Das „jüdische“ Khanat: Geschichte und Religion des Reiches der Chasaren

Aus dem Historie-Magazin „Karfunkel“, Ausgabe Nr. 79 Dezember 2008 – Januar 2009 (einschließlich der Bilder). Der Autor ist dort mit „jpk“ angegeben.

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Als „jüdisches Atlantis“ oder „dreizehnten Stamm“ bezeichnete man das Reich der turkstämmigen Chasaren, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert die Steppen nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres beherrschten und von denen sich ein Teil zum Judentum bekehrte. Auch die letzte umfangreichere deutschsprachige Publikation zu den Chasaren spricht vom „vergessenen Großreich der Juden“. Tatsächlich stellt die Existenz eines mächtigen Staates mit einem jüdischen Herrscher im Mittelalter ein einzigartiges und faszinierendes Phänomen dar, doch darf die tatsächliche Rolle des Judentums in diesem Steppenreich auch nicht überschätzt werden.

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Im hebräischen Antwortbrief des chasarischen Herrschers Joseph an den am Hof des Kalifen von Cordoba Ab dar-Rahman III. sehr einflußreichen jüdischen Arzt und Gelehrten Hasday ibn Shaprut (ca. 905 – 975) – eine unserer wichtigsten Quellen für die Geschichte der Chasaren – wird erklärt, daß der Urvater der Chasaren von Togarma, einem Sohn des Gosmer und Enkel des Noahsohnes Japhet, abstamme; somit war erfolgreich der Anschluß an die Völkertafel der Genesis hergestellt. Dieser Stammbaum findet sich auch in verschiedenen arabischen Quellen, von denen manche sogar eine Abkunft der Chasaren von Abraham behaupten, der nach dem Tod seiner ersten Gattin Sarah eine Araberin namens Kantura geehelicht habe und mit ihr nach Chorasan im Nordostiran übersiedelt sei, wo sich seine Sippe mit den Chasaren vermischt hätte. Schließlich wurde in manchen Texten auch die Theorie aufgestellt, die Chasaren seien Reste der zehn verlorenen Stämme Israels, also jener Juden, die bei der Eroberung des israelitischen Nordreichs durch die Assyrer 722 v. Chr. verschleppt wurden.

Solche Konstruktionen dienten natürlich dazu, die (in ihrer Oberschicht) nunmehr jüdischen Chasaren mit dem Geschick des Volkes Israel zu verbinden.

Chasaren = Nomaden?

Die moderne Geschichts- und Sprachwissenschaft kommt erwartungsgemäß zu einem anderen Ergebnis: Die Chasaren, deren Namen sich eventuell vom alttürkischen q’azar („Nomade“) ableitet, stellten ein turkstämmiges Volk dar, das sich ab der Mitte des 6. Jh. n. Chr. in den Steppen nördlich des Kaspischen Meeres nachweisen läßt. Dort stand es Anfang des 7. Jh. unter der Oberhoheit des köktürkischen Großreiches, dessen westlicher Khagan um 625 ein Bündnis mit dem byzantinischen Kaiser Herakleios gegen das persische Reich der Sasaniden einging und mit seinen Einfällen nach Transkaukasien zum Sieg der Byzantiner beitrug. Spätere Autoren identifizierten schon diese wertvollen Bundesgenossen mit den Chasaren (während die zeitnaheren Quellen von Türken sprechen), doch stellten sie nur eines – wenn vielleicht auch wichtiges – unter den Völkern im Heer des Khagans dar. Erst als das köktürkische Reich nach 630 zerfiel und das westliche Khaganat 659 von den Chinesen zerstört wurde, konnten die Chasaren, deren Herrscher nun selbst den Titel eines Khagan annahm, eine eigene Machtposition in den Steppen nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres erringen.

Das Wolgadelta bei Astrachan, in dessen Nähe sich vermutlich auch die chasarische Hauptstadt Itil befand.

Das Wolgadelta bei Astrachan, in dessen Nähe sich vermutlich auch die chasarische Hauptstadt Itil befand.

Die Entstehung des Chasaren-Reiches

Zur Vormacht in diesem Raum wurden die Chasaren um 660, als sie das sogenannte großbulgarische Reich besiegten; Stämme dieses Reiches gelangten nun unter chasarische Oberhoheit, andere wanderten nach Westen, unter anderem an die Donau, wo sie um 680 ein neues Reich begründeten.

Der Sieg über die Bulgaren wird auch im Brief des Joseph als „Gründungsdatum“ chasarischer Herrschaft erwähnt. Das Zentrum der chasarischen Macht lag damals im heutigen Daghestan nördlich des Kaukasus, wo die Städte Balanjar (vermutlich am Mittellauf des Sulak in Daghestan, heute in einem Stausee verschwunden) und Samandar (vermutlich nahe der heutigen Hauptstadt Machatschkala) die wichtigsten Stützpunkte der Chasaren darstellten.

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Das Goldene Zeitalter des Islam: Ein archäologisches Nichts

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Von John J. O’Neill.  Original: Islam’s Golden Age: An Archaeological Nonentity, erschienen am 27. Februar 2010 bei „Gates of Vienna“.

In meinem kürzlich erschienenen Buch “Holy Warriors: Islam and the Demise of Classical Civilization” habe ich detailliert argumentiert, daß der Islam, weit davon entfernt, eine Kraft der Aufklärung im sogenannten Dunklen Zeitalter zu sein, tatsächlich verantwortlich war für die Zerstörung der alphabetisierten und städtischen Zivilisation, die wir jetzt die klassische nennen, und daß es, wenn überhaupt, der Islam war, der Europas Abstieg in die Rückständigkeit während des Mittelalters verursachte. An derselben Stelle habe ich im Detail argumentiert, daß das islamische Goldene Zeitalter des späten siebten bis mittleren zehnten Jahrhunderts, in dem der Islam sich angeblich im Licht der Wissenschaft und Gelehrsamkeit gesonnt hat, ein kompletter Mythos ist, und daß keine solche Epoche jemals existierte. Die Beweise dafür sind archäologischer Natur.

Bis zum neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert waren Gelehrte gezwungen, sich hinsichtlich ihres Wissens über die Welt der Antike und des Mittelalters gänzlich auf schriftliche Quellen zu verlassen. Der kompetente Historiker hatte natürlich immer die entscheidende Fähigkeit gehabt, zwischen Fakten und Fabeln zu unterscheiden, zwischen Propaganda und ehrlicher Berichterstattung. Es gab auch ab dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert eine ausgereiftere Form der Textkritik. Dennoch, egal wie kritisch der Gelehrte war, am Ende war alles, womit er arbeiten konnte, das geschriebene Wort. Aber dies alles begann sich im neunzehnten Jahrhundert zu ändern. Von da an hatten die Gelehrten etwas Unabhängiges, mit dem sie die Behauptungen der Chronisten und Annalenschreibe von einst überprüfen konnten: die Wissenschaft der Archäologie.

Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatten die Archäologen begonnen, ein recht umfassendes Bild der Archäologie Europas und des Nahen Ostens zusammenzufügen. In der Tat gehörten und gehören mehrere Gebiete des Nahen Ostens, wie Ägypten, Palästina und der Irak, zu den am gründlichsten durch Ausgrabungen erforschten Regionen der Erde.

Mittelalterkundler waren natürlich sehr daran interessiert gewesen, etwas Licht auf die romantische, wenn auch anscheinend fabelhaft reiche und kultivierte islamische Welt des siebten, achten und neunten Jahrhunderts zu werfen. Seltsame und wundersame Geschichten wurden über diese Epoche erzählt, wenngleich alle darin übereinstimmten, daß es ein Zeitalter hoher Zivilisation war. In der Tat wurde das siebte bis zehnte Jahrhundert, wie wir sahen, als das islamische Goldene Zeitalter betrachtet. Dies war das Zeitalter der Omayyaden- und Abbasidenkalifen; die romantische Epoche von Scheherazade und Harun al-Raschid, dem fabelhaft reichen Kalifen von Bagdad, von dem es heißt, daß er die Verkleidung eines gewöhnlichen Mannes angelegt und nachts durch die schwach beleuchteten Straßen der Metropole gewandert sei – einer Stadt von angeblich einer Million Menschen. Diese Epoche, und diese allein, soll das Zeitalter der kulturellen Vorherrschaft des Islams markiert haben. Man betrachte die folgende Beschreibung eines englischen Historikers über das Cordoba des achten bis zehnten Jahrhunderts, typisch für das Genre:

„In Spanien … führt die Gründung der Omayyaden-Macht eine Ära beispielloser Pracht herbei, die ihren Höhepunkt im frühen zehnten Jahrhundert erreicht. Die große Universität von Cordoba ist gedrängt voll mit Studenten … während die Stadt selbst das Staunen von Besuchern aus Deutschland und Frankreich erregt. Die Ufer des Gualadquivir sind gesäumt von luxuriösen Villen, und – geboren aus einer Laune des Herrschers – erhebt sich der berühmte Palast der Blume, eine fantastische Stadt der Freuden.“ (H. St. L. B. Moss, „The Birth of the Middle Ages; 395-814“, Oxford University Press, 1935). Alle stimmten darin überein, daß die islamische Welt in späteren Jahren, vom elften Jahrhundert an, schnell hinter den Westen zurückzufallen begann.

Nach dem Wort der geschriebenen Geschichten erwarteten die Archäologen also, von Spanien bis zum östlichen Iran eine blühende und lebhafte Kultur zu finden; eine islamische Welt enormer Städte, ausgestattet mit all dem Reichtum der Antike und dem Beutegut, das in den moslemischen Eroberungskriegen angesammelt worden war. Sie hofften, Paläste zu finden, öffentliche Bäder, Universitäten und Moscheen, alle reich mit Marmor, Keramik und Steinschnittarbeiten verziert.

Tatsächlich fanden sie nichts dergleichen.

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