die die nächste Generation beeinflussen kann. Auch bei Chilis ist im Übrigen Vorsicht angebracht: Sie sind Windbestäuber und sollten isoliert angebaut werden. „Im Hobbybereich ist es aber sogar spannend, auch Neues zuzulassen und zu experimentieren“, sagt Eveline Bach ermunternd. „Mit etwas Glück gelingt sogar im Privatgarten eine neue taugliche Züchtung.“

Wer im nächsten Jahr keine genetischen Veränderungen im Beet haben will, entnimmt die Samen am besten aus dem Dickicht zwischen lauter gleich blühenden Pflanzen. Dort wurden sie höchstwahrscheinlich unter ihresgleichen von Bienen bestäubt oder haben sich selbst befruchtet.

STECKLINGE UND ABSENKER

Wer das Risiko von Veränderungen ganz ausschließen will, vermehrt seine Kulturen mit Stecklingen. „Stecklinge sind Teile von Pflanzen und somit Klone“, erklärt Expertin Eveline Bach. „Da weiß man, dass die exakt gleiche Pflanze heranwächst.“ Allerdings hat die Stecklingsanzucht auch einen Nachteil: Krankheiten der Mutterpflanze können auf den Klon übertragen werden – was bei Samen weitgehend auszuschließen ist.

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