Gibt es Verbrechergesichter?

Von Lucifex; dies ist eine Artikelaufbereitung meines Kommentars vom 2. August 2018 zu F. Roger Devlins Essay „Beurteilung nach dem Erscheinungsbild“, die das Auffinden dieser Information und ihre Verlinkung erleichtern soll.

In GEO 4-2017 bin ich auf einen Kurzbeitrag gestoßen, den ich nachfolgend zitiere:

Gibt es Verbrechergesichter?

Schiefe Nase, krummes Kinn, zusammengewachsene Augenbrauen: Wem trauen wir – und wem weichen wir in dunklen Gassen lieber aus? Manche Menschen scheinen uns schon auf den ersten Blick zwielichtig oder gar kriminell zu sein.

Kein Wunder also, dass über alle Zeitalter hinweg Gelehrte die Ansicht vertraten, Charaktereigenschaften seien uns ins Gesicht geschrieben. Der Italiener Cesare Lombroso entwickelte im 19. Jahrhundert eine neue Schule der Kriminologie und meinte, Verbrecher an Äußerlichkeiten identifizieren zu können. Ein Ansatz, der später in die Rassenlehre des Nationalsozialismus einfloss.

Bis zur heutigen Zeit ist das Thema in der Forschung aktuell. 2011 belegte eine Studie an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, dass Menschen überraschend gut Verbrecher an ihrem Konterfei erkennen können.

2016 trainierten Wissenschaftler von der Shanghai Jiao Tong University einen Computer, ein sogenanntes neuronales Netzwerk, mit 1856 Fotoporträts, die eine Hälfte von Verbrechern, die andere von Gesetzestreuen. Am Ende konnte der Computer die Straftäter mit einer Genauigkeit von fast 90 Prozent herauspicken.

Die Forscher präsentierten auch gleich den Unterschied zwischen bravem Bürger und Kriminellem: Verbrechergesichter fallen mehr aus dem Rahmen des allgemeinen Durchschnittsgesichts.

Wohin aber führen uns solche Ergebnisse? Wird bald neben dem Ausweisfoto die Tendenz zum Gesetzesbruch vermerkt? Werden mögliche Diebe oder Mörder schon vor ihrer Tat durch Gesichtserkennungssoftware aus der Masse gefischt und weggesperrt?

Wohl kaum. Ein Verfahren, das Menschen nach biometrischen Daten einordnet, mag in einer eng eingegrenzten Versuchsanordnung funktionieren, es fehlt aber der Alltagstest. Schon Schatten auf dem Gesicht oder Änderungen der Mimik können die Sortierung verdrehen.

Zudem würde das Programm aus Shanghai selbst bei perfekten Bedingungen jeden Zehnten zu Unrecht in Sicherheitsverwahrung stecken. Und den anderen neun absprechen, sich mit ihrem Willen gegen eine biologisch-genetische Prädeterminierung erheben zu können.

Menschen nach scheinbar allgemeingültigen Regeln in bestimmte Gruppen einzuteilen, schafft offenbar auch bei neuronalen Netzwerken Vorurteile.

Das sind Befangenheiten, die wir selbst aus dem Alltag kennen, etwa wenn Personen mit südländischem Aussehen öfter kontrolliert werden. So etwas zersetzt ein Miteinander viel eher, als es echte Sicherheit schafft. Aussagen anhand von Gesichtssymmetrie mögen für Personengruppen Relevanz zeigen. Angewendet auf Individuen können sie nur zu Ungerechtigkeiten führen.

In diesem Sinne sollte uns das Ergebnis der Studie aus Schanghai nicht zum Handeln, sondern höchstens zum Hinterfragen anregen: Wenn neuronale Netzwerke eine Art Menschenkenntnis erlernen können, welche anderen intuitiven Fähigkeiten entwickeln sie noch?

Und sollten wir auf der anderen Seite nicht stetig unsere eigenen Vorurteile im Auge behalten? Denn immerhin können wir, im Gegensatz zu Computern, entscheiden, wie wir uns von einem ersten Eindruck beeinflussen lassen.

Die Bedenkenwälzerei des Autors Tobias Hamelmann in der zweiten Hälfte samt den Mahnungen gegen Vorurteile und für Einzelfallgerechtigkeit war zu erwarten. Aber abgesehen davon, daß neuronale Netzwerke mit weiter verbesserter Software und umfangreicherem Training anhand vieler weiterer Beispielsbilder sicher eine noch größere Unterscheidungssicherheit auch bei unterschiedlichen Beleuchtungsrichtungen und Gesichtsausdrücken erlangen könnten, geht es auch gar nicht darum, Menschen irgendwann aufgrund solcher Computerprogramme von vornherein als schuldig einzustufen und sicherheitshalber wegzusperren.

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Carsharing, Robotaxis und die angestrebte Abschaffung des privaten Autobesitzes

Von Lucifex

In letzter Zeit ist mir eine starke Zunahme von Online-Artikeln – auf Deutsch und Englisch – aufgefallen, in denen mit dem Argument, Autos würden 95 % der Zeit ungenutzt herumstehen, was nicht nur ein wirtschaftlicher Wahnsinn sei, sondern auch zu viel Raum für Parkinfrastruktur beanspruche, eine Abkehr vom privaten Autobesitz und eine Hinwendung zu Carsharing und autonom fahrenden Robotaxis propagiert wird. Es gebe heute unter jungen Leuten einen zunehmenden Trend weg vom Auto als Statussymbol, und die Letzten, die noch ihren Führerschein machen werden, seien schon geboren. In manchen dieser Artikel wird sogar ein Verbot des Autolenkens durch Menschen gefordert, sobald selbstfahrende Autos ausreichend sicher seien, oder überhaupt ein Verbot des privaten Autobesitzes, weil man sich dann ja ohnehin jederzeit ein Robotaxi per Handy-App herbeirufen könne, wenn man eines braucht. Mit Suchanfragen wie „Autos 95 % der Zeit“ oder „cars parking 95 % of the time“ kann jeder sich reichlich Beispiele aus dem Netz suchen, sodaß ich mir hier Verlinkungen sparen kann.

Mir ist diese gleichzeitig aus vielen Quellen kommende Propaganda sofort als eine vom (((System))) gewünschte Bestrebung aufgefallen, auf einem weiteren Gebiet unsere Selbständigkeit und Unabhängigkeit durch Einführung neuartiger technischer Lösungen zu verringern, deren Nutzung durch uns sie jederzeit kontrollieren, einschränken oder überhaupt vorenthalten können (Bargeldabschaffung durch elektronische Alternativen, Internet der Dinge, e-Books, CAD-Computerprogramme nur noch über die „Cloud“ nutzbar statt auf dem lokalen Rechner installiert). Aber mit systemvertrauensseligen Schlafschafen kann man darüber nicht reden, denn die schieben diese Möglichkeit mit der Behauptung von sich weg, daß die „mächtigen Autokonzerne“ diese Einschränkung ihres Geschäfts doch niemals zulassen würden.

Nun, die Realität sieht so aus, daß Autofirmen diese Entwicklung selber fördern, wie unter anderem aus diesem Artikel im Heft Juli-August der ÖAMTC-Zeitschrift „auto touring“ ersichtlich wird:

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Wie das Internet der Dinge das Eigentum beseitigt

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Von Adam Rowe; das Original How the Internet of Things erases ownership erschien am 2. Mai 2016 auf IDG CONNECT.

Übersetzt von Cernunnos.

Einer meiner liebsten Twitter-Accounts über Neuheiten heißt @internetofshit. Der schrullige, sarkastische Untergangsprophet zum Thema Internet der Dinge ist ein produktiver Tweeter und schimpft über alles, von einer Kaffeetasse, die sich mit dem Internet verbindet bis zu einem Pub mit Gesichtserkennung, der Gäste zum Abnehmen ihrer Hüte zwingt, bevor er funktioniert.

Beim IdD gibt es in der nahen Zukunft eine Menge Hürden zu beseitigen, aber die meisten davon sind kosmetischer Art. Bei genügend technischem Fortschritt wird KI zum Beispiel in der Lage sein, Gesichter mit oder ohne Hüte zu erkennen, aber ein riesiges Problem ist dem Konzept eines Internet der Dinge praktisch inhärent und nicht leicht zu überwinden. Dessen Einnahmenmodell erfordert, daß Konsumenten nie wirklich die Geräte besitzen, für die sie bezahlen.

Es begann mit DRM, das einen daran hinderte, Musik oder Bücher zu besitzen

Software ist immer unter eine lockerere Definition von „Eigentum“ gefallen als Hardware. Wenn man an einer Tabelle arbeitet, braucht man sich nicht darum zu sorgen, daß der Stuhl, auf dem man am Schreibtisch sitzt, in den Blauer-Bildschirm-Modus übergeht und unter einem verschwindet. Die Verlagerung der Eigenschaften von physisch auf virtuell ändert eine Menge: virtuelle Daten können mit einem Tastendruck gelöscht werden, aber sie können genauso leicht unbeschränkt vervielfältigt werden. Nachdem eine solche Duplizierung die Marktwerte drückt, entstand das Digital Rights Management (DRM), um autorisierte Neuschaffung durchzusetzen.

Ich lasse die Diskussionen über DRM-bezogene Ethik und Besorgnisse für einen anderen Artikel beiseite, aber das Fazit ist, daß DRM-isierte eBooks und Musikdateien ausreichend stark eingeschränkt sind, daß „besitzen“ kein so zutreffender Begriff ist wie „lizenzieren“. Niemand kauft jemals ein eBook gebraucht. Und die Firmen behalten sich das effektive Eigentum vor, sogar die Fähigkeit, die Produkte jederzeit willkürlich zu löschen.

Diese Tatsache ist nie in poetischerer Weise dargestellt worden als im Juli 2009, als Amazon entdeckte, daß eBook-Ausgaben von George Orwells Klassikern 1984 und Animal Farm ohne gesetzliche Erlaubnis des Rechteinhabers verkauft wurden; sie löschten jede Kopie von den Geräten derjenigen, die für das Buch bezahlt hatten. Angesichts von Orwells Vorliebe, die Exzesse eines totalitären Systems zu kritisieren, schrieben die launigen Einleitungsformulierungen der Reporter sich praktisch von selbst.

Obwohl es so schien, als würde man sie besitzen, waren die eBooks von Amazon geleast, eine Tatsache, die viele Konsumenten überraschte: „Es veranschaulicht, wie wenige Rechte man hat, wenn man ein eBook von Amazon kauft“, sagte Bruce Schneier, ein Experte für Computersicherheit, der von der New York Times zitiert wurde. „Als Kindle-Besitzer bin ich frustriert. Ich kann Leuten keine Bücher leihen, und ich kann keine Bücher verkaufen, die ich bereits gelesen habe, und nun stellt sich heraus, daß ich nicht einmal darauf zählen kann, meine Bücher morgen noch zu haben.“

Das wurde im März dieses Jahres in großem Maßstab klargemacht, als Barnes and Nobles‘ Unternehmen Nook den Verkauf von eBooks im Vereinigten Königreich einstellte. Aber die Nettigkeit der Erklärung von Nook konnte einen Haken beim Übergang der eBooks von Nook zu ihrem neuen Provider im Vereinigten Königreich, Sainsbury’s Entertainment on Demand, nicht verdeckten: Nook arbeitete daran, „sicherzustellen, daß Sie weiterhin Zugang zur großen Mehrheit Ihrer gekauften NOOK-Bücher ohne neue Kosten für Sie haben.“ [Hervorhebung vom Autor]

Genau dieses Phänomen ist bei elektronischen Medien nichts Neues. Amazon hat Abonnenten seit langem geraten, das Video, das sie kaufen, herunterzuladen, um fortdauernden Zugriff sicherzustellen, und jeder freischaffende Schriftsteller ohne ein paar tote Links in seinem CV hat noch nicht lang genug geschrieben. Aber jetzt springt das Phänomen auf Produkte in der realen Welt über.

Nests Geräteunbrauchbarmachungs-Apokalypse ist der Beweis, daß das Internet der Dinge das Eigentum beseitigt

Nest, das Googles Muttergesellschaft Alphabet gehört und eine der größten Firmen ist, die sich der Ausstattung IdD-fokussierter „Smart Homes“ widmen, wird im Mai 2016 eine Auswahl seiner Produkte ausmustern. Zur Klarstellung: sie stellen nicht den technischen Support ein – was es den Geräten ermöglichen würde, weiterhin zu funktionieren -, sie stellen absichtlich sicher, daß die Geräte nutzlos sein werden.

Das Smart-Home-Gerät, Revolv’s Netzknoten und damit zusammenhängende Apps, war Hunderte Dollar wert, hängt aber von seiner Natur her von einer Online-Verbindung ab. Nachdem die Firma entschieden hat, es unbrauchbar zu machen, ist es wertlos. Kunden – sogar jene mit eBooks! – sind zu Recht empört: Wie Business Insider berichtet, wurden die Netzknoten von Revolv damit beworben, daß es dazu ein „Abonnement für die gesamte Lebensdauer“ gäbe.

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