Der Graue Prinz (4): Uther Madducs großartiger Witz

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

 

Kapitel 10

Der Morgen überflutete die Sarai mit einem warmen, rosigen Leuchten. Ein paar Wolken im Süden und Westen glühten in tiefen Rottönen. Methuen erklomm den Himmel.

Bei einer von fedrigen Akazien umgebenen Oase machten sie Halt, um zu frühstücken. Moffamides hatte die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben.

Neben einem Teich waren ein paar verwahrloste Felder, auf denen Früchte und Beeren jetzt wild wuchsen. Die Fiaps dort waren verwittert und schon lange nicht mehr wirksam. Elvo nahm sich einen Eimer und erntete, was immer reif war.

Bei seiner Rückkehr arbeitete Kurgech an einer äußerst ungewöhnlichen Konstruktion. Aus Akazienruten baute er ein würfelförmiges Gerüst mit einer Kantenlänge von etwa siebzig Zentimetern. Die Ecken band er mit Schnur zusammen. Dann zerschnitt er eine alte Decke und befestigte sie an diesem Gestell, daß eine Art Kiste daraus wurde. Über eine Seite dieser Kiste legte er ein Brett, durch das er ein Loch von ungefähr zweieinhalb Zentimeter Durchmesser bohrte.

Diese Kiste baute er außerhalb Moffamides‘ Blickwinkel. Elvo konnte seine Neugier nicht mehr länger zügeln. Er fragte Jemasze: „Was macht Kurgech denn da?“

„Die Uldras nennen es eine Seelenkiste.“

Jemaszes Antwort klang so kurzangebunden, daß Elvo, der sehr empfindlich gegenüber echter oder auch nur eingebildeter Ablehnung war, keine weiteren Fragen mehr stellte. Aber er schaute fasziniert zu, während Kurgech aus einem Pappkarton eine Scheibe von fünfzehn Zentimeter ausschnitt und darauf weiß-schwarze Spiralen malte. Elvo staunte über seine Geschicklichkeit. Plötzlich sah er Kurgech in einem anderen Licht. Er schien ihm nun nicht mehr ein Halbbarbar mit ungewöhnlichen Sitten und verrückter Kleidung, sondern ein stolzer Mann mit vielen Fähigkeiten. Mit innerer Verlegenheit erinnerte er sich seiner bisherigen, ein wenig herablassenden Haltung Kurgech gegenüber – und das trotz der Tatsache, daß er schließlich ein Redemptorist war!

Kurgechs Arbeit wurde nun komplexer. Eine ganze Stunde verging, ehe er endlich mit seinem Werk zufrieden war. Die Scheibe drehte sich jetzt im Inneren der Kiste und war durch eine Achse mit einem kleinen windgetriebenen Propeller verbunden.

Elvo war nicht ganz einverstanden mit dieser Vorrichtung und ihrem erahnten Zweck. In einer Mischung aus Abscheu und Faszination sah er zu, wie Kurgech mit angespannter Konzentration seine Seelenkiste fertigstellte. Ein wenig spöttisch fragte er: „Wie wird sie funktionieren?“

Kurgech warf ihm einen etwas kühlen Blick zu. „Möchten Sie sie ausprobieren?“

„Nein.“

Die ganze Zeit über war Moffamides gegen die Reling gelehnt, ungeschützt unter den Strahlen Methuens gesessen, ohne daß er etwas zu essen oder trinken bekommen hätte. Kurgech ging nun in die Kombüse und holte aus seinen Sachen ein winziges Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit. Er füllte Wasser in einen Krug, gab ein paar Tropfen der dunklen Flüssigkeit zu und brachte es Moffamides.

„Trink!“ befahl er.

Wortlos gehorchte der Priester. Darauf legte Kurgech ihm eine Binde über die Augen, dann setzte er sich auf das Vorderdeck. Jemasze schwamm inzwischen in dem Weiher.

Eine halbe Stunde verging. Kurgech stand auf. Er schnitt zwei Schlitze im rechten Winkel zueinander in den dicken Wollstoff, der den Boden der Kiste bedeckte, und dann ein kreisrundes Loch in die Oberseite. Dann hob er die Kiste hoch und stülpte sie über Moffamides‘ Kopf. Um sie zu halten, legte er zwei Stecken auf die Schultern des Priesters. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Propeller sich ungehindert im Wind drehen konnte, griff Kurgech in die Kiste und nahm Moffamides die Augenbinde ab.

Elvo öffnete den Mund, doch Gerd Jemasze, der gerade an Bord zurückkam, winkte ihm streng zu, zu schweigen.

Zehn Minuten vergingen. Kurgech kauerte sich neben den Priester. Mit Singsangstimme sagte er: „Friede! Entspanne dich! Schlaf ist süß, wenn alle Sorgen geschwunden sind und keine Furcht dich mehr quält. Ja, süß ist der Schlaf, Friede ist nah. Es ist gut, sich zu entspannen, zu ruhen und zu vergessen.“

Der Propeller drehte sich langsamer, als der Wind nachließ. Kurgech schob ihn mit dem Finger an, damit er nicht stillstand. Und im Inneren der Kiste kreiste die Scheibe mit den Spiralen vor Moffamides‘ Augen.

„Die Spirale dreht sich“, sagte Kurgech sanft und eindringlich. „Sie bringt außen nach innen. Sie dreht auch dich von außen nach innen, und du ruhst ohne Sorgen. Von außen nach innen, von außen nach innen, und ich sage dir: es ist wundervoll, sich auszuruhen, wo nichts und niemand dir Leid zufügen kann. Kann irgend jemand oder irgend etwas dir jetzt noch etwas anhaben?“

Aus der Kiste klang Moffamides‘ Stimme: „Nein, nichts.“

„Nichts kann dir Leid zufügen, außer ich befehle es so. Und jetzt empfindest du Ruhe und Frieden und nur den Wunsch, deinen Freunden zu helfen. Wem möchtest du helfen?“

„Meinen Freunden.“

„Sie sind hier. Diese Leute hier sind deine Freunde, deine einzigen Freunde. Schau, sie befreien dich von deinen Fesseln und sorgen sich darum, daß du es bequem hast.“ Kurgech durchschnitt die Stricke an Moffamides‘ Hand- und Fußgelenken. „Wie schön es ist, glücklich mit seinen Freunden zu sein. Bist du glücklich?“

„Ja, ich bin glücklich.“

„Die Spirale hat deine Aufmerksamkeit in dein Gehirn geleitet. Die einzige Verbindung mit der Außenwelt ist meine Stimme. Du mußt dich jetzt den Stimmen und Gedanken aller anderen taub stellen. Nur deine Freunde, die dir Frieden und Ruhe schenken, verdienen deine Treue. Wem vertraust du? Wem möchtest du helfen?“

„Meinen Freunden.“

„Und wo sind sie?“

„Sie sind hier.“

„Ja, das sind sie. Ich werde nun die Kiste von deinem Kopf nehmen, und du wirst deine Freunde sehen. Früher einmal, vor langer Zeit, gab es ein paar unwichtige Meinungsverschiedenheiten. Doch niemand denkt auch nur noch daran. Deine Freunde sind hier. Nichts anderes ist von Bedeutung.“

Kurgech hob die Kiste und stellte sie ab. „Atme tief die frische Luft ein und sieh deine Freunde an.“

Moffamides holte angespannt Luft, dann blickte er von Gesicht zu Gesicht. Seine Augen wirkten leicht glasig, seine Pupillen hatten sich zusammengezogen, vermutlich unter der Wirkung von Kurgechs Droge.

„Siehst du deine Freunde?“

„Ja, sie sind hier.“

„Natürlich sind sie hier. Du bist eins mit deinen Freunden, und du willst ihnen bei allem helfen, was sie tun. Früher war es schlecht. Deine Freunde möchten gern wissen, wie es früher war, damit du ohne Sorgen leben kannst. Zwischen Freunden gibt es keine Geheimnisse. Wie ist dein Kultname?“

„Inver Elgol.“

„Und dein persönlicher Name, den nur du kennst, doch den du nun auch deinen Freunden mitteilen willst?“

„Totulis Amedia Falle.“

„Wie angenehm es ist, seine Geheimnisse mit Freunden zu teilen. Die Seele fühlt sich gleich freier. Wohin brachte Poliamides den Ausker?“

„Zu dem Ort von Rosa und Gold.“

„Tatsächlich? Und was ist dieser Ort von Rosa und Gold?“

„Das Ausbildungslager der Erjinen.“

„Das muß ein interessanter Ort sein. Wo befindet er sich?“

„Bei Al Fador, in den Bergen westlich von Depot Nr. 2.“

„Und dorthin hat Poliamides den Ausker Uther Madduc gebracht?“

„Ja.“

„Gibt es dort Gefahren?“

„Ja. Sehr viele.“

„Wie können wir dort hingelangen, ohne uns diesen Gefahren auszusetzen?“

„Das ist unmöglich.“

„Uther Madduc und Poliamides besuchten Al Fador und kamen gut zurück. Könnten wir nicht das gleiche tun?“

„Sie sahen Al Fador, aber sie näherten sich ihm nicht.“

„Dann werden wir es ihnen gleichtun, wenn das nicht gefährlich ist. Welche Richtung müssen wir einschlagen?“

„Südwest, hart mit dem Wind.“

*     *     *

Der Landewer schlingerte über die Sarai. Moffamides saß zusammengekauert in einer Ecke des Cockpits und stierte apathisch und schweigend vor sich hin. Elvo beobachtete ihn fasziniert. Was mochte wohl im Kopf des Priesters vor sich gehen? Er versuchte, sich mit ihm zu unterhalten, aber vergebens. Moffamides starrte ihn lediglich stumm an.

Fünf Tage segelte der Ewer von Morgen bis Abend dahin, und länger noch, bis tief in die Nacht hinein manchmal. Wenn die Sarai dann dunkel und eben vor ihnen lag, wiesen die Sterne dem Steuermann die Richtung. Sie überquerten die beiden Spuren und fuhren zu einem Gebiet nördlich des Hügels, wo sie ihr erstes Lager aufgeschlagen hatten. Hier kamen sie auf eine öde trockene Strecke. Zentimeterhoch lag der Staub auf dem Soum und wirbelte unter ihren Rädern auf. Die Volwoden kamen in Sicht, erst als ein ferner Schatten über dem Süden und dann allmählich als eine Ansammlung von stahlgrauen Felsen, die sich dem Himmel entgegenstreckten.

Elvo war nun fast schon so apathisch wie Moffamides. Er hatte jegliches Interesse an einem Kampf gegen die Versklavung der Erjinen verloren. Der mochte ohnehin sicherer von den Rednertribünen in Olanje aus geführt werden. Bis zum Depot Nr. 2 wäre es nur noch eine Tagesfahrt, aber er wagte nicht darum zu bitten, die Reise abzukürzen. Wie immer fand er Gerd Jemaszes Haltung unerschütterlich. Was Kurgech betraf, hatte er seine früheren Meinungen über ihn geändert. Der Uldraschamane war listig und weise und wußte sich in seiner eigenen Umwelt in jeder Weise und sehr geschickt zu helfen. Aber es war nicht gerade der Lebensbereich, in dem er, Elvo, sich hervortun wollte. Alles in Betracht gezogen, würde er nur zu gern und je eher, desto besser nach Olanje zurückkehren. Schaine Madduc? Ein bezauberndes Mädchen, reizend anzusehen, mit einem Kopf voller liebenswerter Einfälle! Inzwischen dürfte sie sicher auch schon genug von Uaia haben und es möglicherweise vorziehen, ihn nach Szintarre zu begleiten.

Wenn er ihre Fahrt nach Al Fador überlebte! Elvo musterte Moffamides und machte sich Gedanken über dessen Geisteszustand. Hypnotische Beeinflussung, hatte er zumindest gehört, mußte nicht unbedingt so lange anhalten, wie es beabsichtigt war. Ein kluger und ihnen nicht wohlgesinnter Mann wie Moffamides mochte sie sehr wohl nur vortäuschen, um dann umso leichter sein eigenes Ziel verfolgen zu können. Er erwähnte jedoch seinen Verdacht nicht, da Jemasze und Kurgech vermutlich soviel oder vielleicht noch mehr als er von der Sache verstanden.

*     *     *

Die Volwoden tasteten sich hoch in den rosa-blauen Himmel. Sie waren kahle Felsen mit nur vereinzeltem schwarzen Dornengestrüpp und ein paar verkrüppelten Sengbäumen. Als der Ewer für die Nacht anhielt, kam ein Erjin näher und beobachtete sie aus einer Entfernung von gut fünfzig Metern. Langsam hob er seine kräftigen Arme und streckte die Krallen in Angriffsstellung. Seine Halskrause spreizte sich. Jemasze nahm das Gewehr in die Hand, und sofort verlor der Erjin seine Angriffslust. Seine Krause legte sich wieder flach, und nach ein paar Minuten trottete er davon.

„Seltsames Verhalten“, murmelte Jemasze. Er blickte der merkwürdigen Kreatur nach. Elvo drehte sich um und bemerkte, daß Moffamides dem Erjin nachsah, aber durchaus nicht wie ein Hypnotisierter.

Ein paar Minuten später teilte Elvo Gerd Jemasze seine Befürchtung mit.

„Bis jetzt steht er unter Kontrolle“, sinnierte Gerd Jemasze. „Kurgech hat ihn auf die Probe gestellt. Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Wenn ihm sein Leben lieb ist, wird er uns nicht verraten.“

„Was ist mit den Erjinen? Werden sie uns nicht möglicherweise heute nacht angreifen?“

„Erjinen sehen im Dunkeln schlecht. Ich glaube, wir können unbesorgt schlafen.“

Trotzdem legte Elvo sich mit einem unguten Gefühl nieder. Bis tief in die Nacht hinein lauschte er den Geräuschen der Sarai: ein leises Stöhnen aus der Richtung der Berge, das jedoch bald verstummte; ein Zirpen ganz in der Nähe; ein erbost klingendes Schwirren in verschiedenen Lautstärken; aus der Ferne ein gongähnliches Dröhnen, das Elvo so unheimlich erschien, daß sich ihm die Härchen auf dem Nacken aufstellten.

Kurgech hatte ein dünnes Kabel von Moffamides‘ Fußgelenk zu seinem eigenen gespannt und es dann mit einem trockenen Lappen so lange abgerieben, bis es bei der geringsten Bewegung quietschte, was Elvo entsetzlich auf die Nerven fiel. Ob wegen des Kabels oder der Nachwirkungen der Seelenkiste, jedenfalls rührte Moffamides sich die ganze Nacht nicht.

Als Elvo erwachte, glühten die höchsten Spitzen der Volwoden im ersten Licht des frühen Morgens. Das Frühstück war kärglich und kurz. Moffamides wirkte noch apathischer als sonst. Er saß am Rand des Decks und stierte nordwärts, in die entgegengesetzte Richtung der Berge.

Jemasze kauerte sich neben ihn. „Wie weit ist es noch bis zum Ausbildungslager?“

Moffamides blickte erschrocken auf. Sein Gesichtsausdruck wechselte unheimlich schnell: von Nachdenklichkeit zu finsterer Verachtung, dann zu Freundlichkeit und scheinbarer Offenheit, und flüchtig zu etwas, das fast Verzweiflung sein mochte. Elvo, der ihn beobachtete, vermutete, daß Kurgechs hypnotischer Befehl nicht mehr vollen Einfluß auf den Priester hatte.

Jemasze wiederholte geduldig seine Frage. Moffamides stand auf und deutete. „Es liegt irgendwo jenseits des Kammes dort, in Richtung der grimmigen Volwoden. Ich war nie selbst dort und kann euch deshalb auch nicht weiter führen.“

Kurgech sagte mit sanfter Stimme: „Ich sehe Spuren. Vielleicht stammen sie von Uther Madduc.“

Jemasze fragte Moffamides: „Ist das der Fall?“

„Es wäre möglich.“

Im scharfen Westwind folgte der Ewer dieser Fährte. Eine zweite Spur kam plötzlich dazu. Elvo Glissam rief verwirrt: „Es sieht so aus, als wäre jemand Uther Madduc gefolgt.“

„Ich würde eher annehmen, es sind beides seine Fährten – die vom Hin- und Rückweg.“

„Ja, vermutlich haben Sie recht.“

Unter einem Felsen aus rotem und grauem Sandstein endete Uther Madducs Spur. Jemasze reffte die Segel und zog die Bremsen an. Moffamides kletterte schwerfällig aus dem Wagen und blieb mit gebeugten Schultern stehen. „Ihr braucht mich nicht mehr“, erklärte er. „Ich habe mein Bestes für euch getan und werde mich jetzt zurückziehen.“

„Hier? In der Wildnis?“ fragte Jemasze verblüfft. „Wie willst du da überleben?“

„Ich kann das Depot in drei oder vier Tagen erreichen. Es gibt Früchte und Wasser unterwegs.“

„Was ist mit den Erjinen? Sie sind hier eine wahre Landplage.“

„Ich fürchte keine Erjinen. Ich bin ein Priester Ahariszeios.“

Kurgech trat auf ihn zu und legte eine Hand auf Moffamides‘ Schulter. Der Priester beugte sich zitternd zurück, schien jedoch nicht in der Lage zu sein, sich von der Hand zu lösen. Kurgech sagte: „Totulis Amedio Falle, du magst jetzt deine Sorgen vergessen. Du bist in der Gesellschaft von Freunden, denen du helfen und die du beschützen willst.“

Der Priester warf den Kopf zurück. Seine Augen wirkten glasig. „Ihr seid meine Freunde“, erklärte er ohne Überzeugung. „Dessen bin ich mir bewußt. Deshalb würde es mich betrüben, euch als Leichen zu sehen, und darum muß ich euch sagen, daß ihr bereits von einem Erjinenprinzen beobachtet werdet. Er hat mit meinem Geist gesprochen und gefragt, ob er jetzt angreifen soll.“

„Sag ihm, nein“, befahl Kurgech. „Erkläre ihm, daß wir deine Freunde sind.“

„Das habe ich bereits getan, obgleich meine Gedanken etwas verwirrt zu sein scheinen.“

„Wo ist der Erjin?“ fragte Jemasze.

„Er steht dort zwischen den Felsen.“

„Lade ihn ein, näherzukommen“, forderte Jemasze Moffamides auf. „Ich ziehe Erjinen, die sich offen zeigen, jenen vor, die sich verbergen.“

„Er hat Angst vor euren Gewehren.“

„Wir werden ihm kein Leid zufügen, wenn er seine Feindseligkeit zügelt.“

Moffamides blickte zu den Felsen. Der Erjin kam näher. Er war ein großartiges Exemplar, größer als die meisten, die Jemasze bisher gesehen hatte. Auf Brust und Bauch war er senfgelb, und am Rücken und auf den Beinen braunschwarz. Die rostfarbene Krause, sie begann zwischen den herausragenden Knochen, die die optischen Organe schützten, hing bis über die knochengepanzerten Schultern. Er kam ohne Hast näher, schien weder ängstlich noch feindselig, und blieb etwa fünfzehn Meter entfernt stehen.

Moffamides wandte sich an Jemasze. „Er möchte wissen, weshalb wir hier und nicht anderswo sind.“

„Erklär ihm, daß wir Reisende aus den Alouanen sind und uns für die Landschaft interessieren.“

Moffamides stellte sich dem Erjinen gegenüber, breitete die Arme aus und stieß einen Satz zischender Vokabeln hervor. Der Erjin blieb unbewegt stehen, nur seine Krause richtete sich flüchtig auf.

Kurgech befahl dem Priester: „Frag ihn nach dem einfachsten Weg zum Ausbildungslager.“

Moffamides machte mit beiden Händen verschiedene Gebärden und gab erneut zischende Laute von sich. Der Erjin reagierte wie in einem ähnlichen Fall auch Menschen. Er drehte sich halb um und deutete mit einem seiner kräftigen Arme nach Südwesten.

„Frag ihn, wie weit“, forderte nun Jemasze Moffamides auf.

Moffamides stellte die Frage. Der Erjin beantwortete sie mit viel weicherem Zischen, als der Priester fertiggebracht hatte. „Nicht sehr weit“, übersetzte Moffamides. „Zwei Stunden etwa.“

Jemasze warf einen skeptischen Seitenblick auf den Erjin. „Weshalb kam er uns hier entgegen?“

Kurgech warf mit sanfter Stimme ein: „Vermutlich hat unser Freund Moffamides eine Gedankenbotschaft vorausgeschickt.“

„Reiner Zufall, sicherlich“, protestierte der Priester schwach.

„Beabsichtigt er, uns anzugreifen?“

„Ich kann nichts mit Gewißheit über ihn sagen.“

Jemasze brummte: „Noch nie habe ich einen wilden Erjin so zugänglich gesehen.“

„Die Volwoden-Erjinen sind anders als die wilden Erjinen der Alouanen“, versicherte ihm Moffamides. „Sie sind, sozusagen, nicht von der gleichen Rasse.“

Kurgech ging in die Richtung, die der Erjin angedeutet hatte, und studierte den Boden. Er rief zu Jemasze zurück: „Die Spur ist hier.“

Jemasze warf einen Blick auf den Ewer, dann auf Elvo, der schon erwartete, daß der andere von ihm verlangen würde, das Fahrzeug zu bewachen. Jemasze drehte sich jedoch wieder Moffamides zu. „Wir brauchen einen Fiap, um den Wagen zu schützen, und zwar von besserer Qualität als deine anderen.“

„Das Fahrzeug ist hier sicher“, erklärte der Priester. „Außer eine Bande Srenki kommt vorbei. Doch das wäre äußerst unwahrscheinlich.“

„Trotzdem würde ich vorziehen, einen starken Fiap an den Ewer zu hängen.“

Sichtlich widerwillig nahm Moffamides Ringe und Bänder von den alten Fiaps und setzte daraus einen neuen Talisman zusammen. „Ihm fehlt die Zauberkraft. Er kann nur als Warnung dienen. Aber das dürfte genügen.“

Die vier Männer machten sich auf den Weg, eine aufwärtsführende Klamm entlang. Kurgech schritt voraus, hinter ihm Moffamides, dann kam Elvo und als letzter Jemasze. Der Erjin folgte ihnen in einiger Entfernung.

Der Weg wurde allmählich steil. Die Sonne fing sich in der Klamm, und die Felswände reflektierten die Hitze. Als die Gruppe den Kamm erreichte, machten sie keuchend und schweißüberströmt halt. Der Erjin kam nun heran und blieb so dicht neben Elvo stehen, daß er eine Gänsehaut bekam. Aus dem Augenwinkel betrachtete er den Arm der Kreatur mit seinen seltsamen schwarzen Krallen und den fingerähnlichen Fühlern, die an den Wurzeln der Krallen herauswuchsen. Mit einer einzigen schnellen Bewegung, dachte Elvo, könnte er mich in Fetzen reißen. Vorsichtshalber brachte er sich ein paar Schritt seitwärts in Sicherheit und stellte sich neben Moffamides. „Weshalb ist dieser Bursche so ganz anders als die Alouanen-Erjinen?“

Der Priester zeigte kein großes Interesse an diesem Thema. „Es ist kein großer Unterschied.“

„Ich finde doch“, erklärte Elvo. „Dieser hier ist zahm. Wurde er domestiziert oder ausgebildet?“

Moffamides stellte dem Erjin eine Frage, dann antwortete er Elvo. „Kurgech ist der ‚alte Feind‘, wie er ihn nennt, der eine ‚grüne Seele‘ hat und deshalb die Tötungswut1 des Erjins nicht weckt. Du und Gerd Jemasze seid Ausker und unwichtig.“

[1 Tötungswut: Eine schwache Übersetzung eines Wortes, das die explosive Freigabe einer gewaltigen Menge aufgestauter Emotionen bedeutet, wie beispielsweise das Durchbrechen eines Hindernisses oder das Sprengen eines Dammes.]

„Weshalb folgt er uns dann?“ fragte Jemasze.

Moffamides erwiderte niedergeschlagen: „Er hat nichts Besseres zu tun. Vielleicht will er uns auch helfen.“

Jemasze lächelte spöttisch und studierte die Gegend durch das Fernglas, während Kurgech sich in der vom Wind glattgeschliffenen Öde nach Uther Madducs Spuren umsah, ohne sie jedoch sofort zu entdecken.

Der Erjin schritt an Elvo vorbei, um Moffamides‘ Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ein halbtelepathisches Gespräch fand zwischen den beiden statt. Moffamides rief Jemasze zu: „Er sagt, Uther Madduc hat das Plateau überquert und ist dann auf dem mittleren Kamm weiter.“

Der Erjin rannte über das Plateau und blieb abwartend stehen. Als die Männer ihm nicht sofort folgten, winkte er ihnen drängend zu.

Kurgech lief zu ihm, um zu sehen, auf was seine deutenden Krallen wiesen. Die anderen kamen ein wenig langsamer nach. Kurgech studierte das sonnenversengte Geröll und fand etwas, das ihn ermutigte. „Hier ist seine Spur!“ rief er.

Der Erjin führte sie nun zu einer wirren Ansammlung von Granitblöcken. Ohne jegliche Anstrengung sprang er von einem zum anderen hoch, bis er ganz oben angelangt war. Hier hielt er an. Es sah fast so aus, als werfe er sich in Pose.

Die Männer kamen auf dem Kamm an und legten erneut eine Rast ein. Von hier aus führte ein verhältnismäßig steiler Hang, der spärlich mit braunen Flechten und Drahtgras bewachsen war, hinab zum Rand einer großen Schlucht. Der Erjin rannte nun wieder voraus, schräg über ein Geröllfeld.

Elvo Glissam staunte über das Vertrauen, das Jemasze und Kurgech offensichtlich in den Erjin setzten und das sie, nach aller vernünftigen Überlegung, nur in ihr Verderben führen konnte.

„Wohin, glauben Sie, bringt er uns?“ fragte er Jemasze.

„Entlang Uther Madducs Fährte.“

„Mißtrauen Sie denn seinen Absichten nicht? Angenommen, er führt uns irgendwo in einen Hinterhalt?“

„Kurgech ist nicht beunruhigt. Und er ist der Fährtenleser.“

Elvo beeilte sich, um Kurgech einzuholen. „Kam Uther Madduc tatsächlich diesen Weg?“

Kurgech nickte.

„Wie können Sie so sicher sein? Auf diesen Steinen zeichnen sich doch keine Spuren ab.“

„Die Fährte ist nicht zu übersehen. Schauen Sie selbst: dort ist ein Stein verrutscht. Er liegt jetzt mit seiner nicht von der Sonne verbrannten Seite nach oben. Auch die Staubschicht ist zerrissen. Der Erjin führt uns richtig.“

Eine Weile ging es hangabwärts, dann, als eine Klamm einen Weg zum Grund der Schlucht bot, rannte der Erjin schnell seitwärts weiter. Kurgech hielt abrupt an. „Was ist los?“ fragte Jemasze.

„Madduc und Poliamides sind diese Klamm hinunter. Ihr Weg ist anders als der, den er uns führen will.“

Sie blickten dem Erjin nach, der nun stehengeblieben war und ihnen wieder drängend zuwinkte. Moffamides sagte zweifelnd: „Er führt euch dorthin, wo eure Freunde waren.“

„Sie nahmen den Weg die Klamm abwärts zur Schlucht.“

„Der Erjin läßt euch sagen, daß hier ein sehr schwieriges Vorankommen ist. Weiter vorn ist es leichter.“

Jemasze blickte zuerst die Klamm hinunter, dann zu dem Erjin. Elvo wurde bewußt, daß er Jemasze zum erstenmal unentschlossen sah. Schließlich bestimmte Jemasze ohne große Begeisterung: „Also gut, wir wollen sehen, wohin er uns bringt.“

Der Erjin führte sie einen durchaus nicht leichten Weg, einen steilen Hang von zerbröckelnden Steinen, hoch, über einen Haufen von Steinblöcken, wo Eidechsen sich sonnten und bei ihrem Näherkommen eilig davonhuschten, zu einem Kamm empor, und auf der anderen Seite den Hang wieder hinunter. Der Erjin rannte mit fast schwerelosem Schritt, während die Männer keuchten und sich plagen mußten mitzukommen. Die Sonne brannte auf den Steinen, die Luft flimmerte in der Schlucht, und der Erjin tänzelte voraus wie ein Feuerdämon.

Plötzlich blieb er zweifelnd stehen, als wüßte er nicht mehr weiter. Jemasze rief mit angespannter Stimme über die Schulter zurück zu Moffamides: „Stell fest, wohin er uns bringt.“

„Wohin der andere Ausker ging“, erwiderte Moffamides schnell. „Dieser Weg ist weniger anstrengend, als die Felswand hinunterzuklettern. Ihr werdet es selbst sehen.“ Er deutete auf das vor ihnen liegende Terrain. Die Schluchtwände waren hier bei weitem nicht mehr so steil wie zuvor. Der Erjin rannte wieder voraus, hinunter zum Boden der breiten Schlucht. Das Tal hier bildete einen bemerkenswerten Kontrast zu der kahlen Hochebene. Die Luft war kühl und angenehm. Ein Fluß wälzte sich träge von einem winzigen See zum nächsten, im Schatten rosiger und purpurner Farnbäume und dunkler uaianischer Zypressen.

Kurgech studierte den hellen Sand neben dem Fluß und drückte seine offensichtliche Überraschung aus: „Der Bursche hat uns nicht in die Irre geleitet. Hier sind tatsächlich Fährten, ich bin überzeugt, die von Uther Madduc und Poliamides.“

Der Erjin rannte das Tal entlang und winkte ihnen immer wieder zu, ihm zu folgen, und nicht weniger drängend als zuvor. Die Männer folgten bedächtiger, als er es offenbar für angebracht hielt, denn er rannte weiter und blieb nur kurz stehen, um ihnen erneut zu winken. Kurgech hielt abrupt an und beugte sich über die Fährte. „Hier ist etwas seltsam.“

Jetzt studierte auch Jemasze die Spuren. Elvo sah ihm nur nervös dabei zu, während Moffamides noch nervöser von einem Fuß auf den anderen trat. Kurgech deutete auf den Sand. „Das ist Poliamides‘ Spur. Er trug die flachen Windläufersandalen. Die hier, mit den Absatzabdrücken, ist Uther Madducs. Zuvor ging Poliamides voraus, mit zweifellos vorsichtigeren Schritten. Hier war Uther Madduc der erste, seine ziemlich großen Schritte verraten Aufregung und Eile, Poliamides war hinter ihm, sieh her, hier hat er kurz angehalten, um zurückzublicken. Sie näherten sich nicht ihrem Ziel, sondern liefen vorsichtig und in aller Eile davon.“

Sie drehten sich um und blickten das Tal hoch, außer Moffamides, der die Hände nervös verkrampfte und die drei anderen Männer beobachtete. Der Erjin stieß pfeifende und flötende Laute aus. „Laßt uns keine Zeit vergeuden“, bat der Priester. „Der Erjin wird ärgerlich und weigert sich vielleicht, uns weiter zu helfen.“

„Wir brauchen keine Hilfe mehr“, sagte Jemasze. „Wir wenden uns jetzt talaufwärts.“

„Aber weshalb?“ rief Moffamides. „Die Spuren führen doch flußabwärts!“

„Trotzdem wollen wir das Tal hoch. Gib dem Erjin Bescheid, daß wir seine Hilfe nicht mehr benötigen.“

Moffamides übermittelte die Nachricht. Der Erjin gab einen Laut von sich, der zweifellos seinen Mißmut ausdrückte. Der Priester wandte sich erneut an Jemasze. „Es ist nicht nötig, in die Schlucht zu gehen!“ Aber Jemasze rannte bereits an Uther Madducs Fährte entlang. Der Erjin eilte mit langen, geschmeidigen Schritten herbei, dann stieß er einen schrecklichen Schrei hervor, streckte die Arme aus und krümmte die Klauen. Elvo stand wie gelähmt; Moffamides duckte sich, Kurgech sprang zur Seite; Jemasze riß seine Pistole aus dem Halfter und erschoß die Kreatur, während sie noch durch die Luft sprang.

Die vier Männer starrten reglos auf die Leiche. Moffamides wimmerte leise.

„Still!“ knurrte Kurgech. Jemasze steckte die Waffe ins Halfter zurück, dann drehte er sich um und marschierte weiter die Schlucht empor. Die anderen folgten ihm. Moffamides schlurfte als letzter lethargisch hinterher und blieb immer weiter zurück. Kurgech drehte sich zu ihm um und bedachte ihn mit wütendem Blick, woraufhin der Priester gehorsam schneller lief.

Die Schluchtwände wurden allmählich immer steiler, bis sie eine fast gerade Wand vom Talboden bis zum oberen Rand bildeten. Sie kamen nun an kleinen Hainen mit Jinko- und Ringelfruchtbäumen, uaianischen Weiden und Blaufilz vorbei. Vor ihnen, noch in einiger Entfernung, lagen bestellte Felder, auf denen Jamwurzeln, gelbe Erbsen, reife goldene Ähren und rote Seidenbüsche mit purpurschwarzen Beeren wuchsen. Das ist ja ein verborgenes Paradies, dachte Elvo, still und friedlich. Unwillkürlich schritt er auf Zehenspitzen und hielt den Atem an, um zu lauschen. Der Pfad wurde zu einer schmalen Straße. Sie waren offenbar bewohntem Gebiet sehr nahe.

Noch vorsichtiger bewegten die vier sich jetzt. Sie hielten sich in den Schatten der südlichen Steilwand und benutzten die Bäume als Deckung. Plötzlich wurde der Boden unter ihren Füßen zu einem Pflaster aus geborstenem Marmor von verwaschenem Rosa. In der Felswand offenbarte sich ihnen eine riesige Grotte, die schützend ein tempelähnliches, äußerst kunstvolles Bauwerk aus Rosenquarz und Gold umgab.

Beeindruckt näherten die vier Männer sich dem Schrein, wenn es ein Schrein war, und sahen zu ihrer größten Überraschung, daß das gesamte Kunstwerk aus einem einzigen gewaltigen Rosenquarz mit goldenen Adern geschnitten war. Die Fassade, etwa dreizehn Meter hoch, wies sieben Stufen auf, jede mit elf Nischen. Überall leuchteten in dem halbdurchsichtigen Quarz die Goldadern und in den Nischen hatten begnadete Künstler Reliefs geschaffen, die sich genau dem natürlichen Verlauf der Adern und der schwachen Maserung des Steins anpaßten, so daß man meinen konnte, der Stein selbst hätte sie hervorgebracht und wolle mit ihnen eine wahrheitsgemäße Geschichte erzählen.

Die Reliefs stellten Schlachtenszenen von Kämpfen zwischen stilisierten Erjinen und Morphoten dar. Beide trugen eine sehr eigenartige Rüstung oder Kampfkleidung, und sie benutzten zweifellos Energiewaffen.

Elvo, der völlig hingerissen war, berührte ein Relief. Wo seine Fingerspitzen die Staubschicht abwischten, leuchtete der Rosenquarz in einem so lebendigen Licht, daß es wie pulsierendes Blut aussah.

Auf der untersten Stufe oder Terrasse führten sechs Öffnungen in den Schrein. Elvo trat durch die, die ganz auf der linken Seite lag, und kam in eine hohe schmale Halle beziehungsweise in einen Gang, der so im Bogen verlief, daß er zu der Öffnung ganz rechts führte. Das Licht in diesem Bogengang wurde durch verschiedene Scheibenfenster aus Rosenquarz gefiltert und war vom Rot schweren, alten Weines. Jeder Quadratzentimeter war mit mikroskopischer Präzision gemeißelt, das Gold leuchtete hell und gestattete einen Blick auf jede Einzelheit. Ehrfurchtsvoll wandelte Elvo durch den Gang. Als er durch die rechte Öffnung aus dem Schrein kam, trat er durch die nächste, der Mitte zu. Hier war das Licht heller, von Korallenrot. Dieser Bogengang hatte nur etwa zwei Drittel der Länge des ersten. Nachdem er auch hier hindurch war, betrat er den mittleren Gang, wo das Licht von rosigem Glanz war und die goldenen Verzierungen sich funkelnd vom einfallenden Tageslicht abhoben.

Wieder am Eingang angelangt, blieb er vor dem großartigen Kunstwerk stehen und betrachtete die siebenstufige Vorderseite. Ein verborgener Schatz, dachte er, wie er nirgends sonst auf dieser und allen anderen Welten des gesamten Gaeanischen Territoriums zu finden war. Er trat näher heran, um die Reliefs besser studieren zu können. Ihr stilisierter Konventionalismus blieb ihm so gut wie unverständlich. Es war unmöglich, sich aus der Zusammensetzung der einzelnen Teile sofort ein Bild zu machen. Es sah jedenfalls aus, als ob Erjinen gegen Morphoten kämpften, doch die beiden Gruppen waren aufgrund ihrer Rüstung nur schwer zu erkennen. Erjinen flogen in Raumschiffen, wie man sie im Gaeanischen Territorium noch nie gesehen hatte. Erjinen standen triumphierend über Toten von zweifellos menschlicher Gestalt. Aufgeregt wandte er sich an Gerd Jemasze. „Das muß ein Denkmal sein, eine historische Aufzeichnung! In den Gängen findet man die Einzelheiten, in den äußeren Nischen dagegen eine Art Verzeichnis oder einen Überblick oder eine Zusammenfassung.“

„Sie dürften recht haben.“

Kurgech hatte die Fährte weiterverfolgt. Er kam jetzt zurück und deutete auf eine Kluft, dichtgedrängt mit blauen Jinkos, über die etwa ein Dutzend rosa Schirmbäume in verrücktem Winkel hinausragten. „Dort oben auf dem Rand haben wir Uther Madducs Spur wiedergefunden. Sie führte, wie wir schon wußten, die Klamm hinunter. Poliamides brachte ihn hierher und dann das Tal hoch.“

Elvo betrachtete nachdenklich den siebenstufigen Schrein aus Rosenquarz und Gold. „Ist das wohl Uther Madducs großartiger Witz?“ fragte er. „Aber weshalb sollte er ihn so spaßig finden?“

„Es gibt noch mehr zu sehen“, sagte Jemasze. „Wir wollen das Tal hinaufgehen.“

„Mit äußerster Vorsicht“, warnte Kurgech. „Uther Madduc kehrte mit viel größerer Eile zurück, als er sich hochbegab.“

Etwa vierhundert Meter führte die Spur am Fluß entlang, dann in ein Wäldchen düsterer Schwarzgummi, die dicht beisammenstanden.

Kurgech schritt voraus. Methuen war unmittelbar über ihnen, aber nur vereinzelte Strahlen fielen durch die mächtigen Kronen, und die Schatten auf dem Boden waren von samtiger Schwärze.

Der Pfad führte aus dem Wald hinaus. Die vier Männer versteckten sich hinter den Bäumen und blickten auf das Lager, das vor ihnen lag und von dem aus die Erjinen in die Sklaverei geschickt wurden.

Elvos erste Gefühlsregung war Enttäuschung. War er so weit gekommen und hatte er so viel durchgemacht, nur um auf ein paar unauffällige Steingebäude um einen staubigen Hof herum zu starren? Er ahnte, daß weder Jemasze noch Kurgech die Absicht hatten, sich das Ganze näher anzusehen, und die Angst, die Moffamides verriet, war schon fast Panik.

Der Priester zupfte Jemasze am Ärmel. „Komm, wir wollen schnell wieder weg von hier. Wir befinden uns in allergrößter Lebensgefahr!“

„Wie seltsam! Du hast uns zuvor nicht davor gewarnt.“

„Weshalb sollte ich?“ sagte Moffamides trotz seiner Verzweiflung höhnisch. „Der Erjin beabsichtige euch zu den Tanglin-Fällen zu bringen. Ihr wäret jetzt schon weit weg und lebtet vermutlich nicht mehr.“

„Es gibt ja kaum etwas zu sehen“, sagte Jemasze. „Wo liegt da die Gefahr?“

„Du hast kein Recht, danach zu fragen.“

„Dann warten wir eben ab.“

Ein Dutzend Erjinen kam auf den Hof heraus. Sie blieben in einer lockeren Gruppe stehen. Vier Männer in weißen Priestergewändern traten aus einem der Steingebäude, aus einem anderen zwei weitere Erjinen und noch ein Priester. Ganz plötzlich rannte Moffamides aus dem Wald hinaus und rannte schreiend auf den Hof zu. Jemasze fluchte und zog die Pistole. Er zielte auf Moffamides, doch dann brummte er etwas Unverständliches und schoß doch nicht. Elvo, der vor Schrecken wie erstarrt gewesen war, empfand fast etwas wie Dankbarkeit gegenüber Jemasze. Es wäre nicht richtig gewesen, das Häufchen Elend, das Moffamides war, zu töten, denn er schuldete ihnen schließlich keine Loyalität.

„Wir verschwinden besser, und zwar schnell“, sagte Jemasze. „Wir steigen am besten die Klamm hoch, durch die Madduc herunterkam. Das dürfte der kürzeste Weg zurück zu unserem Wagen sein.“

Sie rannten durch den Wald, den Weg an den Feldern entlang, überquerten den Fluß und hasteten zu der bewaldeten Kluft gegenüber dem Schrein.

Eine Gruppe Erjinen stürmte aus dem Wald. Sie sahen die drei Männer und machten sich an ihre Verfolgung. Jemasze feuerte seine Pistole leer. Einer der Erjinen wurde von der Dexax-Ladung getroffen und brach tot zusammen. Die anderen warfen sich flach auf den Boden und legten ihre langen Windläuferbüchsen an. Es gelang Jemasze, Kurgech und Elvo, hinter den Bäumen in der Kluft Deckung zu finden, ehe die ersten Kugeln durch die Luft pfiffen.

Jemasze stieß ein neues Magazin in seine Waffe, zielte sorgfältig und traf einen zweiten Erjin, aber da stürzte noch etwa ein Dutzend aus dem Wald. Entsetzt schrie Elvo: „Lauf! So lauft doch! Es ist unsere einzige Chance.“

Jemasze und Kurgech achteten gar nicht auf ihn. Elvo blickte sich verzweifelt um und hoffte auf ein Wunder. Die Sonne stand nun ein wenig schräg. Ihr rosiges Licht erfüllte das ganze Tal, und der siebenstufige Schrein leuchtete in unirdischer Schönheit. Selbst in seiner großen Angst fragte Elvo sich, wer ihn wohl geschaffen haben mochte. Erjinen zweifellos. Aber wie lange lag das wohl schon zurück? Und unter welchen Umständen hatten sie ihn erbaut?

Jemasze und Kurgech feuerten pausenlos auf die Erjinen, die sich nun in den Wald zurückzogen. „Sie werden die Wand hochklettern und von oben auf uns herunterschießen“, befürchtete Jemasze. „Wir müssen vor ihnen oben sein!“

Keuchend und mit heftig pochenden Herzen kletterten sie die Klamm hoch. Allmählich ließen sie die Bäume hinter sich, und der Himmel zeichnete sich über ihnen ab. Der Rand des Tafellands war schon ganz nahe. Unter ihnen knallten Schüsse, die schon ziemlich knapp einschlugen. Als Elvo hastig über die Schulter zurückblickte, sah er die Erjinen ihnen mühelos folgen.

Sie schnappten kurz nach Luft, als sie den Kamm erreicht hatten. Elvo ließ sich keuchend niederfallen, doch Jemasze packte ihn an der Schulter. „Sie kommen schon. Wir müssen weg!“

Elvo taumelte auf die Füße und sah ein Dutzend Erjinen am Rand des Plateaus, etwa fünfhundert Meter nördlich. Jemasze blickte sich einen Moment um. Geradeaus im Osten, hinter mehreren Hügeln und Klüften, wartete der Landewer. Würden sie jedoch versuchen, in diese Richtung zu fliehen, kämen sie in Schußweite der Erjinenwaffen, und es wäre schnell aus mit ihnen. Hundert Meter südlich erhob sich eine zerklüftete Pyramide aus bröckligem Gneis: eine natürliche Redoute, die ihnen zumindest zeitweiligen Schutz bieten mochte. Die drei Männer kletterten das lose Geröll nach oben, wo ein fast flaches Plateau von etwa sechzehn Meter im Durchmesser vor ihnen lag. Jemasze und Kurgech warfen sich sofort auf den Boden und krochen zum Rand, um auf die Erjinen auf der Hochebene unterhalb zu schießen. Elvo duckte sich und holte seine Waffe hervor. Er zielte, aber er brachte es einfach nicht fertig, abzudrücken. Welche Seite war denn im Recht? Sie waren als Eindringlinge hierhergekommen, durften sie denn jene erschießen, die nur ihr eigenes Recht verteidigten?

Jemasze bemerkte Elvos Unentschlossenheit. „Was ist denn mit Ihrer Pistole?“

„Mit der Waffe? Nichts. Aber es ist doch alles zwecklos. Wir sitzen hier oben in der Falle. Was bedeutet da schon ein toter Erjin mehr oder weniger?“

„Wenn uns dreißig Erjinen angreifen, und wir dreißig töten, können wir ungestört unseres Weges ziehen“, erklärte ihm Jemasze barsch. „Töten wir nur fünfundzwanzig, dann sitzen wir, wie Sie so schön sagen, in der Falle.“

„Es ist doch unmöglich, alle dreißig zu erwischen“, murmelte Elvo.

„Ich hoffe aber, daß es uns gelingt.“

„Und wenn es mehr als dreißig sind?“

„Ich bin nicht an Hypothesen interessiert“, schrie Jemasze, „nur daran, zu überleben.“ Noch während er sprach, zielte und feuerte er mit solcher Wirkung, daß die Erjinen sich zurückzogen.

Kurgech blickte südwärts. „Wir sind umzingelt.“

Elvo setzte sich auf eine Felsleiste. Die Sonne, die nun am westlichen Himmel stand, warf ihre Schatten über das kleine kahle Plateau. Kein Wasser, dachte Elvo. In drei oder vier Tagen würden sie tot sein. Er stützte müde die Ellbogen auf die Knie und ließ den Kopf hängen. Jemasze und Kurgech murmelten eine Weile miteinander, dann setzte Kurgech sich so, daß er den östlichen Horizont überschauen konnte. Elvo blickte ihn erstaunt an. Gerade die Ostseite der natürlichen Pyramide war vor einem Angriff am geschütztesten… Er atmete tief und versuchte, sich besser zu beherrschen. Der Tod war ihm sicher, aber er würde ihm mit so viel Würde wie nur möglich entgegensehen. Er erhob sich und spazierte über das Plateau. Jemasze drehte den Kopf, sein Gesicht verzog sich grimmig. „Nieder!“ brüllte er. „Narr!“ fügte er ein wenig leiser hinzu.

Eine Kugel pfiff durch die Luft. Ein heftiger, unsagbar schmerzhafter Schlag warf Elvo zurück. Er stürzte rückwärts auf den Boden und blieb in den Himmel starrend liegen.

Kapitel 11

Auf Morgenwacht verging ein Tag wie der andere. Schaine und Kelse studierten immer wieder die manchmal rätselhaften Notizen, die Uther Madduc hinterlassen hatte, und beschäftigten sich mit einem neuen System für die Verwaltung der Domäne.

Jeden Morgen besprachen die beiden sich beim Frühstück. Manchmal verlief die Besprechung harmonisch, doch des öfteren gerieten die beiden sich in die Haare. Schaine mußte leider feststellen, daß sie Kelse trotz ihrer natürlichen Zuneigung hin und wieder gar nicht mochte. Kelse war mürrisch, starr in seinen Ansichten und humorlos geworden, und das verstand sie nicht. Gewiß, er hatte durch den Verlust seines Armes und Beines viel mitgemacht, und es behinderte ihn in mancher Beziehung auch jetzt noch, aber trotzdem! An seiner Stelle würde sie sich davon nicht so beeinflussen lassen und ständig darüber grübeln. Da kam ihr ein anderer Gedanke. Vielleicht liebte Kelse eine Frau, die ihn wegen seiner Verkrüppelung abgewiesen hatte?

Dieser Gedanke faszinierte sie ungemein. Wer könnte es sein?

Das gesellschaftliche Leben zwischen den Domänen war recht lebhaft. Es gab vergnügte Hauspartys, Bälle, Fiestas und Karoos, die allerdings blasse Imitationen der Uldra-Karnevals der Lust waren. Kelse hatte erwähnt, daß er selten an solchen Festlichkeiten teilnahm. Als deshalb eine Einladung von der Ellora-Domäne zu einem ganztägigen Picknick in dem herrlichen Ellora-Garten kam, nahm Schaine sowohl für sich selbst als auch für Kelse an.

Das Picknick war ein wundervolles Vergnügen. Zweihundert Gäste streiften durch den fünfzig Morgen großen Park, den die Familie Lilliet schon seit zweihundert Jahren unterhielt und den jede Generation der Lilliets noch auf diese oder die andere Weise verschönt hatte. Schaine amüsierte sich großartig, ließ jedoch Kelse nicht aus den Augen. Wie sie erwartet hatte, machte er gar keinen Versuch, sich unter die jungen Leute zu mischen – obwohl er doch nur zwei Jahre älter als sie war -, sondern unterhielt sich ausschließlich mit den anwesenden Landbaronen.

Schaine frischte viele alte Bekanntschaften auf und erfuhr, wie sie ebenfalls erwartet hatte, daß die jungen Mädchen Kelse für scheu und abweisend hielten.

Sie setzte sich neben ihn und sagte: „Ich habe gerade ein paar tolle Komplimente für dich eingeheimst. Ich sollte es vielleicht nicht erwähnen, sonst wirst du noch eingebildet.“

„Kaum zu befürchten“, grummelte Kelse, und Schaine nahm es als Aufforderung, weiterzusprechen.

„Ich habe mich mit Zia Forres unterhalten. Sie hält dich für ungemein attraktiv, aber sie hat Angst mit dir zu reden, weil sie befürchtet, du würdest recht barsch und unfreundlich zu ihr sein.“

„Sehr furchterregend kann ich doch wirklich nicht sein, und eingebildet bin ich ganz sicher nicht. Wenn sie wirklich Lust hat, kann sie sich jederzeit mit mir unterhalten.“

„Du scheinst nicht sehr beeindruckt von dem Kompliment.“

Kelse schenkte Schaine ein schwaches Lächeln. „Es überrascht mich.“

„Nun, dann schau zumindest freudig überrascht aus, und nicht, als hätte dir jemand einen Stein auf den Fuß fallen lassen.“

„Auf welchen Fuß?“

„Meinetwegen auf deinen Kopf.“

„Weißt du, um ganz ehrlich zu sein, meine Gedanken sind im Augenblick ganz woanders. Es gibt Neuigkeiten von Olanje. Die Redemptoristen haben die Mull zu einem Dekret überredet – gegen unsere Interessen, natürlich.“

Schaine begann den Mut zu verlieren. Wenn diese Probleme sich nur lösen würden – oder wenn man sie wenigstens heute vergessen könnte! Resigniert fragte sie: „Welche Art von Dekret?“

„Die Landbarone sollen die Auflage bekommen, sich mit einem Rat der Stammesoberhäupter zusammenzusetzen. Wir müssen jeglichem rechtlichen Anspruch auf das Domänengebiet entsagen. Das Besitzrecht geht auf jene Stämme über, die im Domänengebiet leben. Wir dürfen die Häuser behalten und zehn Morgen Grund ringsum. Und falls es dem Rat des oder der Stämme gefällt, dürfen wir einen Pachtvertrag abschließen, für nicht länger als zehn Jahre für ein größeres Gebiet, aber nicht mehr als tausend Morgen pro Domäne.“

Schaine sagte leichthin: „Es könnte schlimmer sein. Sie hätten schließlich auch noch unsere Häuser beschlagnahmen können!“

„Sie haben bis jetzt überhaupt nichts beschlagnahmt. Ein Dekret ist nichts weiter als Worte. Wir halten das Land und werden es weiter behalten.“

„Das ist aber unrealistisch, Kelse.“

„Mir scheint es durchaus realistisch. Wir haben unsere politische Formation für unabhängig von der Mull erklärt. Sie kann nicht mehr über uns bestimmen.“

„Versuche wenigstens realistisch zu sein. Szintarre hat eine Millionenbevölkerung. Die politische Formation, von der du sprichst, umfaßt ein paar tausend Bürger. Die Mull hat viel mehr Macht. Wir müssen uns fügen.“

„Du darfst Macht nicht mit der Bevölkerungszahl gleichsetzen, schon gar nicht mit der städtischen. Aber unmittelbare Schwierigkeiten gibt es ohnehin nicht, zumindest nicht von unserer Seite. Wir werden keine Redemptoristen umbringen, außer sie kommen hierher, um uns zu töten. Doch ich hoffe, das werden sie sich überlegen.“

Schaine drehte sich abrupt um. Sie war furchtbar wütend auf Kelse und in der Stimmung, irgend etwas Unüberlegtes zu tun. Aber sie beherrschte sich und suchte alte Freunde, um sich mit ihnen zu unterhalten. Doch der Tag hatte jeden Reiz für sie verloren.

Als Kelse und Schaine nach Morgenwacht zurückkamen, stellten sie erstaunt fest, daß sechs Ao-Älteste auf dem Rasen vor dem Haus saßen. „Was ist passiert?“ murmelte Kelse.

„Sie haben sicher auch die Neuigkeit von Olanje gehört und sind gekommen, um deine Unterschrift für einen Pachtvertrag zu holen.“

„Sehr unwahrscheinlich.“ Trotzdem zögerte Kelse, als er auf sie zuschritt. „Vorsichtshalber gehst du lieber ins Haus“, wandte er sich vorher noch an sie. So stand Schaine jetzt in der großen Vorhalle und beobachtete Kelse, der sich den Aos näherte.

Er kam schneller ins Haus zu ihr, als er zu ihnen gegangen war. Schaine rannte ihm entgegen. „Was ist passiert?“

„Ich muß sofort mit dem Standard in den Norden. Zargech hat eine Botschaft von Kurgech erhalten, eine Gedankenbotschaft natürlich, die im großen und ganzen nur besagt, daß Kurgech, Gerd und Glissam sich in Schwierigkeiten befinden.“

Schaines Herz klopfte im Hals. „Wissen sie denn nichts Näheres? Wie oder weshalb, oder wo?“

„Ich bin mir nicht sicher, was sie wissen. Sie wollen, daß ich sie zu den Volwoden bringe.“

„Und was ist mit Gerd und Elvo?“

„Davon sagten sie nichts.“

„Ich komme mit dir.“

„Nein, die Gefahr ist zu groß. Ich bleibe über Funk mit dir in Verbindung.“

*     *     *

Gegen Mitternacht kam der Luftwagen mit Kurgech, Gerd Jemasze und dem bewußtlosen Elvo Glissam auf einer improvisierten Bahre zurück. Kelse hatte ihn sofort mit einem Allzweckheilmittel aus dem Standard behandelt und ihm auch noch schmerzstillende Tabletten eingeflößt. Gerd und Kurgech trugen die Bahre in die Krankenstation, wo Cosmo Brasbane, der Domänenmediziner, Elvos Kleidung entfernte und ihn ärztlich versorgte.

Kurgech machte sich daran, das Haus zu verlassen. Gerd rief ihn zurück. „Wohin gehst du denn?“

„Das ist das Morgenwacht-Haus“, erwiderte Kurgech ernst. „Die Traditionen deines Volkes sind sehr strikt.“

„Du und ich, wir haben soviel miteinander durchgemacht“, sagte Gerd. „Ohne dich wären wir alle tot. Was für mich gilt, gilt auch für dich!“

Schaine, die Gerd Jemasze erstaunt ansah, verspürte plötzlich ein alles überschwemmendes Gefühl der Wärme in sich. Sie wollte gleichzeitig lachen und weinen. Natürlich! Natürlich! Jetzt wußte sie es! Sie liebte Gerd Jemasze! Ihre dummen Vorurteile und Verständnislosigkeit hatten verhindert, daß sie sich dessen eher bewußt wurde. Gerd Jemasze war ein Mann der Alouanen! Sie war Schaine Madduc von Morgenwacht! Elvo Glissam? Nein!

Kelse sagte brüsk, und möglicherweise spürte nur Schaine das unmerkliche Zögern: „Gerd hat völlig recht. In einer solchen Situation sind Förmlichkeiten nicht angebracht.“

Kurgech schüttelte lächelnd den Kopf und machte einen Schritt rückwärts. „Die Expedition ist vorbei, die Umstände sind wieder wie zuvor. Unser Leben unterscheidet sich von eurem, und so soll es auch sein.“

Schaine rannte auf ihn zu. „Kurgech, sei doch nicht so formell und ablehnend. Ich möchte gern, daß du bleibst. Du bist bestimmt ebenfalls hungrig, und es gibt gleich etwas zu essen.“

Kurgech schritt zur Tür. „Habt Dank, Lady Schaine, aber ihr seid Ausker, ich bin ein Uldra. Heute abend werde ich mich unter meinen eigenen Leuten wohler fühlen.“ Er verließ das Haus.

*     *     *

Am Morgen stieg Elvo Glissam mit bandagierter Schulter und dem linken Arm in der Schlinge zum Frühstückstisch hinunter. Die anderen unterhielten sich bereits angeregt. Jeder fühlte sich insgeheim ein wenig bedrückt, bemühte sich jedoch, künstlich eine fast euphorische Stimmung aufkommen zu lassen, so daß man alle möglichen Themen anschnitt und Meinungen von sich gab, die man unter normalen Umständen nicht zur Sprache gebracht hätte.

Mit schwacher, aber verwundert klingender Stimme, wie jemand, der einen Alptraum beschreibt, erzählte Elvo Glissam aus seiner Sicht von den vergangenen zwei Wochen. Und so erfuhren Schaine und Kelse ein wenig ausführlicher als aus Gerd Jemaszes knappem Bericht, was die drei erlebt hatten.

„Aber wo bleibt der ‚großartige Witz‘? Bis jetzt habe ich von euch noch nichts gehört, was auch nur entfernt spaßig gewesen wäre.“

„Vater hatte einen eigenwilligen Humor, wenn man bei ihm überhaupt von Humor sprechen konnte“, sagte Kelse.

„Doch, er muß ganz sicher Humor gehabt haben“, erklärte Elvo Glissam überzeugt. „Nach allem, was ich über ihn gehört habe, war er ein bemerkenswerter Mann.“

„Also gut“, forderte Schaine ihn heraus. „Wo ist dann dieser großartige Witz?“

„Er ist zu subtil für mich,“ gestand Elvo.

Schaine glaubte aus dem Augenwinkel ein verstohlenes Lächeln auf Gerd Jemaszes Zügen zu erkennen. „Gerd! Du kennst ihn!“

„Es ist nur eine Vermutung.“

„Bitte, sprich schon.“

„Laß mich erst darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Witz oder eine Tragödie ist.“

„Erzähl! Laß uns entscheiden!“

Gerd Jemasze öffnete die Lippen, aber er zögerte zu lange. Elvo, der fast berauscht vor Freude über die entspannte Situation war, sprach zuerst. „Witz oder nicht Witz, der Schrein ist eine beachtliche Entdeckung. Morgenwacht wird bald so berühmt sein wie Gomaz und Sadhara. Von Olanje wird es in Kürze extra Flüge mit Führung geben.“

„Wir könnten dort ein Hotel bauen und ein Vermögen machen“, meinte Schaine.

„Was wollen wir mit einem Vermögen?“ knurrte Kelse. Wir haben soviel Geld, wie wir benötigen.“

„Wenn man uns Morgenwacht behalten läßt!“

„Wer sollte es uns wegnehmen? Sag nur nicht, die Mull.“

„Die Mull!“

„Nein!“

„Ich bin für das Vermögen“, erklärte Schaine. „Wir brauchen einen neuen Salonwagen. Vergiß nicht, der Sturdevant ist ein Wrack. Wir sollten einen neuen kaufen.“

Kelse schüttelte tadelnd den Kopf. „Und wie gedenkst du zu bezahlen? Weißt du überhaupt wieviel ein guter Salonwagen kostet?“

„Was ist schon Geld? Wir machen unsere eigenen Führungen zu diesem wundervollen Denkmal. Und vergiß nicht: das Hotel!“

„Gehört das Tal eigentlich zur Palga oder dem Retentum, oder wozu sonst?“ fragte Elvo.

„Ich habe auch schon darüber nachgedacht“, gestand Gerd Jemasze. „Die Schlucht verläuft westlich und südlich aus den Volwoden. Das ist Ao-Land und gehört zur Morgenwacht-Domäne.“

„Dann dürfte es keine Probleme geben“, freute sich Elvo. „Ihnen gehört ein großartiges historisches Monument, und Sie haben jedes Recht, dort ein Hotel zu bauen.“

„Nicht so schnell“, unterbrach ihn Kelse. „Die Mull und die Redemptoristen behaupten, uns gehöre nicht mehr als das Hemd auf dem Rücken.“

„Ja, ich pflichte Ihnen bei, daß die Sache gesetzlich geregelt werden muß“, sagte Elvo. „Doch obgleich ich ein Redemptorist bin, wünsche ich meinen Freunden hier auf Morgenwacht nur das Beste.“

„Merkwürdig, daß die Aos nichts von dem Schrein wissen“, sagte Gerd Jemasze. „Ich habe die Karte genau studiert, es ist wirklich Ao-Land.“

„Es ist auch unmittelbar am Retentum“, warf Kelse ein. „Möglicherweise wissen die Garganchen darüber Bescheid.“

„Ah!“ rief Schaine. „Jetzt ist mir alles klar. Jorjol hat von dem Monument erfahren. Er will dort ein Hotel bauen, und deshalb ist er darauf aus, uns aus Morgenwacht zu verjagen.“

„Ich traue Jorjol alles zu“, sagte Kelse.

„Du tust dem armen Tortilla unrecht“, tadelte ihn Schaine. „Er ist im Grund genommen geradeheraus und offen. Ich verstehe ihn absolut.“

„Dann bist du aber die einzige.“ Kelse schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich kann Schaine auch nicht beipflichten“, erklärte Elvo. „Jorjol ist eine äußerst komplexe Persönlichkeit. Er hat keine Wahl. Betrachten wir ihn einmal vom Gesichtspunkt des Psychologen. Er ist gleichzeitig Ausker und Uldra. Seine Gedankengänge leiten sich gleichermaßen von beiden ab. Mit jeder Idee kommt ihm auch ein Widerspruch. Es ist ohnehin erstaunlich, daß er trotzdem so fähig ist.“

„So verwunderlich ist das gar nicht“, warf Kelse ein. „Ob Ausker oder Uldra, wie man es auch drehen mag, an erster Stelle ist Jorjol ein Egoist. Er wechselt seine Rollen, wie es ihm gerade in den Kram paßt. Im Augenblick ist er ein hundertprozentiger Garganche: der von seiner Mission überzeugte Graue Prinz. Es könnte sehr leicht sein, daß er der Pilot des Himmelshais war, der Vater abgeschossen hat, und den Apex natürlich auch.“

Schaine blickte ihn abfällig an. „Welch absoluter Unsinn! Du solltest Jorjol wirklich besser kennen. Er ist stolz und ritterlich! Nie würde er einen gemeinen Anschlag verüben!“

Kelse war nicht überzeugt. „Nach dem Moralbegriff der Garganchen ist gerade ein gemeiner Anschlag das Zeichen von Mut, Stolz und Ritterlichkeit.“

„Du bist Jorjol gegenüber einfach nicht fair!“ brauste Schaine auf. „Sein ‚Mut, Stolz und seine Ritterlichkeit‘, oder wie immer man es nennen mag, haben dir schließlich das Leben gerettet. Zumindest mußt du ihm Mut zugestehen.“

„Gut, das tue ich auch. Trotzdem halte ich nicht viel von seiner Loyalität.“

„Loyalität für wen? Ich hatte nie Grund, mich zu beschweren.“

„Natürlich nicht, du warst ja auch verliebt in ihn.“

Schaine seufzte tief. „Ich würde es eher verschossen nennen.“

„Nun, jedenfalls scheint es, als wäre Vaters Handlungsweise gerechtfertigt.“

Schaine nahm sich mit Mühe zusammen, um jetzt keinen ernsthaften Streit mit Kelse anzufangen. Sie erwiderte ruhig, und wie sie hoffte, vernünftig: „Vater meinte es gut. Er gab Tortilla sehr viel, in einem sorgfältig berechneten Maß. Aber verständlicherweise sah Tortilla mehr die Beschränkung als die Großzügigkeit. Kann man ihm das verdenken? Versetz dich doch in seine Lage: er war halb ein Angehöriger der Familie, halb ein dahergelaufener oder vielmehr aufgeklaubter Blauer, der seine Mahlzeiten in der Küche einnehmen mußte. Er durfte zwar den Kuchen bewundern und vielleicht sogar den Teig probieren, aber nie bekam er ein Stück davon ab, bildlich gesprochen, natürlich.“

Elvo glaubte einen geistreichen Witz zu machen, als er sagte: „Und Sie waren der Kuchen? Nun, ich hoffe nicht.“

Schaine hob die Brauen und blickte kühl zur Seite. Die Bemerkung erschien ihr geschmacklos, umso mehr, da sie Jorjol nach Kelses Rettung mehr als eine Kostprobe erlaubt hatte. Als ihr Vater dahinterkam, wäre er fast explodiert. Jedenfalls sorgte er dafür, daß Jorjol sofort in eine Richtung und sie, Schaine, zweiunddreißig Lichtjahre in eine andere abgeschoben wurde.

„Es liegt schon so lange zurück“, sagte sie mit ruhiger Stimme. Sie erhob sich. „Das Gespräch wird langweilig.“

Kapitel 12

Gerd Jemasze flog mit seinem jüngeren Bruder Adare, zwei Vettern und einem Neffen mit dem Standard zur Palga hoch und hinüber, wo die Sarai am Fuß der Volwoden endete. Der Landewer stand noch, wie sie ihn verlassen hatten. Gerd und Adare Jemasze und ihr Neffe segelten mit dem Wagen nach Osten, während die Vettern mit dem Standard über ihnen flogen. Bei gutem Wind benötigte der Ewer nur einen Tag zum Depot Nr. 2. Gerd Jemasze bezahlte die Leihgebühr für den Landewer und untersuchte den Dacy-Flugwagen, den Moffamides‘ Fiap tatsächlich geschützt hatte. Ein neuer Priester hielt Amt, ein magerer junger Mann mit brennenden Augen und schmalen, zitternden Lippen, der keinen Blick von ihnen ließ, ihnen aber auch kein Wort gönnte. Jemasze fragte sich, ob Moffamides wohl inzwischen hoch auf einem Baum des Alubans thronte, aber er fragte den jungen Priester, der sie auf einer Seite des Hofes beobachtete, vorsichtshalber nicht.

Gerd Jemasze war kaum nach Suaniset zurückgekehrt, als er von Morgenwacht Nachricht über einen ungewöhnlichen Einfall aus dem Retentum erhielt. Die Räuber zählten etwa vierhundert ausgesuchte Krieger der Hungen, Garganchen, Aulk und Zeffir. Der Umstand, daß sich Feinde aus Tradition hier zusammengeschlossen hatten, war schon erstaunlich genug. Ein paar Ao-Späher wurden in ein Scharmützel mit der Vorhut verwickelt, zogen sich jedoch vor der Hauptmacht zurück, die zum Dorsee vorstieß, wo sie drei Ao-Kachemben entdeckten und entweihten.

Kelse rief sofort Hilfe herbei, und der Orden von Uaia sah sich zum Kampf gezwungen, ehe er noch voll etabliert war. Eine ziemlich gemischte und improvisierte Streitmacht aus Gebrauchs-, Passagiersalon- und kleineren Luftwagen aller Art, insgesamt sechzig, mit einer Besatzung von je zwei bis acht Bewaffneten, sammelte sich auf Morgenwacht-Gebiet und flog zum Dorsee, wo sie feststellten, daß die Uldra-Invasoren sich bereits über die Steinwüste westlich des Sees zurückzogen. Die Luftwaffe der Domänen griff sie mit Kanonen und Energieprojektoren an. Sofort zerstreuten die Uldras sich in alle Richtungen. Auf ihren flinken Reittieren boten sie ein schlechtes Ziel, so daß die Strafexpedition hier nur wenig ausrichtete. Etwa zwanzig Himmelshaie stießen plötzlich aus den Wolken heraus und schossen in Sekundenschnelle ein Dutzend der Domänen-Flugwagen ab. Noch ehe Vergeltungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten, verschwanden die Himmelshaie schon im Westen. In finsterster Stimmung kümmerten die Landbarone sich um die Abgestürzten und kehrten in ihre Domänen zurück. Ihr Gegenangriff hatte sich nicht gerade als wirkungsvoll herausgestellt. Die Taktik der Uldras war überlegter als ihre gewesen.

Einige der Landbarone fanden sich in Morgenwacht zusammen und diskutierten über den unerfreulichen Verlauf der Ereignisse. Sie waren voll Selbstüberschätzung aufgebrochen und hatten dafür bezahlen müssen.

Dm. Ervan Collode, ein stattlicher Mann von hochtrabendem Auftreten, den Schaine nie gemocht hatte, gehörte zu denen, deren Luftwagen von den Himmelshaien abgeschossen worden waren. Er war mit ein paar Blutergüssen und Prellungen davongekommen, aber er war nun von brennendem Rachedurst erfüllt. „Wir werden nie Frieden haben“, erklärte er, „ehe wir den Retentum-Stämmen nicht eine unvergeßliche Lehre erteilen. Wir müssen ihnen einen solchen Respekt einflößen, daß sie nie wieder auf den Gedanken kommen, uns anzugreifen.“

Dm. Joris sagte trocken: „Ich fürchte, uns fehlt die Fähigkeit, ihnen solche Angst einzujagen. Tausende von Jahren haben sie einander niedergemetzelt, und sie haben nie genug davon bekommen.“

„Ja, aber sie gingen nie weit genug“, erklärte Dm. Collode. „Sie haben nie eine Entscheidung herbeigeführt. Wenn wir ihre Herden vernichten, ihr Wasser vergiften, zwingen wir sie dazu, aufzugeben.“

„Ich glaube nicht, daß eine solche Taktik bei ihnen etwas erreichen würde“, bezweifelte Dm. Joris. „Sie leben von ihren Ländern, ohne sich weiter anstrengen zu müssen, und kämen auch so zurecht. Wir würden uns die ganze Mühe umsonst machen.“

„Es gibt einen wichtigen ersten Schritt, den wir keinesfalls versäumen sollten“, sagte Jemasze. „Die Retentum-Stämme unterstehen theoretisch der Mull. Wir müssen verlangen, daß die einschreitet.“

Dm. Collode zischte durch die Zähne. „Wie soll uns denn das nutzen? Die Mull wird von den Redemptoristen geführt. Haben Sie denn ihr Dekret vergessen?“

Auch Kelse war gegen Gerd Jemaszes Vorschlag. „Wir können uns schließlich nicht als unabhängig erklären und im gleichen Atemzug um Hilfe ersuchen.“

„Ich dachte nicht an ein Ansuchen um Hilfe“, korrigierte Jemasze, „sondern an eine formelle Note von einer souveränen Macht zur anderen. Ich würde sie davon benachrichtigen, daß die Retentum-Uldras nicht nur uns belästigen, sondern auch die Stämme, die in unserem Schutz stehen; daß wir beabsichtigen, entscheidende Schritte zu unternehmen, die möglicherweise die Übernahme und dauernde Machtergreifung über das Retentum einschließen, falls sie ihrerseits nichts unternimmt, ihre Schützlinge in ihre Schranken zu weisen. Wenn die Mull sich nicht um unsere Note kümmert, können wir immer noch eingreifen, und sie kann dann nicht behaupten, wir hätten sie nicht gewarnt. Sollten wir schließlich dazu gezwungen werden, die Garganchen zu unterwerfen, haben wir dazu eine legale Grundlage.“

„Was nutzt Legalität gegenüber Garganchen?“ knurrte Dm. Collode. „Für einen Uldra ist nur Macht das Recht.“

Schaine konnte ein sarkastisches Kichern nicht unterlassen. „Um vielleicht zu vermeiden, daß ihr euch selbst zu Narren macht, schlage ich vor, ihr steigt von eurem hohen Roß der Scheinheiligkeit. Zweihundert Jahre haben die Landbarone ihr Recht der Macht ausgeübt. Jetzt, da das Blatt sich gewendet hat, braucht ihr euch über diesen Grundsatz wirklich nicht aufzuregen!“

„Scheinheiligkeit steht nicht zur Debatte“, erwiderte Jemasze. „Bei jeder Auseinandersetzung zieht die schwächere Seite den kürzeren. Und da die Kräfte etwa gleich verteilt sind, ist wohl zu verstehen, daß wir vorziehen, als Sieger hervorzugehen.“

„Man sollte sich auch seine Verbündeten ansehen“, mahnte Schaine und warf einen nicht gerade freundlichen Blick auf Dm. Collode.

Dm. Joris sagte schnell: „Zweifellos hat Gerd Jemasze recht. Um uns ins Recht zu setzen, müssen wir als erstes die Mull verständigen.“

„Wir sollten es sofort tun“, schlug Dm. Thanet von Balabar vor. „Wir sind zwar nicht gerade ein gewählter Ausschuß, aber zweifellos können wir in diesem Fall als gesetzlich berechtigte Angehörige des Ordens von Uaia handeln.“

Die kleine Gruppe zog sich in das Arbeitszimmer zurück. Kelse stellte eine Verbindung mit dem Holrudehaus in Olanje her. Das Gesicht eines Sekretärs erschien auf dem Bildschirm. Kelse stellte sich vor: „Ich bin Dm. Kelse Madduc. Ich vertrete den provisorischen Exekutivausschuß des Ordens von Uaia. Ich habe eine wichtige Botschaft für den Vorsitzenden der Mull.“

„Der Vorsitzende der Mull, Dm. Madduc, ist in dieser Amtsperiode Dm. Erris Sammatzen. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß er sich zur Zeit im Haus aufhält. Ich verbinde Sie.“

Das Gesicht des Sekretärs verschwamm und Erris Sammatzens nahm seinen Platz ein. „Kelse Madduc? Wir haben uns doch in der Villa Mirasol kennengelernt.“

„Simmt. Der Zweck meines Anrufs ist jedoch bedauerlicherweise nicht gesellschaftlicher Natur. Ich spreche für den provisorischen Exekutivausschuß des Ordens von Uaia. Ich möchte Sie darüber informieren, daß eine große Gruppe der Uldras aus dem Retentum, das Ihrer Verwaltungshoheit untersteht, gestern in unser Gebiet, genau gesagt in die Morgenwacht-Domäne, eingefallen ist und dort Schandtaten wie Mord, Plünderung und Vandalismus verübt hat. Wir trieben die Invasoren in das Retentum zurück und wenden uns nun an Sie, um weitere Ausschreitungen dieser Art zu verhindern.“

Erris Sammatzen überlegte einen Augenblick. „Überschreitungen wie diese, falls sie tatsächlich begangen wurden, sind eine ernste Angelegenheit und dürfen selbstverständlich nicht geduldet werden.“

„Was heißt das, ‚falls sie tatsächlich begangen wurden‘?“ schrie Kelse aufgebracht. „Ich habe Sie doch gerade davon informiert!“

„Bitte, Dm. Madduc“, sagte Erris Sammatzen, „betrachten Sie es nicht als Beleidigung. Als Privatperson glaube ich Ihnen natürlich aufs Wort. Als Vorsitzender der Mull muß ich jedoch verständlicherweise der Sache genauer auf den Grund gehen.“

„Ich verstehe Ihre Unterscheidung nicht“, sagte Kelse. „Der Orden von Uaia informiert Sie durch mich, daß dieser Einfall stattgefunden hat, und ersucht Sie, dafür zu sorgen, daß es zu keinen weiteren Ausschreitungen kommt, da wir sonst gezwungen wären, die Sache in unsere eigenen Hände zu nehmen.“

„Ich muß zuerst etwas richtigstellen“, erklärte Erris Sammatzen. „Darf ich Sie daran erinnern, daß die Mull die Volksvertretung aller Bürger Koryphons ist und deshalb auch im Interesse aller handeln muß. Die Landbarone der Alouanen sind eine Minorität, selbst in den sogenannten Domänen. Sie können sich nicht einfach als autonom erklären und eine eigene Volksvertretung aufstellen. Ich erinnere Sie auch an das kürzlich erlassene Dekret der Mull, die sogenannten Domänen Koryphons betreffend, zu dem Sie sich noch nicht geäußert haben.“

Dm. Joris, der bemerkte, daß Kelse wütend aufbrausen wollte, schob ihn zur Seite. „Die von Ihnen erstellten Punkte werden noch besprochen. Wir hoffen zu einer allseits zufriedenstellenden Einigung zu kommen. Ihre Bemerkungen gehen jedoch nicht auf die Erklärung ein, die Dm. Kelse Madduc Ihnen soeben übermittelte.“

„Ich kann nicht darauf eingehen“, erwiderte Erris Sammatzen, „da die Mull die Voraussetzungen, auf die sie sich begründet, nicht anerkennt. Außerdem haben wir eine Nachricht erhalten, die Ihren Behauptungen widerspricht. Ich befehle Ihnen deshalb, sich weiterer feindlicher Handlungen gegenüber den Retentum-Stämmen zu enthalten.“

Kelse schluckte vor Überraschung und Grimm. „Wollen Sie damit sagen, daß mein Bericht erlogen ist?“

„Ich erkläre nur, daß der Mull gegensätzliche Informationen zugingen.“

Wieder übernahm Dm. Joris das Wort. „In diesem Fall bitten wir sie, nach Morgenwacht zu kommen und Ihre eigenen Untersuchungen anzustellen. Wenn Sie sich dann überzeugt haben, daß wir die Tatsachen wahrheitsgetreu berichteten, können Sie die nötigen Schritte gegenüber den Retentum-Stämmen einleiten.“

Erris Sammatzen überlegte etwa dreißig Sekunden lang. Dann erklärte er sich einverstanden. „Ich nehme Ihren Vorschlag an und werde mit noch einigen Mitgliedern der Mull nach Morgenwacht kommen. Inzwischen ersuche ich Sie, weitere Angriffe oder Vergeltungsmaßnahmen zu unterlassen. Die gleiche Auflage erhält auch die Gegenseite.“

Dm. Joris lächelte mit schmalen Lippen. „Wir sind erfreut, uns mit der Mull zu treffen und gegenseitig annehmbare Vereinbarungen auszuarbeiten. Von uns aus gesehen, je schneller, desto besser. Inzwischen – auch wenn wir Ihr Recht, uns Befehle oder Ratschläge zu erteilen, nicht anerkennen können – werden wir von Gewaltmaßnahmen gegen die Stämme des Retentums absehen, außer selbstverständlich in der Verteidigung unseres souveränen Territoriums.“

„Wann dürfen wir Sie auf Morgenwacht erwarten?“ erkundigte sich Kelse.

„Übermorgen würde am besten passen.“

Kapitel 13

Außer Gerd Jemasze waren die Landbarone alle auf ihre eigenen Domänen zurückgekehrt, und die Nacht hatte sich über die Alouanen herabgesenkt. Schaine setzte sich auf den Rasen vor dem Haus hinaus, der einen herrlichen Ausblick auf die sternenbeschienene Landschaft bot. Die Klumpen in ihrem Hals und Magen begannen sich aufzulösen, und ihre widerstreitenden Gefühle machten einem inneren Frieden Platz.

Sie liebte Morgenwacht. Das war die elementare Tatsache, nichts war so wirklich wie das. Morgenwacht mit seiner Geschichte und Tradition hatte ein eigenes Leben. Morgenwacht war wie ein großartiges Geschöpf, das überleben wollte und ein Recht auf ein eigenes Leben hatte. Wenn sie in Morgenwacht bleiben wollte, mußte sie es beschützen. Hatte sie jedoch das Gefühl, daß sie sich dadurch ins Unrecht setzte, mußte sie von hier fort und irgendwo anders hin – aber das war einfach unvorstellbar!

Sie dachte an Elvo Glissam und lächelte. Heute, nachdem die Landbarone mit ihrer Luftwaffe aufgebrochen waren, um die Uldras zu vertreiben, hatte Elvo sie gedrängt, mit ihm nach Olanje zu kommen und ihn dort zu heiraten. Schaine hatte ohne lange Überlegung abgelehnt. Elvo nahm ihr Nein ohne große Überraschung hin. Er äußerte nur seine Absicht, sobald wie möglich nach Olanje zurückzukehren. Auch gut, dachte Schaine, das Leben geht weiter.

Sie ging wieder ins Haus. Im Arbeitszimmer brannte noch Licht. Gerd Jemasze und Kelse hatten noch viel zu besprechen. Schaine stieg die Treppe hoch zu ihrem Schlafzimmer auf der Westveranda.

*     *     *

Schaine erwachte. Die Nacht war dunkel und still. Trotzdem hatte irgend etwas sie geweckt.

Da hörte sie ein leises Klopfen an der Tür.

Verschlafen stieg sie aus dem Bett, stolperte zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Eine hochgewachsene Gestalt, dunkler als die Schatten dort, erwartete sie auf der Veranda. Sie erkannte sie sofort, und ihre Schläfrigkeit schwand. Sie schaltete das Licht in ihrem Zimmer ein.

„Jorjol! Was in aller Welt machst du hier?“

„Ich bin gekommen, um dich zu besuchen.“

Schaine starrte verwirrt die dunkle Veranda hoch. „Wer hat dich eingelassen?“

„Niemand.“ Jorjol lachte leise. „Ich kletterte den Eckpfeiler hoch – wie früher.“

„Du bist verrückt, Jorjol! Was willst du denn?“

„Mußt du das fragen?“ Jorjol lehnte sich vor, als wolle er das Zimmer betreten, aber Schaine glitt hastig hinaus und stellte sich neben ihn auf die Veranda.

Die Nacht war von friedlicher Stille. Der Arabellawein rankte sich die Säulen hoch bis zum Dach und bildete ein dichtes Netz mit weißen Blüten, von denen ein angenehm süßer Duft aufstieg.

Jorjol rückte ein wenig näher. Schaine trat an die Brüstung und blickte hinaus, doch alles lag unter dem dunklen Mantel der Nacht, nur auf dem Wildenkrakenteich spiegelten sich ein paar Sterne. Jorjol legte seinen Arm um Schaine und beugte sich zu ihr hinab, um sie zu küssen. Schaine wandte den Kopf ab. „Laß das, Jorjol. Was willst du eigentlich hier? Es ist besser, du verschwindest wieder.“

„Komm, tu nicht so!“ flüsterte Jorjol. „Du liebst mich, und ich liebe dich. So war es unser ganzes Leben lang, und daran hat sich jetzt erst recht nichts geändert.“

„Stimmt nicht, Jorjol. Ich bin nicht das Mädchen, das ich vor fünf Jahren war. Und du bist auch nicht mehr derselbe Tortilla.“

„Du hast völlig recht. Ich bin nun ein Mann und eine bedeutende Persönlichkeit. Fünf Jahre lang verzehrte ich mich nach dir, und seit ich dich in Olanje wiedersah, konnte ich an nichts anderes mehr denken.“

Schaine lachte unsicher. „Sei vernünftig, Jorjol! Geh jetzt und komm morgen bei Tag wieder.“

„Ha! Das kann ich nicht. Ich bin doch jetzt der böse Feind, hast du das vergessen?“

„Dann sieh zu, daß sich das wieder ändert. Und benimm dich! Gute Nacht! Ich bin müde und will schlafen.“

„Nein!“ Jorjol hielt sie zurück und legte seine ganze Seele in seine Stimme. „Hör mich an, Schaine! Komm mit mir, mein Mädchen! Ich liebe dich! Du bist nicht einer dieser pompösen Tyrannen von Landbaronen! Du bist innerlich ganz anders. Also komm mit mir und sei frei! Wir werden so glücklich wie die Turteltauben miteinander leben, und es soll uns an nichts des Besten fehlen, das die Welt zu bieten hat! Du gehörst nicht hierher, das weißt du so gut wie ich!“

„Da täuschst du dich aber gewaltig, Jorjol. Das hier ist mein Zuhause, und ich liebe es über alles.“

„Nein, du liebst mich mehr! Komm, sag es mir, meine geliebte Schaine!“

„Ich liebe dich nicht, Jorjol, nicht ein bißchen. Ich liebe einen anderen.“

„Wen? Elvo Glissam?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Dann muß es Gerd Jemasze sein! Sag, ist er es?“

„Ist das nicht eine sehr indiskrete Frage, Tortilla?“

„Nenn mich nicht Tortilla!“ Jorjols Stimme klang schrill und durchdringend. „Und es ist nicht indiskret, weil ich dich für mich haben will. Du hast es nicht geleugnet. Dein neuer Liebhaber ist also Gerd Jemasze!“

„Er ist nicht mein Liebhaber, weder neu noch alt. Und bitte laß mich los.“ Jorjol hatte in seiner Erregung ihre Arme umklammert.

Heiser flüsterte er: „Bitte, mein Liebling, sag mir, daß es nicht stimmt. Sag, daß du mich liebst!“

„Es tut mir leid, Jorjol, es stimmt aber, und ich liebe dich nicht! So, und jetzt endgültig gute Nacht. Ich gehe ins Bett zurück.“

Jorjol lachte böse. „Glaubst du wirklich, daß ich so schnell aufgebe? Du solltest mich wirklich besser kennen! Ich bin gekommen, um dich zu holen, und ich werde dich auch mitnehmen. Bald wirst du wieder nur noch mich lieben. Ich warne dich, versuche nicht, dich zu wehren!“

Schaine wich erschrocken zurück, als Jorjols Finger ihre Arme wie stählerne Zangen umklammerten. Sie holte Luft, um zu schreien. Mit einer langfingrigen Hand packte Jorjol sie an der Kehle und schnürte sie zu, mit der anderen schlug er ihr unterhalb der Rippen in die Seite, daß sie vor Schmerz in die Knie sackte…

Das Verandalicht flammte auf. Schaine spürte, daß jemand sie zur Seite zog, sah verschwommene Bewegungen und hörte einen unterdrückten Schrei.

Schaine taumelte zur Wand und lehnte sich daran. Jorjol lag auf dem Boden, mit dem Kopf gegen die Brüstung. Ein Messer steckte in der Scheide an seinem Bein, aus seiner Schärpe ragte der Elfenbeingriff einer Pistole. Seine Hände zuckten, eine tastete nach der Pistole. Da trat Gerd Jemasze heran und schlug auf seinen Arm, daß die Waffe klirrend über den Boden rutschte. Schaine bückte sich und hob sie auf. Das Blut stieg ihr in den Kopf, und sie zitterte. Wieviel mochte Gerd Jemasze mitangehört haben?

Jetzt standen die drei fast reglos. Jorjol war bleich, aufgewühlt von Emotionen, Jemasze finster und nachdenklich, Schaine angespannt vor Aufregung. Jorjol wandte sich ihr zu, und sie glaubte, wieder Tortilla, den Jungen von früher, zu sehen.

„Schaine, geliebte Schaine – kommst du mit mir?“

„Nein, Jorjol, natürlich nicht! Es ist doch absurd, auch nur daran zu denken. Ich bin keine Uldra. Ich wäre im Retentum todunglücklich.“

Jorjol seufzte herzzerbrechend. „Du bist wie alle Ausker.“

„Das hoffe ich nicht. Ich bin wirklich nur ich selbst.“

Jorjol richtete sich steif auf. „Ich flehe dich an, beim Leben deines Bruders, das ich ihm rettete! Das ist eine Blutschuld, die man nicht verweigern darf!“

Gerd Jemasze stieß einen würgenden Laut aus, als wollten die Worte in seiner Kehle sich überschlagen. Schließlich sagte er nur: „Soll ich ihr die Wahrheit erzählen?“

Jorjol blinzelte und legte den Kopf schief. „Welche Wahrheit?“

„Du solltest dich besser bei Lady Schaine entschuldigen und ihr versichern, daß eine solche Verpflichtung nicht existiert, und dann deines Weges gehen.“

„Die Blutschuld existiert“, sagte Jorjol mit eisiger Stimme, „und ich verlange, daß sie sie bezahlt!“

„Diese Schuld besteht nicht, und es gab sie auch nie. Als der Erjin Kelse angriff, bist du auf den Felsen geklettert und hast zugeschaut, während die Bestie Kelse in Stücke riß. Erst als du sahst, daß Schaine angelaufen kam, hast du das Untier von oben erschossen und bist schnell hinuntergesprungen, um vorzutäuschen, daß du dich selbst in Gefahr gebracht hattest. Ja, du hast dich sogar mit Kelses Blut beschmiert, weil das wirkungsvoller war. Du hast nicht versucht, Kelse das Leben zu retten. Du hast im Gegenteil zugesehen, wie er verstümmelt wurde!“

„Du lügst!“ flüsterte Jorjol. „Du warst ja nicht dabei.“

Jemaszes Stimme hätte nicht kälter klingen können. „Kurgech war dort. Er hat alles mitangesehen!“

Jorjol stieß einen Verzweiflungsschrei aus. Er rannte zur Ecke der Veranda und schwang sich über die Brüstung.

Schaine starrte Gerd Jemasze an. Ihr Gesicht war eine Maske des Entsetzens. „Ist das wahr?“

„Es ist wahr.“

„Es kann nicht wahr sein“, murmelte Schaine, und ihre Gedanken wanderten die Jahre zurück. „Es ist zu furchtbar, um wahr zu sein.“ Es erschien ihr plötzlich so natürlich wie der Wind und das Glitzern der Sterne am Himmel, ihren Kopf an Gerd Jemaszes Brust zu bergen und zu schluchzen, während er tröstend die Arme um sie legte.

Kelse kam langsam auf die Veranda heraus. „Es ist wahr“, versicherte er ihr. „Ich habe gehört, was du zu ihm gesagt hast. Ich habe es fünf Jahre lang vermutet. Sein ganzes Leben hat er uns gehaßt. Eines Tages werde ich ihn töten!“

Kapitel 14

Ein schwarz-silberner Ellux-Salonwagen kam auf Morgenwacht an. Er brachte die Delegation der Mull: Erris Sammatzen und sechs weitere. Die Ausschußmitglieder des Ordens von Uaia, neun Landbarone, eilig durch telefonische Erklärung gegwählt, waren anwesend, sie zu begrüßen.

Dm. Joris hielt eine kurze und trockene Willkommensansprache, deren Zweck es hauptsächlich war, von vornherein einen formellen Ton für die Zusammenkunft festzulegen. Aus diesem Grund trugen die Landbarone auch dunkle, fast einheitliche Anzüge und mit ihren jeweiligen Wappen versehene Kappen. Im Gegensatz zu ihnen war die Delegation der Mull leger gekleidet. „Der Orden von Uaia heißt Sie auf Morgenwacht willkommen“, begann Dm. Joris. „Es ist unser größter Wunsch, daß diese Konferenz dazu führt, die Mißverständnisse, die zwischen unseren beiden Parteien stehen, aus dem Weg zu räumen. Wir hoffen, daß auch Sie realistisch und konstruktiv an die bevorstehenden Gespräche herangehen werden. Wir, für unseren Teil, beabsichtigen weiterhin in naher und freundlicher Verbindung mit Szintarre zu bleiben.“

Sammatzen lachte. „Dm. Joris, wir danken Ihnen für Ihr Willkommen. Wie Ihnen aber sicher klar ist, kann ich Ihre weiteren Bemerkungen weder akzeptieren noch darf ich sie ernst nehmen. Wir sind hierhergekommen, um uns mit den hiesigen Umständen vertraut zu machen, damit wir das Gebiet im besten Interesse der Majorität seiner Bewohner vertreten können, und, wie wir sehr hoffen, schließlich zur Zufriedenheit oder zumindest im Einverständnis aller.“

„Unsere Differenzen sind möglicherweise gar nicht so unvereinbar“, sagte Dm. Joris unbewegt. „Dürften wir Sie auf die Veranda bitten? Dm. Madduc hat eine kleine Erfrischung für uns bereitstellen lassen, und danach können wir, wenn es Ihnen recht ist, unser Gespräch in der Großen Halle fortsetzen.“

Eine halbe Stunde unterhielten sich die Gruppen auf der Westveranda recht angeregt über allerlei Unverfängliches, dann zogen sie sich in die Große Halle zurück. Die feierliche Kleidung des Uaia-Ausschusses fügte sich gut in die Vornehmheit des Raumes, seinem Grandeur und dem weichen Ton des alten Holzes. Kelse bat die Mull auf eine Seite des Tisches, den Ausschuß auf die andere.

Erris Sammatzen übernahm sofort den Vorsitz. „Ich will nicht vortäuschen, daß wir aus einem anderen als dem tatsächlich angegebenen Grund hier sind“, erklärte er. „Die Mull ist die alleinige Verwaltungskorporation Koryphons. Wir sind die direkte Vertretung der Bevölkerung von Szintarre und dienen als Forum für die Bewohner von Uaia. Die Uldras stehen unter unserem lockeren Protektorat. Die Domänen der Landbarone gehören zu unserem Verwaltungsbezirk, nach Protokoll sowohl formell als auch informell. Sie haben demnach das Recht auf Petition und Einspruch. Wie Sie wissen, hielten wir es für angebracht, eine Verordnung zu erlassen, deren Artikel Ihnen bekannt sind.“

Erris Sammatzen sprach nun langsam und betont. „Wir dürfen nicht, und sind auch nicht bereit, die Auflehnung von ein paar hundert eigensinnigen Männern und Frauen hinzunehmen, die Ansprüche von Aristokraten stellen, auf die sie kein Recht haben. Ein natürlicheres und gerechteres System ist schon lange überfällig, und ich möchte Sie daran erinnern, daß dem absoluten Bestimmungsrecht der Landbarone über riesige Domänen, die sie sich durch Gewalt und Zwang aneigneten, hiermit ein Ende gesetzt wird. Der Eigentumsanspruch auf das Land geht wieder an jene Stämme über, die ein traditionsbedingtes und legitimes Recht auf das Land haben. Wir beabsichtigen keine untragbare Härte für den einzelnen und werden dafür sorgen, daß die Übergabe ohne Zwischenfälle stattfindet.“

Mit völlig ruhiger Stimme antwortete Dm. Joris: „Wir erkennen Ihr Dekret nicht an. Es entstand zweifellos aus Altruismus, den wir Ihnen hoch anrechnen, aber es geht von verschiedenen rein doktrinären Voraussetzungen aus. Ich darf Sie darauf hinweisen, daß die Wahl der Selbstbestimmung das Recht einer jeden Gemeinschaft ist, das nicht von ihrer Größe abhängt, vorausgesetzt, es hält sich an die Charta des Gaeanischen Territoriums. Wir richten uns strikt nach ihren Grundsätzen und beanspruchen nun dieses Recht der freien Selbstbestimmung. Ich nehme an, Sie werden jetzt sagen, damit würden die Rechte der Domänen-Stämme geschmälert. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Die Faktoren, die dazu beitragen, ihnen ein – wie selbst es nennen – optimales Leben zu ermöglichen, waren nie günstiger. Unsere Dämme und unsere Hochwasserkontrollprojekte garantieren ihnen das ganze Jahr über Wasser für sich und ihre Herden. Wenn sie Geld benötigen, um Importware zu kaufen, können sie nach Belieben eine zeitweilige oder unbegrenzte Anstellung annehmen. Ihre Freiheit, sich auszubreiten, ist unbeschränkt. Nur ein paar Morgen Land unmittelbar um die Domänenhäuser sind für die alleinige Benutzung der Landbarone vorbehalten. Im Effekt gehört das Land demnach sowohl ihnen als auch uns, zur beiderseitigen Zufriedenheit und beiderseitigem Profit, wie ich betonen darf. Wir nutzen niemanden aus, wir machen nur dann Gebrauch von unseren Machtbefugnissen, wenn es zum Schutz der Domänen-Stämme selbst erforderlich ist. Wir bieten ihnen ärztliche Versorgung. Wir mischen uns nicht in ihre inneren Angelegenheiten, denn sie sind durchaus fähig, ihr eigenes Recht zu sprechen. Wir haben das Gefühl, daß Sie von der Mull zu dieser unüberlegten Verordnung durch die allzu übereifrige Gruppe getrieben wurden, die sich Redemptoristen nennen und die sich mit Abstraktionen statt mit Tatsachen befassen. Ich frage Sie, was erreichen Sie durch Ihr Dekret? Nichts! Was würden die Uldras gewinnen, was sie nicht bereits haben? Nichts! Im Gegenteil, sie würden viel verlieren, genau wie wir auch. Ihre Verordnung bringt uns allen nur Unannehmlichkeiten – vorausgesetzt natürlich, wir würden uns damit einverstanden erklären, was wir natürlich nicht tun.“

Adelys Lam, eine hagere, nervöse Frau mit knochigem Gesicht und unruhigen Augen, antwortete Dm. Joris. Sie sprach mit eindringlicher Stimme und betonte ihre Worte mit anklagendem Zeigefinger.

„Ich beabsichtige vom Gesetz und seiner grundlegenden Natur zu sprechen, Dm. Joris. Sie haben die Worte ‚doktrinär‘ und ‚Abstraktionen‘ im abfälligen Sinn verwendet. Ich muß Sie darauf hinweisen, daß jegliches Gesetz, alle ethischen Systeme, alle Moral auf Doktrinen und abstrakten Grundsätzen aufbauen, durch die wir einzelne Fälle beurteilen. Wenn wir eine pragmatische Einstellung annehmen, sind wir verloren – und mit uns die Zivilisation. Moral wird zur reinen Zweckdienlichkeit oder zur rohen Gewalt. Die Erlässe der Mull beruhen deshalb weniger auf den Erfordernissen des Augenblicks als auf fundamentalen Theoremen. Einer davon ist, daß der Besitzanspruch auf gestohlenes, angeeignetes oder beschlagnahmtes Eigentum nie rechtmäßig wird, gleichgültig, ob inzwischen zwei Minuten oder zweihundert Jahre vergangen sind. Reparationen, auch wenn sie sich noch so lange hinausgezögert haben, müssen gemacht werden. Sie blicken abfällig auf die Redemptoristen herab. Ich dagegen bin sehr erfreut, daß die Redemptoristen so idealistisch sind und sich auch genügend für diese, ihre Ideale einzusetzen wußten, daß es ihnen gelang, die manchmal etwas bedächtige Mull zu einer entscheidenden Handlung zu drängen.“

Gerd Jemasze erwiderte mit kalter Stimme: „Ihre Ideale wären vielleicht gewichtiger, handelte es sich bei Ihnen nicht um Pharisäer und Personen mit einer kleinlichen…“

„Pharisäer?“ fauchte Adelys Lam. „Dm. Jemasze, ich bin empört über Ihre Verwendung dieses Wortes in Bezug auf die Mull!“

„Ich hatte gehofft, unsere Besprechung würde sich ohne Erhitzung, Beleidigungen oder Drohungen führen lassen“, sagte Erris Sammatzen vorwurfsvoll. „Ich bedaure, daß Dm. Jemasze sich vergessen hat.“

„Soll er uns doch beschimpfen!“ rief Adelys Lam erbost. „Wir haben ein gutes Gewissen, und das ist zweifellos mehr, als man von ihm behaupten kann.“

Jemasze ließ sie ungerührt ausreden. „Meine Bemerkungen waren nicht als Beschimpfungen gedacht“, erklärte er. „Ich weise lediglich auf beweisbare Tatsachen hin. Sie erlassen Gesetze gegen imaginäre Verbrechen, während Sie in Szintarre und im Retentum ein wirkliches Verbrechen dulden, das im gesamten Gaeanischen Territorium verboten ist: die Sklaverei! Ich glaube nicht, mich zu täuschen, wenn ich annehme, daß zumindest einige unter Ihnen selbst Sklavenhalter sind.“

Sammatzen blickte ihn an. „Sie sprechen zweifellos von den Erjinen. Die Tatsachen in dieser Beziehung sind jedoch nicht eindeutig.“

„Die Erjinen sind keine intelligenten Geschöpfe“, erklärte Adelys Lam fest, „weder nach der Definition des Gesetzes noch überhaupt irgendwie. Sie sind kluge Tiere, nichts weiter.“

„Wir können das Gegenteil über jegliches Argument hinaus beweisen“, versicherte ihr Gerd Jemasze. „Ehe Sie uns abstrakter Vergehen wegen verurteilen, sollten Sie erst etwas gegen Ihre eigenen, sehr realistischen Verbrechen unternehmen.“

Erris Sammatzen sagte etwas unglücklich: „Sie bringen hier einen sehr zwingenden Punkt zur Sprache. Ich kann Ihnen nicht widersprechen. Allerdings bezweifle ich, daß Sie Ihre Anschuldigung tatsächlich über alle Zweifel beweisen können.“

Adelys Lam protestierte: „Ganz sicher will man uns nur von unserer eigentlichen Mission ablenken.“

„Unser Zeitplan ist durchaus flexibel“, erklärte Erris Sammatzen fest. „Ich bin gern bereit, diese andere Angelegenheit ebenfalls aufzuklären.“

Der ein wenig mürrisch wirkende Thaddios Tarr, ein weiterer Angehöriger der Mull, sagte: „Wenn wir ihr nicht nachgingen, würden wir unsere Glaubwürdigkeit als objektive Verwaltungskorporation in Gefahr bringen.“

Gerd Jemasze erhob sich. „Ich denke, es wird Sie sehr überraschen.“

„Was?“ fragte Erris Sammatzen vorsichtig.

„Uther Madduc nannte es einen ‚großartigen Witz‘. Aber ich bezweifle, daß Sie darüber lachen werden.“

Schaine, die an einer Seite der großen Halle mit Elvo Glissam saß, sagte zu ihm: „Ich begreife nicht, weshalb überhaupt jemand lachen sollte. Verstehen Sie diesen ‚großartigen Witz‘?“

Elvo schüttelte den Kopf. „Ich muß gestehen, ich komme da nicht mit.“

*     *     *

Die Mitglieder der Mull stiegen in ihren schwarz-silbernen Ellux-Salonwagen. Gerd Jemasze hatte sich erboten, ihn zu fliegen. Ihm folgte ein Begleitschutz von zehn schwerbewaffneten Luftwagen. Gerd Jemasze steuerte nordwestwärts über das malerischste Gebiet Morgenwachts: ein Land von atemberaubender Schönheit.

Der Steilhang, der die Grenze zur Palga bildete, war bereits in der Ferne zu erkennen. Die Volwoden hoben sich in den Himmel. Die Landschaft wurde nun öde und rissig. Am Grund eines weiten Tales schlängelte sich ein glitzernder Fluß dahin: der Mellorus. Jemasze änderte den Kurs. Er ging ins Tal hinab und flog nur etwa hundert Meter über dem Fluß entlang.

Die Wände der Schlucht, in der das breite Tal lag, wurden steiler und höher und verbargen einen Teil des Himmels. Ein paar Sekunden später überflogen sie bestellte Felder und bewässerte Obstgärten, die Jemasze sofort wiedererkannte. Er verringerte die Geschwindigkeit des Ellux, bis er nur noch zu schweben schien, dann wandte er sich an die Mitglieder der Mull. „Was ich Ihnen nun zeigen werde, haben bisher nur sehr wenige Menschen gesehen. Und die meisten davon waren Windläufer – denn wir befinden uns jetzt nahe ihres Lagers, in dem sie Erjinen züchten, ausbilden und für den Export vorbereiten. Meine Demonstration ist möglicherweise nicht ganz ungefährlich, aber ich bin überzeugt, wenn Sie gesehen haben, was ich Ihnen zeigen werde, pflichten Sie mir bei, daß es richtig war, Sie hierherzubringen. Auf jeden Fall werden die Waffen unserer Begleitboote uns ausreichend Schutz bieten, und die Hülle des Ellux dürfte stark genug sein, den Kugeln von Windläuferbüchsen Widerstand zu leisten.“

„Ich hoffe nur“, sagte Julias Metheyr, „daß Sie uns mehr zu zeigen haben als Erjinen im Parademarch, oder solche, die gerade lernen, ihre Hose anzuziehen.“

„Ich persönlich lege keinen Wert darauf, getötet oder auch nur verwundet zu werden, nur um Ihnen einen Gefallen zu erweisen“, sagte Adelys Lam böse.

Gerd Jemasze ging nicht darauf ein. Er landete den Ellux unmittelbar vor dem Schrein aus Rosenquarz und Gold. Als er die Türen und Rampen aktiviert hatte, stiegen die Mull-Leute hinunter auf den rosa Marmorboden.

„Was ist das?“ fragte Julias Metheyr ehrfürchtig staunend.

„Ein Tempel oder ein historisches Monument, das lange ehe die ersten Menschen nach Koryphon kamen, schon stand. Die Einzelheiten berichten die Chronik einer Erjinenzivilisation.“

„Zivilisation?“ wiederholte Adelys Lam entgeistert.

„Überzeugen Sie sich selbst. Es sind Erjinen abgebildet, die etwas benutzen, das nichts anderes als Raumschiffe sein können. Dann sehen Sie Erjinen, die gegen Morphoten kämpfen, die ihrerseits ebenfalls technisch hochentwickelte Waffen benutzen. Also hatten auch die Morphoten eine eigene Zivilisation. Weitere Reliefs zeigen Kämpfe zwischen den Erjinen und Menschen.“

Erris Sammatzen trat wortlos näher an den Tempel und studierte die siebenstufige Fassade, ehe er die Gänge betrat. Die anderen folgten ihm. Ihr Murmeln verriet Staunen und Bewunderung, als sie die sorgfältig ausgeführten Reliefs betrachteten. Eines nach dem anderen landeten nun auch die Begleitboote, und ihre Besatzung bewunderte ebenfalls das Monument.

Erris Sammatzen wandte sich an Gerd Jemasze. „Und das ist Uther Madducs ‚großartiger Witz‘?“

„Das nehme ich zumindest an.“

„Was ist so witzig daran?“

„Die unnachahmliche Fähigkeit der menschlichen Rasse, sich Täuschungen hinzugeben.“

„Das würde ich sicher nicht als Witz bezeichnen“, sagte Sammatzen eisig. „Und wenn, höchstens als schlechten.“ Er blickte Jemasze an. „Wo ist das Ausbildungslager?“

„Etwa einen dreiviertel Kilometer talaufwärts.“

„Gibt es einen triftigen Grund, weshalb wir uns nicht sofort dorthin begeben und Schluß mit dem Erjinenhandel machen sollten?“

Jemasze zuckte die Achseln. „Ich kann nicht für Ihre Sicherheit garantieren. Aber ich glaube, wir haben genügend Waffengewalt, um uns zu schützen, wenn es sich als notwendig herausstellt.“

„Was wissen Sie über dieses Lager?“

„Nicht mehr als Sie. Ich habe zum ersten Mal vor etwa einer Woche gesehen.“

Sammatzen rieb sich das Kinn. „Ich könnte mir vorstellen, daß die Retentum-Stämme nicht gerade erfreut sein werden, ihre Reittiere zu verlieren. Was meinen Sie dazu?“

Jemasze grinste. „Sie können sich Kriptiden von den Domänen kaufen.“

Erris Sammatzen besprach sich mit den anderen Angehörigen der Mull. Sie argumentierten etwa zehn Minuten, dann kehrte Sammatzen zu Jemasze zurück. „Wir wollen uns das Ausbildungslager ansehen, wenn es nicht gerade mit Lebensgefahr verbunden ist.“

„Wir werden sehen.“

*     *     *

Der Hof und die langgestreckten Gebäude waren, wie Gerd Jemasze sich erinnerte, vielleicht sogar noch ein wenig verschlafener. Zwei Windläufer hockten nebeneinander an einer der Wände. Als sie den niedergehenden Flugwagen entdeckten, standen sie auf und blickten unsicher zu ihm hoch, als könnten sie nicht entscheiden, ob sie abwarten oder die Beine in die Hand nehmen sollten.

Jemasze landete den Ellux unmittelbar vor dem größten der steinernen Gebäude. Er öffnete die Tür, ließ die Rampe ausfahren und stieg sie hinunter, dicht gefolgt von Sammatzen, und etwas vorsichtiger von den anderen Mull-Leuten.

Jemasze winkte den beiden Windläufern zu, die sich ihnen zögernd näherten. „Wer ist der Direktor dieser Anlage hier?“ fragte er sie.

Die Windläufer starrten ihn verständnislos an. „Direktor?“

„Die Person, die hier die Verantwortung trägt.“

Die Windläufer murmelten miteinander, dann erkundigte sich der eine: „Meinen Sie vielleicht den Alten Erjin? Wenn ja, dort steht er.“

Aus dem Inneren des Gebäudes tauchte wie ein Fisch aus dunklem Wasser ein ungewöhnlich großer Erjin auf. Er war völlig kahl, ohne Halskrause oder Gesichtsschopf, und seine Haut schimmerte in einem fahlen Weiß wie der Bauch einer Schlange. Noch nie hatte Gerd Jemasze einen Erjin von dieser Statur und majestätischen Haltung gesehen. Der Erjin blickte zur Seite. Einer der Windläufer zuckte wie unter einem elektrischen Schlag zusammen. Dann kam er herbei und stellte sich neben den Erjin, um dessen telepathische Mitteilungen in Worte zu übertragen. „Was wollt ihr hier?“ fragte der Erjin.

„Wir sind die Mull, das oberste Verwaltungsorgan von Koryphon“, erklärte Sammatzen.

„Von Szintarre“, warf Jemasze ein.

Sammatzen fuhr fort: „Die Versklavung von intelligenten Lebewesen ist ungesetzlich, nicht allein auf Szintarre, sondern im gesamten Gaeanischen Territorium. Wir haben festgestellt, daß die Erjinen als Reittiere für die Uldra-Stämme und als Dienstboten und Arbeiter für Ausker auf Szintarre versklavt werden.“

„Sie sind keine Sklaven“, behauptete der Alte Erjin durch den Windläufer.

„Nach unseren Begriffen sind sie Sklaven. Und wir sind hierhergekommen, um dieser Ausbeutung ein Ende zu machen. Es dürfen keine weiteren Erjinen an die Uldras und die Gaeaner auf Szintarre verkauft werden, und die bereits versklavten werden freigesetzt.“

„Sie sind keine Sklaven“, erklärte der Alte Erjin erneut.

„Wenn sie keine Sklaven sind, was sind sie dann?“

Der Windläufer übersetzte: „Ich wußte, daß ihr kommt. Ihr und eure Flotte von Himmelsschiffen werdet beobachtet, seit ihr im Tal des Monuments gelandet seid. Ihr werdet erwartet.“

„Darum ist hier wohl so wenig Betrieb“, sagte Sammatzen trocken.

„Der Betrieb, wie du es nennst, ist anderswo. Wir verkauften keine Sklaven. Wir haben Krieger ausgebildet und ausgeschickt. Diese Welt gehört uns, und wir übernehmen nun die Herrschaft darüber.“

Die Männer starrten den Alten Erjin mit offenem Mund an.

Durch den Windläufer fuhr er fort: „Das Zeichen wurde bereits gegeben. In diesem gleichen Augenblick vernichten die Erjinen die Uldras, die sich ihre Herren glaubten. Und jene, die ihr für eure Dienstboten hieltet, haben inzwischen die Macht über die Stadt Olanje und ganz Szintarre ergriffen.“

Sammatzen blickte Joris und Jemasze mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Besorgnis an. „Kann das stimmen?“

„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Jemasze. „Rufen Sie doch Olanje über Funk und vergewissern Sie sich.“

Sammatzen ging schleppenden Schrittes zum Salonwagen. Jemasze beobachtete den Alten Erjin nachdenklich, ehe er fragte: „Beabsichtigen Sie Gewaltanwendung gegen uns hier?“

„Nicht, außer ihr beginnt damit, denn ich bin mir durchaus bewußt, daß ihr im Augenblick die besseren Waffen habt. Also brecht wieder auf, wie ihr gekommen seid.“

Jemasze und Joris zogen sich in den Ellux zurück. Sammatzen, der noch am Funkgerät saß, drehte sich zu ihnen um. Sein Gesicht war bleich, dicke Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. „Die Erjinen haben die Stadt tatsächlich schon so gut wie in der Hand. Es muß schrecklich dort zugehen!“

Jemasze setzte sich auf den Pilotensitz. „Wir verschwinden, ehe der Alte Erjin es sich anders überlegt.“

„Können wir ihn denn nicht überreden, seine Krieger zurückzurufen?“ rief Adelys Lam schrill. „Sie morden und brandschatzen! Blut fließt in Strömen! Lassen Sie mich hinaus! Ich will den Alten Erjin anflehen, Frieden zu machen.“

Jemasze schloß die Tür. „Flehen und bitten wird bei ihm nichts nutzen. Wenn er bei klarem Verstand wäre, hätte er den Angriff überhaupt nicht gestartet. Wir ziehen uns zurück, ehe er auch uns umbringt.“

Kapitel 15

Der Erjinenaufstand erzielte die erstaunlichsten Erfolge in Olanje, wo weniger als tausend Erjinen die Stadt übernahmen und die Bevölkerung in Furcht und Schrecken versetzten. Die Bürger waren vor Angst wie gelähmt, und die Erjinen konnten sie ohne Gegenwehr niedermetzeln. Manche allerdings flohen und versteckten sich in den Dschungeln; einige schafften es, sich in ihre Landhäuser in den Karnelienbergen zurückzuziehen; ein paar erreichten noch ihre Jachten oder die ihrer Freunde; andere flogen mit ihren Luftwagen zu den Persimmoninseln oder nach Uaia. Nur der minimalste Widerstand wurde geleistet. Später, als Historiker und Soziologen sich mit diesem Aufstand befaßten und die Frage stellten: „Weshalb habt ihr nicht gekämpft und euch und euer Heim verteidigt?“ erhielten sie von fast allen dieselbe Antwort: „Wir waren nicht organisiert; wir hatten keine Führung; wir wußten nicht, was wir tun sollten. Ich kann mit Waffen nicht umgehen; ich war immer friedliebend und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß ich einmal mein Leben verteidigen müßte.“

Die Landbarone der uaianischen Domänen stellten eilig eine Streitmacht von dreitausend Mann zusammen, zu der auch Uldra-Abteilungen der Stämme der Vertragsländer gehörten. Durch vorsichtige Vorstöße, Bombardements aus der Luft und Angriffe aus improvisierten Panzerwagen, wurden die Erjinen aus der einst so schönen Stadt vertrieben. Die Überlebenden flohen in armseligen Gruppen und auch einzeln durch das offene Gebiet. Weitere zwei Wochen wurden sie von Flugwagen und motorisierten Patrouillen verfolgt und vernichtet.1 Dann kehrte die improvisierte Streitmacht ohne Tamtam nach Uaia zurück, und die Szintarrer machten sich bedrückt an den Wiederaufbau.

[1 In den späteren Stadien dieser Periode, nachdem die Ausschußmitglieder der VEE (Vereinigung für die Emanzipierung der Erjinen) von ihren Verstecken nach Olanje zurückgekehrt waren, beklagten sie sich bitter über „diese Orgie unnötigen und sinnlosen Gemetzels“. Sie befürworteten, daß die Erjinen nicht getötet, sondern gefangengenommen würden, damit man sie umerziehen könne und sie ermutigt würden, sich in einem noch zu bestimmenden Gebiet Uaias zu einer friedlichen Gemeinschaft zusammenzuschließen. Im emotionellen Klima der Säuberungsaktionen und des Wiederaufbaus bekam die VEE-Doktrin wenig Unterstützung.]

Die Uldras des Retentums litten nicht weniger an dem Erjinenaufstand als die Ausker von Szintarre. Sofort nach Erhalt des telepathischen Signals rebellierten auch die bisherigen Reittiere. Sie kümmerten sich nicht um die elektrischen Trensen und Kandaren, sondern warfen ihre Reiter ab und zerrissen sie. Jene in den Gehegen schalteten die elektrischen Anlagen ab, die sie in den Koppeln halten sollten, brachen die Zäune nieder oder kletterten darüber. Nachdem die Uldras sich vom ersten Schock erholt hatten, leisteten sie jedoch mit einer Erbitterung Widerstand, die der der Erjinen in nichts nachstand, und verteidigten sich erfolgreich. Die abgelegeneren und primitiveren Stämme wie die Cuttacks und Nasenredner hatten die größten Verluste zu verzeichnen, während die Garganchen, die Blauen Ritter, die Hungen und die Noal glimpflich davonkamen.

Zwei Wochen später rief der Graue Prinz die Garganchen, Hungen, Langlippen und verschiedene andere Stämme zu einem großen Karoo zusammen und bezeichnete den Erjinenaufstand als ein Komplott der Domänen-Ausker. Dann stieß er den blutrünstigen Haßschrei aus, mit dem die Uldra-Krieger ihren Feinden Rache schwören. Berauscht von Wut und Xheng2 stimmten die Stämme in seinen Haßschrei ein, und am folgenden Tag brach die Uldra-Horde auf, um die Alouanen von den Auskern zu säubern.

[2 Xheng: Unübersetzbar. Eine finstere, eigentümliche Emotion, die sich noch am ehesten mit „Grauenlust“ übertragen ließe – ein allgemeines Verlangen, Grausamkeiten und qualvolle Mißhandlungen auszuüben, ein leidenschaftliches Bedürfnis für sadistische Ausschweifungen.]

Kurgech informierte Kelse von dem unmittelbar bevorstehenden Einfall. Kelse benachrichtigte sofort den noch nicht aufgelösten Kriegsrat Uaias. Zum zweiten Mal wurde die Luftwaffe mobilisiert. Sie flog zu den Manganklippen, einer gewaltigen Felswand aus glänzendem schwarzen Schiefer, die zu der Ebene der Marschierenden Gebeine hinunterblickte, auf der ein Trupp von hundert Aos auf ihren Kriptiden die Vorhut der xhengbesessenen Krieger der Retentum-Stämme in Schach hielt. Als die Luftflotte heranbrauste, stürzten Himmelshaie aus den Wolken auf sie herab. Aber diesmal hatte man sie erwartet und konnte sie durch Radargeschütze vernichten. Trotz ihres Fanatismus ergriffen die Retentum-Uldras vereinzelt die Flucht über die Ebene der Marschierenden Gebeine und suchten schließlich Deckung in einem Jinkowald am Hang der Goldenberge.

Auch Kelse nahm am Luftkampf im Morgenwacht-Gebrauchsflugwagen teil, der zu einem Kreuzer umgebaut worden war. Seine Besatzung von zwölf Mann bestand außer ihm aus sieben seiner Vettern und vier Aos von der Ranch. Doch schon in den ersten Minuten bekam der Luftwagen einen Treffer ab. Eine Garganchenkugel schlug durch ein inneres Schott und drang Ernsthalt Madduc in die Schulter. Da die Luftschlacht ohnehin schon so gut wie entschieden war, setzte Kelse sich mit dem Flottenkommandeurin Verbindung und erhielt die Erlaubnis, mit dem Verwundeten nach Morgenwacht zurückzukehren.

Als Kelse nordwärts flog, fiel ihm dichter Rauch am Horizont auf, der ihn sofort in Alarm versetzte. Er rief Morgenwacht, doch die Verbindung war unterbrochen. Seine Befürchtung wuchs. Mit Höchstgeschwindigkeit brauste er auf Morgenwacht zu, das bald vor ihm auftauchte.

Rauch stieg aus einem Weizenfeld am Wildenkrakenteich. Auch das kleine Holzschulhaus, in dem jene Ao-Kinder, deren Eltern es wünschten, Unterricht bekamen, stand in Flammen. Das Herrenhaus selbst schien unbeschädigt, aber als Kelse durchs Fernglas blickte, sah er einen himmelblauen Hermes auf dem Rasen vorm Haus.

Kelse landete daneben. Elf Männer sprangen aus dem Kreuzer und stürmten mit den Waffen im Anschlag ins Haus. In der Großen Halle saßen fünf Uldra-Führer beim besten Wein, den die Keller Morgenwachts zu bieten hatten. Jorjol hatte den Platz des Hausherrn eingenommen und die Beine auf den Tisch gelegt. Kelses Erscheinen überraschte ihn so sehr, daß er wie erstarrt sitzen blieb und nur den Mund aufriß. Kelse rannte durch die Halle und versetzte ihm einen solchen Schlag, daß er auf den Boden fiel. Die vier anderen Uldras stießen wilde Flüche aus und sprangen auf die Füße. Doch als sie die auf sie angelegten Waffen sahen, blieben sie wie gelähmt stehen.

„Wo ist Schaine?“ fragte Kelse.

Jorjol stand ein wenig schwankend auf und bemühte sich sichtlich, aber vergebens, um eine würdevolle Haltung. Er deutete mit dem Daumen auf das Arbeitszimmer. Seine Zunge war schwer vom Wein. „Sie hat es vorgezogen, sich dort einzusperren. Aber sie wäre schon herausgekommen, wenn wir das Haus erst angezündet hätten.“ Er taumelte einen Schritt auf Kelse zu. „Wie ich dich hasse!“ zischte er. „Wenn Haß aus Stein wäre, könnte ich damit einen Turm bis in den Himmel bauen. Ich habe dich immer gehaßt. Die Freude, dich ich empfand, als der Erjin dich in Stücke zu reißen begann, war wie Regen auf glühenden Wüstensand, und es machte mich so glücklich wie die Aufmerksamkeit, die ich deiner Schwester widmete. Mein Leben war nicht gut, außer zu diesen beiden Gelegenheiten. Und jetzt werde ich eine dritte hinzufügen, denn nun töte ich dich. Wenn ich sonst nichts anderes mehr tun kann, werde ich zumindest das Leben aus deinem widerlichen Auskerkörper reißen.“

Eine lange Klinge, die durch eine Feder aus seinem Ärmel gesprungen war, funkelte in seiner Hand. Er sprang. Kelse wich dem Stich aus und packte Jorjols Handgelenk mit seiner Rechten, während seine stählerne Linke sich um des Grauen Prinzen Kehle legte. Mit seinem Stahlarm hob er ihn hoch, taumelte zur Tür und schleuderte ihn hinaus auf den Kiesweg. Dann folgte er ihm, und als Jorjol auf die Füße torkelte, packte er ihn erneut und schüttelte ihn wie eine Stoffpuppe. Jorjols Augen quollen aus den Höhlen, die Zunge hing ihm aus den blau anlaufenden Lippen.

Ein Schrei gellte in Kelses Ohren. „Nicht, Kelse, nicht!“ Es war Schaines Stimme. „Tu’s nicht, Kelse!“

Kelses Griff erschlaffte. Jorjol sank röchelnd auf den Boden.

Jorjol und seine Genossen wurden in einen Schweinestall gesperrt, den zwei Aos bewachten. Doch während der Nacht gruben sie ein Loch unter der Hinterwand, erwürgten die Wachen und entkamen.

Kapitel 16

Frieden herrschte auf Koryphon, aber es war ein aufgewühlter Frieden voll schwelenden Hasses und Intoleranz. In Olanje war der durch die Erjinen-Rebellion entstandene Schaden behoben; die Stadt schien so fröhlich und unbeschwert wie zuvor. Valtrina Darabesq öffnete die Villa Mirasol für drei Gesellschaften unmittelbar hintereinander, um zu demonstrieren, daß der Erjinen-Aufstand ihr nicht den Mut geraubt hatte. Jenseits des Persimmonmeers saßen die Retentum-Stämme finster in ihren Lagern, brüteten über die ihnen angetane Ungerechtigkeit und planten Mord und Totschlag, Invasion und Raub, doch ohne besonderen Eifer. Auf der Palga stierten die Windläufer auf die leeren Sklavenkoppeln und -käfige und machten sich Gedanken, wmoti sie jetzt ihre Räder, Kugellager und Metallteile für ihre Segelwagen kaufen könnten. Inzwischen hatten unter den Volwoden, in der Schlucht des Mellorus, Gruppen von Gelehrten bereits damit begonnen, den Schrein aus Rosenquarz und Gold zu erforschen. Der Alte Erjin und seine Genossen waren in noch abgelegenere Gebiete als die Volwoden untergetaucht. Jorjol, der Graue Prinz, hatte sich von seinen Mißerfolgen nicht unterkriegen lassen. Sein Fanatismus kannte keine Grenzen. Statt sich durch die Zeit abzukühlen, wurde er immer glühender.

Einen Monat nach der Vertreibung der Erjinen aus Olanje hielt die Mull eine öffentliche Sitzung im Holrudehaus ab. Kelse, der sich die Direktübertragung nicht entgehen ließ, hörte plötzlich eine bekannte Stimme und sah die prunkvolle Gestalt des Grauen Prinzen am Rednerpult für das Publikum. Kelse holte schnell Schaine und Gerd Jemasze. „Hört euch das an!“ forderte er sie auf.

„…ich betrachte diese Einstellung als defätistisch, vage und gewissenlos“, erklärte Jorjol gerade. „Bestimmte Umstände haben sich geändert – aber nicht die, die hier zur Debatte stehen! Und zwar in keinster Weise! Wandeln sich ethische Grundsätze denn über Nacht? Wird gut schlecht? Wird eine weise Entscheidung einfach zur Seite geschoben und vergessen, nur weil einige, nicht zusammenhängende Ereignisse stattgefunden haben? Ganz gewiß nicht! In ihrer Weisheit hat die Mull ein Dekret erlassen, welches das Besitzrecht der Landbarone auf unrechtmäßig erworbene Ländereien aufhebt. Die Landbarone haben sich gegen diese Verordnung widersetzt. Ich spreche im Namen der Bürger Koryphons, wenn ich verlange, daß diesem Dekret Nachdruck verliehen wird. Was haben Sie dazu zu sagen?“

Erris Sammatzen, der Vorsitzende der Mull, erwiderte: „Ihre Äußerungen klingen, ohne die Hintergründe in Betracht zu ziehen, vernünftig. Die Mull hat tatsächlich ein Dekret erlassen, das von den Landbaronen ignoriert wurde. Und wie Sie sagen, die dazwischengekommenen Vorfälle haben keinen Bezug darauf.“

„In diesem Fall“, verlangte Jorjol, „muß die Mull die Durchführung des Dekrets erzwingen!“

„Darin liegt der Haken“, erklärte Sammatzen. „Gerade ein Dekret wie dieses beweist, wie unsinnig es ist, Verordnungen zu erlassen, wenn wir nicht in der Lage sind, sie durchzusetzen.“

„Wir wollen die Sache in aller Ruhe besprechen“, sagte Jorjol. „Das Dekret ist wohlbegründet, dessen sind wir uns alle einig. Also gut! Wenn Sie die Durchführung dieser Verordnung nicht erzwingen können, steht außer Frage, daß ein Exekutivorgan benötigt wird, denn ohne diese ausführende Gewalt kann die Rolle der Mull auf Koryphon lediglich beratender Natur sein.“

Sammatzen zuckte zweifelnd die Achseln. „Was Sie sagen, entbehrt nicht der Wahrheit, doch ich bin nicht der Ansicht, daß im Augenblick die richtige Zeit für so große Veränderungen ist.“

„Die Aufstellung einer Polizeitruppe dürfte sich als durchaus nicht so schwierig erweisen, wie Sie zu denken scheinen. Ich erkläre mich hiermit bereit, mich darum zu kümmern und sie für Sie aufzustellen! Mein ganzer persönlicher Einsatz soll der Unterstützung der Mull dienen, soll ihr helfen, ihre Macht nicht nur nominell auszuüben. Geben Sie mir Vollmacht! Stellen Sie mir die Gelder zur Verfügung! Ich werde dafür sorgen, daß man die Gesetze der Mull nicht länger mißachtet!“

Sammatzen runzelte die Stirn und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Das wäre zweifellos eine sehr bedeutende Entscheidung, und sie erscheint mir auf den ersten Blick zu übereifrig.“

„Möglicherweise, weil Sie sich damit abgefunden haben, daß die Mull schwach und zahnlos ist.“

„Nein, nicht deshalb. Aber…“ Sammatzen zögerte.

„Nun, beabsichtigen Sie, oder beabsichtigen Sie nicht, sich für die Durchführung Ihrer Verordnungen einzusetzen?“ fragte Jorjol. „Und zwar bei reich genauso wie bei arm?“

„Wir beabsichtigen Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz für alle“, erwiderte Sammatzen ruhig. „Ehe wir jedoch entscheiden, durch welche Mittel wir diese Ideale erreichen können, müssen wir uns erst darüber einig sein, welche Art von verfassunggebendem Organ wir sind; welche Rechte das Volk, das uns gewählt hat, uns zugesteht, und ob es überhaupt in seinem und in unserem Interesse ist, unsere Befugnisse zu erweitern.“

„Ich pflichte Ihnen in jeder Beziehung bei!“ rief Jorjol. „Die Mull muß sich endlich mit der Wirklichkeit vertraut machen und sich ein für alle Mal ihrer Verantwortung bewußt werden.“

„Das dürfte sich heute abend kaum mehr ermöglichen lassen“, sagte Sammatzen trocken. „Wir haben unsere Zeit ohnehin schon überzogen und werden die Sitzung auf morgen vertagen.“

Kelse, Schaine und Gerd Jemasze beobachteten auf dem Bildschirm, wie die Mull sich zurückzog. Schaine sagte in halb amüsiertem, halb entsetztem Ton: „Zusätzlich zu seinen anderen Talenten stellt Tortilla sich nun auch noch als Demagoge heraus.“

„Tortilla ist gefährlich“, sagte Kelse ernst.

„Ich glaube, es würde mir Spaß machen, morgen ebenfalls an der Sitzung der Mull teilzunehmen“, sagte Gerd Jemasze.

„Mir ebenfalls“, versicherte ihm Kelse. „Ich halte es für an der Zeit, der Mull Vaters Witz zu erklären.“

„Ich komme mit“, erklärte Schaine. „Ich werde mir doch diesen Spaß nicht entgehen lassen.“

*     *    *

Die Mull tagte zur angegebenen Zeit in einem Saal, der die Neugierigen kaum faßte, die alle gekommen waren, weil sie Sensationen oder zumindest aufregende Streitgespräche erwarteten. Erris Sammatzen eröffnete die Sitzung mit dem üblichen Zeremoniell und kurzen einleitenden Worten.

Jorjol, der Graue Prinz, trat sofort vor. Er verbeugte sich vor der Mull. „Meine ehrenwerten Damen und Herren. Um auf meine gestrigen Vorschläge zurückzukommen, gestatte ich mir, die Mull auf die Tatsache hinzuweisen, daß die Landbarone von Uaia immer noch ihre unrechtmäßigen Ansprüche auf die Gebiete geltend machen, die sie meinem Volk geraubt haben, und so gegen das Dekret verstoßen. Ich verlange, daß die Mull sich um die Durchführung ihrer Gesetze kümmert, wenn nötig mit Waffengewalt.“

„Es stimmt, daß dieses Dekret erlassen wurde“, sagte Erris Sammatzen, „und bis zu diesem Tag noch nicht in Kraft trat. Ich möchte…“ Er hielt inne, als er Gerd Jemasze und Kelse Madduc an der Schranke bemerkte, die die Mull von den Zuhörern trennte. „Ich sehe hier zwei Landbarone von Uaia“, fuhr er fort. „Vielleicht haben sie uns etwas in Bezug auf das Dekret zu sagen.“

„Das haben wir allerdings“, erklärte Gerd Jemasze. „Nämlich daß es absurd ist und Sie es besser zurückziehen.“

Sammatzen hob die Brauen, die anderen Mitglieder der Mull blickten mißbilligend auf Jemasze hinab. Jorjol stand steif und wachsam, den Kopf vorgebeugt.

„Wir sind ein objektiver, integerer Ausschuß. Wir versuchen unser Bestes zu tun, aber wir sind nicht unfehlbar und machen manchmal auch Fehler. Aber ist das Wort ‚absurd‘ nicht ein wenig zu kraß? Ich fürchte, Sie haben sich eines unpassenden Adjektivs bedient.“

Gerd Jemasze erwiderte genauso ruhig: „Im Hinblick auf die kürzlichen Ereignisse erscheint mir das Wort durchaus nicht als unpassend oder kraß.“

Sammatzens Stimme klang schwer. „Meinen Sie damit den Aufstand der Erjinen? Aber gerade durch sie haben wir unsere Lektion gelernt. Und der Graue Prinz, der hier vor uns steht, hat uns einen Vorschlag unterbreitet, wie sich unsere Schwäche beheben ließe.“

„Sie beabsichtigen also, eine Söldnertruppe aus Barbaren zu rekrutieren? Haben Sie sich das gut überlegt? Erinnern Sie sich bitte an den Ausgang Hunderttausender geschichtlicher Parallelen.“

Sammatzen wollte etwas darauf erwidern, doch dann biß er sich auf die Lippe. „Die Angelegenheit ist noch nicht entschieden“, erklärte er schließlich. „Wir haben jedoch ein Urteil gefällt, daß die Landbarone ihr Besitzrecht zu den Vertragsländern abgeben müssen. Argumente der Verjährung, die dieses Besitzrecht rechtsgültig gemacht haben könnten, werden nicht anerkannt.“

Jemasze grinste die Mull nun offen an. „Das ist demnach Ihr einstimmig gefaßter Beschluß?“

„Das ist er allerdings.“

„Dann müssen, nach genau diesen Schlußfolgerungen, die Uldra-Stämme des Retentums ihre Gebiete jenen Stämmen zurückgeben, denen sie es weggenommen haben. Diese Stämme ihrerseits sind verpflichtet, dieses Land jenen Stämmen zu überlassen, denen es vor ihnen gehört hat. Letztendlich – und hier ist der Witz, den Uther Madduc so erheiternd fand – muß alles Land den Erjinen zurückgegeben werden, denen die ersten Menschensiedler es ursprünglich wegnahmen. Tatsächlich haben wir ihre durchaus legitime und aus ihrer Sicht verständliche Bemühung, ihre Gebiete zurückzugewinnen, im Keim erstickt.“

Die Mullangehörigen starrten Jemasze sprachlos an. Es dauerte eine Weile, bis Sammatzen Worte fand: „Das ist eine Seite, die wir noch nicht in Betracht gezogen haben. Ich pflichte Ihnen bei, daß das unbedingt erforderlich ist.“

Jorjol trat näher an die Schranke. „Gut, tun Sie, wie er vorschlägt. Die Uldras werden Sie unterstützen! Geben Sie ganz Uaia den Erjinen zurück, überlassen Sie ihnen das Besitzrecht! Wir werden wie zuvor durch die Wildnis streifen. Aber Sie müssen die grotesken Häuser der Landbarone zerstören, ihre Zäune und Dämme und Kanäle! Rotten Sie jegliche Spur dieser Eiterherde aus, die durch die Ausker entstanden sind! Ja, geben Sie das Land an die Erjinen zurück!“

„Nicht so schnell“, warf Kelse ein. „Wir sind noch nicht zu Ende. Sie haben den zweiten Teil des Witzes meines Vaters noch nicht gehört.“ Er wandte sich direkt an Sammatzen. „Sie erinnern sich doch an den Erjinen-Schrein, oder das Monument – oder was immer es auch sein mag?“

„Selbstverständlich.“

„Das war das kürzliche Ereignis, auf das Dm. Jemasze vor ein paar Minuten anspielte – nicht der Aufstand der Erjinen, wie Sie annahmen. Vielleicht entsinnen Sie sich auch, daß die Erjinen in Fahrzeugen abgebildet sind, bei denen es sich zweifellos um Raumschiffef handelt? Sie wissen natürlich ebenfalls, daß keinerlei Fossilien früherer Erjinen auf Koryphon gefunden wurden. Die Folgerung dürfte doch nur allzu klar sein. Die Erjinen waren ebenfalls Invasoren. Sie kamen aus dem Raum und löschten die einheimische morphotische Zivilisation aus. Die Morphoten sind die einzigen Autochthonen Koryphons – was durch Fossilienfunde bestätigt wird. So hat also die Kette der Eroberer ein weiteres, bisher ungeahntes Glied. Die Erjinen haben nicht mehr Recht auf das Land als die Uldras.“

„Ja“, stimmte Erris Sammatzen zu, „damit haben Sie offenbar recht.“

Jorjol stieß ein wildes Gelächter aus. „Ah, nun übergeben Sie Uaia also den Morphoten! Vergessen Sie dann nur nicht, ihnen Szintarre ebenfalls zu überlassen, mit all den Villen in Olanje, den Luxushotels und allem Eigentum, das Sie als Ihres betrachten!“

Kelse nickte spöttisch. „Das ist der dritte Teil des jetzt schon mehrfach erwähnten Witzes meines Vaters. Sie von der Mull, und alle Redemptoristen, fanden es sehr einfach, über unser Land zu bestimmen, allein aufgrund Ihrer ethischen Doktrin. Beweisen Sie nun bitte Ihre Integrität, indem Sie Ihr Eigentum aus denselben Gründen aufgeben!“

Sammatzen sah ihn bedrückt, mit einem schwachen, verzerrten Lächeln an. „Heute? Jetzt sofort?“

„Wenn Sie wollen, oder überhaupt nicht, wenn Sie das Dekret bezüglich unserer Besitzrechte zurückziehen.“

Stimmen erklangen nun von überall unter den Zuhörern: protestierende, höhnische, applaudierende. Sammatzen gelang es schließlich, wieder Ordnung herzustellen. Die Mull besprach sich eine Weile flüsternd, kam jedoch ganz offensichtlich zu keiner Einigung. Sammatzen wandte sich wieder an Gerd Jemasze und Kelse. „Ich habe das dumpfe Gefühl, daß Sie mich mit Kasuistik verwirren wollen, aber ich kann den Finger nicht darauf legen.“

Adelys Lam rief erbittert: „Es ist mir nicht nur klargeworden, daß die Religion der Landbarone die nackte Gewalt ist, sondern daß sie dieses Glaubensbekenntnis auch noch mit einer Travestie ethischer Grundsätze bemänteln.“

„Durchaus nicht“, widersprach Gerd Jemasze. „Diese Travestie ist lediglich erforderlich, weil Ihre Abhängigkeit von Abstraktionen Ihnen die Wirklichkeit unverständlich gemacht hat. Diese Streitfragen ergeben sich nicht nur hier auf Koryphon, sondern im gesamten Gaeanischen Territorium. Außer in ein paar besonderen Fällen wurde das Besitzrecht zu jedem Stückchen Grund durch mehr oder weniger gewaltsame Übernahme gewonnen. Und es ist nur so rechtskräftig wie die nötige Kraft und der Wille, es sich zu erhalten. Das ist die Lehre, die Sie aus der Geschichte ziehen müssen, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht.“

„Die Klagelieder der unterworfenen Völker, so pathetisch und tragisch sie auch sein mögen, haben keinerlei Rechtskraft“, sagte Kelse.

Sammatzen schüttelte entschieden den Kopf. „Ich halte eine solche Doktrin für unmoralisch. Die Beachtung menschlicher Rechte muß auf edlerer Grundlage beruhen denn auf roher Gewalt.“

Jorjol bog sich vor höhnischem Lachen. „Sie und Ihre schafsköpfige Mull! Warum erlassen Sie nicht einfach ein Dekret in diesem Sinn?“

„Wenn die Galaxis erst einmal nach einem uniformen Gesetz regiert wird, sind diese Ideale vertretbar und wünschenswert. Doch bis dahin muß das, was der einzelne, ein Stamm, eine Nation, eine Welt, ja das gesamte Gaeanische Territorium besitzt, geschützt und verteidigt werden“, sagte Kelse.

Sammatzen hob die Hände. „Ich beantrage, das Dekret über die Auflösung der Domänen auf Uaia zu widerrufen. Ich bitte abzustimmen. Wer ist dagegen?“

„Ich!“ rief Adelys Lam. „Ich bin Redemptorist, und daran wird sich auch nichts ändern! Niemals!“

„Wer ist dafür?“ Sammatzen blickte von einem Mitglied der Mull zum anderen. „Ich zähle elf Stimmen dafür, einschließlich meiner eigenen. Das Dekret ist damit widerrufen. Ich beende hiermit die heutige Sitzung.“

Jorjol schritt aus dem Saal, sein weites Gewand flatterte um seine langen Beine. Kelse, Gerd Jemasze und Schaine folgten ihm. Auf der Straße blieb der Graue Prinz stehen und blickte sie erst auf- dann abwärts. Linker Hand führte sie zum Persimmonmeer und damit nach Uaia und dem Retentum, nach rechts, nur etwa hundert Meter entlang der Kharanotis-Abenue, öffnete der Raumhafen ein Tor zu anderen Welten.

„Wie sehr er uns haßt!“ flüsterte Schaine. „Überlegt doch! Im Grund genommen nährten wir diesen Haß systematisch durch unser eigenes Handeln. Wir waren viel zuviel stolz und eingebildet, als daß wir einem Uldra-Waisen Zutritt zu unserer Großen Halle gestattet hätten. Und denkt an all das Leid, das daraus erwuchs! Ich frage mich: haben wir eigentlich unsere Lektion gelernt?“

Kelse schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Das ist die Sprache Olanjes, nicht die Wirklichkeit Uaias. Sie enthält nur Spuren der Wahrheit, doch nicht die ganze.“

„Es gibt so viele Wirklichkeiten wie Menschen“, sagte Gerd Jemasze. „Auf Suaniset ist es jedem Ehrenmann gestattet, an unserem Tisch zu sitzen und mit uns zu speisen, gleichgültig, welche Hautfarbe er hat und welche Kleidung er trägt.“

Kelse lachte ein wenig säuerlich. „Und auf Morgenwacht von nun ab ebenfalls. Uther Madduc hat seine private Wirklichkeit vielleicht zu weit getrieben. Er war zu streng.“

„Ah, da geht Jorjol dahin“, sagte Gerd Jemasze. „Und drängt sich einer anderen Welt auf.“ Denn der Graue Prinz hatte sich entschlossen, die Straße rechts, zum Raumhafen, abzubiegen.

Die drei spazierten gemächlich die Kharanotis-Avenue entlang zum Hotel Seeblick. Ein hoher Drahtzaun trennte die Straße vom Moor, und eine Lücke im Laubwerk erlaubte einen Blick über den Sumpf, hinunter zu dem trägen Wasser des Viridians. Ein Morphot, der sich auf einem Baumstumpf ausgeruht hatte, machte eine unverständliche Gebärde und verschwand im dichten Gebüsch.

*   *   *   *   *   *   *   *

Hier kann man sich die Originalfassung als PDF herunterladen:

Jack Vance – The Gray Prince

Siehe auch die Goodreads-Seite über „The Gray Prince“.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: