Israel 3.0 auf deutschem Boden?

Inserat in der Online-Ausgabe der „New York Times“ (von mir in ein Hintergrundbild von der ehemaligen Zonengrenze zwischen Hessen und Thüringen eingefügt). Übersetzung: „Jahrhunderte des Antisemitismus lehren uns, daß die Welt einen jüdischen Staat innerhalb sicherer Grenzen braucht. Aber Araber haben nicht 6 Millionen Juden während des Holocaust ermordet. Deutsche taten das. Warum sollten Araber für die Sünden europäischer Christen bezahlen? Deutschland sollte Land für einen jüdischen Staat hergeben.“


Inserat in der Online-Ausgabe der „New York Times“ (von mir in ein Hintergrundbild von der ehemaligen Zonengrenze zwischen Hessen und Thüringen eingefügt).

Übersetzung:
„Jahrhunderte des Antisemitismus lehren uns, daß die Welt einen jüdischen Staat innerhalb sicherer Grenzen braucht. Aber Araber haben nicht 6 Millionen Juden während des Holocaust ermordet. Deutsche taten das. Warum sollten Araber für die Sünden europäischer Christen bezahlen? Deutschland sollte Land für einen jüdischen Staat hergeben.“

Von Deep Roots , ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“

Es ist schon von verschiedenen Seiten – auch von einigen unserer Leser – geargwöhnt worden, daß jüdische Kreise bestrebt sind, sich in dünn besiedelten Gebieten der ehemaligen DDR eine Siedlungslandreserve zu schaffen, um dort eventuell einmal einen separaten Judenstaat zu errichten. Ihr Motiv dafür könnten Bedenken sein, ob Israel auf Dauer als jüdischer Staat zu halten sein wird, wie Peter Stuyvesant sie in Israels Malaise: Vorbereitung auf eine neue Diaspora? beschreibt. Auf „Counter-Currents“ schildert Patrick Le Brun in seiner dreiteiligen Artikelserie Demographie und das jüdische Schicksal, Teil 1, Teil 2 und Teil 3 die demographische Klemme Israels wegen sich stark vermehrender Araber einerseits und der orthodoxen jüdischen Haredim andererseits, die vom Wehrdienst befreit sind und einen stetig wachsenden Anteil an der jüdischen Bevölkerung Israels ausmachen. Aufgrund dessen, schreibt Patrick Le Brun, werde es in Zukunft einen immer schärfer werdenden Konflikt zwischen Zionisten und dem Diaspora-Judentum um säkulare Juden geben, und er hofft optimistischerweise, daß Israel den Großteil der Juden in der Diaspora an sich ziehen werde.

Es gibt auch Stimmen, die meinen, daß die Prognosen von jüdischer Seite, in einigen Jahrzehnten werde es kein Israel mehr geben, bewußt übertrieben düster gehalten sind, um die Diaspora-Juden zu erschrecken und zu mehr Solidarität mit Israel oder dem Judentum insgesamt zu motivieren. Dies wäre natürlich ebenfalls denkbar, aber neben dem „Rettungsboot“-Motiv gibt es noch ein weiteres für die Gründung eines zweiten jüdischen Staates: den Wunsch säkularer Juden, in einem eigenen Staat zu leben, der aber nicht im Nahen Osten liegt und von arabischen Feinden umgeben ist; einen säkularen Judenstaat, dessen Staatssprache auch nicht Hebräisch ist, sondern Jiddisch. Im Kommentarstrang zu Baron Bodisseys Taking Exception to „Taking Care of Your Own” auf „Gates of Vienna“ hat die Leserin „latté island“, eine in Kalifornien lebende jüdische Bloggerin, eine Menge über genau solche Wunschvorstellungen geschrieben. Diesen Austausch gebe ich hier auszugsweise wieder; zunächst den jeweiligen Kommentar und dann meine Übersetzung. Nachdem sie in Kommentar Nr. 29 etwas Komplexhexerei bezüglich der jüdischen Identität betrieben hat, schreibt latté Island:

latté island, Kommentar Nr. 41:

„the Jews have a home of their own, their ancestral home“

Afonso, this idea that Israel is „the“ rather than „a“ Jewish homeland is starting to be a problem for me. This topic isn’t discussed in polite society, because it could be seen as giving talking points to Israel’s enemies, which isn’t my intention, but I’ve realized that the behavior of Diaspora Jews gives it away anyway.

Why do more Jews live outside of Israel than in Israel? There are many reasons that vary with individuals, but one possible and unmentionable reason is, we don’t want to live there. For me, living in Israel would be a step backward. I think of Israel as a theme park based on the early Zionist fantasy that they could live where our distant ancestors lived. Religious Zionists, of course, are called to live in Israel for religious reasons, and that’s a good reason indeed, but it has no appeal for secular Jews.

So, it seems to me that the concept of Israel as „the“ Jewish homeland sets the bar too high for most Jews. If there were a Jewish state that was secular and not surrounded by enemies, I’d pack my bags right now, and maybe I’d have a lot of company.

The world is going to be very different from what it is now, and Israel may or may not be sustainable. I think it would be okay for everyone to consider the points I’ve raised, because, as the history of Zionism shows, there have always been alternatives, and Israel isn’t the best option for all Jews, just some.

A really sustainable, secular Zionism could dovetail rather neatly with anti-semitism and/or European nationalism. And why is it so bad to say this? Should I resist accommodating people who don’t like me, just to spite them? What if we all want the same thing?

Übersetzung:

die Juden haben eine eigene Heimat, ihre angestammte Heimat

Afonso, diese Idee, daß Israel „das“ statt „ein“ jüdisches Heimatland ist, fängt an, ein Problem für mich zu sein. Dieses Thema wird in der höflichen Gesellschaft nicht diskutiert, weil es so gesehen werden könnte, als würde man Israels Feinden einen Aufhänger liefern, was nicht meine Absicht ist, aber ich habe begriffen, daß das Verhalten der Diaspora-Juden ihn sowieso liefert.

Warum leben mehr Juden außerhalb Israels als in Israel? Es gibt viele Gründe, die von Individuum zu Individuum variieren, aber ein möglicher Grund, der nicht erwähnt werden darf, ist, daß wir dort nicht leben wollen. Für mich wäre es ein Rückschritt, in Israel zu leben. Für mich ist Israel ein Themenpark, der auf der frühen zionistischen Fantasie beruht, daß sie dort leben könnten, wo unsere fernen Vorfahren lebten. Religiöse Zionisten sind natürlich aus religiösen Gründen dazu aufgerufen, in Israel zu leben, und das ist in der Tat ein guter Grund, aber es hat keine Anziehungskraft für säkulare Juden.

Daher erscheint es mir, daß das Konzept von Israel als „das“ jüdische Heimatland die Latte für die meisten Juden zu hoch legt. Wenn es einen jüdischen Staat gäbe, der säkular und nicht von Feinden umgeben wäre, würde ich jetzt gleich meine Sachen packen und hätte vielleicht eine Menge Gesellschaft.

Die Welt wird sehr verschieden sein von dem, was sie jetzt ist, und Israel mag aufrechtzuerhalten sein oder nicht. Ich denke, es wäre für jeden in Ordnung, die Punkte zu bedenken, die ich angesprochen habe, denn wie die Geschichte des Zionismus zeigt, hat es immer Alternativen gegeben, und Israel ist nicht die beste Option für alle Juden, nur für manche.

Ein wirklich zukunftsfähiger Zionismus könnte wirklich nahtlos mit Antisemitismus/europäischem Nationalismus zusammenpassen. Und warum ist es so schlimm, das zu sagen? Sollte ich mich weigern, Leuten entgegenzukommen, die mich nicht mögen, nur um sie zu ärgern? Was, wenn wir alle dasselbe wollen?

Armance, Kommentar Nr. 42:

Religious Zionists, of course, are called to live in Israel for religious reasons, and that’s a good reason indeed, but it has no appeal for secular Jews.“

I guess in a few generations the secular Jews in Europe or the US will be completely absorbed – not because they necessarily want to or because the majority wants to, but practically they will be eaten up by their own liberalism. Only the religious Jews and the state of Israel will survive. Maybe the Zionists like Herzl got it right: it just takes a few generations of peace and tolerance and the Jews will disappear in the background, fully assimilating. Or perhaps more or less consciously this is what the secular Jews want.

Übersetzung:

Religiöse Zionisten sind natürlich aus religiösen Gründen dazu aufgerufen, in Israel zu leben, und das ist in der Tat ein guter Grund, aber es hat keine Anziehungskraft für säkulare Juden.“

Ich schätze, daß die säkularen Juden in Europa oder den Vereinigten Staaten in ein paar Generationen völlig absorbiert sein werden – nicht weil sie das notwendigerweise wollen oder weil die Mehrheit das will, sondern sie werden praktisch von ihrem eigenen Liberalismus aufgefressen werden. Nur die religiösen Juden und der Staat Israel werden überleben. Vielleicht hatten die Zionisten wie Herzl recht: es braucht nur ein paar Generationen des Friedens und der Toleranz, und die Juden werden im Hintergrund verschwinden, sich voll assimilieren. Oder vielleicht ist das mehr oder weniger bewußt das, was die säkularen Juden wollen.

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