Libertarianismus und weißer rassischer Nationalismus

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Von Kevin MacDonald, übersetzt von Deep Roots. Das Original Libertarianism and White Racial Nationalism erschien am 17. Mai 2011 in The Occidental Quarterly.

 

Anmerkung der Redaktion [von TOQ; d. Ü.]: Dies ist der Einleitungsartikel der Frühjahrsausgabe 2011 von The Occidental Quarterly. Um die ganze Ausgabe zu lesen, kaufen Sie bitte ein Abonnement.

Greg Johnson, der vorherige Chefredakteur von TOQ, hatte die wunderbare Idee einer Ausgabe darüber, wie sich der Libertarianismus mit Fragen des weißen rassischen Nationalismus überschneidet. Dies ist ein wichtiges Thema. Anders als ausdrückliche Behauptungen weißer Identität und Interessen wird der Libertarianismus als Teil des konservativen Mainstreams betrachtet. Er verärgert die multikulturellen Machthaber nicht. Tatsächlich ist der Libertarianismus, wie in mehreren der Artikel hier diskutiert – besonders im Artikel von Simon Krejsa -, eine Ideologie der nationalen Auflösung, die die aus der Einwanderung resultierenden Probleme sehr verschärfen würde.

 

IGNORIEREN DER REALEN WELT: LIBERTARIANISMUS ALS UTOPISCHE METAPHYSIK

Mehrere prominente Libertäre haben offene Grenzen befürwortet, außer für Einwanderer, die eindeutig darauf aus sind, persönliche oder Eigentumsrechte zu verletzen. Wie Krejsa anmerkt, ignorieren Libertäre die Realität, daß die Völker, die unsere Küsten bedrängen, oft starke ethnische Bindungen haben, und daß sie typischerweise in gut finanzierten, aggressiven ethnischen Organisationen organisiert sind. Diese ethnischen Organisationen haben ein vitales Interesse an einer starken Zentralregierung, die in der Lage ist, ihre Interessen in einem weiten Bereich von Gebieten zu fördern, von Wohlfahrtszahlungen bis zur Außenpolitik. In anderen Worten, sie handeln weit mehr als gemeinsame Einheit, als es eine Anzahl isolierter Individuen tun würde. Weiters ignoriert die von den Libertären befürwortete Einwanderungspolitik die Realität rassischer und ethnischer Unterschiede in einem breiten Spektrum von Eigenschaften, die für den Erfolg in zeitgenössischen Gesellschaften entscheidend sind, insbesondere IQ, Kriminalität und Impulsivität. Gesellschaftlicher Nutzen bildet keinen Teil des Denkens des Libertarianismus.

Beim Lesen dieser Artikel fällt einem auf, daß der Libertarianismus im Endeffekt eine Metaphysik ist. Das heißt, er postuliert einfach eine minimale Anzahl von Rechten (auf das Eigentum am eigenen Körper, auf das Eigentum am Privatbesitz und die Freiheit, Verträge einzugehen) und folgt diesem Konzept unnachgiebig bis zu seinem logischen Schluß. Der einzige Zweck einer Regierung ist es, den „physischen Übergriff“ gegen die Person oder das Eigentum eines anderen zu unterbinden. Es ist eine utopische Philosophie, die auf dem beruht, was sein sollte, anstatt auf einem nüchternen Verständnis dessen, wie Menschen sich wirklich verhalten. Es überrascht nicht, wie Simon Lote und Farnham O’Reilly hervorheben, daß es niemals irgendwelche reinen libertären Gesellschaften gegeben hat. Dafür gibt es starke Gründe.

In der Tat erinnert mich die Philosophie des Libertarianismus an Kants kategorischen Imperativ, der besagt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Der Imperativ definiert ein Konzept moralischer Verpflichtung, aber daraus folgt bestimmt nicht, daß andere sich auf moralische Weise verhalten werden. Man wäre in der Tat naiv anzunehmen, daß eine Philosophie moralischer Verpflichtungen die Menschen netter machen würde. Kant hätte nie gesagt, daß wir die Gesellschaft nach der Annahme arrangieren sollten, daß Menschen sich nach dem verhalten werden, wozu sie moralisch verpflichtet sind.

In ähnlicher Weise ist die libertäre Idee, daß wir die Regierung so verändern sollten, als ob die Regierten ein atomistisches Universum von Individuen wären, sich der Tatsache nicht bewußt, daß sehr viele Menschen sich weiterhin auf der Grundlage ihrer Gruppenidentität verhalten werden, ob diese nun auf Volkszugehörigkeit oder einer freiwilligen Vereinigung wie einer Firma beruht. Sie werden weiterhin Netzwerkerei betreiben (oft mit Volksangehörigen), und sie werden Maßnahmen verfolgen, die auf die Förderung ihres Eigeninteresses abzielen, wie es durch die Gruppenzugehörigkeit bedingt ist. Wenn sie Zugang zu den Medien haben, werden sie Medienbotschaften gestalten, die auf die Bekehrung anderer zu ihrer Sichtweise abzielen – Botschaften, die die wahrscheinlichen Ergebnisse politischer Entscheidungen nicht akkurat darzustellen brauchen. Medienmächtige Gruppen könnten auch Botschaften gestalten, die die natürliche Neigung der Menschen hin zu ihrem eigenen Profit ohne Rücksicht auf die Schwächen anderer ausnutzen – eine Form der Freisetzung Darwin’scher Konkurrenz wie nachfolgend beschrieben.

Diese Minimalliste menschlicher Interessen begründet sich weder in Theologie noch Naturwissenschaft. Ein Schwerpunkt von Trudie Perts Essay ist der Konflikt zwischen der libertären Philosophie und dem traditionellen katholischen Kollektivismus mit seiner Funktion des Gruppenschutzes, die auf dem Konzept des Naturrechts beruht. Vom Standpunkt der Evolutionsbiologie würde eine Gesellschaft, die nach der libertären Ideologie konstruiert ist, einen Darwin’schen Konkurrenzkampf zwischen Individuen und Gruppen entfesseln. Nachdem es, wie Vitman Tänka anmerkt, in der libertären Ideologie nichts gibt, das freiwillige Vereinigungen verhindert, würden die Menschen sich in einer libertären Gesellschaft natürlicherweise zusammenschließen, um ihre Interessen zu fördern. Solche Gruppen würden ihre eigenen Interessen am besten durch eine starke Regierung befriedigt sehen, die auf ihrer Seite ist.

Das libertäre Utopia wäre daher chronisch instabil. Tatsächlich zitiert Krejsa Peter Brimelow, der anmerkt, daß eine libertäre Gesellschaft mit völlig offenen Grenzen einen enormen Druck hin zu starker staatlicher Kontrolle zur Folge hätte – Einwanderung als „Viagra des Staates“: „Einwanderer, vor allem Einwanderer, die sich rassisch und kulturell von der Gastgeberpopulation unterscheiden, sind wandelnde Werbeanzeigen für Sozialarbeiter und Regierungsprogramme und für die Regulierung der politischen Rede – soll heißen, die Unterdrückung der völlig natürlichen Einwände der Gastgeberpopulation.“

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Mein Kodex

Peter Paul Rubens: „Die vier Philosophen“, mit einer Büste von Seneca, 1611-1612

Peter Paul Rubens: „Die vier Philosophen“, mit einer Büste von Seneca, 1611-1612

Von Jef Costello, übersetzt von Deep Roots. Das Original My Code erschien am 27. Januar 2014 auf Counter-Currents Publishing/North American New Right.

 

Vor ein paar Jahren entschied ich, daß ich einen Kodex brauchte, um danach zu leben: eine Reihe von Prinzipien, die mein Leben leiten. Nun, es ist nicht so, als hätte ich nicht bereits einige Prinzipien entdeckt, die mir als richtig erschienen; es war nicht so, als ob ich im Blindflug unterwegs gewesen wäre, ohne irgendwelche Überzeugungen. Aber ich hatte mich nie hingesetzt und darüber nachgedacht, woraus genau mein „Kodex“ bestand, und das alles zu Papier gebracht. Daher beschloß ich eines Tages, genau das zu tun.

Aber für gewöhnlich erweist sich nichts, was ich tue, als leicht oder einfach. Und meine kleine Nachdenkübung verwandelte sich in Wirklichkeit in ein Forschungsprojekt. Ich verbrachte Tage damit, verschiedene Quellen für kleine Nuggets „praktischer Weisheit“ auszusuchen. Dazu gehörte Aristoteles (von dem ich eine ganze Menge entlehnte), die Stoiker und Epikureer, die Eddas und Sagas, die mittelalterliche Ritterlichkeit, japanisches Bushido, Tyler Durden, G. I. Gurdjieff und verschiedene andere Mystiker, Swamis und Gurus – und sogar der indische Schiwaismus (wie der dem Westen durch Alain Daniélou dargestellt wurde).

Und als ich fertig war, hatte ich endlich „meinen Kodex“ – einen, der Prinzipien ausdrückte, nach denen ich bereits lebte, wie auch andere, auf die ich mich festlegen wollte. Ich fühlte mich irgendwie wie Doc Savage, der immer einer meiner Helden gewesen ist. Dies ist sein Kodex:

Laß mich jeden Moment meines Lebens danach streben, mich immer mehr zu verbessern, so gut ich kann, sodaß alle davon profitieren können. Laß mich an das Richtige denken und all meine Unterstützung jenen geben, die sie brauchen, ohne Rücksicht auf irgend etwas außer der Gerechtigkeit. Laß mich das, was kommt, mit einem Lächeln nehmen, ohne den Mut zu verlieren. Laß mich in allem, was ich sage oder tue, Rücksicht auf mein Land und meine Mitbürger nehmen. Laß mich allen gegenüber anständig sein und niemandem Unrecht tun.

Der Vorteil von Docs Kodex ist, daß er leicht auswendig zu lernen ist; leicht jeden Morgen vor dem Spiegel zu rezitieren. Das Problem bei meinem Kodex, sobald all die Recherchen und das Tippen erledigt war, besteht darin, daß er aus mehr als fünfzig „Aphorismen“ bestand. Ihn auswendig zu lernen, würde die Kräfte eines Druiden fordern. Und ich kann mir einfach nicht jeden Tag eine Stunde Zeit nehmen, um das Ding laut zu lesen. Dennoch ist es mein Kodex, und ich halte mich daran – das heißt, wenn ich mich erinnern kann, was drinsteht. Ich würde ihn nur ungern kürzen, denn, allen Spaß beiseite, ich denke tatsächlich, daß es eine sehr schöne Zusammenfassung all der Prinzipien ist, die man wirklich braucht, um ein guter Mann zu sein.

Nun, ich meine wirklich guter Mann. Es gibt da eine Menge, von dem sowohl Männer als auch Frauen profitieren können. Aber ein Gutteil meines Kodex hat mit guten, altmodischen männlichen Tugenden zu tun. Um an eine Unterscheidung anzuknüpfen, die Jack Donovan in The Way of Men trifft: mein Kodex umfaßt die Prinzipien, die notwendig sind, um „ein guter Mann zu sein“, und jene, die notwendig sind, um „gut darin zu sein, ein Mann zu sein.“

Was ich also tun möchte, ist, ein paar meiner Aphorismen mit euch zu teilen – und vielleicht ein paar mehr in einem späteren Essay. Die Liste hat keine bestimmte Reihenfolge, und ich habe die Dinge nicht thematisch geordnet. Ohne weitere Umschweife – hier sind zehn Prinzipien, nach denen ich lebe:

  1. Handle nicht aus Furcht oder Zorn.

Es gibt eine alte Geschichte über einen Samurai, der nach Rache an einem Mann strebte, der seinen Herrn getötet hatte. Endlich holte er den Kerl nach langer Suche ein und zog sein Schwert, bereit, den Schurken niederzuschlagen. Der andere Kerl kauerte furchtsam – und dann, als der Samurai gerade dabei war, zuzuschlagen, spuckte er ihm ins Gesicht. Der Samurai steckte sein Schwert ruhig in die Scheide und ging weg, ohne dem Mann zu schaden. Nun, warum hatte er das getan? Denn wenn der Samurai den Mörder niedergeschlagen hätte, nachdem dieser Mann ihm ins Gesicht gespuckt hatte, hätte niemand – nicht einmal der Samurai – sicher sein können, was seine wahre Motivation war. Er wollte den Mann töten, um der Gerechtigkeit zu dienen. Aber nachdem der Mann ihm ins Gesicht gespuckt hatte, wäre die Tötung vom Wunsch nach Gerechtigkeit motiviert gewesen, oder von Zorn über seine verletzte Eitelkeit?

Der Samurai wußte, daß eine Tat, die von nichts weiter als Zorn motiviert ist, eine Tat ohne Ehre ist. Aus Zorn zu handeln, ist so schlecht, wie aus Furcht zu handeln. In beiden Fällen lassen Männer es zu, von Emotionen besessen zu sein – in anderen Worten, sie verlieren die Kontrolle. Ehre liegt nur im Tun dessen, was richtig ist.

Nun, zu tun, was richtig ist, kann manchmal von gerechtfertigter Furcht oder gerechtfertigtem Zorn begleitet sein. Aber wenn es Furcht und Zorn alleine sind, die uns zum Handeln anspornen, haben wir uns nicht unter Kontrolle und handeln nicht aus Tugend. Ein wahrer Mann beherrscht sich und seine Emotionen und tut das, wovon er weiß, daß es richtig ist, allein deshalb, weil er es als richtig ansieht.

  1. Halte dich nicht mit Kleinigkeiten auf

Dies ist eine der Eigenschaften von Aristoteles’ „Mann mit großer Seele“. Kleine Männer haben kleine Besorgnisse; große Männer übersehen die kleinen Dinge. Ich erinnere mich, wie ich mir einmal vor Jahren einen Dollar von einem Arbeitskollegen borgen mußte, um etwas in einem Food-Court zu kaufen. Ich vergaß, das Geld zurückzugeben, und Tage später fand ich, daß er sich die Mühe gemacht hatte, eine Notiz zu schreiben und mir per bürointerner Post zu schicken, in der er mich daran erinnerte, daß ich ihm $1 schuldete. Ich zahlte das Geld mit beträchtlichem Amüsement zurück – und mit neugewonnener Verachtung für den Kerl. Diesen Dollar zu verlieren, war für ihn anscheinend wichtiger, als den Respekt seiner Arbeitskollegen zu verlieren. (Denn glaubt mir, ich habe jedem davon erzählt – aber siehe Prinzip Nr. 5 weiter unten.)

Es ist für die eigene Selbstachtung und den Seelenfrieden wichtig, sich nicht mit geringfügigen Dingen aufzuhalten. Und es ist wichtig, als jemand gesehen zu werden, der das nicht tut. Ab und zu hat sich in meinem Leben irgendein Trottel wegen irgendeiner Blödheit entschuldigt, die er sagte oder tat. Und oft habe ich gnädig reagiert und so getan, als hätte ich den Vorfall vergessen. Dies ist eine nette Art zu zeigen, daß man eine große Seele hat, keine kleine. Und es ist eine nette Art, Trotteln subtil mitzuteilen, daß sie für einen so wenig zählen, daß man keinen Bock hat, sich an ihre Beleidigungen zu erinnern.

  1. Ehre deine Verpflichtungen – laß keinen Konflikt zwischen deinen Worten und Taten zu

Hier geht es um Verläßlichkeit und Integrität. Und es ist offensichtlich, warum dies wichtige Tugenden sind. Man wird es im Leben nicht weit bringen, wenn man als die Art von Person wahrgenommen wird, die Sachen nicht zu Ende bringt, auf die man nicht zählen kann, oder die das eine sagt und das andere tut. Manchmal ist es sogar notwendig, an etwas oder jemandem festzuhalten, selbst wenn man erkannt hat, daß man die falsche Entscheidung getroffen hat. Manchmal ist Aufhören oder einen Rückzieher machen schlimmer, als bei einer schlechten Idee zu bleiben.

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Warum Musik? Ein Blick auf Kunst und Propaganda

Anne Vallayer-Coster, „Attributes of Music“, 1770

Anne Vallayer-Coster, „Attributes of Music“, 1770

Von Elizabeth Whitcombe, übersetzt von Deep Roots. Das Original Why Music? A Look at Art & Propaganda erschien im November 2009 in Ab Aeterno bzw. am 14. November 2013 auf Counter-Currents Publishing / North American New Right.

Musik kann unsere Emotionen und die Qualität unserer Urteile beeinflussen.

Unsere Emotionen spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie wir Überlegungen anstellen. Wenn wir emotional aus dem Gleichgewicht sind, werden wir nicht so effektiv überlegen können. Musik ist die Kunstform, die am meisten dazu in der Lage ist, uns vom kritischen Denken abzubringen.

Unsere Gehirne haben eine plastische Eigenschaft – die Schaltkreise, die wir mehr benutzen, werden stärker, jene, die wir weniger benutzen, verkümmern. Die Eigenschaften der Musik, die man hört, und die Art, wie man sie hört, beeinflussen die Fähigkeit zum Treffen von Entscheidungen.

Wegen dieser Eigenschaften ist die Musik immer ein attraktives Propagandamittel gewesen. Die Überzeugungskraft der Musik steht im Zentrum von Platos Argument für die Zensierung der Künste.[1]

Was gibt also der Musik ihre Macht? Die Natur hat uns dafür geschaffen, nach Schönheit zu suchen, und die Musik nützt unsere Hilfsmittel, mit denen wir sie finden.

Musik und das sich entwickelnde Gehirn

Musik besteht aus geordneten Tönen. Unsere Ohren fangen Vibrationen in der Umwelt um uns auf. Die Vibrationen werden im Innenohr in elektrische Impulse umgewandelt und in den Informationsverarbeitungskanal unseres Gehirns geschickt.

Millionen elektrischer Pulse werden jede Sekunde ins Zentralnervensystem geleitet. Eine Ballung von Nervenzellen, die retikuläres Aktivierungssystem (RAS) genannt wird, muß auswählen, welche Pulse interessant genug für den Geist sind, um auf sie zu achten.

Das RAS wird insbesondere von geordneten akustischen Takten und Rhythmus angezogen. Ein regelmäßiger Rhythmus kann die Aufmerksamkeit des Gehirns so sehr absorbieren, daß andere automatische Systeme von dem Takt mitgerissen werden – zum Beispiel unbewußtes Fußklopfen, Auf- und Abbewegen des Kopfes und dergleichen.

Musik ist ein Weg, um Gruppenaufmerksamkeit zu fokussieren: von Gottesdiensten über militärische Märsche bis zu Trommelkreisen. Ein starker Takt scheint Menschen zu Anstrengungen zu treiben, die ansonsten extrem schwierig wären. In seinem Buch The Influence of Music on Behaviour von 1927 merkt Charles Diserens an, wie Musikhörer in manchen Fällen dabei so in Anspruch genommen werden, daß sie in einen tranceartigen Zustand eintreten.[2] Ein modernes Beispiel wäre die Energie einer Menschenmenge bei einem Konzert. Musik hat ein riesiges Potential zur Schaffung einer Menschenmasse.

Pawlow’scher Ton

Matthias Grünewald, „Engelskonzert“ (Detail), 1515

Matthias Grünewald, „Engelskonzert“ (Detail), 1515

Musik kann uns mit einem angenehmen Erlebnis „belohnen“ oder mit Streß „bestrafen“. Das tut sie, indem sie das Gehirn zur Freisetzung von Chemikalien anregt und unsere Heuristiken manipuliert.

Heuristiken sind einfache Regeln, die unser Gehirn benutzt, um Informationen effizienter zu verarbeiten. Sie sind „Daumenregeln“, die uns dabei helfen, Entscheidungen zu treffen, Urteile zu fällen und Probleme zu lösen.

Das Gehirn hat sich dazu entwickelt, Dinge anzunehmen, die uns zu überleben helfen. Heuristiken helfen dabei. Wir bekommen ein „Hochgefühl“, wenn wir richtig raten, und empfinden Streß, wenn wir falsch raten – insbesondere wenn wir wiederholt falsch raten. Musik spielt auf einer sehr tiefen Ebene mit diesem Wunsch, „richtig zu raten“. Dies ist die Schönheit von Harmonie und Melodie.

Harmonie entsteht in der Musik, wenn einander ergänzende Schwingungen gemeinsam oder nacheinander gespielt werden. Der Verstand erwartet, daß die Noten einer Melodie über die Tonleiter auf und ab variieren, aber dazu tendieren, mit irgendeiner Kombination komplementärer Schwingungen zu enden. Wenn die Melodie sehr unvorhersehbar ist, wird der Verstand gestreßt: welche Tonart ist das? Welche Note kommt am wahrscheinlichsten als nächstes? Dies ist nicht schön!

Tatsächlich hat es diesen Wunsch nach Harmonie bei Säugetieren und Vögeln seit sehr früher Zeit gegeben. Petr Janata von der University of California/Davis spielte einer Eule den Donauwalzer von Strauss vor, aber mit stellenweise weggelassenen wichtigen Schwingungen.[3] Professor Janata maß die elektrischen Pulse, die aus dem Teil des Eulengehirns kamen, der die Töne verarbeitete, und fand heraus, daß die Eule die fehlenden Schwingungen wieder in den Walzer eingefügt hatte! Das Bedürfnis, unsere Umwelt korrekt vorauszuberechnen – und die heuristischen Mittel, die wir als Abkürzungen verwenden – sind ein sehr alter Teil unseres Wesens.

Es gibt Musik, die bewußt darauf abzielt, diese Erwartungen zu frustrieren – zum Beispiel die Musik von Arnold Schönberg. Schönberg schrieb Musik, die Vorhersehbarkeit vermeidet und eine Menge aktiver Analyse erfordert.

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