Der Graue Prinz (2): Heimkehr nach Morgenwacht

Von Jack Vance. Die Originalfassung dieses Science-Fiction-Romans erschien ursprünglich unter dem vom Autor vorgesehenen Titel „The Domains of Koryphon“ als Zweiteiler in „Amazing Science Fiction“ (Ausgaben August + Oktober 1974); für die erste Hardcover-Veröffentlichung 1975 ersetzten die Verleger diesen Titel durch den fortan verwendeten, The Gray Prince. Leser, die meinen Kopfbeitrag Morgenwacht: Wenn alles dunkel ist, macht Licht! kennen, in dem ich ausführlich daraus zitiert habe, werden wissen, daß der Roman eine Art „Totem-Geschichte“ meines Blogs ist. Als Lesestoff zum Abschluß des Jahres verwirkliche ich nun meine schon länger erwogene Idee, ihn zur Gänze als Vierteiler zu präsentieren (aus der inzwischen vergriffenen und nur noch in Gebrauchtexemplaren erhältlichen deutschen Ausgabe von 1979, Übersetzung von Lore Strassl).

Zuvor erschienen: Der Graue Prinz (1): Valtrinas Party

Kapitel 3

Der Apex A-15, der plumpe, unelegante Gebrauchsluftwagen von Suaniset, flog über das Persimmonmeer. Schaine vermutete, daß Gerd Jemasze absichtlich damit gekommen war, um den Olanjern seine Verachtung für ihren Pomp zu zeigen. „Dein Apex ist ja durchaus nicht unbequem“, wandte sie sich an Gerd, „aber wo hast du denn euren Salonhybro?“

Jemasze stellte den Autopiloten auf Galigong und drehte sich in seinem Sitz um. „Der Hybro ist in der Werkstatt. Ich muß warten, bis die Ersatzdexoden endlich kommen.“

Schaine erinnerte sich noch aus ihrer Kindheit an den suaniseter Hybro. Sie fragte Kelse: „Ich nehme an, Vater fliegt nach wie vor unseren alten Sturdevant mit dem zerbrochenen Fenster?“

„Ja. Er ist nicht kaputtzukriegen. Das Fenster habe ich allerdings voriges Jahr repariert.“

Schaine sah Elvo Glissam an. „Bei uns auf den Domänen verläuft das Leben so langsam, daß sich scheinbar überhaupt nichts verändert. Unsere Vorfahren waren tüchtig und klug. Was für sie gut genug war, ist es für uns ebenso.“

„Du darfst nicht übertreiben“, warf Kelse ein. „Ganz zum Stillstand ist es auch bei uns noch nicht gekommen. Vor zwölf Jahren haben wir beispielsweise hundert Morgen mit Weinstöcken bepflanzt, und nächstes Jahr werden wir bereits mit dem Keltern beginnen.“

„Das hört sich gut an“, freute sich Schaine. „Es sollte uns ohne weiteres gelingen, die Importeure zu unterbieten. Möglicherweise werden wir noch zu Weinmillionären.“

„Ich dachte, Sie seien alle Millionäre, mit soviel Land, Bergen, Flüssen und Bodenschätzen“, sagte Elvo Glissam.

Kelse grinste schief. „Wir sind nichts weiter als Farmer, die von den Früchten ihres Landes leben. Bargeld sehen wir so gut wie nie.“

„Vielleicht könnten Sie uns einen Tip geben, wie man in der Lotterie gewinnt?“ sagte Schaine lächelnd.

„Das dürfte schwierig sein“, erwiderte Glissam, „aber vielleicht einen anderen Rat. Wie wär’s, wenn Sie anderswo Geld investierten? Eine der kleinen, wunderschönen Inseln dort unten als Erholungsort für Jachtsportler einrichten – was halten Sie davon?“

„Auf dem Persimmonmeer zu segeln ist ziemlich gefährlich“, erklärte Kelse. „Die Morphoten machen sich nämlich ihrerseits einen Sport daraus, an Bord zu klettern, alle umzubringen und dann mit der Jacht davonzusegeln.“

„Dürfte ein komisches Bild abgeben“, brummte Gerd Jemasze.

Elvo Glissam verzog das Gesicht. „Koryphon ist eine grausame Welt.“

„Auf Suaniset ist es recht friedlich“, versicherte ihm Gerd Jemasze.

„Auf Morgenwacht nicht weniger“, warf Kelse ein. „Jorjol versuchte unseren Aos einzureden, wie schlecht sie es haben, aber sie begriffen nicht, wovon er sprach. Also gibt er sich jetzt in Olanje seiner Aufwiegelei hin.“

„Jorjol scheint mir alles andere als ein klassischer Reformator zu sein“, gab Elvo Glissam zu bedenken. „Er ist eine ganz erstaunliche Persönlichkeit. Was sind wohl seine Motive? Immerhin verdankt er Ihrem Vater doch sehr viel.“

Schaine schwieg. Gerd Jemasze starrte mit finsterem Gesicht auf die Mermioninseln hinunter. Schließlich sagte Kelse: „So überraschend ist es gar nicht. Vater hat äußerst strenge und starre Ansichten. Es mag vielleicht den Anschein gehabt haben, daß Jorjol, Schaine und ich als ebenbürtige Spielkameraden aufwuchsen. Aber es wurde nie ein Versuch gemacht, die wirkliche Situation zu beschönigen. Wir waren Ausker, Jorjol ein Blauer. Nie durfte er mit uns in der großen Halle essen. Er mußte seine Mahlzeiten mit den Dienstboten in der Küche einnehmen. Ich bin sicher, das schmerzte ihn mehr, als er je zugegeben hätte. Und im Sommer, wenn wir Tante Val in Olanje besuchen durften, wurde Jorjol vom Verwalter in eine harte Schule genommen, weil Vater wollte, daß Jorjol später Viehzüchter oder zweiter Verwalter würde.“

Elvo Glissam nickte. Er hatte verstanden und stellte keine weiteren Fragen mehr.

Die rosige Sonne wanderte den Himmel empor. Der Apex stieß durch die dichten Kumuli, und nun sahen sie die gewaltige Landmasse von Uaia am nördlichen Horizont. Allmählich zeichneten sich durch den Dunst Einzelheiten ab: Küste, Klippen, Vorgebirge. Die Farben wurden deutlicher: bleiches Gelb, Ocker, Schwarz, Schmutzigweiß und Braun. Die Küste kam näher, eine Halbinsel ragte aus der Masse des Kontinents und umschloß eine lange schmale Bucht. An ihrer Spitze drängte sich ein halbes Dutzend Lagerhäuser, ein paar Katen und Blockhäuser, ein heruntergekommenes Hotel aus weißgetünchtem Holz, das zum Teil aufs Wasser hinausragte und durch hohe, schiefe Stelzenbeine gestützt wurde. „Das ist Galigong“, erklärte Kelse. „Der Haupthafen des Retentums.“

„Und wie weit ist es noch bis Morgenwacht?“

„Etwa dreizehnhundert Kilometer.“ Kelse blickte durch das Fernglas. „Ich sehe den Sturdevan nicht, aber wir sind ja auch ein bißchen früh dran. Die Hilgaden halten gerade ein Karoo in ihrem Küstenlager ab. Ich glaube, es findet soeben ein Frauenkampf statt.“ Er streckte Elvo Glissam das Glas entgegen. Glissam nahm es und war nicht unglücklich darüber, daß er auf die Entfernung von dem Frauenkampf nicht viel mehr als ein paar verschwommene blauhäutige Gestalten in weißen, rötlichen und beigen Gewändern sehen konnte.

Der Luftwagen landete. Die vier stiegen auf das kalkhaltige Gestein Uaias und eilten durch das grelle, blendende Rosa in den Schutz des Hotels. Sie betraten eine düstere Stube, in die nur durch eine Reihe von Bullaugen aus grünem Glas ein wenig Licht fiel. Freundlich begrüßte der Wirt sie, ein kleiner, korpulenter Ausker mit spärlichen braunen Locken, einer Knollennase und nach außen leicht schrägen, melancholischen rehfarbenen Augen.

„Haben Sie Nachricht aus Morgenwacht für uns?“ erkundigte sich Kelse.

„Nein, Sir, kein Wort.“

Kelse schaute auf seine Uhr. „Es ist wohl immer noch ein bißchen früh.“ Er schritt zur Tür und suchte den Himmel ab. Dann kehrte er zurück. „Wir sollten vielleicht einstweilen einen Bissen zu uns nehmen. Was haben Sie Gutes?“

Der Wirt schüttelte betrübt den Kopf. „Sehr wenig, fürchte ich. Ich könnte Ihnen vielleicht Spernum braten. Dann hätte ich noch ein Glas eingeweckten Tintenfisch. Und ich könnte den Boy um Rockwortsalat schicken. Als Nachspeise gäbe es noch den Kuchen dort auf der Theke. Aber ganz frisch ist er nicht mehr.“

„Tun Sie Ihr Bestes, wir verlassen uns ganz auf Sie. Bringen Sie uns einstweilen schon jedem ein Glas kühles Bier.“

„So kühl wie es hier möglich ist, Sir.“

Das Essen wurde aufgetragen. Es war reichhaltiger, als die Worte des Wirtes hatten annehmen lassen. Die vier hatten es sich auf dem Pier im Schatten des Hotels bequem gemacht. Es bot sich ihnen hier ein Ausblick nördlich über das Wasser auf das Hilgadenlager. Der Wirt bestätigte, daß dort ein Karoo gefeiert wurde. „Aber lassen Sie sich nicht von Ihrer Neugier verleiten“, warnte er. „Der Raki ist ihnen bereits in den Kopf gestiegen. Man würde Sie nicht gerade freundlich behandeln, wenn Sie sich in ihre Nähe begäben. Drei Frauenkämpfe haben heute morgen bereits stattgefunden und acht Raskoladen. Und heute abend werden sie Radschleudern.“ Er machte das Zeichen der Vorsicht und kehrte ins Innere des Hotels zurück.

„Das sind für mich völlig fremde Ausdrücke“, gestand Elvo Glissam. „Und keiner hört sich sonderlich erfreulich an.“

„Da täuschen Sie sich auch nicht“, versicherte ihm Kelse. Er deutete auf die sonnengedörrten Hänge. „Nehmen Sie das Fernglas. Sehen Sie die kleinen Käfige und Verschläge? Darin warten die Gefangenen, daß man sie auslöst. Nach etwa einem Jahr, oder auch erst nach zwei Jahren, wenn kein Lösegeld für sie bezahlt wurde, holt man sie heraus und schickt sie über eine Rennstrecke. Man gibt ihnen nur einen geringen Vorsprung, dann werden sie von mit Lanzen bewaffneten Kriegern auf Erjinen verfolgt. Erreichen die Gefangenen das Ende der Rennstrecke, gibt man sie frei. Das ist eine Raskolade. Und das Rad – sehen Sie das hohe Gerüst dort mit dem Gegengewicht am Rad? Das Gegengewicht wird hochgezogen, dann bindet man den Gefangenen an das Rad. Wenn man das Gegengewicht losschneidet, dreht das Rad sich. An einem bestimmten Punkt löst sich der Gefangene und wird auf die Riffe dort im Meer geschleudert. Manchmal landet er im Wasser, dann erwischen ihn die Morphoten. Dieser Spaß dauert so lange, bis kein Gefangener mehr übrig ist. Und während dieser ganzen Zeit schlagen sich die Feiernden die Mägen mit gegrillten Morphoten voll, leeren Krug um Krug von Schädelbrecher in sich hinein und überlegen, wie sie an weitere Gefangene kommen können.“

Schaine gefiel das Gesprächsthema absolut nicht. Sie wollte nicht, daß Kelse und Gerd Jemasze den noch aufgeschlossenen Elvo Glissam mit ihren Vorurteilen vergifteten. „Die Hilgaden sind keine Musterbeispiele der Uldras“, erklärte sie deshalb. „Tatsächlich könnte man sie sogar als Parias unter den Uldras ansehen.“

„Parias vielleicht deshalb, weil sie kein traditionsreiches Land und keine Kachemben haben“, konterte Gerd Jemasze. „Nicht, weil ihre Sitten und Gebräuche ungewöhnlich sind.“

Schaine wollte erwidern, daß diese Bemerkung nur auf die Retentum-Stämme zutraf, während die Domänen-Uldras, wie die Morgenwacht-Aos, beispielsweise, bedeutend weniger unzivilisiert und grausam waren, aber als ihr Jemaszes spöttischer Blick auffiel, schwieg sie.

Die Stunden vergingen. Am Nachmittag setzte Kelse sich mit Morgenwacht in Verbindung. Auf dem staubigen und mit Insekten beschmutzten Bildschirm nahm das Gesicht Reyona Werlas-Madducs Form an. Sie war die Haushälterin auf dem Gut und eine entfernte Kusine von Schaine und Kelse. Ihre Stimme vibrierte aus den alten Lautsprechern des Geräts. „Er ist noch nicht in Galigong? Seltsam! Er müßte schon längst dort sein. Er ist bereits in aller Frühe aufgebrochen.“

„Ja, sehr merkwürdig. Hat er vielleicht erwähnt, daß er unterwegs irgendwo Station machen würde? Oder noch etwas erledigen wollte?“

„Nein, zu mir hat er jedenfalls nichts gesagt. Ist Schaine bei dir? Ich möchte sie gern sprechen.“

Als die beiden sich begrüßt und ein paar Worte gewechselt hatten, schob Kelse seine Schwester wieder zur Seite. „Wenn Vater sich melden sollte, sag ihm, daß wir im Hotel von Galigong auf ihn warten.“

„Oh, er müßte wirklich jeden Augenblick bei euch sein… Hm! Möglicherweise hat er einen kurzen Abstecher nach Trillium gemacht, um bei Dm. Hugo einen Schluck zu sich zu nehmen?“

„Kann ich mir nicht vorstellen“, brummte Kelse. „Nun ja, wir werden eben warten müssen, bis er endlich hier ist.“

Der Nachmittag verging. Die Sonne versank zwischen rotglühenden Wolken mit letzten feurigen Strahlen im Persimmonmeer. Schaine, Kelse, Elvo Glissam und Gerd Jemasze saßen am Kai und starrten westwärts über das stille Wasser. Alle waren sichtlich beunruhigt.

„Soviel Zeit würde er sich nicht lassen, außer es ist ihm etwas zugestoßen“, sagte Kelse düster. „Ich bin sicher, daß er irgendwo unterwegs notlanden mußte. Und zwei Drittel der Strecke ist Garganchen-, Hungen- und Kyanen-Gebiet.“

„Aber warum hat er sich dann nicht über Funk gemeldet?“ fragte Schaine besorgt.

„Vielleicht funktioniert sein Gerät nicht. Alles mögliche kann geschehen sein“, warf Gerd Jemasze ein. „Aber wir finden ihn ganz sicher auf dem Weg zwischen hier und Morgenwacht.“

Kelse fluchte. „Im Dunkeln entdecken wir ihn bestimmt nicht. Wir müssen also bis zum Morgen warten.“ Er ging ins Hotel, um den Wirt nach Zimmern zu fragen, und kehrte mit noch bedrückterer Miene zurück. „Er hat zwei Zimmer mit Betten, und er kann uns außerdem zwei Hängematten zur Verfügung stellen. Aber er weiß nicht, ob seine Vorräte noch für ein Abendessen für uns reichen werden.“

Trotzdem bestand das Abendessen aus einer reichlichen Platte in Seewasser gekochter Sandkriecher, appetitlich mit kalten Gemüsen und Salaten garniert. Dazu gab es noch eine gedünstete Kohlwurst. Nach dem wirklich schmackhaften Mahl setzten die vier sich wieder auf den Pier. Irgend etwas bewegte den Wirt dazu, eine Tischdecke über seine Köderkiste zu werfen und eine Nachspeise aus Biskuitschnitten mit Dörrobst und aromatischem Eiskrauttee zu servieren.

Die Unterhaltung der vier kam ins Stocken. Eine Weile loderten die Hilgadenfeuer noch hoch, dann brannten sie allmählich nieder und schließlich sprühten nur noch rote Funken auf. Seufzend schmiegten die Wellen sich an die Pierstützen. Die ersten Sternbilder zeichneten sich am dunkelnden Himmel ab: die herrlichen Griffeiden; Orpheus mit seiner Laute aus acht blauen Sternen; die Zauberin Miraldra mit dem glitzernden Fenim als Diadem; und tief im Südosten der Sternenschleier des Alastorhaufens. Wie wunderschön könnte dieser Abend sein, dachte Schaine, wenn nicht die Sorge um Vater wäre. Sie war bedrückt, und nicht nur aus Angst um Uther Madduc. Ihr geliebtes Morgenwacht hatte zu einem Aufruhr unerfreulicher Emotionen Anlaß gegeben, und sie war sich der Richtung ihrer eigenen Sympathien selbst nicht sicher. Sie fürchtete jedenfalls, daß sie sich nicht mit denen ihres Vaters vereinbaren ließen. Doch das spielte keine ausschlaggebende Rolle, sie liebte ihn auch so. Aber weshalb dann, fragte sie sich, lehnte sie Gerd Jemasze so sehr ab? Seine Ansichten unterschieden sich in nichts von denen Uther Madducs. Er war auch nicht weniger tüchtig und genauso selbstherrlich. Sie blickte zum Geländer, wo Elvo Glissam und Gerd Jemasze sich miteinander unterhielten. Sie waren ungefähr gleich alt, beide sahen gut aus, beide waren selbstsichere Persönlichkeiten. Elvo war warmherzig, impulsiv und strahlte eine innere Zufriedenheit aus. Er war mitfühlend, ein Idealist, und setzte sich für die Gerechtigkeit ein. Im Gegensatz zu ihm verbarg Gerd Jemasze seine Gefühle hinter einer unbewegten Maske. Sein Humor war spöttischer Natur, sein Ehrenkodex – wenn man es so nennen konnte – basierte auf einem eigennützigen Pragmatismus… Sie nahm ein paar ihrer Gesprächsfetzen auf. Die beiden unterhielten sich über Morphoten und Erjinen. Schaine hörte ihnen jetzt zu.

„…etwas ungewöhnlich“, sagte Gerd Jemasze gerade. „Die Paläontologen hatten keine Schwierigkeiten, die Evolution der Morphoten durch Fossilienfunde zurückzuverfolgen – bis zu einer Kreatur ähnlich dem Sandkriecher, den wir heute zum Abendessen verspeisten. Von den Erjinen dagegen gibt es keine Fossilien. Ihre spröde Knochensubstanz löst sich nach dem Tod innerhalb weniger Jahre völlig auf. Man weiß also so gut wie nichts über ihre Entwicklung, ja nicht einmal, wie sie sich fortpflanzen.“

„Die Windläufer wissen es bestimmt“, warf Kelse ein.

„Wie domestizieren die Windläufer sie eigentlich? Fangen sie junge Erjinen ein? Oder zähmen sie ausgewachsene?“

„Darüber kann Ihnen Uther Madduc vielleicht mehr erzählen. Er kehrte gerade aus der Palga zurück.“

„Vielleicht hängt sein ‚großartiger Witz‘ damit zusammen“, meinte Kelse.

Gerd Jemasze hob die Schultern. „Soviel ich weiß, brüten die Windläufer die Erjineneier künstlich aus und ziehen die Nestlinge groß. Die wilden Erjinen haben telepathische Fähigkeiten. Möglicherweise gelingt es den Windläufern irgendwie, sie abzuschirmen. Ob das so ist, und wenn ja, wie sie es machen, habe ich nicht die leiseste Ahnung.“

*     *     *

Kelse und Gerd Jemasze zogen es vor, auf den breiten Sitzen des Apex zu nächtigen, und zogen sich schon bald zurück. Elvo und Schaine spazierten zum Ende des Piers und setzten sich auf einen kielobenliegenden Kahn. Sterne spiegelten sich im dunklen Wasser. Von den Hilgadenfeuern sprühten nur noch vereinzelte Funken. Musik erklang irgendwo entlang des Strandes. Es war ein zitterndes Wimmern, immer wieder von dröhnenden Bässen übertönt. Elvo Glissam schüttelte den Kopf. „Schauderhafte Töne“, kommentierte er.

„Als Sammler ihrer Lieder wissen Sie ja sicher, daß die Musik der Blauen nie beschwingt ist“, sagte Schaine. „Unsere betrachten sie als die Ohren schmerzendes Geklimper.“

Allmählich erstarben auch die Hilgadenklänge. Die beiden saßen und lauschten den sanften Wellen unter dem Pier. „Ich fürchte, für Sie ist das alles eine große Enttäuschung. Wir hatten natürlich nicht mit solchen Unannehmlichkeiten gerechnet.“

„Wenn es nicht mehr ist, nehme ich sie gern in Kauf“, erwiderte Elvo Glissam.

„Ja, ich hoffe sehr, daß es nichts Schlimmes ist. Glücklicherweise trägt Vater immer Waffen und weiß sich zu schützen. Wie Gerd schon sagte, wir werden ihn morgen sicher finden, wenn er irgendwo notlanden mußte.

„Ich bin ja wirklich kein Pessimist, aber wie können Sie so sicher sein? Es ist doch ein langer Weg nach Morgenwacht, und ein weites Gebiet, das er überflogen haben kann.“

„Wir schalten immer den Autopiloten ein, schon allein aus dem Grund, weil wir vielleicht notlanden müssen. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, die wir nie außer acht lassen. Wir werden uns auch morgen genau nach dem geraden Flugkurs richten. Falls Vater nicht irgendwo einen Umweg oder Abstecher gemacht hat, können wir ihn gar nicht verfehlen.“ Sie stand auf. „Ich glaube, wir sollten auch ins Bett gehen.“

Elvo erhob sich ebenfalls und küßte sie auf die Stirn. „Schlafen Sie gut, und machen Sie sich keine Sorgen – in keiner Beziehung.“

Kapitel 4

Das Meer lag unbewegt unter dem grauen und rosigen Morgenhimmel. Aus dem Hilgadenlager trieb Rauch über die schmale Bucht und brachte einen angenehm würzigen Geruch mit sich.

Brummend und gähnend tischte der Wirt ein Frühstück aus gekochten Muscheln, gerösteten Haferflocken und Tee auf, das die vier in aller Eile zu sich nahmen. Kelse ließ sich die Rechnung geben, und wenige Minuten später hob der Apex sich bereits in den Himmel. Jemasze stellte den Autopiloten auf die Koordinaten von Morgenwacht ein. Das Luftfahrzeug machte sich nordwestlich auf den Weg, quer über die Bucht und das Hilgadenlager. Krieger rannten herbei, schwangen sich auf ihre Erjinen und trieben sie mit den elektrischen Geißeln an. Hopsend, springend und auf ihren Hinterbeinen laufend, die gewaltigen Schädel vorgestreckt, folgten die Reittiere dem Apex auf dem Boden, während die Krieger wütende Flüch hinaufschrien.

Die Hilgaden blieben zurück. Das Flugzeug stieg höher auf, um über die felsigen Klippen hinwegzukommen, dann hielt es eine gleichbleibende Höhe von fünfhundert Metern ein, um einen maximalen Überblick auf die Strecke zu haben, die Uther Madduc hätte kommen müssen. Die Alouanen dehnten sich bis weit außer Sichtweite aus – eine schwach hügelige Ebene mit vereinzelten Gruppen von grauen, dornigen Flaschenbüschen und hin und wieder einem Hexenbaum mit mächtigem Stamm und Ästen, die aussahen, als wollten sie sich in den Himmel krallen. Der Apex flog langsam, so daß den vieren kein Quadratmeter Boden entging.

Kilometer um Kilometer und Stunde um Stunde legten sie zurück. Die Ebene wurde zu einer ungeheuren mit Hitzeflimmern gefüllten Mulde mit Salzlöchern wie Pockennarben. Voraus erhoben sich die weißen Felsen des Luzimergebirges. „Kein sehr einladendes Gebiet“, bemerkte Elvo Glissam. „Vermutlich gehört es deshalb noch zum Retentum.“

„Die Kyanen fühlen sich dort recht wohl.“ Kelse grinste. „Also dürfte jeder zufrieden sein.“

„Dann sind sie wohl sehr genügsam“, meinte Glissam. „Ich kann mir nicht einmal vorstellen, daß Eidechsen dort unten überleben könnten.“

„Wir haben Trockenzeit. Die Kyanen halten sich jetzt in den Bergen im Westen auf. Während der Regenzeit leben sie in den Kalkbergen dort drüben, wo sie auch ihre Kachemben haben.“

„Haben Sie schon einmal eine Kachemba erforscht?“

Kelse schüttelte den Kopf. „Jedenfalls nicht gründlich. Sie brächten mich um.“

„Wie würden sie denn davon erfahren?“

„Ich weiß es nicht, aber irgendwie ganz sicher.“

„Da wir sie nicht in unseren Wohnzimmern willkommen heißen, laden sie uns auch nicht in ihre Kachemben ein“, meinte Schaine.

„Also hat einer dem anderen nichts vorzuwerfen.“

„Und, wie ich schon des öfteren sagte, jeder ist damit zufrieden“, brummte Kelse.

„Außer Jorjol“, murmelte Schaine.

Beim Überfliegen des Luzimergebirges verringerte Jemasze die Geschwindigkeit, damit sie die Hänge und Schluchten besser überblicken konnten. Doch nirgends entdeckten sie auch nur eine Spur von Uther Madducs Sturdevant.

Jenseits des Gebirges lag eine wellige Steppe. Dutzende von kleineren Wasserläufen zogen sich wie ein Netz hindurch und vereinten sich schließlich zur breiten Lela. Dichtes Gebüsch wuchs an ihren Ufern. Jemasze verringerte die Geschwindigkeit des Apex noch mehr, bis er sich kaum noch zu bewegen schien. Aber auch hier war der Sturdevant nicht zu entdecken.

„Ist das immer noch das Retentum?“ erkundigte sich Elvo Glissam.

„Ja, Hungen-Territorium. Etwa hundertfünfzig Kilometer östlich liegt Trillium. Nach Morgenwacht sind es immer noch über sechshundert in nördlicher Richtung.“

Das Land kroch unter ihnen vorbei. Aus der Steppe wurde dürres, mit Rauchkraut bedecktes Flachland. Am Horizont kauerte ein Dutzend eigentümlich geformte Berge, die aus der Ferne wie eine Gruppe monströser grauer Tiere aussahen. Jemasze stieg ein wenig auf, um einen weiteren Überblick zu bekommen.

Sie überflogen die seltsamen Berge, dann wurde das Flachland zu einer zerklüfteten Öde mit ausgetrockneten Flußbetten und steinigen Hügeln, die dem dürren Land durch Gruppen von Knoten- und Seidenbäumen und vereinzelten Geißbäumen mit ihren nachtschwarzen Stämmen und den flatternden senffarbenen Kronen Farbe verliehen. Dramalfo hieß dieses langgezogene Gebiet. Zwei Stunden nach Mittag, nahe am Rand des Domänenterritoriums, etwa hundertfünfzig Kilometer südlich von Morgenwacht, stießen sie auf den Sturdevant. Er schien zerschmettert, als wäre er von großer Höhe wie ein Stein in die Tiefe geplumpst. Nichts bewegte sich in seiner Nähe. Jemasze ließ den Apex über dem geborstenen schwarzen Luftfahrzeug schweben und studierte das Gelände ringsum mit dem Fernglas. „Das kommt mir alles recht merkwürdig vor“, murmelte er. Er hatte das Glas jetzt westwärts gerichtet und stellte es schärfer ein. „Blaue – etwa dreißig“, erklärte er. „Sie reiten in Richtung auf den Sturdevant.“

Er senkte den Apex zum Wrack des Flugzeugs hinab, während Kelse die Reiter beobachtete. „Sie nähern sich schnell“, sagte er aufgeregt. „Als ob sie wüßten, was sie hier finden werden.“

„Beute.“

„Das bedeutet, daß sie von dem Wrack wissen.“

„Und das wiederum läßt auf Himmelshaie schließen.“ Jemasze betrachtete den Himmel in allen Richtungen. Abrupt griff er nach den Kontrollen.

Doch nicht schnell genug. Ein ohrenbetäubender Knall, das Ächzen und Stöhnen von Metall, der Apex erbebte und sackte heckvoraus in die Tiefe. Von der Seite brauste ein Himmelshai herbei – eine schmale Plattform mit gewölbter Windschutzscheibe und einem langen, konkaven Bugkegel, der sowohl als Schußwaffe als auch als Lanze diente, das letztere, wenn der Pilot im Nahkampf den Feind rammen wollte.

Der Himmelshai wendete und schoß in Spiralen in die Höhe. Der Apex wurde mit dem Heck immer schneller nach unten gezogen. Jemasze versuchte verzweifelt, die Fallgeschwindigkeit abzubremsen. Da brauste der Himmelshai wieder herab, und der Apex erbebte unter einer zweiten Erschütterung. Jemasze fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen. Der Boden kam ihnen entgegen. Gerd nutzte alles an Schub, was der Apex noch zu geben hatte, um den Sturz zu mildern, und drehte das Flugzeug dabei fast auf den Rücken. Schließlich landete der Apex doch einigermaßen sanft auf dem steinigen Boden. Jemasze löste ein Gewehr aus der Halterung und sprang hinaus. Aber der Himmelshai verschwand inzwischen westwärts.

Kelse torkelte zum Funkgerät und hantierte mit fliegenden Fingern. „Nichts zu machen“, brummte er schließlich. „Kein Strom.“

„Er hat uns das Heck abgeschossen, um uns zur Landung zu zwingen, nicht um uns zu töten“, sagte Gerd Jemasze nachdenklich.

„Wie schön!“ stöhnte Kelse. „Wir erfahren vielleicht mehr über die Raskoladen, als wir möchten.“

„Nehmt euch die Schußwaffen aus dem Schrank“, forderte Jemasze die anderen auf. „Es müßte auch ein Granatwerfer dabei sein.“

Schaine, Elvo und Kelse schlossen sich Jemasze im Freien an. Kelse ging hinüber zum Wrack des Sturdevant und spähte hinein. Mit grimmigem Gesicht kehrte er zurück. „Er ist im Wagen. Tot!“

Elvo Glissam starrte verwirrt von dem zerschmetterten Sturdevant zum notgelandeten Apex und dann zu Kelse. Er wollte etwas sagen, doch dann biß er sich auf die Lippe. Schaine blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. Fünf Jahre auf Tanquil vergeudet! Fünf Jahre aus Arroganz und dummem Stolz und Unvernunft verronnen – und jetzt würde sie nie wieder mit ihrem Vater sprechen, ihm sagen können, daß sie ihn lieb hatte.

„Hast du die Blauen erkennen können?“ wandte Gerd Jemasze sich an Kelse.

„Höchstwahrscheinlich Hungen. Aos ganz sicherlich nicht. Die Erjinen haben weiße Krausen, also waren es keine Garganchen.“

„Ihr drei zieht euch hinter den Apex zurück“, bestimmte Jemasze. Wenn sie um die Biegung kommen, dann eröffnet das Feuer. Ich verstecke mich dort drüben, um sie aufzuhalten und vielleicht so die Chance für uns zu erhöhen.“

Kelse stapfte hinter den Apex. Schaine folgte ihm dichtauf, Elvo ein wenig zögernder. Er blickte Jemasze zweifelnd nach, der gebückt auf einen Sandhügel etwa vierhundert Meter westlich zurannte. „Warum läuft er dorthin?“

„Um ein paar Blaue zu erwischen“, erwiderte Kelse. „Können Sie mit einem Gewehr umgehen?“

„Ich fürchte nicht.“

„Es ist ganz einfach. Sie brauchen nur den gelben Punkt auf das Ziel zu richten und dann auf diesen Knopf hier zu drücken. Die Schußbahn wird automatisch berechnet. Die Ladung besteht aus OB-16 Explosivkugeln, die einen Blauen und seinen Erjin gleichzeitig schaffen müßten.“

Elvo Glissam betrachtete unglücklich die Waffe. „Sind Sie sicher, daß sie uns feindlich gesinnt sind?“

„Wenn es sich um Hungen handelt, dann zweifellos. Sie haben auf Dramalfo nichts zu suchen, denn das gehört zum Garganchen-Gebiet. Selbst wenn es Garganchen sein sollten, sind sie feindlich, außer sie machen einen Bogen um uns. Sie kennen die Regeln.“

„Wenn es wirklich dreißig sind, kann ich mir nicht vorstellen, daß wir im Kampf eine Chance gegen sie haben. Sollten wir nicht lieber versuchen, mit ihnen zu verhandeln?“

„Zwecklos. Was die Chancen betrifft, das ist der Grund, weshalb Gerd zu dem Hügel läuft. Er wird sie für uns erhöhen.“

Als Jemasze auf der Kuppe ankam, versteckte er sich zwischen den Zwerggeißbäumen. Die Uldras waren noch etwa eineinhalb Kilometer entfernt, näherten sich aber im Galopp und schwangen ihre alten Zweisternthios. Jemasze suchte den Himmel ab. Von dem Hai war nichts zu sehen. Vermutlich hing es, im Sonnenglast nicht erkennbar, irgendwo in dem grellen Rosa.

Die Uldras näherten sich. Gerd erkannte, daß es sich tatsächlich um Hungen handelte. Sie kamen direkt auf den Hügel zu. Offenbar dachten sie überhaupt nicht an die Möglichkeit eines Hinterhalts – was Jemasze natürlich bestens in den Plan paßte. Er machte es sich auf dem Boden zwischen den Bäumen so bequem wie möglich, baute den Granatwerfer neben sich auf und brachte sein Gewehr in Anschlag. Die Hungen kamen herbeigaloppiert. Er hörte bereits die keuchenden Schreie ihrer Erjinen. Jemasze nahm ihren Führer aufs Korn – ein besonders großer Uldra in flatterndem graugelbem Gewand mit einem Kopfschmuck, der aus einem Menschenschädel geschnitzt war. Gerd drückte auf den Auslöser, dann zielte er sofort wieder und schoß erneut, und immer wieder. Bei den Explosionen kreischten die Erjinen empört und hielten abrupt an, indem sie sich auf alle viere niederließen und ihre Klauen in den Boden krallten. Jetzt feuerte Jemasze mit dem Granatwerfer auf die dichte Gruppe der Reiter. Ein ohrenbetäubender Knall zerriß die Luft, und die Überlebenden rissen ihre Tiere zur Seite. Jemasze erhob sich und schoß auf die sich verstreuenden Uldras… Zuckende und brüllende Erjinen lagen auf dem Boden. Ein verwundeter Blauer tastete nach seinem Gewehr und legte auf den Ausker an. Die Kugel pfiff dicht an Jemaszes Kopf vorbei. Hastig feuerte er eine zweite Granate ab, und jegliche Bewegung erstarb.

Eine Druckwelle zischte über ihn hinweg. Er wußte sofort, was geschehen war, noch ehe er sich umdrehte. Der Himmelshai war aus seiner Sonnendeckung herabgetaucht, und Kelse, der damit gerechnet hatte, hatte sofort auf ihn gezielt. Jemasze blickte hoch. Wie erwartet trudelte die Flugplattform. Der Pilot hatte offenbar die Kontrolle über sie verloren. Doch als Jemasze auf sie schoß, torkelte sie bereits außer Schußweite in westlicher Richtung davon.

Jemasze rannte den Hügel hinunter zu den Toten. Vierzehn der Blauen waren getroffen, doch genauso viele waren entkommen. Er sammelte die Waffen ein, legte sie auf einen Haufen und vernichtete sie mit einer Granate, dann kehrte er auf die Kuppe zurück. Etwa drei Kilometer entfernt hatten die Hungen angehalten, um sich zu beraten. Jemasze zielte auf sie und zog dabei auch die leichte Brise in Betracht, trotzdem traf die Kugel nicht.

Jemasze rannte zu seinem beschädigten Luftwagen zurück. Kelse, Schaine und Elvo Glissam waren gerade dabei, ein Grab in dem sandigen Grund auszuheben, und benutzten Stecken, um die Erde zu lockern. Kelse und Gerd Jemasze holten den toten Uther Madduc und legten ihn in das Grab. Schaine starrte in den Himmel, während Elvo Glissam verlegen neben ihr stand. Kelse und Gerd füllten das Grab auf und beschwerten es mit Steinen. Was immer der großartige Witz gewesen sein mochte, von dem Uther Madduc ihnen hatte berichten wollen, aus seinem Mund würden sie ihn nicht mehr erfahren.

Gerd Jemasze und Kelse durchstöberten sowohl den Sturdevant als auch den Apex und holten heraus, was sie brauchen konnten: Uther Madducs Waffen und den Inhalt seines Wassertanks – etwa vier Liter; dann aus dem Apex eine Karte, einen Kompaß, die eiserne Ration und weitere achtzehn Liter Wasser.

„Wir haben etwa hundertfünfzig Kilometer vor uns, dazu brauchen wir querfeldein etwa vier bis fünf Tage“, sagte Jemasze. „Das könnten wir schaffen – wenn die Blauen nicht zurückkommen. Aber ich fürchte, genau das haben sie vor. Haltet also die Augen offen und achtet auf Staubfahnen oder Bewegung am Horizont.“

„Können wir denn nicht durch Funk Hilfe herbeirufen?“ erkundigte sich Elvo Glissam.

„Leider nicht“, erwiderte Jemasze. „Unsere Energieaggregate sind mit dem Heck abgeschossen worden. Der Angreifer wollte uns ganz offenbar lebend in die Hand bekommen, sonst hätte er anders gezielt.“

Kelse schnallte sich einen Packsack auf den Rücken. „Je eher wir aufbrechen, desto früher kommen wir an.“

Schaine blickte ihn besorgt an. „Glaubst du denn, daß du mit deinem Bein durchhältst?“

„Ich hoffe es zumindest.“

Die vier brachen in nördlicher Richtung auf und waren erst etwa viereinhalb Kilometer gekommen, als die Hungen am Horizont auftauchten. Sie reihten sich in einer Linie auf: sechzehn Silhouetten auf unruhigen Erjinen, die ihre Arme und bärtigen Köpfe vorstreckten, und auf ihren Rücken die Hungen. Sie starrten völlig unbewegt und stumm über die Ebene, und gerade diese Ruhe wirkte bedrohlicher als Kriegsgebrüll.

Elvo Glissam fragte unsicher: „Was sollen wir tun, wenn sie angreifen?“

„Sie werden nicht angreifen“, versicherte Kelse ihm kurz. „Nicht hier, zumindest. Ihre alten Zweisterner treffen nicht auf die Entfernung. Sie werden warten, bis sie uns einen Hinterhalt legen oder uns eventuell bei Nacht überfallen können.“

Jemasze deutete auf eine Gruppe vom Wind grotesk geformter Sandsteinfelsen. „Und dort ist genau die richtige Gegend, um uns aufzulauern.“

„Sie befinden sich etwa fünfzehn Kilometer von hier“, schätzte Kelse. „Wir werden ungefähr drei Stunden brauchen, also etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang dort sein.“

Die vier stapften quer durch die Öde. Die Uldras beobachteten sie noch etwa zwei Minuten, dann wendeten sie und verschwanden nördlich außer Sichtweite.

„Sie werden sich lange an Ihre Reise nach Uaia erinnern“, sagte Schaine zu Elvo Glissam.

„Wenn ich am Leben bleibe.“

„Oh, das werden Sie sicher. Dafür sorgt schon Gerd Jemasze. Sein Selbstvertrauen würde ja einen Knacks bekommen, wenn uns etwas zustieße.“

Elvo Glissam blickte sie von der Seite an, schwieg jedoch.

Während ihres Marsches tauschten Kelse und Gerd Jemasze hin und wieder Bemerkungen aus und wiesen für die beiden anderen auf irgendeinen interessanten Punkt der Landschaft. Im Schatten eines Hexenbaums mit breiter Krone machten sie Rast. Kelse wandte sich an Elvo Glissam und Schaine. „Wir müssen die Felsen dort voraus umgehen, denn da könnten die Blauen uns zu leicht auflauern. Der einzelne Fels ziemlich rechts dürfte weniger gefährlich sein, da seitlich offenes Gebiet ist. Wir werden um ihn herum ein Stück und dann in östlicher Richtung marschieren.“

Weiter stapften die vier durch den heißen Nachmittag. Schaine fiel auf, daß Kelse stärker hinkte als zuvor… Sie kamen zu einem ausgetrockneten Flußlauf mit einem sandigen Bett, dessen Ufer mit giftigem Kasander und Plunderbeerbüschen bewachsen war. Jemasze winkte die anderen in den Schatten des purpurnen Kasanderlaubs. „Sie sind uns möglicherweise vorausgeritten und haben das Flußbett durchquert. Wenn ja, warten sie höchstwahrscheinlich hinter der gegenüberliegenden Uferböschung auf uns, um uns abzuknallen, wenn wir hinüber wollen. Ich glaube, es ist besser, wir bleiben noch zwei oder drei Kilometer auf dieser Seite.“

„Und dann?“ fragte Elvo Glissam.

„Dann werden wir weitersehen.“

Wachsam und innerlich unruhig machten sie sich wieder auf den Weg. Nach nicht ganz zwei Kilometern deutete Jemasze auf die Spuren im Sand des Flußbetts. „Hier sind sie hinüber. Sie lauern uns jetzt dort drüben auf.“ Er dachte kurz nach. „Ihr drei folgt dem Ufer hier bis zu dem großen Seidenbaum.“

Die drei stapften weiter. Jemasze duckte sich und schlich an einer Stelle durchs Flußbett, wo er vom jenseitigen Ufer aus nicht gesehen werden konnte. Nach ungefähr dreihundert Metern kletterte er vorsichtig die Uferböschung wieder hoch. Er blickte hinter sich, dann spähte er hinüber zum anderen Ufer. Nichts rührte sich dort, und er hatte auch nicht das Gefühl drohender Gefahr. Er wartete eine Minute lang, dann rutschte er die Böschung wieder hinunter und rannte tief geduckt über den rosa Sand und die winzigen Quarzsteinchen zum gegenüberliegenden Ufer. Angespannt wartete er darauf, jeden Augenblick ein Gewehr knallen zu hören, obgleich sowohl sein Verstand als auch sein Instinkt ihm versicherten, daß die Hungen keine Posten zurückgelassen hatten, um diesen Teil des Flußlaufes zu bewachen. Ohne unangenehme Überraschungen erreichte er die andere Böschung und kroch dankbar durch die Deckung der Plunderbeerbüsche. Als er oben ankam, hielt er verborgen Ausschau in nördlicher Richtung nach den Hungen. Und wie erwartet, entdeckte er sie tatsächlich in etwa gegenüber dem riesigen Seidenbaum, wo inzwischen Kelse, Schaine und Elvo Glissam angekommen waren.

Jemasze kehrte ins Flußbett zurück und rannte im Schutz der Büsche gut hundert Meter nordwärts, dann sah er sich erneut oben auf der Böschung um. Er war noch zu weit entfernt. Wieder eilte er hinunter und kroch weitere hundert Meter an den Büschen entlang. Als er jetzt von oben Ausschau hielt, befanden die Hungen sich kaum noch hundert Meter entfernt.

Er beobachtete sie kurz, dann legte er auf den Reiter an, der der neue Anführer zu sein schien. Ohne Vorwarnung eröffnete er das Feuer. Drei Blaue stürzten reglos auf den Boden. Die Erjinen kreischten vor Wut und Schrecken. Die Überlebenden ergriffen sofort die Flucht. Sie rasten durch das Gebüsch die Böschung hinunter ins Flußbett, das sie im Zickzack geradewegs auf den Seidenbaum zu überquerten, während sie im Reiten schossen.

Jetzt begann auch Kelse zu schießen. Er blickte Elvo Glissam auffordernd an, der fasziniert, aber wie gelähmt, auf die herbeieilenden Hungen starrte.

„Schießen Sie schon, Mann! Schießen Sie!“ schrie er.

Elvo Glissam schüttelte sich, dann biß er die Zähne zusammen und drückte auf den Auslöser.

Kugeln pfiffen über ihre Köpfe hinweg. Das Flußbett schien bedeckt mit um sich schlagenden Erjinen und sterbenden Blauen. Die fünf, die überlebt hatten, kletterten durch das Buschwerk hoch. Schaine und Kelse hatten sie genau im Visier. Drei näherten sich dem oberen Ende der Böschung. Elvo Glissam, den eine merkwürdige Mischung aus Mut, Scham, Angst und Wut übermannte, stieß einen schrillen Schrei aus und warf sich auf den Rücken eines der Blauen, dabei zerrte er ihn von seinem Reittier herunter. Die beiden rangen zwischen den Plunderbeeren miteinander. Der Erjin zischte und brüllte, stampfte, ohne einen Unterschied zu machen, auf beide ein, ehe er die Böschung hinunter- und mit Riesenschritten durch das Flußbett davonrannte. Der Blaue zog seinen Dolch und schlitzte Elvos Arm auf, der um seinen Hals geschlungen war. Jemasze eilte herbei. Er schlug dem Blauen den Lauf seines Gewehrs über den Schädel, und der Hunge sank in das Gebüsch.

Keiner sagte ein Wort. Nur das Keuchen der reiterlosen Erjinen war zu hören, und ihr Scharren, als sie sich von ihrem Zaumzeug und den elektrischen Fesseln zu befreien versuchten, indem sie beides gegen die Steine rieben. Elvo Glissam starrte stumm auf das Blut, das aus seinem Unterarm quoll. Schaine murmelte erschrocken etwas Unverständliches und rannte auf ihn zu. Kelse brachte eine Flasche Allzweckheilmittel zum Vorschein und besprühte damit den tiefen Schnitt, der daraufhin sofort zu bluten aufhörte. Als sich die Schutzschicht gebildet hatte, goß Schaine Wasser über Elvos Arme, um das Blut abzuwaschen. Mit leicht zitternder Stimme murmelte er: „Tut mir leid, daß ich so – so benommen bin. Ich fürchte, ich habe bisher ein allzu beschütztes Leben geführt.“

„Es ist der Schock“, versicherte ihm Schaine. „Das könnte jedem passieren. Sie sind sehr tapfer.“

Jemasze machte sich daran, seinen Packsack zu holen, und als er zurückkehrte, stapften sie wieder in nördlicher Richtung weiter und ließen den ausgetrockneten Flußlauf mit den toten Blauen zurück.

Methuen ging hinter dem Luzimergebirge unter. Die vier schlugen ihr Lager auf dem Hang eines Hügels auf. Um keine Uldras auf sich aufmerksam zu machen, falls noch irgendwelche in der Nähe waren, zündeten sie kein Feuer an. Sie stärkten sich mit Notproviant und Wasser. Der Himmel färbte sich zinnober-, dann scharlach- und rubinrot, und wurde schließlich zu einem tiefen Purpur. Die Dämmerung senkte sich herab. Schaine setzte sich neben Elvo Glissam. „Wie geht es Ihnen?“

Elvo blickte hinab auf den jetzt geschlossenen Schnitt. „Er tut noch ein bißchen weh. Aber es könnte schlimmer sein. Mehr ärgere ich mich darüber, daß dieser Erjin mich in die Rippen trampelte.“

Schaine murmelte bedrückt: „Ich frage mich, ob Sie mir je verzeihen können, daß ich Sie nach Morgenwacht einlud.“

Elvo Glissam antwortete ihr und leitete damit ein Gespräch ein, das ihm später, wenn er daran zurückdachte, noch unwirklicher und widersinniger als jeglicher andere Aspekt des Abenteuers erschien.

„Ich vergebe Ihnen hier und jetzt“, versicherte er ihr. „Wenn schon nichts anderes, ist diese Reise ungemein belehrend – oder sollte ich sagen, erzieherisch? – für mich. Ich sehe mich jetzt selbst aus einer völlig neuen Sicht.“

Schaine widersprach ihm heftig. „Aber nein. Die Umgebung, die Umwelt hat sich verändert. Sie sind immer noch derselbe.“

„Das kommt im Grund genommen auf das gleiche heraus. Sensibilität ist keine große Hilfe, wenn man um sein Leben kämpfen muß.“

Schaine blickte von Kelse, der sich gegen einen Baumstamm lehnte und, wie sie vermutete, spöttisch grinste, zu Gerd Jemasze, der, beide Arme um die Knie geschlungen, auf einem flachen Stein saß und grübelnd in die wachsende Dunkelheit starrte. Gerade durch die Haltung der beiden empfand sie es als ihre Pflicht, Elvo Glissam moralisch zu unterstützen. „Unter normalen Umständen, in einem Leben in der Zivilisation, ist es auch nicht notwendig, um sein Leben zu kämpfen“, erklärte sie fest.

Kelse lachte freudlos. Schaine blickte ihn böse an. „Habe ich etwas Dummes gesagt?“

„Eine Feuerwehr ist solange unnötig, bis es brennt.“

„Die Zivilisation ist die normale Umwelt für einen normalen Menschen“, sagte Schaine heftig. „Zivilisierte Menschen brauchen nicht um ihr Leben zu kämpfen.“

„Nicht oft“, erwiderte Kelse lakonisch. „Aber im Notfall kann man eben keinen Blauen durch Abstraktionen töten.“

„Habe ich das vielleicht angedeutet?“

„In gewisser Weise.“

„Dann muß ich wohl verwirrter sein, als ich dachte, denn ich kann mich an nichts dergleichen erinnern.“

Kelse zuckte die Achseln und hob die Augen zum Himmel, als wolle er andeuten, daß er keine Lust habe, dieses Thema zu erörtern. Aber er sagte: „Du benutzt das Wort ‚Zivilisation‘, das doch nichts weiter als Abstraktionen, Ideen, Symbole, Konventionen bezeichnet. Sie ist stellvertretend für Erfahrung; Emotionen werden schon im vorhinein geordnet; Ideen scheinen echter als die Wirklichkeit.“

Schaine war ein wenig betroffen. „Das ist doch wohl etwas zu verallgemeinernd.“

„Das würde ich nicht sagen“, erklärte Kelse sanft.

„Ich verstehe Ihre Ablehnung von Abstraktionen nicht“, warf nun Elvo Glissam ein.

„Ich auch nicht“, murmelte Schaine. „Ich glaube, Kelse gibt sich hier irgendwelchen Hirngespinsten hin.“

„Durchaus nicht“, versicherte ihnen Kelse. „Die Städter sind so sehr mit Ideen und Abstraktionen beschäftigt, daß sie immer wirklichkeitsfremder werden. Und wenn dann tatsächlich einmal ein Riß in der Struktur der Zivilisation entsteht, sind sie so hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen.“

Elvo Glissam seufzte tief. „Was könnte unwirklicher sein, als hier in der Wildnis über Zivilisation zu debattieren? Nebenbei möchte ich bemerken, daß gerade Kelse durch seine Worte ein beachtliches Geschick in städtischen und zivilisationsbedingten Abstraktionen beweist.“

Kelse lachte. „Auch ich möchte nebenbei etwas bemerken: daß gerade die Städter die Mitgliedschaft des Verbands der Redemptoristen, des Vitatis Cults, des Panorthismus und einem Dutzend weiterer Vereinigungen ausmachen – alle von Abstraktionen geleitet, die fünf oder sechs Ebenen von der Wirklichkeit entfernt sind.“

„Selbst die sogenannte Wirklichkeit ist eine Abstraktion“, gab Elvo Glissam zu bedenken.

„Eine Abstraktion mit einem großen Unterschied, denn sie kann physische Schmerzen zufügen. Beispielsweise wie bei uns, wenn man notlanden und dann hundertfünfzig Kilometer durch die Wildnis marschieren muß. Das ist wirklich, Tante Vals Raum der Winde in der Villa Mirasol ist es nicht.“

„Du schüttest das Kind mit dem Bade aus“, sagte Schaine erbost. „Nur weil jemand Ideen nachgeht, heißt das noch lange nicht, daß er sich nicht zu helfen weiß.“

„In einer zivilisierten Umwelt ist er durchaus sicher, und er kann ein Vermögen zusammenraffen. Aber eine solche Umwelt ist empfindlich wie Spinnweben, und wenn sie zusammenbricht, herrscht Chaos!“ brummte Kelse.

Nun beteiligte sich auch Gerd Jemasze an der Unterhaltung. „Denkt doch nur an die menschliche Geschichte.“

„Das habe ich getan“, versicherte ihm Kelse. „Gerade in der Geschichte findet man die Vernichtung einer langen Reihe von Zivilisationen, weil die Bürger Intellektualismus und Abstraktionen pflegten und darüber die Ausübung und Vervollkommnung körperlicher Fähigkeiten, vor allem der Selbstverteidigung und des Kämpfens, völlig vergaßen.“

„Du bist schon genauso engstirnig und querköpfig wie Vater, Kelse“, sagte Schaine mißbilligend. „Du bist ein wahrer Abklatsch von ihm.“

„Ihre Theorie hat auch noch eine andere Seite“, erinnerte ihn Elvo Glissam. „Aus deren Blickwinkel gesehen, ist die Geschichte eine Ansammlung von Fällen, in denen Barbaren der Wildheit entsagten und großartige Zivilisationen schufen.“

„Und gewöhnlich dabei ältere Kulturen zerstörten“, warf Kelse ein.

„Oder andere, weniger fähige Barbaren ausnutzten. Nehmen wir Uaia. Eine Gruppe sogenannter Zivilisierter griff die Barbaren an und beraubte sie. Die Barbaren waren hilflos gegenüber den Energiewaffen und Himmelswagen der Ausker – die allein aufgrund von Abstraktionen erst hatten geschaffen werden können – durch Zivilisierte.“

Gerd Jemasze grinste. Und Schaine ärgerte sich darüber. „Das sind Tatsachen“, sagte sie.

„Aber das sind nicht alle“, erinnerte sie Jemasze. „Die Barbaren wurden nicht ausgeraubt. Sie nutzen ihr Land noch so unbeschränkt wie zuvor. Dafür wurden Folterei und Sklaverei so gut wie abgeschafft.“

„Also gut“, brummte Elvo. „Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Uldra. Sie haben kein Wahlrecht und unterstehen fremden Gesetzen. Was würden Sie tun?“

Gerd Jemasze überlegte kurz, dann antwortete er: „Das kommt ganz darauf an, was ich möchte. Das, was ich möchte, würde ich natürlich versuchen zu erreichen. Und dafür kämpfen.“

Noch vor Morgengrauen waren die vier bereits wieder unterwegs. Eine riesige Wolkenbank verbarg den östlichen Himmel, und sie marschierten in rötlicher Düsternis. Gegen Mittag schossen Blitze über die nun in südlicher Ferne liegenden Felsen hinweg, und Böen feuchter Luft bliesen über die Ebene. Am Mittnachmittag goß es in Strömen, bis die kleine Gruppe bis auf die Haut durchnäßt war, dann bahnte die Sonne sich einen Weg durch die Wolken und badete den aufgeweichten Boden mit ihren rosigen Strahlen.

Jemasze schritt voran und achtete darauf, daß Kelse, dessen Hinken immer stärker wurde, auch ohne Schwierigkeiten mitkam. Schaine und Elvo Glissam gingen hinter ihnen. Wären die Umstände anders, ihr Vater noch am Leben, und täte Kelse sich nicht so schwer, hätte Schaine das Abenteuer vermutlich sogar Spaß gemacht.

Die Ebene senkte sich nun zu einem Becken aus bleichem getrocknetem Lehm. An seinem ihnen gegenüberliegenden Rand standen mehrere Sandsteinfelsen und darunter eine steile Böschung aus rosigem, hellviolettem und rotbraunem Sandstein. Schaine rief Kelse zu: „Dort ist Grundrand!“

„Dann sind wir ja schon fast zu Hause!“

„Morgenwacht beginnt hinter dem Rand der Böschung“, erklärte Schaine aufgeregt Elvo Glissam. „Von dort ab ist alles unser Land – bis nach Norden zu den Volwoden.“

Elvo Glissam schüttelte ein wenig traurig abweisend den Kopf, und Schaine blickte ihn verwundert an. Sie dachte einen Augenblick nach, was sie gesagt hatte, dann lachte sie, ohne das Thema weiterzuverfolgen. Ganz sicherlich war sie weder aus Instinkt noch aus innerer Überzeugung ein Redemptorist… Wie ließe ihre Liebe zu Morgenwacht sich mit dem leichten Schuldbewußtsein vereinbaren, daß sie kein Recht auf diesen Besitz hatte? Kelse und Gerd Jemasze kannten keine solchen Gewissensbisse. Impulsiv fragte sie Elvo Glissam: „Angenommen, Morgenwacht gehörte Ihnen, was würden Sie tun?“

Elvo Glissam lächelte und hob die Schultern. „Es ist immer einfacher, das Eigentum eines anderen aufzugeben… Ich möchte gern glauben, daß meine Prinzipien stärker sind als mein Besitzerstolz.“

„Sie würden also Morgenwacht aufgeben?“

„Ich weiß es ganz ehrlich nicht. Ich hoffe, daß ich es täte.“

Schaine deutete in die Richtung mehrerer Tungkäferhaufen, etwa hundert Meter westlich. „Schauen Sie! Dort, rechts im Schatten! Sie wollten doch einen wilden Erjinen sehen – da ist einer!“

Der Erjin war gut zwei Meter dreißig groß und hatte kräftige Arme mit schwarzgelben Fellstreifen. Goldenfarbene Büschel steifen Haares standen hochaufgerichtet auf dem Kopf. Die vier kleinen Augen im Hals, unter dem vorragenden Kinnknochen, waren hinter goldbronzefarbenen Knorpelfalten fast völlig verborgen. Das Tier, das sie ebenfalls bereits entdeckt hatte, zeigte weder Furcht noch Feindseligkeit. Jetzt sahen auch Gerd Jemasze und Kelse es. Kelse starrte es wild an und brachte sein Gewehr in Anschlag.

„Er wird doch nicht schießen!“ rief Elvo Glissam empört. „Es ist so ein herrliches Geschöpf!“

„Er hat Erjinen immer gehaßt – um so mehr, seit er Arm und Bein verlor.“

„Aber dieser hier bedroht uns doch nicht! Das ist ja fast ein Mord!“

„Passen Sie auf!“

Gerd Jemasze wirbelte plötzlich herum und schoß auf ein Paar Erjinen, die aus einem Fettbuschdickicht heraussprangen. Einer rannte weiter und fiel kaum einen Meter vor Schaine und Elvo Glissam zu Boden. Nur noch seine sechsfingrigen Hände zuckten. Der andere schlug einen grotesken Purzelbaum rückwärts, ehe er leblos liegenblieb. Der erste Erjin, der als Lockvogel gedient hatte, versteckte sich eilig hinter den Tungkäferhaufen, bevor Kelse noch auf ihn zielen konnte. Jemasze rannte nach rechts, um einen besseren Schußwinkel zu erreichen, aber inzwischen hatte die Kreatur sich schon aus dem Staub gemacht. Elvo Glissam blickte fasziniert auf den zuckenden Erjin zu seinen Füßen. Er betrachtete die Hände, die so feingliedrig wie menschliche waren, und die Krallen, die herausglitten, wenn der Erjin die Hand zur Faust ballte. Er untersuchte die fast stachligen goldbronzefarbenen Haarbüschel, die manche für Gedankenrezeptoren hielten. Nur noch ein Sprung mehr, und die Kreatur hätte ihn erwischt! Mit leicht verlegener Stimme wandte er sich an Gerd Jemasze. „Das war knapp… Wenden Erjinen häufig solche Tricks an?“

Jemasze nickte. „Sie sind intelligente Bestien, und unversöhnlich. Wie man sie domestizieren kann, ist mir ein Rätsel.“

„Vielleicht fand Uther Madduc die Lösung, und das war sein ‚großartiger Witz‘?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich beabsichtige, es herauszufinden.“

„Wie stellst du dir das vor?“ fragte Kelse.

„Sobald wir Morgenwacht erreicht haben, fliegen wir zu dem Sturdevant zurück und holen uns das Logbuch“, erklärte Gerd Jemasze. „Dann erfahren wir, wo dein Vater gewesen ist.“

Der Nachmittag näherte sich seinem Ende. Bei Sonnenuntergang schlugen sie ihr Lager zwischen den Sandsteinfelsen auf. Die Grenze der Morgenwacht-Domäne lag nicht mehr ganz fünf Kilometer nördlich. Jemasze erlegte einen zehnpfündigen Bustard, einen verwilderten Abkömmling einer vor langer Zeit von fremden Sternen importierten Geflügelart. Schaine und Elvo sammelten trockene Zweige und machten ein Feuer, über dem sie den gevierteilten Vogel grillten.

„Morgen kommen wir an Frischwasser“, sagte Gerd. „Wenn ich mich recht entsinne, fließen drei oder vier Bäche quer durch Südmorgenwacht.“

„Es sind noch etwa fünfzehn Kilometer bis zur Südstation“, erklärte Kelse. „Es gibt dort eine Windmühle und vielleicht ein paar Vorräte. Aber kein Radio, dummerweise.“

„Wo sind die Aos?“

„Sie können überall sein, aber ich fürchte, sie befinden sich zur Zeit im Norden. Von ihnen werden wir also keine Hilfe erwarten können. Und es liegen immer noch fast hundert Kilometer vor uns.“

„Wie geht es Ihrem Bein?“

„Nicht besonders gut. Aber ich werde schon durchhalten.“

Elvo Glissam legte sich auf den Rücken und blickte hinauf zu den Sternen. Sein eigenes Leben, dachte er, war doch verhältnismäßig einfach, verglichen mit dem eines Landbarons… Schaine! Was wohl in ihrem Kopf vorging? Einen Augenblick schien sie so ungemein sanft und mitfühlend, dann naiv, und dann wiederum von irgendeiner Gefühlsregung erfüllt, die er nicht verstand. Zweifellos war sie tapfer, gütig und humorvoll. Er konnte sich vorstellen, daß er ein Leben lang gut mit ihr auskommen würde… In Morgenwacht? Da war er nicht so sicher. Aber würde sie sich entschließen können irgendwo anders zu leben? Auch dessen war er nicht so sicher… Noch drei Tage dieses anstrengenden Marsches. Er wünschte, er könnte Kelse irgendwie helfen. Vielleicht würde er in der Frühe möglichst unauffällig einen Teil von Kelses Sachen in seinem Packsack verstauen und für ihn tragen.

Elvo Glissam dachte auch am Morgen noch daran. Kelse bemerkte es und protestierte, aber Glissam sagte: „Ich tue es aus reiner Selbstsucht. Sie leisten ohnehin doppelt soviel wie ich, und es ist schließlich in unser aller Interesse, wenn Sie bei Kräften bleiben.“

Gerd Jemasze pflichtete ihm bei. „Glissam hat recht, Kelse. Ich trage lieber dein Gepäck als dich.“

Kelse schwieg, und die vier machten sich wieder auf den Weg. Nach etwa einer Stunde erreichten sie das Tal vor dem Südrand. Durch eine trockene Klamm stiegen sie gut hundertfünfzig Meter auf, dann kletterten sie mühsam die restlichen fünfunddreißig Meter eine gefährliche Wand aus Bruchsteinen hoch, bis sie endlich erleichtert am oberen Rand standen. Hinter ihnen verlor sich das Retentum im Süden im Dunst, vor ihnen fiel das Land allmählich zu einem wunderschönen Tal ab mit Grüngummi, Drachenaugen, schlanken schwarzgrünen Gadronen und herrlichen Büschen orangefarbener Vandalien. Eineinhalb Kilometer nördlich spiegelte sich die Sonne in einem seichten Teich. „Morgenwacht!“ rief Schaine mit belegter Stimme. „Wir sind zu Hause!“

„Ja, wir haben nur noch hundert Kilometer zu marschieren“, sagte Kelse trocken.

Jemasze blickte zurück über das Retentum. „Das Schlimmste haben wir hinter uns. Von jetzt an dürften wir leichter weiterkommen.“

Einen Tag lang schleppten sie sich fast schweigend über die Südprärie, einen weiteren plagten sie sich die Turmalinberge hoch und wieder hinunter. Kelse bewegte sich nun fast nur noch einseitig hüpfend. Der Morgenmarsch durch die Moore nördlich des Himmelblumensees war besonders anstrengend. Gegen Mittag bahnten sie sich einen Weg durch ein Dickicht zäher Ranken, dann endlich erreichten sie wieder wegsameres Gebiet. Hier machten sie Rast. Kelse blickte geradeaus. „Noch zweiundzwanzig Kilometer – bis heute abend schaffen wir es nie. Vielleicht solltet ihr lieber vorausgehen und einen Wagen schicken, um mich abzuholen?“

„Ich bleibe bei dir“, erklärte Schaine. „Es ist eine gute Idee.“

„Das wäre es vielleicht – wenn man uns nicht ständig beobachtete“, widersprach Gerd Jemasze. Er deutete hoch. „In den letzten beiden Tagen habe ich bereits dreimal einen Himmelshai, halbverborgen in den Wolken, gesehen.“

Nun blickten alle hoch. „Ich sehe nichts“, murmelte Schaine.

„Im Augenblick ist er hinter dem Kumulus dort!“

„Aber was beabsichtigt er? Wenn er ein Feind ist, weshalb versucht er dann nicht, auf uns zu schießen?“

„Ich nehme an, daß er uns lebend haben will. Oder zumindest einen oder auch mehrere von uns. Wenn wir uns trennten, würden wir ihm die Sache nur erleichtern. Möglicherweise lauert uns sogar noch ein Trupp Hungen irgendwo zwischen hier und Morgenwacht auf.“

„Glaubst du wirklich, sie würden sich so weit vom Retentum hierherwagen?“ fragte Schaine erschrocken. „Brächten unsere Aos sie denn nicht um?“

„Der Himmelshai kann die Aos im Auge behalten und die Hungen rechtzeitig warnen.“

Elvo Glissam benetzte die Lippen. „Ich möchte nicht gern jetzt noch gefangengenommen oder gar getötet werden.“

Kelse erhob sich schwerfällig. „Also, dann wollen wir wieder aufbrechen.“

Zwanzig Minuten später spähte Jemasze erneut durch das Fernglas. Als er es nach Norden richtete, rief er: „Uldras! Etwa zwanzig!“

Schaine starrte müde durch den rosigen Staubschleier. Wieder kämpfen, wieder töten müssen! Und hier in diesem Gebiet, das von Vandalienbüschen nur so überwuchert war, die dem Gegner Deckung boten, hatten sie kaum eine Chance, einen Angriff abzuwehren. Zweiundzwanzig Kilometer nach Morgenwacht – so nah und doch so fern!

Elvos Gedankengang glich offenbar dem ihren. Seine Züge waren angespannt, sein Blick stumpf. Vergebens unterdrückte er ein Stöhnen.

Gerd Jemasze justierte das Glas. „Sie reiten Kriptiden!“

Schaine atmete erleichtert auf. „Dann sind es Aos!“

Gerd Jemasze nickte. „Ja, ich erkenne jetzt auch ihren Kopfschmuck. Weiße Federbüsche! Es sind Aos!“

Schaine schluchzte vor Freude. „Sind sie feindlich?“ erkundigte sich Elvo Glissam heiser.

„Nein“, erwiderte Kelse kurz.

Die Reiter näherten sich in einer Staubwolke. Gerd Jemasze studierte den Himmel durch das Glas. „Ah, er zieht sich zurück!“ Er deutete auf einen winzigen Punkt zwischen den Wolken, der mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Westen verschwand.

Die Aos ritten in einem rituellen Kreis um die Gruppe. Die leisefüßigen Kriptiden1 rannten sanft auf dem Boden. Nun hielten sie an. Ein alter Mann, ein wenig kleiner und kräftiger als der Durchschnittsuldra, stieg von seinem Kriptiden. Schaine streckte ihm die Hand entgegen. „Kurgech! Ich bin wieder nach Hause gekommen!“

[1 Kriptid: Eine lang und niedrig gewachsene Variante des terranischen Pferdes, mit weichen Ballen statt Hufen. Die Retentum-Uldras lehnen die Kriptiden ab. Sie betrachten sie als Reittiere für Wittols, sexuell Abartige und Frauen.]

Der Ao berührte ihren Kopf – eine Geste, die halb Liebkosung, halb formeller Gruß war. „Es ist uns eine Freude, Sie wieder zu Haus zu haben, Herrin.“

„Uther Madduc ist tot“, sagte Kelse abrupt. „Er wurde über dem Dramalfo von einem Himmelshai abgeschossen.“

Kurgechs graues Gesicht – er verwendete kein Azuröl – verriet keinerlei Regung. Schaine nahm an, daß sein Geist diese Information bereits aufgenommen hatte. „Weißt du, wer ihn getötet hat?“ fragte sie.

„Nein. Dieses Wissen ist noch nicht zu mir gekommen.“

Kelse humpelte dicht zu ihm und sagte heiser: „Suche danach, Kurgech. Und laß es mich wissen, wenn es zu dir gekommen ist.“

Kurgech nickte flüchtig, was alles mögliche bedeuten mochte, und wandte sich an vier seiner Begleiter, die daraufhin abstiegen und ihre Reittiere näher brachten. Gerd Jemasze half Kelse in den Sattel. Schaine mahnte Elvo Glissam: „Sitzen Sie ganz ruhig und halten Sie sich fest. Der Kriptid braucht keine Führung.“

Jetzt schwangen auch sie und Gerd Jemasze sich auf ihre Tiere, und die vier Aos setzten sich jeder hinter einem Kameraden in den Sattel. Dann ritten sie nordwärts nach Morgenwacht.

Zwei Stunden später, als sie am Skaw vorbei waren und die Südsavanne überquert hatten, sah Schaine ihr Vaterhaus. Sie blinzelte, um nicht in Tränen auszubrechen, aber sie konnte ihre so lange unterdrückten Gefühle nicht mehr zurückhalten. Sie blickte aus dem Augenwinkel auf Kelse, der neben ihr ritt. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und fast so grau wie Kurgechs. Auch in seinen Augen glänzten Tränen. Gerd Jemaszes Gesicht war unbewegt. Wer konnte diesen Mann durchschauen? Elvo Glissam, der viel zu höflich war, seine Erleichterung offen zur Schau zu tragen, verhielt sich zurückhaltend und schwieg. Schaine beobachtete ihn verstohlen. Obwohl er nichts von der Wildnis verstand, hatte er sich keine Blöße gegeben, oder war den anderen zur Last gefallen. Kelse mochte ihn ganz offensichtlich, und selbst Gerd Jemasze behandelte ihn mit freundlicher Höflichkeit. Wenn er Uaia verließ und nach Olanje zurückkehrte, würde er genügend Erinnerungen für ein ganzes Leben mitnehmen.

Und dort vor ihnen lag nun Morgenwacht einladend zwischen den hohen, zerbrechlichen Grüngummibäumen, den mächtigen transstellaren Eichen, dem Chip-chap, der sich gemächlich daran vorbeischlängelte. Es war ein Anblick, der wundervolle Erinnerungen weckte und der ihr immer teuer sein würde. Und wieder stiegen Tränen ungebeten in Schaines Augen.

Kapitel 5

Über zweihundert Jahre lang war Morgenwacht gebaut und renoviert, angebaut und umgebaut und Dutzenden von Neuerungen und Verbesserungen unterzogen worden, und jeder Sohn, der das Haus von seinem Vater übernahm, trug dazu bei, ihm etwas von seiner Persönlichkeit mitzugeben. Morgenwacht fehlte deshalb eine exakte Stilrichtung und sah aus jedem Blickwinkel anders aus. Das Dach des Mittelbaus war hoch und steil, mit einem Dutzend schmaler Giebelfenster, einem niedlichen Vorbau, der auf den Wiedehopfweiher hinausragte, und entlang des hohen Firstes gab es ein paar schwarze Kleeblätter, die böse Geister vertreiben sollten. Auf jeder Seite erstreckte sich ein langgezogener zweistöckiger Flügel mit einer Veranda im Parterre und Balkon im ersten Stock. Der doppelte Säulengang war mit Arabellawein überwuchert. Die kunstvoll geschnitzten Stützbalken waren aus den Bäumen des Feenwalds, die Dachschindeln aus nicht weniger haltbarem Grüngummiholz, die Treppen, Balustraden, Böden, Vertäfelungen im Inneren aus Eiche, Perlsachuli, Verban und szintarrischem Teak. Die Kronleuchter, Möbel und Teppiche waren importiert, nicht aus Olanje (was von dort kam, wurde als billig und geschmacklos erachtet), sondern von den fernen Alten Welten.

Der Mittelbau enthielt die Große Halle, das Herz Morgenwachts, in der Feste und Familienanlässe gefeiert wurden, wo man Gäste empfing und das Abendessen in einer schrecklich förmlichen Atmosphäre einnahm – wie Schaine sich erinnerte. Jeder mußte sich dafür umziehen, die Tafel wurde mit dem besten Silber, dem besten Porzellan und kostbarsten Kristall gedeckt. Die Unterhaltung widmete sich nur würdigen Themen. Jeder mußte sich absolut nach der Etikette benehmen. Als Kind hatte Schaine diese Dinner immer schrecklich gefunden, und sie hatte nicht verstanden, weshalb Tortilla nicht daran teilnehmen durfte. Sein Benehmen und seine kleinen Späße hätten die Atmosphäre zweifellos aufgelockert. Aber nein, Tortilla wurde in die Küche verbannt.

Als Schaine elf war, ertrank ihre Mutter bei einer Kahnfahrt auf dem Schattensee. Von da an wurden die Dinner in der Großen Halle düsterer und weniger pompös, und Uther Madduc – für Schaine unerklärlich – mürrisch und unberechenbar. Wie oft hatte seine Laune Schaine wütend gemacht und zur Rebellion gereizt. Nicht, daß sie ihren Vater nicht geliebt hätte, Schaine war viel zu warmherzig, etwas, das zu ihrem Leben gehörte, von ihrer Liebe auszuschließen. Trotzdem beschloß sie, daß man ihrem Vater eine Lektion erteilen mußte, wie man mit den Menschen auskommen sollte und daß man nicht so arrogant gegen die Uldras sein durfte, besonders gegen Tortilla.

Uther Madduc war damals eine beachtliche Erscheinung gewesen. Er war hochge-wachsen, von gerader Haltung, dichtem grauen Haar, in eleganter Einfachheit frisiert, klaren, grauen Augen und Zügen von geradezu klassischer Regelmäßigkeit. Er war weder kontaktfreudig noch war es leicht, mit ihm auszukommen. Schaine erinnerte sich an ihn als Persönlichkeit, die ihren Grübeleien nachhing, plötzlichen Impulsen nachgab, gleichzeitig ruhig und doch ruhelos war und keinerlei Begabung noch Toleranz für Frivolitäten kannte. Sein Ärger, den er selten Zeigte, war kalt und beherrscht und hatte keine spürbaren Nachwehen. Nie hatte er ihn an Schaine oder Kelse ausgelassen, außer vielleicht in jener unvergeßlichen Nacht, als er sie bestrafte, wenn man es Strafe nennen konnte, daß sie in ein teures Mädchenpensionat auf Tanquil geschickt wurde. Wirklich, dachte Schaine, ich war ein arrogantes, wütendes, von der eigenen Wichtigkeit überzeugtes kleines Biest… Und doch, und doch…

Kelse und Gerd waren mit dem Morgenwacht-Transporter in den Süden geflogen, um den Apex und den Sturdevant abzuholen. Zwei von Gerd Jemaszes Vettern und zwei Aos von der Ranch hatten sie begleitet. Vorsichtshalber hatte man eine automatische Kanone auf das Frachtdeck montiert, um Angriffen von Himmelshaien begegnen zu können. Man hatte Elvo Glissam nicht gebeten, an dem Ausflug teilzunehmen, und selbst hatte er sich nicht angeboten. Mit Schaine frühstückte er geruhsam unter den Grüngummis. „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, wie Sie mich am besten unterhalten können“, sagte er zu ihr. „Ich weiß, daß hunderterlei Dinge Sie beschäftigen.“

Schaine lächelte. „So schwierig ist es sicher nicht, Sie zu unterhalten, daß ich mir den Kopf zerbrechen müßte“, erwiderte sie. „Ich versprach, Ihnen wilde Erjinen zu zeigen, das habe ich bereits getan, und die hunderterlei Dinge, die mich beschäftigen, verschiebe ich auf jeden Fall noch ein paar Tage. Wer weiß, ob sie mir dann noch so wichtig sind. Vielleicht tue ich in den nächsten Wochen überhaupt nichts.“

„Wenn ich so zurückdenke“, murmelte Elvo Glissam, „kann ich mir gar nicht vorstellen, daß alles wirklich geschehen ist. Und doch besteht kein Zweifel daran.“

„Es ist auch eine Art, sich kennenzulernen“, murmelte Schaine. „Während eines Fünf-Tage-Marsches kommt man sich unausbleiblich näher.“

„Ja, Ihnen zumindest, und Kelse. Bei Gerd Jemasze weiß ich es nicht so recht. Er gibt mir Rätsel auf.“

„Mir nicht weniger, dabei kenne ich ihn schon mein Leben lang.“

„Ich könnte schwören, es macht ihm Spaß, Uldras zu töten“, sagte Elvo Glissam leise. „Es ist vielleicht nicht schön, an seinen Motiven herumzukritteln. Er hat uns schließlich heimgebracht – genau wie Sie sagten.“

„Er ist nicht blutdürstig, wenn Sie das meinen“, sagte Schaine. „Er betrachtet die Hungen ganz einfach nicht als menschliche Wesen, vor allem nicht, wenn sie uns angreifen.“

„Gerade das bestürzt mich an ihm so sehr“, meinte Glissam nachdenklich. „Töten gehört einfach nicht zu meinen Fähigkeiten.“

„Oh, Sie haben sich sehr gut gehalten“, versicherte ihm Schaine. „Sowohl Kelse als auch Gerd empfinden Hochachtung für Sie. Also quälen Sie sich nicht mit irgendwelchen Minderwertigkeitskomplexen.“

„Das tue ich keineswegs. Nur wüßte ich wirklich nicht, womit ich mir ihre Hochachtung verdient hätte.“

„Sie haben nicht geklagt. Sie haben Ihren Anteil an der Arbeit, und sogar mehr als nötig war, getan. Sie waren immer guter Laune. Ich halte das für sehr erwähnenswert.“

„Alles nicht der Rede wert“, erwiderte Glissam wegwerfend. „Aber ich bin jetzt wieder in einer gewohnten Umwelt, wie ich sie vorziehe, und selbst wenn ich irgendwelche guten, ungeahnten Eigenschaften in diesen fünf Tagen bewiesen hätte, werden sie wieder in der Versenkung verschwinden.“

Schaine blickte über die Südsavanne. „Gefällt es Ihnen hier auf Morgenwacht wirklich?“

„Ja, natürlich.“

„Und Sie langweilen sich nicht?“

„Nicht mit Ihnen an meiner Seite“, versicherte er ihr mit einem unmißverständlichen Blick.

Schaine lächelte abwesend, während sie in die Ferne blickte. „Es war sehr ruhig hier auf Morgenwacht, seit meine Mutter starb. Zuvor hatten wir jede Woche eine Party, und immer Gäste von anderen Domänen und von Olanje, ja sogar von fernen Welten. Ein paarmal im Jahr veranstalteten die Aos ein Karoo. Oft stiegen wir hinauf zur Zwillings-hütte oder zur Schneeblumenhütte in den Suanisetbergen. Wir hatten viel Spaß und es war immer etwas los, solange meine Mutter noch lebte. Sie dürfen nicht glauben, daß wir hier wie die Einsiedler leben.“

„Und dann – nach dem Tod Ihrer Mutter?“

„Vater entwickelte sich zum – nun ja, Eremiten ist wohl zu kraß. Ich wurde nach Tanquil geschickt, und in den letzten fünf Jahren war es sehr still auf Morgenwacht. Kelse sagte, Vaters engster Freund wäre Kurgech gewesen!“

„Und jetzt?“

„Ich möchte, daß auf Morgenwacht wieder fröhliches Leben herrscht.“

„Das wäre natürlich erfreulich, nur…“ Elvo Glissam hielt inne.

„Nur was?“

„Ich fürchte, die Tage der großen Domänen sind bald vorbei.“

Schaine zog eine Grimasse. „Welch schrecklicher Gedanke!“

*     *     *

Kelse und Gerd kehrten mit den Wracks des Apex und des Sturdevants zurück, die der Transporter auf Schwebeplattformen gezogen hatte. In einem Sarg aus weißem Glas ruhte Uther Madduc. Und Kelse hielt ein Notizbuch in der Hand, das er in einem der Schränke gefunden hatte.

Zwei Tage später fand die Beerdigung statt. Uther Madduc wurde im Familienfriedhof auf der anderen Seite des Chip-chaps im Park neben dem Feenwald beigesetzt. Zweihundert Freunde der Familie, Verwandte und Nachbarn aus den benachbarten Domänen waren gekommen, um Uther Madduc die letzte Ehre zu erweisen.

Elvo Glissam war fasziniert. Er staunte über das Verhalten dieser Menschen, die so ganz anders waren als er. Die Männer wirkten schon rein äußerlich absolut nüchtern. Und den Frauen fehlte irgendeine charakterliche Eigenschaft, die er nicht ganz definieren konnte. Verspieltheit? Übermut? Koketterie? Selbst Schaine war ihm ein wenig zu direkt und ließ ihm so wenig Spielraum für Neckereien, einen harmlosen Flirt und andere kleine Feinheiten, die das Stadtleben so amüsant machten. War das besser oder schlechter? Eine Anpassung an die Umwelt? Nur eines wußte er sicher, daß er Schaine so schön wie ein großartiges Naturereignis fand, wie einen Sonnenaufgang, beispielsweise, die Brandung an den Klippen oder die Sterne am mitternächtlichen Himmel.

Er lernte unzählige Menschen auf der Beerdigung kennen: Kusinen, Vettern, Tanten, Onkel, mit ihren Söhnen und Töchtern, Vätern und Müttern und weiteren Kusinen, Vettern, Onkeln und Tanten, deren Gesichter er sich nicht merken konnte. Bei keinem bemerkte er auch nur eine Spur von Trauer, ja nicht einmal Wut auf den Attentäter. Die vorherrschende Stimmung verriet eher ein unterschwelliges düsteres Glimmen, das nach seiner Ansicht nichts Gutes für die Redemptoristen verhieß.

Er fing unwillkürlich ein paar Worte eines Gesprächs zwischen Kelse Madduc und Lilo Stenbaren von der Doradus-Domäne auf. Kelse sagte gerade: „…keine unüberlegte Handlung. Es war zweifellos genau geplant. Erst Uther Madduc, dann wir.“

„Was ist mit dem ‚großartigen Witz‘, den er in seinem Brief erwähnte? Besteht eine Verbindung dazu?“

„Das ist unmöglich zu sagen. Wir haben den Autopiloten aus dem Sturdevant ausgebaut und werden Vaters Route zurückverfolgen. Vielleicht kommen wir so doch noch hinter seinen ‚großartigen Witz‘.“

Kelse sah Elvo Glissam und stellte ihn vor. „Ich bedaure, sagen zu müssen, daß Elvo Glissam, ohne sich dessen zu schämen, zugibt, Redemptorist zu sein.“

Dm. Stenbaren lachte. „Vor vierzig Jahren gab es eine ‚Gesellschaft für uiananische Gerechtigkeit‘, zehn Jahre später eine ‚Liga gegen Landräuber‘ und irgendwann danach eine Partei, die sich lediglich ‚Apotheosis‘ nannte. Und jetzt natürlich die ‚Redemptoristen‘.“

„Die im Grunde das gleiche formulieren. ‚Anständigkeit‘, ‚Sicherheit vor räuberischen Annexionen‘, ‚Rückgabe von beschlagnahmtem Eigentum‘, ‚Gerechtigkeit‘ – all das sind zeitlose Losungen.“

„Losungen stören uns nicht“, versicherte ihm Dm. Stenbaren. „Soweit es mich betrifft, dürfen Sie ruhig weiterhin damit um sich werfen.“

*     *     *

Am Morgen nach der Beerdigung schoß ein glitzernd blaues Hermes-Flugboot mit silbernen Streifen aus dem Himmel. Es ignorierte das Landefeld seitlich des Hauses und setzte direkt auf der Promenade vor dem Mittelbau auf.

Schaine, die gerade an einem Fenster in der Bibliothek vorbeikam, sah das Flugboot auf dem gepflegten Spazierweg und dachte, daß Kelse sich über diese Unverschämtheit ärgern würde, umso mehr, da der Pilot Jorjol war, der es wirklich besser hätte wissen müssen.

Jorjol sprang auf den Boden und betrachtete das Haus, als überlege er, ob er es kaufen sollte. Er trug einen Schlitzrock aus hellem Leder, leichte Sandalen, eine Kristallscheibe auf seiner rechten großen Zehe und den Festhut eines Garganchen-Kriegers: ein kompliziertes Gebilde aus silbernen Stäben, in das Jorjols weißgebleichtes Haar gesteckt und geflochten war. Er hatte sich mit frischem Azuröl eingerieben, daß seine Haut nun genauso blau glänzte wie das Email seines Hermes.

Schaine schüttelte ein wenig verwirrt, aber auch amüsiert den Kopf über Jorjols Unverschämtheit und trat durch die Haustür, um ihn zu begrüßen. Er kam mit schnellen Schritten auf sie zu, nahm ihre Hände und beugte sich zu ihr hinab, um sie auf die Stirn zu küssen. „Ich erfuhr vom Ableben eures Vaters und möchte euch mein Beileid ausdrücken.“

„Danke, Jorjol. Aber die Beerdigung war gestern.“

„Ich weiß. Doch da warst du mit Dutzenden der langweiligsten Leute beschäftigt gewesen. Ich wollte mich dir gegenüber allein ausdrücken.“

Schaine lachte. „Also gut, dann drück dich aus.“

Jorjol legte den Kopf schief und musterte Schaine durchdringend. „Was deinen Vater betrifft, ist Bedauern angebracht. Er war ein starker Mann, der Respekt verdiente – obgleich ich, wie du ja weißt, seinen Ansichten konträr gegenüberstand.“

Schaine nickte. „Weißt du, daß er starb, noch ehe ich eine Gelegenheit hatte, mit ihm zu sprechen? Ich kam in der Hoffnung nach Hause, daß er ein wenig weicher, toleranter geworden sei.“

„Weicher! Toleranter? Gerechter? Hah!“ Jorjol warf seinen Kopf fast abfällig zurück. „Ich glaube nicht, daß er sich auch nur eine Spur verändert hatte – genausowenig wie Kelse sich ändern wird. Wo ist er übrigens?“

„Im Büro. Er sieht die Bücher durch.“

Jorjols Blick streifte von oben bis unten über die malerische Fassade von Morgenwacht. „Das Haus sieht so freundlich und einladend aus wie eh und je. Ich frage mich, ob du überhaupt weißt, wie beneidenswert du bist.“

„O ja, das weiß ich.“

„Und ich muß unter diese Ära einen Schlußstrich ziehen.“

„Ach komm, Jorjol, du kannst mir doch nichts vormachen. Du bist Tortilla, wenn auch in anderem Habitus.“

Jorjol grinste. „Ich muß gestehen, ich kam hierher, nicht nur, um euch meines Beileids zu versichern, sondern um dich zu sehen, dich zu berühren.“ Er trat einen Schritt näher, und Schaine einen zurück.

„Du darfst nicht so impulsiv sein, Jorjol.“

„Ich bin gar nicht impulsiv! Ich bin entschlossen, ich weiß, was ich will. Und du weißt, was ich für dich empfinde.“

„Ich weiß, was du für mich empfunden hast“, murmelte Schaine. „Aber das liegt fünf Jahre zurück. Ich werde Kelse jetzt sagen, daß du hier bist. Er wird dich sehen wollen.“

Jorjol griff nach ihrer Hand. „Nein, laß Kelse ruhig noch ein wenig über seiner Buchführung brüten. Ich bin deinetwegen hierhergekommen. Machen wir einen Spaziergang am Fluß entlang, wo wir allein sein können.“

Schaine blickte hinunter auf seine schmale blaue Hand mit den langen Fingern und schwarzen Nägeln. „Es ist gleich Zeit zum Essen, Jorjol. Vielleicht nach dem Lunch. Du ißt doch mit uns?“

„Es wird mir ein Vergnügen sein.“

„Schön, ich hole Kelse. Und hier ist Elvo Glissam, du hast ihn ja bei Tante Val kennengelernt. In ein paar Minuten bin ich zurück. Er wird dir einstweilen Gesellschaft leisten.“

Schaine betrat das Büro. Kelse blickte von seinem Handcomputer auf. „Jorjol ist hier“, sagte Schaine.

Kelse nickte. „Was will er?“

„Er hielt eine hübsche Trauerrede für Vater. Ich habe ihn zum Lunch eingeladen.“

Jorjol und Elvo Glissam kamen gerade über den Rasen an einer Gruppe Schirmbäume vorbei, die vom Fenster aus zu sehen waren. Kelse brummte etwas und erhob sich.

„Ich gehe hinaus und spreche mit ihm. Wir werden den Lunch auf der Ostterrasse einnehmen.“

„Warte, Kelse. Wir wollen nett zu Jorjol sein. Er verdient es, wie jeder andere Gast auch behandelt zu werden. Es ist ein warmer Tag, und die Große Halle wäre genau geeignet.“

„In all den zweihundert Jahren hat nie ein Uldra seinen Fuß in sie gesetzt“, sagte Kelse geduldig und belehrend wie zu einem kleinen Kind. „Ich möchte diese Tradition nicht brechen. Auch nicht für Jorjol.“

„Aber es ist eine unschöne Tradition und nicht wert, daß man sie aufrechterhält. Wir sind doch keine Fanatiker, du und ich – selbst wenn Vater es war. Wir wollen schließlich unser Leben vernünftig gestalten.“

„Ich bin kein Eiferer und durchaus vernünftig. Ich würde sogar sagen, Jorjol hat mit voller Absicht den Augenblick gewählt – heute, einen Tag nach der Beerdigung -, um uns zu überrumpeln, damit wir klein beigeben. Aber er hat sich getäuscht.“

„Ich verstehe dich nicht!“ rief Schaine heftig. „Wir kennen Jorjol, seit wir laufen lernten. Er hat dir dein Leben unter eigener Lebensgefahr gerettet! Ich finde es absurd, daß er nicht wie jeder andere auch mit uns essen kann.“

Mit gehobenen Brauen betrachtete Kelse seine Schwester von oben bis unten. „Ich bin erstaunt, daß dir die Bedeutung des Ganzen nicht klar wird. Wir halten Morgenwacht nicht durch die Duldung anderer, sondern weil wir stark genug sind, unser Eigentum zu schützen.“

Verärgert fauchte Schaine: „Du hast mit Gerd Jemasze gesprochen. Er ist noch schlimmer in seinen Ansichten als Vater.“

„Schaine, meine naive kleine Schwester, du verstehst ganz einfach nicht, was hier vorgeht.“

Schaine versuchte sich zu beherrschen. „Ich weiß jedenfalls soviel, daß Jorjol, der Graue Prinz, überall in Olanje willkommen ist. Um so merkwürdiger scheint es mir deshalb, daß er nicht hier, wo er aufwuchs, als Ebenbürtiger behandelt werden kann.“

„Die Umstände sind anders“, erklärte ihr Kelse geduldig. „In Olanje haben die Menschen durch ihn nichts zu verlieren, sie können sich den Luxus abstrakter Prinzipien leisten. Wir dagegen sind Ausker mitten in den Alouanen. Wenn wir nur eine Spur von Schwäche verraten, sind wir erledigt.“

„Ich verstehe trotzdem nicht, weshalb wir Jorjol nicht auf zivilisierte Weise behandeln können.“

„Weil er nicht auf zivilisierte Weise, wie du so schön sagst, hier ist! Er kam als Blauer aus dem Retentum. Wäre er in Ausker-Kleidung gekommen und benutzte er Ausker-Manieren und stänke er nicht nach Azuröl – mit anderen Worten, wäre er hier als Ausker erschienen, hätte ich ihn auch als solchen behandelt. Aber er denkt ja gar nicht an Kompromisse. Er protzt mit seiner Uldra-Aufmachung, seiner blauen Haut, seinen redemptoristischen Vorurteilen – kurz, er fordert mich unübersehbar heraus. Also reagiere ich darauf. Wenn er sich Ausker-Privilegien erfreuen will, wie beispielsweise in der Großen Halle zu dinieren, dann muß er sich entsprechend verhalten. So einfach ist das!“

Schaine fiel keine Entgegnung ein. Sie drehte sich um. Kelse rief ihr nach: „Geh, frag Kurgech nach seiner Meinung. Wir werden ihn übrigens auch zum Lunch bitten.“

„Nun beleidigst du Jorjol aber wirklich.“

Kelse lachte bitter. „Was willst du eigentlich? Wir sollen den einen Uldra nicht einladen, weil wir damit den anderen beleidigen!“

„Du vergißt Jorjols Selbsteinschätzung – sein Image.“

„Und er will, daß ich dieses Image anerkenne. Das tue ich aber nicht. Ich habe ihn nicht hierhergebeten. Da er uneingeladen kam, muß er sich nach uns richten, nicht wir uns nach ihm.“

Schaine lief aus dem Büro hinaus auf die Veranda, wo sich inzwischen Jorjol mit Elvo Glissam wieder eingefunden hatte. „Kelse steckt bis über die Ohren in seiner Buchführung“, wandte sie sich an Jorjol. „Er läßt sich einstweilen entschuldigen, freut sich jedoch schon, dich beim Lunch zu sehen… Kommt, ihr zwei, gehen wir zum Fluß.“

Jorjols Gesicht zuckte. „Wie du möchtest. Es wird mir eine Freude sein, alte Erinnerungen meiner sehr glücklichen Kindheit hier wieder aufzufrischen.“

*     *     *

Die drei spazierten den Fluß bis zum Schattensee hoch, wo Uther Madduc ein Bootshaus gebaut hatte, in dem ihre drei Segelboote untergebracht waren. Elvo Glissam war ausgeglichen wie immer. Jorjols Laune änderte sich mit jeder Minute. Hin und wieder rasselte er Unsinn herunter, mit der gleichen Unbekümmertheit und demselben Charme wie Elvo Glissam. Dann seufzte er herzzerreißend, wurde melancholisch über irgendeine Kindheitserinnerung, um gleich darauf mit intensiver Wildheit ein unwichtiges Thema mit Glissam zu debattieren. Schaine beobachtete ihn fasziniert und staunte über die Emotionen, die durch den schmalen, stolzen Schädel jagten. Allein wäre sie mit ihm bestimmt nicht spazierengegangen, denn er wäre zweifellos zudringlich geworden.

Jorjol war über Glissams Anwesenheit alles andere als erfreut, aber er versuchte es mit lauten Bemerkungen zu überspielen. Ein paarmal hatte Schaine das Gefühl, daß er nahe daran war, Glissam zu bitten, sie allein zu lassen, dann lenkte sie ihn schnell ab.

Schließlich fand Jorjol sich damit ab, daß er nicht mit ihr allein sein konnte, und entwickelte neue Launen. Er wurde leicht spöttisch, bemitleidete sich selbst und benahm sich immer sentimentaler, je mehr die Umgebung ihn an seine Kindheit erinnerte. Schaine war nervös und verlegen. Zweifellos spielte Jorjol sich nur auf. Sie wollte ihn necken und von seinem hohen Roß herunterholen, aber wie leicht mochte sie ihn dabei ungewollt verletzen und ein neues, noch leidenschaftlicheres theatralisches Benehmen heraufbeschwören. Also schwieg sie. Elvo Glissam, der sich nichts anmerken ließ, hielt die Gesprächsthemen so unpersönlich wie möglich, was ihm abfällige Blicke von Jorjol einbrachte.

Schaine überlegte inzwischen, wie sie am taktvollsten darauf hinweisen könnte, daß der Lunch nicht in der Großen Halle eingenommen werden würde. Aber das Problem löste sich von selbst, als sie zum Haus zurückkehrten und der gedeckte Tisch auf der Ostterrasse nicht zu übersehen war. Kelse stand ganz in der Nähe davon und unterhielt sich nicht nur mit Kurgech, sondern auch mit Julio Tanch, dem Aufseher für die Herden. Sowohl Julio als auch Kurgech trugen Ausker-Kleidung: Twillhose, Stiefel und loses weißes Hemd. Keiner der beiden hatte die Haut geölt.

Jorjol blieb abrupt stehen, als er die drei sah. Dann schritt er langsam auf sie zu. Kelse hob die Hand in höflichem Gruß. „Jorjol, du erinnerst dich doch an Kurgech und Julio.“

Jorjol nickte. „Ich erinnere mich an beide sehr gut. Viel Wasser ist den Chip-chap hinuntergeflossen, seit wir uns das letztemal sahen.“ Er richtete sich zu voller Größe auf. „Veränderungen finden statt. Es wird noch zu weiteren kommen.“

Kelses Augen funkelten. „Wir werden die Anschläge vom Retentum stoppen. Das ist eine Veränderung. Es könnte leicht geschehen, daß das Retentum verschwindet und es in den ganzen Alouanen nur noch Vertragsland gibt. Das wäre eine weitere.“

Schaine rief schnell: „Kommt, wir wollen uns zum Lunch setzen.“

Jorjol blieb steif stehen. „Ich esse nicht wie ein Dienstbote im Freien. Ich ziehe es vor, mein Mahl in der Großen Halle einzunehmen.“

„Ich fürchte, das ist nicht möglich“, erwiderte Kelse höflich. „Keiner von uns ist dafür passend gekleidet.“

Schaine legte ihre Hand auf Jorjols Arm. „Tortilla, mach keine Schwierigkeiten. Kein einziger hier ist ein Dienstbote. Wir essen bei diesem herrlichen Wetter gern im Freien, weil es angenehmer ist.“

„Das tut nichts zur Sache. Ich habe meinen Ruf zu wahren. Ich bin so gut wie jeder Ausker, und ich verlange, daß man mich mit Achtung behandelt.“

Mit unbewegter Stimme erwiderte Kelse: „Wenn du in Ausker-Kleidung hierherkommst und selbst Achtung für unsere Gefühle und Traditionen zeigst, wirst du die Situation verändert vorfinden.“

„Ah, so ist das also! Aber wie steht es dann mit Kurgech und Julio? Sie erfüllen doch deine Bedingungen. Bring sie in die Große Halle und laß ihnen dort servieren, ich werde allein hier essen.“

„Das wird sich zum richtigen Zeitpunkt ergeben, aber nicht heute.“

„In diesem Fall“, erklärte Jorjol, „kann ich den Lunch nicht mit euch einnehmen. Ich werde mich verabschieden, um meinen Geschäften nachzugehen.“

„Wie du willst.“

Schaine begleitete Jorjol zum Hermes. Mit leiser Stimme sagte sie: „Es tut mir leid, daß die Sache so ausgegangen ist. Aber wirklich, Tortilla, du hättest dich nicht so aufspielen sollen!“

„Pah! Kelse ist ein undankbarer Narr. Glaubt er vielleicht, seine große Armee kann mir Angst einjagen? Er wird noch sehen, wie weit er damit kommt.“ Er faßte sie an den Schultern. „Du bist meine süße Schaine. Komm mit mir! Steig in den Hermes und wir vergessen sie alle.“

„Aber Tortilla, sei doch vernünftig. Ich würde nicht im Traum daran denken.“

„Einmal hast du es getan.“

„Das ist lange, lange her.“ Sie machte einen Schritt zurück, als Jorjol sie zu küssen versuchte. „Tortilla, hör auf!“

Die Emotionen überschlugen sich in Jorjol. Seine Finger krallten sich in ihre Schultern, daß sie vor Schmerz aufschrie. Da hörten sie ein Geräusch. Jorjol blickte wild über die Schulter zurück zum Haus und sah Kurgech, der offenbar in Gedanken versunken den Weg entlang kam. Schaine riß sich von Jorjol los.

Jorjol sprang wütend in den Hermes und raste den Wolken entgegen. Schaine und Kurgech schauten dem Luftwagen nach, bis er im Westen verschwand. Dann blickte das Mädchen in das faltenreiche graue Gesicht. „Was ist über Jorjol gekommen? Er ist so wild, so zügellos!“ Aber noch während sie sprach, erinnerte sie sich, daß Jorjol immer wild und zügellos gewesen war.

„Er riecht nach Verhängnis und trägt auch das Unheil auf dem Rücken wie ein Tier sein Junges“, brummte Kurgech.

„Veränderungen liegen in der Luft“, murmelte Schaine. „Ich spüre sie. Sie drücken auf uns alle herab. Sag mir, was meinen die Aos? Wollen sie, daß wir Morgenwacht verlassen?“

Kurgech blickte südwärts über das Land, das Tausende von Jahren den Aos gehört hatte. „Bestimmte junge Männer hören auf die Wittols. Sie ahmen den Grauen Prinzen nach und nennen sich die Avantgarde der Nation der Uldras. Andere sind der Ansicht, daß die Alouanen zu groß sind, als daß Worte sie verändern könnten. Wenn die Ausker das Land als ihres betrachten, schön und gut, mögen sie doch. Es kostet uns nichts, im Gegenteil, wir haben Vorteile dadurch. Dann brüllen die Avantgardisten: ‚Und was ist mit der Zukunft, wenn Hunderte von neuen Häusern gebaut werden und man uns in die Wüste hinaustreibt? Das ist unser Land, das man uns unrechtmäßig wegnahm und das wir nun wiedergewinnen müssen!‘ Und die andere Gruppe meint: ‚Diese Hunderten von neuen Häusern sind überhaupt noch nicht geplant. Gibt es denn nicht schon genug Unruhe und Schwierigkeiten auf der Welt, ohne noch weitere heraufzubeschwören?‘ Ja, und so geht das Argument weiter.“

„Und was sagst du zu heute, als Jorjol verlangte, den Lunch in der Großen Halle einzunehmen?“

„Jorjol ging zu weit.“

„Was ist mit euch? Möchtet ihr nicht auch gern in der Großen Halle speisen?“

„Würde ich eingeladen, ich empfände es als große Ehre und nähme gerne an. Die Große Halle ist wie ein Heiligtum, das niemand entehren sollte. Uther Madduc wußte, wo sich unsere Kachemben befinden, und er hätte sie viele Male entweihen können, doch er tat es nie. Wenn er sich bestimmten Ritualen unterzogen, das Zeremoniengewand getragen und sich darauf eingestellt hätte, hätte er jeden unserer heiligen Orte betreten dürfen, außer jenen, die sich mit ihm befaßten, und auch nur, um seine Sicherheit nicht zu gefährden. Und gewiß hätte er mir Ausker-Kleidung geliehen und mich in die Große Halle geführt, wenn ich ihn darum gebeten hätte.“

Schaine verzog ein wenig zweifelnd das Gesicht. „Vater war sehr strikt.“

„Eines Tages werden Sie die Wahrheit erfahren.“

Sie blickte ihn verwirrt an. „Die Wahrheit worüber?“

„Auch das werden Sie erfahren.“

*     *     *

Der Lunch wurde von Wonalduna und Saravan serviert, zwei der ständig wechselnden Ao-Mädchen, die freiwillig ein oder zwei Jahre im großen Haus Dienst leisteten, um zu Geld zu kommen. Die Köchin von Morgenwacht war Hermina Lingolet, eine entfernte Kusine von Kelse und Schaine, die sich wie Reyona Werlas-Madduc als Familienangehörige und nicht als Angestellte betrachtete. Zum Lunch hatten sie ein pfefferscharfes Halasch, eine Art Gulasch, auf Ao-Art zubereitet, das sie mit Petersilie garnierte, und dazu gab es dampfende Graupen und einen Salat aus frischen Kräutern vom Küchengarten. Durch Jorjols Aufbruch war die Stimmung ein wenig bedrückt. Erst als Elvo Glissam Erjinen und ihre Intelligenz erwähnte, kam ein lebhafteres Gespräch auf. Kurgech erzählte ein paar Anekdoten über Erjinen: wie einmal vier, die sich telepathisch untereinander verständigt hatten, versuchten, einen Trupp Somaji-Reiter in einen Hinterhalt zu locken; von einem Kampf zwischen Erjinen und Morphoten; und wie er einmal ganz unerwartet auf einem Bergpfad einem Erjin gegenüberstand.

So verging der Lunch. Ohne sichtliche Verständigung erhoben Julio und Kurgech sich gleichzeitig, bedankten sich für das Mahl und baten die Anwesenden, sie zu entschuldigen. Kelse, Elvo Glissam und Schaine blieben in der angenehmen Kühle im Schatten der Grüngummi sitzen. „Lunch ist vorbei“, murmelte Schaine, „und wieder einmal wurde Tortilla aus der Großen Halle ausgeschlossen. Ich möchte gern wissen, was in seinem Kopf vorgeht.“

„Der Teufel soll Tortilla – Jorjol – den Grauen Prinzen holen, wie immer er sich auch zu nennen beliebt“, knurrte Kelse gereizt. „Ich wollte, er würde nach Olanje zurückkehren und sich dort niederlassen. Er mag so viele Ausker-Partys besuchen, wie er nur will.“

„Er ist ein Päckchen Dynamit, gelinde ausgedrückt“, sagte Elvo Glissam vorsichtig.

„Er ist geisteskrank“, knurrte Kelse. „Verblendet, größenwahnsinnig, hysterisch!“

Schaine blickte über die Savanne. „Was hat er mit deiner ‚großen Armee‘ gemeint, Kelse?“

Kelse grinste säuerlich. „Seine Spione berichten ihm mehr, als wir selbst wissen. Die ‚große Armee‘ ist nicht mehr als ein paar Zeilen auf einem Stück Papier. Gerd und ich haben an einem Plan gearbeitet, den wir hofften, wenigstens noch ein paar Wochen geheimhalten zu können.“

„Ich bin nicht wirklich an euren Geheimnissen interessiert.“

„Es ist auch nicht direkt ein Geheimnis. Es ist ein offensichtlicher Schritt, den wir schon vor Jahren hätten tun sollen: eine politische Organisation. Gerd und ich haben an einer Satzung für eine Föderation gearbeitet.“

„Das ist eine beachtliche Aufgabe“, meinte Elvo Glissam. „Da dürften Sie beide ja ziemlich beschäftigt gewesen sein.“

„Jemand muß schließlich einmal etwas unternehmen. Wir haben uns mit allen Domänen in Verbindung gesetzt. Jeder, ohne Ausnahme, war für einen politischen Zusammenschluß. Jorjol hat etwas davon gehört und nimmt natürlich an, daß unser beabsichtigtes Bündnis militärischer Natur ist.“

„Das dürfte wohl nicht ganz unrichtig sein“, murmelte Schaine.

Kelse nickte. „Wir beabsichtigen natürlich, uns zu schützen.“

„Was ist mit der Mull?“ fragte Elvo Glissam. „Ist sie denn nicht auch für die Vertragsländer zuständig?“

„Theoretisch, ja, in der Praxis, nein. Wenn die Mull sich auf ihre eigenen Angelegenheiten beschränkt, tun wir es auch mit unseren.“

Elvo Glissam schwieg. Schaine seufzte schwer. „Alles scheint so zerbrechlich, so ungewiß. Wenn wir uns nur sicher sein könnten, daß Morgenwacht auch wirklich uns gehört.“

„Es gehört uns, bis wir zulassen, daß jemand es uns wegnimmt. Und das werden wir nicht!“ brummte Kelse.

Fortsetzung:

Der Graue Prinz (3): Segeln auf dem Palga-Plateau

Siehe auch die Goodreads-Seite über „The Gray Prince“.

*     *     *

Neue Kommentarpolitik auf „Morgenwacht“: Wie bereits hier unter Punkt 1 angekündigt, am Schluß dieses Kommentars wiederholt als Absicht geäußert und in diesem Kommentar endgültig festgelegt, werden neue Kommentatoren nicht mehr zugelassen und sind die Kommentarspalten nur noch für die bereits bekannte Kommentatorenrunde offen.

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