Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 1b)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1 und das Glossar

 3) Schlangenaugen

Fünf Tage nach dem Start vom Mars erreichte die Ace of Swords das knapp zwanzig Lichtjahre entfernte Sonnensystem von Delta Pavonis und ging in den Sublichtwarp über. Durch die Eigentümlichkeiten des Überlicht-Warpfluges war es notwendig, dies bereits weit von den inneren Planeten entfernt und oberhalb der Ebene der Ekliptik zu tun, denn im Überlichtflug war es nicht möglich, aus der Warp-Blase hinauszusehen, und da unvorhersehbare geringe örtliche Variationen der Raumzeitstruktur entlang der Flugroute entsprechende Richtungs- und Geschwindigkeitsabweichungen bewirken konnten, ließ sich die Position bei Ende des Warpfluges nur sehr ungefähr bestimmen. Wenn der solcherart verzerrte Kurs davor zufällig ausreichend nahe an einem Planeten oder Planetoiden vorbeigeführt hatte, konnte die Abweichung sogar sehr groß werden und unerfreuliche Überraschungen mit sich bringen. Ronald Brugger hatte zwar unterwegs in Tagesabständen Beobachtungshalte auf Unterlichtgeschwindigkeit zur Kurskorrektur eingelegt, aber diese Vorsichtsmaßnahme war dennoch notwendig. Nach einer letzten Positionsbestimmung berechnete das Schiff den Endanflugkurs zum gewünschten Zielplaneten und flog mit ständig sinkender Sublichtwarpgeschwindigkeit dorthin.

Pavonia war der vierte Planet des G8-Sterns Delta Pavonis, einer Sonne, die sich bereits im Ansatz der Entwicklung zum Roten Riesen befand. Der dritte Planet war aufgrund dessen bereits eine ausgedörrte, tote Welt, aber Pavonia hatte dies ein für Leben ausreichend warmes Klima beschert. Allerdings hatte der Planet bei seiner Entstehung einen deutlich geringeren Masseanteil an Wasser bekommen als die Erde, mit der Folge, daß seine Oberfläche fast zur Hälfte vom Land bestimmt wurde und es nur eine Anzahl seichter, voneinander getrennter Meeresbecken gab. Was andernfalls Ozeanböden gewesen wären, waren hier weite, von riesigen Flußsystemen durchzogene Tiefländer.

Es war diese Welt gewesen, wo irdische Raumexpeditionen erstmals Nachkommen von Menschenpopulationen vorgefunden hatten, die von den Lwaong auf Welten außerhalb der Erde verpflanzt worden waren. In den Jahrtausenden seither hatten diese sich an die verschiedenen Lebensräume ihrer neuen Welt angepaßt und sich zu vielen verschiedenen Völkern entwickelt, die zur Zeit ihrer Entdeckung auf primitivem bis vorindustriellem Kulturniveau gelebt hatten. Da zu dieser Zeit die Solare Föderation noch nicht existiert hatte, war man sich uneinig gewesen, welcher zukünftige politische Status dieser Völker anzustreben sei. Dies hatte eine Bewegung neo-zionistischer Juden ausgenützt, um in einem unbewohnten, semiariden Gebiet Pavonias am Unterlauf des Heyong, eines Salzwasserstromes, in das tiefstgelegene Meer des Planeten einen neuen Judenstaat zu gründen, nachdem Israel Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts untergegangen war. Dieser neue Staat Astroel hatte sogleich eine Anzahl von Projekten anderer irdischer Gruppen gefördert, die auf Pavonia Stadtstaaten errichteten, welche sich mit einzelnen Eingeborenenvölkern nach dem Prinzip zusammentaten: wir bringen euch moderne Errungenschaften und vertreten euch gegenüber den Außenweltlern, und ihr tretet diese Souveränität an uns ab, bei weitgehender innerer Autonomie für euch. In der Praxis lief es unter diesem moralischen Deckmantel angeblicher Kolonialismusverhinderung auf die Schaffung neuer Offshore-Paradiese für Finanzgeschäfte, Steuerflucht und noch viel zwielichtigere Geschäfte hinaus und wurde von den irdischen Eliten aus den gleichen eigennützigen Gründen wie früher geduldet. Um unverfängliche Gründe für Reisen dorthin zu schaffen, wurden auch Handel und Tourismus gefördert, und auch wenn Astroel und die anderen pavonischen Regime keine Piratenakte in ihrem System duldeten, war es ein offenes Geheimnis, daß sie Piraten stillschweigend einen sicheren Hafen boten.

Hier konnten sie ihre Schiffe warten, Versorgungsgüter aufnehmen, Hehler für ihre Beute finden, Lösegeldverhandlungen führen, ihr Geld anlegen, sich amüsieren, medizinische Behandlung bekommen und sich vielleicht irgendwann zur Ruhe setzen. Pavonia hatte eine ideale Lage als solch ein modernes, interstellares Port Royal: nahe genug an den belebteren interstellaren Routen und an den bewohnten Welten, aber weit genug von Sol entfernt, um von der Solaren Föderation in Ruhe gelassen zu werden.

Auf dieser Welt wollte Brugger Informationen über neueste Entwicklungen in Sachen Piraterie einholen, und so steuerte er als erstes ein astroelisches Orbitalkontrollschiff an, um vor der Landung die Einklarierungsformalitäten zu erledigen. Als er dieses Wachschiff erreichte, zog es auf seiner niedrigen Umlaufbahn gerade über sein Heimatterritorium hinweg, wo Bauten und Straßen an einem noch wasserführenden Mündungsarm des Heyong erkennbar waren. Brugger dockte sein Schiff an einem ausgefahrenen Zugangsarm an und begab sich hinüber, um die Einreise- und Zollbehörde aufzusuchen.

Nachdem er die Formalitäten erledigt und einen Imbiß gegessen hatte, ging er wieder in Richtung der Ace of Swords. Als er dabei an einem großen Panoramafenster vorbeikam, sah er draußen einen weiteren Orion-II-Raumjäger heranschweben. Ganz nah war er bereits, kurz davor, vom Andockarm erfaßt zu werden. Brugger wußte sofort, um welches Schiff es sich handelte, als er an der Seite des Vorderrumpfes die beiden roten Würfel mit den weißen Augen erkannte, die beide mit der Eins nach oben lagen. Es war die Snake Eyes, Elonard Sampsons Maschine.

Da er keinen Wert auf eine Begegnung mit Sampson und seinen Männern legte, ging er sofort an Bord, aktivierte Acey und legte vom Kontrollschiff ab. Es war ohnehin bereits der erste Planetenumlauf seit seiner Ankunft bald vollendet, sodaß es an der Zeit war, hinunterzugehen, wenn er in Saltport landen wollte. Sein Schiff ließ er gesichert im Orbit zurück und nahm stattdessen den kleinen roten Raumgleiter, den er im umgebauten Bombenschacht an der Rumpfunterseite mitführte. Er klinkte aus, manövrierte nach unten aus dem Schacht und leitete die Abstiegsbremsung ein. Bis zum Atmosphäreneintritt war die Geschwindigkeit bereits so weit verringert, daß die großzügig bemessenen Sichtscheiben die Reibungshitze problemlos vertrugen. Eine gute Viertelstunde später zog er über die Gegend hinweg, die er aus dem Orbit gesehen hatte, sah die Türme und Gewächshäuser und das karge Grün am Boden und machte eine Dreiviertelwendung nach Südwesten, bis die Raumhafengebäude von Saltport vor ihm lagen.

Diese waren im Mündungsdelta des Heyong errichtet worden, der aus dem höher gelegenen, größten Meer Pavonias weiter im Norden abfloß, um sich in das ebenfalls große, sehr salzige Dolung-Meer zu ergießen. Jetzt am Höhepunkt der Trockenzeit führte er nur noch wenig Wasser und auf dieser Seite des Deltas gar keines mehr, aber an den mächtigen Salzablagerungen, die teils auch vom Wind verfrachtet worden waren, war zu erkennen, wie stark er bei Hochwasser anschwellen konnte. An dem langgestreckten flachen Raumhafentrakt legten bei normalerem Wasserstand auch die Kreuzfahrtschiffe sowie die Fangboote der Eingeborenen an, die ihre Fänge an extremophilem Getier aus dem nahen Meer anlieferten. Den Gebäuden machte weder das Salz noch das Wasser etwas aus; sie waren dafür gebaut. An ihrer Oberseite öffneten sich die Landeschächte für die Raumfähren, die Passagiere und Fracht zwischen dem Planeten und seinem innersten Mond Eleazar beförderten, auf dem sich die für Personen und mittelgroße Raumschiffe dimensionierten Wurmlochportale der Verbindungen nach Epsilon Indi und Beta Hydri befanden. Auch die suborbitalen Raumschiffe, die die Routen zu anderen Teilen des Planeten bedienten, starteten und landeten in diesen Schächten.

Der rote Raumgleiter wich einem Lastenschweber aus, kurvte auf den Raumhafenturm zu und landete an dessen Fuß auf dem Salz. Brugger stieg aus und betrachtete den Himmel, der von einem Staubsturm über der südöstlich gelegenen Landmasse rot verfärbt worden war. Er nahm die Szenerie eine Weile in sich auf und genoß es, wieder unter freiem Himmel zu stehen und den Wind zu spüren. Dann wandte er sich um und marschierte über das knirschende Salz auf den nächstgelegenen öffentlichen Eingang zu, den ihm die Navifunktion seiner Poctronic anzeigte. Drinnen strebte er den Aufzügen des Turmes zu und fuhr zum großen Panoramarestaurant im fünfzigsten Stockwerk hinauf. Dieses Lokal, das Fifty Up, war eine gastronomische Berühmtheit von Pavonia und deshalb auch jetzt in der schwachen Saison einigermaßen gut besucht. Teils lag dies auch an den Forscherteams, die nach Pavonia kamen, seit auf der toten inneren Nachbarwelt Anzeichen für eine seit Jahrmillionen verschwundene Zivilisation entdeckt worden waren und man nun wissen wollte, ob diese Wesen vor ihrem Untergang auch nach Pavonia gekommen waren.

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Ein Turm aus Asche

Von George R. R. Martin. Das Original „This Tower of Ashes“ wurde 1974 verfaßt und erstmals in der Aprilausgabe 1976 von Analog Annual veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung von Tony Westermayr erschien 1979 im GRRM-Sammelband „Lieder von Sternen und Schatten“ und ist auch im neueren GRRM-Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) enthalten.

Mein Turm ist aus Mauersteinen erbaut, kleinen, rußgrauen Mauersteinen, verbunden durch eine schimmernd-schwarze Mörtelsubstanz, die meinem unkundigen Auge auf sonderbare Weise wie Obsidian erscheint, obwohl es ganz offensichtlich kein Obsidian sein kann. Er steht an einem Arm der Dürren See, sieben Meter hoch und absackend, der Waldrand ist nur Meter entfernt.

Ich fand den Turm vor fast vier Jahren, als Squirrel und ich Port Jamison mit dem silbrigen Flugwagen verließen, der jetzt ausgebrannt und überwachsen im Unkraut vor meiner Türschwelle liegt. Bis heute weiß ich fast nichts über das Bauwerk, aber ich habe meine Theorien.

Zum einen glaube ich nicht, dass der Turm von Menschen erbaut wurde. Er ist eindeutig älter als Port Jamison, und, wie ich oft denke, als der menschliche Raumflug. Die Mauersteine (die seltsam klein sind, weniger als ein Viertel der Größe normaler Ziegelsteine), sind verbraucht und verwittert und alt, und sie zerbröckeln unter meinen Füßen. Überall ist Staub, und ich weiß, woher er kommt, denn mehr als einmal habe ich von der Brüstung am Dach einen Stein herausgestemmt und ihn beiläufig zu dünnem, schwarzem Pulver zerdrückt. Ich habe ihn in meiner bloßen Faust zerdrückt. Wenn von Osten der Salzwind heranweht, lässt der Turm einen Helmbusch aus Asche flattern.

Im Inneren sind die Mauersteine in besserem Zustand, da Wind und Regen sie nicht so stark angegriffen haben, aber trotzdem ist der Turm alles andere als angenehm. Das Innere ist ein einziger Raum voll Staub und Echos, ohne Fenster; das einzige Licht kommt von der kreisrunden Öffnung in der Dachmitte. Eine Wendeltreppe, aus dem gleichen Mauerwerk wie das übrige, ist Teil der Wand. Sie führt im Kreis herum und immer wieder herum, wie das Gewinde einer Schraube, bis sie Dachhöhe erreicht. Squirrel, der für eine Katze ziemlich klein ist, bewältigt die Treppe mühelos, aber für Menschenfüße ist sie eng und unbequem.

Aber trotzdem steige ich sie hinauf. Jede Nacht komme ich aus den kühlen Wäldern zurück, die Pfeile sind schwarz vom verkrusteten Blut der Traumspinnen, der Beutel ist schwer von ihren Giftsäcken, und ich stelle den Bogen weg und wasche mir die Hände und steige dann zum Dach hinauf, um die letzten Stunden bis zur Morgendämmerung zu verbringen. Auf der anderen Seite der schmalen Salzrinne brennen die Lichter von Port Jamison auf der Insel, und von dort oben ist es nicht die Stadt meiner Erinnerung. Nachts sind die kantigen schwarzen Gebäude in ein romantisches helles Leuchten gehüllt; die Lichter, ganz rauchiges Orangerot und gedämpftes Blau, sprechen von Rätseln und stummem Leid und mehr als ein wenig Einsamkeit, während die Sternenschiffe vor den Sternen steigen und stürzen wie die unermüdlich schwirrenden Glühwürmchen meiner Kindheit auf der Alten Erde.

„Es gibt Geschichten dort drüben“, sagte ich einmal zu Korbec, bevor ich es besser wusste. „Hinter jedem Licht sind Leute, und jede Person hat ein Leben, eine Geschichte. Nur führen sie alle ihr Leben, ohne uns je zu berühren, sodass wir die Geschichten nie erfahren werden.“ Ich glaube, dass ich dann gestikulierte; ich war natürlich ziemlich betrunken.

Korbec antwortete mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte, und einem Kopfschütteln. Er war ein mächtiger, dunkler, schwerer Mann mit einem Bart wie aus verknotetem Draht. Jeden Monat kam er in seinem verbeulten schwarzen Flugwagen aus der Stadt, um mir das, was ich zum Leben brauchte, zu bringen und das Gift abzuholen, das ich gesammelt hatte, und jeden Monat stiegen wir zum Dach hinauf und betranken uns. Ein Lastwagenfahrer, mehr war Korbec nicht; ein Verkäufer verbilligter Träume und gebrauchter Regenbogen. Aber er bildete sich ein, er sei ein Philosoph und Menschenkenner.

„Machen Sie sich nichts vor“, sagte er damals zu mir. „Ihnen entgeht überhaupt nichts. Das Leben ergibt miserable Geschichten, wissen Sie. Richtige Geschichten dagegen, die haben meistens eine Handlung. Sie fangen an und laufen so ein bißchen, und wenn sie aufhören, sind sie vorbei, außer es schreibt einer Fortsetzungen. Im Leben gibt es das nicht, die Leute laufen nur so herum und schwätzen und machen immer weiter. Da hört nie etwas auf.“

„Die Leute sterben“, sagte ich. „Das ist Ende genug, möchte ich meinen.“

Korbec gab ein lautes Geräusch von sich. „Sicher, aber haben Sie schon mal erlebt, dass einer zur rechten Zeit stirbt? Nein, kommt nicht vor. Die einen kippen um, bevor ihr Leben so richtig angefangen hat, die anderen mitten in der besten Zeit. Andere treiben sich noch herum, nachdem alles schon lange vorbei ist.“

Wenn ich oben allein sitze, Squirrel warm auf meinem Schoß, ein Glas Wein neben mir, denke ich oft an Korbecs Worte und die schwerfällige Art, wie er sie aussprach; seine rauhe Stimme war seltsam sanft. Er ist kein kluger Mann, dieser Korbec, doch in jener Nacht, glaube ich, sagte er etwas Wahres, vielleicht, ohne es selbst zu wissen. Aber der ermattete Realismus, den er mir damals anbot, ist das einzige Gegenmittel, das es gegen die Träume gibt, die von Spinnen gewoben werden.

Aber ich bin nicht Korbec, noch kann ich es sein, und während ich seine Wahrheit erkenne, kann ich sie doch nicht leben.

*   *   *

Am späten Nachmittag war ich im Freien, um Zielschießen zu üben, und trug nichts als meinen Köcher und eine Hose mit abgeschnittenen Beinen, als sie kamen. Es wurde schon dunkel, und ich machte mich locker für meinen nächtlichen Ausflug in den Wald – selbst in dieser frühen Zeit lebte ich schon von der Abend- bis zur Morgendämmerung, wie die Traumspinnen es tun. Das Gras fühlte sich gut an meinen nackten Sohlen an, der doppelt geschweifte Silberholzbogen in meiner Hand noch besser, und ich schoss treffsicher.

Dann hörte ich sie kommen. Ich blickte über die Schulter zum Ufer und sah den dunkelblauen Flugwagen am östlichen Horizont rasch größer werden. Gerry, natürlich, das erkannte ich am Geräusch; sein Flugwagen gab schon seltsame Laute von sich, seit ich ihn kannte.

Ich drehte ihnen den Rücken zu, spannte ganz ruhig die Sehne und traf ins Schwarze.

Gerry landete im Unkraut vor dem Sockel des Turms, ganz in der Nähe meines Flugwagens. Crystal war bei ihm, schlank und ernst, ihr langes goldenes Haar schimmerte rötlich in der Nachmittagssonne. Sie stiegen aus und kamen auf mich zu.

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Dunkle Zuflucht

Von Gregory Benford, übersetzt von Lucifex. Das Original Dark Sanctuary erschien ursprünglich 1979 in Omni und wurde in der Februarausgabe 2012 des Lightspeed Magazine nachveröffentlicht. (Titelbild von mir hinzugefügt.)

Der Laserstrahl traf mich direkt ins Gesicht.

Ich drehte mich weg. Mein Helm summte und wurde dunkel, als seine Sonnenabschirmung überlastet wurde. Hinein ins Schiff. Ich riß an einer Strebe und taumelte in die gähnende, fluoreszenzbeleuchtete Luftschleuse.

Im Asteroidengürtel hat man entweder schnelle Reflexe, oder man ist eine Statistik. Ich knallte gegen das Schott der Luftschleuse und kam zum Stillstand, wartete, um zu sehen, wo der Laserstrahl als Nächstes treffen würde. Meine Anzugsensoren waren alle ausgebrannt, meine Gurte waren versengt. Die Druckflecken an den Knien und Ellbogen hatten braune Blasen. Sie hatten Blasen geworfen und waren weggekocht. Noch eine Sekunde oder zwei, und ich hätte Vakuum geatmet.

Ich nahm all dies auf, während ich Ausschau nach Reflexionen vom nächsten Laserschlag hielt. Nur daß er nicht kam. Wer auch immer auf mich geschossen hatte, hielt entweder die Sniffer für manövrierunfähig, oder er hatte einen unzuverlässigen Laser. So oder so mußte ich mit dem Ausweichen anfangen.

Ich bewegte mich schnell, arbeitete mich durch eine Verbindungsröhre nach vorn zur Brücke – ein hochtrabender Name für ein besenkammergroßes Cockpit. Ich brachte den Fusionsantrieb der Sniffer auf Touren und spürte den Zug, als sie heißes Plasma aus ihren Heckröhren zu spucken begann. Ich ließ auch die Seitenjets stottern und kleine Plasmastöße abgeben. Das ließ die Sniffer herumflitzen, gerade genug, um es schwer zu machen, sie zu treffen.

Ich drückte Tasten, um einen Schadensbericht zu bekommen. Ein paar Sensoren achtern ausgebrannt, ein Ladearm zusammengeschmolzen, anderes kleines Zeug. Der Laserblitz mußte uns nur für ein paar Sekunden erwischt haben.

Ein Blitz von wem? Von wo? Ich überprüfte das Radar. Nichts.

Ich hob die Hand, um meine Nase zu kratzen, und erkannte, daß mein Helm und mein hautenger Anzug immer noch vakuumtauglich abgedichtet waren. Ich beschloß, sie anzubehalten, nur für den Fall. Ich trage innerhalb der Sniffer üblicherweise leichte Coveralls; der hautenge Raumanzug ist für Arbeit im Vakuum. Mir fiel ein, daß ich, wenn ich nicht draußen gewesen wäre und einen hydraulischen Lader repariert hätte, bis zu meinem nächsten Routinecheck gar nicht gewußt hätte, daß jemand auf uns geschossen hatte.

Was keinen Sinn ergab. Prospektoren schießen auf einen, wenn man in einen Claim eindringt. Sie zappen einen nicht bloß einmal und verschwinden dann – sie bringen die Sache zu Ende. Ich war jetzt ziemlich in Sicherheit; der Stolziermodus der Sniffer war schnell und ungleichmäßig und schüttelte mich in meiner Kapitänscouch herum. Aber als meine Hände über der Kontrollkonsole schwebten, begannen sie zu zittern. Ich konnte sie nicht dazu bringen, aufzuhören. Meine Finger schüttelte es so schlimm, daß ich es nicht wagte, Anweisungen einzutippen. Verzögerte Reaktion, sagte mir der analytische Teil meines Verstandes.

Ich hatte Angst. Prospektion ist für sich schon riskant genug, ohne das Pech, in den Claim eines anderen zu geraten. Auf einmal wünschte ich, ich wäre nicht so einzelgängerisch. Ich zwang mich zum Denken.

Eigentlich sollte die Sniffer jetzt schon eine treibende Hulk sein – mit geblendeten Sensoren, voller Löcher geschossen und mit explodierten Triebwerken. Prospektoren im Asteroidengürtel spielen um alle Murmeln.

Philosophisch halte ich es mit den Hasen – rennen, ausweichen, hüpfen, aber nicht kämpfen. Ich habe auch ein paar Überraschungen für jeden, der versucht, schneller zu sein als ich. Das ist allemal besser, als mit Felsenratten Laserschüsse über tausend Kilometer auszutauschen.

Aber das hier machte mir Sorgen. Keine anderen Schiffe auf dem Radar, nichts als dieser eine Blitz. Es paßte nicht.

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Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“, richtig gelesen

Ornithopter, die in „Dune“ verwendeten Schlagflügelflugzeuge, fliegen durch einen Einschnitt im Schildwall in die offene Wüste von Arrakis hinaus.

Von Lucifex, unter Verwendung von Zitaten aus „Dune“ und aus Greg Johnsons Artikel dazu sowie zweier Videos aus David Lynchs Dune-Verfilmung. Die Bilder sind – mit Ausnahme der Karten – Illustrationen von John Schoenherr zu „Dune“.

„Das Fazit der Dune-Trilogie ist: nehmt euch vor Helden in Acht. [Es ist] viel besser, sich auf sein eigenes Urteil und auf seine eigenen Fehler zu stützen.“ („The bottom line of the Dune trilogy is: beware of heroes. Much better [to] rely on your own judgment, and your own mistakes.“

Frank Herbert, 1979.

Dune zielte auf diese ganze Idee vom unfehlbaren Führer ab, denn meine Sicht auf die Geschichte sagt, daß Fehler, die von einem Führer (oder im Namen eines Führers) gemacht werden, durch die Zahlen derer multipliziert werden, die ohne zu fragen folgen.“ („Dune was aimed at this whole idea of the infallible leader because my view of history says that mistakes made by a leader (or made in a leader’s name) are amplified by the numbers who follow without question.“

Frank Herbert, 1985.

Vor Kurzem habe ich Frank Herberts Science-Fiction-Roman „Dune“ („Der Wüstenplanet“) wieder einmal gelesen. Das Buch handelt ganz im Sinne dessen, was George R. R. Martin in Bat Durston, oder: Das Herz im Widerstreit über die Essenz guter Literatur geschrieben hat, von Liebe und Treue, von Ehre und Stolz versus Schändlichkeit, Intrigen und Verrat, von Mitleid und Grausamkeit, Leidenschaft und Opferbereitschaft und vom menschlichen Herz, das mit sich selbst im Widerstreit liegt. Aber es ist eines ganz bestimmt nicht: das Plädoyer für einen angeblich als Regierungsform überlegenen „archäofuturistischen“ Feudalismus, als den Greg Johnson es in Archeofuturist Fiction: Frank Herbert‘s Dune (deutsche Übersetzung hier) interpretiert hat.

Dies hat mich zu meiner eigenen vorliegenden Darstellung veranlaßt. Warnung 1: Darin werden Spoiler enthalten sein, aber das macht nicht allzu viel, da das Werk bei allen sonstigen Qualitäten die erzählerische Schwäche aufweist, selbst zu viel vorab zu verraten: Der Hauptschurke Baron Harkonnen erklärt in Besprechungen mit seinen Leuten und in seinen privaten Gedanken immer wieder, was er vorhat und wie er Dr. Yueh, den Arzt der Familie Atreides, zum Verrat erpreßt hat, und Yueh bestätigt das selbst in seinen gewissensgeplagten Gedanken, sodaß für den Leser nur noch die Einzelheiten neu sind, wenn der Angriff tatsächlich stattfindet. Und am Beginn jedes Kapitels steht ein Zitat aus einer der Schriften der Imperatorstochter Irulan, die darin in offenbarer Unkenntnis des Begriffs „Spoileralarm“ erkennen läßt, was später geschehen wird. Wer dennoch Spoilern ausweichen möchte, überfliegt am besten den Schluß der Inhaltszusammenfassung und scrollt zu „Interpretationen“ hinunter. Warnung 2: Für SF-Muggels wird dieser Artikel definitiv zu lang sein.

Der Kosmos von Dune

„Als mein Vater, der Padischah-Imperator, vom Tode Herzog Letos – und von der Art, auf die er umkam – unterrichtet wurde, bekam er einen Wutanfall, wie wir ihn bis dahin nie gekannt hatten. Er beschuldigte meine Mutter und die Organisation, der sie angehörte, ihm eingeredet zu haben, er müsse eine Bene Gesserit auf den Thron setzen. Er verwünschte die Gilde ebenso wie den tückischen alten Baron. Er verfluchte jeden, der sich in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt und nahm nicht einmal mich davon aus und sagte, ich sei eine Hexe wie alle anderen. Als ich versuchte, ihn mit den Worten zu beruhigen, daß dies auf der Basis eines alten Gesetzes der Selbstverteidigung geschehen sei, dem auch die meisten früheren Herrscher ihre Zustimmung nicht versagt hätten, knurrte er mich an und fragte, ob ich ihn für einen Schwächling hielte. Ich verstand schließlich, daß sein Zorn nicht der Tatsache galt, daß Herzog Leto aus dem Leben geschieden war, sondern was dies für den Adel an sich – und sein Ansehen – bedeutete. Aus heutiger Sicht glaube ich zu erkennen, daß er bereits damals schon von Vorahnungen über sein eigenes Schicksal gequält wurde, was darauf zurückzuführen ist, daß er und Muad’dib der gleichen Linie entstammten.“

„Im Hause meines Vaters“, von Prinzessin Irulan (am Beginn von „Zweites Buch: Muad’dib“).

Morgendämmerung beim Palast von Arrakeen, der alten Hauptstadt von Arrakis.

Dune spielt einundzwanzig Jahrtausende in der Zukunft und zehn Jahrtausende nach einer „Butler’s Djihad“ genannten Revolte, seit der ein Verbot von Computern und Robotern mit künstlicher Intelligenz besteht, das verschiedene Organisationen zur Weiterentwicklung der menschlichen Fähigkeiten veranlaßt hat. Die politische Ordnung des von Menschen besiedelten Teils der Galaxis beruht auf einem Gleichgewicht zwischen drei Hauptkräften: der Raumgilde, dem nur aus Frauen bestehenden Orden der Bene Gesserit und einer Feudalaristokratie mit einem Padischah-Imperator an der Spitze.

Die Raumgilde hat das Monopol auf die interstellare Raumfahrt und kontrolliert durch ihre Transportgebühren die Preise für interstellar gehandelte Güter. Alle anderen Akteure, auch die Adelshäuser einschließlich des Imperators, sind darauf angewiesen, ihre nicht mit Überlichtantrieben ausgestatteten Raumschiffe von der Gilde in ihren gigantischen Heighlinern in andere Sonnensysteme mitnehmen zu lassen. Die Gilde garantiert vordergründig ihre Neutralität zwischen den Adelshäusern und bietet Verlierern von Konflikten die Möglichkeit, auf ihren außerhalb des Imperiums liegenden neutralen Planeten Tupile ins Exil zu gehen. Da die Kommunikation zwischen den Sonnensystemen ebenfalls nur über die Gildeschiffe läuft, hat die Gilde auch das Monopol des interstellaren Bankwesens. All dies verschafft der Gilde eine enorme Macht, die es den Aristokraten verunmöglicht, gegen sie vorzugehen. Als Konsequenz des Computerverbots sind die Gildenavigatoren neben ihrer gesteigerten mathematischen Begabung auf die hellseherischen Fähigkeiten angewiesen, die ihnen die bewußtseinserweiternde Droge Melange, meist einfach Gewürz genannt, für die Wahl des richtigen Kurses gibt, wenn sie den Raum mit den Holtzman-Generatoren ihrer Sternenschiffe falten. Dieses Gewürz, das außerdem die menschliche Lebensspanne auf bis zu drei Jahrhunderte verlängern kann und auch von anderen wie den Bene Gesserit und den Mentaten für ihre Zwecke genutzt wird, ist die wertvollste Substanz im bekannten Universum, und da es nicht synthetisiert werden kann und nur auf dem Wüstenplaneten Arrakis alias Dune vorkommt, ist diese Welt eine der wichtigsten und am profitabelsten auszubeutende der Galaxis.

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Der Graue Prinz (4): Uther Madducs großartiger Witz

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

 

Kapitel 10

Der Morgen überflutete die Sarai mit einem warmen, rosigen Leuchten. Ein paar Wolken im Süden und Westen glühten in tiefen Rottönen. Methuen erklomm den Himmel.

Bei einer von fedrigen Akazien umgebenen Oase machten sie Halt, um zu frühstücken. Moffamides hatte die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben.

Neben einem Teich waren ein paar verwahrloste Felder, auf denen Früchte und Beeren jetzt wild wuchsen. Die Fiaps dort waren verwittert und schon lange nicht mehr wirksam. Elvo nahm sich einen Eimer und erntete, was immer reif war.

Bei seiner Rückkehr arbeitete Kurgech an einer äußerst ungewöhnlichen Konstruktion. Aus Akazienruten baute er ein würfelförmiges Gerüst mit einer Kantenlänge von etwa siebzig Zentimetern. Die Ecken band er mit Schnur zusammen. Dann zerschnitt er eine alte Decke und befestigte sie an diesem Gestell, daß eine Art Kiste daraus wurde. Über eine Seite dieser Kiste legte er ein Brett, durch das er ein Loch von ungefähr zweieinhalb Zentimeter Durchmesser bohrte.

Diese Kiste baute er außerhalb Moffamides‘ Blickwinkel. Elvo konnte seine Neugier nicht mehr länger zügeln. Er fragte Jemasze: „Was macht Kurgech denn da?“

„Die Uldras nennen es eine Seelenkiste.“

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Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Kapitel 6

Schaine und Elvo ritten auf zwei Kriptiden aus. Kelse bestand darauf, daß sie Schußwaffen mitnähmen und sich von zwei Ranch-Uldras begleiten ließen, was Schaine gar nicht gefiel. Aber während sie südwärts zu den Skaws ritten, sah sie doch ein, daß die Vorsichtsmaßnahmen gut gemeint waren. „Wir befinden uns gar nicht so weit vom Retentum entfernt“, sagte sie zu Elvo Glissam. „Und Sie wissen, was alles passieren kann.“

„Ich beschwere mich nicht“, versicherte er ihr.

Im Schatten des großen Skaws – ein spitz zulaufender, etwa fünfundsechzig Meter hoher Sandsteinfelsen mit Schichten in Beige, Hellgelb, Rosa und Grau – machten sie Rast. Morgenwacht war unter den bleichen Grüngummibäumen und den dunkleren transstellaren Eichen kaum zu sehen. Jenseits davon schob die noch dunklere Linie des Feenwalds sich bis zum Horizont. Westlich schlang der Chip-chap sich in Mäandern durch das Tal und verschwand südlich außer Sicht, wo er in den Massakersee mündete.

„Als wir noch klein waren“, erklärte Schaine, „kamen wir oft hier heraus zu einem Picknick oder um nach Turmalinen zu suchen. Dort drüben ist ein Graben im Pegmatit… Da hat übrigens der Erjin Kelse angefallen.“

Elvo sah sich um. „Hier?“

„Auf dem Pegmatit. Kelse und Tortilla kletterten den Felsen hoch. Der Erjin kam aus der Kluft und stieg den Jungen nach. Er erwischte Kelse und zog ihn hinunter. Ich hörte den Lärm und rannte herbei, um zu helfen, aber da hatte Tortilla den Erjin bereits erschossen. Er lag da, wo Sie jetzt stehen, in seinen letzten Zuckungen. Kurgech kam sofort herbeigelaufen, als er den Schuß hörte. Er verband Kelses Arm und Bein und trug ihn nach Hause. Tortilla wurde der große Held. Für etwa eine Woche.“

„Was geschah dann?“

„Oh – es gab einen großen Streit. Ich wurde nach Tanquil verbannt. Tortilla zog sich aufs Retentum zurück, und jetzt ist er der Graue Prinz.“ Schaine blickte sich um. „Ich glaube, es gefällt mir hier doch nicht mehr… Armer Kelse.“

Elvo Glissam blickte unruhig über die Schulter. „Kommen oft Erjinen hierher?“

„Hin und wieder, wenn sie sich für unsere Rinderherden interessieren. Aber unsere Aos sind besser als Spürhunde. Sie können Fährten verfolgen, die ein anderer überhaupt nicht sieht. Das haben die Erjinen zu fühlen bekommen und daraus gelernt. Jetzt bleiben sie hauptsächlich in der Wildnis.“

Als sie nach Morgenwacht zurückkehrten, sahen sie Gerd Jemaszes alten, klapprigen Dacy-Flugwagen auf dem Landeplatz. Kelse und Gerd beschäftigten sich so intensiv in der Bibliothek, daß sie sich erst zum Dinner in der Großen Halle sehen ließen. Nach Morgenwacht-Sitte trugen alle Abendkleidung. Für zufällige Besucher wurde immer passende Kleidung bereitgehalten, wie Gerd und Elvo sie jetzt trugen. Es ist wirklich wahr, dachte Schaine, daß diese Tradition feierlich stimmt. Es war eine Sache des Geschmacks, der Ästhetik. Straßenkleidung und Ungezwungenheit hätten ganz einfach nicht zu den hochlehnigen Stühlen, dem riesigen Tisch aus Umbraholz, dem Kronleuchter von den Zitschen Glaswerken in Gilhaux auf Darybant und den alten vererbten Gedecken gepaßt. Heute hatte Schaine sich besondere Mühe mit ihrem Aussehen gegeben. Sie trug ein einfaches dunkelgrünes langes Kleid und eine Hochfrisur nach Art der Pharistaner Nymphen mit einem großen facettierten Smaragd auf der Stirn.

Reyona Werlas-Madduc hatte bereits mit Hermina Lingolet gespeist. So saßen an der großen Tafel nur die vier, die den 150-Kilometer-Marsch durch die Öde verband. Als sie ihren Wein tranken, lehnte Schaine sich zurück und betrachtete die Männer durch halbgeschlossene Lider. Um sie objektiver beurteilen zu können, stellte sie sich vor, sie wären alle Fremde. Kelse, dachte sie, sah viel älter aus, als er den Jahren nach war. Er würde nie ein so stattlicher und beeindruckender Mann werden wie ihr Vater. Sein Gesicht war schmal, die Züge scharf geschnitten, und um seinen Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Im Gegensatz zu ihm sah Elvo Glissam ausgeglichen und innerlich zufrieden aus, als kenne er keine Sorgen. Gerd Jemasze wirkte, in Schaines objektiver Betrachtung, erstaunlich elegant. Er drehte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Schaine empfand, wie üblich, eine Spur von Abneigung oder Herausforderung, oder einer ähnlichen, unbestimmbaren Emotion. Gerd Jemasze senkte die Augen und griff nach seinem Weinglas. Schaine war sowohl amüsiert als auch erstaunt, daß er sich ihrer Gegenwart bewußt geworden war, obgleich er sie ihr Leben lang ignoriert hatte.

„Der Satzungsentwurf geht nun von Domäne zu Domäne“, sagte Kelse. „Wenn er allgemeine Anerkennung findet, was wir annehmen, werden wir, ipso facto, eine politische Einheit.“

„Und was, wenn es nichts wird mit der allgemeinen Zustimmung?“ fragte Schaine.

„Das wäre äußerst unwahrscheinlich. Wir haben mit jedem bereits gesprochen.“

„Und wenn ihnen die Gliederung eurer Satzung nicht gefällt und sie auf Änderungen bestehen?“

„Unser Entwurf hat keine Gliederung und ist auch keine normale Satzung. Er ist lediglich eine Erklärung unseres gemeinsamen Zieles, ein Einverständnis, sich dem Willen der Mehrheit zu beugen. Das ist der erste Schritt, den wir unternehmen müssen. Danach erst können wir eine detailliertere Gliederung aufstellen.“

„Ihr müßt also jetzt warten. Wie lange?“

„Zwei Wochen, vielleicht auch drei.“

„Lange genug jedenfalls“, meinte Gerd Jemasze, „um die Tatsachen hinter Uther Madducs ‚großartigem Witz‘ herauszufinden.“

Elvo Glissam war sofort interessiert. „Und wie beabsichtigen Sie das zu tun?“

„Ich folge seiner Route. Irgendwo entlang des Weges werde ich schon entdecken, was er so erheiternd fand.“

„Und was ist diese Route?“ erkundigte sich nun Schaine.

„Von Morgenwacht aus flog er fünfhundert Kilometer nach Norden und siebenundzwanzig nach Nordosten – also genau zu Palga Depot Nr. 2. Dort landete er.“ Gerd Jemasze holte Uther Madducs Notizbuch hervor. „Hört euch das an:

Niemand wagt es, die Palga zu überfliegen. Ein erstaunliches Paradoxon! Die Windläufer, so sanftmütig, so friedfertig, werden beim Anblick eines Flugzeugs zu Besessenen. Sie eilen zu den alten Lichtkanonen und schießen den Luftwagen ab. Ich fragte Filisent: ‚Weshalb schießt ihr auf die Flugwagen?‘

‚Weil sie blaue Räuber sein können.‘

‚Oh‘, sagte ich. ‚Wann haben die Uldras euch denn zum letzten Mal überfallen?‘

‚Nicht, solange ich selbst mich zurückerinnern kann, auch nicht zu meines Vaters Zeit‘, erwiderte er. ‚Trotzdem muß es so sein. Wir dulden keine Flieger in unserer Luft.‘

Er gestattete mir, seine Kanone zu betrachten. Sie ist ein wahres Kunstwerk. Ich frage mich, wer wohl eine so wirkungsvolle Waffe hergestellt haben mochte. Filisent konnte mir wenig darüber sagen. Die Kanone mit ihren schönen und wunderlichen Ziselierungen ist ein Erbstück, das immer vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden war, und niemand konnte sich mehr an ihren Ursprung erinnern. Sie mag sehr wohl mit der ersten, lange vergessenen Forschungsexpedition nach Koryphon gelangt sein. Wer kann das schon wissen?“

Gerd Jemasze blickte auf. „Er schrieb dies offenbar ein paar Tage nachdem er am Depot Nr. 2 gelandet war. Bedauerlicherweise kommt nicht mehr viel nach. Die Palga, steht noch hier, ist ein ungemein erstaunliches Land und Filisent ein ungemein erstaunlicher Bursche. Wie alle Windläufer ist er ein sehr geschickter und leidenschaftlicher Dieb, deshalb muß man ständig auf sein Eigentum aufpassen. Aber ansonsten ist er ein guter Kerl. Er besitzt eine Bark und siebenunddreißig Parzellen Land, die er während des Dahinsegelns bestellt. Wie eng verbunden diese Menschen doch mit Wind, Sonne, Wolken und Regen sind! Sie am Steuerruder zu sehen, mit den geblähten Segeln über ihnen und den rollenden großen Rädern, erinnert an Gläubige während eines religiösen Rituals. Fragst du sie jedoch, ob dreimal zwei sechs ist, starren sie dich verständnislos an. Fragst du sie über die Erjinen, wer sie zähmt und wie, wird ihr Blick noch verwirrter. Und fragst du sie, wie sie für ihre schönen Räder, das Segeltuch und die Metallteile für ihre Wagen bezahlen, bedenken sie dich mit einem Blick, der dir sagt, daß sie dich für nicht ganz bei Trost halten.“

Gerd Jemasze drehte die Seite um.

„Hier ist ein Teil, den er Notizen für eine Abhandlung nennt: Srenki: diese erstaunliche und schreckliche Kaste, oder ist es ein Kult? Das Wissen kommt zu dem Kind durch sich wiederholende Träume. Es wird blaß und dünn und unruhig und wandert schließlich von seinem Wagen weg. Es führt seine erste böswillige Tat aus. Danach konzentriert es sich, in diesem seltsamen, ruhigen Land, auf sich selbst und zieht die elementare Schlechtigkeit aller anderen auf sich. Und diese wiederum betrachten die so entstandene Kreatur des Grauens voll Mitleid und Nachsicht. Srenki gibt es nicht viele, in der ganzen Palga vielleicht nicht mehr als hundert, allerhöchstens aber zweihundert. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie furchtbar und tief die Saat des Bösen in ihnen verwurzelt sein muß.“

Niemand sprach, als Gerd Jemasze wieder von dem Notizbuch aufblickte. Nach einer Weile des Schweigens blätterte er weiter. „Das hier ist das letzte. Er schreibt: Der Mann heißt Poliamides. Ich habe ihn mit Kurgechs Trick hereingelegt, daraufhin hat er zugegeben, daß er das Erjinen-Trainingslager gesehen hat. ‚Dann bring mich hin‘, befehle ich ihm. Er weigert sich. Ich drehe den Kristall, und meine Stimme kommt zu ihm aus dem Himmel innerhalb seines Gehirns: ‚Bring mich hin!‘ Jetzt ist meine Stimme die eines sonnenäugigen Gottes! Poliamides findet sich mit dem Unvermeidlichen ab, obgleich er weiß, daß er dadurch eine Million Schicksale in eine chaotische Brühe taucht. ‚Wohin und wie weit?‘ frage ich. ‚Geradeaus und dann noch ein gutes Stück.‘ ‚Nun ja, wir werden sehen.‘“

Wieder blätterte Gerd Jemasze weiter. „Danach kommt noch eine Seite mit Zahlen, die ich nicht deuten kann, und das ist so ziemlich alles, abgesehen von der letzten Seite. Zuerst zwei Worte: Pracht! Wunder! Und dann: Von aller bittersüßen Ironie ist dies das Größte! Wie langsam doch die Glocken der Jahrhunderte schlagen! Wie stark und süß ist die Gerechtigkeit ihrer Töne! Und dann ein letzter Absatz: Die Lage ist so klar, daß eine Demonstration wohl kaum nötig ist; doch dieser wundervolle Beweis existiert, und wenn irgend jemand es wagt, unser Recht und unsere Gerechtigkeit in Zweifel zu ziehen, kann und werde ich ihn an die Wand seiner eigenen doktrinären Absurdität nageln.“

Gerd Jemasze klappte das Notizbuch zu und warf es auf den Tisch. „Das ist alles. Er kehrte zum Sturdevant zurück. Der Autopilot zeigte an, daß er direkt nach Morgenwacht zurückflog. Zwei Tage später wurde er über dem Dramalfo ermordet.“

„Weshalb er wohl ursprünglich zur Palga ist?“ fragte Elvo Glissam. „Um zu handeln?“

„Seltsamerweise auf eine Mission, die auch Ihrem Herzen nahe ist“, erwiderte Kelse. „Im vorigen Frühjahr besuchte er Tante Val und interessierte sich für ihre Erjinen. Niemand schien auch nur eine Ahnung zu haben, wie sie gezähmt werden, also flog Vater zur Palga hoch, um es herauszufinden.“

„Und hat er es herausgefunden? Ist das sein ‚großartiger Witz‘?“

Kelse zuckte die Achseln. „Das wissen wir nicht.“

„Die Palga muß eine bemerkenswerte Landschaft sein.“

„Ich erinnere mich an seltsame Geschichten“, erzählte Schaine. „Die Hälfte davon sind sicher reine Fabelmärchen. Babys werden untereinander ausgetauscht, nach der Theorie, daß ein von seinen eigenen Eltern aufgezogenes Kind zu sehr verwöhnt wird.“

„Erinnerst du dich an unsere alte Kinderschwester Jamie?“ fragte Kelse. „Sie erschreckte uns zu Tode mit ihren Gutenachtgeschichten über die Srenki.“

„Und wie ich mich an sie erinnere!“ versicherte ihm Schaine. „Eines Abends erzählte sie uns, wie die Windläufer ihre Toten an die Bäume hängen, damit die wilden Hunde nicht an sie herankönnen. Wenn man dort durch einen Wald geht, grinst von jedem Baum ein Gerippe auf einen herab.“

„Und nicht nur Leichen hängen sie an die Bäume“, warf Jemasze ein. „Auch die kranken alten Großeltern wandern die Äste hoch, damit man sich die Mühe erspart, extra zum Wald mit ihnen zurückzukehren, wenn sie auf normale Weise das Zeitliche gesegnet haben.“

„Welch reizende Leute“, murmelte Elvo Glissam. „Also was beabsichtigen Sie zu tun?“

„Ich fliege zum Depot Nr. 2 und werde dort auf die eine oder andere Weise Uther Madducs Spur schon entdecken.“

Kelse schüttelte den Kopf. „Es ist zuviel Zeit vergangen. Du wirst sie nie finden.“

„Ich nicht, aber Kurgech.“

„Kurgech?“

„Er möchte mitkommen. Er war nie oben auf der Palga und sagte, ihn interessierten die Windwagen.“

„Ich würde auch gern mitkommen, wenn ich Ihnen behilflich sein kann, oder zumindest nicht zur Last falle“, sagte Elvo Glissam.

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Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen: Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Kapitel 3

Der Apex A-15, der plumpe, unelegante Gebrauchsluftwagen von Suaniset, flog über das Persimmonmeer. Schaine vermutete, daß Gerd Jemasze absichtlich damit gekommen war, um den Olanjern seine Verachtung für ihren Pomp zu zeigen. „Dein Apex ist ja durchaus nicht unbequem“, wandte sie sich an Gerd, „aber wo hast du denn euren Salonhybro?“

Jemasze stellte den Autopiloten auf Galigong und drehte sich in seinem Sitz um. „Der Hybro ist in der Werkstatt. Ich muß warten, bis die Ersatzdexoden endlich kommen.“

Schaine erinnerte sich noch aus ihrer Kindheit an den suaniseter Hybro. Sie fragte Kelse: „Ich nehme an, Vater fliegt nach wie vor unseren alten Sturdevant mit dem zerbrochenen Fenster?“

„Ja. Er ist nicht kaputtzukriegen. Das Fenster habe ich allerdings voriges Jahr repariert.“

Schaine sah Elvo Glissam an. „Bei uns auf den Domänen verläuft das Leben so langsam, daß sich scheinbar überhaupt nichts verändert. Unsere Vorfahren waren tüchtig und klug. Was für sie gut genug war, ist es für uns ebenso.“

„Du darfst nicht übertreiben“, warf Kelse ein. „Ganz zum Stillstand ist es auch bei uns noch nicht gekommen. Vor zwölf Jahren haben wir beispielsweise hundert Morgen mit Weinstöcken bepflanzt, und nächstes Jahr werden wir bereits mit dem Keltern beginnen.“

„Das hört sich gut an“, freute sich Schaine. „Es sollte uns ohne weiteres gelingen, die Importeure zu unterbieten. Möglicherweise werden wir noch zu Weinmillionären.“

„Ich dachte, Sie seien alle Millionäre, mit soviel Land, Bergen, Flüssen und Bodenschätzen“, sagte Elvo Glissam.

Kelse grinste schief. „Wir sind nichts weiter als Farmer, die von den Früchten ihres Landes leben. Bargeld sehen wir so gut wie nie.“

„Vielleicht könnten Sie uns einen Tip geben, wie man in der Lotterie gewinnt?“ sagte Schaine lächelnd.

„Das dürfte schwierig sein“, erwiderte Glissam, „aber vielleicht einen anderen Rat. Wie wär’s, wenn Sie anderswo Geld investierten? Eine der kleinen, wunderschönen Inseln dort unten als Erholungsort für Jachtsportler einrichten – was halten Sie davon?“

„Auf dem Persimmonmeer zu segeln ist ziemlich gefährlich“, erklärte Kelse. „Die Morphoten machen sich nämlich ihrerseits einen Sport daraus, an Bord zu klettern, alle umzubringen und dann mit der Jacht davonzusegeln.“

„Dürfte ein komisches Bild abgeben“, brummte Gerd Jemasze.

Elvo Glissam verzog das Gesicht. „Koryphon ist eine grausame Welt.“

„Auf Suaniset ist es recht friedlich“, versicherte ihm Gerd Jemasze.

„Auf Morgenwacht nicht weniger“, warf Kelse ein. „Jorjol versuchte unseren Aos einzureden, wie schlecht sie es haben, aber sie begriffen nicht, wovon er sprach. Also gibt er sich jetzt in Olanje seiner Aufwiegelei hin.“

„Jorjol scheint mir alles andere als ein klassischer Reformator zu sein“, gab Elvo Glissam zu bedenken. „Er ist eine ganz erstaunliche Persönlichkeit. Was sind wohl seine Motive? Immerhin verdankt er Ihrem Vater doch sehr viel.“

Schaine schwieg. Gerd Jemasze starrte mit finsterem Gesicht auf die Mermioninseln hinunter. Schließlich sagte Kelse: „So überraschend ist es gar nicht. Vater hat äußerst strenge und starre Ansichten. Es mag vielleicht den Anschein gehabt haben, daß Jorjol, Schaine und ich als ebenbürtige Spielkameraden aufwuchsen. Aber es wurde nie ein Versuch gemacht, die wirkliche Situation zu beschönigen. Wir waren Ausker, Jorjol ein Blauer. Nie durfte er mit uns in der großen Halle essen. Er mußte seine Mahlzeiten mit den Dienstboten in der Küche einnehmen. Ich bin sicher, das schmerzte ihn mehr, als er je zugegeben hätte. Und im Sommer, wenn wir Tante Val in Olanje besuchen durften, wurde Jorjol vom Verwalter in eine harte Schule genommen, weil Vater wollte, daß Jorjol später Viehzüchter oder zweiter Verwalter würde.“

Elvo Glissam nickte. Er hatte verstanden und stellte keine weiteren Fragen mehr.

Die rosige Sonne wanderte den Himmel empor. Der Apex stieß durch die dichten Kumuli, und nun sahen sie die gewaltige Landmasse von Uaia am nördlichen Horizont. Allmählich zeichneten sich durch den Dunst Einzelheiten ab: Küste, Klippen, Vorgebirge. Die Farben wurden deutlicher: bleiches Gelb, Ocker, Schwarz, Schmutzigweiß und Braun. Die Küste kam näher, eine Halbinsel ragte aus der Masse des Kontinents und umschloß eine lange schmale Bucht. An ihrer Spitze drängte sich ein halbes Dutzend Lagerhäuser, ein paar Katen und Blockhäuser, ein heruntergekommenes Hotel aus weißgetünchtem Holz, das zum Teil aufs Wasser hinausragte und durch hohe, schiefe Stelzenbeine gestützt wurde. „Das ist Galigong“, erklärte Kelse. „Der Haupthafen des Retentums.“

„Und wie weit ist es noch bis Morgenwacht?“

„Etwa dreizehnhundert Kilometer.“ Kelse blickte durch das Fernglas. „Ich sehe den Sturdevan nicht, aber wir sind ja auch ein bißchen früh dran. Die Hilgaden halten gerade ein Karoo in ihrem Küstenlager ab. Ich glaube, es findet soeben ein Frauenkampf statt.“ Er streckte Elvo Glissam das Glas entgegen. Glissam nahm es und war nicht unglücklich darüber, daß er auf die Entfernung von dem Frauenkampf nicht viel mehr als ein paar verschwommene blauhäutige Gestalten in weißen, rötlichen und beigen Gewändern sehen konnte.

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Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Erstausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl). Da es hier keine Seitenunterteilungen gibt, habe ich die Fußnoten aus dem Buch immer gleich nach den Absätzen eingefügt, in denen der erklärte Begriff vorkommt. Das hier von mir verwendete Titelbild ist von Patrick Woodroffe. (Achtet auf der untenstehenden Karte auf den Eintrag zwischen dem „U“ und dem „A“ von „UAIA“…)

 

Einführung

Das besiedelte All ist dreißigtausend Jahre alt. Die Menschen sind von Stern zu Stern gezogen, um Reichtum und Ruhm zu finden.

Das Gaeanische Territorium umspannt einen beachtlichen Teil der Galaxis. Verkehrsrouten durchziehen es wie Kapillaren das Zellgewebe. Tausende von Welten wurden kolonisiert, von denen jede sich von den anderen unterscheidet, und jede von ihnen verändert die Menschen, die sich auf ihr niedergelassen haben, auf bestimmte, jeweils verschiedene Art. Nie zuvor ist die menschliche Rasse weniger homogen gewesen.

Die Verbreitung der Menschheit im All verlief alles andere als gleichmäßig, und die Siedler kamen in unberechenbaren Wellen und verschwanden hin und wieder auf gleiche Weise, der Grund dafür mochten Kriege sein, religiöse Entwicklungen, oder aber auch völlig mysteriöse Umstände.

Gerade durch diese Mannigfaltigkeit ihrer Bewohner ist Koryphon typisch für die von Menschen kolonisierten Welten.

Auf dem Kontinent Uaia bewohnen die Uldras einen breiten Streifen entlang der Südküste, den sie Alouanen nennen, während im Norden die Windläufer ihre zwei- und dreimastigen Wagen über das Palga-Plateau segeln. Fast das einzige, in dem diese beiden Völker sich ähneln, ist ihre Ruhelosigkeit, ihr Nomadenleben. Südlich, jenseits des Persimmonmeers, liegt der äquatoriale Kontinent Szintarre mit seiner kosmopolitischen Bevölkerung, den Auskern1, die sowohl von den Uldras als auch den Windläufern in verschiedene Kategorien von soziologischer Bedeutung eingestuft werden.

[1 Ausker: Die allgemeine Bezeichnung für Touristen, Besucher, Neueinwanderer. Im weiteren Sinn alle Personen, die rassisch weder den Uldras noch den Windläufern angehören.]

Als höchstwahrscheinlich autochthon werden die beiden halbintelligenten Rassen der Erjinen und Morphoten angesehen. Die Windläufer zähmen und verkaufen eine besonders kräftige und gefügige Art der Erjinen, oder vielleicht züchten und bilden sie auch völlig normale Exemplare so aus, daß sie diese erwünschten Eigenschaften annehmen. Die Windläufer sind in dieser Beziehung sehr verschwiegen, da der Handel mit diesen Erjinen ihnen Räder, Lager und Takelung für ihre Segelwagen einbringt. Bestimmte Uldras der Alouanen fangen wilde Erjinen und reiten sie zu. Sie bezähmen deren Wildheit, lenken sie und machen sie sich durch elektrische Kandaren gefügig. Sowohl die domestizierten als auch die wilden Erjinen verfügen über telepathische Fähigkeiten, durch die sie sich untereinander und mit ein paar Windläufer-Adepten verständigen. Nicht verwandt mit den Erjinen sind die Morphoten, eine bösartige, perverse und unberechenbare Rasse, die nur ihrer ungewöhnlichen Schönheit wegen geschätzt wird. In Olanje auf Szintarre sind die Ausker so weit gegangen, Morphoten-Besichtigungsclubs ins Leben zu rufen. Es möge nicht verheimlicht werden, daß dieser Sport der Beobachtung aufgrund der recht makabren Gewohnheiten der Morphoten ein außerordentlicher Nervenkitzel ist.

Vor etwa zweihundert Jahren landete eine Gruppe außerplanetarischer Freibeuter auf Uaia. Sie überraschten und überwältigten alle Uldra-Häuptlinge, die zu einer streng geheimen Versammlung zusammengekommen waren, und zwangen sie zur Überschreibung bestimmter Territorien ihrer Stämme – die berüchtigten „Übergabe-Verträge“. Auf diese Weise kam jeder Angehörige der Freibeutergruppe zu einem gewaltigen Landbesitz zwischen fünfunddreißig- und hunderttausend Quadratkilometern. Mit der Zeit wurden diese riesigen Besitze zu den großen „Domänen“ der Alouanen, auf denen die „Landbarone“ und ihre Nachkommen ein fürstliches Leben in prunkvollen Villen führten, die in ihrer Größe ihrem Besitz um nichts nachstanden.

Das Leben der Stämme, die die Verträge unterzeichnet hatten, wurde durch die Überschreibung in keinem Maß beeinträchtigt, eher vielleicht sogar verbessert. Die neuen Dämme, Teiche und Kanäle waren eine zuverlässige Wasserquelle für das Land; Kriege zwischen den einzelnen Stämmen wurden verboten, und die Krankenstationen der Domänen sorgten zumindest für ein Minimum an ärztlicher Betreuung.

Einige der Uldras besuchten Domänenschulen. Sie wurden zu Büro- und Verkaufspersonal, als auch zu Hausangestellten ausgebildet. Andere kamen als Ranchgehilfen unter.

Trotz dieser beachtlichen Verbesserungen, die sich natürlich erfreulich auf ihren Lebensstandard auswirkten, mißfiel den Uldras die Tatsache ihres niedrigen Status. Die unterbewußte Ablehnung der Uldrafrauen durch die Landbarone war möglicherweise ein weiterer Grund für ihre Verbitterung. Ein gewisses Maß an Vergewaltigungen und Verführungen wäre, wenn auch mit Protest, als unvermeidliche Folge der Landübernahme akzeptiert worden. Aber die Landbarone beachteten die Uldrafrauen überhaupt nicht. Während die Uldramänner mit ihrer großen schlanken, sehr feingliedrigen Statur, der ultramaringefäbten grauen Haut und den scharfgeschnittenen Zügen im großen und ganzen recht ansehnlich waren, konnte dasselbe von den Frauen nicht behauptet werden. Die unförmigen, fetten Mädchen, die ihren Kopf wegen der Ungezieferplage kahlschoren, waren alles andere als ansprechend. Wenn sie ins heiratsfähige Alter kamen, blieben ihnen bedauerlicherweise die überbreiten Hüften und kurzen Beine, dafür streckten ihr Rumpf, die Arme und das Gesicht sich in die Länge. Die typische, nichts wengier als kurze Uldranase wurde zu etwas, das an einen traurig herabhängenden Eiszapfen erinnerte, die graue Haut verlor ihren Glanz, das Haar, ob nun mit oder ohne Ungeziefer, durfte zu einer schweren, orangefarbigen Struwwelpeterfrisur anwachsen.

Es ist demnach verständlich, daß die auskerschen Landbarone2 sich nicht für diese Uldrafrauen und –mädchen interessierten und ihnen gegenüber eine absolut gleichgültig korrekte Haltung einnahmen, was paradoxerweise wiederum von den Uldras als demütigend und beleidigend empfunden wurde.

[2 Für die eigentliche Bezeichnung eng’sharatz (wörtlich: der verehrte Herr einer großen Domäne) gibt es keine passende Übersetzung. „Baron“ oder „Lord“ deutet auf Adel hin; ein „Landherr“ ist Eigentümer eines kleinen Besitzes; „Gutsherr“ läßt auf einen bäuerlichen Betrieb schließen. „Landbaron“, obwohl ein wenig weit hergeholt, kommt dem Begriff eng’sharatz jedenfalls noch am nächsten.]

Wie schon erwähnt, im Süden, jenseits des Persimmonmeers liegt die lange schmale Insel Szintarre mit ihrer reizvollen Hauptstadt Olanje, die als modischer Kurort für Außerweltler galt. Ihre gebildeten, klugen und vornehmen Bürger hatten wenig gemein mit den Landbaronen, die sie für protzige, eingebildete Barbaren ohne Manieren, Takt und Humor hielten, und die, ihrer Meinung nach, alle anderen herumzukommandieren versuchten.

Ein etwas ausgefallenes Bauwerk in Olanje, das als Holrudehaus bekannt ist, war der Sitz der Regierung Koryphons – die Mull, der aus dreizehn Volksvertretern bestehende Rat. Nach der Verfassung hatte die Mull die Regierungsgewalt sowohl über Szintarre als auch Uaia, tatsächlich aber vermied sie es, sich in uaianische Angelegenheiten einzumischen. Die Landbarone erachteten die Mull als zu wenig anderem tauglich, als inkonsequente Spitzfindigkeiten auszubrüten; die Domänen-Uldras waren apathisch; die Retentum-Uldras lehnten allein schon den Gedanken an eine zentrale Obrigkeit ab; die Windläufer wußten überhaupt nichts von der Existenz der Mull oder ignorierten sie einfach.

Die kosmopolitische Bevölkerung von Olanje entwickelte einen geradezu hyperaktiven Intellektualismus. Es herrschte ein ständiger gesellschaftlicher Unternehmungsgeist, und es gab Vereinigungen und Klubs für alle möglichen Interessen und Zwecke; ein Jachtklub; verschiedene Künstlerverbindungen; die Morphoten-Beobachter; der Szintarrische Hussadenverband; das Gaeanische Musikarchiv; ein Komitee zur Veranstaltung der Jahresfeier, Parilia; eine Dramatikschule; Dyonys, die der Hyperasthesie geweihte Bruderschaft. Andere Organisationen waren philanthropischer oder altruistischer Natur, wie beispielsweise die Ökologische Stiftung, die die Einfuhr von fremder Flora und Fauna ablehnte, gleichgültig, wie wirtschaftlich oder ästhetisch diese sein mochte. Der Verband der Redemptoristen, der die Übergabe-Verträge anfocht und für die Auflösung der uaianischen Domänen und die Rückgabe des Landes an die vertragsgebundenen Stämme war. Die Vereinigung für die Emanzipierung der Erjinen, abgekürzt VEE, verfocht die Ansicht, daß die Erjinen vernunftbegabte Wesen seien und nicht in Sklaverei gehalten werden dürften. Die VEE war vermutlich die widersprüchlichste Organisation, da eine immer größere Zahl von Erjinen aus der Palga als Hauspersonal, Rancharbeiter, für die Müllabfuhr etc. importiert wurde. Andere Gruppen nahmen sich der Ausbildung, Arbeitsvermittlung und Unterbringung von Uldras an, die von Uaia nach Szintarre einwanderten. Diese Uldras, die zu etwa gleichen Teilen von den Retentum- und Domänen-Stämmen kamen, beklagten sich gewöhnlich bitter über die Landbarone. Oft waren ihre Beschwerden durchaus berechtigt, doch sehr häufig grundlos. Sie wollten nur von sich reden machen, weil andere es auch taten. Die Redemptoristen brachten manchmal Uldra-Immigranten vor die Mull, um diesen etwas selbstherrlichen, didaktischen und unberechenbaren Rat auf Trab zu bringen. Mit der Geschicklichkeit langjähriger Erfahrung entledigte die Mull sich dieser Anforderungen, oder ernannte ein Komitee, um die Sachlage zu überprüfen. Der Befund eines solchen Komitees besagte gewöhnlich, daß die Vertragsgebiete wahre Friedensstätten seien, verglichen mit den Landen der Retentum-Uldras, wo es immer noch Blutfehden, Überfälle, Meuchelmorde, Racheakte, Ausschreitungen, Massaker, Greueltaten und Hinterhalte gab.

Die Redemptoristen erklärten daraufhin dann natürlich solche Vergleiche als nicht zur Sache gehörend. Die vertragsgebundenen Stämme, führten sie an, seien ihres heimatlichen Landes durch Gewalt und Betrug beraubt worden. Die Fortdauer dieses Zustands sei untragbar, sagten sie, das Gewohnheitsrecht der vergangenen zweihundert Jahre dürfte eine ursprünglich ungesetzliche Situation nicht legitimieren. Der Großteil der Bevölkerung von Szintarre schloß sich dieser Meinung der Redemptoristen an.

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NWO-Propaganda in SF-Romanen: Alan Dean Fosters „Homanx“-Reihe (2) – Mehr von Flinx

Homanx-Raumschiff mit Abstrahlscheibe für das Posigravfeld des Kurita-Kinoshita-Antriebs am vorderen Ende (Titelbild von Tim White für Orphan Star / Der Waisenstern)

Von Lucifex.

Teil 2 von 4; zuvor erschienen: NWO-Propaganda in SF-Romanen: Alan Dean Fosters „Homanx“-Reihe (1) – „Das Tar-Aiym Krang“

Das Tar-Aiym Krang war der erste von Alan Dean Feinberg, äh, Foster veröffentlichte Roman um Philip Lynx, genannt Flinx, und der erste aus seinem Homanx-Commonwealth. Elf Jahre und mehrere danach spielende Flinx-Romane später brachte er unter dem Titel For Love of Mother-Not eine Vorgeschichte dazu heraus, die 1985 auf Deutsch unter dem Titel Flinx erschien.

Dieses Buch schildert, wie Flinx als Kind von der alten Händlerin Mutter Mastiff auf dem Sklavenmarkt von Drallar, der Hauptstadt des Planeten Moth, ersteigert und danach als Ersatzsohn aufgezogen wird, bis die „Meliorare Gesellschaft“, eine geheime Eugeniker-Organisation, ihn wieder unter ihre Kontrolle zu bringen versucht.

Der rassische Propagandagehalt ist hier geringer und uneindeutiger als in Krang, aber doch vorhanden. Generell wird die (((Propaganda))) in den Homanx-Geschichten unauffälliger und milder als in Robert Silverbergs „Nach all den Jahrmilliarden“ und ohne Schüren von Schuldgefühlen und „Culture of Critique“ verabreicht, gewissermaßen als Schluckimpfung auf Zuckerwürfeln statt als pieksende Spritze, sodaß sie einem leichter runtergeht und weniger als Propaganda bewußt wird. Dennoch ist es eine Ausblendung und Herabstufung von Weißen, vor allem von weißen Männern, und dient der geistigen Gewöhnung an eine zunehmend vielfältige und nichtweiße Zukunft, während die SF-Romanwelten ansonsten bis in die 1970er-Jahre überwiegend weiße Welten waren. Darin ähneln Fosters Homanx-Bücher dem heutigen Krieg gegen die Weißen in der Werbung, bei dem ebenfalls Weiße und speziell weiße Männer „ausgephast“ und Nichtweiße als interessant und attraktiv präsentiert werden.

Gleich am Anfang von Flinx bringt Foster jedoch eine weitsichtige Kritik an heuchlerischen wirtschaftsliberalen Einstellungen an, auf denen die heute schon zunehmend erkennbaren Bestrebungen in Richtung moderner Quasi-Sklaverei beruhen und wo ich ihm zustimme, weshalb ich diesen Anfang hier zitiere:

Das ist vielleicht ein zerschundener, wertloser, kleiner Knirps, dachte Mutter Mastiff. Sie preßte den Beutel mit Schnitzereien etwas fester an sich und vergewisserte sich, daß ihr Slicker ihn vor dem Regen schützte. Der ewige für den Herbst auf Drallar so typische Nieselregen perlte von dem wasserfesten Material.

Außenweltler hatten es schwer, zwischen den Jahreszeiten der Stadt irgendwelche Unterschiede festzustellen. Im Sommer war der Regen warm, im Herbst und Winter etwas kühler, im Frühjahr wich er einem beständig lastenden Nebel. Daß die Sonne einmal durch die fast ewige Wolkendecke schielte, war eine solche Seltenheit, daß die Behörden dann gewöhnlich einen öffentlichen Feiertag verfügten.

Eigentlich konnte man das, woran Mutter Mastiff jetzt vorbeitrottete, nicht gerade einen Sklavenmarkt nennen. Das war ein archaischer Begriff, wie ihn nur Zyniker benutzten. Es war einfach der Ort, wo Arbeit und Einkommen auf formelle Art aufeinander abgestimmt wurden.

Drallar war die größte Stadt der Welt, die sich Moth nannte, die einzige echte Metropole, die sie besaß, und zwar keine besonders wohlhabende. Die Behörden hielten die Steuern niedrig und hatten es dadurch geschafft, eine ganze Anzahl Gewerbetreibender und Handelsunternehmen auf einen günstig gelegenen, aber im wesentlichen unwirtlichen Planeten zu ziehen. Den Ausgleich dafür schafften sie, indem sie kommerzielle Lästigkeiten wie Zölle oder einengende Vorschriften weitgehend abgeschafft hatten. Das führte zwar zu beträchtlichem Wohlstand für einige, brachte aber der Stadtregierung praktisch keine Einnahmen.

Zu den zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens, die darunter litten, gehörte auch die Fürsorge für die Armen. In Fällen von Bedürftigkeit, wenn das betreffende Individuum noch dazu durch die Umstände isoliert war, hielt man es daher für vernünftig, es wohlhabenderen Bürgern zu überlassen, der Regierung die Verantwortung abzunehmen.

Das reduzierte die Ansprüche an den Wohlfahrtsetat und sorgte dafür, daß die Bürokratie zufrieden blieb und verschaffte gleichzeitig dem betreffenden Individuum ein höheres Maß an Fürsorge – so behaupteten die Beamten wenigstens – als er oder sie von mit zu knappen Mitteln ausgestatteten Regierungsbehörden je erwarten konnte.

Die Vereinigte Kirche, der geistliche Arm des Commonwealth, war von solch einseitiger Wirtschaftspolitik nicht gerade begeistert. Aber das Commonwealth hielt nicht viel davon, sich in die inneren Angelegenheiten einzelner Welten einzumischen, und die Beamten von Drallar beeilten sich, gelegentlich zu Besuch erscheinende Padres oder Ratsherren davon zu überzeugen, daß es genügend gesetzliche Sicherheitsvorkehrungen gab, die den Mißbrauch von auf diese Weise „adoptierten“ Individuen verhinderten.

So kam es, daß Mutter Mastiff sich auf ihren Stock stützte und ihren Beutel mit den kunstgewerblichen Gegenständen an sich drückte und etwas verschnaufte, während sie die zugedeckte Plattform musterte. Ein neugieriger Zuschauer drängte sich zu nahe an sie heran und blickte böse, als sie ihn mit dem Stock anstieß, trat aber zur Seite, da er die Auseinandersetzung mit ihr scheute.

Auf der Plattform, innerhalb des Kompensationskreises, stand ein hagerer, ernst blickender Knabe von acht oder neun Jahren. Der Regen hatte ihm das rote Haar, das in scharfem Kontrast zu seiner ziemlich dunklen Haut stand, an den Kopf geklebt. Weite, unschuldige Augen, so groß, daß sie sein ganzes Gesicht zu erfüllen schienen, starrten über die vom Regen eingeweichte Zuschauergruppe. Er hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Das einzige, was sich an ihm bewegte, waren seine Augen, und ihr Blick huschte wie ein Insekt über die nach oben gerichteten Gesichter der Menge. Die Mehrzahl der Kauflustigen schien seine Anwesenheit überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Rechts von dem Jungen stand die großgewachsene, schlanke Vertreterin der Regierung, die im Auftrag der Wohlfahrtsbehörde den offiziellen Verkauf – man bezeichnete ihn hier als „Zuteilung von Verantwortung“ – durchführte. Auf der anderen Seite konnte man von einem großen Bildschirm die wesentlichen Daten des Jungen ablesen, und diesen Bildschirm studierte Mutter Mastiff gerade.

Größe und Gewicht entsprachen dem, was sie sehen konnte. Haar-, Augen- und Hautfarbe hatte sie bereits wahrgenommen. Lebende Verwandte, zugeteilt oder sonst – keine Angabe. Persönliche Vorgeschichte – wieder keine Angabe. Ein Zufallskind, dachte sie, das man, wie so viele andere, der gleichgültigen Barmherzigkeit der Regierung zugeschoben hatte. Ja, so wie er aussah, würde es tatsächlich besser für ihn sein, wenn er unter die Fittiche eines privaten Individuums käme. Zumindest würde er dann vielleicht ordentlich zu essen bekommen.

Und doch war da noch etwas Besonderes an ihm, etwas, das ihn irgendwie von der teilnahmslosen Schar von Waisen abhob, die Jahr für Jahr in gleichmäßiger Prozession über die vom Regen durchnäßte Plattform zogen. Mutter Mastiff spürte etwas, das hinter jenen weiten, traurigen Augen lauerte – eine Reife, über seine Jahre hinaus, mehr Intensität in seinem Blick, als man von einem Kind in seiner Lage erwarten durfte. Und dieser Blick schweifte immer noch über die Menge, suchte, tastete. Der Junge wirkte eher wie ein Jäger als wie ein Gejagter.

Und der Regen fiel ohne Unterlaß. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrierte sich in erster Linie auf die rechte hintere Ecke der Plattform, wo ein einigermaßen attraktives, sechzehnjähriges Mädchen als nächstes an der Reihe war. Mutter Mastiff rümpfte geringschätzig die Nase. Was auch immer die Regierungsbeamten behaupteten, ihr würde keiner weismachen, daß diese drängelnden Schnösel in der vordersten Reihe nicht noch etwas anderes im Sinn hatten, als unschuldige altruistische Sorge um die Zukunft des Mädchens. O nein!

[…]

Die Augen des Jungen schweiften immer noch über die Zuschauerschar und erreichten schließlich die ihren – und hielten an. Plötzlich empfand Mutter Mastiff eine Art Schwindelgefühl. Ihre Hand griff an ihren Leib. Zu fett gefrühstückt, dachte sie Die Augen waren bereits weitergewandert. Seit sie fünfundachtzig geworden war, mußte sie sehr aufpassen, was sie zu sich nahm. Aber dann hatte sie auch einer Freundin einmal gesagt, „lieber sterbe ich mit Verdauungsschwierigkeiten und mit vollem Bauch, als mich mit Pillen und Konzentraten dahinzuquälen.“

„Zur Seite!“ hörte sie sich plötzlich sagen, ohne selbst recht zu wissen, was sie tat oder warum. „Zur Seite!“ Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, stieß einem der Zuschauer mit dem Stock in die Seite, brachte das prunkvolle Arrangement von Schwanzfedern eines Ornithorpen in Unordnung und veranlaßte eine übergewichtige Matrone zu einem erregten Schnattern. Sie arbeitete sich bis zu der freien Fläche unmittelbar vor der Plattform durch. Der Junge achtete nicht auf sie; seine Augen fuhren fort, die gleichgültige Menge abzusuchen.

*     *     *

Mutter Mastiff ersteigert Flinx gegen die Gebote eines hünenhaften Mannes, der noch während der Auktion vor der Polizei flieht. Sie gibt dem stillen Jungen ein Zimmer in ihrer kleinen Laden-Wohnung, und von ihr und befreundeten Bewohnern der Altstadt von Drallar lernt er, was er für das Leben dort wissen muß. Mit der Zeit stellt sich heraus, daß Flinx ein empathischer Telepath ist, der zwar keine Gedanken lesen, aber Gefühle auffangen kann – ein erratisch funktionierendes Talent, über das er kaum Kontrolle hat und das zum Geheimnis zwischen ihm und Mutter Mastiff wird. Diese argwöhnt jedoch, daß er auch andere Menschen unbewußt beeinflussen kann und sie dazu veranlaßt hat, ihn zu ersteigern (so wie er später auf dem Flug zum Krang Malaika auf die Idee mit dem Neutronenstern bringt).

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Bat Durston, oder: Das Herz im Widerstreit

Von George R. R. Martin, enthalten in GRRMs Sammelband „Traumlieder III“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31672-0) unter dem Titel „Das Herz im Widerstreit“. Das Titelbild von David Schleinkofer, das andere Bild sowie die Links im Text wurden von mir – Lucifex – eingefügt. Der Name der Raumyacht Bat Durston in meinem SF-Roman „Ace of Swords: Alles auf eine Karte“ ist eine Anspielung auf den Bat Durston, um den es hier geht. (GRRMs Erstlingsroman „Die Flamme erlischt“ hat ebenfalls ein paar kleinere Einflüsse auf „Ace of Swords“ gehabt). Man könnte sich vorstellen, daß der ursprüngliche Eigner der Bat Durston diesen Namen als Stinkefinger gegenüber denjenigen gedacht hat, die über bloß abenteuerorientierte SF die Nase rümpfen. (Diesen Beitrag, den ich ursprünglich auf NORD-LICHT eingestellt hatte, bringe ich heute als Referenzmaterial für meine in Arbeit befindliche Antwort auf John Does in diesem Kommentar enthaltene Fragen zum Thema Schreiben von Geschichten.)

 

DAS HERZ IM WIDERSTREIT

Nur alte Knaben und echte Fans pflegen noch die Erinnerung an Bat Durston, jene unerschrockene Plage des Weltenraums, deren Abenteuer in den 1950er-Jahren des Öfteren im Magazin Galaxy erschienen.

Bat wurde seinerzeit auch immer auf dem Umschlag erwähnt. Genauer gesagt, auf der Umschlagrückseite. Unter der Schlagzeile IN GALAXY WERDEN SIE SO WAS NIE LESEN stand da, in zwei Spalten aufgeteilt (Anm. v. Lucifex: im Buch in zwei Spalten nebeneinander; siehe das von mir danach eingefügte Bild der Originalseite):

Mit donnernden Hufen galoppierte Bat Durston über den schmalen Pass nach Eagle Gulch hinunter, das winzige, 400 Meilen nördlich von Tombstone liegende Goldgräberlager. Er preschte gerade auf einen niedrigen Felsvorsprung zu … als plötzlich hinter einem großen Findling ein hochgewachsener, hagerer Viehtreiber hervortrat, der einen Colt in der sonnengebräunten Hand hielt. „Halt an und steig ab, Bat Durston“, sagte der Fremde pampig. „Denn – ob du’s glaubst oder nicht – dies ist dein letzter Ritt durch diese Gegend.“

 *   *   *

Mit knatternden Düsen durchfegte Bat Durston die Atmosphäre des winzigen, sieben Milliarden Lichtjahre von Sol entfernten Planeten Bbllzznaj. Als er das Superhypertriebwerk ausschaltete, um zu landen … trat hinter dem Heckleitwerk ein hochgewachsener, hagerer Raumfahrer hervor, der einen Protonenblaster in der weltraumgebräunten Hand hielt. „Lass die Finger von der Steuerung, Bat Durston“, sagte der Fremde pampig. „Denn – ob du’s glaubst oder nicht – dies ist dein letzter Trip durch diesen Teil des Universums.“

„Gleicht sich irgendwie, nicht wahr?“, fuhr der Redakteur H. L. Gold unter diesen Spalten fort. „Und zwar mit Absicht, denn eine der Geschichten ist bloß ein auf einen lächerlichen anderen Planeten verlegter Western. Wenn Ihre Vorstellung von Science-Fiction-Literatur so aussieht, ist es Ihr Problem. IN GALAXY WERDEN SIE DERGLEICHEN NIE LESEN! In Galaxy finden Sie nur die beste … echte, plausible, durchdachte … Science Fiction, die von Autoren geschrieben wird, die nicht in allen Wassern fischen, sondern von Menschen, die Science Fiction schätzen, sich in ihr auskennen … und sie für Menschen schreiben, die sie ebenfalls schätzen und kennen.“

Die Annonce erschien im September 1950 in der ersten Galaxy-Ausgabe und wurde wiederholt abgedruckt. Damals war ich ein zwei Jahre altes Kerlchen (und ich kann Fotos vorlegen, die es beweisen). Selbst Rocky Jones lag für mich damals noch in ferner Zukunft (Rocky und Bat haben sich gewiss schon zusammen in der Weltraum-Ranger-Schule gelangweilt), wie auch Heinlein, Howard, Tolkien, Lovecraft und die Fantastischen Vier.

Als ich es soweit gebracht hatte, selbst Science Fiction zu schreiben, hatte Galaxy sein H. L. Gold[enes] Zeitalter längst hinter sich. 1961, nach einem Autounfall, gab Gold auf und überließ die Zügel (das Steuer? die Lenkung des Raumschiffs?) Frederik Pohl, der sich als hervorragender Nachfolger erwies. Gegen Ende des Jahrzehnts wurde Ejler Jakobsson Pohls Nachfolger und heuerte Gardner Dozois an, da er jemanden brauchte, der die unaufgefordert eingesandten Manuskripte begutachtete. Dass der Rest Geschichte ist, wissen Sie, wenn Sie meine frühesten Anmerkungen zu diesem Thema gelesen haben.

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