Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen:

Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Kapitel 6

Schaine und Elvo ritten auf zwei Kriptiden aus. Kelse bestand darauf, daß sie Schußwaffen mitnähmen und sich von zwei Ranch-Uldras begleiten ließen, was Schaine gar nicht gefiel. Aber während sie südwärts zu den Skaws ritten, sah sie doch ein, daß die Vorsichtsmaßnahmen gut gemeint waren. „Wir befinden uns gar nicht so weit vom Retentum entfernt“, sagte sie zu Elvo Glissam. „Und Sie wissen, was alles passieren kann.“

„Ich beschwere mich nicht“, versicherte er ihr.

Im Schatten des großen Skaws – ein spitz zulaufender, etwa fünfundsechzig Meter hoher Sandsteinfelsen mit Schichten in Beige, Hellgelb, Rosa und Grau – machten sie Rast. Morgenwacht war unter den bleichen Grüngummibäumen und den dunkleren transstellaren Eichen kaum zu sehen. Jenseits davon schob die noch dunklere Linie des Feenwalds sich bis zum Horizont. Westlich schlang der Chip-chap sich in Mäandern durch das Tal und verschwand südlich außer Sicht, wo er in den Massakersee mündete.

„Als wir noch klein waren“, erklärte Schaine, „kamen wir oft hier heraus zu einem Picknick oder um nach Turmalinen zu suchen. Dort drüben ist ein Graben im Pegmatit… Da hat übrigens der Erjin Kelse angefallen.“

Elvo sah sich um. „Hier?“

„Auf dem Pegmatit. Kelse und Tortilla kletterten den Felsen hoch. Der Erjin kam aus der Kluft und stieg den Jungen nach. Er erwischte Kelse und zog ihn hinunter. Ich hörte den Lärm und rannte herbei, um zu helfen, aber da hatte Tortilla den Erjin bereits erschossen. Er lag da, wo Sie jetzt stehen, in seinen letzten Zuckungen. Kurgech kam sofort herbeigelaufen, als er den Schuß hörte. Er verband Kelses Arm und Bein und trug ihn nach Hause. Tortilla wurde der große Held. Für etwa eine Woche.“

„Was geschah dann?“

„Oh – es gab einen großen Streit. Ich wurde nach Tanquil verbannt. Tortilla zog sich aufs Retentum zurück, und jetzt ist er der Graue Prinz.“ Schaine blickte sich um. „Ich glaube, es gefällt mir hier doch nicht mehr… Armer Kelse.“

Elvo Glissam blickte unruhig über die Schulter. „Kommen oft Erjinen hierher?“

„Hin und wieder, wenn sie sich für unsere Rinderherden interessieren. Aber unsere Aos sind besser als Spürhunde. Sie können Fährten verfolgen, die ein anderer überhaupt nicht sieht. Das haben die Erjinen zu fühlen bekommen und daraus gelernt. Jetzt bleiben sie hauptsächlich in der Wildnis.“

Als sie nach Morgenwacht zurückkehrten, sahen sie Gerd Jemaszes alten, klapprigen Dacy-Flugwagen auf dem Landeplatz. Kelse und Gerd beschäftigten sich so intensiv in der Bibliothek, daß sie sich erst zum Dinner in der Großen Halle sehen ließen. Nach Morgenwacht-Sitte trugen alle Abendkleidung. Für zufällige Besucher wurde immer passende Kleidung bereitgehalten, wie Gerd und Elvo sie jetzt trugen. Es ist wirklich wahr, dachte Schaine, daß diese Tradition feierlich stimmt. Es war eine Sache des Geschmacks, der Ästhetik. Straßenkleidung und Ungezwungenheit hätten ganz einfach nicht zu den hochlehnigen Stühlen, dem riesigen Tisch aus Umbraholz, dem Kronleuchter von den Zitschen Glaswerken in Gilhaux auf Darybant und den alten vererbten Gedecken gepaßt. Heute hatte Schaine sich besondere Mühe mit ihrem Aussehen gegeben. Sie trug ein einfaches dunkelgrünes langes Kleid und eine Hochfrisur nach Art der Pharistaner Nymphen mit einem großen facettierten Smaragd auf der Stirn.

Reyona Werlas-Madduc hatte bereits mit Hermina Lingolet gespeist. So saßen an der großen Tafel nur die vier, die den 150-Kilometer-Marsch durch die Öde verband. Als sie ihren Wein tranken, lehnte Schaine sich zurück und betrachtete die Männer durch halbgeschlossene Lider. Um sie objektiver beurteilen zu können, stellte sie sich vor, sie wären alle Fremde. Kelse, dachte sie, sah viel älter aus, als er den Jahren nach war. Er würde nie ein so stattlicher und beeindruckender Mann werden wie ihr Vater. Sein Gesicht war schmal, die Züge scharf geschnitten, und um seinen Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Im Gegensatz zu ihm sah Elvo Glissam ausgeglichen und innerlich zufrieden aus, als kenne er keine Sorgen. Gerd Jemasze wirkte, in Schaines objektiver Betrachtung, erstaunlich elegant. Er drehte den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Schaine empfand, wie üblich, eine Spur von Abneigung oder Herausforderung, oder einer ähnlichen, unbestimmbaren Emotion. Gerd Jemasze senkte die Augen und griff nach seinem Weinglas. Schaine war sowohl amüsiert als auch erstaunt, daß er sich ihrer Gegenwart bewußt geworden war, obgleich er sie ihr Leben lang ignoriert hatte.

„Der Satzungsentwurf geht nun von Domäne zu Domäne“, sagte Kelse. „Wenn er allgemeine Anerkennung findet, was wir annehmen, werden wir, ipso facto, eine politische Einheit.“

„Und was, wenn es nichts wird mit der allgemeinen Zustimmung?“ fragte Schaine.

„Das wäre äußerst unwahrscheinlich. Wir haben mit jedem bereits gesprochen.“

„Und wenn ihnen die Gliederung eurer Satzung nicht gefällt und sie auf Änderungen bestehen?“

„Unser Entwurf hat keine Gliederung und ist auch keine normale Satzung. Er ist lediglich eine Erklärung unseres gemeinsamen Zieles, ein Einverständnis, sich dem Willen der Mehrheit zu beugen. Das ist der erste Schritt, den wir unternehmen müssen. Danach erst können wir eine detailliertere Gliederung aufstellen.“

„Ihr müßt also jetzt warten. Wie lange?“

„Zwei Wochen, vielleicht auch drei.“

„Lange genug jedenfalls“, meinte Gerd Jemasze, „um die Tatsachen hinter Uther Madducs ‚großartigem Witz‘ herauszufinden.“

Elvo Glissam war sofort interessiert. „Und wie beabsichtigen Sie das zu tun?“

„Ich folge seiner Route. Irgendwo entlang des Weges werde ich schon entdecken, was er so erheiternd fand.“

„Und was ist diese Route?“ erkundigte sich nun Schaine.

„Von Morgenwacht aus flog er fünfhundert Kilometer nach Norden und siebenundzwanzig nach Nordosten – also genau zu Palga Depot Nr. 2. Dort landete er.“ Gerd Jemasze holte Uther Madducs Notizbuch hervor. „Hört euch das an:

Niemand wagt es, die Palga zu überfliegen. Ein erstaunliches Paradoxon! Die Windläufer, so sanftmütig, so friedfertig, werden beim Anblick eines Flugzeugs zu Besessenen. Sie eilen zu den alten Lichtkanonen und schießen den Luftwagen ab. Ich fragte Filisent: ‚Weshalb schießt ihr auf die Flugwagen?‘

‚Weil sie blaue Räuber sein können.‘

‚Oh‘, sagte ich. ‚Wann haben die Uldras euch denn zum letzten Mal überfallen?‘

‚Nicht, solange ich selbst mich zurückerinnern kann, auch nicht zu meines Vaters Zeit‘, erwiderte er. ‚Trotzdem muß es so sein. Wir dulden keine Flieger in unserer Luft.‘

Er gestattete mir, seine Kanone zu betrachten. Sie ist ein wahres Kunstwerk. Ich frage mich, wer wohl eine so wirkungsvolle Waffe hergestellt haben mochte. Filisent konnte mir wenig darüber sagen. Die Kanone mit ihren schönen und wunderlichen Ziselierungen ist ein Erbstück, das immer vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden war, und niemand konnte sich mehr an ihren Ursprung erinnern. Sie mag sehr wohl mit der ersten, lange vergessenen Forschungsexpedition nach Koryphon gelangt sein. Wer kann das schon wissen?“

Gerd Jemasze blickte auf. „Er schrieb dies offenbar ein paar Tage nachdem er am Depot Nr. 2 gelandet war. Bedauerlicherweise kommt nicht mehr viel nach. Die Palga, steht noch hier, ist ein ungemein erstaunliches Land und Filisent ein ungemein erstaunlicher Bursche. Wie alle Windläufer ist er ein sehr geschickter und leidenschaftlicher Dieb, deshalb muß man ständig auf sein Eigentum aufpassen. Aber ansonsten ist er ein guter Kerl. Er besitzt eine Bark und siebenunddreißig Parzellen Land, die er während des Dahinsegelns bestellt. Wie eng verbunden diese Menschen doch mit Wind, Sonne, Wolken und Regen sind! Sie am Steuerruder zu sehen, mit den geblähten Segeln über ihnen und den rollenden großen Rädern, erinnert an Gläubige während eines religiösen Rituals. Fragst du sie jedoch, ob dreimal zwei sechs ist, starren sie dich verständnislos an. Fragst du sie über die Erjinen, wer sie zähmt und wie, wird ihr Blick noch verwirrter. Und fragst du sie, wie sie für ihre schönen Räder, das Segeltuch und die Metallteile für ihre Wagen bezahlen, bedenken sie dich mit einem Blick, der dir sagt, daß sie dich für nicht ganz bei Trost halten.“

Gerd Jemasze drehte die Seite um.

„Hier ist ein Teil, den er Notizen für eine Abhandlung nennt: Srenki: diese erstaunliche und schreckliche Kaste, oder ist es ein Kult? Das Wissen kommt zu dem Kind durch sich wiederholende Träume. Es wird blaß und dünn und unruhig und wandert schließlich von seinem Wagen weg. Es führt seine erste böswillige Tat aus. Danach konzentriert es sich, in diesem seltsamen, ruhigen Land, auf sich selbst und zieht die elementare Schlechtigkeit aller anderen auf sich. Und diese wiederum betrachten die so entstandene Kreatur des Grauens voll Mitleid und Nachsicht. Srenki gibt es nicht viele, in der ganzen Palga vielleicht nicht mehr als hundert, allerhöchstens aber zweihundert. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie furchtbar und tief die Saat des Bösen in ihnen verwurzelt sein muß.“

Niemand sprach, als Gerd Jemasze wieder von dem Notizbuch aufblickte. Nach einer Weile des Schweigens blätterte er weiter. „Das hier ist das letzte. Er schreibt: Der Mann heißt Poliamides. Ich habe ihn mit Kurgechs Trick hereingelegt, daraufhin hat er zugegeben, daß er das Erjinen-Trainingslager gesehen hat. ‚Dann bring mich hin‘, befehle ich ihm. Er weigert sich. Ich drehe den Kristall, und meine Stimme kommt zu ihm aus dem Himmel innerhalb seines Gehirns: ‚Bring mich hin!‘ Jetzt ist meine Stimme die eines sonnenäugigen Gottes! Poliamides findet sich mit dem Unvermeidlichen ab, obgleich er weiß, daß er dadurch eine Million Schicksale in eine chaotische Brühe taucht. ‚Wohin und wie weit?‘ frage ich. ‚Geradeaus und dann noch ein gutes Stück.‘ ‚Nun ja, wir werden sehen.‘“

Wieder blätterte Gerd Jemasze weiter. „Danach kommt noch eine Seite mit Zahlen, die ich nicht deuten kann, und das ist so ziemlich alles, abgesehen von der letzten Seite. Zuerst zwei Worte: Pracht! Wunder! Und dann: Von aller bittersüßen Ironie ist dies das Größte! Wie langsam doch die Glocken der Jahrhunderte schlagen! Wie stark und süß ist die Gerechtigkeit ihrer Töne! Und dann ein letzter Absatz: Die Lage ist so klar, daß eine Demonstration wohl kaum nötig ist; doch dieser wundervolle Beweis existiert, und wenn irgend jemand es wagt, unser Recht und unsere Gerechtigkeit in Zweifel zu ziehen, kann und werde ich ihn an die Wand seiner eigenen doktrinären Absurdität nageln.“

Gerd Jemasze klappte das Notizbuch zu und warf es auf den Tisch. „Das ist alles. Er kehrte zum Sturdevant zurück. Der Autopilot zeigte an, daß er direkt nach Morgenwacht zurückflog. Zwei Tage später wurde er über dem Dramalfo ermordet.“

„Weshalb er wohl ursprünglich zur Palga ist?“ fragte Elvo Glissam. „Um zu handeln?“

„Seltsamerweise auf eine Mission, die auch Ihrem Herzen nahe ist“, erwiderte Kelse. „Im vorigen Frühjahr besuchte er Tante Val und interessierte sich für ihre Erjinen. Niemand schien auch nur eine Ahnung zu haben, wie sie gezähmt werden, also flog Vater zur Palga hoch, um es herauszufinden.“

„Und hat er es herausgefunden? Ist das sein ‚großartiger Witz‘?“

Kelse zuckte die Achseln. „Das wissen wir nicht.“

„Die Palga muß eine bemerkenswerte Landschaft sein.“

„Ich erinnere mich an seltsame Geschichten“, erzählte Schaine. „Die Hälfte davon sind sicher reine Fabelmärchen. Babys werden untereinander ausgetauscht, nach der Theorie, daß ein von seinen eigenen Eltern aufgezogenes Kind zu sehr verwöhnt wird.“

„Erinnerst du dich an unsere alte Kinderschwester Jamie?“ fragte Kelse. „Sie erschreckte uns zu Tode mit ihren Gutenachtgeschichten über die Srenki.“

„Und wie ich mich an sie erinnere!“ versicherte ihm Schaine. „Eines Abends erzählte sie uns, wie die Windläufer ihre Toten an die Bäume hängen, damit die wilden Hunde nicht an sie herankönnen. Wenn man dort durch einen Wald geht, grinst von jedem Baum ein Gerippe auf einen herab.“

„Und nicht nur Leichen hängen sie an die Bäume“, warf Jemasze ein. „Auch die kranken alten Großeltern wandern die Äste hoch, damit man sich die Mühe erspart, extra zum Wald mit ihnen zurückzukehren, wenn sie auf normale Weise das Zeitliche gesegnet haben.“

„Welch reizende Leute“, murmelte Elvo Glissam. „Also was beabsichtigen Sie zu tun?“

„Ich fliege zum Depot Nr. 2 und werde dort auf die eine oder andere Weise Uther Madducs Spur schon entdecken.“

Kelse schüttelte den Kopf. „Es ist zuviel Zeit vergangen. Du wirst sie nie finden.“

„Ich nicht, aber Kurgech.“

„Kurgech?“

„Er möchte mitkommen. Er war nie oben auf der Palga und sagte, ihn interessierten die Windwagen.“

„Ich würde auch gern mitkommen, wenn ich Ihnen behilflich sein kann, oder zumindest nicht zur Last falle“, sagte Elvo Glissam.

Schaine preßte die Lippen zusammen. Sie konnte doch unmöglich protestieren oder erwähnen, wie gefährlich und anstrengend es war, ohne Elvo in Verlegenheit zu bringen, noch konnte sie auf taktvolle Weise darauf hinweisen, daß er bereits mehrere Gläser des ziemlich schweren bernsteinfarbigen Weines getrunken hatte.

Eine Regung, so schwach, daß nur Schaine sie bemerkte, zog sich über Gerd Jemaszes Gesicht. Ihr immer glühender Funke der Abneigung für ihn flammte auf, aber sie konnte sich beherrschen und schwieg auch jetzt. Jemasze sagte höflich: „Ihre Gesellschaft ist uns selbstverständlich recht. Ich muß Sie nur darauf hinweisen, daß wir eine Woche oder länger unterwegs sein werden, möglicherweise unter sehr ungünstigen Bedingungen.“

Elvo Glissam lachte. „Es kann wohl kaum schlimmer werden als der Marsch von Dramalfo hierher.“

„Ich hoffe es nicht.“

„Nun, ich bin nicht gerade gebrechlich, und ich habe ein besonderes Interesse an dieser Sache.“

Kelse sprach mit ernstester Stimme, die Schaine noch mehr erboste: „Elvo möchte sich persönlich von der Versklavung der Erjinen überzeugen.“

Elvo grinste ohne jegliche Verlegenheit. „Genau so ist es.“

Nicht gerade begeistert brummte Gerd Jemasze: „Ich nehme an, Kelse kann Ihnen Stiefel borgen und was Sie sonst noch brauchen werden.“

„Aber sicher, daran soll es nicht scheitern“, sagte Kelse.

„Also gut. Wir brechen morgen früh auf, wenn ich Kurgech finden kann.“

Einen kurzen Augenblick überlegte Schaine, ob sie nicht ebenfalls mitkommen sollte, doch dann schob sie, wenn auch ungern, den Gedanken beiseite. Es wäre unfair, Kelse gegenüber, zur Palga zu fliegen und ihn allein zu lassen.

Kapitel 7

Der Luftwagen flog nördlich über ein Gebiet mit sanften grünen Hügeln, weiten Tälern, sich gemächlich dahinwindenden Flüssen, Wäldern mit Gadroonen, Flammenbäumen, Mangeoneelen und hin und wieder einem gigantischen uaianischen Jinko. Elvo Glissam empfand ein Gefühl der Unwirklichkeit. Er bezweifelte bereits, ob es gestern abend richtig gewesen war, sich aufzudrängen. Er blickte den Weg zurück, den sie gekommen waren… Ja, sagte er sich fest, es war richtig. Er hatte sich der Expedition aus ausreichenden und guten Gründen angeschlossen: um die Tatsachen über die Versklavung der Erjinen zu erforschen. Dazu war er moralisch verpflichtet. Aber es gab auch noch einen anderen, für ihn sehr wichtigen Grund: was Gerd Jemasze tun konnte, konnte auch er.

Elvo Glissam blickte durch den Wagen. Gerd Jemasze war etwa zwei Zentimeter oder so kleiner als er, dafür hatte er breitere Schultern und einen kräftigeren Brustkasten. Seine Bewegungen waren entschlossen und zielbewußt. Bei ihm gab es keine unnötigen Gebärden oder besondere Gesten, wie manche Menschen sie sich angewöhnen und die für sie typisch sind. Der erste Eindruck, aber vermutlich auch der zweite und dritte, den man sich von Gerd Jemasze machte, war der einer mit Gefühlen sparsam umgehenden Persönlichkeit. Dazu wirkte er unauffällig, ja farblos und grimmig. An ihm war nichts Leichtes, Beschwingtes. Elvos Einstellung gegenüber der Welt war optimistisch, positiv, konstruktiv: Koryphon, ja das gesamte Gaeanische Territorium mußte zu seinem Besseren reformiert werden, und nur durch die Bemühungen wohlmeinender Bürger konnten diese Veränderungen ins Rollen gebracht werden.

Gerd Jemasze, obgleich er höflich und zuvorkommend war, könnte man nie als anteilnehmende Persönlichkeit bezeichnen. Und zweifellos sah er das Universum durch eine egozentrische Brille. Aus diesem Grund war er auch absolut selbstbewußt. Die Möglichkeit, er könnte bei irgend etwas versagen, war ihm zweifellos noch nie in den Sinn gekommen. Elvo empfand eine Spur von Neid oder Gereiztheit, vielleicht sogar Abneigung – doch sofort wurde ihm bewußt, wie unwürdig ein solches Gefühl war. Wenn Gerd Jemasze nur nicht gar so arrogant in seinen unbewußten Ansichten und weniger unschuldig wäre – denn Gerd Jemaszes übertriebenes Selbstvertrauen konnte doch schließlich nichts anderes als Naivität sein! Auf Hunderten von Gebieten würde er sich blamieren. Er wußte so gut wie gar nichts von den menschlichen Leistungen in der Musik, Mathematik, Literatur, Optik, Philosophie. Von jedem normalen Standpunkt aus gesehen müßte Gerd Jemasze sich Elvo Glissam gegenüber unsicher und neidvoll fühlen, und nicht umgekehrt. Elvo lächelte säuerlich. Aber die Lage war, wie sie war, er konnte nichts daran ändern.

Er blickte wieder hinunter auf das Terrain, das sie überflogen. Wenn er darum bat, erklärte, daß er sich nicht wohl fühle, würden sie ihn sicher auch jetzt noch zurückbringen. Gerd Jemaszes einzige Reaktion wäre sicher leichte Verwunderung. Um sich zu ärgern, war er zu unineressiert an ihm… Elvo runzelte die Stirn. Genug dieser Selbstbemitleidung und des Händeringens. Er würde sein Bestes tun, ein fähiger Begleiter zu sein. Wenn er versagte, versagte er eben, was ließ sich daran schon ändern? Er weigerte sich, noch länger darüber nachzugrübeln.

Gerd Jemasze deutete in die Tiefe, wo drei gigantische graue Tiere sich in einer Lehmkuhle wälzten. Eines erhob sich und stapfte schwerfällig aus der Mulde. Es starrte zu dem Luftwagen hoch.

„Panzertiere. Nahe Verwandte der Morphoten“; erklärte Gerd Jemasze. „Nur hat die Evolution sie weit zurückgelassen.“

„Aber keine Verbindung zu den Erjinen?“

„Nicht die geringste. Manche Leute glauben, die Erjinen hätten sich aus den Berggeroiden entwickelt. Die Geroiden ähneln halb Ratten und halb Skorpionen. Andere zweifeln diese Theorie an. Zu beweisen ist sie nicht, da es keine Erjinenfossilien gibt.“

Der Luftwagen flog gleichmäßig nordwärts. Voraus war bereits die Palga zu sehen, wo die Volwoden sich in den westlichen Himmel zu bohren schienen. Gerd Jemasze stieg höher und flog nun unmittelbar unter den weitgestreckten Kumuli, die die Sonne in ihren Strahlen badete. Der Grund unter ihnen schien sich wie unter großem Druck zu bewegen und sprang plötzlich um gut tausend Meter in die Höhe. Die gewaltige Felswand zeigte Tausende von Schluchten und Klüften und schmäleren Sprüngen. Dahinter und weit, weit bis zum sonnigen Horizont dehnte sich die Palga aus.

Am Rand des Felsabsturzes kauerten sich etwa ein Dutzend weißgetünchte Bauten mit schwarzbraunen Dächern aneinander. „Depot Nr. 2“, rief Gerd Jemasze über die Schulter zurück. „Sie werden vermutlich ein paar Exporterjinen sehen – es dürfte angebracht sein, daß Sie Ihre Empörung zügeln.“

Elvo gelang ein gutmütiges Lachen. „Ich bin nur als Beobachter hier.“ Ihm fiel auf, daß er Gerd Jemasze nie seine Meinung über die Versklavung der Erjinen hatte äußern hören. „Wie stehen Sie zu der Sache?“ fragte er deshalb jetzt. „Was halten Sie davon?“

Gerd Jemasze überlegte einen Augenblick lang. „Ich persönlich wäre sehr dagegen, versklavt zu werden.“ Er schwieg wieder. Nach einem Moment wurde Elvo Glissam klar, daß Jemasze nicht die Absicht hatte, sich weiter darüber auszulassen. Möglicherweise hatte er sich überhaupt keine Meinung gebildet. Dann ärgerte Elvo sich über seine eigene Schlußfolgerung und korrigierte sich. Gerd Jemasze hatte seine eigene Art, sich auszudrücken. Vermutlich hatten seine kurzen Worte soviel bedeutet wie: „Im Augenblick kann ich nur sagen, daß die Situation unerfreulich ist und es ein schmutziges Geschäft zu sein scheint. Aber da wir so wenig über das Ganze wissen, möchte ich mich mit einer endgültigen Meinung noch zurückhalten. Was die Beunruhigung der Olanjer Gilden anbelangt, und die zarten Gefühle der Vereinigung zur Emanzipierung der Erjinen, kann ich nur sagen, daß es mir unmöglich ist, sie ernst zu nehmen.“ Elvo grinste. Ja, das in etwa, in die Sprache der Villa Mirasol übersetzt, war Gerd Jemaszes Meinung.

Der Luftwagen landete auf dem mittleren Feld vor Depot Nr. 2. Links streckte sich ein langes, ungleichmäßiges Bauwerk aus zementvermischtem Lehm aus, das weiß getüncht war und ein vielwinkliges Dach mit den verschiedensten Flächen hatte, das mit dicken Stangen gestützt war. Offenbar war das ein Gasthaus. Geradeaus, entlang dem westlichen Rand des Feldes, standen drei schuppenähnliche Bauten mit hohen Türmen vorne und hinten, die offen waren und einen Blick auf eine Anzahl von Fahrzeugen boten, an denen gearbeitet wurde. Auf einem Regal lag etwa ein Dutzend großer, leichter Gummiräder, mannsgroß oder noch größer. Dahinter und durch die Schuppen oder Hallen konnte man weitere Fahrzeuge sehen, die mit Masten, Spieren, Sprieten und Takelung ausgestattet waren. Rechts, am nördlichen Rand des Feldes, standen ebenfalls Schuppen mit offenen Toren. In einigen befanden sich leere Käfige, andere hatten Gitter, durch die ein Dutzend Erjinen stumpfinnig herausschauten. In den Werkstattschuppen hatten die Männer ihre Arbeit eingestellt. Fünf oder sechs kamen heraus und näherten sich dem Flugwagen. Es waren kräftige, aber nicht sehr große braune Männer. Einige trugen einen Kopfschmuck, den Elvo Glissam absolut lächerlich fand. Es handelte sich dabei um je eine horizontale Holzscheibe, etwa einen Meter dreißig im Durchmesser und zweieinhalb Zentimeter dick. Sie war an einem eisernen Helm befestigt, der mit Riemen um den Hals geschnallt war. Wie konnte man mit einem so unförmigen, schweren Ding auf dem Kopf arbeiten? Gerd Jemasze tat nun etwas sehr Merkwürdiges. Als die Männer näher kamen, hob er einen kleinen Stecken auf und kratzte einen Kreis um den Luftwagen in den Boden. Die Arbeiter blieben stehen, dann kamen sie langsam näher und hielten außerhalb des Kreises an. Sie waren die ersten Windläufer, die Elvo Glissam je vor die Augen gekommen waren: die Angehörigen einer Rasse, die sich völlig von den Uldras unterschied. Ihre hellbraune Haut schien von einem inneren Pigment, nicht von der Sonne, gebräunt und war erstaunlicherweise völlig gleichmäßig getönt. Einige der Männer trugen Stoffmützen, andere die schon beschriebenen Helme mit den Holzscheiben. Das Haar, wo überhaupt etwas davon zu sehen war, war hellbraun und dicht gelockt und nicht zu irgendeiner besonderen Frisur gelegt. Ihre Züge waren grobgeschnitten, das Gesicht schmal, doch ihr Kinn breit und schwer. Ihre Augen waren von einem merkwürdigen, eindringlichen Blaßgrau. Ein paar der Männer schmückten Schnurrbärte, einige hatten sich die Augenbrauen ausgezupft, was ihren Gesichtern einen sanften, leicht komischen Ausdruck verlieh. Alle waren mit kurzen blauverwaschenen, grauen oder fahlgrünen Hosen und losen Hemden aus ähnlichem Material und in inauffälligen Farben bekleidet. Alle trugen in ihrem Haar oder auf ihren Mützen etwas, das wie zu den kompliziertesten Formen geblasener Glasschmuck aussah und mit bunten Bändern verziert war und festgehalten wurde.

„Viel Glück und allen guten Wind“, sagte Gerd Jemasze zum Gruß.

Die Arbeiter murmelten eine Art Segensgruß. Einer fragte: „Kommt ihr zu handeln oder zu kaufen?“

„Mein Geschäft wurde mir noch nicht klargemacht. Es wird mir im Traum kommen.“

Die Arbeiter nickten verständnisvoll und murmelten miteinander. Elvo schloß die Lippen, die er vor Überraschung geöffnet hatte. Eine solch ungewöhnliche Rede von dem Tatsachenmenschen Jemasze hatte er nicht erwartet. Gerd deutete jetzt auf den Kreis. „Beachtet diesen Fiap. Nicht Ahariszeio schützt ihn, sondern wir selbst, unsere Fäuste und der Stachel unserer Gewehre. Verstanden?“

Die Arbeiter zuckten die Achseln, traten von einem Bein aufs andere und streckten den Hals, um den Luftwagen und seinen Inhalt besser sehen zu können.

„Wo ist der Priester?“ fragte Jemasze jetzt.

„Dort! In seinen Räumen, hinter dem Gasthaus.“

Jemasze blickte auf Kurgech, der sich an den Luftwagen lehnte und offen eine Pistole in der Hand hielt. Jemasze wandte sich wieder an die Windläufer. „Ihr könnt euch ohne Bedauern zurückziehen. Unser Eigentum ist weder unbeaufsichtigt noch frei, sondern sorgfältig bewacht.“

Die Arbeiter machten höfliche Gebärden und kehrten zu den Schuppen zurück. Elvo fragte verwirrt: „Was bedeutet das alles? Ich komme nicht mit.“

„Die Windläufer stehlen, was sie in ihre Hände bekommen können“, erwiderte Gerd Jemasze. „Die Schutzzauber und -zeichen oder Talismane heißen hier Fiap. Sie werden sie überall sehen. Die Windläufer tragen sie auf dem Kopf.“

„Weshalb schleppen sie diese riesigen Holzscheiben mit sich herum?“

„Sie haben gegen irgendein religiöses Gesetz verstoßen. Es gibt hier keine Ordnungshüter, keine Amtsgewalt, außer der Priesterschaft.“

Elvo brummte: „Ich bekomme schon Kopfschmerzen, wenn ich an die schweren Dinger nur denke.“

Manchmal sind die Scheiben zehn Zentimeter dick, oder sogar fünfzehn. In einem solchen Fall stirbt der Bestrafte innerhalb einer oder auch zwei Wochen, außer es kümmert sich jemand um ihn.“

„Und welche Verbrechen bringen ihm eine solche Scheibe ein?“

Gerd Jemasze zuckte die Achseln. „Gegen den Wind spucken. Im Schlaf reden… Ich bin nicht so vertraut mit den Gesetzen der Windläufer. Kommen Sie, wir gehen zu dem Priester und besorgen uns ein paar Fiaps.“

Der Priester trug ein weißes Gewand, sein pechschwarz gefärbtes Haar reichte bis zu den Schultern und endete in kleinen Onyxkugeln. Sein rundliches Gesicht war völlig haarlos, und er hatte sich schwarze Kreise rund um die Augen gemalt, die ihm einen Ausdruck eulenhafter Eindringlichkeit verliehen. Er verriet keine Überraschung beim Anblick von Gerd Jemasze und Elvo Glissam, obgleich er auf seinem Lager geschlafen hatte, als die beiden eintraten.

Gerd Jemasze begann ein Gespräch, das Elvo Glissam wieder zutiefst überraschte. „Gute Winde für Euch, Priester. Wir brauchen einen Satz Fiaps, der uns gegen alle Eventualitäten schützt.“

„Natürlich, natürlich“, erwiderte der Priester. „Beabsichtigt ihr zu handeln? Ihr werdet nicht viele Fiaps benötigen.“

„Wir sind keine Händler. Wir kommen zum Vergnügen und aus Interesse zur Palga.“

„Hiho! Dann müßt ihr leicht zufriedenzustellen sein! Wir haben hier weder Volksfeste noch Sing- und Tanzmädchen und auch keine Bankette mit fettem Fleisch. Tatsächlich kommen nur sehr wenige eurer Art hierher.“

„Mein Freund Uther Madduc kam erst vor kurzem bei Euch vorbei“, versicherte ihm Gerd Jemasze. „Er erzählte, daß Ihr ihm Fiaps und guten Rat gegeben habt.“

„Nicht ich, nicht ich. Das war zu Poliamides‘ Zeit. Ich bin Moffamides.“

„In diesem Fall möchten wir gern Poliamides unsere Aufwartung machen.“

Moffamides‘ Augen wurden rund und glänzend. Er spitzte die Lippen und schüttelte mißbilligend den Kopf. „Poliamides hat sich als unbeständig erwiesen. Er hat die Priesterschaft aufgegeben und ist auf die Sarai1. Vielleicht war er zu empfänglich für euren Freund Uther Madduc.“

[1 Sarai: unübersetzbar. Eine grenzenlose Weite von Horizont zu Horizont, aus Land oder Wasser, die keinerlei Hindernisse für den Reisenden bietet, und von der ein unwiderstehlicher Drang ausgeht, einen Fuß vor den anderen zu setzen, um ein bekanntes oder auch unbekanntes Ziel zu erreichen.]

„So gebt Ihr uns im Namen Ahariszeios Fiaps, und macht sie extra stark.“

Der Priester öffnete einen schwarzen Lederkoffer, der mit rosa Samt gefüttert war. Etwa ein Dutzend Kristallscheiben lag darin. Er berührte sie, veränderte ihre Lage und zuckte, einen überraschten Schrei ausstoßend, zurück. „Die Zeichen sind ungünstig! Ihr müßt zu den Alouanen zurückkehren.“

„Ihr habt die Scheiben falsch behandelt“, sagte Gerd Jemasze brüsk. „Die Zeichen sind günstig!“

Moffamides warf ihm von der Seite einen tadelnden Blick zu. Die Achatperlen in seinem schwarzen Haar klickten und klirrten leicht. „Wie kannst du das sagen? Bist du vielleicht ein Priester?“

Gerd Jemasze schüttelte kurz den Kopf. „Uther Madduc ist tot, wie Ihr wißt.“

Moffamides‘ Augen traten ihm in offensichtlich ehrlicher Überraschung aus den Höhlen. „Woher sollte ich das wissen?“

„Durch Telepathie, derer ihr Priester alle fähig seid, wie ich gehört habe.“

„Nur unter bestimmten Voraussetzungen, doch nicht Dinge auf den Alouanen betreffend, von denen ich nicht mehr weiß, als ihr über die Palga.“

„Uther Madducs Geist legte uns eine Verpflichtung auf. Er und Poliamides wurden Gefährten, und jeder gestattete dem anderen als Bürgschaft eine Probe seiner Seele.“

Elvo Glissam lauschte mit geweiteten Augen. Und da hatte er Gerd Jemasze für phantasielos und gleichgültig gehalten!

Moffamides hatte sich niedergesetzt und die Eulenaugen jetzt nachdenklich halb geschlossen. „Davon habe ich nichts gehört.“

„Man hat es Euch berichtet“, sagte Jemasze scharf. „Wenn wir jetzt ohne Uther Madducs Seele zu den Alouanen zurückkehren müssen, verlange ich von Euch, daß Ihr mitkommt und den Geist beruhigt.“

„Völlig unmöglich!“ protestierte der Priester. „Ich kann es nicht wagen, die Palga zu verlassen.“

„In diesem Fall müssen wir mit Poliamides sprechen.“

Moffamides nickte langsam und überlegend, seine Augen stierten ins Nichts.

„Erst“, sagte Jemasze, „müßt ihr uns mit guten Fiaps versorgen.“

Moffamides schien sofort wieder wach. „Fiaps welcher Art?“

„Stellt uns einen zusammen, daß wir mit unserem Luftwagen über die Palga fliegen können.“

Moffamides zog die Mundwinkel nach unten und streckte seinen Zeigefinger hoch. „Treibstoffgestank und heulende Maschinen auf den heiligen Winden Ahariszeios? Undenkbar! Auch werde ich euch keinen Fiap für faires Wagnis geben, denn ich bin mir der Zeichen und Umbra sehr wohl bewußt, und nicht alles mag gutgehen. Ich kann euch höchstens einen allgemeinen Talisman überlassen, der euch Ahariszeio vielleicht geneigt machen wird.“

„Sehr gut! Wir werden Euch für diesen Fiap dankbar sein. Zusätzlich muß unser Luftwagen jedoch vor jeglicher Art von Beschädigung, Unglücksfall, einschließlich Diebstahl, Zerstörung oder Abschleppung geschützt werden. Für meine Gefährten und mich benötige ich Fiaps, die uns vor Belästigung, Schaden, Verletzungen, Zauberei, Täuschung, Ausnutzung, Gefangennahme oder Erstarrung und die verschiedenen Stadien und Umstände des Todes bewahren. Außerdem brauchen wir einen geeigneten Satz Fiaps für unser Fahrzeug, der uns gute Winde sichert, eine glatte Strecke, Stabilität und eine angenehme Fahrt zu unserem Ziel.“

„Ihr verlangt viel.“

„Für einen Priester, der Ahariszeio so nahe ist wie Ihr, sind unsere Wünsche gering. Wir könnten noch mehr verlangen.“

„Das genügt völlig. Ihr müßt eine Gebühr dafür bezahlen.“

„Wir werden es bei unserer Rückkehr besprechen, wenn die Fiaps ihren Wert bewiesen haben.“

Moffamides öffnete den Mund, um zu protestieren, doch dann schloß er ihn wieder. „Wie weit wollt ihr fahren?“

„So weit es notwendig ist. Wo ist Poliamides?“

„Nicht sehr nahe.“

„Dann müßt Ihr uns den Weg zu ihm weisen.“

Moffamides nickte nachdenklich. „Ja, ich werde euch sagen, wohin ihr euch begeben müßt, und ich werde euch die gewünschten Fiaps anfertigen. Sie müssen stark sein, und ihre Kraft darf nicht nachlassen. Morgen werde ich sie laden.“

Gerd Jemasze nickte kurz. „Gebt uns jetzt einstweilen einen Fiap, um den Luftwagen zu sichern, und weitere, um uns selbst und unser Eigentum über Nacht zu schützen.“

„Schafft euren Flugwagen hinter die Werkstätten. Ich werde euch die Fiaps bringen.“

Gerd Jemasze kehrte zum Luftwagen zurück und flog ihn über die Schuppen zum angewiesenen Ort, einer Art Park- oder Ausstellungsplatz für Dutzende von Fahrzeugen verschiedenster Bauweise und Größe, alt und neu, von Frachtschonern mit drei Masten auf acht 3-Meter-Rädern bis zu dreirädrigen Flitzern mit einem umlegbaren Mast. Jeder der Wagen war wie ein Weihnachtsbaum mit seltsam geformten Glaskugeln und -stäben in allen möglichen Farben ausgestattet, von denen bunte Bänder bis über die Seiten der Fahrzeuge hingen.

Moffamides erwartete sie mit einem Korb. „Hier sind Fiaps von allgemeiner Schutzkraft.“ Er kramte die Gegenstände hervor. „Dieser rot-grüne Fiap ist Standardausrüstung. Er wird euren Luftwagen unbeschränkt bewachen. Diese blau-weißen werden euer Eigentum schützen, solange ihr euch im Gasthaus aufhaltet. Dieser schwarz-grün-weiße Fiap wird diesen Uldra vor Rache, Arglist und Geisterangriff bewahren. Die zwei schwarz-blau-gelben Fiaps genügen für euch Ausker.“

Jemasze befestigte den rot-grünen Fiap am Flugwagen und verteilte die anderen an Elvo Glissam, Kurgech und sich selbst.

„Richtig“, lobte Moffamides, dann verließ er ohne ein weiteres Wort den Platz.

Jemasze betrachtete die Fiaps ein wenig zweifelnd. „Ich hoffe, sie sind tatsächlich funktionsfähig und nicht nur Plunder.“

„Es sind gute Fiaps“, versicherte ihm Kurgech. „Sie strahlen Zauberkraft aus.“

„Ich spüre gar nichts“, murmelte Elvo. „Ich fürchte, meine diesbezüglichen Sinne sind etwas zurückgeblieben.“

Jemasze ging nicht darauf ein, sondern betrachtete eine hochmastige Schaluppe auf vier 2-Meter-Rädern mit einem geflochtenen Deck und einer kleinen Kajüte. „Mein ganzes Leben wollte ich einen dieser Wagen segeln. Die Schaluppe hier ist vermutlich zu leicht und zu klein, aber die Ketsch dort dürfte geeignet sein.“

Die drei zogen sich in das Gasthaus zurück. Sie betraten einen Vorraum, der nur durch eine brusthohe Theke aus blankgescheuertem hellem Holz von der Küche getrennt war. Ein untersetzter brauner Mann mit schweißglänzendem nackten Oberkörper paßte dort auf ein Dutzend eiserne Töpfe auf, in denen es brodelte, brutzelte und dampfte. Und jetzt schob er frisches Holz in den eisernen Herd. Die drei sahen ihm interessiert zu, bis er ihnen einen ungehaltenen Blick zuwarf und nach einem Riesenmesser griff, mit dem er Petersilie zu hacken begann.

Eine große, schlanke junge Frau, mit einem so unbewegten Gesicht wie eine Schlafwandlerin, kam auf sie zu. Elvo, der immer an neuen, ungewöhnlichen Menschen interessiert war, musterte sie fasziniert. Mit nur ein wenig sichtbarem Leben wäre diese junge Frau von ungewöhnlicher Schönheit gewesen, von der Anmut einer Wasserlilie und der Geschmeidigkeit eines flinken weißen Wintergeschöpfes. Aber ihr Gesicht war leer, und so fehlte ihm die Schönheit. Oder fast, dachte Elvo. Möglicherweise war sie gerade deshalb, auf seltsamere Weise, nur durch Andeutung, vielleicht, vorhanden. Ihre elfenbeinfarbige Haut wirkte heller als die des durchschnittlichen Windläufers und wies einen kaum merklichen Hauch einer undefinierbaren Farbe auf. War es Blau? Blaugrün? Grünviolett? Unmöglich zu sagen. Ihr dunkelbraunes Haar hing bis zu den Schultern und wurde über der Stirn von einem schwarzen Band mit einem purpur-schwarz-scharlachroten Fiap am Hinterkopf gehalten.

Mit weicher Stimme fragte die Frau nach ihren Wünschen, und Gerd Jemasze erklärte ihr brüsk, daß sie drei Betten, Abendessen und Frühstück brauchten. Elvo wunderte sich über seine Barschheit. Die Frau zog sich so anmutig wie eine sanfte Welle zurück und bat sie, mit ihr zu kommen. Die drei Männer folgten ihr in die riesige dämmrige Gaststube, die seltsame Schatten noch dunkler erscheinen ließen. Graue Steinplatten bedeckten den Boden. Säulen aus rauchgeschwärztem Holz stützten die Decke, von der, kaum sichtbar, Hunderte von Fiaps hingen. Ein langer Lichtgaden aus hundert purpurnen und braunen Glasscheiben ließ ein warmes, bräunliches Licht herein, das das Holz der Stützbalken, Träger und Täfelung verschönte, genau wie das dunkelrote Tuch auf allen Tischen. Es fiel auch auf die anderen Gäste im Raum und dramatisierte ihre Züge. Diese anderen waren fünf Männer, die sich an einem breiten Tisch mit einem Spiel beschäftigten und mit den Fäusten ihrem Unmut oder ihrer Freude Ausdruck gaben, aber auch laut fluchten, während ein Schankbursche in weißer Schürze Krüge mit schäumendem Bier auf den Tisch stellte.

Die junge Frau führte die drei durch diese Gaststube, dann einen kurzen Korridor entlang und hinaus auf einen Balkon, von dem aus man, wie es schien, nur den Himmel sehen konnte. Elvo beugte sich über die Brüstung. Das Gasthaus war direkt an den Rand der Felswand gebaut, und der Balkon hing über der Leere. Zwischen der Hauswand und mehreren Pfosten waren Hängematten befestigt, die, wie die Frau andeutete, den Gästen zur Verfügung standen. Ein schmaler Gang, er wurde durch lange dünne Balken gestützt, führte den Abgrund entlang zu einem Klosett, das lediglich aus einer Stange über dem windigen Nichts bestand und aus einer Röhre mit kaltem Wasser. Tief unten konnte man als dünnen Strich einen Fluß oder Bach sehen. Das ist hoffentlich nicht die Quelle des Chip-chaps, dachte Elvo Glissam.

Die drei Männer holten sich Krüge mit Bier auf den Balkon: es war ein helles Gebräu, das nach dem Sonnenschein der Palga und Warzenbeeren roch. Die drei tranken schweigend, während die Sonne Methuen mit einem Bersten von Scharlachrot, Rosa und Hellrot unterging, wie ein König, der seinem Ende entgegenschreitet.

Immer noch sprachen sie nicht. Die große Frau kam heraus und füllte die Krüge nach, dann blickte sie auf den Sonnenuntergang, als hätte sie ihr ganzes Leben noch nie etwas so Beeindruckendes gesehen. Erst nach ein paar Minuten kehrte sie stumm in die Gaststube zurück.

Elvo Glissam, leicht beschwipst vom Bier und dem großartigen Sonnenuntergang, vergaß alle seine Ängste und Zweifel. Er erlebte den schönsten Augenblick, solange er sich zurückerinnern konnte – und das in einer so bizarren Umgebung und mit Gefährten, die er sich normalerweise nicht ausgesucht hätte. Fragen schossen durch seinen Kopf. Er wandte sich an Kurgech: „Werden die Windläufer tatsächlich durch die Fiaps geleitet?“

„Sie kennen keine andere Kontrolle.“

„Was geschähe, wenn einer nicht auf einen Fiap achtete, ihm zuwiderhandelte?“

Kurgech machte eine Geste, die besagte, daß eine solche Frage unnötig war. „Wer dagegen verstößt, muß leiden und findet oft einen nicht sehr angenehmen Tod.“

„Woher wußten Sie, daß die Fiaps des Priesters zauberkräftig sind?“

Kurgech hob stumm die Schultern.

„Wenn Sie an einem Ort leben, wo Magie unbekannt ist, werden Sie sie nie erkennen“, brummte Gerd Jemasze.

Elvo blickte über den weiten Himmel. „Ich hatte noch nie etwas mit Zauber zu tun – bis jetzt.“

Die Dämmerung verwischte die Konturen. Die Frau kam in königlicher Haltung heraus und erklärte, daß das Abendessen bereit stünde. Die drei Männer folgten ihr in die Gaststube und aßen mit Appetit salziges Brot, dicke Bohnen und Wurst, Gurken mit ungewohnten Zutaten eingelegt und einen Salat aus süßen Gräsern. Die Spieler kümmerten sich um nichts als ihr Spiel, für das sie zehn Zentimeter lange Stäbchen aus glänzendem Holz benutzten, die an ihren beiden Enden in unterschiedliche, grelle Farben getaucht waren und von denen die meisten, aber nicht alle, von einem zum anderen Ende farblich differierten. Jeder Spieler nahm, wenn er an der Reihe war, ein Stäbchen aus einem Behälter und verbarg die Enden vor den anderen Spielern, bis er nach einiger Überlegung eines der beiden Enden in seinem Ständer herzeigte. Nach jedem Zug konnte man sich entscheiden, ob man das Stäbchen behalten oder auf dem Tisch offen vor sich ablegen wollte. Letzteres geschah gewöhnlich mit einem herzhaften Fluch oder einem wütenden Faustschlag. Das Spiel schaffte tatsächlich Spannung, und die drei bemerkten, daß die Spieler des öfteren sehr erstaunt dreinblickten oder nachdenklich die Stirn runzelten.

Jemasze und Kurgech zogen sich bald in ihre Hängematten zurück. Elvo blieb und sah weiter dem Spiel zu, das sich als viel komplizierter herausstellte, als er es zuerst gehalten hatte. Die hundertundfünf Stäbchen waren in einundzwanzig verschiedenen Sorten aufgeteilt und differierten durch ihre unterschiedlichen Streifenkombinationen in den Farben Rot, Schwarz, Orange, Weiß, Blau und Grün. Zu Anfang des Spiels wurden alle Stäbchen in einen Behälter gegeben, der dann gedreht wurde, bis eines der Stäbchen durch eine Öffnung rutschte, aber so, daß die beiden Enden unsichtbar blieben. Der Spieler, der den Behälter gedreht hatte, nahm das Stäbchen, betrachtete es, ohne daß die anderen die Enden sehen konnten, dann steckte er es mit einem Ende durch ein Loch in dem Ständer auf dem Tisch vor sich. Jeder Spieler durfte der Reihe nach den Behälter drehen und ein Stäbchen ziehen, das er behielt oder ablegte, bis jeder fünf in verschiedenen Farbvariationen aus seinem Ständer ragen hatte, während die Farben der unteren Enden im Ständer nur dem Spieler bekannt waren. Nach jeder Runde machten die Spieler ihren Einsatz, erhöhten ihn manchmal oder schieden, je nach ihren Chancen, aus. Dann zog der Spieler ein weiteres Stäbchen, das er entweder ablegte oder in seinen Ständer steckte. Tat er letzteres, legte er dafür ein anderes aus seinem Ständer ab. Das ging so fort, bis alle Stäbchen gezogen, ausgewählt oder abgelegt waren. Nun studierten die Spieler die abgelegten Stäbchen der anderen, und die Farben, die über den Ständern herausragten, und versuchten danach die verborgenen Farben zu erraten. All das diente als Grundlage für den abschließenden Einsatz. Erst als er gesetzt war, wiesen die Spieler die verborgenen Enden ihrer Stäbchen vor. Die höchste Kombination hatte gewonnen, und der glückliche Gewinner strich den gesamten Einsatz ein. Elvo, den die Flüche, das Brummen und die Fausthiebe nicht gerade ermunterten, beschloß seiner Neugier keinen größeren Lauf zu lassen und hielt sich deshalb in respektvoller Entfernung von den Spielern und stellte ihnen auch vorsichtshalber keine Fragen. Deshalb wurde ihm auch nicht klar, welches die höchsten Kombinationen waren, obwohl es ihn brennend interessiert hätte.

Die junge Frau brachte ihm ungebeten einen weiteren Krug Bier, den er gern annahm. Er versuchte ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um sich ein wenig mit ihr zu unterhalten, als ein neuer Gast die Stube betrat, ein Mann von ungewöhnlicher Erscheinung und Miene. Sein übergroßes Gesicht hatte ungleichmäßige, plumpe Züge, ein seltsam geformtes, breites Kinn, einen weiten, sehr beweglichen Schlitz von Mund, der zu einem geistlosen Grinsen verzerrt war. Seine runden, blaßgrauen Augen blinzelten und zuckten, als störe das Licht der Lampen sie. Lange, schwere Arme baumelten von kräftigen Schultern. Muskeln und Knochen hoben sich gleichermaßen aus dem Rumpf ab. Die stämmigen Beine endeten in riesigen Füßen. Er sieht sowohl wie ein Schwachkopf als auch wie ein verschlagener Fuchs aus, dachte Elvo Glissam, dumm, aber eingebildet.

Die Spieler warfen ihm nur einen Blick aus den Augenwinkeln zu, achteten jedoch nicht weiter auf ihn. Der Schankbursche tat, als wäre er nicht vorhanden. Der Mann ging auf die Frau zu und sprach zu ihr. Mit einem sanften, betrübten Lächeln holte er plötzlich aus und schlug sie ins Gesicht. Allein das Geräusch der Ohrfeige drehte Elvo Glissam den Magen um. Die Frau fiel durch die Wucht des Schlages auf den Boden. Jetzt trat der Mann ihr den Fuß in den Hals.

Elvo wußte, daß er dieses Bild nie wieder vergessen würde. Die bleiche junge Frau lag auf den Steinfliesen, Blut rann ihr aus dem Mund, während ihr Gesicht völlig unbewegt war und ihre Augen blicklos in die Luft starrten. Der Mann schaute mit stolzer Freude auf sie hinab und hob den Fuß zu einem weiteren Stoß, wie ein Mann, der einen neuen, grotesken Tanzschritt ausprobierte. Die Spieler warfen zwar weiter Seitenblicke auf die Szene, aber sie mischten sich nicht ein. Elvo Glissam saß vor Entsetzen wie erstarrt. Und dann plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, griff er nach dem Fuß und zog daran, daß der Mann ebenfalls auf den Boden stürzte, jedoch sofort mit unvorstellbarer Behendigkeit wieder aufsprang. Immer noch mit dem sanften betrübten Lächeln wie eingefroren auf seinem Gesicht, holte er mit dem Bein aus, um nach Elvos Kopf zu schlagen. In seinem ganzen Leben hatte Elvo noch nie mit bloßen Händen gekämpft. Er wußte nicht, was er tun sollte, außer rückwärts auszuweichen, so daß der Tritt ins Leere ging. In seiner Verzweiflung packte er den Fuß und rannte damit vorwärts. Der Mann, dessen Gesicht jetzt plötzlich vor Schrecken verzerrt war, hopste mit einem Fuß hinterher, bis er sich befreit hatte, dann sprang er eigenartig hüpfend zur Hintertür hinaus auf den Balkon und über die Brüstung in die Tiefe.

Elvo wankte zu seinem Platz zurück. Er keuchte heftig und leerte schließlich seinen Krug mit einem Zug. Die Spieler beschäftigten sich weiter mit ihren Stäbchen. Die Frau schwankte aus der Gaststube. Außer den Geräuschen der Spieler war es völlig still in dem großen Raum. Elvo rieb sich die Stirn und starrte in seinen leeren Krug. Die ganze Episode mußte zweifellos eine Halluzination gewesen sein… Mehrere Minuten lang blieb er reglos sitzen. Ein eigentümlicher Gedanke machte sich in ihm breit. Der Mann hatte keine Fiaps getragen, keine Schutzzauber. Elvo schob nachdenklich den Krug zur Seite, dann stand er auf und ging hinaus zu seiner Hängematte.

Kapitel 8

Am Morgen wurde der Zwischenfall mit keinem Wort erwähnt. Der Wirt servierte das Frühstück, bestehend aus Brot, Tee und kaltem Braten, selbst und nahm auch die Bezahlung für Unterkunft und Verpflegung von Gerd Jemasze entgegen. Die drei verließen den Gasthof zum Segelmacher und gingen zum Platz hinter den Werkstätten. Der Luftwagen stand noch so da, wie sie ihn verlassen hatten. Jemasze wandte seine Aufmerksamkeit den Segelwagen zu. Einem großen achträdrigen Bierkarren mit drei Masten und einer Unzahl von Segeln, Spieren und Tauen widmete er nur einen flüchtigen Blick. Mehr Interesse zeigte er für die sechs- und vierrädrigen Hauswagen. Ihre Gummireifen waren mindestens zwei Meter fünfzig hoch. Das Haus selbst ruhte auf gut gefederten Aufhängungen nicht mehr als siebzig Zentimeter über dem Boden. Die meisten dieser Hauswagen waren wie Schoner oder zweimastige Brigantinen getakelt. Wie die Frachtwagen schienen sie eher für Fahrten mit den Monsunen geeignet denn für Schnelligkeit oder Manövrierfähigkeit.

Jemasze widmete sich jetzt einem Landewer von etwa zehn Metern Länge, mit vier austauschbaren Rädern und flacher Lage, mit je einem Paar Kajüten am Heck und am Bug. Der Vormann aus der Werkstatt hatte ihn unauffällig beobachtet. Nun kam er herbei, um Jemasze nach seinen Wünschen zu fragen. Die beiden besprachen sich und handelten fast eine ganze Stunde miteinander, bis Gerd Jemasze eine vernünftige Mietgebühr für den Landewer ausgefeilscht hatte und der Vormann sich in die Werkstatt begab, um Segel für das Fahrzeug zu holen. Jemasze und Kurgech kehrten in den Gasthof zurück, wo sie Proviant erstanden, während Elvo ihr Gepäck aus dem Flugwagen in den Ewer schaffte.

Der Priester Moffamides kam über den Hof geschlendert. „Ihr habt einen guten Wagen für eure Reise ausgesucht“, lobte er Elvo. „Stabil, mit guter Lage, schnell und leicht.“

Elvo Glissam nickte dankend. „Welche Art von Segelwagen hat Uther Madduc benutzt?“

Moffamides blickte ihn nicht an. „Einen ähnlichen, nehme ich an.“

Mehrere Arbeiter kamen aus der Werkstatt mit den Segeln, die sie gleich an den Masten befestigten. Moffamides sah wohlwollend zu. Elvo überlegte, ob er etwas von dem Zwischenfall in der vergangenen Nacht erwähnen sollte, der ihm allmählich völlig unwirklich erschien. Er entschied sich dagegen. Doch über irgend etwas sollte er sich wohl mit dem Priester unterhalten. Er bemühte sich um besondere Beiläufigkeit im Ton, als er sagte: „Ich lebe auf Szintarre, in Olanje. Man sieht dort viele Erjinen. Wie schaffen Sie es nur, sie zu zähmen?“

Moffamides drehte langsam den Kopf und musterte Elvo durch halbgeschlossene Lider. „Es ist ein äußerst komplizierter Prozeß. Wir fangen mit Nestlingen an und bilden sie aus, daß sie unseren Befehlen gehorchen.“

„Genauso dachte ich es mir. Aber wie kann aus einem so wilden Tier ein halbintelligenter Hausdiener werden?“

„He ho! Diese wilden Tiere sind von Anfang an halbintelligent. Wir überzeugen sie davon, daß sie ein besseres Leben als Uldra-Reittiere führen können, denn als halbverhungerte nackte Wilde in der Wüste und ein noch besseres als Diener für Ausker.“

„Dann können Sie sich also mit ihnen verständigen?“

Moffamides hob die Augen zum Himmel. „In gewisser Weise.“

„Durch Telepathie?“

Moffamides runzelte die Stirn. „Wir sind keine echten Adepten.“

„Hmm. Eine bedeutende Gesellschaft in Olanje beabsichtigt mit der Versklavung von Erjinen Schluß zu machen. Wie denken Sie darüber?“

„Dummheit! Den Erjinen geht es dann nur schlechter, und sie sind von keinerlei Nutzen für irgend jemanden. Wir müssen auch an unseren Handel denken, denn für sie bekommen wir gute Räder und die Metallteile für unsere Wagen.“

„Finden Sie denn nicht, daß der Handel unmoralisch ist?“

Moffamides blickte Elvo erstaunt an. „Es ist eine Arbeit, die Ahariszeio gutheißt.“

„Ich würde gern die Laboratorien oder Lager, oder wie immer man sie auch nennt, besuchen. Ließe sich das ermöglichen?“

Moffamides lachte brüsk. „Keinesfalls! Hier sind Ihre Freunde.“

Jemasze und Kurgech kamen zu dem Landewer. Moffamides grüßte sie unbefangen. „Euer Wagen ist bereit und sehnt sich schon nach der Sarai. Der richtige Wind weht. Es ist Zeit für euch, aufzubrechen.“

„Alles gut und schön“, wehrte Jemasze ab, „erst müssen wir wissen, wie wir Poliamides finden können.“

„Ihr tätet gut daran, ihn zu vergessen. Er ist weit, weit weg. Wie alle Ausker grübelt ihr zuviel über das Unbedeutende.“

„Das gebe ich zu. Wo ist Poliamides?“

Moffamides machte eine nichtssagende Geste. „Das kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht.“

Kurgech beugte sich vor und blickte dem Priester fest in die blaßgrauen Augen. Moffamides‘ Gesicht wurde bleich. Kurgech murmelte sanft: „Ihr lügt!“

„Versuche keine deiner Blauen Magie hier in der Palga!“ rief der Priester wütend. „Wir sind nicht ohne Schutz dagegen!“ Sofort fing er sich wieder. „Ich versuche nur, euch zu helfen. Die Zeichen sind schlecht. Uther Madduc kam zu Schaden. Und jetzt wollt ihr seine Unbedachtheit wiederholen. Ist es ein Wunder, daß ich falsche Winde spüre?“

„Uther Madduc wurde von einem Blauen getötet“, sagte Gerd Jemasze. „Soweit wir wissen, gibt es keine Verbindung zwischen seinem Tod und seiner Reise über die Palga.“

Moffamides lächelte. „Vielleicht täuscht ihr euch.“

„Vielleicht. Nun, beabsichtigt Ihr uns zu helfen oder zu behindern?“

„Ich helfe euch am besten, indem ich euch dränge, zu den Alouanen zurückzukehren.“

„Welcher Gefahr würden wir denn begegnen? Die Palga ist bekannt für ihre Friedlichkeit.“

„Man darf den Srenki nicht in die Quere kommen“, murmelte Moffamides. „Sie üben ihre tragischen Taten aus und schützen dadurch uns alle.“

Plötzlich verstand Elvo. Der schreckliche Mann von der vergangenen Nacht war ein Srenki gewesen. Wollte Moffamides sie warnen oder ihn zurechtweisen?“

„Sie tragen ihr unglückliches Geschick mit Schmerzen“, fuhr Moffamides leiernd fort. „Mißhandelt man einen von ihnen, rächen die anderen sich.“

„Damit haben wir nichts zu tun“, brummte Jemasze. „Weist uns den Weg zu Poliamides, dann brechen wir auf.“

Elvo Glissam blickte mit gerunzelter Stirn in den Himmel. Moffamides erklärte: „Segelt nordost auf der breiten Bahn. Biegt in die dritte Spur ein, auf die ihr am dritten Tag stoßen werdet. Folgt diesem Weg vier Tage bis zum Aluban – das ist ein großer Wald – und fragt bei der weißen Säule nach Poliamides.“

„Sehr gut. Habt ihr unsere Fiaps fertig?“

Moffamides blieb einen Augenblick stumm stehen, dann drehte er sich um und schritt davon. Fünf Minuten später kehrte er mit einem Weidenkorb zurück. „Hier sind sehr wirksame Fiaps. Der grün-gelbe schützt euren Landewer. Der orange-schwarz-weiße ist für euren persönlichen Schutz. Ich wünsche euch den Genuß welch guter Winde euch Ahariszeio auch senden mag.“

Dann schritt Moffamides über den Hof davon.

Elvo, Kurgech und Gerd Jemasze stiegen in den Landewer. Jemasze ließ den Hilfsmotor an, und der Wagen rollte hinaus auf die Sarai. Aus dem Süden blies der Monsun. Elvo übernahm das Steuer, während Kurgech und Jemasze den Klüver, das Groß- und Besansegel setzten. Und nun rollte der Wagen über den nachgiebigen Soum1. Elvo lehnte sich im Sitz zurück. Er blickte zum Himmel hoch und betrachtete dann die Landschaft, deren einziger Kontrast von den Schatten der über ihr dahinziehenden Wolken kam, und schließlich schaute er über die Schulter zurück zum immer kleiner werdenden Depot Nr. 2. Freiheit! Hinaus auf die windige Sarai, mit endlosem Raum um sich! Wie herrlich war doch das Leben eines Windläufers!

[1 Soum: die dicken, zähen Flechten, die den größten Teil der Palga bedecken.]

Jemasze braßte die Segel. Der Landewer schoß vorwärts und erreichte eine Geschwindigkeit, die Elvo auf etwa fünfzig Stundenkilometer schätzte.

Um die Steuerung brauchte man sich kaum zu kümmern. Elvo stand auf und befestigte das Steuerrad mit einem krallenförmigen Gerät, dann genoß er das sanfte Rollen des Ewers. Kurgech und Jemasze empfanden wie er. Kurgech stand am Großmast, der Wind spielte mit seinen spärlichen hellbraunen Locken. Jemasze hatte es sich im Cockpit bequem gemacht und zapfte gerade eines der Fässer Bier an, die er im Gasthof erstanden hatte. „Gibt es ein herrlicheres Leben?“ fragte er.

*    *     *

Methuen stieg höher. Das Depot Nr. 2 war schon längst achteraus verschwunden. Die Sarai hatte sich nicht verändert: sie war ein graubraunes Flachland, dem da und dort einige Büschel steifen gelben Strohs und ein paar vereinzelte niedrige Blumen Farbe verliehen. Die Schatten der Wolken strichen über den Soum, die Luft war frisch, weder zu kühl noch zu warm, und roch ganz leicht nach Stroh und dem würzigen, aber schwachen Duft der Flechten. Es gab im Grunde genommen nichts zu sehen, trotzdem fand Elvo die Landschaft alles andere als eintönig. Sie veränderte sich ständig auf eine Weise, die er nur schwer definieren konnte. Vielleicht machten das die Wolken und ihre Schatten? Die Räder, die bei der eingehaltenen Geschwindigkeit zu flüstern schienen, hinterließen eine dunkle Spur im Soum. Hin und wieder stießen sie auf ähnliche, nicht mehr ganz so tiefe Fährten, die verrieten, daß vor kurzem andere Segelwagen diesen Weg gekommen waren.

Elvo bemerkte, daß Kurgech und Jemasze miteinander sprachen und dabei achteraus blickten. Er stand auf und suchte den südlichen Horizont ab. Aber er sah nichts, also ließ er sich wieder auf seinem Sitz nieder. Da weder Kurgech noch Jemasze es für nötig hielten, ihn zu informieren, stellte er auch keine Fragen.

Etwa gegen Mitte des Nachmittags erhoben sich am Horizont kleine Buckel, die sich beim Näherkommen als recht beachtliche Hügel entpuppten und von Feldern und Gärten umgeben waren. Getreide und Melonen wuchsen dort, Obstbäume, Brot-und-Butter-Pflanzen, Pfefferbüsche, Elixierranken. Die Felder beziehungsweise Gärten waren jeweils etwa einen Morgen groß und wurden durch ein Netzwerk von Röhren bewässert, die strahlenförmig aus einem Weiher führten. Sehr auffällige Fiaps schützten sie alle.

Es war jetzt Spätnachmittag, und da der Weiher zu einem Bad geradezu einlud, beschloß Jemasze, dort zu lagern. Elvo blickte verlangend auf die Obstbäume, aber Gerd deutete warnend auf die Fiaps: „Lassen Sie sich nicht in Versuchung führen!“

„Die Früchte sind reif! Sie werden alle verderben! Einige sind schon ganz verfault!“ gab Elvo zu bedenken.

„Ich rate Ihnen trotzdem, die Hände davon zu lassen.“

„Hmm. Was würde passieren, wenn ich, sagen wir, eine von den Mandarinen äße?“

„Ich weiß nur, daß Ihr Irrsinn oder Tod uns Unannehmlichkeiten bereiten würde. Ich bitte Sie deshalb, Ihren Appetit zu zügeln.“

„Ja, natürlich“, murmelte Elvo steif. „Selbstverständlich.“

Die drei refften die Segel und blockierten die Räder. Dann badeten sie im Weiher, bereiteten sich ihr Abendessen über einem Lagerfeuer zu und genossen bei einer Tasse Tee in aller Ruhe den herrlichen Sonnenuntergang.

Aus der Dämmerung wurde Nacht. Sterne ohne Zahl funkelten am Firmament. Im Zenit leuchtete das Sternbild Gyrgus, südwestlich davon Pendadex und im Osten in feuriger Pracht der Alastor-Sternhaufen. Die Männer breiteten lose mit Aerosporen gefüllte Matten auf dem Deck des Ewers aus und legten sich zur Ruhe.

Gegen Mitternacht erwachte Elvo und dachte schlaftrunken über den Zwischenfall des vergangenen Abends nach. War er Wirklichkeit gewesen? Oder eine Halluzination…? Draußen auf der Palga ertönte ein sanftes, aber gespenstisches Pfeifen, dem kurz darauf ein ähnliches aus einer anderen Richtung antwortete. Elvo erhob sich so lautlos wie nur möglich und trat an den Großmast. Ein Mann schaute im Sternenlicht auf ihn herab. Elvos Herz setzte einen Schlag lang aus, und er schrie unwillkürlich erschrocken auf. Der Mann brummte verärgert etwas Unverständliches. Jetzt erst erkannte Elvo Kurgech. Er flüsterte: „Haben Sie das Pfeifen gehört?“

„Insekten.“

„Warum stehen Sie dann hier?“

„Die Insekten pfeifen, wenn sie aufgescheucht werden – durch einen Nachtfalken oder einen Springer, vielleicht.“

Aus einer Entfernung von nicht mehr als zehn Metern erklang jetzt ein flötendes Trillern. „Gerd Jemasze ist dort unten“, murmelte Kurgech. „Er beobachtet den Horizont.“

„Weshalb?“

„Um möglicherweise festzustellen, wer uns gefolgt ist.“

Kurgech und Elvo Glissam blieben still im Sternenlicht stehen. Eine halbe Stunde verging. Der Ewer knarrte ein wenig. „Nichts“, hörten sie Jemaszes Stimme.

„Ich habe auch nichts gespürt“, versicherte ihm Kurgech.

„Ich hätte einen Satz Sensoren mitbringen sollen“, brummte Jemasze. Dann hätten wir wenigstens ruhig schlafen können.“

„Die Signalkäfer leisten uns recht gute Dienste.“

„Ich dachte, die Windläufer belästigen niemanden“, sagte Elvo erstaunt.

„Dafür die Srenki, wie es ihnen gerade gefällt.“

Jemasze und Kurgech kehrten auf ihre Matten zurück, Elvo Glissam folgte ihnen nach einer Weile.

Der Morgen überflutete den Osten mit brennend rosigem Licht. Die Wolken glühten scharlachrot, und die Sonne ging auf. Nicht der Hauch einer Brise spielte mit den Segeln des Ewers, also ließen die drei sich Zeit beim Frühstück.

Da die Flaute noch anhielt, stieg Elvo auf die Kuppe eines nahegelegenen Hügels und auf der anderen Seite gemächlich hinunter. Hier entdeckte er eine Gruppe wilder Papayen. Diese Melonenfrüchte schienen reif und saftig zu sein. Es waren rote Bälle mit orangefarbigen Sternenstielen, die von schwarzen, zusammengerollten Blättern umgeben waren. Obgleich ihm die Früchte das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, pflückte er keine.

Als er um den Fuß des Hügels zurückkehrte, begegnete er Kurgech mit einem Sack voll Krebse, die er aus einem Bewässerungsgraben geholt hatte. Elvo erwähnte die Papayen, und Kurgech meinte, sie würden gut zu den gekochten Krebsen passen. Also begleitete er Elvo zurück zu den Melonenbäumen. Kurgech hielt Ausschau nach Fiaps, und als er nirgendwo in der Nähe welche entdeckte, pflückten die beiden Männer so viele der Melonenfrüchte, wie sie nur tragen konnten.

Zurück auf dem Ewer stellten sie fest, daß alle tragbaren Geräte, die Ausrüstung und der gesamte Proviant, verschwunden waren. Kurz nach ihnen kam auch Gerd Jemasze von seinem Morgenbad aus dem Weiher zurück und blickte sich genauso entgeistert um wie die beiden anderen.

Kurgech stieß eine Reihe von zischenden Uldraflüchen aus, die alle Moffamides galten. „Seine Fiaps sind so zerfließend wie Wasser. Er schickte uns nackt aus.“

Gerd Jemasze antwortete mit dem für ihn charakteristischen Nicken. „Kam natürlich nicht ganz unerwartet. Was liest du aus den Spuren?“

Kurgech untersuchte den Soum. Seine Nase zuckte. Er beugte sich dichter über den Boden und studierte ihn. „Ein einzelner Mann kam und ging.“ Er verfolgte die Fährte etwa zwanzig Meter. „Hier ist er in seinen Wagen gestiegen und in dieser Richtung aufgebrochen.“ Er deutete westwärts, zum Fuß des Hügels.

Jemasze überlegte. „Der Wind ist immer noch nicht aufgekommen. Seine Geschwindigkeit kann demnach nicht sehr groß sein.“ Er kniff die Augen halb zusammen und betrachtete die Spuren des Fahrzeugs, drei dunkle Streifen auf dem Soum. „Sie machen einen Bogen. Er fährt also um den Hügel herum. Kurgech, du verfolgst die Spur, ich steige über den Hügel. So müßten wir ihn auf der anderen Seite erwischen. Elvo, Sie bleiben hier und bewachen den Ewer, ehe der auch noch gestohlen wird.“

Die beiden Männer machten sich auf den Weg. Kurgech trottete auf der Spur, Jemasze kletterte den Hügel hoch.

Kurgech entdeckte den Wagen des Diebes als erster. Es war ein kleines, hochmastiges Boot mit drei dünnen Rädern und schlaffen Segeln, das sich kaum schneller als ein Fußgänger bewegte. Als sein Steuermann Kurgech sah, drehte er das Segel, blickte suchend in den Himmel und studierte schließlich den Horizont ringsum, doch außer Gerd Jemasze, der ausgerechnet aus der Richtung kam, in die er fuhr, sah er nichts und niemanden.

Jemasze erreichte den kleinen Wagen noch vor Kurgech. Er hob die Hand. „Halt!“

Der Steuermann und einzige Passagier, ein Mann mittleren Alters und nicht sonderlich groß, musterte mit seinen blaßgrauen Augen Jemasze von oben bis unten. Dann luvte er sein Segel an und bremste. „Weshalb stellst du dich mir in den Weg?“ brummte er.

„Weil du unser Eigentum gestohlen hast. Dreh um.“

Der Windläufer blickte ihn trotzig an. „Ich habe nur genommen, was zu holen war.“

„Hast du denn unseren Fiap nicht gesehen?“

„Der Fiap ist tot. Er hat seinen Zauber schon voriges Jahr verbraucht. Ihr habt kein Recht, alte Fiaps zu verwenden. Eine solche Handlung ist das nichtsnutzige Spiel von unartigen Kindern.“

„Also Fiaps vom vorigen Jahr?“ murmelte Gerd Jemasze. „Woher weißt du das?“

„Ist es denn nicht offensichtlich? Seht ihr denn den rosa Streifen auf dem Orange nicht? Und jetzt geht mir aus dem Weg. Ich habe keine Zeit für dummes Gewäsch.“

„Genausowenig wie wir“, versicherte ihm Jemasze. „Wende deinen Wagen und segle zu unserem Ewer zurück.“

„Kommt nicht in Frage. Ich tue, was mir gefällt, und ihr könnt gar nichts dagegen machen. Mein Fiap ist frisch und stark.“

Jemasze stellte sich direkt vor das Boot. Er deutete auf den Hügel. „Siehst du die Steine dort? Was ist, wenn wir sie vor und hinter deinem Kahn aufhäufen? Wird dein Fiap dich darüber tragen?“

„Ich werde weitersegeln, ehe ihr die Steine aufhäufen könnt.“

„Dann wirst du über mich hinwegfahren müssen.“

„Na und? Dein persönlicher Fiap ist ein Witz. Wen willst du damit hereinlegen? Er hing noch vor gar nicht so langer Zeit an einem Bierfaß, um zu verhindern, daß das Malz sauer würde.“

Jemasze lachte. Er zog den Fiap über den Kopf und schleuderte ihn von sich. „Kurgech, hol Steine. Wir werden diesen Dieb einmauern, daß er nie mehr von hier fort kann.“

Der Windläufer heulte wütend auf. „Ihr seid getarnte Morphoten! Muß ich denn immer meinen Gewinn an Räuber verlieren? Gibt es keine Gerechtigkeit mehr auf der Palga?“

„Wir werden uns gern mit Philosophie befassen, wenn wir unser Eigentum zurückhaben.“

Fluchend und brummend wendete der Windläufer sein Boot und segelte den Weg zurück, den er gekommen war. Kurgech und Jemasze stapften hinter ihm her. Nachdem der Windläufer neben dem Ewer angehalten hatte, gab er mit saurer Miene die Sachen zurück, die er sich angeeignet hatte.

Jemasze fragte ihn: „Wo fährst du hin?“

„Zum Depot. Wohin sonst?“

„Geh zu Moffamides, dem Priester. Sag ihm, daß du uns getroffen hast. Erzähl ihm, was geschehen ist, und versichere ihm, daß wir ihn mit uns zu den Alouanen nehmen und für immer in einen Käfig sperren, falls der Fiap, der unseren Luftwagen schützt, ebenso wirkungslos ist wie die anderen, die er uns gegeben hat. Er wird uns nicht entkommen, sag ihm das! Wir werden seiner Spur folgen, wohin immer er auch geht. Sag ihm auch das. Du kannst sicher sein, daß er dich anhören wird!“

Der Windläufer preßte wütend die Lippen zusammen und segelte mit der frisch aufkommenden Brise südwärts.

Elvo und Jemasze verstauten die zurückgewonnenen Sachen wieder, während Kurgech die Krebse kochte, damit sie sie unterwegs als Mittagessen verspeisen konnten. Dann hißten sie die Segel, und der Ewer rollte flink nordwärts.

Gegen Mittag deutete Kurgech über den Bug auf die geblähten Segel von drei hohen Brigantinen. „Die erste der Spuren.“

„Wenn Moffamides uns den richtigen Weg wies.“

„Das tat er. Zumindest soviel konnte ich seinem Geist entnehmen. Ich las auch, daß er uns einen Possen spielte. Inzwischen wissen wir ja, welchen.“

„Jetzt verstehe ich, weshalb Ausker so selten über die Palga reisen“, murmelte Elvo düster.

„Man sieht sie hier nicht gern, das ist richtig.“

Die Brigantinen fuhren vor dem Ewer vorüber. Es waren drei Bierwagen, jeder mit drei riesigen Fässern beladen. Ihre Mannschaft blickte desinteressiert auf die Fremden und ignorierte Elvo Glissams freundliches Winken.

Der Ewer überquerte nun die Bahn – eine breite Straße aus dichtem Soum – und richtete seinen Bug erneut auf die offene Sarai.

Eine Stunde später segelten sie an einem weiteren Bewässerungsnetz vorbei. Windläufer-Familien arbeiteten auf den Feldern. Sie pflügten, jäteten, ernteten Erbsen und Bohnen und pflückten Früchte. Ihre Segelwagen standen am Rand der Felder. Gegen Mittnachmittag überholte der Ewer einen solchen Wagen. Es war ein sechsrädriger Schoner mit zwei hohen Masten, drei Klüvern und Marssegeln. Zwei Männer lehnten an der Heckreling, Kinder spielten auf dem Deck, und eine Frau blickte aus dem Bullauge der Heckkabine, als der Ewer sich näherte. Elvo steuerte so, daß er sie mit dem Abwind überholte, was er für am zuvorkommendsten hielt. Die Windläufer würdigten es jedoch überhaupt nicht und auch sie ignorierten sein freundliches Winken. Merkwürdige Menschen, dachte Elvo verdrossen. Kurz danach änderte der Schoner seinen Kurs und segelte nordwärts. Er wurde allmählich zum weißen Punkt, der schließlich verschwand.

Der Wind blies nun ziemlich heftig. Südlich schoben sich schwarze Wolken über den Himmel. Jemasze und Kurgech refften das Großsegel, ließen das Besansegel herab und holten den Ausleger ein, trotzdem rollte der Ewer weiter auf zischenden Rädern über den Soum.

Die Wolken flogen heran, und es begann zu regnen. Die drei Männer holten nun alle Segel herunter, blockierten die Räder und zogen die Bremsen an. Dann warfen sie eine schwere Metallkette, die durch die Wanten mit dem Blitzableiter verbunden war, über Bord und zogen sich in die Heckkabine zurück. Zwei Stunden lang blitzte und donnerte es fast pausenlos, dann zog das Gewitter nordwärts weiter. Der Regen hörte auf, der Wind ließ nach und eine fast unheimliche Stille blieb zurück.

Die drei Männer krochen aus der Kabine und blickten auf. Die Sonne ging hinter aufgewühlten Sturmwolken unter und verwandelte den Himmel in einen Teppich flammenden Purpurs. Während Gerd Jemasze und Elvo sich um den Ewer kümmerten, kochte Kurgech in der Kombüse am Bug eine Suppe, die sie mit hartem Brot und Papayas zu Abend aßen.

Eine gemächliche sanfte Brise blies die restlichen Unwetterwolken nordwärts. Der Himmel klarte auf und war mit funkelnden Sternen bestreut. Die Sarai schien völlig verlassen und einsam. Elvo stellte erstaunt fest, daß Kurgech ganz offensichtlich beunruhigt war. Nach ein paar Minuten, als die Nervosität des anderen auch ihn angesteckt hatte, erkundigte er sich. „Was ist denn los?“

„Etwas zerrt an uns.“

Jemasze hob die Hand in den Wind. „Sollten wir vielleicht noch eine Stunde weitersegeln? Es dürfte hier kaum etwas geben, mit dem wir zusammenstoßen könnten.“

Kurgech war sofort einverstanden. „Ich bin froh, wenn wir von hier wegkommen.“

Die Segel wurden wieder gehißt, der Ewer wendete etwa neunzig Grad, dann fuhr er mit fünfzehn Stundenkilometer nordostwärts. Kurgech steuerte nach Koryphons Nordstern Tethanor, der Zehe des Basilisken.

Sie segelten vier Stunden bis Mitternacht, als Kurgech erleichtert erklärte: „Die Gefahr scheint vorbei zu sein. Ich spüre das Zerren nicht länger.“

„Dann können wir ja jetzt Halt machen“, meinte Jemasze. Die Segel wurden heruntergeholt, die Bremsen angezogen, und die drei legten sich zur Ruhe.

In der Dämmerung hißten sie die Segel wieder und warteten schweigend auf den Morgenwind, der sich jedoch Zeit ließ. Endlich kam der Monsun, und der Ewer rollte nordostwärts dahin.

Nach einer Stunde Fahrt überquerten sie die zweite Spur. Außer einem hohen, schmalen Dreiecksegel weit achteraus war jedoch nichts zu sehen.

Die Sarai wurde nun wellig, erst fast unmerklich, doch dann kamen sie in ein Gebiet mit flachkuppeligen Hügeln und weiten Tälern. Schmale Simse schwarzen Trapps schoben sich schräg aus dem Soum. Jetzt verlangte die Navigation zum erstenmal Überlegung und Taktik. Die einfachste Route war gewöhnlich auf den Kuppen entlang, wo der Wind am stärksten blies und der Boden noch am ebensten war. Doch dummerweise verliefen diese Höhenzüge manchmal in ungünstigen Richtungen, dann mußte der Mann am Steuer den Ewer den Hang hinunterlenken und einen anderen wieder hoch. Häufig hatte der Hilfsmotor herzuhalten, um die letzten fünfzehn oder dreißig Meter zum Kamm überhaupt hochzukommen.

Ein Fluß schlängelte sich hier durch ein tiefes Tal mit Terrassenwänden, die der Ewer nicht erklimmen konnte. Sie mußten sich ganz am Rande des Tales halten, bis der Fluß eine Biegung nach Norden machte.

Der Wagen, der, wie sich nun herausstellte, mehr als nur ein hohes Dreiecksegel hatte, war ihnen inzwischen verhältnismäßig nahe gekommen. Jemasze griff nach dem Fernglas und studierte ihn. Er reichte es schließlich wortlos Kurgech, der schon nach einem Blick einen Uldrafluch ausstieß.

Nun blickte auch Elvo durch das Glas. Er sah einen langen, schwarzen Wagen aus drei Teilen, jeder mit einem bemerkenswert hohen Mast und schmalem Segel. Ein Fahrzeug, das zweifellos für hohe Geschwindigkeit und große Manövrierfähigkeit geschaffen war. Fünf Männer bemerkte er in den Wanten beziehungsweise im Cockpit. Einige hatten rote Tücher um den Kopf geschlungen. Ihre Bewegungen waren flink, aber merkwürdig ruckartig. Elvo erinnerte sich dabei gleich an den schrecklichen Mann, der das Gasthaus betreten hatte. Demnach waren diese Leute ebenfalls Srenki: Männer, deren Tugend übertriebene Grausamkeit war, die mit finsterem Eifer Böses taten und so ihre Brüder von ihren Sünden erlösten. Elvo war, als hätte er einen eisigen Klumpen im Bauch. Er blickte auf Gerd Jemasze, der scheinbar nur am Terrain vor ihnen interessiert war. Kurgech stand am Mast und blickte abwesend zum Himmel. Elvo spürte, wie Verzweiflung in ihm aufstieg und der kalte Schweiß seinen Rücken hinabrann. Er war aus mehreren, komplexen Gründen auf diese Expedition mitgekommen, aber ganz sicher nicht, weil er den Tod suchte. Mit weichen Knien schlurfte er zum Cockpit, wo Gerd Jemasze neben dem Ruder stand. „Das sind Srenki“, sagte er.

„Genau das war auch mein Eindruck.“

„Was werden Sie tun?“

Jemasze blickte über die Schulter auf den flinken schwarzen Schoner. „Nichts, außer sie greifen uns an.“

„Ist denn nicht gerade das ihre Absicht?“ rief Elvo, und seine Stimme klang schriller, als ihm lieb war.

„Es sieht ganz so aus.“ Jemasze blickte zum Segel hoch. „Wir könnten ihnen vielleicht mit Rückenwind entkommen, denn ihre Segel fangen einander die Brise ab.“

„Warum tun wir es dann nicht?“

„Weil in der Richtung das Flußtal liegt.“

Elvo studierte den schwarzen Wagen durch das Fernglas. „Sie haben Waffen – lange Gewehre.“

„Deshalb schieße ich auch nicht auf sie. Sie könnten zurückschießen. Offensichtlich wollen sie uns aber lebend.“

Wieder blickte Elvo auf den heranrasenden Schoner, bis die Gebärden und Gesichtsverrenkungen der Srenki ihm den Magen umdrehten. Mit gepreßter Stimme fragte er: „Was werden sie mit uns tun?“

Jemasze zuckte die Achseln. „Sie tragen Rot. Das bedeutet, daß sie auf Rache aus sind. Irgendwie scheinen wir sie beleidigt zu haben, obgleich ich nicht die geringste Ahnung habe, wie, wo und wann.“

Elvo Glissam musterte das im Abwind liegende Terrain durch das Glas. Er rief Jemasze zu: „Geradeaus ist ein Hügel. Er ist zu steil, daß wir ihn überqueren könnten, und seine Hänge führen direkt ins Flußtal. Wir müssen an ihm vorbei.“

„Dann hätten sie uns in zwanzig Sekunden“, brummte Jemasze.

„Aber – was können wir sonst tun?“

„Segeln. Machen Sie sich bereit, die Segel zu reffen, wenn ich es Ihnen sage.“

Elvo starrte Jemasze ungläubig an. „Die Segel reffen?“

„Erst, wenn ich das Zeichen dazu gebe.“

Elvo stellte sich an den Mast neben die Reffwinden. Der Srenkischoner war nun bereits auf etwa hundert Meter herangekommen. Die drei hohen Segel schienen über dem Ewer zu hängen. Zu Elvos Schrecken lockerte Jemasze die Segelleinen und bremste so den Ewer ab, wodurch er dem Schoner natürlich ermöglichte, noch schneller heranzukommen. Man konnte ihn bereits mit dem bloßen Auge in allen Einzelheiten sehen. Drei Männer standen auf dem Vorderdeck, die Oberkörper ein wenig vorgebeugt. Ihre hageren Gesichter lagen im Schatten des senkrechten rosigen Sonnenlichts. Unverständlicherweise lockerte Jemasze jetzt die Segelleinen noch mehr, und der Srenkiwagen holte immer schneller auf. Elvo öffnete die Lippen, um zu protestieren, doch dann preßte er sie in stummer Verzweiflung wieder zusammen und drehte sich um.

Vor ihnen fiel der Grund nun auf einer Seite zu der Flußschlucht ab, auf der anderen erhob er sich zu einem rundkuppeligen Felsen. Der Ewer krängte und begann zu rutschen. Hinter ihnen raste der schwarze Schoner so dicht heran, daß Elvo die Rufe der Besatzung hören konnte. Der Hang wurde steiler, der Ewer kippte gefährlich. Elvo, der über die Reling spähte, sah den Fluß tief unten. Hastig klammerte er sich an den Mast und schloß die Augen. Der Wind fegte über den Hang hinab. Der Ewer holperte hangabwärts wie eine Krabbe.

„Reffen!“ brüllte Jemasze. Elvo warf einen ängstlichen Blick zum Heck zurück. Der Schoner, der ebenfalls stark krängte, kam immer näher. Ein Srenki auf dem Vorderdeck machte sich gerade daran, einen Enterhaken in das Cockpit des Ewers zu werfen. „Reffen!“ donnerte Jemasze.

Mit tauben Fingern drehte Elvo die Winde, und das Großsegel rollte den Mast hinunter. Eine Böe erfaßte den Ewer. Die Wetterräder hoben sich. Elvo wurde schwindlig. Auf allen vieren kroch er zur höheren Seite des Decks. Die gleiche Böe packte nun die Segel des Schoners, was zu einer unausbleiblichen Hebelwirkung führte. Als die Wetterräder den Grund verloren, ließ der Steuermann die Steuerung los, um ein Kentern zu verhindern. Der Schoner trudelte außer Kontrolle den Hang hinab. Die Räder holperten und flogen über Steine und Felsbrocken, die hohen Maste schwankten und wackelten, die Segel blähten sich und flatterten. Bei einem heftigeren Schlingern hob sich der Besan, der Steuermann drehte das Rad herum. Der Schoner prallte von einem Felsblock ab, flog über ein Sims und stürzte bugvoraus in den Fluß.

„Tiefer reffen!“ brüllte Jemasze. Elvo drehte an der Winde, bis vom Segel kaum noch etwas zu sehen war. Jetzt warf Jemasze den Hilfsmotor an. Der Ewer schaffte es den Hang hoch und bedächtig zum Flachland auf der anderen Seite hinunter. Jemasze setzte wieder Kurs Nordost wie zuvor.

Der Ewer segelte über die verlassene Sarai durch einen so stillen und friedlichen Nachmittag, daß Elvo fast daran zweifelte, daß es die Srenki überhaupt gegeben hatte. Verstohlen musterte er Kurgech und Jemasze, von denen ihm einer rätselhafter als der andere vorkam.

Die Sonne ging in einem klaren Himmel unter. Die Segel wurden gerefft, die Räder blockiert, und sie schlugen ihr Lager für die Nacht mitten in der weglosen Sarai auf.

Nach einem Abendessen aus Dosenfleisch, Zwieback und Bier setzten die drei Männer sich mit dem Rücken gegen die Kabine auf das Vorderdeck. Elvo konnte sich einer Frage an Gerd Jemasze nicht mehr enthalten. „War es von Ihnen beabsichtigt, daß der Schoner in den Abgrund stürzte?“

Jemasze nickte. „Ich verstehe nicht übermäßig viel davon, aber ich dachte mir, daß sie sich mit ihrer schmalen Bauweise und den drei hohen Masten nicht lange auf dem Hang würden halten können. Also wollte ich sie hinter uns herlocken, bis sie mit ihrem Schwung in den Fluß hinunterstürzten.“

Elvo lachte ein wenig zittrig. „Aber was, wenn sie nicht abgerutscht wären?“

„Irgendwie hätten wir sie schon abgehängt“, erwiderte Jemasze gleichgültig.

Elvo preßte die Lippen zusammen und dachte, daß Jemaszes Selbstvertrauen, obgleich es beruhigend wirkte, genau typisch für jene Charaktereigenschaft war, die ihn, Elvo, so reizte. Jetzt mußte er sogar grinsen. Jemasze war sich eben ganz einfach sicher, daß er mit jeder Situation fertig würde. Er, Elvo, war es nicht, und deshalb verübelte er es Jemasze, das war die bittere Wahrheit. Elvo beruhigte seine leicht angeschlagene Selbstachtung mit der Überlegung, daß er zumindest in dieser Beziehung Gerd übertraf: er war der Selbstanalyse fähig. Gerd Jemasze dagegen hatte sich sicherlich nie die Mühe gemacht, über seinen Charakter nachzudenken.

Er wandte sich jetzt an Kurgech und stellte ihm eine Frage, die er noch vor zwei Wochen nie geäußert hätte: „Ist uns jemand auf der Spur?“

Kurgech starrte in die Dämmerung. „Ich spüre keine nahe Bedrohung, aber ein dunkler Schleier hängt über dem Horizont, weit entfernt. Heute nacht sind wir jedoch sicher.“

Kapitel 9

Mit dem Morgen kam eine lebhafte, kühle Brise. Alle Segel gesetzt, rollte der Ewer über die sanftwellige Sarai, eine Landschaft, dachte Elvo, so frisch und süß wie der Frühling. Bustards flatterten hoch, wenn die singenden Räder näher kamen. Flecken von rosa und blauem Immerblüh verliehen dem sonst graubraunen Soum lustige Farbtupfer.

Am Vormittag sichteten sie eine ganze Flotte von Brigantinen, die mit geblähten Segeln nordwärts fuhren. Das bedeutete zweifellos, daß die dritte Spur nahe war. Ein paar Minuten später erreichten sie sie, genau wie Moffamides vorhergesagt hatte. Zu Elvos Erstaunen führte sie jedoch nicht nordwärts, sondern zweifellos nach Nordwesten.

„Wir haben einen Umweg von hundertfünfzig Kilometern oder mehr gemacht“, beschwerte er sich. „Wenn wir vom Depot aus direkt nach Norden gesegelt wären, statt nordostwärts, hätten wir uns vielleicht einen ganzen Tag sparen können.“

Jemasze nickte mit grimmigem Gesicht. „Moffamides wollte ganz offenbar, daß wir gerade diesen Weg nehmen.“

Der Ewer überholte die Hauswagen. Lockenköpfige Kinder beugten sich über die Reling und deuteten. Männer erhoben sich in den Cockpits, um zu ihnen herüberzustarren. Frauen rannten aus den Kabinen. Ihre Miene war weder freundlich noch feindselig. Auch ihnen winkte Elvo zu, doch sie beachteten seinen Gruß ebenfalls nicht.

Die Spur führte nach einer kurzen Strecke ständigen Auf und Abs in ein Flachland hinab, das nordwärts bis zum Horizont reichte. In bestimmten Abständen glitzerte klares Wasser in flachen Teichen, von denen aus die Felder und Gärten ringsum bewässert wurden. Melonen wuchsen hier, Hülsenfrüchte und verschiedene Getreidesorten, und alles wurde von Fiaps bewacht.

Nordwestwärts segelte der Ewer über das flache Land, hin und wieder begleitet von Brigantinen mit Windläufer-Familien, doch die meiste Zeit allein. Lange sonnige Tage lösten klare Nächte mit funkelndem Sternenhimmel ab. Elvo dachte oft darüber nach, daß das Leben hier wirklich noch beneidenswert war, ein Leben ohne Einengung und keiner ermüdenden Routine. Das einzige, wonach man sich hier richten mußte, waren die Jahreszeiten und der Wind. Möglicherweise waren die Windläufer die vernünftigsten Menschen auf ganz Koryphon, wenn sie so über die offene Weite segelten, mit freiem Himmel über dem Kopf und herrlichen Sonnenuntergängen zum Abschluß jeden Tages.

Am vierten Nachmittag auf der Nordwestspur tauchte ein dunkler Fleck am Horizont auf. Durch das Fernglas stellte er sich als Wald mit titanischen Bäumen heraus, derengleichen Elvo noch nie gesehen hatte. „Da dürfte der Alubanwald sein“, meinte Jemasze. „Wir werden also bald auf den weißen Pfeiler stoßen.“

Der weiße Pfeiler war eine etwa zehn Meter hohe Säule aus klumpiger stuckähnlicher Substanz. Am Fuß des Pfeilers saß ein Greis, der mit einem Stößel in einem großen eisernen Mörser rührte. Der Ewer rutschte zu einem Halt neben dem Pfeiler. Der alte Mann sprang auf die Füße und starrte sie mit den funkelnden Augen eines Fanatikers an, während er sich gleichzeitig schutzsuchend an die Säule drückte. „Paßt mit eurem Fahrzeug besser auf“, schimpfte er. „Dies ist das große Bein! Fahrt zur Seite!“

Jemasze machte eine Gebärde der Höflichkeit, die der Alte jedoch nicht erwiderte. „Wir suchen einen gewissen Poliamides“, erklärte ihm Jemasze. „Könnt ihr uns den Weg zu ihm weisen?“

Ehe der Greis sich zu einer Antwort herabließ, tauchte er einen Pinsel in den Mörser und strich erst einmal eine Lage Weiß auf einen Streifen des leicht vergilbtem Weiß der Säule. Dann deutete er mit dem Pinsel auf den Wald und antwortete mit barscher, krächzender Stimme: „Folgt der Spur. Erkundigt euch beim Hexagon erneut.“

Jemasze löste die Bremse. Der Ewer segelte an dem Großen Bein vorbei auf den Aluban zu.

Am Rand des Waldes hielt Jemasze den Wagen an und zog die Bremsen fest. Die drei Männer kletterten wachsam heraus. Die Bäume waren von einer Größe, wie Elvo sie auf Uaia noch nicht gesehen hatte. Die knorrigen Stämme von ungeheurem Umfang und der Farbe und offensichtlichen Dichte von Eisen trugen Kronen aus wuchtigen, langausgestreckten Ästen mit blaßgrauem und graugrünem Laubwerk. Mehrere Minuten lang spähten die Männer stumm in den Wald, wo der Weg sich unter schräg einfallenden Sonnenstrahlen und schwarzen Schatten dahinwand. Eine gespenstische Stille herrschte in diesem Wald.

Kurgech murmelte: „Wir werden bereits erwartet.“

Elvo wurde plötzlich bewußt, daß durch wortloses Einverständnis Kurgech nun die Führung übernommen hatte. Der Uldra flüsterte Jemasze zu: „Laß Elvo beim Wagen bleiben. Du und ich gehen weiter.“

Elvo wollte protestieren, aber die Worte blieben ihm in seiner Unsicherheit im Hals stecken. In einem Anflug von erzwungener Heiterkeit sagte er: „Solltet ihr in Schwierigkeiten geraten, dann ruft mich.“

Kurgech murmelte: „Es wird zu keinen Schwierigkeiten kommen. Kein heißes Blut fließt in diesem heiligen Wald.“

„Ich fürchte, Moffamides hat sich einen schlechten Spaß mit uns erlaubt“, brummte Jemasze.

„Das war von vornherein klar“, warf Kurgech ein. „Trotzdem ist es besser, das Spiel bis zum Ende mitzumachen, um Sicherheit zu erlangen.“

Die zwei traten in den Wald, und sofort verbarg das dichte Laub den Himmel über ihnen. Der Weg wurde schmal und schlängelte sich kreuz und quer, vorbei an weichen Moosbänken und in kreisrunden Flecken wachsenden bleichen Sternenblumen, über schmale Lichtungen, zwischen dicken Stämmen hindurch, wo die Sonne hin und wieder mit rosigen Strahlen durch die Blätter spitzte. Kurgech lief leise auf den Zehenspitzen und schaute wachsam von links nach rechts. Jemasze spürte nur die Stille und den Frieden dieses Waldes, in dem keine Gefahr zu lauern schien. Auch Kurgechs Wachsamkeit war nichts weiter als eine Vorsichtsmaßnahme an einem fremden Ort. Eine Lichtung mit einem Teppich aus blaublühenden Polsterpflanzen öffnete sich vor ihnen. In ihrer Mitte erhob sich ein sechseckiges Bauwerk aus weißem Gestein, von doppelter Mannshöhe, und auf allen Seiten dem würzigen Duft des Waldes offen. Auf den Stufen dieses Bauwerks erwartete sie ein gebrechlich wirkender Priester in weißem Meßrock und mit kalten Zügen.

„Ausker“, sagte er mit heiserer Stimme. „Ihr seid von weit her gekommen. Ich heiße euch willkommen, den Frieden unseres Waldes Aluban zu teilen.“

„Wahrlich sind wir einen langen Weg gekommen“, bestätigte Jemasze. „Und wie Ihr wißt, auf der Suche nach Poliamides. Werdet Ihr die Güte haben, uns zu ihm zu bringen?“

„Gewiß, wenn das euer Wunsch ist. Kommt mit.“ Der Priester schritt ohne Zögern hinein in den Wald. Jemasze und Kurgech folgten ihm. Die Sonne stand tief, es war nun dunkel unter den Bäumen. Als Jemasze einmal hochblickte, blieb er unwillkürlich stehen. Etwas Weißes, ein Skelett, kauerte auf der Gabel eines schweren Astes. Der Priester erklärte: „Dort sitzt Windmeister Boras Mael, dessen Seele durch die Blätter seufzt und der dem Großen Bein seine rechte Zehe gegeben hat.“ Er winkte ihnen zu, weiterzukommen. Jetzt bemerkte Jemasze, daß in vielen Bäumen Skelette hingen oder kauerten.

Der Priester blieb stehen. Mit durchdringender Stimme sprach er: „Hier sollen alle mit Unrast und Sorgen Beladenen ihren Frieden mit Ahariszeio machen. Ihr vergängliches Fleisch ist begraben. Ihre Gebeine umarmen den Baum, die heilige Luft der Palga empfängt ihre geläuterten Seelen, damit sie in ewigem Glück auf den Wolken reiten mögen.“

„Und Poliamides?“

Der Priester deutete in die Höhe. „Dort sitzt Poliamides.“

Jemasze und Kurgech betrachteten kurz das Skelett, dann fragte Jemasze: „Wie ist er gestorben?“

„Er ging mit solcher Inbrunst in sich, daß er zu essen und trinken vergaß und sein Zustand sich nicht mehr von dem des Todes unterschied. Die Vergehen seines Lebensüberschwangs sind jetzt vergessen und seine Seele atmet aus den Blättern.“

Mit schneidender Stimme fragte Jemasze: „Moffamides unterrichtete euch von unserem Kommen?“

„Sprecht die Wahrheit!“ sprach Kurgech schwer und eindringlich.

Der Priester erwiderte: „Moffamides hat davon berichtet, wie es seine Pflicht war.“

„Moffamides hat uns zum Narren gehalten“, brummte Jemasze. „Er hat uns mit voller Absicht hereingelegt. Wir haben eine beachtliche Rechnung mit ihm zu begleichen.“

„Geduld, meine Freunde. Geduld und Nachsicht. Kehrt jetzt in Demut und ohne Grimm in eure Auskerlande zurück.“

„Erst werden wir uns Moffamides vorknöpfen.“

„Gewiß könnt ihr keinen Groll gegen Moffamides hegen“, sagte der Priester fest. „Ihr wolltet Poliamides sehen – dort ist er -, euer Wunsch wurde erfüllt.“

„Moffamides schickte uns eine ganze Woche mit unwirksamen Fiaps auf die Reise, nur um klappernde Gebeine zu finden! Er wird sich seines Triumphes nicht lange erfreuen!“

„Es wäre weise, euren Ärger zu dämpfen“, mahnte der Priester ernst. „Moffamides erwies euch wahrhaftig einen guten Dienst. Wenn ihr euch seinen Fingerzeig zu Herzen nehmt, werdet ihr die traurigen Konsequenzen niedriger Neugier verstehen. Eine solche Neugier ist ohne Wert. Seht euch, beispielsweise, Poliamides an. Er vergaß Würde und Schicklichkeit und ließ sich von einem Ausker bestechen. Als er seine Schuld erkannte, quälte sein Gewissen ihn so sehr, daß er nicht mehr leben wollte.“

„Ich befürchte, Ihr übertreibt die heilsame Wirkung von Moffamides‘ Betrug“, sagte Jemasze scharf. „Ich versichere Euch, daß er keine vertrauensvollen Fremden mehr hereinlegen wird.“

„Oh, die Palga ist weit“, murmelte der Priester.

„Das Fleckchen, auf dem Moffamides sich befindet, ist klein“, erwiderte Jemasze. „Wir können ihn jederzeit durch Blaue Magie finden. Und jetzt haben wir genug von Poliamides gesehen.“

Der Priester drehte sich wortlos um und schritt den Weg zum Hexagon zurück. Unbewegt lächelnd blieb er auf der weißen Treppe stehen. Kurgech blickte zu ihm hoch, dann hob er die rechte Hand. Die Augen des Priesters folgten der Bewegung. Kurgech hob die Linke, und der Priester, dessen Lächeln jetzt angespannt wirkte, schien beide Hände getrennt, je mit einem Auge, zu beobachten. Aus Kurgechs Handfläche blitzte es plötzlich blendend weiß auf. Mit tiefer, ruhiger Stimme rief er: „Sprecht jetzt die Wahrheit!“

Als täte er es aus eigenem, freien Willen, stieß der Priester zwischen den Zähnen hervor: „Ihr werdet das Auskerland nicht mehr sehen, ihr Narren!“

„Wer wird uns töten!“

Doch der Priester hatte die Herrschaft über sich schnell zurückgewonnen. „Ihr habt Poliamides gesehen“, sagte er schroff. „Nun geht endlich eures Weges!“

Jemasze und Kurgech kehrten auf dem jetzt in der Dunkelheit kaum noch sichtbaren Pfad zum Rand des heiligen Waldes Aluban zurück.

Elvo stand als einsame, verlassene Gestalt am Heck des Ewers. Als er Jemasze und Kurgech sah, kam er mit offensichtlicher Erleichterung auf sie zugerannt. „Ihr wart so lange fort, ich habe mir große Sorgen um euch gemacht.“

„Wir haben Poliamides gefunden“, sagte Jemasze. „Seine rechte Zehe ist Teil des Großen Beines. Oder besser gesagt – er ist ein Skelett!“

Elvo starrte indigniert auf den Wald. „Weshalb hat Moffamides uns hierhergeschickt?“

„Hier ist ein guter Ort für unsere eigenen Gebeine.“

Elvo blickte Jemasze verwirrt an, als zweifle er am Ernst seiner Worte. Dann drehte er sich wieder dem Aluban zu und schüttelte den Kopf. „Was verspricht er sich davon?“

„Ich nehme an, sie wollen nicht, daß Ausker ihre Nase in den Erjinen-Handel stecken – und schon gar nicht Angehörige der VEE.“

Elvo grinste schwach über Jemaszes ungewohnten Scherz. Gerd hob die Hand in die leichte, kühle Brise, die vom Norden kam. „Sie wird kaum genügen, uns in Bewegung zu setzen“, murmelte er.

„Hier ist kein guter Ort“, erklärte Kurgech. „Wir sollten auf jeden Fall fort.“

Jemasze und Elvo Glissam hißten die Segel. Der Ewer reagierte schwerfällig und rollte nur langsam südwärts am Rand des Waldes entlang.

Die Brise erstarb, der Wagen hielt mit schlaffen Segeln nur etwa zwanzig Meter von den düsteren Bäumen entfernt an. „Es sieht ganz so aus, als ob wir hier lagern müßten, ob wir wollen oder nicht“, brummte Jemasze.

Kurgech blickte auf den Weg, aber er schwieg.

Jemasze ließ die Segel herab und blockierte die Räder. Kurgech kramte in der Kombüse in den Vorräten. Vorsichtig holte Elvo einen Armvoll Brennholz vom Waldrand. Jemasze brummte mißbilligend, aber er hielt Elvo nicht davon ab, als er neben dem Ewer Feuer machte.

Zum Abendessen gab es Brot, Dörrfleisch und die Reste ihrer getrockneten Früchte. Auch das letzte Bier aus dem Depot wurde brüderlich geteilt. Elvo stellte jedoch fest, daß er weder hungrig noch durstig war. Er fühlte sich schrecklich müde und konnte an nichts anderes denken, als sich neben dem Feuer auszustrecken und zu schlafen… Welch seltsames Feuer, dachte er. Die Flammen schienen nicht aus heißem, springendem Gas, sondern aus gallertigem Sirup zu bestehen. Sie bewegten sich schwerfällig wie die Blütenblätter einer monströsen roten Blume im warmen Wind. Elvo blickte träge zu Gerd Jemasze, um zu sehen, ob er auch dieses eigentümliche Phänomen bemerkt hatte… Jemasze unterhielt sich mit Kurgech. Elvo hörte, was sie sagten:

„…stark und nahe.“

„Kannst du es brechen?“

„Ja, Hol Holz aus dem Wald – und sechs lange Äste.“

Jemasze wandte sich an Elvo. „Wachen Sie auf. Man will Sie hypnotisieren! Helfen Sie mir Holz herbeischaffen.“

Schwerfällig taumelte er auf die Füße und folgte Jemasze in den Wald. Jetzt war er völlig wach, und eine ungeheure Wut tobte in ihm. Jemaszes Arroganz kannte keine Grenzen. Eine Unverschämtheit, wie er sich erdreistete, ihm Befehle zu erteilen! Wie wäre es mit diesem schweren knorrigen Ast! Er gäbe einen guten Prügel ab.

„Elvo!“ Jemasze schüttelte ihn. „Wachen Sie auf!“

„Ich bin doch wach“, murmelte Elvo.

„Um so besser, dann tragen Sie bitte das Holz zum Feuer.“

Elvo blinzelte, gähnte und rieb sich die Augen. Er hatte tatsächlich geschlafen, war im Schlaf gewandelt und hatte schrecklichen Gedanken nachgehangen. Er zerrte dünne Äste zum Feuer. Kurgech schnitt sechs ein wenig krumme Äste zurecht und stieß sie in den Boden, daß sie ein Hexagon von vier Meter im Durchmesser bildeten, und verband ihre oberen Enden mit einem dünnen Seil. Zwischen den Stangen zündete er kleine Feuer und an das Seil hängte er Gegenstände aller Art: Kleidungsstücke, das Fernglas, Handwaffen – alles Dinge von außerhalb der Palga.

„Bleibt innerhalb des Feuerkreises“, bat Kurgech. „Wir haben das Hexagon zu fremdem Land gemacht. Sie müssen sich nun sehr anstrengen, um uns zu erreichen.“

Elvo sagte ein wenig verdrossen: „Ich verstehe überhaupt nicht, was hier vorgeht.“

„Die Priester wenden Geisteszauber gegen uns an“, erklärte Kurgech. „Sie benutzen dazu ihre geheiligten Gegenstände und uralte Instrumente. Damit können sie eine große Macht ausüben.“

„Passen Sie auf, daß Sie nicht wieder zu träumen anfangen oder schläfrig werden“, wandte Jemasze sich eindringlich an Elvo. „Kümmern Sie sich um die Feuer.“

Kurz angebunden brummte Elvo: „Ich werde mein Bestes tun.“

Minuten vergingen – zehn, fünfzehn, zwanzig… Seltsam, dachte Elvo, daß die Feuer mehr schwelen als brennen. Die Flammen flackerten in graurotem Rauch. In der Dunkelheit spürte er gedrungene Formen, die ihn mit Augen wie Tintenteiche beobachteten.

„Nur keine Panik“, warnte Jemasze. „Achten Sie nicht auf sie.“

Elvo lachte leise. „Mir läuft der Schweiß über den Rücken, mein Atem kommt nur keuchend, meine Zähne klappern, doch ich werde nicht in Panik ausbrechen. Aber die Feuer gehen aus.“

„Dann ist es wohl an der Zeit, daß ich Ausker-Magie anwende“, brummte Jemasze. „Frag sie, wie ihnen ein Waldbrand gefallen würde“, bat er Kurgech.

Eine unheimliche Stille herrschte plötzlich. Jemasze nahm einen brennenden Ast und machte einen Schritt auf den Aluban zu.

Die Spannung brach wie ein berstender Zweig. Die Feuer brannten wieder normal. Elvo sah keine kauernden Formen mehr, nur noch die sternenhelle Landschaft. Gerd Jemasze steckte den brennenden Ast ins Feuer zurück und beobachtete den Wald in einer Haltung gerinschätziger Verachtung, die Elvo schon oft gereizt hatte. Er hob prüfend den Arm, aber nicht das geringste Lüftchen wehte. Sie konnten also immer noch nicht hinaus in die freundliche, offene Weite der Sarai fahren.

„Wut und Angst hängen in der Luft“, bemerkte Kurgech. „Möglicherweise greifen sie zu normaleren Mitteln.“

Plötzlich sagte Jemasze drängend: „Wir ziehen uns in den Wald zurück, wo wir zumindest vor einem Hinterhalt sicher sind.“

Die drei Männer kletterten einen Baum hoch und verschwanden in dem tiefen Schatten des dichten Laubwerks. In etwa zwanzig Metern Entfernung, auf der Sarai, stand ihr Landewer allein im Schein des Feuers. Zum hundertsten Mal dachte Elvo darüber nach, wie viele Erinnerungen er nach Olanje mitnehmen konnte, falls das Schicksal ihm gestattete, dorthin zurückzukehren. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er je wieder eine Reise über die Palga unternehmen würde… Er lauschte. Fast absolutes Schweigen herrschte. Er konnte weder Kurgech noch Jemasze sehen, die sich weiter links von ihm auf den Ästen niedergelassen hatten. Elvo grinste freudlos. Die ganze Sache erschien ihm absurd und melodramatisch – bis er sich erinnerte, wie die Landschaft rings um den Ewer auf ihn gedrückt, ihm die Kehle zugeschnürt hatte.

Die Zeit verging. Sehr bequem war es hier oben nicht. Es mußte inzwischen gewiß schon Mitternacht sein. Er fragte sich, wie lange Jemasze auf dem Baum bleiben wollte. Doch hoffentlich nicht bis zum Morgen! In fünf oder zehn Minuten würde Kurgech doch sicher festgestellt haben, daß die Gefahr nicht mehr so groß war und es Zeit wurde, sich endlich auszuruhen.

Zehn Minuten verstrichen, fünfzehn, eine halbe Stunde. Elvo öffnete den Mund, um vorsichtig durch die Dunkelheit zu flüstern, wie lange die beiden noch beabsichtigten, auf dem Baum auszuharren. Doch dann unterließ er es lieber. Jemasze wäre möglicherweise nicht erfreut, wenn sie auf diese Weise ihre Anwesenheit verrieten. Er hatte zwar nicht ausdrücklich gebeten, still zu sein, aber es war höchstwahrscheinlich in ihrer Lage angebracht. Er preßte die Lippen wieder zusammen. Auch für Jemasze und Kurgech war der luftige Sitz gewiß nicht das Bequemste. Aber wenn sie es aushielten, konnte er es ebenfalls. Um den Krampf in seinem Bein zu mindern, erhob er sich vorsichtig. Sein Kopf stieß gegen einen Zweig, der zurückschwang und seine Wange streifte. Elvo lehnte sich nach hinten und blickte hoch. Statt eines Zweiges sah er ein Skelett, dessen Gebeine mit Draht zusammengehalten wurden. Unmittelbar neben seinem Gesicht baumelte der rechte Fuß. Mit heftig klopfendem Herzen kehrte Elvo hastig in seine frühere, kauernde Stellung zurück.

Plötzlich vernahm er einen dumpfen Schlag, gedämpfte Geräusche und das Knistern von Bewegungen auf den trockenen Blättern am Boden. Elvo sprang hinunter. Jemasze und Kurgech starrten auf einen Mann, der mit dem Gesicht nach unten reglos vor ihren Füßen lag. Elvo wollte etwas sagen, doch Jemasze winkte ihm zu, zu schweigen. Stille herrschte. Der Mann auf dem Boden begann sich zu rühren. Jemasze und Kurgech zerrten ihn zum Ewer. Elvo hob einen länglichen metallenen Gegenstand auf und folgte ihnen. Der Gegenstand war, wie er jetzt erst feststellte, eine Windläuferbüchse. Jemasze und Kurgech ließen den Mann im Schein des Feuers fallen. Elvo glaubte seinen Augen nicht zu trauen. „Moffamides!“ rief er erstaunt.

Moffamides stierte ins Feuer. Er unternahm keinen Versuch, sich zu wehren, als Kurgech ihm die Fuß- und Handgelenke band und ihn mit Jemaszes Hilfe wie einen Sack Bohnen auf das Deck des Ewers warf.

Jemasze hißte die Segel, die sich nun in einer kalten Nachtbrise aufblähten. Der Wagen rollte südostwärts und ließ den heiligen Wald Aluban hinter sich zurück.

Fortsetzung:

Der Graue Prinz (4): Uther Madducs großartiger Witz

Siehe auch die Goodreads-Seite über „The Gray Prince“.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offe

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