Volkssagen aus Österreich: Rauhnächte

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Von Lichtschwert

Mit der heutigen Nacht, der Wintersonnwendnacht, beginnt eine Folge von zwölf Nächten, die im Volksmund „Rauhnächte“ genannt werden und deren letzte die „Perchtnacht“ oder „Berchtlnacht“ vom 5. auf den 6. Jänner ist. Um diese zwölf Nächte gibt es eine Menge uralter Volksbräuche und Volkssagen, die auf das keltische und germanische Heidentum zurückgehen und in späterer Zeit teilweise christlich überformt wurden. Die „Wilde Jagd“, in Österreich auch „das Gjaid“ genannt, geht um, in den Ställen beginnen Tiere zu sprechen, und in diesen Nächten darf keine Wäsche aufgehängt werden (meine Mutter hält sich bis heute an letzteres). In dieser Zeit, so der alte Volksglaube, ist die Anderswelt besonders nahe.

Ein Beispiel für die Sagen um das „Gjaid“ ist diese aus Vorarlberg:

DAS NACHTVOLK

In Frastanz gibt es einen einsam stehenden Hof, durch den das „Nachtvolk“ alljährlich seinen Weg nahm. Da knackte es zuerst in allen Wipfeln und Gipfeln des nahen Waldes, dann brausten die Unholde unter Hundegebell und Hörnerklang durch den Hof, daß Türen und Tore knarrten und die Fenster klirrten. Wehe den Hausleuten, die dem wilden Volk dabei in die Quere kamen! Sie wurden entweder in Stücke gerissen oder vom wilden Heer weit fortgeführt. Den Tieren, die den Unholden in den Weg liefen, erging es ebenso schlimm wie den Menschen.

Der Bauer ließ in den Rauhnächten stets Hof und Scheune offen, damit die ruhelosen Gesellen ungehindert hindurchziehen konnten. Als er aber einmal nicht daran dachte und abends zuschloß, da riß ihm das nächtliche Volk beide Tore aus, trug sie hinweg und warf sie erst über Feldkirch aus den Lüften zu Boden.

Einmal verirrte sich das Nachtvolk und kam am hellichten Tag ins Kleine Walsertal. Es war gerade Sonntag, und die Dorfleute saßen in der Kirche. Da führten die Unholde einem Bauern die schönste Kuh aus dem Stall, schlachteten sie, bereiteten sich einen schmackhaften Braten und schmausten lustig darauflos. Dabei tanzte und jauchzte die tolle Schar unter lieblichem Saitenspiel. Den Kindern, die im Hause geblieben waren, gab das Volk auch von dem Schmaus zu essen, verbot ihnen aber, auch nur ein Beinchen zu verbeißen oder zu verwerfen.

Nach der Mahlzeit suchte das Nachtvolk die Knochen des Viehs zusammen. Alle fand es, nur einen nicht, der wollte sich nicht finden lassen. Dann baute es aus den Beinchen das Gerippe der Kuh wieder auf, wickelte die abgezogene Haut darüber und sagte dabei: „Das arme Tier wird wohl hinken müssen.“

Als das seltsame Volk abgezogen war, stand die Kuh wieder lebend im Stalle, schleppte aber einen Fuß nach.

Im Montafon kam ein Bauer in einer mondhellen Nacht am Murnertobel vorbei, und weil er müde war, setzte er sich auf einen Stein, zog seine Maultrommel aus dem Sack und spielte sich eins zum Zeitvertreib. Da kam plötzlich das Nachtvolk in langem Zug den Tobel herab, und ein schwarzer Geselle trat zum Bauern und sagte: „Hör, wenn du willst, so lehre ich dich so schön spielen, daß die Tannenzapfen ringsum zu tanzen beginnen.“

„Das wär’ mir schon recht!“ entgegnete der Maultrommler. Ehe aber der Unterricht begann, kam aus der Menge ein Weib herzu, zog den schwarzen Gesellen beiseite und raunte ihm ins Ohr: „Komm, mit dem Bauern ist ja doch nichts anzufangen, der hat heute früh Weihwasser genommen!“

Da bekreuzigte sich der Bauer und erkannte mit Schrecken, welch großer Gefahr er entronnen war.

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Ebenfalls aus Vorarlberg stammt diese hier:

DIE MUSIZIERENDE TANNE

In jenem Jahr, in dem der große Wind ging, verspätete sich einmal ein Jäger in den Bergen über Bludenz. Als er im dichten Wald war, fiel ihm die Nacht in den Weg, und er verirrte sich. Da er müde Knochen und ein gutes Gewissen hatte, legte er sich unter eine mächtige Tanne, gab sein liebes Leben unserem Herrgott in die Hand und schlief ein. Als er aber im besten Schlummer lag, erhob sich plötzlich ein so starker Sturm, daß es im Gehölz knackte und krachte und den Jäger aus seiner Ruhe weckte.

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Buchempfehlung: Waltraud Ferraris „Alte Bräuche neu erleben“

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Von Lichtschwert.

In diesem Beitrag stelle ich ein Buch vor, das ich in diesem Frühjahr gekauft habe und das ich allen sehr empfehlen kann, die sich für altes Brauchtum, kulturelle Identität und deren mythologische Wurzeln interessieren:

„Alte Bräuche neu erleben: Fest- und Alltag im Rhythmus der Jahreszeiten“ von Waltraud Ferrari (Leopold Stocker Verlag 2014, ISBN 978-3-7020-1443-8)

Dieser sehr schön gestaltete, reich bebilderte und auch solide gefertigte Band befaßt sich mit dem christlichen und heidnischen (letzteres von der Autorin meist als „alteuropäisch“ bezeichnet) Brauchtum vorwiegend des Alpenraums. Zur näheren Erläuterung zitiere ich nachfolgend Waltraud Ferrari selbst in Form von Auszügen aus dem Einleitungsteil ihres 206seitigen Buches:

Wer sich für eine Landschaft interessiert, wer den dort ansässigen Menschen wahrhaft begegnen möchte und wer es wagt, manchmal abseits ausgetretener Pfade unterwegs zu sein, wird unweigerlich auf altes Brauchtum in seinen verschiedensten Erscheinungsformen treffen. Vieles ist schon in Vergessenheit geraten, manches ist zum Touristenevent geworden, aber auch Authentisches ist noch erhalten und wird heute neu belebt.

Dieses Buch soll nicht nur Hintergründe und Funktion überlieferter Bräuche beleuchten, sondern auch dazu anregen, das darin vorhandene Wissen wiederzuentdecken und, je nach Wunsch, im eigenen Leben anzuwenden. Dabei erwartet Sie keineswegs nur ein Blick in frühere Zeiten, sondern eine reiche, bunte Erfahrungswelt, die dem Leben auf besondere Weise Kraft und Zauber zu verleihen vermag.

Was ist Brauchtum eigentlich?

Echtes Brauchtum war stets Ausdruck einer ganzheitlichen Lebensform mit entsprechender Lebensphilosophie, die ursprünglich alle Daseinsbereiche betraf. Dabei verstand sich der Mensch als selbstverständlichen Teil einer Gesamtheit, bestehend aus unzähligen Kräften und Kreaturen. Der unmittelbare Bezug zu jahreszeitlichen Rhythmen, also ein bäuerlich geprägter Kalender, spielte dabei eine vorrangige Rolle. Er bildete kosmisches Geschehen, die Bewegung von Sonne und Mond, den Lauf der Gestirne, also das, was für die Vorgänge von der Aussaat bis zur Ernte zu beachten war, in menschlichen Dimensionen ab und erinnerte an die großen Zusammenhänge alles Lebendigen. Man wusste, was lebens- und überlebensnotwendig und somit auch bestimmend für die Gemeinschaft war. So wurden wichtige Zeitpunkte und Feste innerhalb des Jahres markiert und durch das jeweilige Brauchtum entsprechend gewürdigt. Daraus ergab sich eine Struktur, die – beinahe unverändert – bis in die Gegenwart reicht.

Von einem bestimmten Blickwinkel aus lässt sich Brauchtum auch als eine Art Erzählform ansehen, die jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealtes Wissen bewahrt. Dieses wird durch Reime und Merksprüche, Geschichten, Lieder und Tänze, Sagen und mythologische Überlieferungen, maskentragende Gestalten sowie eine Vielzahl ritualisierter Handlungen mitgeteilt.

Darüber hinaus beziehen sich viele Bräuche auf bedeutende Ereignisse im Leben wie Geburt, die Aufnahme in die Welt der Erwachsenen, Heirat oder Tod, die von besonderen Ritualen begleitet werden. So ist Brauchtum unter anderem Ausdruck der Achtung vor der Natur und dem Leben selbst und spiegelt zugleich die Würde derer wider, die diesem Lebendigen mit Ehrfurcht gegenübertreten. Es entspringt einer Zeit, in der ursprüngliche Lebensweise mit genauer Naturbeobachtung einherging, wobei man alles als beseelt betrachtete, also mit einer Intelligenz versehen, mit der man kommunizieren konnte. Nicht unbedingt in Worten, sondern in Form bestimmter Handlungen, die man im Brauch immer noch sieht.

Im Brauchtum begegnet man kraftvollen, archaischen Bildern, die sich auf einer heute oft vernachlässigten Ebene mitteilen. Diese Mittelungen sprechen den Menschen in seiner Gesamtheit an und wenden sich nicht vordergründig an den Verstand, sondern an das tiefe Empfinden der Seele, eine Art bildhaft „ver-götterndes“ Denken, das in früheren Epochen noch als selbstverständlich galt. Wo man heute nur einen Getreideacker sieht, erkannte das archaische Denken der Seele eine Wesenheit oder Gottheit, die ihn belebte. So wohnte im Acker der Korngeist, in den Herbststürmen fegte die Wilde Jagd über die Felder, und in den Rauhnächten traf man auf die Perchten, lichte wie dunkle Gestalten, die Segen bringen, Unheil abwehren und aufbrechendes Leben nach der Winterruhe hervorwirken sollten.

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Das Brauchtum erzählt in seiner bildhaften Sprache von Abläufen, die in der Natur tatsächlich stattfinden. Zugleich weist es ganz selbstverständlich auf Metaphysisches hin, nämlich auf jene unsichtbar-geistigen Bereiche, in denen man den Ursprung allen Seins vermutete. Auf diese Weise wird an den Zusammenhang alles Lebendigen erinnert und damit wieder ein heiles und heilsames organisches Schöpfungsbild vermittelt. Im Idealfall geht dies mit der Empfindung für ein natürliches, gemeinsames Wachstum einher, das in einem Tempo erfolgt, welches dem Leben zuträglich ist.

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Volkssagen aus Österreich: Die Perchtl

NORD-LICHT

Frau Perchta

Die heutige Nacht auf den Dreikönigstag ist die letzte der Rauhnächte, die „Perchtlnacht“, in der nach dem alten Volksglauben die FrauPerchta, auch Perchtl oder Berchtl genannt, umgehen soll. Es gibt viele Sagen um sie; diese hier stammt aus Niederösterreich:

DIE BERCHTL-OHRFEIGE

In den Rauhnächten, in denen nach dem Volksmund alle Geister los sind und ihr Unwesen treiben, zieht auch die Frau Berchtl um und wandert über Berg und Tal. Sie erscheint bald als riesiges, uraltes Weib, bald in Gestalt einer schönen Dame von edlem Aussehen. Doch stets trägt sie als untrügliches Zeichen eine lange Nase. Um die Mitternachtsstunde hält sie gerne Einkehr in den Bauernhäusern, erfreut sich am Glück der Menschen und segnet die Wohnplätze der Guten. Den emsigen Mägden schenkt sie Spindeln und spinnt zuweilen selbst des Nachts für sie, so daß am Morgen alle Spulen gefüllt sind.

Doch wehe, wenn sie merkt, daß in einem Hause…

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Volkssagen aus Österreich: Rauhnächte

NORD-LICHT

Rauhnachtmond

Mit der heutigen Nacht, der Wintersonnwendnacht, beginnt eine Folge von zwölf Nächten, die im Volksmund „Rauhnächte genannt werden und deren letzte die „Perchtnacht“ oder „Berchtlnacht“ vom 5. auf den 6. Jänner ist. Um diese zwölf Nächte gibt es eine Menge uralter Volksbräuche und Volkssagen, die auf das keltische und germanische Heidentum zurückgehen und in späterer Zeit teilweise christlich überformt wurden. Die „Wilde Jagd“, in Österreich auch „das Gjaid“ genannt, geht um, in den Ställen beginnen Tiere zu sprechen, und in diesen Nächten darf keine Wäsche aufgehängt werden (meine Mutter hält sich bis heute an letzteres). In dieser Zeit, so der alte Volksglaube, ist die Anderswelt besonders nahe.

Ein Beispiel für die Sagen um das „Gjaid“ ist diese aus Vorarlberg:

DAS NACHTVOLK

In Frastanz gibt es einen einsam stehenden Hof, durch den das „Nachtvolk“ alljährlich seinen Weg nahm. Da knackte es zuerst in allen Wipfeln und Gipfeln des nahen Waldes, dann…

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Imbolc: Das Fest zum Beginn der hellen Jahreshälfte

NORD-LICHT

Morgenlicht

Von Lichtschwert, unter Verwendung von Material aus Waltraud Ferraris Buch „Alte Bräuche neu erleben: Fest- und Alltag im Rhythmus der Jahreszeiten“.

Beginnend mit dem heutigen Vorabend zum 1. Februar und am 1. Februar selbst, teilweise auch in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar, wird das keltische Fest Imbolc oder Imbolg (gesprochen i-MOLC oder i-MOLG) gefeiert, das ungefähr die Mitte zwischen der Wintersonnenwende und der Frühlings-Tagundnachtgleiche markiert. Mit Imbolc endet die dunkle Jahreshälfte nach keltischer Zeitrechnung, und das helle Halbjahr beginnt, das mit dem Herbstbeginnsfest Lughnasad am 1. August und dessen Vorabend endet. Es ist eines der vier großen keltischen Jahreszeitenfeste, zusammen mit Beltane, Lughnasad und Samhain, und war in heidnischer Zeit mit der Göttin Brigid oder Brighid verbunden, aus der in christlicher Zeit die heilige Brigitta von Kildare wurde, deren Namenstag der 1. Februar ist, während das Fest selbst heute am 2. Februar als…

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