Das geborstene Schwert (7): Finale

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard
Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim
Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz
Das geborstene Schwert (5): Tyrfing
Das geborstene Schwert (6): Jötunheim

XXIV

An einem Wintermorgen taumelte Frida in Thorkel Erlendssohns Hof.

Der Besitzer war gerade aufgestanden und herausgekommen, um nach dem Wetter zu sehen. Einen Augenblick lang konnte er nicht glauben, was er da erblickte – eine Schildjungfrau in einer Rüstung aus einem unbekannten kupferigen Metall, ganz fremdländisch gekleidet, die wie blind umhertastete. Das konnte nicht sein.

Er faßte nach dem Speer, den er hinter der Tür stehen hatte. Doch er ließ die Hand sinken, als er sich das Mädchen genauer ansah und es erkannte. Sie war völlig erschöpft, ihre Augen starrten ins Leere, aber es war Frida Ormstochter, die zurückgekehrt war.

Thorkel führte sie ins Haus. Asa, seine Frau, eilte ihnen entgegen.

„Du bist lange weggewesen, Frida“, sagte sie. „Willkommen zu Hause!“

Das Mädchen versuchte zu antworten, brachte aber kein Wort hervor. „Armes Kind“, murmelte Asa. „Armes verlorenes Kind. Komm, ich bringe dich zu Bett.“

Audun, Thorkels zweiter Sohn nach dem von Valgard erschlagenen Erlend, trat ins Haus. „Draußen ist es kälter als im Herzen einer ehrbaren Jungfrau“, bemerkte er, und dann: „Wer ist denn das?“

„Frida Ormstochter“, antwortete Thorkel, „von irgendwoher zurückgekehrt.“

Audun kam einen Schritt näher. „Das ist wundervoll!“ strahlte er. Er umfaßte sie und wollte sie küssen, doch da kam ihm ihre stumme Verzweiflung zu Bewußtsein. Er ließ sie los. „Was ist geschehen?“

„Was geschehen ist?“ schalt Asa. „Frag lieber, was diesem armen Mädchen nicht geschehen ist! Geht jetzt, ihr ungeschickten Männer, geht hinaus, damit ich sie zu Bett bringen kann!“

Frida lag lange Zeit wach und starrte auf die Wand. Als Asa Essen brachte und es ihr aufnötigte, leise, tröstende Worte sprach und ihr wie eine Mutter das Haar streichelte, begann sie zu schluchzen. Unaufhaltsam strömten die Tränen. Asa hielt sie und ließ sie sich ausweinen. Danach schlief Frida ein.

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Das geborstene Schwert (5): Tyrfing

„Incoming Sea at Rainbow Cleft“ von Ted Nasmith

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“!

Zuvor erschienen:

Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend
Das geborstene Schwert (2): Valgard
Das geborstene Schwert (3): Nach Trollheim
Das geborstene Schwert (4): Schwerttanz

XVIII

Skafloc und Frida suchten Unterschlupf in einer Höhle. Es war ein tiefes Loch in einer Klippe, die vom Meeresufer zurückfiel, ein gutes Stück nördlich von den Elfenhügeln. Dahinter lag ein im Frost erstarrter Wald, der nach Süden dichter wurde und im Norden in Moor und Hochland überging. Dunkel und öde war das Land, unbevölkert von Menschen oder Bewohnern des Feenreichs, und daher war der Ort so gut wie kein anderer zur Fortführung des Krieges geeignet.

Sie konnten nur wenige Magie benutzen, weil die Trolle sie sonst entdeckt hätten, aber Skafloc hatte Erfolg bei der Jagd, die er in Gestalt eines Wolfes, eines Otters oder eines Adlers unternahm, und er verwandelte Meerwasser in Bier. Bloß am Leben zu bleiben, war in dieser winterlichen Welt schon schwere Arbeit, und es war der härteste Winter, an den England sich seit der Eiszeit erinnerte. So war Skafloc die meiste Zeit des Tages auf der Suche nach Wild.

Feucht und kalt war die Höhle. Der Wind fing sich in ihrer Öffnung, und am Fuß der Klippe schäumte die Brandung. Aber als Skafloc von seiner ersten langen Jagd zurückkam, dachte er im ersten Augenblick, er sei an einen falschen Ort geraten.

Ein Feuer prasselte lustig auf einem Herdstein, und der Rauch wurde durch ein Rohr hinausgeleitet, das aus Zweigen und rohen Häuten hergestellt war. Andere Häute hielten die Kälte von Fußboden und Wänden ab, und eine hing vor der Öffnung und schützte den Innenraum vor dem Wind. Die Pferde waren im Hintergrund angepflockt und kauten das Heu, das Skafloc mit einem Zauberspruch aus Seetang hergestellt hatte, und die wenigen Waffen waren blankgeputzt und in einer Reihe aufgehängt, als sei dies eine Festhalle. Und hinter jeder Waffe steckte ein Sträußchen von roten Winterbeeren.

Frida saß vor dem Feuer und drehte ein Stück Fleisch an einem Spieß. Skafloc blieb wie gespannt stehen. Sein Herz setzte aus bei ihrem Anblick. Sie trug nur ein kurzes Hemd, und ihr schlanker, langbeiniger Körper mit den sanften Rundungen von Schenkeln und Taille und Brüsten wirkte im Feuerschein, als werde sie gleich wie ein Vogel entfliehen.

Sie sah ihn, und in dem geröteten, vom Rauch befleckten Gesicht unter dem verwirrten bronzefarbenen Haar leuchteten die großen grauen Augen froh auf. Wortlos sprang sie ihm in ihrer lieben, kindlichen Art entgegen, und für eine Weile hielten sie sich fest umschlungen.

Erstaunt fragte er: „Wie hast du denn das alles geschafft, mein Liebstes?“

Sie lachte leise.

„Ich bin kein Bär und auch kein Mann, daß ich mir einen Blätterhaufen zusammenscharre und das für den Winter meine Wohnung nenne. Einige dieser Häute hatten wir schon, und der Rest stammt von Tieren, die ich selbst erlegt habe. Oh, ich bin eine gute Hausfrau.“ Erschauernd drückte sie sich an ihn. „Du warst so lange weg, und die Tage waren so leer. Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben und mich genug beschäftigen, daß ich nachts schlafen konnte.“

Er streichelte sie mit bebenden Händen. „Dies ist keine Stätte für dich. Hart und gefährlich ist das Leben der Flüchtlinge. Ich sollte dich auf einen menschlichen Hof bringen. Dort könntest du unseren Sieg abwarten oder unsere Niederlage vergessen.“

„Nein – nein, das wirst du niemals tun!“ Sie faßte seine Ohren und zog seinen Kopf herab, bis sein Mund auf dem ihren lag. Dann stieß sie halb lachend, halb schluchzend hervor: „Ich habe gesagt, ich werde dich nicht verlassen. Nein, Skafloc, so leicht wirst du mich nicht los.“

„Um die Wahrheit zu sagen“, gestand er eine Weile später, „ich wüßte nicht, was ich ohne dich tun sollte. Es gäbe nichts mehr, was mir der Mühe wert schiene.“

„Dann verlaß mich nie, niemals wieder.“

„Ich muß doch auf die Jagd gehen, Geliebte.“

„Ich werde mit dir jagen.“ Sie wies auf die Häute und das bratende Fleisch. „Ich bin darin gar nicht so ungeschickt.“

„In anderen Dingen auch nicht“, lachte er. Doch gleich wurde er wieder ernst: „Es ist nicht nur Wild, das ich beschleiche, Frida. Auch Trolle jage ich.“

„Und diese Jagd will ich ebenso mitmachen.“ Das Gesicht des Mädchens wurde hart wie sein eigenes. „Glaubst du, ich hätte keine Rache zu nehmen?“

Er hob stolz den Kopf, und dann beugte er ihn wieder, um sie von neuem zu küssen, wie ein Fischadler, der auf seine Beute niederfährt. „Dann sei es so! Orm, der Krieger, würde Freude an einer solchen Tochter haben.“

Ihre Finger zogen die Linien seiner Wangenknochen und Kiefer nach. „Weißt du nicht, wer dein Vater war?“ fragte sie.

„Nein.“ Tyrs Worte fielen ihm wieder ein und schafften ihm Unbehagen. „Ich habe nie etwas darüber gehört.“

„Das macht nichts“, lächelte sie, „aber auch er könnte stolz auf dich sein. Ich glaube, Orm der Starke hätte all seinen Reichtum für einen Sohn wie dich hingegeben – nicht etwa, daß Ketil und Asmund Schwächlinge gewesen wären. Und da er dich nicht zum Sohn haben kann, muß er sich freuen, wenn er sieht, daß du der Mann seiner Tochter geworden bist.“

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Das geborstene Schwert (2): Valgard

Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! Zuvor erschienen: Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend. (Das von mir eingefügte Titelbild ist eine Illustration von Kat Menschik zur isländischen „Njáls Saga“ und stellt Njáls Frau Hallgerð dar.)

VI

Die Hexe lebte allein im Wald. Nur ihre Erinnerungen leisteten ihr Gesellschaft, und im Lauf der Jahre fraßen sie ihre Seele auf und ließen nur Haß und Rachedurst zurück. In vielen magischen Experimenten lernte sie, wie sie ihre Macht ein wenig vergrößern konnte. Schließlich gelang es ihr, Geister aus der Erde zu rufen und mit den Dämonen der Luft zu sprechen, und diese lehrten sie mehr. Sie ritt auf einem Besenstiel zum Schwarzen Sabbath auf dem Brocken. Ein grauenhaftes Fest war das, bei dem abstoßende Gestalten aus alter Zeit um den dunklen Altar sangen und Blut aus Kesseln tranken, aber vielleicht am schlimmsten waren die jungen Frauen, die sich bei den Riten mit scheußlichen Wesen paarten.

Die Hexe kehrte klüger zurück und brachte sich einen Rattenmann als Vertrauten mit, der mit seinen scharfen kleinen Zähnen in ihre verwelkten Brüste biß und Blut daraus sog und des Nachts auf ihrem Kissen hockte und ihr im Schlaf ins Ohr flüsterte. Und so glaubte die Hexe, sie habe jetzt genug Kraft, um den zu rufen, nach dem sie schon lange verlangte.

Donner und Blitz rollten um ihre Hütte, blaues Licht und der Gestank des Höllenpfuhls. Aber das dunkle Wesen, vor dem sie sich zu Boden warf, war auf seine Art schön, wie jede Sünde dem bereitwilligen Sünder schön erscheint.

„O du mit den vielen Namen, Fürst der Dunkelheit, Böser Gefährte“, rief die Hexe, „ich möchte, daß du mir meinen Wunsch erfüllst, und dafür will ich dich in hergebrachter Weise bezahlen.“

Der, den sie gerufen hatte, sprach, und seine Stimme klang sanft und geduldig: „Du bist schon ein gutes Stück auf meinem Weg gewandert, aber du bist noch nicht ganz und gar mein. Die Gnade von oben ist unendlich, und wenn du sie nicht zurückweist, bist du auch noch nicht verloren.“

„Was frage ich nach Gnade?“ meinte die Hexe. „Durch Gnade werden meine Söhne nicht gerächt. Ich bin bereit, dir meine Seele zu geben, wenn du mir meine Feinde in die Hände lieferst.“

„Das kann ich nicht tun“, erwiderte ihr Gast, „aber ich kann dir die Mittel zur Hand geben, wie du ihnen eine Falle stellen kannst, wenn du schlauer bist als sie.“

„Das genügt mir.“

„Aber bedenke, hast du nicht bereits Rache an Orm genommen? Dein Werk ist es, daß er einen Wechselbalg als ältesten Sohn hat, und dieses Geschöpf kann großes Übel über ihn bringen.“

„Orms echter Sohn blüht und gedeiht jedoch in Alfheim, und seine jüngeren Kinder wachsen heran. Ich will diese faule Saat bis zum letzten Blutstropfen auslöschen, ebenso wie er meine ausgelöscht hat. Die heidnischen Götter werden mir nicht helfen, und sicher wird Er es nicht tun, dessen Namen ich besser nicht ausspreche. Deshalb mußt du, Schwarze Majestät, mein Freund sein.“

Flämmchen, die kälter waren als der Winter, flackerten in seinem Blick, und lange sah er sie an. „Die Götter sind bei dieser Sache nicht aus dem Spiel, wie du vielleicht gehört hast. Odin, der die Geschichte der Menschen voraussieht, schmiedet Pläne, die weit in die Zukunft reichen…. Aber du sollst meine Hilfe haben. Stärke und Wissen werde ich dir geben, auf daß du eine mächtige Hexe wirst. Und ich werde dir sagen, wie du deine Feinde treffen kannst, falls sie nicht klüger sind, als du glaubst.

Es gibt drei Kräfte in der Welt, gegen die Götter und Dämonen und Menschen machtlos sind, gegen die es keinen Zauber gibt. Das sind der Weiße Christus, die Zeit und die Liebe.

Von dem ersten hast du nichts anderes zu erwarten, als daß er deine Pläne durchkreuzen wird, und du mußt Obacht geben, daß er und die Seinen auf keine Weise in den Kampf hineingezogen werden. Du kannst es verhindern, indem du dir vor Augen hältst, daß der Himmel geringeren Wesen ihren freien Willen läßt und sie nicht auf seine Wege zwingt; selbst die Wunder haben den Menschen nur eine Möglichkeit eröffnet, mehr nicht.

Das zweite, das mehr Namen hat als ich selbst – Schicksal, Bestimmung, Gesetz, Wyrd, die Nornen, Notwendigkeit, Brahma und zahllose andere – kannst du nicht anrufen, weil es nicht hört. Auch wirst du nicht begreifen, wie es gleichzeitig mit dem freien Willen, von dem ich gesprochen habe, bestehen kann, ebenso wenig wie daß es sowohl alte Götter als auch den neuen gibt. Aber damit der größere Zauber wirkt, mußt du darüber nachdenken, bis du ganz von dem Wissen durchdrungen bist, daß die Wahrheit so viele Gesichter hat, wie es Seelen gibt, die danach streben, sie zu erkennen.

Und die dritte Kraft ist etwas Sterbliches, und daher kann sie ebenso schaden wie nützen, und dies ist die Kraft, die du benutzen mußt.“

Nun schwor die Hexe einen bestimmten Eid und wurde unterrichtet, wo und wie sie das Wissen zu trinken habe, das sie benötigte, und damit endete die Besprechung.

Doch da war noch etwas: Als ihr Besucher die Hütte verließ und sie ihm nachsah, entdeckte sie, daß der, der ging, nicht der gleiche war wie vorher. Es war die Gestalt eines sehr großen Mannes, der mit jugendlicher Schnelligkeit ausschritt, obwohl sein Bart lang und wolfsgrau war. Er war ganz in einen Mantel eingehüllt und trug einen Speer, und es schien, daß unter seinem breitrandigen Hut nur ein Auge leuchtete. Sie dachte daran, wem ebenfalls nachgesagt wurde, daß er sehr schlau sei und oft hinterlistig und sich bei seinen Wanderungen auf der Erde gern verkleidet, und ein Schauder überlief sie.

Aber es konnte ja auch eine durch das Sternenlicht hervorgerufene Täuschung gewesen sein. Sie grübelte über diese Frage nicht länger nach, sondern richtete ihre Gedanken allein auf ihren Verlust und ihre zukünftige Rache.

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Der Lebenskampf in der Prosa-Edda

Friedrich Wilhelm Heine, „Die Esche Yggdrasil“, 1886

Von Guillaume Durocher, übersetzt von Lucifex. Das Original The Struggle for Life in the Prose Edda erschien am 29. März 2018 auf Counter-Currents Publishing. (Die Seitenverweise beziehen sich auf das im Originalartikel genannte Buch „The Prose Edda Translated by Jesse L. Byock“, London: Penguin, 2005; die altnordische Originalfassung von „Das Vieh stirbt…“ am Schluß wurde vom Übersetzer hinzugefügt.)

Die ältesten religiösen Texte sind immer von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Der Großteil davon wurde nach und nach durch mündliche Traditionen entwickelt, weitergegeben und dann von Generation zu Generation entwickelt. Wir wissen typischerweise wenig oder nichts über ihre Autoren, ob es nun die Brahmanen sind, die die Upanishaden verfaßten, oder der notorisch schwer faßbare „Homer“. Während diese Texte zweifellos die aristokratischen und/oder Priesterklassen widerspiegeln, die sie konsumierten, verzeichnen sie vor allem die spirituelle Geschichte eines Volkes und drücken sie aus. Diese Geschichten sind das, was ihre ganze Geschichte hindurch Widerhall bei ihnen fand und sie dazu inspirierte, sie für ihre Nachkommen zu bewahren. Die Werte und die Psychologie eines Volkes werden über die Generationen hinweg auf ihre heiligen Mythen und höchsten Gottheiten projiziert. Der Tanach, der Rig-Veda und die homerischen Epen sind alle von den Werten bronzezeitlicher Völker durchtränkt, die sich gewaltsam im Überlebenskampf behaupteten.

Die germanische Mythologie hat das Schicksal, vergleichsweise unbekannt zu bleiben. Die germanischen Stämme und die Nordmänner schufen keine Fülle geschriebener Texte, die ihre religiösen Überzeugungen aufzeichneten. Unsere ausführlichsten Quellen, die beiden Eddur (Einzahl: Edda), existieren, weil die frisch christianisierten Isländer des dreizehnten Jahrhunderts beschlossen, ihre alten heidnischen Gedichte und Geschichten zu bewahren. Es ist eine gute Sache, daß das Kopieren alter Texte ein beliebter isländischer Zeitvertreib war! (Zweifellos ein Produkt des stereotypischen nordischen Fleißes und des Mangels an alternativen Tätigkeiten auf der Insel.) Die Eddur, die im dreizehnten Jahrhundert geschrieben wurden, widerspiegeln mündliche Traditionen, die auf das neunte bis zwölfte Jahrhundert zurückgehen.

Die Eddur drücken das Ethos der mittelalterlichen Nordmänner als konkurrenzorientiertes, dynamisches und kriegerisches Volk aus, eines Volkes, das in einem wahrhaft unwirtlichen, weit nördlichen Klima als sparsame Bauern, seefahrende Händler und Forscher und als Banditen und Eroberer lebte. Zu den Leistungen der Wikinger zählen die Entdeckung Amerikas, die Kolonisierung Islands, die Eroberung der Normandie und Siziliens und möglicherweise die Gründung des ersten russischen Staates (Kiewer Rus). Die sogenannte Lieder-Edda bewahrt, wie der Name andeutet, verschiedene Gedichte, am bekanntesten das Hávamal, oder des Hohen Lied, eine Zusammenstellung weiser Sprichwörter. Die Prosa-Edda von Snorri Sturluson erzählt die Geschichten in einem geradlinigeren Stil und kommentiert oft die Gedichte.

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Das Havamal: des Hohen Lied

Aus der Älteren Edda, hier in der von Dr. Manfred Stange überarbeiteten Übersetzung des deutschen Philologen und Dichters Karl Simrock aus dem Jahr 1851. Mit „dem Hohen“ ist Odin gemeint, der hier Ratschläge erteilt und von seinen Erfahrungen erzählt.

1. Teil

1) Der Ausgänge halber, bevor du eingehst,
Stelle dich sicher,
Denn ungewiß ist, wo Widersacher
Im Hause halten.

2) Heil dem Geber! Der Gast ist gekommen:
Wo soll er sitzen?
Atemlos ist, der unterwegs
Sein Geschäft besorgen soll.

3) Wärme wünscht, der vom Wege kommt
Mit erkaltetem Knie;
Mit Kost und Kleidern erquicke den Wandrer,
Der über Felsen fuhr.

4) Wasser bedarf, der Bewirtung sucht,
Ein Handtuch und holde Nötigung.
Mit guter Begegnung erlangt man vom Gast
Wort und Wiedervergeltung.

5) Witz bedarf man auf weiter Reise;
Daheim hat man Nachsicht.
Zum Augengespött wird der Unwissende,
Der bei Sinnigen sitzt.

6) Doch steife sich niemand auf seinen Verstand,
Acht hab er immer.
Wer klug und wortkarg zum Wirte kommt
Schadet sich selten:
Denn festern Freund als kluge Vorsicht
Mag der Mann nicht haben.

7) Vorsichtiger Mann, der zum Mahle kommt,
Schweigt lauschend still.
Mit Ohren horcht er, mit Augen späht er,
Und forscht zuvor verständig.

8) Selig ist, der sich erwirbt
Lob und guten Leumund.
Unser Eigentum ist doch ungewiß
In des andern Brust.

9) Selig ist, wer selbst sich mag
Im Leben löblich raten,
Denn übler Rat wird oft dem Mann
Aus des andern Brust.

10) Nicht beßre Bürde bringt man auf Reisen
Als Wissen und Weisheit.
So frommt das Gold in der Fremde nicht,
In der Not ist nichts so nütze.

11) Nicht üblern Begleiter gibt es auf Reisen
Als Betrunkenheit ist,
Und nicht so gut als so mancher glaubt
Ist Äl den Erdensöhnen,
Denn umso minder, je mehr man trinkt,
Hat man seiner Sinne Macht.

12) Der Vergessenheit Reiher überrauscht Gelage
Und stiehlt Besinnung.
Des Vogels Gefieder befing auch mich
In Gunnlöds Haus und Gehege.

13) Trunken ward ich und übertrunken
In des schlauen Fialars Felsen.
Trunk mag taugen, wenn man ungetrübt
Sich den Sinn bewahrt.

14) Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten Sohn
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemut erweise sich jeder
Bis zum Todestag.

15) Der unwerte Mann meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden,
Obwohl der Speer ihn spart.

16) Der Tölpel glotzt, wenn er zum Gastmahl kommt,
Murmelnd sitzt er und mault.
Hat er sein Teil getrunken hernach,
So sieht man, welchen Sinns er ist.

17) Der weiß allein, der weit gereist ist,
Und hat vieles erfahren,
Welchen Witzes jeglicher waltet,
Wofern ihm selbst der Sinn nicht fehlt.

18) Lange zum Becher nur, doch leer’ ihn mit Maß,
Sprich gut oder schweig.
Niemand wird es ein Laster nennen,
Wenn du früh zur Ruhe fährst.

19) Der gierige Schlemmer, vergißt er der Tischzucht,
Schlingt sich schwere Krankheit an;
Oft wirkt Verspottung, wenn er zu Weisen kommt,
Törichtem Mann sein Magen.

20) Selbst Herden wissen, wann zur Heimkehr Zeit ist,
Und gehen vom Grase willig;
Der Unkluge kennt allein nicht
Seines Magens Maß.

21) Der Armselige, Übelgesinnte
Hohnlacht über alles
Und weiß doch selbst nicht, was er wissen sollte,
Daß er nicht fehlerfrei ist.

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Die Mythologie und Religion der Wikingerzeit

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Von Rudolf Simek, erschienen im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Die Wikinger“ in der Kunsthalle Leoben 2008; ISBN 987-3-9500840-4-0.

„Alle im Kampf auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger seit Anbeginn der Welt kommen nach Walhall zu Odin. Dort ist daher eine riesige Menschenmenge, aber für alle ist genug Fleisch vom Eber Saehrimnir da, der jeden Tag aufs Neue vom Koch Andhrimnir gesotten wird und am Abend wieder ganz ist. Odin aber füttert mit dem Fleisch nur seine beiden Wölfe, Geri und Freki, er selbst lebt nur vom Wein allein. Seinen Kriegern aber, unter denen sich natürlich viele Könige und Fürsten befinden, läßt er Met vorsetzen, der unablässig vom Euter der Ziege Heidrun in ein Gefäß tropft, sodaß alle Einherier – so heißen die gefallenen Krieger Odins – genug bekommen. Die Ziege aber steht auf dem Dach von Walhall und frißt die Blätter eines Baumes namens Laeradr. – Walhall hat 540 Tore, und durch jedes Tor können gleichzeitig 800 Krieger ausziehen, sodaß Odin ein riesiges Heer befehligt. Wenn die Einherier aber nicht gerade trinken oder essen, dann gehen sie am Morgen hinaus und kämpfen miteinander und erschlagen sich gegenseitig: das ist ihr Zeitvertreib, aber am Abend reiten sie heim nach Walhall und setzen sich alle wieder gemeinsam zum Trinken nieder.“ 1

Diese Schilderung von Odin und seinem Kriegerparadies Walhall prägt heute wie schon vor 100 oder 200 Jahren das neuzeitliche Bild von der Religion der Wikingerzeit und scheint die Todesverachtung der Wikingerkrieger angesichts dieses attraktiven Jenseits zu erklären. Sie fehlt in kaum einem Wikingerfilm und hat die Phantasie von deutschen, englischen und skandinavischen Schriftstellern der letzten Jahrhunderte beflügelt.

Dieses Bild ist aber lange nach der Wikingerzeit entstanden: Der christliche Dichter und Staatsmann Snorri Sturluson (1179 – 1241) hat es um 1225 auf Island als Teil seiner Edda verfaßt, zeitlich und räumlich fernab von wikingerzeitlichem Schlachtgetümmel. Seine Beschreibung ist stark beeinflußt von höfisch-romantischen, christlichen und antiken Vorstellungen des Hochmittelalters, aber als geschickter Autor hat er uns in dieser und vielen anderen mythologischen Beschreibungen ein in sich stimmiges und attraktives Bild der nordischen Vorzeit hinterlassen, das bis heute nachwirkt.

Wir müssen uns aber hüten, die wissenschaftliche und literarische Aufarbeitung nordischer Mythologie durch die christlichen mittelalterlichen Autoren in Snorris Edda ebenso wie der Liederedda mit dem wahren Glauben oder religiösem Brauchtum der Wikingerzeit zu verwechseln, auch wenn diese Werke und noch mehr die Sagas, die historischen Romane des 13. Jahrhunderts, ein romantisches Bild des wikingerzeitlichen Skandinavien vorgaukeln.

Was aber war wirklich die Vorstellung der wikingerzeitlichen Krieger von ihrem Nachleben? Zwei Erinnerungsgedichte (die Eiriksmál und die Hákonarmál), in den 960er-Jahren von zwei isländischen Skalden in Norwegen auf gefallene Fürsten verfaßt, zeigen ein etwas anderes Bild: Der Tod ist hier ein unausweichliches Schicksal, Odin ruft die Krieger zu sich, weil er sie zum Kampf gegen die Mächte der Unterwelt am Ende der Welt benötigt. Die ganze gefallene Armee zieht Richtung Walhall, aber nur der Fürst darf eintreten, und er ist voller Furcht vor dem unberechenbaren Gott, auch wenn einige Halbgötter oder Heroen den Helden in Walhall begrüßen.

Solche Diskrepanzen zwischen literarischer Darstellung des Hochmittelalters und Glaubenswelt der Wikingerzeit sind zwar bei einem zeitlichen Abstand von 250 Jahren zu erwarten, dürfen aber bei der Rekonstruktion der wikingerzeitlichen Religion nicht vernachlässigt werden, sodaß in erster Linie Quellen der heidnischen Zeit, also vor dem Ende des 10. Jahrhunderts, herangezogen werden müssen. Dazu kommt, daß die Glaubensvorstellungen der Wikingerzeit nicht einfach aus allen möglichen Quellen homogenisiert werden können, denn niemand konnte sich auf eine kodifizierte Buchreligion berufen wie etwa im Christentum. Von Gegend zu Gegend waren die Bräuche und Riten etwas abweichend, und auch die Mythenerzählungen finden wir nicht selten in mehr als einer Variante. Dies kann ebenfalls nicht überraschen, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Wikinger in England und Irland, die schon ab etwa 800 in ständigem Kontakt mit der christlichen Bevölkerung der Inseln lebten, ihren eigenen Glauben einerseits anders erlebten als Menschen in den schwedischen Wäldern, zum anderen aber auch unterschiedliche Einflüsse, von keltischen Sagen in Irland oder antiken Stoffen in England bis zu slawischen oder byzantinischen Geschichten im Osten, auf die Religion der Skandinavier gewirkt haben müssen.

Im Folgenden können daher immer nur einzelne Schlaglichter aus den Quellen auf die religiösen Vorstellungen geworfen werden, ohne daß diese für alle Skandinavier der Wikingerzeit, von den Schweden in der kaiserlichen Warägergarde von Konstantinopel bis zu den isländischen Siedlern auf Grönland, Gültigkeit gehabt haben.

1 Frei paraphrasiert nach Snorri Sturluson: Edda, Gylfaginning, Kap. 38 – 41.

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Santa Claus: Immer noch weiß

odin

Odin

Von Jim Goad; Original: Santa Claus: Still White, erschienen am 16. Dezember 2013 in Taki’s Magazine. (Das Bild von Megyn Kelly wurde vom Übersetzer eingefügt.)

Obwohl Santa Claus nicht existiert, bin ich trotzdem überzeugt, daß er weiß ist. Für mich ist es eine Glaubenssache, daß er so weiß ist wie sein Bart und so weiß wie die polaren Eiskappen. Als bleicher Mann von ausschließlich nordeuropäischer Abstammung entscheide ich mich auch zu glauben, daß Santa Claus ein Mann ist – ein heterosexueller Mann, der es genießt, Mrs. Claus ab und zu richtig gut durchzuvögeln.

Aisha Harris wäre anderer Meinung. Aisha ist eine Bloggerin von slate.com. Sie hat ihren Vornamen mit dem Mädchen gemeinsam, das als Sechsjährige mit Mohammed verheiratet wurde und ihre Ehe im unreifen Alter von neun Jahren vollzog – während Ol’ Mo 53 war – aber ich sehe nicht, daß diese Tatsache in dem Artikel erwähnt wird, der letzte Woche einen Durchfall an Berichterstattung auslöste.

Der Essay hieß „Santa Claus Should Not Be a White Man Anymore“, und verzeiht mir, wenn ich es für ein wenig dreist halte, daß Aisha annimmt, sie hätte die Autorität zu solchen Erklärungen. Aisha schreibt von der Scham und dem Schmerz und der Verwirrung und dem Herzeleid, das sie jede Weihnachten erlebte, wenn sie in die erschreckende große weiße Welt hinausging und rücksichtslos mit „bleichen“ Santas konfrontiert wurde, die eine „Haut so rosig wie Kaugummi“ hatten. Aisha bemerkte nicht, daß sie, wenn sie immer noch in der Heimat ihrer Vorfahren leben würde, es wahrscheinlich nicht mit solchen Kleinigkeiten zu tun hätte. Dort in jenen nicht-winterlichen Klimaten würde sie vielleicht sogar wissen, wie Pferdebremsen schmecken.

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