Wer da? (Das Ding aus einer anderen Welt)

Von John W. Campbell Jr.; deutsche Übersetzung von Uwe Anton. Das Original „Who Goes There?“ erschien 1938. Die Illustration im Text stammt vom SF-Künstler Wayne Barlowe.

1

Es stank. Die schneeüberschütteten Hütten des Antarktis-Lagers strömten einen seltsamen, undefinierbaren Geruch aus, zusammengesetzt aus dem beißenden Schweiß der Menschen und dem durchdringenden, nach verwesendem Fisch stinkenden Tran der Robben. Über den modrigen Ausströmungen der schweiß- und schneegetränkten Felle lag der Geruch der Futtermittel. Der scharfe Gestank verbrannten Fetts und die nicht unangenehme Ausdünstung der Hunde, vom Wind schon fast verweht, hingen in der Luft.

Die durchdringenden Gerüche des Maschinenöls kontrastierten scharf mit denen der ledernen Geschirre und der Kleidung. Aber über all diesen Gerüchen der Menschen und ihrer Mitbringsel – Hunde, Maschinen und Nahrungsmittel – lag noch eine weitere Duftnote. Obwohl sie so schwach war, daß man sie kaum unter den gewohnten Gerüchen der Station ausmachen konnte, war sie dennoch so seltsam, daß den Männern wegen ihr eine Gänsehaut über den Rücken lief. Es war ein Geruch, wie ihn nur Leben ausstrahlen konnte, aber dennoch kam er von einem Etwas, das sorgfältig mit Stricken und wasserdichten Folien auf dem Tisch verschnürt lag. Unter dem hellen Glanz der unbeschirmten Glühbirne wartete es dort, massig und dunkel, und in monotonem Rhythmus lösten sich Wassertropfen davon und klatschten auf die schweren Holzplanken des Fußbodens.

Blair, der kleine kahlköpfige Biologe der Expedition, zerrte nervös an den Folien und legte dabei klares, dunkles Eis bloß, nur um sie dann sofort wieder ruhelos zurückzuschieben. Seine abgehackten, von unterdrücktem Eifer zeugenden Bewegungen verursachten tanzende Schatten auf der ausgefransten, schmutziggrauen Unterwäsche, die unter der niedrigen Decke auf der Leine hing, und sein übriggebliebener, dichter Haarstreifen, der sich um den Kopf zog, wirkte auf den Schattenbildern wie ein verzerrter Halo, der sich um den nackten Schädel des Mannes gelegt hatte.

Kommandant Garry wischte die schlaff herabhängenden Beine einer langen Unterhose beiseite und trat auf den Tisch zu. Aufmerksam glitt sein Blick über die Gruppen der Männer, die in dem Verwaltungsgebäude eingepfercht waren. Sein großer, steifer Körper streckte sich schließlich, und er nickte. „Siebenunddreißig“, sagte er. „Es sind alle hier.“ Seine Stimme war tief und zeugte von der deutlichen Autorität eines Mannes, der sowohl von Natur aus als auch vom Titel her Kommandant war.

„In Umrissen kennt ihr die Geschichte dieses Fundes der Zweiten Polarexpedition. Ich habe mit dem stellvertretenden Kommandanten McReady, mit Norris und auch mit Blair und Dr. Copper gesprochen. Wir haben eine Meinungsverschiedenheit, und da sie die ganze Gruppe betrifft, ist es nur recht und billig, daß sich alle Teilnehmer der Expedition persönlich hier befinden. Ich werde McReady bitten, euch die Details des Fundes mitzuteilen, da ihr mit eurer eigenen Arbeit zu beschäftigt seid, um euch noch darum zu kümmern, was die anderen unternehmen. McReady, bitte.“

McReadys Gestalt – sie schien einem alten, vergessenen Mythos zu entstammen, eine vor Leben nur so strotzende bronzene Skulptur – hob sich undeutlich unter dem blauen Tabaksdunst hervor. Der über einen Meter und neunzig große Mann kam zum Tisch. Mit einer fast schon charakteristischen Bewegung schaute er zu den niedrig hängenden Gebälkverstrebungen und richtete sich dann erst zur vollen Größe auf. Er trug noch seinen groben, grellgelben Anorak, aber selbst hier, einen Meter und zwanzig unter den Stürmen, die über die antarktische Eiswüste fegten und auch vor der Hütte keinen Halt machten, schien das nicht unangebracht, denn auch hier war die Kälte des vereisten Kontinents noch deutlich zu spüren und erklärte auch das verhärmte Aussehen des Mannes. Er war in der Tat bronzefarben – sogar sein kupferroter Bart und sein dichtes Haar, die knotigen, zerfurchten Hände, die sich öffneten und wieder schlossen und dann endlich auf den hölzernen Brettern des Tisches zur Ruhe kamen. Sogar seine tiefliegenden Augen hinter den dichten Brauen waren bronzefarben.

Die der Zeit widerstehende Ausdauer von Metall spiegelte sich in seinen tief zerfurchten Gesichtszügen und in seiner dunklen Stimme.

„Norris und Blair stimmen in einem überein“, sagte er. „Das Tier, das wir gefunden haben, ist nicht – irdischen Ursprungs. Norris fürchtet, daß es Gefahr in sich birgt, Blair aber nicht. Aber zurück dazu, wie und warum wir es gefunden haben. Bevor wir hierher kamen, glaubte man, daß das Lager genau über dem magnetischen Südpol der Erde läge. Ihr alle wißt, daß der Kompaß hier genau nach unten deutet. Die genaueren Instrumente der Physiker, Instrumente, die speziell für eine Expedition und die Erforschung des magnetischen Pols gefertigt wurden, entdeckten einen weiteren, weniger starken magnetischen Ausschlag in etwa achtzig Meilen südwestlicher Richtung vom Lager.

Die zweite Expedition wurde ausgeschickt, um diesen Ausschlag näher zu untersuchen. Details dazu sind überflüssig. Wir fanden den Quell der magnetischen Strahlung, aber er bestand nicht aus einem riesigen Meteoriten oder einem magnetischen Berg, wie Norris es vermutet hatte. Eisenerz ist natürlich magnetisch, reines Eisen sogar in stärkerem Ausmaß, und gewisse spezielle Stahllegierungen noch mehr. Die Oberflächenuntersuchungen ergaben, daß dieser Pol etwa dreißig Meter unter dem Eis lag, am Fuße eines Gletschers.

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