Das. Ist. Nicht. Sparta. (7): Spartanische Ziele

Die Seeschlacht bei Salamis (480 v. Chr.), in der eine griechische Koalition mit geringfügiger spartanischer Beteiligung gegen die Perser kämpfte. (Bild nicht aus dem Artikel)

Von Bret Devereaux, übersetzt und mit einem Titelbild und zusätzlichen Links versehen von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part VII: Spartan Ends erschien am 27. September 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta, Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule(2): Spartanische Gleichheit, (3): Spartanische Frauen, (4) Spartanischer Reichtum, (5) Die spartanische Regierung und (6) Sparta in der Schlacht.

Dies ist der siebte (und letzte!) Teil unserer siebenteiligen Betrachtung von Sparta in der allgemeinen Erinnerung und in der historischen Wahrheit. Letztes Mal redeten wir über Spartas Erfolgsbilanz auf dem Schlachtfeld und stellten dabei fest, daß sie zutiefst enttäuschender Durchschnitt war. Längerfristige Leser werden natürlich wissen, daß wir militärische Effektivität nicht nach Schlachten beurteilen können – die Frage ist immer die Erreichung strategischer Ziele.

Außerdem hat unsere letzte Diskussion über Spartas Leistung auf dem Schlachtfeld uns ein bißchen ein Rätsel beschert. Die Spartaner waren hinsichtlich einiger ihrer Kampffähigkeiten tatsächlich über dem Durchschnitt verglichen mit anderen poleis, aber das übertrug sich nicht in eine positive Siegesbilanz. Wir können also fragen: warum? Welche anderen Mängel behinderten ihre Leistung?

Also werden wir heute aus der letztes Mal besprochenen rein taktischen Schicht herauszoomen in die operationelle Schicht und schließlich in die strategische (soger jene der großen Strategie). Sparta hat in der allgemeinen Vorstellung immerhin einen Ruf effektiver Staatskunst, also werden wir fragen, welche Ziele setzten die Spartaner sich? In welchem Ausmaß erreichten sie diese Ziele, und in welchem Maß waren diese Ziele wünschenswert?

Aber klären wir zuerst ein paar Begriffe. Militärisches Denken ist wie Oger sind wie Zwiebeln – sie haben Schichten.

Wir unterteilen diese Schichten in Taktik, Operationen und Strategie. Sehr einfach ausgedrückt ist Taktik die Schicht des militärischen Denkens, die das betrifft, wie eine Armee kämpft; wir diskutierten das letztes Mal. Operationen ist die Schicht des Denkens, die sich damit befaßt, die Armee in den Kampf zu bekommen – großmaßstäbliche Koordination und Logistik sind hier zu Hause. Strategie befaßt sich mit Fragen des größeren Bildes: welche Kriege sind es wert, sie zu führen, und für welche Ziele? Große Strategie erweitert dieses Denken über das Militärische hinaus auf politische, kulturelle und wirtschaftliche Institutionen.

Was wir heute tun werden, ist zuerst, Spartas operationelle Fähigkeiten zu beurteilen – wie gut sie Armeen aufstellen, verlegen und versorgen. Dann werden wir zur strategischen Schicht hochspringen und beurteilen, wie gut Sparta Ziele (das, was man erreichen will) mit Mitteln koordiniert (den Methoden, die man anwendet, um es zu bekommen). Und schließlich werden wir, eines nach dem anderen, die verschiedenen strategischen Ziele beurteilen, die Sparta manchmal zugeschrieben werden: in welchem Ausmaß erreichten die Spartaner sie, und waren sie es wert, erreicht zu werden?

Spartanische Operationen

Einfach ausgedrückt, waren die spartanischen Operationsfähigkeiten extrem begrenzt, selbst nach den bereits niedrigen Standards Gleichrangiger, das heißt, sehr großer griechischer poleis (wie Athen oder Syrakus).

Die griechische Logistik in dieser Periode war allgemein sehr begrenzt verglichen mit mazedonischen oder römischen Logistikfähigkeiten in nachfolgenden Jahrhunderten, oder mit zeitgenössischen persischen Logistikfähigkeiten. Ironischerweise betrifft die längste Studie klassischer griechischer Logistik die Feldzüge von Xenophon (J.W. Lee, A Greek army on the March (2008)), das heißt, sie befaßt sich nicht mit Amateuren aus einer polis, sondern mit einer Armee professioneller Söldner, und doch ist selbst diese griechische Logistik – wahrscheinlich der Goldstandard ihrer Zeit – erstaunlich unterentwickelt verglichen mit dem, was die Mazedonier ein halbes Jahrhundert später auf demselben Terrain zu tun fähig sein werden (siehe D.W. Engels, Alexander the Great and the Logistics of the Macedonian Army (1978)).

Sehr kurz ausgedrückt: Griechische Armeen scheinen relativ wenige Transport- oder Logistikkapazitäten gehabt zu haben. Sie scheinen nicht allgemein mit ausreichenden technischen Werkzeugen oder Materialien für effektive Feldbefestigungen oder Belagerungskrieg unterwegs gewesen zu sein. Dies wird verschärft durch ihre Unfähigkeit, unterwegs Getreide zu mahlen (etwas, das mazedonische und römische Armeen konnten), was das Problem der Nutzung von örtlichen Versorgungsgütern verschärft. Man kann ungemahlenes Getreide essen (es kann geröstet oder zu Grütze gekocht werden), aber das ist weniger als ideal. Was sie zu haben tendieren, ist eine hohe Zahl von nicht kämpfenden persönlichen Dienern (genau die Art von Leuten, die gute römische oder mazedonische Generäle so bald wie möglich aus dem Lager vertreiben), die zusätzliche logistische Belastungen verursachen, ohne die operationelle Reichweite oder Ausdauer der Armee sehr zu erhöhen. Als Folge davon hatten griechische Armeen Schwierigkeiten, das ganze Jahr über im Feld zu bleiben, während römische und mazedonische Armeen routinemäßig zu ganzjährigen Feldzügen in der Lage waren.

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Das. Ist. Nicht. Sparta. (6): Sparta in der Schlacht

Aus „300“: Leonidas (Gerard Butler) verabschiedet sich von seiner Frau Gorgo (Lena Headey) und seinem Sohn.

Von Bret Devereaux, übersetzt und mit einem Titelbild und zusätzlichen Links versehen von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part VI: Spartan Battle erschien am 20. September 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta, Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule(2): Spartanische Gleichheit, (3): Spartanische Frauen, (4) Spartanischer Reichtum und (5) Die spartanische Regierung.

Diese Woche gibt’s den Teil, auf den ihr alle gewartet habt – wir werden uns ansehen, wie die Spartaner kämpften. Dies ist Teil sechs unserer Serie, die Sparta und seinen Platz im kulturellen Gedächtnis betrachtet. Wie wir zuvor kurz diskutierten, gibt es in der Sparta-Mystik zwei zentrale Mythen, den Mythos von der spartanischen Gleichheit und den Mythos von der spartanischen militärischen Exzellenz. Wir haben die letzten vier Wochen mit der Untersuchung des ersteren verbracht und herausgefunden, daß er schwer zu wünschen übrig läßt.

Natürlich ist der Mythos von der spartanischen Gleichheit nicht das, was Spartas Platz in der Populärkultur garantiert. Sicher, Akademiker und die Autoren von Meinungskolumnen mögen über die spartanische Gesellschaft diskutieren, aber wir machen keine Filme und Videospiele über die spartanische Gesellschaft (vielleicht sollten wir das – sie wären erschütternde Dystopien, aber dafür gibt es heutzutage einen Markt). Wir machen Filme und Videospiele über spartanische Krieger. Und für eine Menge Leute ist das alles, was zählt – die Kindesmißhandlung, Brutalität und Sklaverei, der demographische Kollaps und der ganze Rest wird irgendwie „die Sache wert“, wenn das dazu führt, daß Sparta die „besten“ Krieger hervorbringt.

Nun erhebe ich klarerweise heftig Einspruch gegen diese Position. Welche Ehre wird gewonnen durch die mächtige Verteidigung eines entsetzlichen, unmenschlichen Systems? Aber so viel vom Ruhm der Spartaner – was sie auch immer für Lebensumstände schützten – steckt in ihrem Ruf als Krieger.

Spartaner sollen Krieger sein, vielleicht die ultimativen Krieger. Oder vielleicht totale Krieger, was immer das bedeutet (so gut ich sagen kann, bedeutet es „mittelmäßiges Hauen und Stechen“, was, wie wir sehen werden, seltsam angemessen ist). Wie soll euer Einmannarmee-Supersoldat genannt werden? Es liegt auf der Hand, daß ihr ihn Spartaner nennt. Oder John Spartan.

Und all das, bevor wir hierzu kommen:

Diese Szene – und keine andere Szene in diesem Film – ist tatsächlich eine der besseren Darstellungen von griechischem Hoplitenkrieg, die ich in Filmen gesehen habe. Sie ist nicht perfekt – die Spartaner halten wahrscheinlich ihre Speere falsch, und „alle zusammen STOSSEN und vereint drängen“ wird nirgendwo in unseren Quellen beschrieben (es ist kaum dasselbe wie der othismos, den ich hier nicht debattieren werde). Aber hinsichtlich der Darstellung der dichten Formation mit einander überlappenden Schilden ist sie besser als der Durchschnitt.

Das Bild von Sparta und den Spartanern, das hier präsentiert wird, hat ein paar ineinandergreifende Teile. Wir werden diese Teile auseinandernehmen und separat zerlegen, sodaß wir sie einen nach dem anderen gegen die antiken Belege testen können. Insbesondere wollen wir diese Vorstellungen testen:

  • Daß die spartanische Phalanx qualitativ anders und besser war – hinsichtlich Organisation, Disziplin oder Kampffähigkeiten – als die Phalanxen anderer griechischer poleis oderr sogar anderer antiker Staaten.
  • Daß der einzelne Spartaner – oder einfach Spartiat – individuell eine Art idealer oder ultimativer Krieger war.
  • Daß – als Konsequenz der beiden vorherigen – die Spartaner die beste Armee in Griechenland hatten und eine qualitativ sehr hochwertige Armee nach den Maßstäben der antiken Welt.

Jetzt ist also der Mythos von der spartanischen militärischen Exzellenz an der Reihe, um auf die Probe gestellt zu werden. Ich möchte klarstellen, daß die Analyse dieser Woche eine Kampanalyse Pfund für Pfund ist – wir werden Strategie, Logistik und Umfang nächste Woche betrachten, wenn wir die Serie beschließen. Heute geht es nur um das Gewinnen von Schlachten, was, wie wir nächste Woche sehen werden, noch lange nicht bedeutet, Kriege zu gewinnen oder große strategische Ziele zu erreichen.

Ergreift also eure Schilde, nehmt eure Speere, setzt eure Helme auf, denn es ist Zeit für ein paar Hoplitenschlachten.

Und jetzt alle zusammen

Als die Spartaner in 300 bei den Thermopylen ankommen, hält Leonidas eine Rede vor Ephialtes (der aus irgendeinem Grund von einem örtlichen Schafhirten in einen lakedaimonischen hypomeion verwandelt wurde) über die Stärke der spartanischen Phalanx. Jeder Hoplit in der Formation – wobei Hoplit der Ausdruck für den schweren griechischen Infanteristen ist, der den aspis-Schild trug (der manchmal hoplon genannt wird, daher der Name) – deckte nicht nur sich selbst mit seinem Schild, sondern auch den Mann zu seiner Linken. 300 stellt das als irgendwie einzigartig spartanisch dar – wenn die Arkadier kämpfen, sind sie verglichen mit den Spartanern „mehr Raufbolde als Krieger, sie machen ein erstaunliches Chaos daraus“.

Leonidas erklärt Ephialtes die Phalanx. Die volle Zeile lautet: „Dein Vater hätte dir sagen sollen, wie unsere Phalanx funktioniert. Wir kämpfen als eine einzige undurchdringliche Einheit. Das ist die Quelle unserer Stärke. Jeder Spartaner schützt den Mann zu seiner Linken vom Oberschenkel bis zum Hals mit seinem Schild. Eine einzige schwache Stelle, und die Phalanx zerbricht.“ Das ist ein starkes Stück von einer polis, die immer in Koalitionen mit anderen griechischen Staaten kämpfte, die immer ihre eigenen Nichtspartiaten zum Kampf in der Phalanx zwang, manchmal sogar einschließlich versklavter Heloten (sodaß es fakisch VIELE schwache Stellen gab), und die sich zunehmend auf hypomeiones – wie diese Version von Ephialtes – stützen sollte, die anstelle der ständig weniger werdenden, immer reicheren Spartiaten kämpften.

(Eine pedantische Anmerkung: Ich weiß natürlich von der Debatte unter griechischen Historikern über die Natur der Phalanx. Ich vertrete – mit einigen Modifikationen – die „orthodoxe“ Sicht auf die Hoplitenphalanx (mehr Western Way of War und weniger Greek Warfare: Myths and Realities), und daher werdet ihr hier diese bekommen. Macht euch nichts draus, wenn euch das nichts bedeutet – es ist bloß dazu da, um die Handvoll von Leuten zu informieren, die es kümmert. Dieses Argument wird dadurch weder im einen noch im anderen Fall verändert.)

Dieser Eindruck – daß der Hoplit irgendwie zu Sparta gehört – wird durch die Art, wie Objekte wie der korintische Helm, der runde griechische aspis-Schild (jene „spartanischen“ Hindernisrennen verwenden beides!), manchmal sogar die komplette Hoplitenausrüstung, in der Populärkultur als spartanische Bildsprache statt als [allgemeine] griechische Bildsprache assimiliert worden sind. Ich habe mehr schlechte Netzartikel gesehen, als ich zählen kann, wo diese Sachen als „spartanische“ Ausrüstung bezeichnet werden, als ob der Rest der Griechen etwas anderes getragen hätte.

Dies… ist Unsinn. Die Hoplitenphalanx war der gemeinsame Kampfstil von im Wesentlichen allen griechischen poleis. Sie war nicht einzigartig für Sparta.

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Das. Ist. Nicht. Sparta. (4): Spartanischer Reichtum

Von Bret Devereaux, übersetzt von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part IV: Spartan Wealth erschien am 5. September 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta, Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule, (2) Spartanische Gleichheit und (3) Spartanische Frauen.

Diese Woche sehen wir uns mehr an, wie das Leben in Sparta wirklich war, und fokussieren uns diesmal auf Reichtum und Grundbesitz. Letztes Mal betrachteten wir die Frage des täglichen Lebens für Frauen in Sparta und kamen zu dem Schluß, daß die Unterdrückung, mit der die große Mehrheit der Frauen in Sparta – die weiblichen Heloten – es zu tun hatte, viel schwerer wog als alles, was elitäre Spartiatenfrauen dadurch an mageren Vorteilen hatten. Dies ist Teil IV unserer siebenteiligen Reihe über den Gegensatz zwischen dem Bild Spartas und der Wirklichkeit.

Wie in Teil 2 festgestellt, haben wir konträr zu der Nostalgie nach einfacheren Zeiten, die sich durch unsere literarischen Quellen zieht, gute Belege dafür, daß es immer bedeutende Ungleichheiten in Wohlstand und Status sowohl zwischen den spartanischen Klassen (Bürger, Freier, Sklave) gab als auch innerhalb jener Klassen. Während wir letzte Woche sahen, wie scharf dies das tägliche Leben für spartanische Frauen formte, werden wir diese Woche ein wenig herauszoomen, um ganze spartanische Haushalte zu betrachten – besonders jene der Spartiaten… und ehemaligen Spartiaten.

Und wie immer gibt es hier ein hilfreiches Glossar, aber wir werden alle Begriffe bei der ersten Erwähnung ebenfalls definieren, also braucht ihr nicht das Gefühl zu haben, darauf zurückgreifen zu müssen, sofern ihr nicht denkt, etwas übersehen zu haben.

Die Frage, die wir heute angehen, ist die Vorstellung, daß die spartanische Gesellschaft besonders zusammenhaltend und stabil war. Wenn ich Nick Burns – ein letztes Mal – als Beispiel für diese Idee da draußen verwenden darf:

Das für mein Auge Beeindruckendste an Sparta war das Maß an Gleichheit und Zusammenhalt *unter Bürgern*. War das nur möglich durch die Tyrannisierung der umgebenden Bevölkerung? Das ist nicht unwahrscheinlich.

Aber es kommt mir der Gedanke, daß sie genauso sehr hätten tyrannisieren und dennoch innerhalb ihrer Reihen ungleich sein können. Ich denke an Schumpeters Diktum: Demokratie ist die Herrschaft einer Untergruppe der Gesellschaft, die innerhalb ihrer eigenen Reihen demokratisch ist.

Diese Idee widerspiegelt sich häufig in populären Bildern von Sparta. Die Spartiaten selbst – vielleicht mit Ausnahme der Könige – sind identisch und austauschbar. Sie haben dieselben Lebenserfahrungen, dieselbe Weltsicht und dieselbe Mentalität. Diese Vision von Sparta durchzieht das, wie es in Filmen und Spielen erscheint – es gibt eine gemeinsame „spartanische Erfahrung“, die den Spartanern das extreme Solidaritätsgefühl verleiht. Natürlich haben wir bereits gesehen, wie schon die Zusammensetzung der spartanischen Gesellschaft bedeutet, daß nur eine winzige Minderheit der Spartaner überhaupt an dieser gemeinsamen Erfahrung teilhat – aber allzu oft „lösen“ Filme wie 300 dieses Problem, indem sie einfach alle anderen aus der Geschichte schreiben.

Alle anderen werden aus der Geschichte geschrieben. Zu Leonidas‘ Armee gehörten 300 Spartiaten, aber auch ungefähr 900 Periöken (Diodorus 11.4; Hdt. 7.202) und eine unbekannte Zahl – aber nicht null – von Heloten (Hdt. 8.25.1). Diese wurden im Film alle einfach weggelassen.

Dies dient oft als Kern einer Verteidigung von Sparta – daß das System vielleicht brutal gewesen ist, es aber eine radikale Nivellierung bewirkte, die einen wahrhaft homogenen, wahrhaft zusammenhaltenden Körper in seinem Zentrum schuf. Wir haben bereits diskutiert, daß ein Teil davon nicht wahr ist – es gab schon von Anfang an reale Wohlstandsunterschiede zwischen Spartiaten – aber nun möchte ich tiefer darauf eingehen, warum das eine Rolle spielt.

Denn es stellt sich heraus, daß – zumindest in der klassischen Periode (ca. 480 v. Chr. bis 323 v. Chr. – der Zeitraum, für den wir wirklich solide Belege für die spartanische Gesellschaft haben) – selbst unter den „freien“ Menschen Spartas und sogar unter den Spartiaten selbst diese Gemeinsamkeit der Lebenserfahrung ein Trugbild war. Das Leben konnte für den armen Spartiaten ganz anders aussehen als für den reichen Spartiaten.

Bevor wir uns darin vertiefen, möchte ich euch auch an etwas aus Teil II und Teil III erinnern, nämlich daß die berühmte spartanische Askese nicht annähernd so alt ist, wie unsere Quellen uns glauben machen wollen. In vielen Fällen legen Wissenschaftler ihren Beginn näher an 500 v. Chr. als 700 v. Chr. (geschweige denn ca. 820 und Lykurg), aber der absolute Bestfall für das spartanische System, das wir beobachten, ist, daß es in den mittleren 600ern mit dem Abschluß der Eroberung Messeniens begann. Das spielt eine große Rolle, wenn man über die Stabilität dieses Systems redet, wozu wir am Ende kommen werden.

Lebensstile der Reichen und Berühmten

Wie wir damals diskutierten, gibt es in jeder Periode, für die wir Belege haben, Anzeichen für bedeutende Wohlstandsunterschiede in Sparta, sowohl zwischen den Klassen als auch innerhalb der Bürgerklasse der Spartiaten.

Nun wird die Frage zu: wie sieht das aus?

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Das. Ist. Nicht. Sparta. (3): Spartanische Frauen

Lena Headey als Königin Gorgo in „300“ (Bild von Lucifex hinzugefügt)

Von Bret Devereaux, übersetzt von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part III: Spartan Women erschien am 29. August 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta, Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule und (2) Spartanische Gleichheit.

Heute werden wir uns in Teil III unserer siebenteiligen Betrachtung Spartas (IIIIVVVIVII) die Rolle der Frauen in der spartanischen Gesellschaft näher ansehen und dabei an die spartanische soziale Hierarchie denken, die wir letztes Mal festgestellt haben. Sparta hat einen Ruf – der oft von Lehrbüchern unterstützt und gefördert wird -, eine geschlechteregalitärere Gesellschaft zu sein. Ist das wahr – und noch wichtiger, für wen ist das wahr?

Oder, um die Frage anders zu stellen: war Sparta – verglichen mit anderen antiken Gesellschaften – ein „guter“ Ort, um dort als Frau geboren zu werden?

Karten auf den Tisch – dieser Beitrag hätte ursprünglich in zwei Teilen kommen sollen: dem ersten, der das Leben der Frauen in Sparta betrachtet (was nun dieser Teil ist) und dem zweiten, der die Auswirkungen der Wohlstandsungleichheit auf spartanische Familien betrachtet, mit einem Abschnitt über den (fehlenden) historischen Lykurg am Anfang. Das wurde zu lang für einen einzigen Essay, sowohl für euch zum Lesen als auch für mich zum Schreiben (nachdem ich das Hinauskriegen dieser Teile Woche für Woche mit meinem akademischen Schreiben, dem Unterrichten etc. ausbalancieren muß). Ich hätte diesen Abschnitt kürzen können, damit er reinpaßt, aber ich denke, „den Abschnitt über Frauen“ zu kürzen, „damit er hineinpaßt“ ist ein allzu häufiges Laster, und ich weigere mich, da mitzumachen, daher habe ich aus dem Essay zwei Teile gemacht (und zu meiner Verteidigung: dies ist nicht das einzige Mal, daß wir über die spartanischen Frauen reden werden. Sie sind immerhin die Hälfte der Gesellschaft).

Durch diese Teilung bleibt Lykurg hier vorne drin, den einen Kerl in einem Beitrag, der sich auf die Frauen konzentriert, aber ich wollte nicht weitermachen, bevor ich nicht die Frage der Historizität von Lykurg des Alters der spartanischen Gesellschaft behandelt hatte, die wir in unseren Quellen beobachten, also hier ist er. Wie wir sehen werden, spielt die Idee des Lykurg eine Rolle für unser Verständnis der gesamten spartanischen Gesellschaft.

Und noch eine Inhaltswarnung: Dieser Beitrag wird Diskussionen über historische sexuelle Gewalt enthalten. Es ist nichts Drastisches, aber ich verstehe es, wenn ihr das überspringen wollt.

Wie zuvor gibt es hier ein kurzes Glossar der Begriffe, aber wir werden alles definieren, wenn wir zum ersten Mal darauf stoßen, daher solltet ihr nicht ständig zurückblättern müssen.

Herrn Lykurgs Nachbarschaft

Aber bevor wir anfangen, detaillierter über spartanische Frauen, die spartanische Gesellschaft und spartanische Familien zu reden – und auch über Spartas Regierung und Militär (im Laufe der nächsten paar Wochen), ist es Zeit, daß wir über Lykurg reden. Wir sahen letztes Mal, daß unsere Quellen eine schlechte Gewohnheit haben, – unrichtigerweise – alle Probleme oder Mängel in Sparta als bloß jüngere Versäumnisse bei der Einhaltung von Lykurgs Gesetzen abzutun (selbst wenn unsere Belege sehr klar machen, daß diese „jüngeren Versäumnisse“ in Wirklichkeit schon lange bestanden). Das spielt eine Rolle, weil es eine entscheidende Frage erhebt, wenn wir über Sparta reden – welches Sparta?

Lykurg war der Name, den die Spartaner ihrer mythischen Gründergestalt gaben, einem Spartaner, der angeblich im späten 9. Vorchristlichen Jahrhundert lebte und die spartanische Gesellschaft begründet hatte, so wie wir sie in der klassischen Periode sehen. Fast alle unsere Details über sein Leben stammen aus einer Biographie von Plutarch, die ca. 100 n. Chr. geschrieben wurde (dieses Datum wird gleich wichtig sein). Die Geschichte, die die Spartaner erzählten, ging so:

Es war einmal… da lebte ein Spartaner namens Lykurg, und er war der allerbeste Spartaner…

Lykurg war der jüngere Bruder eines der beiden Könige Spartas gewesen, aber er verließ Sparta, um zu reisen, als sein Bruder starb, sodaß er keine Bedrohung für seinen jungen Neffen wäre.

Nach einer Weile baten die Spartaner Lykurg, zurückzukommen und die Gesellschaft neu zu organisieren, und Lykurg gestaltete die spartanische Gesellschaft – mit dem Segen des Orakels von Delphi – radikal zu der Form um, die sie für die nächsten 400 Jahre haben sollte. Er veränderte nicht nur die Regierung, sondern erließ Gesetze für jede Facette des Lebens, von der Kindererziehung über die Ehe, die Struktur der Haushalte bis zur Wirtschaftsstruktur, für alles. Sobald er das geschafft hatte, ging Lykurg zurück nach Delphi, aber bevor er abreiste, ließ er alle Spartaner versprechen, daß sie seine Gesetze nicht verändern würden, bis er zurückkehrte. Als das Orakel ihm gesagt hatte, daß seine Gesetze gut waren, beging er Selbstmord, sodaß er niemals nach Sparta zurückkehren würde, wodurch er verhinderte, daß seine Gesetze jemals aufgehoben würden. Daher änderten die Spartaner niemals Lykurgs Gesetze, die von Apollo selbst für perfekt erklärt worden waren. In weiterer Folge brachten die Spartaner Lykurg göttliche Ehren entgegen, und in Sparta wurde er als Gott verehrt.

Und so gestaltete Lykurg Sparta um.

Die Rolle, der Lykurg in den Quellen dient, ist jene der perfekten, unfehlbaren Gründerfigur. Nichts Geringeres als das Orakel von Delphi – das göttliche Wort Apollos – erklärte Lykurg zum Gott (Hdt. 1.65.3). Für spätere Quellen – die, wie wir betonen müssen ihre eigene Religion glauben (wie es Menschen überall zu tun pflegen – bedeutet das im Grunde a priori, daß Lykurgs „Verfassung“ praktisch fehlerlos sein muß und daß alle Mängel aus deren unvollkommener Umsetzung stammen müssen.

Aber – wartet mal – was ist unser Beweis für die wirkliche Person des Lykurg oder für den Charakter des Staates, den er begründete?

Erinnert euch, wie ich sagte, daß Lykurg auf das späte 9. vorchristliche Jahrhundert datiert wird – spezifisch ungefähr die 820er v. Chr. Das ist ein riesiges Problem. Die früheste griechische Literatur stammt ungefähr (sehr ungefähr – es gibt hier eine tiefe wissenschaftliche Debatte, die ich übergehe) aus dem mittleren 8. Jahrhundert (ca. 750 v. Chr.) und ist völlig mythologischer Natur. Die erste wirkliche Geschichtsschreibung kommt von Herodot, der in den mittleren 400ern schrieb. Das früheste historische Ereignis, für das wir Belege haben, ist der Lelantische Krieg (ungefähr um 700), mindestens ein Jahrhundert nach dem Leben des Lykurg. Keine unserer Quellen enthält irgendetwas, nach dem bezüglich Lykurgs gehen kann – abgesehen von dem, was die Spartaner – die diese Gestalt bereits als Gott verehren – ihnen sagen. Entscheidend ist, daß Tyrtaeus, der in den 650ern v. Chr. schrieb, zwar die rhetra erwähnt (ein Orakel, das die Spartaner betreffend das Arrangement ihrer Regierung erhielten) Lykurg nicht erwähnt (obwohl Plutarch die beiden geschwind miteinander verbindet, Plut. Lyc. 6.5), was bedeutet, daß die früheste Quelle für Lykurgs Existenz Herodot ist.

Wartet, es wird noch besser – das eine, das wir über Lykurgs Gesetze wissen, ist daß sie nicht niedergeschrieben wurden (Plut. Lyc. 13.1). Auch unternahm Lykurg angeblich Schritte, um zu verhindern, daß seine Überreste nach Sparta zurückkehrten (Plut. Lyc. 29.5-6, but cf. 31.4), und daß es eine fortbestehende Familienlinie gäbe, was als genau die Art von Erklärung erscheint, die man am Ende einer guten Lagerfeuergeschichte dafür gibt, warum es absolut keine Spur von solch einem bedeutenden Mann außer seiner Legende gibt. Also werden nicht nur die Details über Lykurgs Leben, sondern auch die Gesellschaft, die er schuf, als mündliche Tradition weitergelebt haben – sich potentiell von einer Erzählung zur nächsten verändert haben, ausgeschmückt oder erweitert worden sein -, generationenlang, bevor sie dem dauerhaften, unveränderlichen Gedächtnis der geschriebenen Geschichte übergeben wurden.

Kurz, unser einziger Beweis für Lykurg sind die Lagerfeuergeschichten, die von Leuten, die ihn bereits als Gott verehrten, Jahrhunderte später Individuen über ihn erzählt wurden. Was bedeutet, daß es nach historischen Standards überhaupt keine verläßlichen Belege dafür gibt, daß Lykurg existierte.

Bild des Lykurg als einer der 23 Großen Gesetzgeber im U.S.-Repräsentantenhaus. Ich muß zugeben, wenn ich Solon, Hammurabi, Thomas Jefferson oder Justinian wäre (alles wirkliche historische Gestalten, die in der Reliefgruppe enthalten sind), wäre ich ein bißchen beleidigt darüber, mit Lykurg in einen Topf geworfen zu werden (und Lykurg wäre vermutlich beleidigt, mit bloßen Sterblichen gruppiert zu werden).

Es gibt tatsächlich einige klare Diskrepanzen in den Darstellungen Lykrugs, die wir haben, die darauf hindeuten, daß die Geschichte seiner Gesetze nicht so stattgefunden haben kann, wie die Spartaner sie erzählten. Die offenkundigste ist die Sache mit den kleroi. Plutarch sagt uns, daß Lykurg für dieses System verantwortlich war (und die Spartaner scheinen das so ziemlich geglaubt zu haben), das entweder 9000 gleiche Grundstücke schuf, oder andernfalls 6000 oder auch 4500, die später vom spartanischen König Polydorus (reg. ca. 700 – ca. 665, Plut. Lyc. 8.1-3) ergänzt wurden.

Wie wir letzte Woche diskutierten, erhielt jeder Spartaner einen kleros – ein Stück Staatsland, das von Heloten bearbeitet wurde -, um seinen Lebensstil zu erhalten. Aber – wie wir wissen – die meisten der kleroi und die große Mehrheit der Heloten befanden sich in Messenien, Land, über das Sparta nicht vor den frühen 600ern Kontrolle haben sollte – eine Eroberungsleistung, die, wie ihr euch von letzter Woche erinnern werdet, Tyrtaeus der Generation seines Großvaters zuschreibt (Tyrtaeus f. 5, West (1993), 23). Wenn das kleros-System in der Zeit Lykurgs geschaffen worden wäre, hätte es keine 4500 kleroi geben können, geschweige denn 9000.

Und doch wird Lykurg in Schulbüchern oft als historische Gestalt behandelt, besonders um den Beginn des spartanischen Gesellschaftssystems zu datieren. Das wiederum hinterläßt bei Studenten den Eindruck, daß diese klagenden Passagen – „sicherlich sind die Dinge in Sparta jetzt schlecht, aber sie waren unter Lykurg besser“ – in unseren Quellen eine Art von Realität widerspiegeln. Außerdem gibt es einen falschen Eindruck von der Stabilität nicht nur des spartanischen Staates, sondern auch der spartanischen Gesellschaft. Studenten werden dazu angeregt, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die ungebrochen von 820 bis mindestens 371 mit denselben gesellschaftlichen, kulturellen und Regierungsinstitutionen eingefroren war. Dies kann nicht wahr sein, allein schon aus dem Grund, daß das Sparta, das unsere Quellen beschreiben – wie wir letzte Woche klargemacht haben -, nicht ohne die riesige Zahl von Heloten funktionieren kann, von denen die meisten sich in Messenien befanden und bis zum 700 Jahrhundert noch unbesiegt waren.

Lykurg wird oft Solon entgegengestellt – den athenischen Reformer des frühen 6. Jahrhunderts. Es ist wahr, daß Athener ebenfalls dazu tendieren, Solon Dinge zuzuschreiben, die spätere Entwicklungen waren, aber wir müssen die entscheidenden Unterschiede anmerken: Solon kommt zwei Jahrhunderte nach Lykurg (somit anders als  Lykurg in historischer Zeit), erhielt keine göttlichen Ehrungen, und was am wichtigsten ist, es gibt Schriften von ihm (er schrieb Gedichte, von denen manche überlebten), sodaß wir wissen können, daß er eine wirkliche Person war. Studenten zu ersuchen – wie ich es gesehen habe -, einen realen, mit Fehlern behafteten Reformer mit einem idealisierten, halb-mythischen Halbgott zu vergleichen, ohne irgendeine Anleitung über die Natur dieser beiden Gestalten, ist ganz offen gesagt Fehlverhalten im Unterrichtswesen.

Relief eines wirklichen Menschen, der tatsächlich existierte. Solon als einer der 23 Großen Gesetzgeber im U.S.-Repräsentantenhaus. Nicht sein wirkliches Ebenbild – wir wissen nicht, wie Solon aussah, obwohl wir wissen, daß er einige angemessene Gedichte schrieb.

Seltsamerweise ist es, wenn man nach einer athenischen Entsprechung zu Lykurg sucht, nicht Solon aus dem 6. Jahrhundert, sondern Theseus. Ihr wißt schon – der Kerl, der den Minotaurus im Labyrinth tötete – dieser Theseus. Wie Lykurg war Theseus eine legendäre Gründergestalt – er soll für die politische Einigung Athens verantwortlich gewesen sein -, die göttliche/Heldenehrungen in seiner Heimatstadt erhielt und Gegenstand einer Biographie von Plutarch ist, die hauptsächlich auf Quellen aus dem 5. bis 3. Jahrhundert beruht (von denen nur manche überleben; in der Tat vergleicht Plutarch ausdrücklich Lykurg, Numa, Romulus und Theseus miteinander (Plut. Thes. 1.2) – von diesen wird nur Lykurg jemals als historische Gestalt behandelt). Es gibt sogar einige – törichte – Versuche, Theseus als historische Gestalt im 8. oder 9. vorchristlichen Jahrhundert zu plazieren (was ihn zu einem Zeitgenossen von Lykurg machen würde, und nein, ich scherze nicht, siehe RE Supp. XIII „Theseus”).

All das soll heißen, daß es keinen Grund gibt, Lykurg als reale historische Person zu behandeln, und keinen Grund, seine Daten (ca. 820 v. Chr.) als „Startdatum“ für den spartanischen Staat zu behandeln. Selbst falls ein Lykurg existierte (und ich bin nicht davon überzeugt, daß er historischer ist als Theseus), können wir recht sicher sein, daß er nicht den spartanischen Staat schuf, wie wir ihn kennen, weil die Struktur dieses Staates – wie wir letztes Mal diskutierten – völlig davon abhängt, eine große Zahl von Heloten zu haben, deren große Mehrheit erst in den 680ern in den spartanischen Staat gezwungen wurde, nachdem die meisten Heloten Messenier waren und nicht Lakonier.

Dies mag offenkundig oder sogar unwichtig erscheinen, aber allzu oft stellen wir Vergleiche an zwischen antiken Staaten, wie sie waren, und dem spartanischen Staat, wie man ihn sich vorstellte. Studenten werden ersucht, die athenische Demokratie, wie sie in der Praxis existierte (weil das die Belege sind, die wir haben), mit den idealisierten Darstellungen von Spartas legendärer Vergangenheit zu vergleichen – erinnert euch, selbst unsere pro-spartanischen Quellen geben alle zu, daß Sparta zu ihrer Zeit nicht mehr so funktionierte, wie sie dachten, daß „es früher funktionierte“, obwohl unsere Belege darauf hindeuteten, daß es nie so funktionierte.

Anzuerkennen, daß der lykurgische Staat nicht mehr greifbar ist, hat auch eine sehr bedeutende Auswirkung für unsere weitergehende Diskussion: wir diskutieren den spartanischen Staat, wie er von ca. 680 bis 371 existierte. Das ist es, wofür wir Belege haben. Der spartanische Staat, der vor 680 existierte, der angebliche lykurgische Staat – was immer seine Form war – ist für uns völlig verloren, außer durch (sehr begrenzte) Archäologie und Epigraphie. Wir können diesen Staat nicht diskutieren, falls er jemals überhaupt existierte.

(Pedantische Anmerkung: es ist auch keineswegs sicher, daß der spartanische Staat, wie wir ihn durch Herodot, Thukydides und Xenophon im fünften und vierten Jahrhundert beobachten können, wirklich bis ins Jahr 680 zurückreicht. Genauso wie ein paar schnelle Beispiele, Kennell, Spartans (2011) Skepsis darüber äußern, wie weit zurück die „Große Rhetra“ (wir kommen dazu) wirklich reicht, oder P.-J Shaw „Olympiad chronography and ‘Early Spartan History” (1999) dazu, daß das Ritual der Gymnopaidiai (und vielleicht die damit verbundenen spartanische Askese) spät-archaisch ist (lies: ca. 490er) statt aus Lykurgs Zeit, wie unsere Quellen annehmen. Wir sollten immer sehr vorsichtig sein, wenn irgendeine Gesellschaft uns sagt, daß ihre gegenwärtigen (oder nostalgisch erinnerten) Bräuche bis in die Nebel der Vergangenheit zurückreichen – für gewöhnlich tun sie das nicht.)

Kurz, dieser Beitrag diskutiert – wie eigentlich alle vorherigen und folgenden – den spartanischen Staat und die spartanische Gesellschaft, die wir tatsächlich in den Quellen sehen, statt irgendein mythisches Utopia, das unsere Quellen sich in der tiefen Vergangenheit vorstellen und das wahrscheinlich niemals realer war als Theseus und sein Minotaurus. Das wiederum wird prägen, wie wir diese Woche und die nächste über die spartanische Gesellschaft reden – wir werden Sparta nicht den Vertrauensbonus geben, anzunehmen, daß alles in der spartanischen Gesellschaft völlig richtig funktionierte bis eine halbe Sekunde, bevor unsere historischen Aufzeichnungen verläßlich werden… wenn schon aus keinem anderen Grund als dem, daß wir auch keiner anderen Gesellschaft diesen Vertrauensbonus geben.

Spartiatenfrauen, spartanische Frauen

Und ich denke, es ist Zeit, daß wir fokussierter über die Frauen von Sparta reden. Sparta hat in der Populärkultur einen – aus den Quellen abgeleiteten – Ruf erlangt, seinen Frauen ein größeres Maß an Freiheit und Bedeutung zu gewähren als jede andere griechische polis (ich sollte betonen, daß das eine sehr niedrige Latte ist), und solange wir über Spartiatenfrauen reden, liegt darin etwas Wahrheit.

Spartiatenmädchen machten eine ähnliche „Erziehung“ durch wie Spartiatenjungen, obwohl sie nicht aus ihrem Zuhause entfernt wurden wie ihre Brüder. Spartiatenmädchen liefen Wettrennen und wurden dazu angehalten, körperlich aktiv zu sein (Plut. Lyk. 14.3; Mor. 227; Xen. Lac. 1.4). Die Beweislage ist dünn, deutet aber recht stark darauf hin, daß Spartiatenfrauen im Allgemeinen lesen und schreiben konnten, in ziemlichem Gegensatz (noch einmal, wie es die Beweislage zuläßt) zum Rest Griechenlands. Nun machen unsere Quellen klar, daß dies zum Teil ein Produkt der Muße war, die Spartiatenfrauen hatten, nachdem die hauptsächlichen häuslichen Aufgaben griechischer Frauen – Textilherstellung und Essenszubereitung – zur Gänze in Sklavenarbeit ausgeführt wurden, die Helotenfrauen aufgezwungen wurde (Xen. Lac. 1.3; Plato, Laws. VII; Plut. Mor. 241d).

Statuette eines laufenden spartanischen Mädchens (ca. 525 – 500 v. Chr.) aus Prizren oder Dodona, nun im British Museum, London. Ihre Kleidung – die in Sparta normal war, aber skandalös für eine Bürgerfrau in Athen gewesen wäre – war eine Art, wie Spartiatenfrauen wahrscheinlich mehr Freiheit hatten als andere griechische Elitebürgerfrauen.

Während die Quellen ein Bild der athenischen Elitebürgerfrauen als praktisch abgeschieden malen, hatten Spartiatenfrauen bedeutend mehr Bewegungsfreiheit, teilweise weil sie die hauptsächlichen Leiterinnen ihrer Haushalte gewesen zu sein scheinen. Männliche Spartiaten lebten bis zum Alter von dreißig Jahren nicht zu Hause und waren selbst danach wahrscheinlich häufig auswärts (Plut. Lyc. 14.1; Mor. 228b). Spartiatenfrauen konnten auch in einem größeren Maß als in Athen oder anderswo in Griechenland erben und in ihrem eigenen Namen Grund besitzen (man beachte zum Beispiel Plut. Agis 7.3-4). Man bekommt aus den Quellen den starken Eindruck, daß dies den Spartiatenfrauen um einiges mehr Einfluß gab; unsere großteils männlichen Quellen, besonders Aristoteles, mißbilligen das, aber wir brauchen (und sollten!) ihre Misogynie nicht teilen. Die Quellen sind auch sehr klar darin, daß Frauen und Mädchen der Spartiaten sich viel freier fühlten, öffentlich ihre Meinung zu sagen, als griechische Frauen in den meisten poleis, obwohl sie dennoch völlig und universal von der formalen Politik ausgeschlossen waren.

Gorgo, wie sie in Civilization 6 als eine der möglichen Führerinnen der Griechen erscheint. Dies ist etwas Seltsames, das sich im Laufe der Zeit in Gorgos Popkultur-Identität eingeschlichen hat – um es klarzustellen: Gorgo führte niemals die Spartaner an, ganz zu schweigen von den Griechen. Leonidas‘ Tod hatte eine Regentschaft für ihren Sohn zur Folge, aber der Regent war Pausanias, der in Wirklichkeit der Architekt des spartanischen Sieges war. Dies ist umso frustrierender, als es absolut tolle griechische Herrscherinnen gab, die wirklich regierten und an dieser Stelle verwendet werden könnten (Artemisia von Caria und Irene von Athen fallen mir ein).

Aber – und ihr habt gewußt, daß es ein „Aber“ geben würde (Überraschung! es gibt zwei) – aber die Rolle der Frauen in der spartanischen Gesellschaft, wie wir sie beobachten können, bleibt grundsätzlich instrumental: in der spartanischen Gesellschaftsordnung existierten Spartiatenfrauen, um Spartiatenjungen hervorzubringen. Die Leibesübungen, die Spartiatenmädchen unternahmen, waren unter der Annahme gerechtfertigt, daß sie fittere (männliche) Kinder hervorbrachten (Plut. Lyc. 14.2; Xen. Lac. 1.4). Plutarch deutet an, daß das Heiratsalter für Spartiatenfrauen gesetzlich festgelegt war, wenngleich es im Allgemeinen älter war als im Rest Griechenlands (Plut. Lyc. 15.3; Mor. 228a).

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Das. Ist. Nicht. Sparta. (2): Spartanische Gleichheit

Von Bret Devereaux, übersetzt und mit zusätzlichen Links versehen von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part II: Spartan Equality erschien am 23. August 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Zuvor erschienen: Glossar zu Sparta und Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule.

Dies ist Teil II unserer siebenteiligen Betrachtung Spartas (IIIIIVVVIVII). Letzte Woche warfen wir einen Blick auf unsere Quellen für Sparta und untersuchten dann das spartanische Kinderausbildungssystem, die agoge. Wir fanden heraus, daß unsere Quellen nicht annähernd wie die Veteranen aussehen, die Filme wie 300 erzählen, sondern stattdessen zum Großteil wohlhabende (und snobistische!) Griechen von außerhalb Spartas sind. Wir fanden auch heraus, daß die spartanische agoge mehr wie ein Trainingsprogramm für Kindersoldaten war – etwas wie aus der Lord’s Resistance Army in Uganda – als wie irgendeine Art von Bildungssystem, wie wir es verstehen.

Diese Woche werden wir unseren Blick auf die spartanische Gesellschaft ausweiten und die Behauptung der spartanischen Gleichheit untersuchen. Wir werden das tun, indem wir uns zuerst die verschiedenen Klassen von Menschen in Sparta ansehen – Bürger, Nicht-Bürger und Sklaven – und dann das Thema der Wohlstandsgleichheit innerhalb der spartanischen Bürgerschaft betrachten.

Wie immer gibt es hier gibt es hier ein hilfreiches Glossar der Begriffe, falls ihr es brauchen solltet, aber ich werde die Dinge definieren, so wie wir zu ihnen kommen, also solltet ihr keine Probleme haben.

Der Mythos von der spartanischen Gleichheit

Nun sagt 300 – und in der Tat viele Darstellungen Spartas in der Populärkultur – uns nicht immer in Worten, daß die spartanische Gesellschaft gleich war. Vielmehr tendieren sie dazu uns zu zeigen, daß sie es war. Die Bildsprache in Filmen ist, wenn überhaupt, mächtiger als Dialoge, aber es kann schwerer sein, sie wirklich festzunageln. Aber machen wir uns die Mühe – und sei es nur, damit mir nicht vorgeworfen wird, einen Strohmann zu attackieren. Wenn 300 uns die in der Stadt lebenden Spartaner zeigt, dann sehen sie so aus:

Es ist schwierig, das in einem Standbild einzufangen, aber während die Kamera in einem Kreis über die Hauptcharaktere schwenkt, sind da mindestens 10 Spartaner, die genau wie die beiden im Hintergrund gekleidet sind und alle herumlaufen.

[Einschub des Übersetzers: siehe das von mir unten noch einmal eingefügte zweiminütige Video mit der Brunnentrittszene, aus der das obige Bild ist (Lena Headey als Königin Gorgo ist schon mmmmh)]:

Und auf dem Marsch sehen sie so aus:

Es ist seltsam – die antiken Quellen stellen die Spartiaten, wenn überhaupt, als ein bißchen eitel dar, daß sie ihr Haar vor der Schlacht kämmten, ihre Schilde verzierten und so weiter. Dieses Bild von sauber identischen Spartanern ist entschieden ahistorisch.

Identische, austauschbare Spartaner. Interessant ist hier, daß Frank Miller und Zack Snyder sich solche Mühe gegeben haben, die identische Natur jedes dieser Männer zu betonen, was so weit geht, daß sie mit Dingen brechen, die wir über sie wissen. Jeder Spartaner in dem Film hat einen identischen Schild mit einem identischen lambda (Λ) darauf, aber wir wissen in Wirklichkeit (Plut. Mor. 234.41), daß die einzelnen Spartaner ihre Schilde mit einer Vielzahl individueller heraldischer Zeichen bemalten. Ebenso brachten die Spartaner ihre eigene Rüstung „um ihrer selbst willen“ mit (vgl. Plut. Mor. 220.2), und man kann angesichts der Vielfalt von Rüstungen und Helmen im Griechenland dieser Zeit mit Sicherheit annehmen, daß es in der spartanischen Schlachtlinie ebenfalls eine recht breite Vielfalt von Stilen gegeben hat.

Die Spartaner laut Samurai Jack – eine lange Reihe identischer Spartaner, außer dem König und seinem fremden, zeitreisenden Gast.

Zum Glück wird die unausgesprochene visuelle Signalisierung der „spartanischen Gleichheit“ oft in ausdrückliche schriftliche Erklärungen umgewandelt. Um nur ein Beispiel zu nehmen, dieser Artikel von Nick Burns in der New Republic lobt die spartanische „relative wirtschaftliche Gleichheit“ und ihren „kulturellen Egalitarismus“ und sagt weiters:

Lykurg, der Gründer des spartanischen Regimes, soll verfügt haben, daß nur Eisenbarren als Währung akzeptiert werden. Es wurde so schwierig, Geld zu verdienen oder anzusammeln, nachdem es in riesigen Schubkarren herumgekarrt werden mußte, daß die Bürger ihren Wunsch aufgaben, ein Vermögen zu machen, und sich damit abfanden, auf einer weitgehend gleichen materiellen Basis wie ihre Mitbürger zu leben.

Lykurg ließ auch alle Bürger an gemeinsamen Tischen miteinander essen, um die Entwicklung von Luxusgewohnheiten zu verhindern und sicherzustellen, daß private Beziehungen, sogar familiäre, die Gemeinschaft nicht untergruben.

Wir werden zur Person des Lykurg nächstes Mal kommen (Spoiler: halbgöttliche, mythische Gründergestalten sollten nicht wie historische Gestalten behandelt werden). In einer – wie ich betonen sollte, höflichen – Twitterkonversation mit mir stellte Nick Burns hinterher seine Sicht klar:

Das für mein Auge Beeindruckendste an Sparta war das Maß an Gleichheit und Zusammenhalt *unter Bürgern*. War das nur möglich durch die Tyrannisierung der umgebenden Bevölkerung? Das ist nicht unwahrscheinlich.

Aber es kommt mir der Gedanke, daß sie genauso sehr hätten tyrannisieren und dennoch innerhalb ihrer Reihen ungleich sein können. Ich denke an Schumpeters Diktum: Demokratie ist die Herrschaft einer Untergruppe der Gesellschaft, die innerhalb ihrer eigenen Reihen demokratisch ist.

Diese Vorstellung – das Maß der Gleichheit und des Zusammenhalts – ist das, was ich den Mythos von der spartanischen Gleichheit zu nennen vorziehe, und den werden wir heute aufs Korn nehmen.

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Das. Ist. Nicht. Sparta. (1): Spartanische Schule

Die ikonische Szene in 300, wo Leonidas den persischen Gesandten mit den Worten „Das – Ist – Sparta!“ in den Brunnen tritt. (Bild von Lucifex hinzugefügt)

Von Bret Devereaux, übersetzt von Lucifex. Das Original This. Isn’t. Sparta. Part I: Spartan School erschien am 16. August 2019 auf dem Blog A Collection of Unmitigated Pedantry des Autors.

Dies ist Teil I einer siebenteiligen Serie (IIIIIIIVVVIVII), die das populäre Vermächtnis Spartas (verkörpert in Filmen wie 300) mit dem historischen antiken Staat vergleicht. Heute sehen wir uns zuerst die Quellen unserer Informationen über Sparta an und beginnen dann am Anfang: dem spartanischen Erziehungs- und Trainingssystem, der agoge.

Ich wußte, daß wir uns schließlich hierher begeben würden (insbesondere eine Kritik an 300 ist ein recht häufiger Leserwunsch gewesen), aber ich beschloß, dies im Kalender nach oben zu schieben, nachdem ich die einander duellierenden Artikel in der New Republic über den Wert Spartas gelesen hatte. Ich denke nicht, daß einer der beiden Artikel wirklich so umfassend war, wie er hätte sein können, und ich hatte das Gefühl, daß einer davon zutiefst irrig war – es wird bald sehr offensichtlich sein, welcher.

Spartas Vermächtnis in der amerikanischen Populärkultur ist immer markant gewesen, aber es scheint das besonders jetzt zu sein. Man sieht das spartanische Lambda (das Λ für Lakedaimon, der Name des Territoriums von Sparta) auf T-Shirts. Sparta wird auf Fitnessmotivationspostern beschworen. Berühmte spartanische Bonmots (wie molon labe – „kommt und holt sie euch“ [d. Ü.: in diesem Zusammenhang: die Waffen] werden in moderne politische Slogans verwandelt. Es gibt eine ganze populäre Serie von Hindernisläufen, genannt „Spartan race“ (eine unglückliche Formulierung, wenn ich je eine gehört habe).

Das Logo für die „Spartan Race“-Hindernisläufe. Es scheint relevant zu sein, anzumerken, daß der Helm hier ein korintischer Helm ist. Historisch wird Sparta stärker mit dem Helmtyp pilos assoziiert, einem einfachen konischen Helm aus Bronze, der das Gesicht und die Ohren freiließ, aber wahrscheinlich trugen Spartaner, was immer ihnen für ein Helm gefiel.

Es dehnt sich in den breiteren Gebrauch in der Populärkultur aus. Natürlich mußte der Hauptprotagonist von Assassin’s Creed: Odyssey ein Spartaner sein. Spartaner sind sogar eine militärische Elitetruppe in Total War: Rome II (das ein Jahrhundert nach der Zeit stattfindet, als Sparta aufhörte, eine bedeutende Militärmacht zu sein). Der Name für die Supersoldaten des Halo-Universums, einschließlich des Protagonisten Master Chief, ist Spartaner. Die Schlacht bei den Thermopylen und ihre dreihundert Spartiaten (warum sage ich nicht „Spartaner“? dazu kommen wir nächsten Woche) bekommt eine freundliche namentliche Erwähnung in Star Trek: Deep Space Nine und ein volles, liebevolles Reenactment in Samurai Jack von Cartoon Network.

Heroische Spartaner, wie sie in der Serie Samurai Jack von Cartoon Network, „Jack and the Spartans“, Staffel 2, Episode 25, auftreten. Die Schlacht bei den Thermopylen wird hier nachgespielt, aber mit den robotischen Monstern des bösen Aku als Ersatz für die persische Armee, was eine sehr wörtlich genommene Entmenschlichung ist.

Den gesamten Bogen von Spartas Präsenz in Politik und Populärkultur zu behandeln, wäre eine eigene Artikelserie, und das ist nicht das, was ich hier tun werde. Ich möchte über die wirkliche griechische polis Sparta reden, nicht über den Stadtstaat unserer Vorstellung (um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sehr die populäre Vorstellung daneben liegt, laßt mich anmerken, daß Sparta aus dem einfachen Grund kein Stadtstaat war, daß es keine Stadt hatte – es hatte stattdessen fünf Dörfer). Wir werden also vereinfachen: unser Modell für die popkulturelle Präsenz Spartas wird bloß ein Film sein: 300, entstanden unter der Regie von Zack Snyder.

Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, bedeutet das, daß 300 hier mehr als nur ein bißchen Haue kriegen wird. Ich werde ehrlich sein, 300 ist ein schuldbewußtes Vergnügen von mir gewesen. Ich denke, ich finde mich hier in einer ähnlichen Position wieder wie Dan Olsen: es ist ein zutiefst verantwortungsloser Film, und nicht bloß, weil der Soundtrack plagiiert wurde), aber isoliert gesehen ist er dennoch ein sehr wirksamer Film bei der Vermittlung der Kraft und der Emotionen, auf die er abzielt. (mehr …)

Wann gab es den Roten Baron?

Von Brett Holman, übersetzt von Lucifex (ursprünglich für diesen Kommentar zu F. Roger Devlins Joyeux Noёl: Die Anfänge des Ersten Weltkrieges und der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914). Das Original When was the Red Baron? erschien am 20. August 2018 auf Airminded.

Vorbemerkung des Übersetzers: Der Autor dieses Essays ist der von ihm lange gehegten Vorstellung (die wohl auch die von uns allen ist) nachgegangen, daß Manfred von Richthofen schon zu Lebzeiten auf beiden Seiten der Front als „Roter Baron“ bezeichnet wurde, und hat Überraschendes herausgefunden. Auch wenn es für sich genommen nicht wichtig ist, ab wann die Bezeichnung „Roter Baron“ wirklich gängig geworden ist, zeigt dieses Beispiel doch auf, wie unrichtige historische Wahrnehmungen durch mediale Präsentation zustandekommen können, auch ganz ohne irgendeine Böswilligkeit oder politische/metapolitische Agenda.

Manfred von Richthofen ist unzweifelhaft der berühmteste Flieger des Ersten Weltkriegs, möglicherweise aller Zeiten. Aber er ist nicht so sehr unter seinem Namen berühmt wie unter seinem Spitznamen: er ist der Rote Baron, ein Verweis auf sein rotes Flugzeug und seine aristokratische Geburt. [Anm. d. Ü.: wie die meisten von euch wissen werden, war er aber ein Freiherr und kein Baron.] Er beschwört sofort Bilder von Rittern am Himmel herauf, die in der Luft miteinander kämpfen, bis einer zu Fall gebracht wird und dem Boden weit unten entgegentaumelt. Als Beispiel ist hier ein Bericht aus der britischen Presse über „The end of the Red Baron“ (mit Joseph Simpsons obiger Illustration):

Kavalleriehauptmann Baron von Richthofen wurde an dem Tag im Luftkampf abgeschossen, an dem die deutschen Zeitungen seinen 79. und 80. Sieg verkündeten. Boyd Cable schreibt: „Der Rote Baron mit seinem berühmten ‚Zirkus‘ entdeckte zwei unserer Artilleriebeobachtungsmaschinen, und als ein paar nachfolgende angriffen, zog der größere Teil des ‚Zirkus‘ sich zurück, um es dem Baron zu ermöglichen, ranzugehen und die beiden abzuschießen. Sie lieferten einen Kampf, und während der Baron sich in Position manövrierte, erschien eine Anzahl unserer Lightning-Scoutmaschinen und griff den ‚Zirkus‘ an. Der Baron schloß sich dem Kampfgetümmel an, das sich in Gruppen zerstreute und zu etwas wurde, das unsere Männer einen ‚dog fight‘ nennen. In dessen Verlauf hängte der Baron sich an das Heck eines Kampfaufklärers, der in den Sturzflug ging, mit dem Baron dicht dahinter. Ein weiterer unserer Aufklärer sah das, stürzte dem Deutschen hinterher und eröffnete das Feuer auf ihn. Alle drei Maschinen kamen dem Boden nahe genug, um von Infanterie-Maschinengewehren beschossen zu werden, und man sah, wie der Baron schlingerte, seinen Sturzflug fortsetzte und in unsere Linien krachte. Seine Leiche und der berühmte blutrote Fokker-Dreidecker wurden danach von der Infanterie hereingebracht, und der Baron wurde mit vollen militärischen Ehren begraben. Er war von einer Kugel getroffen worden, und die Wunde zeigte deutlich, daß er von dem Piloten getötet worden war, der ihm hinterhergestürzt war.“

Das Seltsame ist, daß dies die einzige Verwendung der Phrase „Red Baron“ im British Newspaper Archive in Bezug auf Richthofen für den gesamten Krieg war – und selbst da erst nach seinem Tod. Genauso wenig habe ich sie in den anderen größeren englischsprachigen Zeitungsarchiven finden können: Gale NewsVault, ukpressonline, Welsh Newspapers Online, Trove, PapersPast oder Chronicling America. (Ich kann tatsächlich etliche Erwähnungen von „red Baron“ im BNA während des Krieges finden, aber die haben nichts mit dem „Roten Baron“ oder überhaupt mit einer Person zu tun: es war der Name eines Preisträgers in der Show der Royal Ulster Agricultural Society von 1912, der 1916 als „Red Baron“ bezeichnet wurde, „der Zuchtbulle in der Herde des ehrenwerten Frederick Wrench, Killacoona, Ballybrack, der sich für ihn als solch eine veritable Goldgrube erwiesen hat“. Genauso wenig erscheint „red Baron“ im Magazin Flight während des Krieges, noch in der englischen Übersetzung von Richthofens Autobiographie Der Rote Kampfflieger, die bezeichnenderweise als „The Red Battle Flyer“ übersetzt wurde.

Falls Richthofen während des Krieges „Roter Baron“ genannt worden war, wie ich angenommen hatte und wie anscheinend verbreitet geglaubt wird, so scheint diese Praxis nicht ihren Weg in die Presse gefunden zu haben und kann daher nicht sehr verbreitet gewesen sein. Vielleicht war es ein Spitzname, der ihm von alliierten Fliegern verpaßt worden war, auch wenn etwas weniger Höfliches als wahrscheinlicher erscheint. Aber auf jeden Fall muß Wikipedias Behauptung:

Richthofen malte sein Flugzeug rot an, und dies kombiniert mit seinem Titel führte dazu, daß er in Deutschland und außerhalb davon „der Rote Baron“ genannt wurde

eingeschränkt werden, und zwar sehr.

Wenn es den Roten Baron im Großen Krieg faktisch nicht gab, wann gab es ihn dann? Die Richthofen-Biographien, die ich konsultieren konnte, befassen sich mit dieser Frage nicht sehr klar. Peter Kilduff zum Beispiel zählt „The Red Baron“ bloß als einen von Richthofens Spitznamen auf, ohne zu sagen, wer ihn so nannte und wann. In einem Text von 1969 behauptet William Burroughs:

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Demente Religion

Von Andrew Hamilton, übersetzt von Deep Roots (ursprünglich für „As der Schwerter“). Das Original Demented Religion erschien am 14. Oktober 2010 auf Counter-Currents Publishing/North American New Right.

Ein Schlüsselmerkmal des zeitgenössischen Philosemitismus ist seine seltsame und zutiefst schädliche religiöse Dimension, die durch und durch rassistisch ist. In der zeitgenössischen Mythologie ersetzen die Juden effektiv Christus (eine halbgöttliche Gottesrasse, die in einem Holocaust geopfert wurde), während Hitler Satan ist.

Wie der halb französische, halb schottische Revisionist und ehemalige Professor der französischen Literatur an der Universität von Lyon, Robert Faurisson, bemerkt:

Das Ergebnis ist, daß heutzutage, im Jahr 2009, die Existenz einer ‚Shoah-Religion’ offenkundig geworden ist. Gestern konnte man in ‚Le Monde’ einen Artikel lesen, der von der Etablierung ‚der Shoah’ als ‚Staatsreligion’ durch Nicolas Sarkozy sprach. (Gerard Courtois in einem Bericht über ein Buch von Guy Konopnicki, 4. April 2009, S. 26). Und hier, in einer Studie über ‚Benedikt XVI und die Integristen’ (‚Commentaire’ Nr. 125, Frühjahr 2009, S. 5 – 11) entdeckt man aus der Feder des [katholischen, ehemals kommunistischen] Soziologen Alain Besançon die folgenden Bemerkungen:

„Auf der Skala der geheiligten Dinge gibt es nichts, das der Shoah den ersten Platz streitig machen kann“ (S. 9 A);

„Ganz oben auf der Skala haben wir daher die Shoah. Man kann letzterer nach externen Kriterien einen Quasi-Status als Religion zuordnen“ (S. 10 A);

„Nachdem sie universal geworden war, behauptet [diese Religion] die Auswahl des jüdischen Volkes durch den teuflischen Willen Hitlers, und nicht durch die freundliche Entscheidung Gottes. Es zieht das Mitleid im stärksten Sinne der christlichen Welt auf sich.“ (S. 10 B).[1]

Besançon hat zuvor ähnliche Ideen ausgedrückt, wie ein katholischer Buchrezensent zustimmend anmerkte:

Besançon schlußfolgert, wie sein Untertitel zeigt, indem er andeutet, daß die Shoah als einzigartig verstanden warden muß… [das] gegen das jüdische Volk begangene Nazi-Verbrechen ist einzigartig wegen des einzigartigen Status seiner Opfer. Hier greift Besançon wieder auf die Theologie zurück, indem er die besondere Beziehung des jüdischen Volkes zu Gott ernstnimmt, eine Beziehung, die sogar außerhalb des Judentums anerkannt wird: „Eine Glaubensüberzeugung kann nicht beiseite geschoben werden: das jüdische Volk hat für die Sache Gottes gelitten.“ (S. 84)

Der Rezensent fügt hinzu: „’A Century of Horrors’ liefert eine sehr benötigte Einladung zur Erfüllung einer stark vernachlässigten Pflicht: der Pflicht, darüber nachzudenken, wie Böses von solch beispielloser Art und Größenordnung im Herzen der westlichen Zivilisation entstehen konnte.“ [2] (Hervorhebung von Andrew Hamilton.)

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Schwarze in Amerika besaßen schwarze Sklaven

Carter G. Woodson, Autor der zitierten Studie, der oft als „Vater der schwarzen Geschichte“ bezeichnet wird.

Von David Sims, übersetzt und mit Links versehen von Lucifex. Das Original Blacks in America Owned Black Slaves erschien am 15. März 2017 auf National Vanguard.

Hier sind ein paar Ausschnitte aus Free Negro Owners of Slaves in the United States in 1830 [Anm. d. Ü.: 98 gescannte Seiten, als jpgs herunterladbar] von Carter G. Woodson (veröffentlicht 1924), zusammen mit ein paar Anmerkungen von mir.

Dieser statistische Bericht über den Sklavenbesitz durch freie Neger wurde 1921 möglich gemacht, als der Direktor der Association for the Study of Negro Life and History vom Laura Spelman Rockefeller Memorial Fördermittel für die Unterstützung der Erforschung bestimmter vernachlässigter Aspekte der Geschichte der Neger bekam. Dieser spezielle Bericht war jedoch nicht das Ziel der Forschungsabteilung der Association. Er entwickelte sich vielmehr als Nebenprodukt. Bei der Zusammenstellung von Statistiken für den viel größeren Bericht über freie Neger als Familienoberhäupter in den Vereinigten Staaten im Jahr 1830 fanden die Forscher so viele Fälle von Negern, die Sklaven besaßen, daß beschlossen wurde, dieser Phase der Geschichte des freien Negers besondere Beachtung zu widmen…

Das Ziel dieses Berichts über den freien Neger ist die Ermöglichung des weiteren Studiums dieser vernachlässigten Gruppe. Die meisten dieser Menschen sind vergessen worden, denn Personen, die angeblich gut über Geschichte informiert sind, sind heute überrascht, wenn sie erfahren, daß etwa eine halbe Million, fast ein Siebtel der Neger dieses Landes, vor der Emanzipation von 1865 frei waren. Man glaubt kaum, daß eine beträchtliche Zahl von Negern selbst Sklavenbesitzer waren und in manchen Fällen große Plantagen kontrollierten.

So viel wußte ich schon. Zu den freien Negern, die Plantagen betrieben und Sklaven besaßen, gehörten Cecile Richards und Antoine Dubuclet aus Louisiana, um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Sklaven von Negern waren in manchen Fällen die Kinder eines freien Vaters, der seine Ehefrau gekauft hatte. Wenn er die Mutter danach nicht emanzipierte, wie es so viele Ehemänner nicht taten, wurden seine eigenen Kinder als seine Sklaven geboren und daher von den Zählern gemeldet.

Was so ist, wie ich es erwarten würde. Schwarze behaupten gern, wenn Schwarze Sklaven besaßen, hätten sie das nur aus humanitären Gründen getan, aus „guten“ Gründen, die den „technischen“ Sklavenstatus all jener rechtfertigten, die gekauft worden waren. Aber die Wahrheit ist, daß Schwarze die Sklaverei benutzten, um Druck auf andere auszuüben oder sie zu bestrafen. Zum Beispiel:

Manche dieser Ehemänner waren nicht scharf darauf, ihre Ehefrauen sofort zu befreien. Sie betrachteten es als ratsam, sie ein paar Jahre lang auf Bewährung zu setzen, und wenn sie sie nicht zufriedenstellend fanden, pflegten sie ihre Ehefrauen zu verkaufen, so wie andere Sklavenhalter sich Negern entledigten. Zum Beispiel kaufte ein schwarzer Schuster in Charleston, South Carolina, seine Frau um 700 Dollar; aber als er herausfand, daß sie schwer zufriedenzustellen war, verkaufte er sie ein paar Monate später um 750 Dollar und gewann bei der Transaktion 50 Dollar.

Ha! Ja richtig, das klingt nach Schwarzen.

Es gibt eine weitere Anekdote in dem Buch über ein Komplott zwischen der Ehesklavin eines Schwarzen und einem männlichen schwarzen Sklaven, die Freilassungspapiere ihres Ehemannes zu stehlen und wegzulaufen, um danach vorzutäuschen, daß die Papiere dem schwarzen Sklaven gehörten, der die Frau besessen und sie aber freigelassen habe. Als der wahre Besitzer der Freilassungspapiere (der Ehemann der Frau) sich bei der Polizei beschwerte, wurde er selbst verhaftet und mußte 500 Dollar für Anwälte ausgeben, um seine Unschuld zu beweisen. Um das Geld zurückzugewinnen, verkaufte er seine Frau um diesen Betrag.

Glauben Sie niemals den Unsinn, den unehrliche, weißenfeindliche Juden und Schwarze über die Sklaverei erzählen. Die Wahrheit ist viel eher so, wie die „weißen Rassisten“ sie erzählen – und in diesem Fall stimmt Carter G. Woodson ihnen zu.

* * *

Quelle von National Vanguard: der Autor und das Internet Archive

Anhang des Übersetzers:

Von Carter G. Woodson stammt dieses Zitat, das sich auf die Situation der Neger im Amerika des 19. Jahrhunderts bezog, aber sehr genau das trifft, was heute mit uns Weißen gemacht wird:

„Wenn man das Denken eines Mannes kontrollieren kann, dann muss man sich keine Sorgen über seine Taten machen. Wenn man festlegen kann, was ein Mann denkt, dann braucht man sich nicht sorgen, was er tun wird. Wenn man einen Mann dazu bringen kann zu denken, er sei minderwertig, dann muss man ihn nicht dazu zwingen, dass er einen unterlegenen Status annimmt, sondern er wird das tun, ohne dass man ihm das sagt und wenn man einen Mann davon überzeugen kann, dass er mit Recht ein Verbrecher ist, dann wird man ihn nicht auffordern müssen, die Hintertür zu nehmen, sondern er wird die Hintertür aus freien Stücken nehmen und wenn es keine Hintertür gibt, dann wird die Natur dieses Mannes danach verlangen, dass man eine baut.“[15]

 

Siehe auch:

Nichtweiße versklaven gegenwärtig 40 Millionen andere Nichtweiße von Bradford Hanson

Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei von Manfred Kleine-Hartlage

die Wikipedia-Artikel Sklaverei im Islam, Ostafrikanischer Sklavenhandel und Aufstand der Zandsch

Juden und die Sklaverei: Drei Bücher der Nation of Islam von Andrew Hamilton
Die Artikelreihe Caribbean Project von Hunter Wallace, darunter insbesondere Teil 9: Die jüdische Rolle in der amerikanischen Sklaverei, Teil 10: Juden, Sklaverei und die niederländische Karibik, Teil 11: Erforschung der niederländischen Karibik und Teil 12: Der jüdische Exodus nach Barbados
Roots: Die Vorgeschichte von Penelope Thornton
Die Schuld des schwarzen Mannes von Alex Kurtagić
Amerika: Land der Freien und Tapferen, oder des Oligarchen und des weißen Sklaven? von John Lilburne

Massenmord und Sklaverei: Weiße Monopole? Verdammt, nein! von David Sims

Slaves in America Would’ve Been Slaves in Africa Anyway von Bradford Hanson

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

22. Juni 1941: Die Legende vom „Überfall“

Von Carsten Fromm, erschienen in der Deutschen Militärzeitschrift (DMZ), Nr. 70 Juli – August 2009. (In dieser Form von mir – Deep Roots alias Lucifex) ursprünglich am 21. Juni 2014 auf „As der Schwerter“ nachveröffentlicht.)

Vor 20 Jahren öffnete der russische Autor Viktor Suworow die Büchse der Pandora: Hitler sei mit seinem Angriff auf die Sowjetunion 1941 Stalin nur kurz zuvorgekommen. Vor allem in Deutschland wurde dies von der etablierten Geschichtswissenschaft kategorisch zurückgewiesen. Nun versammeln sich erstmals neun russische Historiker und Publizisten in einem deutschsprachigen Buch, die Suworow Recht geben.

Der in Großbritannien lebende russische Autor Viktor Suworow löste vor etwa 20 Jahren mit seinem Buch „Der Eisbrecher: Hitler in Stalins Kalkül“ ein kleines Erdbeben in der Geschichtswissenschaft aus. Suworows These: Der sowjetische Diktator Josef Stalin habe, nachdem er der Sowjetunion zwischen 1939 und 1940 bereits das östliche Polen, Teile Finnlands, die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen sowie Teile des erdölreichen Rumänien einverleibt hatte, Anfang der 1940er Jahre Vorbereitungen getroffen, Mittel- und Westeuropa zu überfallen. Der Pakt mit Hitler von August 1939 habe lediglich dazu gedient, den deutschen Reichskanzler für seine Militäroperation gegen Polen in Sicherheit zu wiegen. Hitler und die Westmächte sollten sich in einem langen Krieg gegenseitig aufreiben und schwächen, damit Stalin letztlich mit frischen Truppen das Deutsche Reich und ganz Westeuropa erobern könnte.

Fast über Nacht wurde Suworow, ein ehemaliger Agent des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU, der 1978 unter abenteuerlichen Umständen mit seiner Familie nach Großbritannien geflüchtet war, zu einem der international bedeutendsten „Revisionisten“.

Überfall oder Präventivschlag?

Was war der Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941? War es ein „kaltblütiger Überfall auf ein friedliebendes Land“, wie es in den deutschen Geschichtsbüchern steht, oder handelte es sich um einen Präventivschlag, um einer sowjetischen Militäroffensive zuvorzukommen?

Hierüber streiten sich Historiker nicht erst seit dem Ende der 1980er Jahre. Die Diskussion um dieses Thema gleicht mehr einem Glaubensstreit als einer fachhistorischen Debatte. Suworow, da selbst Russe, kommt in dieser Diskussion eine ganze besondere Rolle zu. Ihm kann man schwerlich vorwerfen, aus Parteinahme für die deutsche Seite zu agieren. Der Streit geht also weniger um die historischen Tatsachen, sondern darum, ob eine „Entlastung“ Hitlers im öffentlichen Diskurs überhaupt erlaubt ist. Während an den bundesdeutschen Universitäten und in Geschichtsbüchern Viktor Suworow so gut wie totgeschwiegen wird, ist in Rußland eine leidenschaftliche Debatte über die Thesen des Dissidenten entbrannt.

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