Die anglo-normannische Invasion Irlands im Jahr 1170: Ermöglicht durch „aristokratische“ Machtrivalität

Von Mathias Mesenhüller, aus GEO EPOCHE Nr. 90 „Irland 1170 – 2018: Die Geschichte der Grünen Insel“, dort erschienen ab Seite 22 unter dem Titel „Rivalen um die Macht“. (Hier nachveröffentlicht zur weiterführenden Information über die in „Etwas anderes als weiß werden“: Irland und radikaler jüdischer Aktivismus“ erwähnte Invasion Irlands durch Richard „Strongbow“ FitzGilbert auf Einladung des irischen Regionalfürsten Dermot MacMurrough.)

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Seit Jahrhunderten ringen lokale Fürsten um die Hoheit über ganz Irland. Doch dann verschafft sich einer der Kontrahenten Unterstützung von außen – und die Ankunft des normannischen Ritters Strongbow aus Britannien im Jahr 1170 wird zum schicksalhaften Wendepunkt. Denn mit ihr beginnt die Ära der Fremdherrschaft, die die Insel bis heute prägen wird.

Es ist der 23. August 1170. Am Horizont vor der südirischen Küste zeichnet sich eine furchteinflößende Silhouette ab und kommt stetig näher: große Segelschiffe. Von Wales aus haben sie das Meer überquert und steuern nun auf das irische Städtchen Waterford zu.

Auf den Decks der Schiffe lagern Ritter samt Pferden, Schilden, Kettenhemden, schweren Lanzen und Schwertern. Außerdem Infanteristen mit langstieligen Streitäxten, weit schießenden Bögen und dicken Bündeln präzise gefertigter Pfeile. Dazu Belagerungsgerät, Schanzwerkzeug.

Eine hochgerüstete, kampferprobte Truppe, insgesamt rund 1200 Mann. Und ein Bräutigam.

Denn die Armada kommt auf Einladung eines irischen Fürsten, Dermot MacMurrough, des Herrschers des Reiches Leinster im Südosten der Insel. Der Anführer der Flotte, Richard FitzGilbert, genannt Strongbow, soll Dermots Tochter heiraten – und vielleicht einmal dessen Reich erben.

Zuvor freilich muss Strongbow dem künftigen Schwiegervater einen Dienst erweisen: Seine Krieger sollen wesentliche Teile dieses Reiches überhaupt erst erobern. Sie sollen Dermots irische Rivalen bezwingen, ihn so zum mächtigsten Mann auf der Insel machen – und einige vergangene Kränkungen rächen. Strongbows Sold für diese Dienste: die Prinzessin und die Erbschaft.

Damit beginnt ein Feldzug, der Irland für Jahrhunderte in den Bann der größeren britischen Nachbarinsel schlagen wird. Ein Krieg, dem ein fruchtbarer Austausch folgen wird, eine reiche Mischkultur – aber ebenso auch Leid und Bitterkeit. Und aus dem Fremdherrschaft und Freiheitskampf als die großen Themen der irischen Geschichte hervorgehen.

Am Anfang steht eine arrangierte Ehe. Ein Pakt, der keine Nationen kennt, nur persönliche Vorteile. Das Aufeinandertreffen ungleicher Waffen – aber der gleichen zügellosen Gier nach Ruhm, Reichtum und Abenteuer.

Die Ritter, die Strongbow nun bei Waterford an Land führt, sind entschlossen, sich ihr Glück, ihre Zukunft zu erkämpfen. Wie schon ihre Väter es getan haben und deren Väter vor ihnen. Sie kennen es nicht anders.

Denn sie sind Normannen.

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Warnhinweise zur Unfruchtbarkeitsproblematik

Von Lucifex, zusammengestellt aus Kommentaren von mir und hildesvin zu Andrew Hamiltons Essay Familie, ergänzt um drei neue Schlußabsätze. Diese Aufbereitung als eigener Artikel soll die enthaltenen Informationen leichter auffindbar und verlinkbar machen als die einzelnen Kommentare und sie neueren Lesern bekanntmachen, die den alten Strang noch nicht kennen.

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Lucifex:

Im aktuellen Juliheft 2018 von „bild der wissenschaft“ ist unter dem Titel „Furchtbar unfruchtbar“ ein interessanter Artikel von Susanne Donner erschienen (ab. S. 74). Nachfolgend gebe ich ihn gekürzt wieder (als Blockquote; meine eigenen Anmerkungen stehen dazwischen):

Wunschtraum Kind

Immer mehr Menschen bleiben in Deutschland kinderlos. Die Zahl der Ehepaare ohne Sprösslinge ist von 1990 bis 2012 stark angewachsen auf 10 Millionen. Jede und jeder Vierte im Alter von 20 bis 50 ist mittlerweile ungewollt ohne Nachwuchs, erbrachte eine aktuelle Erhebung des Bundesfamilienministeriums.

Ungewollt bedeutet, dass es meistens mit einer Schwangerschaft nicht geklappt hat oder auch, dass nicht der passende Partner gefunden wurde. Wie viele Paare infertil sind, darüber haben Mediziner nur Schätzungen angestellt. Systematisch erhoben wird die Reproduktionsunfähigkeit der Bevölkerung nicht. Die Angaben schwanken zwischen jedem achten und jedem fünften Paar. Die 134 Kinderwunschzentren florieren jedenfalls.

Der dänische Endokrinologe Niels Skakkebaek war der Erste, der vor einer verheerenden Fruchtbarkeitskrise warnte. 1992 veröffentlichte er im angesehenen British Medical Journal, dass die Spermienzahl sich von 113 Millionen auf 66 Millionen je Milliliter Sperma halbiert habe. Ein Fünftel der jungen Dänen hätte so wenig gesunde Keimzellen, dass sie als unfruchtbar gelten. Doch er hatte historische Zählungen mit neueren Erfassungen verglichen, die nach unterschiedlichen Standards erfolgten. Viele warfen ihm Panikmache vor. Besonders in Deutschland taten Andrologen, also Ärzte der Männerheilkunde, seine These als Hysterie ab.

Die Spermienqualität nimmt ab

Inzwischen hat der betagte Pionier den Streit für sich entschieden: „Man muss das nicht Spermienkrise nennen. Die Spermienqualität hat jedenfalls abgenommen“, sagt der Reproduktionsmediziner Stefan Schlatt vom Universitätsklinikum Münster. Sein Vorgänger war einer der schärfsten Kritiker von Skakkebaek. In Münster werden seit 2016 Ringversuche koordiniert, um die Qualität der Spermiogramme in ganz Deutschland zu gewährleisten. Man kann sagen, die Forscher hier haben einen guten Überblick über die männliche Fruchtbarkeit.

Man kann auch sagen, die Forscher in Münster beugen sich den erdrückenden Indizien. Schon 2004 gab die einzige Untersuchung zur Spermienqualität in Deutschland zu denken: 791 Männer aus Hamburg und Leipzig spendeten ihr Ejakulat. Im Schnitt zählten die Experten 42 Millionen Spermien pro Milliliter. Unterhalb von 39 Millionen kann es mit dem Nachwuchs mühsam werden. Die Andrologin Andrea Salzbrunn vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die an der Studie beteiligt war, urteilt: „Ein großer Teil der jungen deutschen Männer scheint eine beeinträchtigte Samenqualität zu haben.“

Neuere Analysen des Spermienspezialisten Pallav Sengupta vom britischen Lincoln University College zeichnen auch global ein verheerendes Bild: Die Spermienzahl der Männer in Europa sei in den letzten 50 Jahren um 32,5 Prozent eingebrochen, in Afrika sogar um 76,2 Prozent. Auch in Asien und Nordamerika hat der Forscher den Rückgang dokumentiert. Im Schnitt hat sich die Zahl der Keimzellen halbiert. Und 2017 errechnete der Mediziner Hagal Levine von der Hebräischen Universität Jerusalem einen Rückgang der Spermienzahl von 52 Prozent. Andere Experten würdigten die Studie als beste Neuberechnung, die es derzeit gibt.

Zu viel Sex als Ursache?

Obwohl Skakkebaek Recht hat, streiten die Forscher immer noch – nun aber über die Frage, warum weniger Spermien im Ejakulat schwimmen und ob das etwas macht. Schlatt vertritt eine unter hiesigen Reproduktionsmedizinern verbreitete Sicht: „Der Rückgang macht nichts, weil immer noch genug Samenzellen für die Befruchtung der Eizelle übrig sind.“ Der Schwund könnte in seinen Augen sogar ganz profane Ursachen haben: „Der limitierende Faktor für die Spermienzahl ist die Zeit, weil der Hoden die Samenzellen erst produzieren muss. Männer haben aber heute viel häufiger Ergüsse als vor 50 Jahren“, glaubt er. Die Masturbation war damals verpönt. Und Sexualpartner außerhalb der Ehe waren viel schwieriger zu finden. Sprich: Es gab weniger Gelegenheit zur sexuellen Befriedigung. Belege dafür fehlen allerdings – auch, weil das Sexualverhalten noch schwieriger zu erfassen ist als die Zahl der Spermien.

Daß die verminderte Spermienzahl in diesem Ausmaß allein sich vielleicht noch nicht allzu stark auf die Befruchtungswahrscheinlichkeit auswirkt, erscheint mir auch plausibel. J. Philippe Rushton schreibt zum Beispiel in Rasse, Evolution und Verhalten ab Seite 43, daß das durchschnittliche Hodengewicht von Asiaten bei 9 Gramm liegt und jenes von Europäern bei 21 Gramm, was laut einem Artikel von 1989 in der führenden britischen Wissenschaftszeitung „Nature“ bedeuten könnte, daß Weiße täglich zweimal so viele Spermien produzieren als Ostasiaten. Und da Ostasiaten sich zumindest früher immer prächtig vermehrten, dürfte auch der Begattungserfolg von Europäern nicht allzu sehr schwinden, wenn ihre Spermienzahl sich halbiert.

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Gibt es Verbrechergesichter?

Von Lucifex; dies ist eine Artikelaufbereitung meines Kommentars vom 2. August 2018 zu F. Roger Devlins Essay „Beurteilung nach dem Erscheinungsbild“, die das Auffinden dieser Information und ihre Verlinkung erleichtern soll.

In GEO 4-2017 bin ich auf einen Kurzbeitrag gestoßen, den ich nachfolgend zitiere:

Gibt es Verbrechergesichter?

Schiefe Nase, krummes Kinn, zusammengewachsene Augenbrauen: Wem trauen wir – und wem weichen wir in dunklen Gassen lieber aus? Manche Menschen scheinen uns schon auf den ersten Blick zwielichtig oder gar kriminell zu sein.

Kein Wunder also, dass über alle Zeitalter hinweg Gelehrte die Ansicht vertraten, Charaktereigenschaften seien uns ins Gesicht geschrieben. Der Italiener Cesare Lombroso entwickelte im 19. Jahrhundert eine neue Schule der Kriminologie und meinte, Verbrecher an Äußerlichkeiten identifizieren zu können. Ein Ansatz, der später in die Rassenlehre des Nationalsozialismus einfloss.

Bis zur heutigen Zeit ist das Thema in der Forschung aktuell. 2011 belegte eine Studie an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, dass Menschen überraschend gut Verbrecher an ihrem Konterfei erkennen können.

2016 trainierten Wissenschaftler von der Shanghai Jiao Tong University einen Computer, ein sogenanntes neuronales Netzwerk, mit 1856 Fotoporträts, die eine Hälfte von Verbrechern, die andere von Gesetzestreuen. Am Ende konnte der Computer die Straftäter mit einer Genauigkeit von fast 90 Prozent herauspicken.

Die Forscher präsentierten auch gleich den Unterschied zwischen bravem Bürger und Kriminellem: Verbrechergesichter fallen mehr aus dem Rahmen des allgemeinen Durchschnittsgesichts.

Wohin aber führen uns solche Ergebnisse? Wird bald neben dem Ausweisfoto die Tendenz zum Gesetzesbruch vermerkt? Werden mögliche Diebe oder Mörder schon vor ihrer Tat durch Gesichtserkennungssoftware aus der Masse gefischt und weggesperrt?

Wohl kaum. Ein Verfahren, das Menschen nach biometrischen Daten einordnet, mag in einer eng eingegrenzten Versuchsanordnung funktionieren, es fehlt aber der Alltagstest. Schon Schatten auf dem Gesicht oder Änderungen der Mimik können die Sortierung verdrehen.

Zudem würde das Programm aus Shanghai selbst bei perfekten Bedingungen jeden Zehnten zu Unrecht in Sicherheitsverwahrung stecken. Und den anderen neun absprechen, sich mit ihrem Willen gegen eine biologisch-genetische Prädeterminierung erheben zu können.

Menschen nach scheinbar allgemeingültigen Regeln in bestimmte Gruppen einzuteilen, schafft offenbar auch bei neuronalen Netzwerken Vorurteile.

Das sind Befangenheiten, die wir selbst aus dem Alltag kennen, etwa wenn Personen mit südländischem Aussehen öfter kontrolliert werden. So etwas zersetzt ein Miteinander viel eher, als es echte Sicherheit schafft. Aussagen anhand von Gesichtssymmetrie mögen für Personengruppen Relevanz zeigen. Angewendet auf Individuen können sie nur zu Ungerechtigkeiten führen.

In diesem Sinne sollte uns das Ergebnis der Studie aus Schanghai nicht zum Handeln, sondern höchstens zum Hinterfragen anregen: Wenn neuronale Netzwerke eine Art Menschenkenntnis erlernen können, welche anderen intuitiven Fähigkeiten entwickeln sie noch?

Und sollten wir auf der anderen Seite nicht stetig unsere eigenen Vorurteile im Auge behalten? Denn immerhin können wir, im Gegensatz zu Computern, entscheiden, wie wir uns von einem ersten Eindruck beeinflussen lassen.

Die Bedenkenwälzerei des Autors Tobias Hamelmann in der zweiten Hälfte samt den Mahnungen gegen Vorurteile und für Einzelfallgerechtigkeit war zu erwarten. Aber abgesehen davon, daß neuronale Netzwerke mit weiter verbesserter Software und umfangreicherem Training anhand vieler weiterer Beispielsbilder sicher eine noch größere Unterscheidungssicherheit auch bei unterschiedlichen Beleuchtungsrichtungen und Gesichtsausdrücken erlangen könnten, geht es auch gar nicht darum, Menschen irgendwann aufgrund solcher Computerprogramme von vornherein als schuldig einzustufen und sicherheitshalber wegzusperren.

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Genetik und Erziehungseinfluß: „Tausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt“

Ein Interview von Vivian Pasquet mit dem amerikanischen Verhaltensforscher und Verhaltensgenetiker Robert Plomin, aus GEO 07-2019.

Schon bei der Geburt sind Charakter und Begabung vorherbestimmt, sagt der Verhaltensforscher Robert Plomin. Schwer zu glauben? Ein Gespräch über vergebliche Erziehung und die Chancen moderner Genforschung.

GEO: Ich war schon immer handwerklich unbegabt, aber ganz gut in der Schule. Ich bin empathisch und hilfsbereit, aber nicht besonders mutig und viel zu aufbrausend. Wenn ich Ihrer Forschung glaube, hat die Erziehung meiner Eltern zu all dem nichts beigetragen. Stattdessen seien vor allem meine Gene schuld. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?

ROBERT PLOMIN: Der Einfluss der Gene wurde jahrzehntelang massiv unterschätzt. Dabei konnten wir schon in den 1970er und 1980er Jahren zeigen, dass Adoptivkinder nicht ihren Adoptiveltern ähneln. Stattdessen gleichen sie den leiblichen Eltern – nicht nur äußerlich, auch in Intelligenz und Charaktereigenschaften, obwohl sie ihnen niemals im Leben begegnet sind. Dazu kommen etliche Studien mit eineiigen Zwillingen, genetischen Klonen. Es gibt Fälle, bei denen diese Zwillinge in getrennten Familien aufwuchsen, aber trotzdem gleiche Charaktereigenschaften aufweisen. Ob wir mutig sind oder nicht, musikalisch oder witzig, empathisch, introvertiert: Wir wissen heute, dass mindestens 50 Prozent jeder Eigenschaft schon bei der Geburt in unseren Genen liegt.

Ich nehme mich aber auch als Ergebnis der Erziehung und Fürsorge meiner Eltern wahr.

Da muss ich sie enttäuschen. Ihre Eltern gaben Ihnen als Kind vielleicht Möglichkeiten. Ob Sie diese Möglichkeiten ergriffen haben und wer Sie heute sind, bestimmen aber vor allem die Gene. Erziehung macht Sie im Kern nicht zu dem Menschen, der Sie sind.

Aber es kommt doch auch auf meine Umwelt an, darauf, wem ich im Leben begegnete und welche Chancen ich bekomme.

Stopp, jetzt vermischen Sie etwas. Im Prinzip ist Umwelt alles, was nicht durch Gene erklärbar ist. Schicksalsschläge, Begegnungen oder Möglichkeiten, die Sie im Leben bekommen. Das Wichtigste bei diesen Faktoren ist, dass allein der Zufall entscheidet, ob sie stattfinden und was das für Folgen für Ihr Leben hat. Eltern sind natürlich auch Umwelt, aber das Wort „Erziehung“ bedeutet, dass man diesen Teil der Umwelt gezielt steuern kann. Erziehungsratgeber gaukeln Eltern vor: Wenn man sich so und so verhält, dann hat das diese und jene Folgen für das Kind. Viele Eltern glauben das. Bis sie das zweite Kind bekommen und feststellen: Trotz gleicher Erziehung kommt ein vollkommen anderer Mensch heraus.

Aber dass ich kein Hooligan bin, obwohl ich einen aufbrausenden Charakter habe, hat doch etwas mit meiner Erziehung zu tun, oder?

Natürlich wurden Ihnen Verhaltensweisen beigebracht. Das änderte aber nicht Ihren Kern – weil Sie ein genetischer Hitzkopf sind. Sie sind es schon seit Ihrer Geburt. Ihre Eltern haben Ihnen keine Charaktereigenschaften anerzogen.

Warum ist diese Erkenntnis so wichtig?

Weil es Eltern zerstören kann, wenn sie glauben, für den Charakter oder sogar psychische Krankheiten ihres Kindes verantwortlich zu sein. Früher dachte man, Schizophrenie käme daher, dass die Mutter ihr Kind vernachlässigt hat. Weshalb bei gleicher Erziehung ein Geschwisterkind schizophren wurde und das andere nicht, fragte niemand. Grauenhaft, was das für die betroffenen Mütter bedeutete. Heute weiß man, dass Schizophrenie erblich ist. Abertausende von Müttern wurden zu Unrecht beschuldigt.

Oder heute glauben viele Menschen, Eltern wären dafür verantwortlich, dass ihr Kind zu dick ist. Dabei ist der Body-Mass-Index zu etwa 70 Prozent erblich. Das sieht man an adoptierten Kindern. Obwohl sie im gleichen Umfeld wie ihre Adoptivgeschwister aufwachsen, nähern sie sich meist dem Gewicht der leiblichen Eltern an: nicht nur wegen ihres Stoffwechsels, sondern auch wegen ihres Charakters: Sie essen mehr.

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Lagerfeuer richtig: Die zündende Idee

Aus GEO August 2015: „Kuriose Forschung – Die zündende Idee“

Adrian Bejan, Materialforscher an der Duke University in Durham, North Carolina, hat den perfekten Bauplan für ein Lagerfeuer berechnet.

GEO: Prof. Bejan, wie sieht Ihrem Modell zufolge das ideale Feuer aus?

So, wie Sie ein Grill- oder Kaminfeuer wahrscheinlich ohnehin aufbauen: Es brennt dann am besten, wenn der Stapel aus Holz oder Kohle ungefähr so hoch reicht, wie sein Durchmesser am Boden weit ist. Ein solches Feuer erreicht die höchste Temperatur für eine gegebene Menge Brennstoff.

Warum ist das so?

Ein Feuer ist ein poröses Medium voller heißer Gase. Sie steigen im Inneren des Holz- oder Kohlestapels nach oben und hinterlassen dabei ein partielles Vakuum. Dieses saugt neue Luft von den Seiten des Feuers an und hält es in Gang. Je höher der Stapel, desto besser entweichen die heißen Gase nach oben. Ein zu flacher, pfannkuchenartiger Aufbau erzeugt zu wenig Unterdruck, um die optimale Menge Luft anzusaugen. Eine zu hohe, säulenartige Konstruktion wiederum erzeugt so viel Unterdruck, dass die angesaugte Luft das Brennmaterial auskühlt. Das ideale Verhältnis beträgt ungefähr eins zu eins.

Und das hat noch niemand erforscht?

Es sind ja oft die einfachen Fragen, die schwer zu entdecken sind. Ich finde es aber keineswegs banal, dass Menschen seit Tausenden von Jahren gleichsam intuitiv ideale Feuer aufbauen. Ich sehe hier ein Naturgesetz am Werk, das ich „Konstruktionsgesetz“ genannt habe: Demnach formt die Natur, ob belebt oder nicht, mit der Zeit immer solche Systeme aus, die einen idealen Durchfluss von Strömungen erlauben – in diesem Fall Luftströmungen. Und gute Feuer zu bauen hat es wiederum dem Menschen erleichtert, sich über den Planeten zu verbreiten.

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Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

Tod im Atlantik: Die deutschen Auswanderer der „Love and Unity“

Von Christina Krätzig, erschienen im GEO-Juniheft 2013.

Einem Geisterschiff gleich schlingert die „Love and Unity“ („Liebe und Einheit“) durch die Dunkelheit. Kein Steuermann hält sie vor dem Wind. Die Segel schlackern, Böen und Wellen treiben hier, weit draußen auf dem Atlantik, mit dem Zweimaster ihr Spiel. Kein Kapitän blickt prüfend in den Sternenhimmel, menschenleer ist das mondbeschienene Deck in dieser Novembernacht den Jahres 1731.

Im Frachtraum aber drängen sich hundert Elendsgestalten aneinander. Emigranten aus der Pfalz, aus Baden und Württemberg, die meisten nehmen schon nicht mehr wahr, dass ihr Schiff keine Fahrt macht. Sie spüren nur noch den Schmerz in ihren Bäuchen, den nahenden Hungertod.

Die „Love and Unity“ ist ein Schiff der Verdammnis, ein Fliegender Holländer auf einer Reise, die kein Ende nehmen will. Länger als ein Vierteljahr ist sie ihren Passagieren ein Gefängnis auf See. Dabei hat die Fahrt nur vier bis sechs Wochen dauern sollen, so hatte es der Kapitän versprochen.

Im August ist die „Love and Unity“ in einen Sturm geraten, im September hat der Kapitän den Reisenden die Rationen gekürzt, im Oktober sind die ersten Passagiere verhungert. Und kein Ende dieser Fahrt der Verzweiflung ist in Sicht.

Zu den Armseligen, die da unter Deck vegetieren, gehören auch Frauen und Kinder, der elfjährige Georg Jungmann unter ihnen. Sein Vater ist Bürgermeister in Hockenheim am Oberrhein gewesen, bevor er mit seiner Familie an Bord dieses Seelenverkäufers gegangen ist. Nicht Not hat die Jungmanns ins Ungewisse getrieben, es sind diese Briefe gewesen: Von einem endlosen und menschenleeren Land war darin die Rede, gesegnet mit fruchtbaren Böden und mildem Klima. Und jeder Siedler könne mehr als genug davon bekommen.

Überstürzt hat der Bürgermeister Hab und Gut verkauft, um aufzubrechen. Er ahnt nicht, dass viele dieser Briefe, die in seiner Heimat von Hand zu Hand gehen, Fälschungen sind. Geschrieben von skrupellosen Händlern, die mit jedem Auswanderer mehr verdienen. Jetzt sind Georgs Stiefmutter und zwei seiner Geschwister tot, er selbst und sein zweijähriger Bruder liegen im Sterben.

Die Passagiere erhalten kaum noch Wasser vom Kapitän und so gut wie nichts mehr zu essen. Ein Napf Grütze pro Tag muss reichen für eine fünfköpfige Familie.

Und die Jungmanns haben kein Geld, um zusätzlich etwas Essbares zu kaufen. Oder das, was an Bord der „Love and Unity“ nun als Nahrung gilt: Mäuse zu sechs Pence, Ratten für anderthalb Schilling – anderthalb Tageslöhne eines Zimmermanns.

Jede Nacht sterben Menschen. Abends flehen sie ihre Mitreisenden um Nahrung an, morgens werden ihre von den Ratten angefressenen Leichen nackt über Bord geworfen. Nicht einmal einen Sandsack bekommen sie, der ihre Körper hinab in die Fluten zöge. Eltern müssen ihre Söhne und Töchter, Kinder ihre Mütter und Väter davontreiben sehen.

Kapitän Jacob Lobb behauptet, er sei gezwungen, die Rationen so stark zu kürzen, weil sein Schiff aufgrund widriger Winde zu wenig Fahrt mache; sonst sei am Ende gar nichts mehr übrig.

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Miguel de Cervantes und Don Quijote: Triumph eines Verlierers

Von Johannes Strempel, aus GEO EPOCHE Nr. 31 „Als Spanien die Welt beherrschte“.

„Ritter von der traurigen Gestalt“ nennt sich Don Quijote selbst. Gemeinsam mit seinem Knappen Sancho Pansa zieht er durch La Mancha. Die Leser lieben ihn als verwirrt-lächerlichen Helden.

1605 veröffentlicht Miguel de Cervantes einen Roman über einen Mann, der ist wie er selbst: adelig und verarmt. „Don Quijote“, realistisch und voll derbem Humor, wird ein Welterfolg und gilt heute als erster Roman der Moderne.

Es ist ein prächtiges Fronleichnamsfest, das die Residenzstadt Valladolid am 10. Juni 1605 feiert. Tags zuvor hat der englische Gesandte einen Friedensvertrag zwischen London und Madrid unterzeichnet. Nun strömen die Bürger ins Zentrum, um die Paraden und Stierkämpfe zu seinen Ehren zu verfolgen.

In einer Pause hält ein Schauspieler auf der Plaza Mayor Einzug, dessen Aufmachung so gar nicht zu den eleganten Toreros passt: ein hagerer Mann mit Plüschhosen und nach oben gezwirbeltem Bart, der einem abgemagerten Klepper die Sporen gibt und von einem rundlichen Knappen begleitet wird. Die Menge jubelt.

Vor gerade einmal fünf Monaten ist die Geschichte des glücklosen „Don Quijote“ in Madrid in kleiner Auflage erschienen, aber längst hat der „Ritter von der traurigen Gestalt“ ein Eigenleben jenseits des Buches begonnen. Bald wird man seiner Silhouette auf allen Karnevalsumzügen Spaniens begegnen, flankiert von der seines Freundes und Dieners Sancho Pansa.

Die Spanier schließen den verwirrten Junker auf Anhieb in ihr Herz. Niemand hat damit vermutlich weniger gerechnet als sein Schöpfer: Miguel de Cervantes Saavedra, ein 57jähriger Exsträfling, Steuereintreiber und Gelegenheitsdichter.

Ehe die Abenteuer Don Quijotes ihn berühmt machen, kämpft Miguel de Cervantes (1547-1616) gegen die Türken, arbeitet als Steuereintreiber und verbringt Jahre in afrikanischer Gefangenschaft.

Denn Armut und Schicksalsschläge sind die Leitmotive seines Lebens. Zwar stammt Cervantes aus einer aristokratischen Familie, aber das heißt nicht viel in einem Land, in dem sich zehn Prozent der Bevölkerung zum Adel rechnen – mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Ganz unten in dieser Hierarchie stehen die hidalgos, die „Söhne von jemand Bedeutendem“. Zu ihnen zählt auch Cervantes – und Don Quijote. König Ferdinand und seine Gattin Isabella haben den Titel im späten 15. Jahrhundert eingeführt, um die Krieger der Reconquista zu ehren. Doch das ist lange her. Inzwischen gibt es kaum noch Heldentaten zu vollbringen, und den Hidalgos bleibt nicht viel mehr vorzuweisen als ihr sorgsam gehüteter Adelsbrief und das steinerne Wappen an der Hausfassade.

Die meisten leben verarmt auf ihren kleinen Ländereien oder in den Städten. Und sie leben im Müßiggang: Denn richtig zu arbeiten ist für einen Hidalgo mit seiner Ehre unvereinbar.

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Als der Konsens zerbricht: das Ende der Römischen Republik

Aus GEO EPOCHE Nr. 50 „ROM: Die Geschichte der Republik“

Jahrhundertelang eilt Rom von Sieg zu Sieg, beherrscht schließlich fast das gesamte Mittelmeer. Und doch scheitert die Republik. Der Historiker Bernhard Linke über die Gründe für deren Niedergang:

GEO EPOCHE: Herr Professor Linke, die Römische Republik hat mehr als 400 Jahre bestanden, länger als irgendeine andere Republik der Weltgeschichte. Was macht ihren Erfolg aus? Ihre militärische Schlagkraft?

Bernhard Linke: Eher ihre enorm starke Mittelschicht.

Das müssen Sie uns erklären.

Die Römische Republik ist eigentlich eine Agrargesellschaft, selbst die Oberschicht rekrutiert sich traditionell aus Landbesitzern, die meisten Römer sind und bleiben während der gesamten Antike Bauern. Und diese Bauern sind autark. Der Familienvater führt den Hof, darf Eigentum erwerben und verkaufen, darf richten über seine Sklaven, sogar über seine Frau, seine Kinder. Der pater familias übernimmt also staatliche Aufgaben. Das sind freie, unabhängige Männer, die das auch bleiben wollen.

Was hat das mit dem Erfolg der Republik zu tun?

Es ist das Fundament, denn diese Bürger stellen die Soldaten. Sie kämpfen für ihre Freiheit, für ihre Eigenständigkeit. Und sie kämpfen für Beute. Deswegen folgen sie den Feldherren der senatorischen Oberschicht in den Krieg. Die innenpolitischen Verhältnisse bleiben stabil, weil die Republik ab etwa 340 v. Chr. expandiert, sehr viel Beute da ist, sehr viele Ressourcen akquiriert werden – und weil sich die senatorische Oberschicht damit „Zufriedenheit“ bei der Mittelschicht sichern kann. Zugleich haben alle in dieser Beutegemeinschaft verbundenen Bürger das Gefühl, den anderen Völkern überlegen zu sein. Dieses Selbstverständnis macht die Römer unglaublich stark.

Der Konsens hält aber nicht ewig. 133 v. Chr. erschlagen Senatoren nach einem Machtkampf den Volkstribun Tiberius Gracchus. Die Feldherren Sulla und Caesar werden später zu Diktatoren. Was bringt das Erfolgssystem ins Wanken?

Das ist immens kompliziert. Zunächst einmal beginnt mit dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine Zeit der tiefgreifenden Verwerfungen. Während des Zweiten Punischen Krieges bringt Hannibal den Römern gewaltige Verluste bei. Wenn unsere Schätzungen richtig sind, kommen allein in den ersten Kriegsjahren ungefähr 25 Prozent der wehrfähigen Bevölkerung um. Zugleich sind etwa zwei Drittel aller Senatoren gefallen. Die alte Oberschicht ist geschwächt. Die nachwachsende Generation ist weitgehend ausradiert. Mehr als 100 Senatorenposten müssen nun mit Leuten aus völlig neuen Familien besetzt werden.

Ein gewaltiger Traditionsbruch.

Es herrschen schwierige Verhältnisse im Senat. Die alten Familien sehen sich sogar gezwungen, die Neuen mit Sittengesetzen dazu zu bringen, sich wie richtige Senatoren zu verhalten. Anschließend gewinnen die Römer zwar in kürzester Zeit den Osten dazu, Makedonien wird 168 v. Chr. zerschlagen, das kleinasiatische Seleukidenreich düpiert – doch dann geschieht Erstaunliches: Die römische Oberschicht hört auf zu erobern.

Warum?

Das wissen wir nicht. Leider bricht auch Livius – unsere Hauptquelle – hier ab. Aber eines ist gewiss: Die Oberschicht nutzt die äußeren Ressourcen immer weniger, es kommt kaum noch Beute nach Rom.

Wie steht die Mittelschicht dazu?

Die römischen Bauern sitzen spätestens seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. auf sehr fruchtbaren Böden, die meisten Bürger sind wohl gut ernährt. Die Kinder haben große Chancen, erwachsen zu werden. Die Kriege haben aber bisher auch dazu geführt, dass die Gesellschaft nicht zu stark anschwillt und keine Tendenzen der Verarmung da sind – denn gefallene Soldaten konkurrieren nicht mit ihren Geschwistern daheim, können nicht heiraten, keine Kinder zeugen.

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WHO-Massenbeschneidung in Afrika: Ein Einschnitt fürs Leben?

Von Michael Obert (Text) und Matthias Ziegler (Fotos), erschienen unter dem Titel „Ein Einschnitt fürs Leben?“ in GEO 07-2015.

DIE WELTGESUNDHEITSORGANISATION will 20 Millionen Männer im südlichen und östlichen Afrika beschneiden lassen. Die Funktionäre behaupten, so werde HIV-Infektionen vorgebeugt. Um die Männer zur Operation zu bewegen, verheißt man ihnen, ohne Vorhaut seien sie „gegen AIDS geimpft“. Es ist ein beispielloser Vorgang: Nie zuvor haben Hilfsorganisationen versucht, so viele Menschen chirurgisch zu verändern. Er könnte in einem beispiellosen Desaster enden.

Ein einziger Schnitt. Als gäbe es eine Wunderwaffe gegen AIDS

Ernest Chisha hängt seine Hose an die Türklinke des Operationsraums und legt sich rücklings auf den Tisch, den Kopf auf ein schmutziges Schaumstoffpolster gebettet. Sein Atem beschleunigt sich. Bis auf seine staubigen Socken ist der 30-jährige Buchhalter nackt. „Warum wollen Sie Ihre Vorhaut entfernen lassen?“, fragt ihn ein hagerer Mann, der sich „Provider“ nennt, während er mit weißen Gummihandschuhen eine Spritze aus der Verpackung drückt. Achtmal sticht er zu, direkt unterhalb der Eichel. „Ich will mich vor dem Virus schützen“, ächzt Chisha. „Ich will einfach kein AIDS bekommen, ich will leben.“

Die Betäubung von Ernest Chishas Penis im Beschneidungszimmer der Chilenje-Klinik in der sambischen Hauptstadt Lusaka ist der Beginn eines medizinischen Eingriffs, wie er im südlichen und östlichen Afrika derzeit millionenfach vorgenommen wird. Im Kampf gegen HIV haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen zu einer beispiellosen Präventionskampagne aufgerufen. Ihr Ziel: In 14 afrikanischen Ländern sollen bis 2016 mehr als 20 Millionen Männer zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten werden. Zwei Milliarden Dollar lassen sich internationale Geldgeber die wohl größte Operationsreihe der Weltgeschichte kosten, allen voran das AIDS-Nothilfeprogramm der US-Regierung und die Bill & Melinda Gates Foundation.

Denn wenn afrikanische Männer ihre Vorhaut entfernen lassen, verringern sie ihr Risiko, sich beim ungeschützten Vaginalverkehr mit dem HI-Virus anzustecken, um bis zu 60 Prozent. Behauptet die WHO. Falls die Kampagne erfolgreich sei, würden bis 2025 demnach 3,4 Millionen Neuinfektionen verhindert werden. Doch Kritiker warnen, die Massenbeschneidungen stützten sich auf umstrittene Studien und könnten am Ende das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken: mehr HIV-Infektionen.

Sambia, der Binnenstaat im südlichen Afrika, zählt zu den Musterländern der Kampagne. Mehr als 840.000 Sambier haben sich ihre Vorhaut bereits entfernen lassen. Der Landeschef der WHO, Olusegun Babaniyi, lobt die Zahlen als „signifikanten Erfolg“. Sambia hat mit 12,5 Prozent unter den 15- bis 49-jährigen eine der höchsten HIV-Raten der Welt. Alle sieben Minuten steckt sich ein Sambier mit dem HI-Virus an. Weit über eine halbe Million Aidswaisen gibt es in dem Land, das kaum 15 Millionen Einwohner zählt.

Sieben Autostunden südlich von Lusaka, in einem Dorf namens Sichiyasa, wenige Kilometer von den berühmten Victoriafällen entfernt, stakst Margret Nkunika in ihren Stadtschuhen über ein abgeerntetes Maisfeld. Strohgedeckte Lehmhütten flimmern in der Savanne. Staubfahnen wirbeln im heißen Wind. Die Mittfünfzigerin mit der ungestümen Perücke im Afrolook und ihre vier Begleiter sind sogenannte Mobilizer, die zu Tausenden bis in die entlegensten Landesteile ausschwärmen, um Männer zu überzeugen.

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Vom Fluch der Magie

Albert Atcho lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1990 in Bingerville an der Elfenbeinküste. Seine Mission: Teufelsaustreibungen. Besessene wurden in seinen Sitzungen allerdings nicht – wie sonst üblich – gequält, bestraft oder sogar getötet. Sie durften nach der befreienden Beichte zurück in ihre Dörfer gehen.

Von David Signer, ursprünglich erschienen in GEO 9-2006. Die Bilder sind eine Auswahl aus denen im Originalartikel.

Vor zwölf Jahren betritt David Signer zum ersten Mal das Zimmer eines traditionellen afrikanischen Heilers. Sieht blutbespritzte Wände, Töpfe mit Kräutersud, Kaurischnecken. Eine unheimliche Welt, deren Rätsel der Schweizer Ethnologe fortan in vielen Feldstudien zu ergründen sucht. Der Zauber, weiß er heute als Eingeweihter zu berichten, wirkt tatsächlich – wenn auch anders als gedacht. Er macht Angst vor Veränderung. Er lähmt die Entwicklung Afrikas.

ZÜRICH, SEPTEMBER 2002. „Madame Coulibaly, Abengouru“ steht als Absender auf einem Brief, der eines Tages in meinem Postkasten liegt. „Lieber David“, schreibt sie, „mit großem Bedauern senden wir diese Neuigkeiten: Dein Freund Tiegnouma Coulibaly ist am 16. September gestorben. Wir sind hier, seine zwei Frauen und fünf Kinder, und es fehlen uns sogar die Mittel, um Essen einzukaufen.“

Tränen treten mir in die Augen. Tiegnouma Coulibaly war ein Heiler, den ich zu Beginn meiner mehrjährigen Feldforschung in Westafrika kennen lernte – und der im Laufe unserer Zusammenarbeit mein europäisches Weltbild pulverisierte. Ich rätsele, wie er ums Leben gekommen sein mag. Als ich seine Frauen erreiche, sagen sie nur: „Wir haben ihn eines Morgens tot in seinem Bett gefunden.“

ABENGOURU, OKTOBER 1994. Ich bin zum ersten Mal in der staubigen Provinzstadt der Elfenbeinküste. Für eine ethnologische Studie suche ich den Kontakt zu traditionellen Heilern, „Féticheurs“. Sie besitzen in Westafrika einen zwiespältigen Ruf. Einerseits gelten sie tatsächlich als Heiler, was vor allem bedeutet „Anti-Hexer“, weil viele Krankheiten auf Hexerei zurückgeführt werden. Andererseits traut man ihnen aber auch zu, anderen zu schaden, und sei es nur, um den eigenen Klienten zu verteidigen. Die Suche nach einem Féticheur ist also alles andere als harmlos, sondern eher so, als ob man sich nach dem nächsten Waffenladen erkundigte.

In einem Ministerium lerne ich einen Beamten kennen. Er erzählt von einem Hexer, der sich in Sekundenschnelle nach Paris begab, um dort seinen eigenen Sohn aufzufressen, weil der nichts von seinem Lohn an seine Familie in Afrika schickte.

„Er fraß ihn wirklich auf?“

„Natürlich nicht buchstäblich“, sagt der Mann, der zwischen seinen vielen Stapeln vergilbter Dokumente sitzt. „Er hat die Seele seines Sohnes, sein unsichtbares Doppel, wie wir sagen, zerstört. Der Junge starb nicht sofort, aber er verlor nach und nach alle Lebenskraft.“

„Und dann?“ frage ich. „Wurde der Vater verhaftet?“

Der Beamte lacht über meine Naivität, aber erklärt geduldig: „Niemand kann beweisen, was er getan hatte. Sein Körper lag ja die ganze Nacht hier neben seiner Frau. Sein Double war nach Paris geflogen. Hexerei ist unsichtbar.“ Und für den Fall, daß ich immer noch nicht begreife, fügt der Mann hinzu: „Wir zwei plaudern hier nett miteinander. Aber niemand kann ausschließen, daß einer von uns jetzt, in diesem Moment, den anderen verhext.“

An diesem Nachmittag erhalte ich meine erste Ahnung vom Zusammenhang zwischen sozialem Aufstieg, Neid und Hexerei; von einem Albtraum, der die Menschen von Dakar im Senegal bis Daressalam in Tansania verfolgt. Sozialwissenschaftler und Entwicklungsexperten nehmen ihn jedoch erst seit kurzem wahr. Was die Afrikaner „Hexerei“ nennen, ist keine bloße Phantasmagorie, sondern soziale Realität. Hexerei ist eine Metapher für von Mißgunst geprägte Sozialbeziehungen: Es soll dir nicht besser gehen als mir. Auch wenn man den Glauben an fliegende Väter, die nachts ihre Söhne am anderen Ende der Welt heimsuchen und auffressen, nicht teilt, so ist doch die zerstörerische Kraft des Neides im subsaharischen Afrika unübersehbar. Der Druck der Verwandtschaft auf jeden, der etwas hat, ist unerbittlich. Die Bittsteller sind nie zufrieden. Und die Verwandtschaft ist tendenziell unendlich.

Ethnologische Forschung über Féticheure, über Heiler und Hexer, befaßt sich also keinesfalls mit einer spirituellen Randerscheinung, sie führt vielmehr direkt ins Herz des afrikanischen Psycho- und Sozialsystems.

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